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Unter Buschniggern

Edgar Wallace: Unter Buschniggern - Kapitel 19
Quellenangabe
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typenarrative
authorEdgar Wallace
titleUnter Buschniggern
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaf
translatorRichard Küas
editorFranz Schrapfeneder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442064422
year1946
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Der Sturz des Kaisers

»Ärmster!« sagte der Schutztruppenhauptmann.

Er sah auf den Liegestuhl herunter, auf dem Sanders seine lahmen Glieder rekelte.

»Und ist diese kriegerische Jungfrau fort?« fragte der Soldat.

»Fort ist sie«, antwortete Sanders.

Der Haussa klatschte in seine Hände, nicht um seinen Beifall kundzutun, sondern um seine Ordonnanz herbeizurufen.

»Achmet«, wandte er sich ernst an diesen auf arabisch, »mische für den Gebieter Sandi den Saft der Limonen mit gewissen verschmitzten Zutaten, wie du sie sehr wohl kennst; laß das Getränk kühl sein wie die Hand Azraels, des Todesengels, und süß wie das Wasser von Nir und erfrischend wie die Küsse der Houris! Gehe mit Gott!«

»Ich wünschte, Sie trieben keinen Unsinn«, bemerkte Sanders gereizt.

»Wir befinden uns in einer Krisis unserer Angelegenheiten«, sagte Hamilton, der Haussa. »Sie bedürfen eines Stärkungsmittels. Was mich anbetrifft, wenn das mir zugestoßen wäre, läge ich mit einer ordentlichen Fiebertemperatur im Bett. War sie sehr wütend?«

Sanders nickte. »Sie nannte mich in demselben Atem einen britischen Faulenzer und einen Juden. Sie warf mir jeden britischen Aristokraten vor, der jemals eine amerikanische Erbin geheiratet hat. Sie sprach fünf Minuten lang wie der Neuyorker Berichterstatter einer irischen Zeitung. Sie drohte mir mit der gesamten diplomatischen Rüstkammer Amerikas und der vollen Stärke ihrer schottischen Ansichten; wenn sie sich entschlossen hätte, entweder Schottin oder Philadelphierin zu sein, hätte ich ihr Rede stehen können. Aber als sie mich zu einer Erwiderung über amerikanische Einrichtungen angestachelt hatte, eröffneten die Batterien ihres Küchenjargons das Feuer und brachten mich zum Schweigen.«

Der Haussa schritt auf der langen Veranda hin und her.

»Es war natürlich unmöglich«, bemerkte er ernst, »absolut unmöglich. Sie wird in Sierra Leone an Land gehen und Tullerton interviewen. Er ist der Vereinigte-Staaten-Konsul dort. Ich glaube, sie wird überrascht sein, wenn sie Tullertons Standpunkt kennenlernt.«

Sanders ging zum Frühstück, und das Gespräch über Millie Tavish wurde mit Unterbrechungen während des Mahles fortgesetzt.

»Wenn ich nicht Yoka Erlaubnis zum Ausbessern der Maschinen der ›Zaire‹ gegeben hätte«, sagte Sanders, »führe ich sofort nach Isisi und stellte Tobolaka zur Rede. Aber zur Zeit wird Yoka ihre Zylinder auseinandergenommen haben. Doch da fällt mir etwas ein«, fügte er plötzlich hinzu.

Er klatschte in die Hände, und Hamiltons Ordonnanz kam.

»Achmet«, befahl Sanders, »geh schnell zum Sergeanten Abiboo und sage ihm, er soll den Isisikanuleuten, die heute morgen ankamen, Essen geben und ihnen mitteilen, sie möchten warten, denn ich hätte ein ›Buch‹ an den König zu schreiben.«

»Bei meinem Leben!« sagte Achmed gewohnheitsgemäß und ging.

»Ich werde ihm das, was ich zu sagen habe, in einem Briefe schreiben«, erklärte der Bezirksamtmann, nachdem der Mann im Laufschritt das Gehöft durchschritten hatte. »Und da der König ein schnelles Kanu hat, wird er die Beweise meines Mißfallens früher erhalten, als sie ihn sonst erreichen würden.«

Achmet kam innerhalb fünf Minuten zurück, begleitet von Abiboo.

»Herr«, begann dieser, »ich konnte deinen Befehl nicht ausführen, denn die Isisis sind fort.«

»Fort?«

»Ja, Herr! Denn als die Dame vom Dampfer zurückkam, ging sie geradeswegs zu dem Kanu und...«

Sanders war aufgesprungen; er war blaß.

»Als die Dame vom Schiff zurückkam?« wiederholte er langsam. »Sie kam also zurück?«

»Vor einer Stunde, Herr. Ich habe sie nicht gesehen, denn sie ging auf dem kurzen Weg vom Seestrand zum Landungsplatz an den Fluß. Aber viele andere haben sie gesehen.«

Sanders nickte.

»Geh zu Yoka, er soll Dampf aufhaben, wenn ich komme...«

Das Gesicht des Sergeanten war ein Rätsel.

»Herr, Yoka hat vieles auseinandergenommen. So hat er den Sch – Sch von der Maschine genommen...«

Sanders stöhnte.

»Dennoch will ich zu ihm gehen und wegen des Dampfes mit ihm reden.«

»Wenn er die Zylinder auseinandergenommen hat«, sagte Sanders in Verzweiflung, »dann dauert es mehrere Stunden, bis die ›Zaire‹ fertig ist, und ich habe kein Kanu, um die Isisis einzuholen.«

Ein Haussa kam an die Tür.

»Telegramm für Sie!« sagte Hamilton indem er dem Mann den Umschlag abnahm.

Sanders riß es auf und las. Es kam aus London.

»Washington drahtet: ›Wir erfahren, amerikanisches Mädchen nach Isisi, Westafrika, gegangen, um eingeborenen König zu heiraten. Regierung bittet, Behörden anzuweisen, sie unter allen Umständen zurückzuweisen. Wir entschädigen Sie für jede Handlung, die sie verhindert, ihre Absicht auszuführen. – Stellen alles Ihrem eignen Ermessen anheim. Haben alle Behörden angewiesen. Mädchens Name Tavish. – Kolonialamt.‹«

Er hatte zu Ende gelesen, als Abiboo zurückkehrte. »Morgen, zwei Stunden vor Sonnenaufgang, sagt Yoka, wird er Dampf aufhaben. Herr.«

»Dann hölpt dat nicht«, meinte Sanders, »dann müssen wir einen anderen Weg einschlagen.«

*

Mit einem schnellen Kanu fährt man vom Sitz des Bezirksamts bis Isisi drei Tage. Von Isisi bis nach Ochoristadt ist es eine Tagereise. Tobolaka hatte Zeit genug zu einem letzten Versuche, seinem Hochzeitsfest einen glänzenden Anstrich zu geben.

Er ließ seinen Ratgeber Cala holen, damit er dem Ochorihäuptling Bosambo schmeichelhafte Worte ausrichten und Geschenke überbringen sollte.

»Wenn er sich weigert, mir zu Ehren zu kommen«, sagte Tobolaka, »dann melde ihm, daß ich ein Mann sei, der niemals vergibt, und daß ich eines Tages mit einem Heer zu ihm kommen würde, und dann gäbe es Krieg.«

»Gebieter und König«, erwiderte der alte Mann, »du bist wie ein Elefant, die Welt zittert unter deinen Füßen.«

»So ist es!« sagte der König. »Außerdem weißt du, daß mein neues Weib eine Weiße und eine angesehene Person in ihrem eigenen Lande ist.«

»Hab' keine Angst, Gebieter«, sagte Cala schlau, »ich werde ihm schon was vorlügen.«

»Wenn du mir sagst, daß ich lüge, schlage ich dich tot, du alter Affe«, rief Tobolaka wütend, »was ich dir sage, ist wahr.«

Der Alte war wie vor den Kopf geschlagen.

»Ein weißes Weib?« sagte er ungläubig. »Herr, das ist eine Schande!«

Tobolaka schnappte nach Atem. Denn darüber war der Schmeichler aller Schmeichler so überrascht, daß er sich zur Äußerung einer der Ansicht seines Herrn entgegengesetzten Meinung hinreißen ließ.

»Herr«, stammelte Cala, indem er seine lebenslange Schlauheit außer acht ließ, »Sandi will das nicht haben. Ebensowenig wir, das Volk. Wenn du schwarz bist und sie weiß ist, welche Farbe werden dann die Kinder Eurer Herrlichkeit haben? Beim Tode! Sie werden weder schwarz noch weiß sein, sondern ein Volk für sich.«

Tobolakas Philosophie ging zum Teufel.

Er war sprachlos vor Wut. Er, ein Bakkalaureus der freien Künste, der Günstling von Ministern, ein großer Lateiner, einer, der wie die Weißen gekleidet ging, kritisiert von einem Barbaren, von einem Wilden, von einem, der nackt herumlief und überdes ein Anbeter von Teufeln war!

Auf seinen Befehl wurde Cala ergriffen und gepeitscht. Gepeitscht mit Riemen aus roher Haut. Und da Cala ein alter Mann war, starb er.

Tobolaka, der noch niemals einen Menschen eines gewalttätigen Todes sterben gesehen hatte, empfand bei diesem Anblick ein außerordentliches Vergnügen. In seiner Brust regte sich ein Jauchzen wilder Freude, das er bisher noch nie gekannt hatte. In ihm unbewußt schlummerndes Unkraut grundlosen Hasses und der Grausamkeit wucherte innerhalb einiger Sekunden zum Leben empor. Der Kragen seines weißen Drelljacketts wurde ihm zu eng; er riß ihn auf, als die blutende, an Pflöcken auf die Erde gefesselte Gestalt sich krümmte und stöhnte.

Dann riß er sich, als ob er einer inneren Gewalt gehorchen müsse, zuerst die Jacke, dann die seidene Weste vom Leibe. Er zerrte und riß an beiden und warf sie, ein zerlumptes kleines Bündel, in die Hütte hinter sich.

So stand er da, barhäuptig und nackt bis an die Hüften.

Seine Ältesten sahen ihn an, Furcht in den Augen. Tobolaka fühlte, wie sein Herz vor Freude über diese neu entdeckte Macht höher schlug. Niemals zuvor hatten sie ihn so angesehen. Er befahl einen Mann zu sich.

»Du gehst zu Bosambo, dem Ochori«, befahl er, »und befiehlst ihm, bei Gefahr seines Lebens, zu mir zu kommen. Nimm Geschenke mit zu ihm, aber vergiß unseren Stolz nicht, wenn du sie ihm gibst.«

»Ich bin dein Hund«, sagte der Mann und kniete zu seinen Füßen.

Tobolaka stieß ihn mit den Füßen fort und ging in sein Weiberhaus, um dort ein Akasavamädel zu peitschen, das sich an diesem Morgen einen Augenblick hatte hinreißen lassen, ihn zu verspotten, als er sich wie ein Weißer gebürdete.

Bosamba hielt gerade Gericht, als der Bote des Königs gemeldet wurde.

»Herr, da kommt ein Kanu, beladen mit frechen Isisileuten!« lautete die Meldung.

»Bringt mir den Vormann!« befahl Bosambo.

Man brachte den Boten zu Bosambo, und dieser sah an der Pracht seines Gewandes, an den vier roten Federn, die nach verschiedenen Richtungen aus seinem Haar ragten, daß es sich um eine wichtige Angelegenheit handelte.

»Ich komme, vom König aller dieser Länder«, sagte der Bote, »von Tobolaka, dem unstillbaren durstigen Trinker der Flüsse, dem Zerstörer alles Übels und der Unbotmäßigen.«

»Mann, du langweilst meine Ohren!« erwiderte Bosambo.

»Und folgendes ist meines Königs Botschaft«, fuhr der Bote fort. »Bosambo soll zur Zeit des Sonnenuntergangs zu mir kommen, um mir und dem Weibe zu huldigen, das ich zu meiner Gattin mache. Denn ich dulde weder Widersetzlichkeit noch Spott. Und über die Widersetzlichen und über die Spötter werde ich kommen mit Feuer und Speer.«

Bosambo war sichtlich erheitert.

»Sieh dich mal um, Kilimini!« sagte er. »Sieh dir meine Krieger an und meine Ochoristadt und da drüben, bei den kleinen Hügeln, die Felder, auf denen alles wohl gedeiht! Besonders sieh dir jene Felder an den kleinen Hügeln genau an!«

»Herr, ich sehe sie«, gab der Bote zurück.

»Dann gehe zu Tobolaka, dem schwarzen Mann, zurück und sage ihm, du habest diese Felder gesehen, die fruchtbarer als alle Felder der Welt sind – und zwar aus einem ganz bestimmten Grunde.«

Bosambo betrachtete lächelnd den Königsboten, der ein wenig dumm dreinblickte.

»Der Grund ist der, Kilimini: Auf jenen Feldern verscharrten wir viele Hunderte von Isisikriegern, die in ihrem Wahnsinn gegen meine Stadt zogen – damals, als es noch Elefanten gab. Sage deinem König: Ich hätte noch andere Felder, die darauf warteten, gedüngt zu werden. – Das Palaver ist aus.«

Ein Vogel, dessen Gefieder ganz blau und weiß war, senkte sich aus der Luft in weiten Kreisen zur Erde. Bosambo blickte aufwärts und sah den Vogel seine Flugbahn verengern, bis er sich ermüdet auf dem Rande eines roh gezimmerten Taubenschlages hinter Bosambos Hause niederließ.

»Gebt dem Königsboten zu essen!« befahl Bosambo und ging, um den geflügelten Boten einer Prüfung zu unterwerfen. Dieser trank durstig aus einem kleinen Trog, der aus getrocknetem Lehm gefertigt war. Bosambo störte seinen kleinen Diener bei dieser Beschäftigung nur so lange, um von dessen roten Beinchen ein Papier zu lösen, das zweimal so groß und von der gleichen Beschaffenheit war wie die Hülse einer Zigarette. Bosambo war kein großer Kenner des Arabischen, aber er las den Inhalt geläufig, da Sanders sehr schöne Buchstaben schrieb.

»An den Diener Gottes, Bosambo. – Friede sei mit Deinem Hause! Nimm ein Kanu und fahre sofort stromabwärts. Hier wirst Du auf ein Kanu Tobolakas, des Isisikönigs, stoßen. Ein weißes Weib fährt darin. Du mußt das weiße Weib gefangennehmen, auch wenn es sich weigert, mit Dir zu gehen. Trotzdem mußt Du es mit Dir nehmen und zu meiner und meines Königs Verfügung halten. Sorge dafür, daß niemand dem Mädchen zu nahe tritt! Bei Deinem Kopfe! Sanders vom Strom und vom Volke, Dein Freund, schreibt Dir dieses. Im Namen Gottes, gehorche!«

Bosambo kam zu des Königs Boten zurück.

»Erzähle mir doch, Kilimini, was ist das für ein großes Palaver, das dein König vorhat?«

»Herr, es ist ein Hochzeitspalaver«, antwortete der Mann, »er schickt dir auch Geschenke.«

»Die nehme ich an«, antwortete Bosambo, »aber sage mir, was für ein Weib heiratet er denn?«

Der Bote zögerte.

»Herr«, antwortete er widerstrebend, »man erzählt sich, es sei ein weißes Weib, das mein Gebieter geliebt hat, als er die Gebräuche der Weißen lernte.«

»Mag er in der Hölle braten«, antwortete Bosambo, erschrocken bis zur Gottlosigkeit. »Aber zu welcher Hundesorte gehört denn dein Herr, daß er solche Schamlosigkeit tut? Denn zwischen Nacht und Tag gibt es eine Dämmerung! Und Dämmerung ist das Licht des Bösen, da sie weder das eine noch das andere ist. Und genau so verhält es sich mit den Menschen. Schwarz ist schwarz und Weiß ist weiß, aber alles, was dazwischenliegt, ist faul und furchtbar. Denn wenn sich der Mond mit der Sonne paaren wollte, dann hätten wir weder Tag noch Nacht, sondern einen Tag, der zu dunkel ist, um arbeiten zu können, und eine Nacht, die zu hell ist, um schlafen zu können.«

Das war ein Thema, das den Monrovianer im Innersten berührte, das dicke Fell seines oberflächlichen Zynismus durchbohrte und den Gipfel seines Egoismus ins Wanken brachte.

»Ich sage dir, Kilimini, ich kenne die Weißen. Ich bin einmal zu Schiff bis an den Rand dieser Welt gefahren. Ich habe auch Völker gesehen, bei denen sich Weiße und Schwarze vermischt haben. Und diese Völker sind ohne Scham, ohne Stolz; denn das Halbe an ihnen, das stolz ist, wird von dem anderen Halben, das niedrig und gemein ist, verschlungen. Und es bleibt nichts übrig als die Kleider eines Weißen und die Gedanken eines Schwarzen.«

»Herr«, antwortete Kilimini furchtsam, »das eine weiß ich, obwohl ich mich fürchte, darüber zu sprechen: Unser König ist neuerdings fürchterlich. Wir Isisileute haben große Angst, daß er nicht ganz richtig im Kopf ist.«

Bosambo drehte sich hastig um. »Geh nun, Kilimini! Später sehe ich dich noch.« Er winkte dem Königsboten, sich zu entfernen.

Bosambo ging in sein Haus, und zwar in dessen innersten Raum. Sein Weib saß da auf dem mit Teppich belegten Fußboden des Frauengemachs und hatte ihr braunes Baby auf dem Schoße.

»Herz von Gold«, begrüßte Bosambo sie, »ich muß zu einem Kriegspalaver gehen, da es Sandi so will. Alle Götter seien mit dir und meinem trefflichen Sohne!«

»Und sie seien mit dir, Bosambo, Gemahl und Gebieter!« antwortete sie ruhig. »Denn wenn das Sandis Palaver ist, dann ist es ein gutes Palaver.«

Bosambo verließ sie und sandte nach dem Anführer seiner Krieger, dem einäugigen Tembidini, auf den er sich verlassen konnte.

»Ich werde mit einem Kriegskanu nach dem Unteren Fluß fahren«, sagte Bosambo zu ihm. »Nun siehe zu, daß mir fünfzig Krieger folgen. Du selbst rufst das Volk auf und kommst mit einem Heere dorthin, wo sich der Isisifluß zweimal windet wie eine sterbende Schlange!«

»Herr, das heißt Krieg«, sagte der Anführer.

»Das werden wir sehen.«

»Herr, geht es gegen die Isisis?«

»Gegen ihren König. Ob gegen das Volk, wird sich später herausstellen.«

*

Miß Millie Tavish dehnte sich üppig auf weichen Kissen unter ihrem Strohdach, träumte Träume von Königtum und von einem höflichen Neger, der seinen Hut vor ihr gezogen hatte. Sie beobachtete die schweißtriefenden Paddler, die mit rhythmischen Schlägen das Wasser schaufelten und ein kleines Lied dazu sangen; sie empfand bereits die Freuden des Herrschens.

Sie hatte nur einen höchst nebelhaften Begriff von der Stellung, die sie einnehmen sollte. Wenn man ihr gesagt hätte, daß sie ihren Ehemann mit einem halben Dutzend anderer Weiber teilen müßte – mit Weibern, die dazu noch von Zeit zu Zeit ausgewechselt wurden –, wäre sie entsetzt gewesen.

Sanders hatte ihr diese Zukunft nicht vor Augen geführt; teils, weil er ein Mann von zartem Empfinden war, teils weil er glaubte, er hätte diese Aufgabe auch ohne diese Erklärung gelöst.

Sie lächelte ein leises, triumphierendes Lächeln, sobald sie an ihn und an die Art dachte, wie sie ihn überlistete. Es war leichter gegangen, als sie sich vorgestellt hatte.

Sie hatte den Bezirksamtmann verfolgt, bis er ihr außer Sicht war, dann hatte sie dem Brandungsboot befohlen, mit ihr an den Strand zurückzukehren. Denn dort befand sich, als untätiger Zeuge ihrer Einschiffung, der von Tobolaka gesandte Vertrauensmann. Überdies standen in dem Briefe des Königs ein paar einfache Worte in der Isisisprache und daneben ihre englische Übersetzung.

Sie dachte an viele Dinge: an die geschäftige Stadt, die sie hinter sich gelassen hatte, an das traurige Boardinghaus, an ihre Verwandten, die sich ihrer Abreise widersetzt hatten, an das kleine Vermächtnis, das ihr zugefallen war, gerade als sie sich zur Abfahrt anschickte, und das sie veranlaßt hatte, zu zögern, da ihr dieses Vermächtnis erlaubte, in angenehmer Behaglichkeit zu leben.

Aber der Glanz eines Thrones – wenn auch nur eines zentralafrikanischen Thrones – blendete sie – sie – Miß Tavish – Millie Tavish – die Stütze, die sich um Lohn verdingte ...

Und hier war die Wirklichkeit. Ein breiter Fluß, mit Bäumen bestandene Ufer, hohe Binsen am Strand, die gefiederten Palmen ihrer Träume, und die königlichen Ruderer mit ihrem leise klagenden Gesang.

Sie kehrte in die Wirklichkeit zurück, als die Paddler aufhörten zu paddeln. Nicht auf einmal und auf ein Kommandowort, sondern einer nach dem andern, gerade wie jeder des auftauchenden Hindernisses ansichtig wurde.

Vor ihnen befanden sich nämlich zwei Kanus, und die aneinandergereihten Schilde auf der dem Königskanu zugekehrten Seite leuchteten in roter N'golafarbe – und rote N'gola heißt Krieg.

Des Königs Vormann langte nur mit halbem Mut nach seinem Speer. Das Mädchenherz schlug schneller.

»Ho, Soka!«

Bosambo, am Heck seines Kanus stehend, rief's.

»Daß mir kein Mann nach seinem Speer langt! Sonst stirbt er!« rief Bosambo.

»Herr, das ist des Königs Kanu!« sprudelte Soka heraus, sich den Schweiß von der Stirn wischend. »Und du tust etwas Schändliches! Denn es herrscht Friede im Lande.«

»So sagt man«, wich Bosambo aus.

Er brachte sein Fahrzeug längsseits des anderen Kanus.

»Lady«, sagte er in seinem besten Küstenenglisch, »du liebst zu gehn mit mich, etwas plötzlich. Ich sein gutem Kerl. Ich sein großem Mann. Nicht weh tun dich. Nicht fechten.«

Das junge Ding war krank vor Schrecken. Denn soweit sie wußte und soweit sie sehen konnte, war dieser Mann ein grausames und tückisches Ungeheuer. Sie fuhr zurück und schrie laut auf.

»Ich nicht weh tun«, sagte Bosambo. »Ich sein verdammt guten Kerl! Ich sein Christ, Markus, Lukas, Johannes! Du kennen diese Burschen? Ich sein wie diese Burschen.«

Sie fiel in Ohnmacht und sank in einem formlosen Haufen auf den Boden des Kanus. Sofort hatte Bosambo einen Arm um sie gelegt. Er hob sie in sein Kanu, als ob sie ein kleines Kind wäre. Dann stieß in großer Fahrt ein Kanu aus den Binsen zu ihnen, und darin befanden sich, bemerkenswert für das Empfinden eines Wilden, zwei Ochoriweiber. Millie Tavish lag in Bosambos Kanu, als sie ihr Bewußtsein wiedererlangte; ein schwarzes Weib netzte ihr die Stirne mit dem Wasser des Flusses. Bosambo beobachtete den Vorgang von einem anderen Kanu aus mit Interesse.

»Geh nun«, sagte er zu dem Vormann der Paddler, »bringe dieses Weib zu Sandi! Und wenn ihr Schlimmes zustößt, werde ich deine Weiber und Kinder bei lebendigem Leibe verbrennen. Und nun spute dich! Los!« Schnell genug fuhren sie ab, denn der Fluß ging hoch, und an der Flußmündung lief Ebbe.

»Was dich anbetrifft«, wandte sich Bosambo an den Kanuführer des Königs, »so bringe deinem Herrn die Nachricht, daß ich so gehandelt habe, weil es mir so beliebte.«

»Herr«, antwortete der Kanuführer, »wir fürchten für unser Leben. Dennoch werden wir zu unserem König zurückkehren und ihm deine Botschaft bringen. Und wenn er uns mißhandelt, werden wir zu dir zurückkehren.«

Auf diese Abmachung ging Bosambo ein.

König Tobolaka hatte Vorbereitungen getroffen, um seine Braut zu begrüßen, die der Feier des Unabhängigkeitstages würdig gewesen wären. Er hatte auf Kosten von seines Volkes spärlicher Garderobe Flaggen improvisiert. In Streifen gerissene Gewänder hingen über die Straßen. Aber unter denselben Streifen stand in kleinen Gruppen das Volk, mit finsteren Gesichtern, und sie sprachen hinter der vorgehaltenen Hand Dinge, die Tobolaka verborgen blieben.

Denn er hatte ihre heiligste Überlieferung entweiht, entheiligt trotz allem Protest. Ein zerrissenes Gewand, im Winde flatternd, das war das Zeichen von Tod und Gräbern. Wo immer ein kleiner Friedhof liegt, dort kann man diese armseligen Zeugstreifen traurig im Winde wedeln sehen, um die bösen Geister abzuhalten.

Das wußte Tobolaka nicht. Oder wenn er es wußte, dann verachtete er es. Bei einer ähnlichen Gelegenheit hatte er seinen Räten gesagt, daß er keine Achtung vor dem Aberglauben der eingeborenen Bewohner hege. Und hatte dabei einen gelehrten Satz aus Cicero zitiert, der sagen sollte, daß Althergebrachtes und Tradition nur da wären, um beiseite geschoben zu werden.

Im Augenblick stand er in einem Übermaß von Pracht da, denn ein Lokoli hatte ihm in der Nacht die Nachricht von der Annäherung seiner Braut gebracht.

Es ist richtig, daß er ein Haar in der Suppe fand. Seine an die Missionare gesandte Einladung, die er in gewähltestes Staatenenglisch gekleidet hatte, war abgelehnt worden. Weder Baptisten noch die Missionare der englischen Hochkirche, noch die Jesuitenpatres wollten teilnehmen an einem Vorgange, den sie, obwohl ihre sonstigen Ansichten auseinandergingen, einstimmig als ein Verbrechen betrachteten.

Aber diese Tatsache drückte Tobolaka nicht allzusehr nieder. Er sah, in fleckenloses Weiß gekleidet, blendend aus. Über seinem Anzug trug er das breite blaue Band eines Ordens, wozu er in keiner Hinsicht berechtigt war.

An günstigen Plätzen hatte er Späher aufgestellt und erwartete mit wachsender Ungeduld die Nachricht vom Näherkommen des Kanus. Er sprang von seinem Throne auf, als einer der Beobachtungsposten die Straße entlanggeeilt kam.

»Herr«, rief der Mann, nach Atem ringend, »zwei Kanus sind eben vorbeigefahren.«

»Narr«, anwortete Tobolaka, »was gehen mich Kriegskanus an!«

»Aber, Herr, es sind Ochorikanus, und Bosambo ist in einem von ihnen; er war schrecklich anzusehen in seiner Kriegsmalerei, und die Ochoris haben ihre Schilde mit dem Rot des Krieges bemalt.«

»Woher kommen sie?« fragte Tobolaka, fast gegen seinen Willen.

»Herr, sie kamen von unten und fuhren flußaufwärts.«

»Und mein Kanu?«

»Das haben wir nicht gesehen«, gab der Mann zurück.

»Dann geh und paß auf!«

Tobolaka war nicht in der gleichen Unruhe wie seine Räte; denn er hatte niemals kriegsrot gemalte Schilde gesehen, noch das, was sie im Gefolge hatten. Er wartete eine halbe Stunde und erhielt dann die Nachricht, daß das Kanu um die Landzunge böge, aber kein Weib darin sei.

Halb wahnsinnig vor Wut und Kummer, schlug Tobolaka den Boten, der ihm diese Nachricht gebracht hatte, zu Boden und begab sich ans Flußufer. Dort traf er den völlig entmutigten Kanuführer, dessen Bericht er schweigend anhörte.

»Nehmt diesen Mann«, rief er, »und alle, die mit ihm waren! Bindet sie! Beim Tode! Ich will ein Fest haben und Tanz! Und Blut will ich sehen!«

In dieser Nacht rasselten die Trommeln der Isisis von einer Grenze bis zur anderen. Und Kanus mit Bewaffneten schossen aus jedem kleinen Creek und paddelten nach der Hauptstadt.

Tobolaka, nackt bis auf ein Fell und seine Knöchelringe aus Federn, tanzte den Tanz des schnellen Mordens, und die Paddler des Königskanus wurden hingerichtet, und zwar mit bis ins einzelne ausgesuchter Peinlichkeit. In den dunklen Stunden, die dem Tagesanbruch vorangehen, zogen die Isisis gegen die Ochoris. Beim ersten Aufflammen des Tageslichts landeten sie, zwölftausend Mann stark, im Ochorilande.

Bosambo hatte eine starke Stellung inne, und seine ausgewählten Heerhaufen stießen in die rechte Flanke der Isisis und rollten sie auf. Dann machte Bosambo eine scharfe Wendung und fiel über das Gros der Isisileute her. Es war ein verzweifeltes Wagnis, aber es glückte. Tobolaka, wütend wie ein leibhaftiger Satan, versuchte seine Leibgarde zu sammeln, aber die Leute aus Isisistadt, die sie bildeten, waren nicht bei der Sache. Sie brachen nach dem Fluß zu aus. Tobolaka hieb sich eine Bahn in die Vorhut der Ochoris, indem er eine langgestielte Axt schwang – er war bereits ein berühmter Keulenschwinger, als er noch das Seminar in Philadelphia besuchte.

»He, Bosambo!« rief er, und seine Stimme war dick von Haß. »Du hast mir mein Weib gestohlen! Erst will ich deinen Kopf haben. Dann will ich Sandi töten, Sandi, deinen Herrn!«

Bosambos Antwort war kurz und sachlich. Auf englisch rief er: »Verdammter Nigger!«

Es hatte nur dessen bedurft. Mit einem gellenden Schrei, der wie ein Wolfsgeheul klang, stürzte sich Tobolaka, seine Axt schwingend, auf Bosambo.

Aber Bosambo drehte und wandte sich, wie es nur ein Krumann vermag. Man sah einen braunen Körper blitzartig durch die Luft schießen, dann kam der Zusammenstoß. Tobolaka stürzte, den Griff einer stählernen Faust an der Gurgel und ein Knie wie eine Ramme in seinem Magen, zur Erde.

*

Die »Zaire« kam lärmend stromauf, ihr Deck schwarz von Haussas, die glänzenden Läufe ihrer Maschinengewehre auswärts geschwungen. Sanders interviewte König Tobolaka den Ersten – und Letzten. Dieser hätte gern die Angelegenheit von oben herab erledigt.

»Kriegsglück, Mr. Sanders!« redete er diesen hochnäsig an. »Ich fürchte, Sie haben diese Vorfälle durch Ihr unverantwortliches und herausforderndes Verhalten überstürzt. Wie Cicero irgendwo sagt...«

»Still!« befahl Sanders. »Ich verhafte dich, erstens wegen des Mordes an Cala. Du hast dich unter aller Kritik betragen.«

»Ich bin ein König und stehe daher über der Kritik«, bemerkte Tobolaka philosophisch.

»Ich sende dich zur Aburteilung an die Küste«, sagte Sanders kurz. »Später, wenn du Glück hast, wirst du wahrscheinlich nach Hause geschickt werden – wohin Miß Tavish bereits abgereist ist.«

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