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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 10
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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9.
Armenisches Familienleben – Spaziergang am Bosporus

Arnaut-Kjöi, den 12. Februar 1836

Das Haus, in dem ich hier wohne, ist sehr groß und ausgedehnt, sein Fuß wird von den Wellen des Bosporus bespült, die Rückseite aber steigt an der hohen Bergwand empor, sodass man aus dem dritten Stock auf die Terrasse des Gartens hinausschreitet. So gut nun auch nach hiesiger Art mein Wirt eingerichtet ist, so befindet sich doch in der ganzen Wohnung nicht ein einziger Ofen. Man setzt höchstens Kohlenbecken (Mangall) ins Zimmer, die Leute sitzen auf ihren Beinen mit drei bis vier Pelzen übereinander und kümmern sich wenig, ob Türen und Fenster offen stehen. In meinem unglücklichen fränkischen Anzug komme ich dabei schlecht weg; mein Trost aber ist der Tandur im Versammlungssaal.

Der Tandur ist ein Tisch, über den eine sehr große gesteppte Decke gebreitet wird, sodass sie auf allen Seiten bis zur Erde herabhängt. Darunter steht ein Kohlenbecken und ein niedriger Diwan umgibt den Tandur. Wenn man die Beine unter diesen Tisch steckt und den Teppich bis an die Nase hinaufzieht, so kann man es schon aushalten. Die ganze Familie drängt sich hier zusammen, es wird geplaudert, Escarté, Domino oder Tricktrack gespielt, einige rauchen, andere schlafen, die meisten tun gar nichts und jeder macht, was ihm beliebt. So sitzen wir zuweilen bis 2 Uhr morgens beisammen. Bei dieser gänzlichen Ungezwungenheit herrscht doch unter den Armeniern eine strenge Etikette in der Familie selbst. Wenn der Vater eintritt, so erheben sich die Söhne, die oft selbst schon Männer von fünfzig Jahren sind. Ebenso vor der Mutter. Der jüngere Bruder raucht nicht eher, als bis der ältere ihn dazu einlädt. Die Frauen stehen aber vor jedem Mann auf.

So oft ein neuer Gast eintritt, wird Kaffee getrunken, und das geschieht wohl zwanzigmal an einem Tag. Zwischendurch wird Eingemachtes herumgereicht. Jeder nimmt einen Löffel voll und trinkt ein Glas Wasser nach. Dabei ist es Brauch, jedem, der getrunken hat, afiet ler olsum – »wohl bekomm es« – zu sagen und eine Bewegung mit der Hand an Brust und Stirn zu machen.

Jeden Tag werden regelmäßig zwei Mahlzeiten eingenommen; die erste um 9 oder 10 Uhr morgens, wo es im Sommer noch kühl ist, die zweite bei Sonnenuntergang, wo es wieder kühl wird. Die Küche ist ganz türkisch; Hammelfleisch und Reis bilden das Fundament der Mahlzeit und eine um die andere der zahlreichen Schüsseln ist ein süßes Gericht. Der Wein ist den Armeniern natürlich erlaubt. Was ich sehr rühmen muss, sind die kleinen kalten Schüsseln, von denen jeder zwischendurch nach Belieben zulangt: die Austern (Stridia), Muscheln (Midia) und Hummer (Astachos); der Kaviar (Ekea), Käse (Penir), Oliven (Seityn), Ziegenrahm (Kaimak), Zwiebeln (Soghan), türkischer Pfeffer, Ingwer, Salate, Sardellen, Krabben, Fischlaich, Krebse, Schnittlauch und Früchte aller Art.

Arnaut-Kjöi hat eine wunderschöne Lage an einer der engeren Stellen des Bosporus. Unter meinem Fenster ist, was man hier die Iskjele nennt, der Landeplatz des Dorfs. Dort herrscht reges Leben und lärmendes Gewühl, denn die Griechen, welche die Mehrzahl der Einwohner bilden, sind noch heute ein geschwätziges Volk. Eine Menge von Kaiks warten hier auf Gäste: »Istambolah!« – »Nach Stambul!« – rufen die Türken; »Istanpoli!« – »Zur Stadt!« – die Griechen. Die mächtigsten Schiffe ziehen hier so nahe am Ufer vorbei, dass bei stürmischem Wetter oft die Rahen der Masten Fenster einstoßen. Hin und wieder braust ein Dampfschiff vorüber, lange kämpft es mit dem Strom, der mit dunkeln, hüpfenden Wellen um die Spitze von Arnaut-Kjöi herumwirbelt. Die kleinen Nachen lassen sich dort etwa 200 Schritt hinaufziehen, und eine Menge armer Leute wartet auf dem Kai, um den Ankommenden ein Seil zuzuwerfen.

Ein köstlicher Spaziergang führt von hier längs des Ufers um die freundliche Bucht von Bebeck. Unter mächtigen Platanen erheben sich dort eine zierliche Moschee und ein Kiosk (türkisch Köschk) des Großherrn. Hier wohnen eine Menge vornehmer Türken, unter anderen mein Freund, der Hekim-baschi oder Protomedico. Obwohl er an der Spitze des ganzen Medizinalwesens des Reichs steht, so hat er doch nie Medizin studiert. Dagegen besitzt er einen prächtigen Garten mit einem seltenen Rosenflor, welcher in Terrassen die hohe Bergwand ersteigt. Dann geht es längs eines Begräbnisplatzes mit schönen Zypressen bis zu einem alten Schloss, dem gewöhnlichen Ziel meiner Promenade, denn hier tritt die Straße zwischen hohe hölzerne Häuser, die jede Aussicht versperren.

Niemand nimmt hier Anstand, sich mitten auf der Straße, oder wo es ihm gerade am besten gefällt, hinzusetzen, eine Pfeife zu rauchen oder Kaffee zu trinken. Für diesen Zweck gibt es aber auch am Bosporus reizende Plätzchen. Der Fuß der riesenhaften Platanen ist gewöhnlich mit einer niedrigen Terrasse umgeben. Daneben finden sich auch allemal eine Fontäne und ein kleines Kaffeehaus, aus dessen Dach oft mächtige Baumstämme hervorwachsen. Man breitet dir sogleich eine Bastmatte (Hassir) und einen Teppich (Kilim) aus, wenn du dich legen, oder stellt einen niedrigen Rohrschemel, wenn du sitzen willst. Das Rohr oder die Wasserpfeife ist schon bereit und der Kaffee versteht sich von selbst. Das jenseitige asiatische Ufer ist so nahe, dass man die Leute erkennt, die dort herumwandeln. Scharen von Delphinen tanzen um die großen Schiffe, welche auf- und abgleiten und dicht vorüberziehen in ununterbrochener Folge die Kaiks mit Frauen, mit vornehmen Effendis, mit Mullahs oder mit Fremden.

Gestern saß ich an einem solchen Ort, als das große Kaik des Padischahs schnell herangeschossen kam. Die lange, reich vergoldete Spitze, mit der Seemöwe als Wahrzeichen, schnitt wie ein Pfeil durch die Flut und vierzehn Paar Ruder bezeichneten durch einen schneeweißen Streif auf der dunkelblauen Fläche die Bahn des kaiserlichen Nachens. Auf dem Hinterteil desselben erhebt sich ein Baldachin, unter dem der Beherrscher der Gläubigen auf roten Samtpolstern sitzt. Vor ihm knien seine Pagen, hinter ihm steht der Reis oder Steuermann am Ruder. In einiger Entfernung folgt stets ein ebensolches Kaik leer; denn das Herkommen will, dass der Großherr die Rückfahrt nie in demselben Fahrzeug macht, in dem er gekommen ist.

Sobald man das Kaik des Hunkjar (wörtlich Erwürger, Henker, einer der Ehrentitel des Padischahs) erblickte, sprang alles auf, verbarg sich hinter der Fontäne und den Bäumen und man winkte mir zu dasselbe zu tun. Sultan Mahmud hat diese Art von Ehrenbezeigung bereits verboten, aber den Rajahs steckt der hundertjährige Schrecken noch tief in den Gliedern.

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