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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 12
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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11.
Die Dardanellen – Alexandra Troas

Pera, den 13. April 1836

Am 2. April abends verließ ich mit einem österreichischen Dampfschiff Konstantinopel und erblickte am folgenden Morgen die hohen schönen Gebirge der Insel Marmara. Rechts zeigten sich die Berge von Rodosto mit Weingärten und Dörfern. Bald traten die Küsten Europas und Asiens näher zusammen und Gallipoli erschien auf schroffen zerrissenen Klippen mit einem alten Kastell und zahllosen Windmühlen am Ufer. Hier war es, wo die Türken zuerst nach Europa übersetzten. Gegen Mittag tauchte das Fort Nagara mit seinen weißen Mauern aus der hellblauen klaren Flut des Hellesponts empor.

Diese Meerenge ist bei weitem nicht so schön wie der Bosporus, die Ufer sind kahl und beträchtlich weiter entfernt als dort, aber die geschichtlichen Erinnerungen machen sie anziehend. Von jenem seltsam aussehenden Hügel (vielleicht von Menschenhänden aufgetürmt) blickte Xerxes auf seine zahllosen Scharen, die er nach Griechenland führte; jene Steintrümmer, welche die ganze flache Landzunge überdecken, waren einst Abydos und hier schwamm Leander von Europa nach Asien, um Hero zu sehen.

Die gewaltige Strömung führte uns schnell bis an die engste Stelle der Meerenge, »wo die altersgrauen Schlösser sich entgegenschauen«. Hinter der europäischen Küste erhebt sich steil eine weiße Felswand, in welcher eine kleine Grotte als das Grab der Hekuba gilt. Die asiatische Küste hingegen ist flach und zeigt hinter dem Kastell, das einst die Genueser hier auftürmten, im Schatten mächtiger Platanen und umgeben von Gärten und Weinbergen, ein Städtchen, das die Türken Tschanak-Kalessi, das Scherbenschloss, nennen, wegen der vielen Töpfer, die dort arbeiten. Dort residiert in einer bescheidenen Wohnung der Boghar Pascha, zu dem ich mich begab, um die Briefe des Seraskiers zu übergeben und einige mündliche Aufträge auszurichten. Er ließ mir ein kleines hübsches Häuschen am Ufer einräumen und nachdem ich die Forts und Batterien besichtigt hatte, nahm ich den Plan der Dardanellenstraße und ihrer Ufer auf.

Zur Verteidigung der Dardanellen sind 580 Geschütze vorhanden. Es gibt Geschütze, die 5, und deren, die bis zu 32 Kaliber lang sind, und man findet türkische, englische, französische und österreichische, selbst Kanonen, die mit einem Kurhut bezeichnet sind. Aber die große Mehrzahl der Geschütze ist von mittlerem, dem Zweck entsprechenden Kaliber und fast alle sind aus Bronze.

Merkwürdig sind die großen Kemerliks, die Steinkugeln aus Granit oder Marmor schießen. Sie liegen ohne Lafetten unter gewölbten Torwegen in der Mauer des Forts auf losen Klötzen an der Erde. Die größeren wiegen bis zu 300 Zentner und werden mit 148 Pfund Pulver geladen. Der Durchmesser des Kalibers ist 2 Fuß 9 Zoll und man kann bis zur Kammer hineinkriechen. Man hat Mauern aus Quadersteinen hinter dem Bodenstück aufgeführt, um den Rücklauf zu verhindern; diese werden jedoch nach wenigen Schüssen zertrümmert.

Ich machte noch einen Ausflug nach Alexandra Troas, den Ruinen einer Stadt, welche Antigonus, einer der Feldherren Alexanders des Großen, seinem Herrn zur Ehre nahe der Stelle gegründet hat, wo die Reede zwischen Tenedos und der flachen asiatischen Küste noch heute den größten Flotten einen guten Ankerplatz gewährt. Wir ritten an dem Grab des Patroklus vorbei, von dem ich mir einen Ölzweig mitnahm. Die Gegend ist fast ohne Anbau, junge Kamele weiden in dem hohen dürren Gras und nur einzeln stehende Palamuts oder Färbeeichen schmücken die Flur.

Die Sonne senkte sich hinter einem schönen Gebirge herab, als wir unser Nachtquartier, ein großes türkisches Dorf, erreichten. Wir ritten zum Ältesten des Dorfes, der uns mit der üblichen Gastfreiheit empfing: »Akscham scherif ler heïr olsun!« – »Möge dein ›edler‹ Abend glücklich sein, Herr!« – »Chosch bulduck sefa gjeldin!« – »Wohl getroffen, willkommen!«, sagte er, räumte mir sein Zimmer, sein Lager, sein Haus ein und reichte mir die Pfeife, die er selbst rauchte.

Es fand an diesem Tag ein Erdbeben statt. Der erste Stoß war nachmittags gewesen, ich hatte aber zu Pferde nichts davon gemerkt, ebenso wenig von der zweiten Reprise abends, wo ich schon im festen Schlaf lag. Gegen Morgen aber fühlte ich mich auf meinem Lager geschüttelt und erwachte von dem Klappern aller Fenster und Türen. In den Dardanellen hatte man die drei Stöße sehr deutlich verspürt.

Am folgenden Morgen, nachdem wir durch ein schönes Tal mit Pappeln, Kastanien und Nussbäumen geritten waren, sahen wir das Fundament der alten Stadtmauer von Alexandra Troas vor uns. Es bestand aus 6–10 Fuß langen, 3, oft 6 Fuß mächtigen Steinblöcken und erstreckte sich, so weit das Auge durch das Gebüsch folgen konnte. Wir ritten wohl tausend Schritt auf diesem Wall entlang und fanden mächtige Steintrümmer, Granitsäulen, Gewölbe, die mit sechsseitigen Steinen zierlich bekleidet gewesen waren, Trümmer von Architraven und schönen Kapitellen auf der Ebene verstreut. Plötzlich standen wir vor einer mächtigen Ruine, aus riesenhaften Quadern aufgetürmt. Die großen Bogen des schönen Portals trotzen allen Erdbeben und Jahrhunderten und es macht einen eigenen, wehmütigen Eindruck, einen solchen Riesenbau in dieser völlig menschenleeren Einöde zu finden.

Die Türken nennen den Ort Eski-Stambul, das alte Konstantinopel. Sie benutzen die Sarkophage als Wasserkufen, ihre Deckel als Brücken über die Bäche und die Säulenschäfte als Kugeln für ihre Steinkanonen.

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