Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Leichner >

Unter brasilianischen Diamantsuchern

Georg Leichner: Unter brasilianischen Diamantsuchern - Kapitel 8
Quellenangabe
authorGeorg Leichner
titleUnter brasilianischen Diamantsuchern
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1928
printrun1.-12. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181121
projectidb9b3506b
Schließen

Navigation:

VII

Joaquina – Verschüttet – Mißlungener Selbstmord

 

Medardo war vor dem Arm der Regierung in den Schutz der Diamantfelder am Rio das Garças geflohen. Sein Vergehen war politischer Art. Sie wußten es alle in den Garimpos.

Man achtete und schätzte ihn, denn er war ein Mann, auf den man sich verlassen konnte und dessen Pferde man lieh, wenn solche zu einem Ritt in die Siedlung benötigt wurden. Nie hatte er es noch jemandem abgeschlagen. Er war großzügig und stark und fürchtete die Arbeit nicht. Deshalb belohnte sie ihn auch und ließ ihn den vorüberreisenden Diamantaufkäufern die meisten und schönsten Steine zum Kauf anbieten. Mit der Zahl und der Schnelligkeit seiner Pferde konnte niemand wetteifern. Sobald die Kunde zu ihm drang, daß in irgendeiner der Siedlungen ein Provianttransport eingetroffen sei, schon ritt er hin und kaufte so viel, als er bezahlen konnte. Seine Tropa, der lange Zug der mit Säcken, Kisten und Kasten beladenen Tragtiere, schaffte das kostbare Gut in tagelangen Märschen durch die Wildnis bis in sein Garimpo, auf weglosen Pfaden, die zu befahren keinem Ochsenkarren möglich war. Nur auf den Rücken der Tiere konnten die schweren Lasten transportiert werden.

Seine Umsicht und Klugheit ermöglichten es ihm, stets so reichlich mit allem versehen zu sein, daß in Zeiten der Knappheit, wenn lange kein Provianttransport in diese abgelegene Gegend gekommen war und die Preise ins Ungeheure stiegen, er an die Diamantsucher ringsum verkaufen konnte.

Aber nicht immer trieb er Handel oder ritt hinter den Tragtieren her. Er war Diamantsucher wie die anderen alle hier am Fluß.

Zwei Jahre waren es nun her, daß er die Joaquina kennenlernte, die auch nach Diamanten grub. Hoch und rank war sie, mit feinen, kräftigen Gliedern, stark und gewandt, daß sie es wohl mit jedem Manne aufnehmen konnte. Ihre von der Sonne gebräunte Haut leuchtete wie Kupfer, und mehr als einer hatte vergebens in ihren großen, dunklen Augen geforscht, wenn er sie in den Armen hielt. Sie wußten nichts von ihr, als daß ein an Abwechslung und Abenteuern reiches Leben hinter ihr liegen mochte, daß sie Länder und Städte bereist hatte, bis das Schicksal sie im rauhen, unwirtlichen Leben der Diamantsucher stranden ließ.

Wer war sie und woher kam sie? Warum hatte sie die bunte Welt der Zivilisation verlassen? Manche Gerüchte waren darüber im Umlauf, doch niemand wußte das Richtige, und sie selbst sprach nie davon. Aber mit vielen, die hier arbeiteten, konnte sie in ihrer Sprache reden und kannte die Lieder und Gebräuche ihrer Heimat. Wie lange sie bereits am Flusse weilte, war ebenfalls unbekannt. Sie hatte schon einige Garimpos bereist und schloß sich mit Vorliebe solchen Gruppen von Diamantsuchern an, die sich in gefahrvolle Gegenden wagten. Stets war sie ihnen willkommen; sie kochte und nähte und besserte die Kleidung aus, daß die Moskitos nicht durch die Löcher kriechen konnten. Sie arbeitete aber auch mit Spaten und Hacke und wusch den Sand wie jeder andere. Und dann – war sie nicht ein Weib, deren es in der Wildnis nur wenige gab? Sie begehrten sie alle, und sie schenkte sich ihnen, zu wem gerade ihr gesunder, junger Körper sich hingezogen fühlte. Ihre Seele jedoch besaß keiner, und nie nahm sie mehr an Geld und Gut, denn was ihr als Anteil vom allgemeinen Gewinn zustand, niemanden bevorzugte sie, noch vernachlässigte sie jemand, und wenn ihr eine Gruppe nichts mehr an neuem Erleben bieten konnte, zog sie weiter zu einer anderen, überall mit Freude willkommen geheißen.

So war es, bis sie Medardo traf.

Als ein Fremder, der nichts von den Gepflogenheiten und der rauhen Art des Völkleins am Flusse kannte, kam er in diese Gegend und gewann die Joaquina am ersten Abend, da sie sich sahen. Unsichtbare Fäden verbanden sie miteinander, daß sie ohne viele Worte beschlossen, von den anderen getrennt, gemeinsam zu arbeiten.

Schon am nächsten Morgen schritten sie zur Verwirklichung ihrer Pläne. Das von ihr ersparte und von ihm mitgebrachte Geld reichte gerade für den Einkauf der notwendigsten Gerätschaften und des Proviants. Da sie keine Tragtiere besaßen, mußten sie alles selbst in wiederholten, mühevollen Märschen bis zu dem von ihnen erwählten Platz schleppen. Dann schliefen sie unter freiem Himmel, bis nach einigen Tagen die notdürftig erbaute Hütte ihnen Schutz gewährte.

Stab an Stab fügten sie in gemeinsamer Arbeit und errichteten darüber das Dach aus Palmblättern. Nun war den glühenden Strahlen der Sonne Halt geboten, und wenn es regnet, wird es sie nicht mehr so hart treffen. Auch einen primitiven Ofen aus Steinen bauten sie, denn das Kochen ist auf ihm leichter als über dem offenen Feuer.

Weitab von allen Menschen, allein in der erhabenen Stille des Urwaldes, ruhten sie des Nachts auf den Pritschen, die Medardo aus Stäben verfertigte, und über die sie eine Schütte Heu und die Hängematten gebreitet hatten, und lauschten dem Singen ihres Blutes, das nach des Tages Arbeit schwer und sehnsüchtig war, und den vielen Stimmen, die die Nacht da draußen um ihre kleine Hütte belebten.

Früh am Morgen stiegen sie zum Flusse hinab. Das Wasser war an der Stelle, an der sie arbeiten wollten, drei Meter tief, aber sie hofften gerade hier auf reiche Funde. So klemmte sich Medardo einen großen Stein zwischen die Knie, nahm eine Hacke mit kurzem Stiel und warf sich ins Wasser. Den Atem anhaltend, sank er zu Boden. Solange seine Lungen es ihm erlaubten, arbeitete er fieberhaft, lockerte das Geröll, es zu einem Haufen schichtend. Dann kehrte er an die Oberfläche zurück. Wieder und wieder mußte er tauchen, bis der Haufen Sand und Steine so groß war, daß er daran gehen konnte, ihn mittels eines Leinwandsackes, an dem eine Leine befestigt war, ans Ufer zu ziehen.

Unermüdlich arbeitete er, Stunde um Stunde. Es hieß den Tiefstand des Wassers ausnutzen. Jeden Tag konnte es regnen und der Fluß so reißend werden, daß das Tauchen unmöglich wurde. Dann wollten sie das gewonnene Geröll waschen und nach Steinen durchsuchen.

Es waren aber schöne, sonnenklare Tage, und der Haufen am Ufer wuchs. Wenn Medardo müde war, tauchte Joaquina, und es ist schwer zu sagen, ob sie in dieser Beziehung weniger leistete als er.

Ein eigentümliches Gefühl hatte sich beider bemächtigt. Nicht Liebe, aber das Wissen um ein gleiches Ziel, die Verfolgung einer gemeinsamen Idee. Sie fühlten wieder, daß ihr Leben einen Zweck hatte, und der Alltag in der drückenden Last von Arbeit und Gefahr erschien weniger rauh. Es kam jetzt des öfteren vor, daß das Weib, aufatmend, einen Augenblick in ihrer Tätigkeit innehielt, um erstaunt dem Lebenswunsch nachzusinnen, der jetzt an Stelle der Gleichgültigkeit der letzten Jahre getreten war. Beglückt fühlte sie, daß es wieder eine Zukunft gab, wenn sie auch nicht wußte, welche …: Seit dem Tage, an dem sie mit Medardo in gemeinsamer Arbeit ein neues Leben begonnen hatte, war sie, die ehemalige »Diamantsucherdirne«, wie verwandelt. Nie schaute sie mehr einen anderen Mann an, wenn sie sich in die Siedlung begab, um Proviant einzukaufen. Sicher und ruhig zog sie ihres Weges, denn sie wußte, ihre Waffe würde ihr genügend Schutz gegen etwaige Belästigungen bieten.

*

Sie hatten Glück, wie so mancher auf den Feldern am Fluß, wo der jauchzende Schrei der Freude das Finden eines großen Steines anzeigt. Schon nach kurzer Zeit konnten sie ein Tragtier kaufen, und dann ging es rasch aufwärts mit ihnen. Bald erwarben sie von anderen Diamantsuchern, denen Fortuna nicht so hold war, ein Boot und konnten sich ihre Arbeit wesentlich erleichtern, indem sie bis an die auszubeutende Stelle fuhren und nicht mehr zu schwimmen brauchten. Wenn die Stelle erschöpft war, ruderten sie stromaufwärts oder ließen sich von den Fluten abwärts treiben, von Zeit zu Zeit das Flußbett prüfend, bis sie wieder den Cascalho fanden, den diamanttragenden Kiesel. Abends kehrten sie in ihre Hütte zurück, wo in Säcken und Ballen, mit Rinderhäuten gegen Regen und Sonnenschein wohl verwahrt, auf einer aus Bambusstäben gebauten Vorrichtung Zucker, Reis, Bohnen, Salz und Kaffee ruhten. Auch einige Flaschen Cachaça standen dort und wurden nicht vernachlässigt.

An Sonntagen oder an solchen, an denen der Regen zu heftig war, legten sie ihre Arbeitsgewänder ab. Dann saß Medardo im sauberen, wenn auch groben Leinenhemd und spielte die Ziehharmonika. Stundenlang spielte er …: Das Auge schweifte über den Kamp, auf dem nichts zu sehen war als niederes Buschwerk und darüber der leuchtend-blaue Himmel, oder aber der Regen hatte alles und jedes ringsum mit grauen Schleiern verhängt. In solchen Stunden flog die Erinnerung zurück zu denen, die sie in der Welt der Zivilisation ließen, und sie begriffen, wie weit sie von ihnen entfernt waren, hier, wo es keine Maschinen gab und keine Wege, um den Raum, der von ihnen trennte, zu kürzen und die Zeit in Abschnitte zu zerkleinern. Hier, wo es niemanden gab, der sie den Tag durch die Arbeit hetzte oder durch die Nacht taumeln ließ in Lust und Genuß, war dies alles nicht nötig. Wochen vergingen gleich Stunden und Stunden gleich Wochen. Stille umgab sie, von keinem Lärm von Menschenhand gestört, Stille, in der die Natur leise, unmerklich und unaufhaltsam lebte und wuchs. Die täglichen Arbeiten ihres kleinen Haushaltes beschwerten sie nicht, sie brauchten sie nicht zu beschleunigen, denn nichts erwartete sie in ihren Feierstunden, kein sinnbetörendes Vergnügen oder nervenerregende Sensation. Nur das Leben des Urwaldes war um sie, ein Leben, wie es in seiner primitivsten Form atmet, dessen Daseinsberechtigung, Zweck und Ziel nur in der Erhaltung und der Fortpflanzung zu bestehen schien. Losgelöst von aller Hast und dem Getriebe der Welt, waren sie glücklich in einer ruhigen Harmonie, die durch keine Kunde aus dem Dasein, das sie verließen, getrübt wurde, in einem Zustand, wo man keine Zeitungen zu lesen braucht, in dem man nicht weiß, ob die großen Länder, denen man entstammt, noch beständen oder schon untergegangen seien, verschwunden von dieser weiten, bunten Erde, durch andere Völker erobert, durch Feuer oder Wasser zerstört …:

Wenn ihre junge Kraft in den Adern stürmte, sattelten sie die Pferde, in wildem Galopp jauchzend in die Weite sprengend, bis die Tiere, in Schaum gebadet, von selbst in Trab verfielen. Sie gehörten zusammen, diese vier: zwei Menschen und zwei Tiere; ein einziges, starkes, pulsierendes Leben zwischen Himmel und Erde.

Ermüdet und hungrig kehrten sie zu ihrer Hütte zurück und aßen mit gesundem Appetit die derbe Kost: schwarze Bohnen und Reis, mit großen Stücken des gedörrten Fleisches gekocht. Und ihr Körper wurde immer stärker und stählerner, widerstandsfähiger gegen die Unbillen von Wetter und Wind, Sonne und die vielfachen Gefahren der Wildnis. Die Hitze, die Moskitos, die kalten, tropischen Regengüsse, die dornigen Büsche und Gewächse, das alles war nicht mehr lästig, sie selbst wurden auch so hart und rauh wie die Natur um sie.

Aber einmal geschah es, daß eine Botschaft aus jener anderen, fernen Welt trotz allem den Weg zu ihnen fand, nach monatelanger Reise, aus der Tasche des einen Diamantaufkäufers in die des anderen wandernd, bis sie ihr Ziel erreichte. Medardos Vater schrieb aus der großen, fernen Stadt. Aber es waren fremde Worte aus einer ihnen unverständlichen Welt, wo krankes, müdes Leben sich in nervösem Kampfe um die Zeit ballt und die menschliche Kreatur immer schwächer und schwächer macht. Und sie lachten über das Schreiben des alten Mannes, dem es nach vielen Mühen gelungen war, für seinen Sohn bei der Regierung eine Amnestie zu erwirken, daß er zurückkehren möge aus dem gefahrvollen, wilden Leben im fernen, unerforschten Lande. – Wenn ihr Dasein hier auch reich war an Entbehrungen und Gefahren, war es nicht desto reicher an kraftvollem, gesundem Leben …:?

So nahm Medardo ein Stück alten, vergilbten Papieres und schrieb die Antwort, daß er nicht zurückzukehren gedächte …:

Schon viele Male seit Beginn ihres gemeinsamen Lebens hatten sie ihr Arbeitsfeld verlegen müssen, schon etliche Hütten gebaut. Jetzt war wiederum die Regenzeit eingetreten, die das Tauchen im Flusse unmöglich machte, und so arbeiteten sie im Trockenen, indem sie auf dem Ufer eine dicke Schicht Sand und Erde abgruben und den Kiesel freilegten.

Diese Arbeit »im Trockenen«, wie der Garimpeiro es nennt, ist eigentlich durchaus keine solche. Beim Waschen des Sandes muß man bis an den Leib im Wasser stehen, nur das Geröll wird im Trockenen gewonnen. Deshalb ist eine solche Arbeit auch viel leichter und gefahrloser als das Tauchen, bringt aber im allgemeinen weniger Steine. Der Cascalho des Flußbettes ist nicht mit so viel Sand durchsetzt, und es kommt vor, daß man dort ganze Anhäufungen von Diamanten finden kann.

Die Vormittage benutzten sie zum Graben, und nachmittags wuschen sie, und es verging selten ein Tag, an dem sie keine Steine fanden. Der Schacht wuchs zusehends, seine steilen Wände wurden immer höher und höher, je weiter sie in die Erde vordrangen. –

Zwei Jahre waren es nun her, daß sie gemeinsam zu arbeiten begonnen hatten. Schon viele Tragtiere nannten sie ihr eigen, reichen Proviant und schöne Steine. Tag für Tag schenkte ihnen die Erde neue Schätze. Aber als ob für alles Grenzen gezogen sind, so schlug auch ihrem Glück die Stunde.

Einige Tage hatten sie des heftigen Regens wegen nicht gearbeitet. Sie brauchten es ja auch nicht, wie jene Armseligen, deren es am Fluß Hunderte gibt, die nichts ihr eigen nennen als das verwaschene Hemd auf dem Leibe und die Sehnsucht nach dem »großen Stein« im Herzen, die keinen Tag mit der Arbeit aussetzen dürfen, wollen sie nicht verhungern.

Nur für Stunden brach die Sonne hinter den Wolken hervor, und Medardo wanderte dann zu den Pferden, die sich fröhlich auf dem frischen, jungen Grün tummelten. Balbo, sein Reitpferd, war sein und Joaquinas Liebling. Bei ihrem Nahen kam es freudig wiehernd herbeigetrabt, Fremden gegenüber jedoch war es scheu und floh vor ihnen. Jedes andere Tier konnte man von Medardo zu einem Ritt in die Siedlung erhalten, nur dieses eine borgte er niemandem, war es ihnen doch eine unschätzbare Hilfe, da es die anderen Pferde zusammenhielt, die sich oft weit in Kamp und Wald zerstreuten.

Auf seinen Pfiff hin kam es auch heute sogleich herbei, wie immer seine bewegliche, samtweiche Nase an seiner Schulter reibend. Nachdem es ein wenig Salz erhalten hatte, trottete es wieder langsam im nassen Grase davon. Es gab in dieser Gegend wenig Schlangen, auch Jaguare verirrten sich nur selten hierher. So konnten die Tiere unbeschadet sich selbst überlassen bleiben.

Die Sonne hatte die Wolken verjagt, und ihre sengenden Strahlen brannten wieder auf der nassen Erde.

Barfuß, mit der Hacke in der Hand, begab sich Medardo hinunter ins Garimpo.

Der Regen hatte hier manche Verwüstung angerichtet: Sand war angeschwemmt und tagelange Arbeit zum Teil zerstört worden.

Doch war das hier nicht immer so im Kampfe um die Steine, über die Himmel und Erde zu wachen schienen …:? Man war daran gewöhnt, und nach einigen Stunden harter Arbeit würde alles wieder in Ordnung sein.

Mit der Hacke wirbelte er den Sand auf, und das durch das Garimpo fließende Wasser wusch ihn mit fort, als plötzlich eine der Wände des Stollens sich neigte und krachend zusammenstürzte, ihn mit zu Boden reißend. Berge nasser Erde bedeckten seine Beine, Brust und Arme, er hatte auch auf den Kopf einen Schlag erhalten, und vor seinen Augen tanzten rote Flammen in wildem Wirbel.

Verzweifelt versuchte er sich zu befreien, aber das Bewußtsein konnte die Lage nicht mehr erfassen, der Anprall war zu heftig gewesen. Nur der Kopf, die linke Schulter und Hand waren noch frei, der übrige Körper ruhte unter den gestürzten Erdmassen, die mit jeder Sekunde schwerer und drückender wurden. Mit der freien Hand scharrte er den Sand, der ihn zu ersticken drohte, aber jede Bewegung schuf unerträgliche Qualen. Er wollte schreien, Joaquina zur Hilfe herbeirufen, aber kein Ton kam aus seiner Kehle … Das Atmen wurde immer schwerer, die Last immer unerträglicher, die roten Nebel, die vor den Augen wallten, erloschen, und ihm schwanden die Sinne …

 …: Als er aus der Ohnmacht erwachte, hatte die Sonne schon ein tüchtiges Stück ihres Weges zum Horizont zurückgelegt. Die nasse Erde drückte, lähmte jede Bewegung und steigerte den Wunsch, alle Fesseln zu sprengen, wieder frei atmen zu können, von Minute zu Minute. Trotz des heftigen Schmerzes, den ihm jede Bewegung verursachte, grub und scharrte er mit der freien Hand um sich. Wie fest dieses bißchen Erde hielt! Immer schlimmer wurde es …:

Verzweifelt schlug er auf die Fessel von Sand und Stein, das Blut hämmerte ihm in den Schläfen, etwas würgte im Halse, die Gedanken überstürzten einander. Wahnsinn näherte sich ihm …

Da brüllte er wie ein wildes, gefesseltes Tier, voll Entsetzen und Angst, und lauschte …:

Aber nichts regte sich.

Die Erde hielt ihn in ihren eisernen Armen, und nun wuchsen aus ihr Gestalten, fratzenhafte Gebilde, hohnlachende Dämonen, die in wildem Tanze sich um ihn drehten, mit gierig gekrümmten Fingern sich an ihn drängten, ihm an die Kehle zu packen suchten …:

Ein nicht endenwollendes Geheul durchschnitt die Luft. Nichts Menschliches war mehr in ihm, nur Todesnot der Kreatur, und Schauder packte alles Lebende, das es hörte.

Entsetzt sprang die Frau vom Steine auf, auf dem sie am Feuer gesessen hatte, und stürzte den Abhang hinunter in den Schacht.

Mit bloßen Händen grub sie verzweifelt, sich an den scharfen Steinen die Nägel blutig reißend, ohne klare Überlegung, mit stockendem Herzschlag, grub und riß und zerrte an der steinigen Masse, die das Grab ihres Mannes zu werden drohte. Dann, sich besinnend, rannte sie zurück zur Hütte, kaum berührten ihre Füße den Boden.

Nun war sie wieder im Schacht. Nie hatte sie so schnell gearbeitet. Die Erde flog nur so unter den Schlägen der Hacke. Und endlich war Medardo frei.

Doch unbeweglich blieb er liegen, mit geschlossenen Augen.

Erschöpft, völlig entkräftet, sank sie neben ihm zu Boden.

Nachdem sie sich ein wenig erholt hatte, schleppte sie den schweren, leblosen Körper durch das Wasser, das sich infolge des Regens im Stollen angesammelt hatte, und begann ihn mit Anspannung aller Kräfte den Abhang hinaufzuziehen, bei jedem Schritt auf dem abschüssigen, nassen Boden stolpernd und ausgleitend. Die Erde rutschte unter ihren Tritten, und vergebens versuchte sie, ebenen Boden zu erreichen. Sie faßte den Verunglückten von rechts und links, aber all ihr Mühen war fruchtlos, und weinend warf sie sich über ihn, sein wachsbleiches Gesicht mit Küssen bedeckend.

Die Sonne ging unter. Vom Fluß zog ein frischer Wind, der erquickend über das in der feuchten Hitze schwer atmende Land strich. In kleinen Bächen rann das Wasser den Abhang hinab, auch hatte es wieder zu regnen begonnen.

Das Weib saß auf der lehmigen, durchweichten Erde, hielt den Kopf des Mannes auf den Knien und starrte stumpf und müde ins Weite. Sie konnte keinen Gedanken fassen. Alles wirbelte ihr im Kopfe durcheinander, immer wieder von der einen Frage beherrscht, auf die sie in ihrer stummen Verzweiflung keine Antwort wußte: Warum mußte es so kommen? Warum entriß ihnen das Schicksal das Glück, das es ihnen geschenkt hatte? …: Es durfte nicht sein! Er muß, er wird leben, und sie werden glücklich sein wie ehemals, ja noch viel glücklicher, jetzt, wo sie begriffen hatte, wie sehr sie ihn liebte …:

Mit ihrer nassen, schmutzigen Hand strich sie sanft über sein Gesicht, das sie im Finstern nicht mehr sehen konnte.

Regte er sich …:?

Und ehe sie wußte, was geschah, war er, wild um sich schlagend und schreiend, aufgesprungen, um jedoch sogleich wieder, kaum daß er auf den Füßen stand, zusammenzusinken.

Erschreckt beugte sie sich über ihn, aber er riß sich von neuem in Abwehr und Angst von ihr los, unverständliche Worte murmelnd.

War sein Geist durch die Erschütterung getrübt, daß er sie nicht mehr erkannte, Joaquina, sein Weib?

Es regnete jetzt stärker. Das Rauschen des Wassers klang monoton durch die Nacht, deren undurchdringliche Finsternis alles verhüllte.

Stumm und unbeweglich saß Joaquina und lauschte ins Dunkel, wo sie den Verunglückten wußte …:

Mitternacht war längst vorüber, als das Keuchen des Verletzten in gleichmäßiges Atmen überging. Vorsichtig näherte sie sich ihm, der jetzt ruhig und still blieb und sie gewähren ließ. So schleppte sie ihn in die Hütte, schnitt die Kleidung auf und bettete ihn auf die Pritsche. Brüche waren an seinem Körper nicht zu finden, nur starke Quetschungen. Einige Schluck Cachaça belebten ihn, und sie rieb ihn ganz damit ein.

Er war nun vollkommen ruhig und bei Bewußtsein. Sie sprachen über den Unfall, er mit langsamer, tiefer Stimme, als ob er müde wäre. Mit einem Male jedoch trat in seine Augen ein seltsamer Ausdruck, er sprang auf und ergriff, sich irr umschauend, eine Axt, auf die erschreckt zurückweichende Frau damit eindringend. In letzter Sekunde konnte sie noch dem wuchtigen Hiebe ausweichen, und bestürzt begriff sie, daß der Unfall ihm seine Vernunft geraubt hatte.

Er beruhigte sich indessen bald wieder. Weinend küßte er ihr Gesicht und Hände, sie um Vergebung flehend, da er nicht begreifen könne, was über ihn gekommen sei, bis er wieder einen eigentümlichen Einfall hatte, der an die Tat eines Geisteskranken gemahnte.

So vergingen Tage, in steter Angst, von dem Kranken erschlagen zu werden, in harter Arbeit und nimmermüder Pflege. Nie wußte sie, wenn sie sich zu kurzem Schlummer niederlegte, ob sie auch wieder aus ihm erwachen wird, denn was konnte der Verunglückte nicht alles tun, während sie schlief! Aber ihre Liebe war so stark, daß sie in treuer, aufopfernder Pflege Tag und Nacht bei ihm aushielt. Nur selten gönnte sie sich kurze Ruhe. Dann trat sie wohl vor die Hütte, über das weite Land schauend, durch das der Fluß seine gelben, vom Regen aufgewühlten Fluten wälzte, und ihr Herz zog sich zusammen in namenlosem Weh. Rief er da nicht schon ihren Namen? Und alles vergessend, wandte sie sich und eilte zurück ans Krankenlager.

Nach Tagen hatte sich sein körperlicher Zustand so weit gebessert, daß er sich wieder erheben konnte. Auch die Tobsuchtsanfälle hatten nachgelassen. Schmal und blaß war er geworden, aber auch die Frau sah elend aus, und ihr frischer Mut war einer tiefen Niedergeschlagenheit gewichen. Was sie in all der Zeit ausgestanden haben mochte, das wußte allein nur die Wildnis und verbarg es in ihrem Geheimbuche …:

Wenn Medardos Körper auch wieder zu Kräften gekommen war, so konnte er es jedoch nicht mehr über sich bringen, den Stollen zu betreten. Sobald er sich ihm näherte, wurde sein Blick unsicher, kalter Schweiß brach aus allen Poren, und er verspürte einen unwiderstehlichen Drang zu fliehen und rannte, auf nichts achtend, davon. Aber das Auge der Frau war unermüdlich, und oft kämpfte sie verzweifelt mit ihm, um ihn wieder in die Hütte zu bringen.

Und eines Abends entschloß sie sich und schrieb seinem Vater. Der Diamantaufkäufer Bruno, ein Deutscher, nahm das Schreiben mit sich.

*

Monate vergingen.

Die Regenzeit war lange vorüber, aber immer noch arbeiteten sie nicht. Unbenutzt lag das Boot auf dem Ufer, die Wände des Stollens waren immer mehr zusammengestürzt, und die Pferde hatten gute Tage der Freiheit, denn nur selten wurde eines von ihnen gebraucht.

Medardo hockte tagelang auf seinem Lager in der dämmrigen Hütte oder auf einem Stein vor derselben, unbeweglich auf einen Punkt starrend, um bei dem geringsten Geräusch erschreckt aufzufahren und blindlings davonzurennen. Aber Joaquina war schon froh, daß sein Zustand sich so weit gebessert hatte, daß er sie nicht mehr bedrohte und auch sonst zu wissen schien, was er tat.

Die Einsamkeit bedrückte ihn jetzt schwer. Er sehnte sich nach Menschen. Stundenlang sprach er von seinen Eltern und von dem Leben der großen Städte, das ihn rief. Die Wildnis schreckte ihn, er war schwach und müde geworden. Schon seit Monaten hatten sie sich nicht mehr geküßt. Nachts lagen sie auf ihren Pritschen, fern und fremd einer dem anderen, und sie wußte ihn in Welten wandern, die ihr verschlossen blieben, für die sie zu stark war.

Täglich, stündlich fast wurde ihr Leben unerträglicher. Und als sie einmal, meinend, die Qual dieses Nebeneinanderherschreitens nicht mehr ertragen zu können, fragte, ob es nicht besser sei, sie trennten sich und wild klopfenden Herzens ängstlich auf seine Antwort wartete, schwieg er und zuckte nur müde die Achseln. –

Eines Mittags hörten sie das Sprengen von Reitern, und lautes Händeklatschen sagte ihnen, daß sie jemand zu sprechen wünsche.

»Vater!« schrie Medardo und rannte den Ankömmlingen entgegen.

Der alte Mann war von zwei Garimpeiros begleitet, die ihm den Weg gewiesen hatten.

Bewegt schloß er den Sohn in die Arme.

Dann saßen sie in der Hütte, bei dem einfachen Mahl, das Joaquina ihnen in Eile bereitete und sprachen von Dingen, die ihr fremd und wertlos schienen. Ihr Herz zog sich schmerzlich zusammen, als sie den Eifer und das Interesse gewahrte, mit dem Medardo den Vater nach allem fragte, was dort in der anderen Welt lag. Er lebte nun ein Leben, in dem sie keinen Platz mehr hatte. Mit keinem Wort hatte er sie erwähnt, schien sie ganz vergessen zu haben. Und mit Freude stimmte er dem Vater zu, wieder zur Zivilisation zurückzukehren.

Eine Urwaldschöne

»Zurück! Zurück!« Er lief geschäftig hin und her, lachte und scherzte, sah sie nicht in ihrer dunklen Ecke sitzen und warten. Dann, plötzlich, erinnerte er sich ihrer und rief, jubelnd zu ihr hinstürzend: »Joaquina, wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin! Bald werde ich wieder alle sehen, alle begrüßen können …:«

Er strahlte wie ein Kind, dem ein unerwartetes Geschenk in den Schoß gefallen ist, seine Umgebung und alles darüber vergessend, nur der Freude hingegeben.

Sie aber saß und wartete angestrengt, daß ein Wort von ihm ihr zeigen sollte, daß er auch an sie dachte, daß er fragen würde, ob sie mitreisen wolle. Sie wußte ja, daß sie nicht zurückkehren durfte, daß sie seit langem dort gesucht wurde und ihr Steckbrief überall bekannt war. Sie erinnerte sich nur zu gut an die Zeit, da sie mit knapper Not ihren Häschern entronnen war, bis die Wildnis sie aufnahm und ihr so viele glückliche Stunden schenkte, die Liebe und das Leid …: Sie wußte, daß sie nicht zurückkehren durfte, und doch wartete sie auf ein Wort, das ihr sagen würde, daß sie mit ihm gehen solle.

Aber er sprach von vielem anderen, nur nicht von ihr.

Und dann nahm er ihre Hände, die kalt waren von Erregung: »Du hast mir das Leben gerettet, Joaquina –« Wie weich seine Stimme klang! Ihr Herz schlug schmerzhaft, und die Erwartung saß ihr würgend in der Kehle – »und …: ich werde es nie vergessen.«

Langsam wandte er sich und ging zurück ans Feuer, zum Vater.

Tränen stiegen in ihre Augen. Sie wollte sich ihm zu Füßen werfen, sie wollte ihn halten, schreien, klagen. Doch schweigend saß sie, keines Wortes mächtig. Dann, sich gewaltsam zusammenraffend, erhob sie sich und ging schweren Schrittes zu den angeregt und froh am Feuer Plaudernden.

Bei ihrem Anblick verstummten sie scheu.

»Es ist also aus zwischen uns …:? Du gehst …:, ich bleibe …« Sie wandte sich müde zur Pritsche, unter deren Blätterschütte in einem Holzröhrchen die Diamanten lagen, und gab sie ihm.

»Hier hast du sie. Nimm sie alle, ich brauche keine …:« Ruhig und sicher verließ sie die Hütte und schritt hinein in den flimmernden Sonnentag, ohne Waffen, weglos, gleichgültig und müde.

Medardo stand und schaute ihr nach.

»Laß sie gehen«, wollte der Vater sagen, der über eine Lösung von der Frau schon nachgesonnen hatte, aber als er den Ausdruck im Gesicht des Sohnes gewahrte, schwieg er.

Medardo stand wie erstarrt, von seinen Augen sanken Schleier, eine Welt offenbarte sich ihm wieder, die er fast vergessen hatte. In der zur Faust geballten Rechten krampfhaft das Röhrchen mit den Steinen umklammert haltend, glitt sein Blick wie geistesabwesend in die Runde und blieb an der Stelle haften, wo die Frau hinter den Büschen verschwunden war. Einen Augenblick schien es, als wolle er ihr nachstürzen, doch der Vater umfing ihn mit den Armen, und bald hatte die Unterhaltung ihn wieder gefesselt. Es gab ja so vieles zu erzählen. So viel Zeit war vergangen seit jenem Tage, da er fliehen mußte, so viele Freunde waren zur ewigen Ruhe gekommen, waren verhaftet und verbannt worden, damals als die politischen Unruhen auch ihn zur Flucht zwangen.

Erst als die Essenszeit heranrückte, erinnerte er sich des Weibes. Ihm wurde bange, und er lief, es zu suchen.

Laut rief er ihren Namen, wild in die Luft schießend, aber nichts war zu hören, als aus der Ferne das Wiehern Balbos, seines Reitpferdes, das, da er sich monatelang nicht um die Tiere gekümmert hatte, auch nicht wie ehemals fröhlich herbeigetrabt kam.

Endlich jedoch fand er die Frau. Sie saß am Ufer des jetzt in der Trockenzeit lustig dahinplätschernden Flusses, an einer Stelle, die sie beide vor seiner Erkrankung besonders gemocht hatten. Hier hatte er ihr einmal von seiner Liebe gesprochen und von dem Glück, das sie ihm schenkte. »Joaquina,« hatte er gesagt und ihr tief in die schimmernden Augen geblickt, »Joaquina, ich möchte ein Kind von dir …:« Und sie hatte glücklich den Kopf geschüttelt, während große Tränen ihr die Wangen hinabgerollt waren, und hatte ihm mit der harten, verarbeiteten Hand, die doch so fein und schlank war, übers Haar gestrichen …: Der Fluß vor ihnen hatte gerauscht, und nichts war um sie gewesen, als Freiheit, Luft und Licht …:

An all dies mußte Medardo denken, als er sie jetzt so still und zusammengesunken sitzen und in das dahingleitende Wasser blicken sah.

Leise schlich er hinzu und setzte sich neben sie, ganz nahe, wie sie damals gesessen hatten.

Ihre Augen begegneten sich, und schweigend strich sie ihm über das Haar – wie damals …: Ihr Antlitz war ruhig und unbewegt. Sie weinte nicht. Ihm aber erschien alles, was er bis jetzt erlebt hatte, zu verblassen, selbst die Verschüttung wurde zur Bagatelle, vor der alles überragenden Gewalt dieser Stunde.

»Joaquina,« flüsterte er, und die Worte klangen ihm so entsetzlich laut, »du kommst mit uns, mit mir, in das Haus des Vaters. Wir wollen zusammen leben und arbeiten und glücklich sein, wie wir es all die Jahre hier waren. Wir verkaufen die Steine, die wir haben. Es sind nicht viele, die meisten verschlang meine Krankheit, aber für uns wird es reichen, um dort unter den Menschen ein neues Leben zu beginnen. Du weißt, ich kann nicht länger hier bleiben. Die Wildnis tötet mich …:«

»Wenn du gehst, so gehst du auch von mir.« Ihre Stimme war ruhig und fest. »Unsere Wege trennen sich, denn ich bin dazu verdammt, immer hierzubleiben. Ich darf nicht zurück …: Gehe du. Ich klage nicht. Erst hier in der Verbannung habe ich das Glück gefunden, wenn es auch vergänglich war, wie alles …:«

Sie erhob sich, und er folgte ihr in die Hütte.

Bald war die Mahlzeit bereitet, und sie aßen, den Teller auf den Knien haltend, jeder an dem Platze, wo es ihm gut dünkte, wie es Brauch ist in der Wildnis. Dann wurden die Hängematten gerichtet, denn schon am nächsten Morgen in der Frühe wollten sie aufbrechen, um die einige Wegstunden entfernte Siedlung zu erreichen, wo, wie sie wußten, an diesem Tage ein Auto mit Proviant erwartet wurde, das sie mitnehmen konnte.

Aber bis tief in die Nacht flogen Rede und Widerrede. Es wurde vereinbart, daß die Frau alle Steine behalten sollte, auch noch einige tausend Milreis bot ihr der Vater Medardos. Sie schlug sie jedoch mit einem Kopfschütteln aus.

»Was will sie?« meinte leise der Alte, sich zum Sohne neigend. »Handeln wir nicht gerecht an ihr?«

»Sie hat mir das Leben gerettet, Vater.«

»Wäre sie in der Gefahr gewesen, hättest du nicht genau so gehandelt? …:«

Der Alte legte sich zum Schlafen nieder. Die Strapazen der ungewohnten Reise hatten ihn doch arg mitgenommen. Medardo sah im Scheine des Feuers, wie alt und grau er in den Jahren, da er fern von ihm weilte, geworden war, und Rührung beschlich ihn. Nur unklar fühlte er, daß irgendwo ein Unrecht sei, das man ihr, Joaquina, zufügte.

Die Mulatten schnarchten laut. Sie umgab der Alltag, für sie hatte sich dieser Tag durch nichts von den anderen ausgezeichnet. Joaquina hörte sie schwer im Traume stöhnen. Sie selbst floh der Schlaf. Ihr Leben war mit dem Ende dieser Liebe abgeschlossen, sie wußte es und hatte sich damit abgefunden.

Auch Medardo fand lange keine Ruhe. Aber es waren andere Gedanken, die den Erregten beschäftigten. Vor seinen Augen schaukelten Bilder seines Heimatortes auf den Erinnerungswogen einer glücklichen Kindheit. Nur selten drängte sich das Bild des Weibes in sein Gehirn, des Weibes, das er geliebt hatte, das ihn vom Tode errettet und der Nacht des Wahnsinns entrissen hatte, ein Bild, das ihm Qualen schuf, und das er so schnell als möglich zu vergessen strebte. Seine Gedanken lebten schon in der neuen und doch so vertrauten Welt. Die Gefahren und Entbehrungen der Wildnis werden bald hinter ihm liegen, sein kranker, geschwächter Körper wird ausruhen können, gepflegt im Kreise der Seinen …:

Am nächsten Morgen, als noch alle schliefen, stand Joaquina auf und setzte die Töpfe mit Bohnen und Reis aufs Feuer. Es war noch dunkel, die Sonne hatte noch nicht ihre Strahlen auf die Erde gesandt. Das gelbe Feuer erhellte den Raum, im unruhigen Widerschein den Schatten der hantierenden Frau auf die Wände werfend.

Allmählich erwachte einer nach dem anderen. Sie wuschen sich am Flusse, dann wurde in der Dämmerung des beginnenden Tages gepackt. Die Mulatten halfen dabei. Es ging rasch vonstatten, denn Medardo wollte nichts mitnehmen als das Unentbehrlichste. Alles andere blieb zurück.

Stumm wurde gegessen, und die Pferde wurden gesattelt. Auf seinem letzten Ritt wollte Medardo sich noch einmal von Balbo, seinem Lieblingspferd, tragen lassen, wie es ihn so oft über den Kamp getragen hatte, auf den weglosen Pfaden, durch Busch und Moor, über Sand und Geröll. Dann würde es der Frau bleiben, wie alles, was sie in gemeinsamer Arbeit erwarben.

Sie sattelte auch ihr Pferd. Wenigstens die kurze Reise bis zur nächsten Siedlung wollte sie ihn begleiten, wenn es auch weiterhin nicht mehr sein konnte …:

Es ist etwas Eigentümliches um das Gefühl eines Weibes, das von demjenigen verlassen wird, den es liebt. Immer, bis zum letzten Augenblick noch hofft es, die grausame Wirklichkeit möge sich ändern und der Geliebte nicht von ihr gehen.

So unterhielten sie sich über alle möglichen Dinge, nur die Trennung wurde nicht erwähnt. Sie sprühte von Geist und Frische, ihn mit keinem Wort an Unfrohes gemahnend, daß er voll Freude ihrer Unterhaltung folgte und fast vergaß, daß diese Stunden ihre letzten waren. Wie sehr hatte er sich, seit seinem Entschluß zu reisen, vor ihnen gefürchtet! Nun machte das Weib sie ihm in ihrer Liebe so leicht. Er spürte wohl, wie schwer es ihr wurde, und tiefe Wehmut, heftiges Leid überfluteten ihn und ließen seine Liebe zu ihr heiß aufwallen, daß er meinte, sich nicht von ihr trennen zu können.

Aber schon tauchte in der Ferne vor seinen Blicken die Siedlung auf. Dort wird nach wenigen Stunden der Wagen hindurchkommen, der ihn aufnehmen und zurücktragen soll in die lang entbehrte und ersehnte Heimat. Und wieder stürmten hundert Gedanken auf ihn ein, die von der Frau an seiner Seite fortführten.

Erschauernd fühlte es das Weib, wie es eine Minute zuvor in seligem Erbeben und banger Hoffnung seine Liebe gefühlt hatte, und mit grausamer Klarheit wußte es, daß nun wirklich alles verloren sei.

Im Galopp fegten sie über den Kamp, stumm die letzte Wegstrecke zurücklegend.

Der Vater gab das geliehene Pferd dem Besitzer zurück, die beiden anderen wurden abgesattelt und freigelassen, sich das Futter zu suchen, und die Mulatten trabten ihren Hütten zu.

Als die Sonne zu höchst am Himmel stand, und sich alle Kreatur ins Gebüsch und in den Schatten verkroch, hörte man in der Ferne das Rattern des Automobils. Und nun hielt es vor der Venda. Vater und Sohn wurden mit dem Führer bald handelseinig. Joaquina sah sie in dem Wagen Platz nehmen. Unabwendbar war die Trennung beschlossen.

Und wieder ratterte der Wagen, weiße Gaswolken ausstoßend. Immer kleiner wurde er und kleiner, bis er in weiter Ferne hinter dem Horizont verschwand …:

»Allein!« Fort war Medardo für immer, nie mehr wird sie ihn wiedersehen …:

Wohin jetzt? …: Gab es auf der ganzen, weiten Welt ein Plätzchen, an dem sie mit Liebe erwartet wurde …:? Ach, nirgends wußte sie einen Menschen, an dessen Seite sie sich zur Ruhe betten, mit dem sie Not und Sorge teilen konnte …: Eine Geächtete war sie, die unter dem Fluch ihrer Tat wird leben müssen bis ans Ende …:

Nichts sehend, noch begreifend, in einem stumpfen, schweren Leid schlenderte sie langsam dahin. Dann sattelte sie wie im Traume sein Pferd, das ruhig dastand und zu begreifen schien, was im Herzen der Frau vorging. Das andere am Halfter führend, ritt sie im Schritt den Weg zurück, den sie am Morgen noch mit ihm gekommen war …:

*

Es war spät abends, als sie die Hütte erreichte. Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen, verspürte aber keinen Hunger. Angekleidet warf sie sich auf die Pritsche, auf der sie so viele glückliche Stunden verbracht hatte, und wild aufschluchzend, küßte sie das harte Kissen, auf dem einst das Haupt des Geliebten ruhte.

So lag sie lange.

Matt und gläsern stieg der Mond am Himmel empor. Seine blassen Strahlen geisterten lautlos, schwarze Schatten an die Wände der Hütte malend. Es war ganz still, keine Stimme eines nächtlichen Tieres zu hören, noch sonst ein Geräusch. Selbst der Wind, der fast immer über den Kamp zieht, war verstummt. Es schien, als sei in dieser Nacht alles Leben erstorben.

Joaquina hatte sich auf ihrem Lager aufgesetzt. Noch nie war ihr die Einsamkeit so zum Bewußtsein gekommen. Wuchsen nicht aus dem mondhellen Dämmern Gestalten, nebelhafte Gebilde, greifbar und unbegreiflich, wilde Ausgeburten ihres gemarterten Hirns? Hohnlachend näherten sie sich, griffen nach ihr …:

Da sprang sie auf mit gellendem Schrei: »Medardo!«

Die Pferde, die sich müde in der Nähe der Hütte gelagert hatten, spitzten die Ohren und hoben die Köpfe.

Eine wilde Angst hatte das Weib gepackt, namenlose Sehnsucht nach dem Treulosen, der sie verließ.

Sie stürzte ins Freie, hin zu den Tieren, die sich unruhig erhoben. Im Augenblick war Balbo gesattelt. Bebend stand das edle Tier, alle Nerven gespannt, bereit, jede Minute im Galopp dahinzufliegen. Und schon jagten sie zum Dorfe, das im tiefen, mitternächtlichen Schlafe lag, und an ihm vorbei in die Richtung, in der das Auto, das Medardo davongetragen hatte, verschwunden war.

Sie dachte nicht daran, ob sie den Wagen würde einholen können, noch hatte sie sonst einen klaren Gedanken, wie sie so, von einer wahnsinnigen Sehnsucht gepackt, das dahinfliegende Pferd anspornte, das sich alle Mühe gab, die ganze Muskelkraft seines sehnigen Körpers herauszuholen.

Der Mond leuchtete ihnen mit seinem bläulichen Lichte, daß sie nicht strauchelten, noch fielen, aber das Tier wurde immer müder.

Soweit das Auge im blassen Dämmern reichte, sah man die Autostraße sich ins Unendliche dehnen. Und mit einem Male begriff Joaquina die ganze Zwecklosigkeit ihres Handelns, warf das Pferd herum, denselben Weg zurückjagend, den sie soeben gekommen waren. Ihre Gedanken verwirrten sich. Es war ihr, als ob unsichtbare Fäden sie doch in die Richtung zwängen, in der der Wagen mit Medardo verschwunden war, und sie mußte ihre ganze Willenskraft aufbieten, um nicht wieder umzukehren und abermals den aussichtslosen Ritt auf seinen Spuren fortzusetzen. Immer wieder und wieder spornte sie das Pferd, das, mit Schweiß bedeckt, am ganzen Körper zitterte und laut schnaubte, zur Eile an, wenn es, vor Müdigkeit bebend, für Minuten seinen Lauf verlangsamte. Und weiter raste es in wilder Hast, bis es plötzlich, schon in Sehweite ihrer Behausung, sich steil aufrichtend, tot unter ihr zusammenbrach.

Taumelnd erhob sich Joaquina und eilte schwankend weiter, bis sie wieder in der Hütte war, in der alles von ihrer Liebe redete und von ihrem Leide. Einen alten Kittel Medardos an die Brust gepreßt, entsicherte sie den Revolver.

Der Schuß ging in die Lunge.

Ein Röcheln, ersticktes Atmen, Blut brach ihr aus Mund und Nase. Die Waffe weit von sich schleudernd, barg sie das Gesicht in die Kleider des Mannes …:

Aber der Tod, den sie erflehte, kam nicht. Umhertastend, suchte sie nach dem Messer. Es lag jedoch zu weit entfernt, als daß sie es hätte erreichen können. Mit den Fingern die Wunde auseinanderziehend, damit ihr Leben rascher verströme, klagte sie in verzweifelter Wut …: Dann wurde es dunkel vor ihren Augen, und schwarze Nacht umhüllte sie …

*

Am Morgen fand sie Hans Mahr, der mit Bruno, dem Diamantaufkäufer, in die nächste Siedlung wanderte. Es gelang ihm, nachdem er ihr aus seiner Feldflasche einige Schluck in den mit Gewalt geöffneten Mund geflößt hatte, sie wieder ins Leben zurückzurufen.

Aber sie wußte ihm keinen Dank. Sich verzweifelt das Haar raufend, flehte sie, von Schluchzen erstickt, um den Tod.

Beruhigend, wie einem Kinde, sprach er ihr zu, reinigte die Wunde und verband sie, alles in der stillen, sicheren Art eines Menschen, der viel gesehen und gelitten hat, und dem selbst nichts Menschliches fremd ist.

Allmählich wurde sie ruhiger, und nach einer Stunde erhob sie sich sogar, trotz des Protestes der beiden Männer, um das Mahl zu bereiten, damit Bruno, der Diamantaufkäufer, nicht hungrig seinen Weg fortsetzen müsse.

Gegen Abend jedoch trat hohes Fieber ein, und Hans Mahr, der bei ihr zurückgeblieben war, saß die ganze Nacht an ihrem Schmerzenslager, auf die wilden Fieberdelirien lauschend.

Seiner und der anderen Garimpeiros Pflege gelang es, Joaquina am Leben zu erhalten. Nach einem Monat war sie wieder soweit hergestellt, daß sie eine leichte Arbeit verrichten konnte. Sie war jetzt noch schweigsamer als früher, weder Freude noch Leid schienen ihr etwas anhaben zu können, und nur einmal huschte es wie Bedauern über ihr strenges, verschlossenes Gesicht. Das war, als Hans Mahr ihr Lebewohl sagte, um weiterzuziehen in die Wildnis.

*

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.