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Unter Buschniggern

Edgar Wallace: Unter Buschniggern - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorEdgar Wallace
titleUnter Buschniggern
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaf
translatorRichard Küas
editorFranz Schrapfeneder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442064422
year1946
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Bosambo aus Monrovia

Für viele Jahre hat der Stamm der Ochoris eine Art grimmig-lächerlicher Rolle in der Tragödie afrikanischer Kolonisation abgegeben. In Zukunft werden wir über die Ochoris nicht mehr zu lachen brauchen. Auch wird der Schläfrige in den Stunden nach Mitternacht, wenn die Unterhaltung im kleinen Kreise der um die Feuer wachenden Fischer versiegt, nicht mehr plötzlich durch Gelächter über einen Witz auf Kosten der furchtsamen Ochoris aufgeweckt werden.

Alles das ist der liberianischen Regierung zuzuschreiben, obwohl sich die liberianische Regierung im Augenblick dieser Tatsache nicht bewußt ist.

Mit aller schuldigen Hochachtung vor der Republik Liberia, aber die Monrovialeute sind geborene Lügner und Diebe.

Einmal wurde ein Kriegsschiff zur Erhöhung der Würde dieses »Staates« angeschafft. Wenn ich mich recht erinnere, war dieses Kriegsschiff das Geschenk eines Schiffsreeders, der keinen Wert auf dessen Besitz legte.

Die Regierung ernannte drei Admirale, vierzehn Kapitäne zur See und so viele Offiziere, wie dieses Kriegsschiff überhaupt zu tragen vermochte. Alle trugen goldstrotzende, aber schlecht sitzende Uniformen.

Die Regierung hätte auch eine Mannschaft für das Kriegsschiff ernannt, aber die Tatsache, daß das Schiff nicht groß genug war, um eine größere Anzahl Menschen zu fassen, als die der Offiziere betrug, hinderte sie daran.

Dieses winzige Kriegsschiff der Schwarzen Republik stach einmal in See; die Admirale und Kapitäne lösten einander beim Heizen und Steuern ab – eine sehr amüsante und neue Sensation.

Auf der Rückfahrt nach dem Hafen sagte einer der Admirale: »Nun komme ich ans Steuer!« – und steuerte.

Das Schiff fuhr auf einen Felsen auf und sank. Die Offiziere retteten sich leicht genug, denn jeder Monrovianer schwimmt wie ein Fisch; aber ihre Uniformen wurden vom Seewasser verdorben.

Auf die Anspielung, daß Bergungsarbeiten eingeleitet werden sollten, um das Schiff wieder flottzumachen, antwortete die Regierung sehr überlegen: Nein, sie dächte nicht daran.

»Wir wissen ja, wo es liegt«, meinte der Präsident der Republik, der gerade auf der Kante seines Schreibtisches im Regierungspalast saß und Ölsardinen mit den Fingern aß. »Und wenn wir das Schiff jemals brauchen, wird es ein Trost sein, es so nahe bei uns zu wissen.«

Es wäre nichts mehr in dieser Angelegenheit erfolgt, aber die britische Admiralität erklärte, das Wrack sei eine Gefahr für die Schiffahrt, und befahl, daß der Platz, wo das Wrack lag, durch eine Boje zu bezeichnen sei.

Die liberianische Regierung zog die Sache in die Länge,. aber auf Druckanwendung – ich habe den Kommandanten S. M. Schiff »Zwerg« im Verdacht, der eine sehr scharfe Zunge führte – bequemte sie sich, und eine Glockenboje wurde an dem gesunkenen Dampfer angebracht. Die Glockenboje machte einen hübschen Spektakel, und die Monrovianer empfanden, daß sie den vollen Gegenwert ihres Geldes wiedererhalten hatten.

Aber Monrovia ist nicht nur aus befreiten amerikanischen Sklaven zusammengesetzt, die dort um 1821 angesiedelt wurden. Es gibt da Leute, die in einer Herrenmanier von den richtigen Monrovianern als »einheimische Eingeborene« bezeichnet werden. Die hauptsächlichsten unter diesen waren die Kruleute, die keine Steuern bezahlten, der Regierung trotzten und ihr von Zeit zu Zeit auf der Nase herumtanzten.

Am zweiten Tag, nachdem die Glocke an ihrem Platz verankert war, wachte Monrovia auf und fand, daß tiefste Stille in der Bucht herrschte. Die Glocke schwieg, und zwei Admirale a. D., die gerade Fische am Vorland verhökerten, borgten sich ein Boot und ruderten hinaus, um den Tatbestand festzustellen. Die Erklärung war einfach: Die Glocke war gestohlen worden.

»Nun«, rief der Präsident der liberianischen Republik in Verzweiflung, »mag Beelzebub, der der Vater und Urheber aller Sünden ist, über diese diebischen Kruleute kommen.«

Eine andere Glocke wurde befestigt. Auch sie verschwand noch in derselben Nacht.

Noch eine dritte Glocke wurde an die Boje gelegt und von einer Bootsladung schwarzer Admirale bewacht. Die ganze Nacht saßen sie, bald mit der Dünung steigend, bald fallend, und das eintönige Kling, Klang, Klong war Musik in ihren Ohren. Aber in der dunklen Stunde vor Sonnenaufgang schien es ihnen, als ob die Glocke, noch immer läutend, schwächer und schwächer tönte.

»Brüder«, sagte ein Admiral, »wir treiben von der Glocke weg.«

Aber die Erklärung war, daß die Glocke von ihnen weggetrieben war, denn die Kruleute, der halben Maßregeln müde, waren gekommen und hatten Boje, Glocke und alles, was dazugehörte, mitgehen heißen, und bis auf den heutigen Tag gibt es kein Wahrzeichen, das anzugeben vermöchte, wo ein ehemaliges Kriegsschiff im Hafen von Monrovia modert.

Die erfinderische Seele, die diesen Diebstahl geplant und ausgeführt hatte, war ein gewisser Bosambo. Der besaß drei Frauen, und eine von ihnen, die vom Kongo stammte, und die unzuverlässig war, benachrichtigte die Polizei. Bosambo wurde mit gehörigem Brimborium verhaftet und vom Staatsgerichtshof verhört, der ihn des Diebstahls und Hochverrats beschuldigte und ihn zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilte.

Bosambo wurde zum Gefängnis zurückgebracht, wo er den schwarzen Gefangenenwärter interviewte.

»Mein Freund«, sagte er, »ich habe einen großen Fetisch im Busch, und wenn du mich nicht sofort laufen läßt, wirst du und dein Weib an den fürchterlichsten Qualen sterben.« »Von deinem ›Ju-ju‹ weiß ich nichts«, antwortete der Gefangenenwärter mit philosophischer Gelassenheit, »aber ich erhalte zwei Dollars die Woche für die Bewachung der Gefangenen, und wenn ich dich laufen lasse, verliere ich mein Amt.«

»Ich weiß einen Ort, wo viel Silber verborgen liegt«, sagte Bosambo hastig. »Du und ich, wir wollen dahin gehen, und wir werden beide reich sein.«

»Wenn du weißt, wo Silber ist, warum hast du denn da Glocken gestohlen, die bloß von Messing und daher von keinem besonderen Wert sind?« fragte sein phantasieloser Wächter.

»Ich sehe, daß du ein Herz von Stein hast«, bemerkte Bosambo und marschierte zu der Ansiedlung im Urwald, um dort Bäume zum Wohle der Republik zu fällen.

Vier Monate später erhielt Sanders, Bezirksamtmann für die Isisi-, Ikeli- und Akasavaländer, unter anderem eine Mitteilung, die folgendermaßen lautete:

» An alle, die es angeht!

Gesucht – auf einen Steckbrief, erlassen von Seiner Exzellenz dem Präsidenten von Liberia –

Bosambo, Krumann, der vom Zuchthaus bei Monrovia entwischt ist, nachdem er einen Wächter ermordet hat. Man nimmt an, daß er ins Inland geflohen ist.«

Dann folgten die Personalien.

Sanders legte dieses Aktenstück zu anderen Papieren ähnlichen Charakters –sie waren nicht eben selten – und wandte seine Gedanken dem ewigen Problem der Ochoris zu.

Sanders war etwas ungeduldig, und die drei Abgesandten, die sich zum Regierungssitz aufgemacht hatten, um Sanders ihre Klagen vorzubringen, fanden diesen sehr ungnädig.

Er verhandelte mit ihnen auf seiner Veranda.

»Herr! Niemand läßt uns in Frieden«, klagte der eine. »Isisileute und N'Gombivolk kommen von ferne und fordern dieses und jenes von uns, und wir geben – weil wir uns fürchten.«

»Fürchten? Wovor?« fragte Sanders verdrießlich.

»Wir fürchten Marter und Tod,, das Sengen und den Raub unserer Weiber«, sagte ein anderer.

»Wer ist euer Häuptling?« fragte Sanders, sich unwissend stellend.

»Ich bin der Oberhäuptling«, antwortete ein ältlicher Mann, der mit einem Leopardenfell bekleidet war.

»Geh zu deinen Leuten zurück, Häuptling, wenn du wirklich ein Häuptling bist und nicht etwa irgendein altes Weib ohne Scham! Geh zurück und nimm einen Fetisch mit dir, einen mächtigen Fetisch, der, wie ich selbst, über euren Vorteil wachen und euch schützen wird. Diesen Fetisch stellt ihr an der Seite, eures Dorfes auf, die der Mittagssonne gegenüberliegt. Ihr sollt den Platz bestimmen, wo er stehen soll, und um Mitternacht, mit gehöriger Feierlichkeit und unter dem Opfern einer jungen Ziege, sollt ihr meinen Fetisch dort aufstellen; Und wer es danach noch wagen sollte, euch zu mißhandeln oder zu berauben, tut das unter großer Gefahr für sich selbst.«

Sanders sagte das sehr feierlich, und die kleine Abordnung war sichtlich ergriffen. Vermehrt wurde dieser Eindruck noch, als Sanders ihnen einen starken Pfahl in die Hand gab, an dessen Ende eine Tafel angebracht war, auf der gewisse Zeichen geschrieben waren.

Sie trugen ihre Trophäe sechs Tage weit durch den Urwald, dann in einer vier Tage langen Kanufahrt längs des kleinen Flusses, bis sie nach Ochori kamen. Dort wurde der Pfahl beim Schein des Mondes unter dem Opfer zweier Ziegen (um sicher zu gehen) so aufgepflanzt, daß die Tafel mit der Inschrift der geheimnisvollen Zeichen der Mittagssonne gegenüberstand.

Neuigkeiten wandern schnell im Hinterlande, und so kam die Nachricht zu den Dörfern des ganzen Isisi- und Akasavalandes, daß die Ochoris unter dem besonderen Schutz eines weißen Zauberers ständen. Beschützt waren die ja immer gewesen, und manch einer starb durch des Weißen Hand, weil die Versuchung, Ochorileute zu morden, sich als unwiderstehlich für ihn erwiesen hatte.

»Ich glaube nicht, daß Sandi dieses Ding gemacht hat«, meinte der Akasavahäuptling. »Laßt uns über den Fluß gehen und mit unseren eigenen Augen sehen! Und wenn sie gelogen haben, wollen wir die Ochoris mit Knüppeln verhauen, aber keinen Mann totschlagen, denn Sandi und seine Grausamkeit sind nicht geheuer.«

Sie überschritten den Fluß und wanderten, bis die Ochoristadt in Sicht war. Die Ochorileute liefen auf die Nachricht, daß die Akasavaleute in Anzug wären, in den Busch und verbargen sich dort, wie es ihre Gewohnheit war. Die Akasavaleute gingen weiter, bis sie an den Pfahl kamen, der dort mit seiner Tafel und den Teufelszeichen aufgepflanzt war.

In Schweigen und Furcht standen sie vor der Tafel, und nachdem sie ihre Ehrfurcht bezeugt und ein Huhn geopfert hatten, das das gesetzliche Eigentum der Ochoris war, gingen sie nach Hause.

Danach kam eine Abordnung von Isisi, und diese mußte notgedrungen durch Akasava gehen. Sie brachte Geschenke mit und übernachtete bei den Akasavaleuten.

»Was ist das für eine Geschichte mit den Ochoris?« fragte der Oberhäuptling der Isisi. Darauf antwortete ihnen der Akasavahäuptling:

»Die Reise könnt ihr euch sparen, denn ich habe es selbst gesehen.«

»Das«, entgegnete der Isisihäuptling, »will ich glauben, wenn ich's gesehen habe.«

»Das ist böses Geschwätz«, sagten, die Akasavaleute, die bei dem Palaver versammelt waren. »Diese Isisileute nennen uns Lügner!«

Trotzdem gab es diesmal kein Blutvergießen, und am Morgen zogen die Isisileute ihres Weges.

Die Ochoris sahen sie kommen und flüchteten in den Busch; aber die Vorsicht war' überflüssig, denn die Isisis zogen fort, wie sie gekommen waren.

Andere Stämme machten eine Wallfahrt zu den Ochoris; so die N'Gombis, die Bokelis und die Pygmäen des Urwaldes, die so scheu waren, daß sie in der Nacht kamen. Das Ochorivolk begann einen Begriff seiner eigenen Wichtigkeit zu bekommen.

Dann erschien Bosambo, ein Krumann und irrender Abenteurer, auf der Szene.

Er hatte achthundert englische Meilen wildes Land durchquert in der ernsten Hoffnung, daß die Zeit das Gedächtnis der liberianischen Regierung einschläferte und der Zufall ihn in ein Land brächte, wo Milch und Honig fließt.

Nun war Bosambo in seinem Leben schon mancherlei gewesen, so Steward auf einem Dampfer der Elder-Dempster-Linie, ferner Schüler einer Missionsschule; er war der stolze Besitzer der »Lebensbeschreibungen der Heiligen«, einer Belohnung seines Fleißes, und unter seinen sonstigen Fertigkeiten befand sich auch einige Kenntnis des Englischen.

Die gastlichen Ochoris nahmen ihn freundlich auf, fütterten ihn mit süßem Maniok und Zuckerrohr und erzählten ihm von Sandis Zauber.

Nachdem Bosambo gegessen hatte, ging er zu dem Pfosten hinunter und las die Inschrift:

»Vor Betreten wird gewarnt!«

Er empfing keinen großen Eindruck davon und schlenderte nachdenklich zurück.

»Dieser Zauber«, sagte er zum Häuptling, »ist ein feiner Zauber, ich kann das beurteilen, denn ich habe eines weißen Mannes Blut in meinen Adern.«

Zur Unterstützung dieser Behauptung verleumdete er einen daran völlig unschuldigen Beamten in Sierra Leone.

Die Ochoris waren tief bewegt und erzählten, die Geschichte ihrer Verfolgungen; eine Geschichte, die im grauen Altertum begann, als Tiganobeni, der große König, vom Norden herunterkam und alles Land nach Süden bis zum Isisi verwüstete.

Bosambo lauschte – es nahm zwei Nächte und den größten Teil eines Tages in Anspruch, um die Geschichte zu erzählen, weil der amtlich bestellte Geschichtenerzähler nur eine einzige Methode des Erzählens kannte –, und als die Erzählung beendet war, sagte sich Bosambo:

»Das sind die Leute; die ich lange gesucht habe, hier will ich bleiben.«

Und laut fragte er:

»Wie oft kommt dieser Sandi zu euch?«

»Einmal im Jahr, Herr«, sagte der Häuptling, »so etwa nach dem zwölften Mond.«

»Wann kam er zuletzt?«

»Wenn dieser Mond sich rundet, sind es drei Monde. Er kommt immer nach der großen Regenzeit.«

»Dann«, sagte sich Bosambo, »bin ich für neun Monate sicher.«

Sie bauten ihm eine Hütte, legten eine Bananenpflanzung für ihn an und gaben ihm Saatgut. Dann forderte er die Häuptlingstochter zum Weibe, und obwohl er nichts für sie bezahlte, kam das Mädchen doch zu ihm.

Bald merkten die anderen Stämme, daß ein Fremder in der Hauptstadt der Ochoris lebte, denn Neuigkeiten dieser Art verbreiten sich schnell; aber da er verheiratet war und obendrein in die Häuptlingsfamilie, nahm man an, daß der Mann selbst ein Ochori sein müsse, und in dieser Form gelangte auch die Nachricht zum Gouvernement.

Dann starb der Ochorihäuptling; er starb plötzlich und unter großen Schmerzen; aber solche Sterbefälle sind häufig. Sein Sohn regierte an seiner Statt. Dann starb auch der Sohn nach allzu kurzer Regierung, und Bosambo rief den Stamm zusammen, die Ältesten, die Weisen des Rates und die Unterhäuptlinge.

»Es scheint«, sagte er, »daß eure vielen Götter mit euch unzufrieden sind, und es ist mir im Traume offenbart worden, daß ich Oberhäuptling der Ochoris sein soll; deshalb, ihr Häuptlinge, Weisen und Ältesten, beugt euch vor mir, wie es Sitte ist, und ich will euch zu einem großen Volke machen!«

Es ist bezeichnend für die Ochoris, daß nicht ein einziger Mann nein zu ihm sagte, obwohl drei Männer in dieser Versammlung waren, die nach dem Gesetz Anwartschaft auf die Thronfolge hatten.

Sanders hörte von diesem neuen Häuptling und war baff.

»Etabo?« wiederholte er – so nannte sich Bosambo –, »ich kann mich des Mannes nicht entsinnen; aber wenn er Rückgrat in die Kerle bringen kann, soll es mir einerlei sein, wer er ist.«

Rückgrat oder List oder beides – Bosambo war jedenfalls eingesetzt.

»Er hat viele Eigentümlichkeiten«, berichtete einer von Sanders' eingeborenen Spionen, »jeden Tag versammelt er die Männer des Ortes und läßt sie an einem Tisch vorbeigehen, auf dem viele Eier liegen, und auf seinen Befehl muß jeder Mann im Vorübergehen so schnell ein Ei davon wegnehmen, daß es kein Auge bemerken kann; und wenn der Mann stümpert oder langsam ist, dann bringt der neue Häuptling Schande über ihn, indem er ihn peitschen läßt.«

»Da geht was vor«, sagte sich Sanders. Aber auf keine Weise konnte er dahinterkommen, was vorging. Bericht über Bericht von der Verrücktheit des neuen Häuptlings kam ihm zu Ohren. Manchmal holte Bosambo die unglücklichen Ochoris in der Nacht heraus und lehrte sie Dinge, von denen sie zuvor nie eine blasse Ahnung gehabt hatten. So unterwies er sie, wie man eine Ziege zu packen habe, damit sie nicht meckern könnte; auch wie man auf dem Bauch kriecht, Zoll für Zoll, ohne das geringste Geräusch zu machen, oder sich sonst zu verraten, zeigte er ihnen. Alle diese Forderungen führten die Ochoris aus, wenn auch stöhnend über diese Schinderei und Ungerechtigkeit.

»Verdammt, wenn ich das verstehe!« murmelte Sanders, die Stirn runzelnd, als ihn der letzte Bericht erreichte. »Bei jedem anderen Stamme schlösse ich auf Krieg! Aber die Ochoris – –?«

Trotz seiner Verachtung der kriegerischen Fähigkeit des Ochorivolkes hielt Sanders seine Polizeisoldaten in Bereitschaft.

Aber es gab keinen Krieg. Statt dessen kamen Klagen von den Akasavaleuten, es seien viele Leoparden im Busch.

Leoparden wollen fressen, dachte Sanders; auf jeden Fall waren die Akasavas hinreichend gute Jäger, um dieses Palaver ohne fremde Hilfe zu regeln.

Der nächste Bericht klang beunruhigend. Innerhalb zweier Wochen hatten diese Leoparden drei Dutzend Ziegen, zwanzig Säcke Salz und viel Elfenbein fortgeschleppt.

Leoparden fressen Ziegen; es mag merkwürdig wählerische Leoparden geben, die Ziegen nicht ohne Salz fressen können; aber ein Leopard nimmt niemals Elfenbeinzähne, sei es auch nur, um damit in seinen Zähnen zu stochern. Sanders machte sich deshalb eiligst fertig, den Fluß hinaufzufahren, denn unscheinbare Dinge wurden von Bedeutung in einem Lande, wo die Menschen im Kleinen groß und im Großen klein sind.

»Herr, es ist wahr«, sagte der Akasavahäuptling bewegt, »diese Ziegen verschwinden Nacht für Nacht, obgleich wir sie bewachen; auch das Salz und das Elfenbein, das wir nicht bewachen, verschwindet.«

»Aber ein Leopard kann doch diese Dinge nicht nehmen«, wandte Sanders gereizt ein, »das müssen Diebe sein.«

Des Häuptlings Gebärde sprach für sich selbst.

»Wer könnte sie stehlen?« entgegnete er. »Die N'Gombis wohnen zu weit weg, die Isisis ebenfalls. Die Ochoris sind Narren und überdies furchtsam.«

Da fielen Sanders die Spiele mit den Eiern und die Nachtmanöver der Ochoris ein.

»Ich werde mir diesen neuen Häuptling näher besehen«, sagte er sich und überschritt den Fluß noch an diesem Tage.

Er sandte einen Boten, um seine Ankunft anzukündigen; er selbst wartete zwei Meilen vor der Stadt, und die Weisen und Ältesten brachten ihm Geschenke an Früchten.

»Wo ist euer Häuptling?« fragte er.

»Herr, er ist krank«, sagten die Leute betrübt. »Heute überkam ihn ein Gefühl von Unwohlsein, und er fiel laut klagend zu Boden. Wir haben ihn in seine Hütte getragen.«

Sanders nickte.

»Ich will ihn aufsuchen«, sagte er kurz.

Man führte ihn an des Häuptlings Hütte, und Sanders trat ein. Es war sehr dunkel darin, und in der finstersten Ecke lag ein Mann ausgestreckt.

Sanders beugte sich über ihn, fühlte leicht seinen Puls, betastete die Drüsen hinterm Ohr, ob sie – ein Symptom der Schlafkrankheit – geschwollen wären. Er konnte kein Anzeichen dafür finden. Aber als sein Finger über des Mannes Haut herunterglitt, fühlte Sanders auf dessen nackter Schulter eine Narbe von sonderbarer Regelmäßigkeit. Dann fand er noch eine Narbe und fühlte deren Verlauf. Das Brandmal der Regierung von Monrovia für Schwerverbrecher war ihm bekannt.

»Ich dachte mir's«, murmelte Sanders und versetzte dem stöhnenden Mann einen heftigen Tritt. »Komm ans Licht, Bosambo aus Monrovia!« befahl er.

Bosambo stand gehorsam auf und folgte dem Bezirksamtmann ans Tageslicht.

Da standen sie nun und betrachteten einer den anderen mehrere Minuten lang. Dann sagte Sanders im Dialekt der Pfefferküste:

»Ich habe Lust, dich aufzuhängen, Bosambo.«

»Wie Euer Exzellenz belieben«, antwortete Bosambo.

Sanders schwieg, klopfte seine Stiefelspitze mit seinem Spazierstock und sah nachdenklich zu Boden.

»Du hast Diebe aus ihnen gemacht; könntest du auch Männer aus diesem Volk machen?« fragte er nach einer Pause.

»Ich denke, sie können jetzt kämpfen, denn sie sind geschwollen vor Stolz, da sie die Akasavas beraubt haben«, antwortete Bosambo.

Sanders biß am Ende seines Stockes herum wie ein Mensch im Zweifel.

»Es darf weder Diebstahl noch Mord mehr geben! Es dürfen auch keine Häuptlinge oder Häuptlingssöhne mehr plötzlich sterben!« fügte er bedeutungsvoll hinzu.

»Herr, es soll geschehen, wie du wünschst.«

»Die gestohlenen Ziegen behalte, die Elefantenzähne und das Salz ebenfalls; denn wenn ihr sie den Akasavaleuten zurückgebt, werdet ihr ihren Magen mit Wut füllen, und das heißt Krieg.«

Bosambo nickte bedächtig.

»Dann sollst du auf deinem Posten bleiben, denn ich sehe, du bist ein gescheiter Kerl, und die Ochoris haben Leute wie dich nötig. Aber wenn – – –«

»Herr, beim Fett meines Herzens, ich werde tun, wie du befiehlst, denn ich habe mir stets gewünscht, ein Häuptling unter den Engländern zu sein.«

Sanders hatte bereits die Hälfte des Weges zur Küste zurückgelegt, als er seinen Feldstecher vermißte; er wunderte sich, wo er das Glas liegengelassen haben könnte. In dem gleichen Augenblick führte Bosambo das Doppelglas seinem staunenden Volke vor.

»Von diesem Tage an«, befahl Bosambo, »soll es keinen Ziegenraub mehr gehen noch Diebstahl anderer Art! Das habe ich dem Großen Sandi zugesagt. Und als Beweis seiner Liebe, seht ihr, hat er mir dieses Zauberding gegeben, das die Entfernung auffrißt.«

»Herr«, sagte einer der Räte in Ehrfurcht, »hast du den Großen Sanders gekannt?«

»Das will ich meinen!« erwiderte Bosambo bescheiden. »Denn ich bin sein Sohn!«

Glücklicherweise erfuhr Sanders nichts von dieser interessanten Enthüllung.

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