Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Leichner >

Unter brasilianischen Diamantsuchern

Georg Leichner: Unter brasilianischen Diamantsuchern - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGeorg Leichner
titleUnter brasilianischen Diamantsuchern
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1928
printrun1.-12. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181121
projectidb9b3506b
Schließen

Navigation:

V

Die Riesenschlange – Spuren im Sande – Rache

 

Nun hatte Hans Mahr genügend Geld beisammen, um den Traum jedes Garimpeiros vom eigenen Garimpo zu Wahrheit zu machen, und er beschloß, das Glück mit Dino, einem Indianermischling, als Gefährten zu versuchen.

So brachen sie eines Tages auf, um eine diamantreiche Stelle zu suchen. Es glückte ihnen jedoch lange nicht. Ihr Mundvorrat war erschöpft, und da sie kein Wild gesehen hatten, waren sie nur auf den Ertrag des Flusses angewiesen.

Wieder neigte sich ein Tag seinem Ende zu. Dino wollte an einer bequemen Uferböschung angeln. Hans Mahr, der alles für das Nachtlager vorbereitete, verlor ihn bald aus den Augen.

Es fing bereits an zu dunkeln, als plötzlich hastig hintereinander abgefeuerte Schüsse die abendliche Stille zerrissen.

Den Karabiner in der Hand, stürzte Hans Mahr vorwärts, in die Richtung, aus der jetzt qualvolle Schreie drangen, Schreie eines Menschen in Todesnot, und dann – Schweigen …:, doppelt unheimlich in der alles verhüllenden Finsternis der Nacht, die inzwischen hereingebrochen war.

Von Schrecken und Furcht gepeitscht, taumelte er blindlings über Äste, Wurzeln und Schlingpflanzen. Dornen zerrissen ihm Gesicht und Hände und zerfetzten die Kleidung.

War er nicht schon vorbeigelaufen …:?

Lauschend verhielt er den Schritt.

Stille und undurchdringliches Dunkel, nur das leise Murmeln des Flusses …

Er hob den Karabiner und feuerte. Die Schüsse dröhnten, verzehnfacht durch das nächtliche Schweigen.

Nichts rührte sich.

Das Ufer war so dicht bewachsen, daß man sogar am Tage schwer hindurchdringen konnte. Unmöglich festzustellen, wo Dino hinabgestiegen war. Alle Rufe blieben unbeantwortet. Die Wildnis schwieg in ihrer Grausamkeit.

War er tot oder nur bewußtlos? …: Vielleicht lag er dort unten mit zerschmetterten Gliedern, unfähig, sich zu rühren? …: Und er, Hans Mahr! …:

Verzweifelt hastete er weiter. Scharfe, stachlige Gewächse bedrohten die Augen, Wurzeln ragten. Er fiel, raffte sich auf, rannte weiter. Die Nervenanspannung steigerte sich bis zur Raserei und ließ auf nichts mehr achten, außer dem einen …: Der Verunglückte mußte gefunden werden! Schlangen, Jaguare, alle Gefahren der Wildnis waren vergessen.

Aber Stunde um Stunde verrann. Längst war ihm alle Orientierung verlorengegangen. Ein Schritt, und er stürzte in ein metertiefes Loch. Die Erschütterung brachte ihn zur Besinnung. Hunderte von Gefahren drohten wieder und ließen ihn das Suchen aufgeben.

Man mußte ja Feuer machen: es könnten Jaguare in der Nähe sein. Aber wo befand sich das Lager? Im Dunkeln vorwärtstappend, geriet er in Pfützen, die bis an die Knie reichten. Die Schuhe waren mit Wasser gefüllt und rieben die an sich schon wunden Füße. Geradeaus versank man in schlammigen Morast, und auch nach rechts ging es nicht weiter. Sollte er hier bleiben und Feuer machen, hier in der Nässe? Er hatte auch keine Streichhölzer; sie blieben in der Satteltasche. Starke Müdigkeit überfiel ihn, und er lehnte sich schwer an einen Baum, verzweifelt gegen den Schlaf kämpfend. Unzählige, nächtliche Mückenschwärme setzten sich auf Kopf und Hände. Jetzt erst merkte er, daß er seinen Hut verloren hatte. Die Hand, die den Karabiner umspannt hielt, sank nieder …: Die Knie wankten …: Dem anstrengenden Reittag und der Aufregung der letzten Stunden folgte gänzliche Entspannung aller Nerven.

siehe Bildunterschrift

Indianerfrauen

siehe Bildunterschrift

Antonio

Man hörte den Fluß im Dunkel murmeln, Büsche und Sträucher raunten, und der Baum, an dessen Stamm er schlafend lehnte, flüsterte …:

Und wieder neigte sich eine Nacht ihrem Ende entgegen, eine Nacht, wie sie der Vampyr Diamant denjenigen schenkt, die sich ihm verschreiben.

Erstaunt sah Hans Mahr im Morgengrauen die Flinte zu seinen Füßen in einer Pfütze liegen. Er hob sie auf und schaute um sich. Das Dickicht, in dem er sich befand, war gar nicht so undurchdringlich, wie dies in der Nacht den Anschein hatte. Es war auch nicht schwer, den Weg zum Lager zu finden. Er war in der Dunkelheit im Kreise umhergeirrt.

Dino aber war nicht im Lager. Somit schwand die letzte Hoffnung, ihn noch am Leben zu finden. Im Licht des Morgens konnte man deutlich seine gestrigen Spuren erkennen. Ein paar mit dem Waldmesser abgeschlagene Äste und Lianen wiesen den Weg.

Der Ufersand schimmerte weiß. Nichts Lebendes war zu sehen.

Dinos Fußspuren führten bis an das Wasser.

Hier hatte er gesessen. Doch plötzlich war er aufgesprungen. Die scharfen Abdrücke seiner Stiefel verrieten Hast. Rückwärts fliehend schoß er. Leere Patronenhülsen säumten den Pfad, und dort lag auch der halb entladene Revolver. Und jetzt …: Die breite Spur einer Riesenwasserschlange erfüllte Hans Mahr mit Entsetzen, sie mischte sich mit der des Menschen. Der Abdruck eines Knies …:, verzweifelt sich in den Sand krallende, um einen Halt ringende Finger, im Sande versickertes Blut …, Hautfetzen an einer Wurzel …:, und dann eine breite, blutige Rinne: hier schleifte Dinos Kopf. Mit dem Aufwand der letzten Kräfte, schon im Wasser, kämpfte er mit dem Ungeheuer, das ihn in den Tod zwang. Ein Stein war aus seiner Höhlung gerissen, Kleiderfetzen, Fleisch und Blut klebten daran …:

Erschüttert stand Hans Mahr, Grauen und Verzweiflung im Herzen.

Der Ruf fremder Tiere schallte, bunte Farben prangten und leuchteten. Unbegreifliche Wildnis ringsum. Sieghaft stieg die Sonne empor, hundertfaches, seltsam träges Leben voll tödlicher Wünsche erwachte: der Tag.

Müde kehrte er in die Siedlung zurück, aber nach einigen Tagen machte er sich erneut auf den Weg, dieses Mal mit Arnoldo, einem weißen Brasilianer.

*

Ein Schuß krachte.

Die zwei schraken auf und blieben unbeweglich, auf die Ellenbogen gestützt, liegen.

Dunkle Nacht. Es hatte geregnet. Frische Luft zog kalt durch die mit einer Decke verhängte Türöffnung der Hütte.

Stille. Nur die Bäume flüsterten, und der kleine Bach, der in der Nähe floß, murmelte.

Das Lagerfeuer wurde schon mehrere Tage nicht mehr aufrechterhalten. Sie waren von der Tagesarbeit zu müde, um in der Nacht noch wachen zu können, und da die ersten zehn Nächte in vollster Ruhe vergangen waren, wurde es zuerst auf die dunkelsten Stunden beschränkt, um schließlich ganz eingestellt zu werden. Es waren keine Jaguarspuren zu sehen, und die Schlangen schienen sich ohnehin wenig vor dem Feuer zu fürchten.

»Hast du gehört …:?«

»Ja! Ein Schuß …: und das Brechen von Ästen unter eiligen Schritten …:«

Jäh aus dem Schlaf gerissen, mußte sich Hans Mahr erst in der Wirklichkeit zurechtfinden. Wer …:? Wer konnte es sein, hier in der Wildnis, wo es nur Indianer gab, die keine Feuerwaffen besaßen. Fünf Reittage waren sie von der nächsten Siedlung entfernt. Ein Zufall …:? Bei der Unendlichkeit des Urwaldes und der spärlichen Bevölkerung …

Das Gehirn arbeitete fieberhaft. Man ahnte eine Gefahr und konnte sie nicht sehen, konnte sich nicht gegen sie schützen. Arnoldo schlief wieder ein. Wie leicht ging er über alles hinweg! Es war dies keine Stärke, keine Selbstbeherrschung, sondern eine Teilnahmlosigkeit, die alles ruhig geschehen ließ, ohne aus dem Gleichgewicht zu gelangen, eine Schwäche, hervorgerufen durch allzu schwere Kämpfe. Es war, als ob er nicht mehr auf dieser Welt wäre, als ob seine Seele irgendwo in der Unendlichkeit schwebte. Nur wenn sie auf die Jagd gingen, glänzten seine sonst gleichgültig blickenden Augen. Er lebte auf, wurde entschlossen und urteilte rasch. Das Leben erwachte in ihm in solchen Augenblicken. Wie hatte er in der ersten Zeit alles mit Freude aufgenommen, als sie tagelang in den Wäldern umherirrten auf der Suche nach einer diamantreichen Stelle und endlich eine solche fanden, wo sich bei der ersten Untersuchung eine große Anzahl Diamantbegleitsteine zeigte.

Das Errichten der Hütte nahm eine Woche in Anspruch. Das Dach wurde aus Palmblättern hergestellt, die Wände aus Pfählen, durch Lehm miteinander verbunden. Sodann mußte der Platz um die Hütte gesäubert werden. Gras und trockene Äste wurden in Brand gesteckt, um dort hausende Schlangen und anderes Getier zu vernichten, und endlich konnte an die eigentliche Arbeit: das Aufdecken der diamanttragenden Stelle, dem Befreien des Kiesels von der ihn überdeckenden Erdschicht, geschritten werden. Es war nicht schwer, den kleinen Bach, der in der Nähe floß, umzuleiten. Die Hilfe des Wassers ist nicht zu unterschätzen.

In drei Wochen lag der Cascalho frei. Diese drei Wochen waren die schwierigsten. Das Essen war knapp, der mitgebrachte Proviant verringerte sich zusehends, und sie konnten ihn nur ergänzen, wenn die erste Partie Diamanten verkauft war. So galt es auszuhalten, zu arbeiten und zu hoffen. Im übrigen half ihnen der Fischfang über die bitterste Not.

Endlich kam auch die Zeit, wo sie zur Gewinnung der Diamanten übergehen konnten. Zwei Tage brachen sie den Kiesel, schleppten ihn zu dem Bassin, das sie in dem Bach errichtet hatten und wuschen ihn. Sobald sie etwas gefunden hatten, ritt einer von ihnen in die Siedlung, um neue Vorräte zu holen. Die Reise hin und zurück nahm viele Tage in Anspruch. Es gab keine Straße bis hierher. Der Kompaß und der Fluß waren die einzigen Orientierungspunkte. An vielen Stellen mußte ein schier unüberwindliches Dickicht durchquert werden, was die Gefahr, von Schlangen gebissen zu werden, erhöhte. Und doch freuten sie sich, daß ihr Garimpo so abgelegen war und versuchten, bei wiederholtem Reiten nie dieselben Stellen zu passieren, um zu vermeiden, daß sich ein Pfad bildete, eine Vorsichtsmaßregel gegen die Banditen, die den Garimpeiros Gold und Diamanten nahmen und alles, was ihnen gefiel, und gegen die Polizei, die nur zu häufig sämtliche Tiere und Sättel »requirierte«.

*

Die Nacht verging ruhig. Die Stille wurde durch nichts weiter unterbrochen.

Arnoldo erwachte. Sie kleideten sich rasch an. Spannung lag auf ihren Gesichtern. Wer war es, der nachts um ihre einsame Hütte sein geheimnisvolles Wesen trieb?

Ruhe und Stille. Ein leiser Wind sprach vor Tagesanbruch. Die Karabiner in der Hand, schlichen sie im Morgengrauen aus der Hütte. Im Sande sah man deutlich die Spuren beschuhter Füße, die von einem Gebüsch zur Hütte führten, um dieselbe herumgingen und wieder im Dickicht verschwanden. Wer war die geheimnisvolle Person, die nachts im Walde umherschlich? Warum kam sie nicht zu ihnen? Warum schoß sie?

Den Spuren nach! Geknickte Äste zeigten deutlich die Richtung, in die der Unbekannte verschwunden war. Wie hatte er es nur gewagt, im Dunkel solche gefährliche Stellen zu passieren, an denen es von Schlangen wimmelte? Jetzt, da das Tageslicht ihnen zu sehen erlaubte, konnten sie sich vor ihnen schützen, aber in der Nacht, wo man über jeden Ast stolpert und nicht weiß, wohin man beim Fallen mit der Hand greift …:

Sie waren schon eine Stunde den Spuren gefolgt, hatten sie verloren und wiedergefunden, und noch immer deutete nichts darauf hin, daß sie den Unbekannten bald eingeholt haben würden. So kehrten sie zur Hütte zurück, sattelten die Pferde und nahmen die Verfolgung von neuem auf. Das Dickicht wurde umritten, und, wenn die Spur auf sandigem Boden besonders gut ausgeprägt war, ritten sie Galopp.

Dort hatte ein Lagerfeuer gebrannt und der Fremde sich etwas zum Essen abgekocht. Die Spur zeigte, daß es sich um einen einzelnen Mann handelte. Sie weiter zu verfolgen, hatte jedoch keinen Zweck, der Vorsprung des Fremden war zu groß, auch hatten sie keinen Proviant mitgenommen.

Der Tag verging. Der Gedanke, hier in weiter Ferne von jeglichem menschlichen Wesen von einem unbekannten Feinde belauert zu werden, verließ sie nicht. Nachts hielten sie wieder Wache. Aber nichts Außergewöhnliches ereignete sich.

Da ihr Proviant sich abermals stark dem Ende zuneigte, stellten sie die Arbeit im Garimpo vorläufig ein und beschäftigten sich nur noch mit Jagd und Fischfang. Tatù, das brasilianische Gürteltier, und Fische wurden ihre Hauptnahrung. Als sie einen kleinen Vorrat beisammen hatten, wurde das gesalzene Fleisch in der Sonne gedörrt, und sie begannen wieder mit dem Diamantengraben. Jeder Tag brachte fünf bis zehn kleine Steine, so daß Hans Mahr am Schluß der Woche, die ruhig verlaufen war, die Tiere, insgesamt drei Stück, satteln und nach der Siedlung reiten konnte.

Hier sollte er Carlota begegnen.

*

Sie war ein Weib der freien Wildnis, ein Mensch, der aus innerer Notwendigkeit auf das bequeme Leben der Zivilisation verzichtet hatte. Groß, selbstbewußt, strahlend von Gesundheit und Kraft, schwang sie sich leicht und gewandt in den Sattel und ließ den falben Hengst in herrlichem Galopp über Steine, Gestrüpp und Geröll sprengen.

Das Bekanntwerden in der Wildnis bedarf keiner Formen, und alle, die sich in ihr zum ersten Male treffen, unterhalten sich, als ob sie alte Freunde wären.

Hans Mahrs Pferd, das gut ausgeruht war, freute sich des Rittes, und bald hatte er sie eingeholt. Minutenlang behielten sie lachend das gleiche Tempo bei und ließen dann ihre Tiere in Schritt fallen.

Sie war aus einem benachbarten Garimpo, wo sie mit ihrem Geliebten, einem Spanier, arbeitete. Schon viele Reisen hatte diese kühne Frau hinter sich, ungeschwächt aber waren Lebensmut und geistige Kraft, die aus den dunklen, ausdrucksvollen Augen sprachen.

»Dieses wilde, ungebundene Leben,« ihre Stimme hatte etwas metallisch Helles, »das nur auf die primitivsten Bedürfnisse sich beschränkt, raubt wenig Zeit und läßt den Menschen ein tieferes Dasein führen, als dies in der Zivilisation möglich ist, wo die Nerven durch die Unmenge der feineren Reize von dem Hauptgrund des Daseins abgelenkt werden …:«

Sie waren bald in lebhafter Unterhaltung, und Hans Mahr staunte über die Fülle ihres Wissens und die Kühnheit ihrer Gedanken.

»Wie klein und nichtig erscheinen in dieser großzügigen Wildnis alle Sorgen und Schmerzen der Menschen! Hier erst, wo es keine Gesetze gibt, die ein bestimmtes Handeln vorschreiben, wo man lebt, wie es einem gefällt, ohne sich um die Angelegenheiten seiner Mitmenschen zu kümmern, ohne ihren Ansichten und ihrem Urteil Rechnung zu tragen, weiß man erst, was es heißt ›leben‹! In dieser wilden Einsamkeit gedeihen Gesundheit und Kraft, nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische, eine Kraft, die das Gewächs der Lüge verabscheut, das mit seinem Pesthauch die schwachen Geschöpfe der Städte und Dörfer vergiftet …:«

Die Tiere hatten längst den schmalen, kaum sichtbaren Pfad verlassen und eine andere Richtung eingeschlagen.

»Die Gegend ist so ganz anders!« bemerkte Carlota plötzlich lachend. »Auch müßten wir längst am Ziel sein.«

Sie hatten sich verirrt. Die Sonne war schon am Horizont, bald mußte die Dunkelheit hereinbrechen. So beschlossen sie, im Freien zu nächtigen.

Es gelang Hans Mahr, ein Tatù zu erlegen. Unter fröhlichem Lachen brachte er es ans Feuer, das sie, eifrig schürend, zu immer hellerer Glut anfachte.

Eine freudige Stimmung hatte sich ihrer bemächtigt. Dieses »Verirrtsein« war für die beiden gesunden, jungen Menschen ein fröhliches Erlebnis.

Der Ritt hatte ihnen tüchtigen Hunger gemacht. Das Fleisch ohne jegliche Beilage mundete vortrefflich. Nun lagen sie auf dem Leder der Sattelunterlagen, die Sättel unter dem Kopf.

Durch die Luft zog erfrischende Abendkühle. Gras und Bäume flüsterten. Man hörte die Pferde in der Nähe nach Futter suchen. Schon erschienen am Himmel einzelne Sterne, und das Feuer trat in seine Rechte, es bewegte sich, tanzte und wechselte beständig seine Formen.

Sie lagen schweigend, jeder in seine Gedanken versunken, weit entrückt der Wirklichkeit. Sein Blick streifte das ruhige, selbstbewußte Gesicht der Frau an seiner Seite. Sie starrte in die Flammen, deren roter Widerschein ihr etwas eigenartig Wildes verlieh. Ihr herb geschlossener Mund zeigte Willen und Kraft.

Die Nacht war tiefdunkel, nur das Feuer in ihr gleißte. Es fesselte den Blick, es zwang, immer weiter zu starren, immer mehr. Es loderte so verlockend, so geheimnisvoll, es zwang, tiefer zu atmen, es ließ das Blut rascher durch die Adern rollen und zeigte, wie nutzlos das Leben ohne diesen starken, gesunden Körper sein würde …: Es zeigte, wie glücklich alles Lebende auf Erden ist, weil es leben darf. Eine jauchzende, grell aufleuchtende Freude wurde geboren, Freude am Leben.

Und von ihr überwältigt, sprangen sie auf und jagten sich wie übermütige Kinder, flogen durch das Feuer und liefen jubelnd in die Dunkelheit hinaus, wo jedes Ausgleiten, jeder Fall Tod bedeuten konnte. Was galten ihnen in diesem Augenblick alle Schlangen der Welt! Sie waren so unbedeutend, paßten so gar nicht in ihre herrliche, götterfrohe Stimmung!

An Schnelligkeit und Gewandtheit war sie ihm ein ebenbürtiger Kamerad, mit dem sich zu messen, die Spannkraft stählte und Freude schuf. Jauchzend sprangen sie über die Flammen, schleppten alles herbei, was sie an Brennbarem finden konnten, bis vor ihnen eine Feuerwand von zwei Meter Höhe lohte. Da saßen sie still nebeneinander und atmeten schwer …

Unter der leichten Bluse wogte Carlotas junge Brust vom raschen Lauf, die vollen Lippen, halb geöffnet, tranken in durstigen Zügen die frische, kalte Nachtluft.

Ihre Augen trafen sich …: Ein Frösteln lief durch ihre Körper, eine Sekunde stockte der Atem …: Etwas Großes, Unvermeidliches lauerte …: Sie wollten aufspringen, laufen, fliehen …:, blieben aber sitzen. Sie wollten sprechen, lachen, scherzen …:, schwiegen aber.

Wie in Scheu und Demut vor etwas, das mächtiger war als alles, senkte das Weib den Blick und griff sich mit beiden Händen an den Kopf.

Da nahm er sie …:

Ein wilder Sturm, ein jauchzender Tanz der Natur, in dem zwei Welten eins wurden. Der große, gesunde Körper in der männlichen Kleidung lebte in jubelnder Freude, im Wirbel der durch die Wildnis geborenen Lust ein seltsam-abgrundtiefes Leben, wie es nur wenigen Auserwählten in diesem Erdendasein nur einmal zuteil werden mag. –

Das Feuer war am Erlöschen. Mit kühler Gelassenheit schauten die bläulichen Sterne vom nachtdunklen Himmel. Tiefe Stille.

An seiner Seite, in seinen Armen hielt Hans Mahr das Glück dieser leuchtenden Stunde. Dort ruhte etwas, für dessen Erhaltung er sein eigenes Leben geopfert hätte, etwas, das die zartesten Gefühle in ihm auslöste, etwas, das er beschützen wollte, dessen Verlust mit dem Verlust des Lebens verglichen werden konnte …:

Die Augen geschlossen, ein glückliches Lächeln auf den Lippen, atmete das schlafende Weib ruhig und gleichmäßig.

Staubige, mit dornigem Gestrüpp bedeckte Erde – das Lager. Wo waren die Decken, das Leder? Er wollte sie nicht suchen, um die Schlafende nicht zu wecken. Wie ein Kind hatte sie sich an ihn geschmiegt.

Und bald raubte auch ihm der Schlaf alles Denken.

*

Er erwachte. Die Nacht war dem Morgen gewichen. Eine sorgende Hand hatte die Decke über ihn gebreitet, ihm den Sattel unter den Kopf geschoben. Auf der Erde sah er etwas Helles, ein Stück Papier, mit dem Jagdmesser an den Boden genagelt.

Carlota aber war nicht da, auch ihr Pferd und das Sattelzeug waren verschwunden.

Er entfaltete den Brief:

 

»Ich gehe fort, weil ich fürchte, das Glück der Nacht durch den Morgen zu zerstören. Reite mir nicht nach, und suche mich nicht. Lasse das Märchen ein Märchen bleiben …:«

 

Keine Unterschrift, keine Anrede, kein Datum. Nur das, was die Schreiberin im Augenblick erfüllt hatte, groß und schlicht, wie in dieser Wildnis das Leben selbst, bei dem alle äußeren Formen abfallen, wie welke Blätter eines Baumes der Erkenntnis aller Nichtigkeiten vor dem unverhüllten Antlitz des Seins.

*

Für den Erlös der Steine kaufte Hans Mahr Proviant für annähernd zwei Monate. Die Tiere waren so beladen, daß er fast den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen mußte. Auch viele Neuigkeiten brachte er mit, Neuigkeiten aus dem Sertão das Innere des Landes, andere erreichen kaum solche abgelegene Stellen, und ist es doch der Fall, dann mag kein Wort mehr daran wahr sein. Sie hätten die zwei in ihrer Einsamkeit auch wenig interessiert; die ganze Welt schien so weit abgerückt zu sein, daß sie kein Verhältnis mehr zu ihr finden konnten.

Es waren schon über acht Tage verstrichen, daß Hans Mahr von seiner Behausung fort war. Je mehr er sich ihr näherte, desto stärker wurde seine Unruhe, und er machte nur halt, wenn die Müdigkeit der Tiere zu groß wurde. Dann diente ihm das Leder des Sattelzeuges als Lager, ein Säckchen mit Reis als Kopfkissen.

Endlich wurde in der Ferne das bekannte Buschwerk, das die Hütte barg, sichtbar. Vorsicht! Was konnte nicht alles in diesen Tagen geschehen sein! Abgestiegen. Die Tiere angebunden. Lautlos vorwärts.

Aber alles war ruhig, die Hütte leer. So schoß er zweimal zum Zeichen seiner Rückkehr und sattelte ab.

Auf die Schüsse hin kam Arnoldo sofort. Er konnte sich nicht sattsprechen und sattfragen, die langen, einsamen Tage, die er hier allein verbringen mußte, hatten ihn anscheinend stark bedrückt. Man kann es sich kaum vorstellen, was für Anforderungen solch ein einsames, eintöniges Leben an einen Menschen stellt, der, vom Hunger getrieben, von früh bis spät am Ufer sitzt und auf Beute wartet. Hatte er doch die letzte Zeit ausschließlich von Fischen gelebt.

Jetzt wird das Fischen leichter sein. Hans Mahr brachte viel starken Zwirn mit, aus dem sie ein Netz knüpften. Es war drei Meter lang und an den Enden an zwei Stöcken befestigt. Mit Bleikugeln beschwert, stand es wie eine Wand im Wasser.

Jeden Tag trugen sie ein beträchtliches Quantum an Beute in die Hütte, um sich für die Regenzeit genügend mit Proviant zu versorgen, und abends, wenn die Sonne hinter den niedrigen Baumwipfeln verschwand, salzten sie die Fische und hingen sie zum Dörren auf.

Eines Tages fingen sie auch einen kleinen Fisch mit langen Fühlern, der eigentümliche, menschlichem Stöhnen ähnliche Laute von sich gab. Arnoldo griff nach ihm, schrie laut auf und schleuderte ihn in weitem Bogen von sich: in den Flossen waren nadelscharfe Spitzen verborgen.

War der Stich giftig? Sie wußten es nicht. Die Wunden wurden ausgesaugt, die Schmerzen verschwanden jedoch nach einigen Stunden, ohne irgendwelche böse Folgen zu haben.

Solche und ähnliche Zwischenfälle gab es viele, aber den Hunger brauchten sie jetzt nicht mehr zu fürchten: Reihen und Reihen gedörrter Fische hingen in der Hütte. Bald würden sie sogar an ihren Verkauf denken können. Die Spuren im Sande waren vergessen.

Der Fischfang, trotzdem diese Tätigkeit eine sehr schmutzige ist, tat den beiden stark entnervten Menschen wohl. Sie wirkte beruhigend, spannte nicht die Nerven an, wie dies das Diamantsuchen mit sich bringt, jeden Tag in der Erwartung des »großen Steines«.

Nach ihren Berechnungen konnte das Garimpo bei einer täglichen Arbeitszeit von acht bis zehn Stunden erst in vier Jahren ganz ausgebeutet sein. Weiter vom Ufer entfernt senkte sich der Sandstein beträchtlich, was bei der Gleichmäßigkeit der Lage des Cascalhos auf größere Mengen von Diamanten schließen ließ. Sie waren davon überzeugt, daß hier Steine von hohem Werte liegen mußten. So beschlossen sie, sich hier für längere Zeit anzusiedeln und einige Pflanzungen anzulegen. Auch für saftiges Weideland sorgten sie, indem eine große Fläche des harten Kampgrases abgebrannt wurde.

Drei Tragtiere mit Fischen zum Verkauf beladen, machte sich Hans Mahr nach einigen Wochen auf den Weg nach der Siedlung. Dort kaufte er für ein paar Diamanten zwei Maulesel mit den nötigen Packsätteln, Reis und Bohnen, sowie Zuckerrohr und Mandiokastöcke zum Pflanzen Mandioka wird gepflanzt, indem man die Äste der Staude in die Erde steckt, verzehrt werden nur die Wurzeln, die von der Form von Rüben, einen kartoffelähnlichen Geschmack haben und vornehmlich als Mehl, farinha di mandioca, genossen werden, als Zugabe zu den Bohnen. Auch Cachaça wurde nicht vergessen und eine Lata Blechbüchse Petroleum.

Unverzüglich trat er den Rückweg an.

Irgendwo hatte es geregnet. Das Wasser in den Flüssen war hoch, und am Abend des dritten Tages sah er sich genötigt, sein Nachtlager schon frühzeitig am Ufer eines stark angeschwollenen Baches aufzuschlagen. Ihn bei der rasch hereinbrechenden Dunkelheit mit den schwer bepackten Tieren zu durchqueren, hieße sich in ein zu großes Wagnis begeben.

Die fünf Tragtiere fraßen das rauhe, harte Gras. Hans Mahr badete die durch die Insektenstiche wunden, geschwollenen Füße im schwarzen Wasser und legte sich zur Ruhe nieder, einen Haufen trockener Äste in Reichweite, so daß er nur die Hand auszustrecken brauchte, um dem Feuer Nahrung zu geben.

Er mochte jedoch noch nicht lange geschlafen haben, als er aufschrak. In diesen Gegenden erwacht man selten harmonisch, langsam das Bewußtsein gewinnend.

Es regnete.

Den Proviant, so gut es ging, mit Rinderhäuten schützend, schlief er wieder ein, aber nicht auf lange. Das Geheul eines Jaguars machte ihn plötzlich hellwach. Das Feuer war am Erlöschen. Er fachte es wieder an und begab sich, den Revolver in der Hand, auf die Suche nach den Tragtieren, die, die Gefahr witternd, von selbst zurückkehrten. Sie schauten sich ängstlich um und waren sehr unruhig. Der Jaguar mußte irgendwo in der Nähe sein. Es war nicht leicht, die verängstigten Tiere am Feuer festzuhalten, konnten sie doch, von Angst ergriffen, jeden Augenblick Reißaus nehmen und in die Krallen des Räubers fallen.

Die Nacht mit ihrem schwarzen Mantel umhüllte alles. Unbekannte Laute redeten von fremdem, feindlichem Leben. Das Lagerfeuer war dieser Dunkelheit gegenüber machtlos. Wie verloren huschte sein gelbroter Schein um den einsamen Menschen und ließ einige Schritte harter, steiniger Erde erkennen. Sonst nichts. Undurchdringliche Finsternis, in der der Tod lauerte …

Aber der Jaguar schien sich zu entfernen. Die Tiere wurden ruhiger. Er durfte wieder wagen, zu schlafen.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne sahen ihn schon beim Packen. Sie verjagten die nächtliche Kälte und trockneten die Kleidung. In ihrem Lichte ging die Überquerung des Flusses ohne Zwischenfälle vonstatten.

Mittags hielt er der durch die Hitze ermatteten Tiere wegen eine zweistündige Rast. Es fing wieder an zu regnen. In den Mantel gehüllt ging es weiter. Der Regen wollte kein Ende nehmen. Es war eine häßliche Nacht. Er fror, und die Erhaltung des Lagerfeuers kostete besondere Mühe.

Am Nachmittag war endlich vertrautes Gebiet erreicht. Die Tiere liefen in schnellem Trab, auch sie fühlten, daß das Ende ihrer Anstrengungen nahe war, als er plötzlich in zehn Schritt Entfernung einen Indianer gewahrte, mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Auf ihn zureitend, die Waffe für alle Fälle schußbereit, ließ er sein Pferd in Schritt fallen. Der Mann jedoch wandte sich und sprang in den Busch. Bäume, Gestrüpp und Schlingpflanzen bildeten hier ein romantisches Durcheinander, für das Hans Mahr in diesem Augenblick nur Verwünschungen hatte. Wie leicht konnte ihn aus dem Hinterhalt der mörderische Pfeil treffen!

Im allgemeinen sind die Indianer Matto Grossos, wenn sie nicht angegriffen werden, nicht gefährlich. Sie haben ein sehr schweres Dasein, sind arm und in die unfruchtbarsten Gegenden zurückgedrängt worden. Aber man konnte ja nie wissen …:

Vorübergeritten, schaute er zurück. Da stand der Indianer wieder und grinste. Hans Mahr fielen die Spuren im Sande ein. Voll Unruhe trieb er die Tiere vorwärts und atmete erst erleichtert auf, als er Arnoldo wohlbehalten ihm entgegeneilen sah.

Ein Wiedersehen zwischen zwei Menschen, die den gleichen Fluch der Verbannung, wenn auch einer freiwilligen, miteinander tragen müssen, ist immer ein Augenblick, der den beiden zeigt, wie sehr sie einander brauchen.

*

Die Bepflanzung der Roça machte ihnen viel Freude. Das schwere Beil fraß sich in das Holz, krachend stürzte ein Baum nach dem anderen und bildete einen undurchdringlich scheinenden Wirrwarr. Sie erleichterten sich die Arbeit, indem die großen Stämme mit den Pferden abgeschleppt wurden, im Gegensatz zu der brasilianischen Arbeitsweise, wo sie so lange an Ort und Stelle liegen bleiben, bis sie vermodern. Es war keine leichte Arbeit, die Hände bedeckten sich mit Blutblasen und schmerzten, aber sie sicherte ihnen die Diamanten. Ihnen wird es nicht ergehen wie den vielen, die nach monatelanger, harter Arbeit und Entbehrungen ihr Garimpo aufgeben müssen, weil sie keinen Proviant mehr haben und zerbrochen an Leib und Seele zurückkehren in die Städte, in denen sie dann verkommen. Sie brauchten sich nicht vor dem Schreckgespenst »Hunger« zu fürchten, sie konnten arbeiten, solange sie wollten. Und das Krachen der gefällten Bäume, das Knistern des Feuers hallten im Walde wider und vereinigten sich mit ihrem Gesang zu einem frohen Lied der Arbeit.

siehe Bildunterschrift

Diamantsucher vor ihrer Hütte

Nach dem Verbrennen der gerodeten Bäume wurden Zuckerrohr und Mandioka gepflanzt, sowie Apfelsinen und Zitronen. Wie leicht hört sich dies an, und wie schwer ist diese Arbeit! Früh, bei Sonnenaufgang, begannen sie, und spät, wenn die Sonne unterging, hörten sie auf. Die zerrissene Kleidung schützte nicht vor der Hitze und den endlosen Schwärmen der Moskitos. Es war eine Sklavenarbeit, die in einem Hetztempo gemacht wurde, damit desto eher an die Diamantenausbeute geschritten werden konnte. Zum Schluß pflanzten sie noch Bohnen, Mais und Reis und bauten eine Wassermühle nach brasilianischer Art zur Enthülsung des letzteren. Es ist dies ein beweglicher Holzklotz, dessen eines Ende, kesselförmig ausgehöhlt, zur Aufnahme des Wassers dient. Sobald die Vertiefung gefüllt ist, hebt sich das andere Ende des Klotzes in die Höhe, wobei sich das Wasser entleert und den Hebel mit aller Kraft in einen sich darunter befindlichen Holzmörser zurückschnellen läßt.

Bei dem nächsten Ritt in die Siedlung brachte Hans Mahr einen Hund mit, der sie bewachen und ihnen beim Aufsuchen der Pferde behilflich sein sollte. Es war ein großes, kluges Tier, das ihnen ihre Wünsche von den Augen ablas und sehr viel zur Zerstreuung während der schweren, von Sehnsucht verbitterten Stunden der langen, dunklen Abende beitrug.

Sie freuten sich, daß sie nun unbekümmert um das Tägliche an die Ausbeutung ihres Garimpos schreiten konnten.

Es herrscht in weiten Kreisen oft die falsche Meinung, daß der Diamantsucher sehr beweglich sein und viel reiten muß. Dem ist nicht so. Er muß es nur so lange sein, bis er eine gute Stelle gefunden hat. Dann arbeitet er an einem Ort oft jahrelang.

*

Die Regenzeit hatte begonnen. Es regnete jede Nacht und auch tagsüber, meistens von 12 Uhr mittags ab. Die Flüsse wurden zu reißenden Strömen, daß man sie nicht mehr passieren konnte, und so waren Hans Mahr und Arnoldo von aller Welt abgeschnitten, sechs lange Monate hindurch, von Oktober bis März. Dieses Wissen gibt ein eigentümliches Gefühl der Machtlosigkeit und Abgeschiedenheit. Der Wunsch, mit Menschen zu reden, von ihnen umgeben zu sein, wird übermächtig. Man fürchtet die einsamen Stunden, und um sich zu vergessen, spricht man endlos. Aber bald hilft auch das nicht mehr. Man hat sich in den ersten Tagen müde gesprochen. Die beiden hatten nun schon so lange gelebt, ohne Menschen zu sehen und hatten es ertragen gekonnt, aber jetzt, wo eine fremde Macht sich zwischen sie und die Welt stellte, empfanden sie plötzlich, wie endlos weit und unüberwindlich sie von den Menschen entfernt waren. Bücher besaßen sie nicht, die Arbeit im Garimpo mußte bis auf wenige Stunden am Tage eingestellt und das Fischen ganz aufgegeben werden. Sie saßen meistens in der Hütte. Abends breiteten sie auf dem selbstgezimmerten Tisch die gefundenen Steine aus und sortierten sie. Die unreinen wurden separat von den weißen und farbigen gelegt. Insgesamt waren es schon über zweihundert, und einer von ihnen wog drei Quilate Karat. Sie schätzten seinen Wert auf etwa 1600 Milreis, die der übrigen auf 8000. Aber die Zukunft lag ja noch im Kiesel. Die Steine kamen regelmäßig, so daß man es fast mathematisch berechnen konnte. Auf jeden Kubikmeter Geröll fiel durchschnittlich eine ganz bestimmte Anzahl Diamanten, und diese vergrößerte sich, je tiefer sie in die Erde eindrangen.

Um sich die langen, einsamen Stunden zu verkürzen, verfertigten sie ein Schachspiel aus Steinen. Sie schalten dieselben, wenn einer von ihnen einen falschen Zug machte, und die schweigsamen Steine nahmen geduldig alle ihre Fehler auf sich. Jetzt begann in ihrem Dasein eine neue Ära, denn das Schachspiel war schuld daran, daß sie schon nach wenigen Wochen im Dunkel sitzen mußten, hatten sie sich ihm an den Abenden doch zu lange hingegeben und den Vorrat an Petroleum zu rasch verbraucht. Ihre Stimmung war aber besser geworden. Sie hatten sich allmählich an den Zustand der Freiheitsberaubung gewöhnt und sich mit ihrer Lage abgefunden. Die Regenzeit wird ja auch nicht ewig dauern! Jeden Tag regnete es schon weniger, nur die Dunkelheit war immer schwerer zu ertragen, die langen Abende, an denen man stumm in das Feuer starrte, diese dunklen Abende, die von der Heimat redeten, von allem, was sie an Liebem und Schönem in ihr zurückließen …: Die Sehnsucht schuf direkt körperliche Schmerzen. Man wollte in solchen Minuten kopflos rennen, gleichgültig wohin, nur um diesem Zustand zu entfliehen. Man hatte Angst vor den stillen Stunden, in denen man auf der Pritsche lag und mit brennenden Augen in die Dunkelheit starrte, während die fieberhaft durch den Kopf schießenden Gedanken immer dasselbe sagten. Man hatte Furcht vor dieser Stille, man hatte aber auch Furcht, sie zu unterbrechen. Oft waren diese Stunden daran schuld, daß man ganze Nächte lang kein Auge schloß und erst am Morgen, wie erlöst, in einen tiefen Schlaf sank. Sie dachten auch an die Spuren im Sande. Diese brauchten sie aber jetzt nicht zu beunruhigen, waren sie ja von aller Welt abgeschnitten.

Je mehr die Regenzeit sich ihrem Ende näherte, desto ungeduldiger wurden sie. Und eines Tages fiel das Wasser im Fluß. Sie ritten beide, nur der Hund blieb als Wächter zurück.

Die Siedlung war bald erreicht, da sie die Tiere wechseln konnten, denn zwei von ihnen liefen leer, und das eine war nur leicht mit Proviant beladen. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie an Stelle des erwarteten, geschäftigen Lebens nur zerstörte Hütten fanden, die, halb mit Gestrüpp verwachsen, schweigend träumten, als ständen sie schon jahrelang hier in der Vergessenheit.

Im nächsten Dorf erfuhren sie, daß die Siedlung über Nacht verlassen wurde, weil man gehört hatte, daß an einer anderen Stelle gute Diamantfunde gemacht worden waren.

*

Der Erlös für die Steine war befriedigend. Sie kauften fünf Tragtiere, so daß ihre Tropa nun zehn Tiere umfaßte, die alle, außer den zwei Reitpferden, mit Werkzeugen und Proviant schwer beladen werden sollten.

Eine Enttäuschung bereitete ihnen jedoch das Dorf selbst. Die Sehnsucht nach Menschen, unter der sie in den langen Monaten so litten, hatte es in der Phantasie in den schönsten Farben ausgemalt. Die Wirklichkeit befriedigte jetzt nicht. Sie sahen, wie sehr auch das Dorf von der ganzen Welt abgeschnitten war. Keine Zeitungen, kein Theater, keine Bücher, nichts. Die Einsamkeit ist besser als die Gesellschaft von Menschen, die von aller Kultur entfernt sind. So sehnten sie sich bald zurück in die Wildnis, die ihnen zur zweiten Heimat geworden war.

Kurz vor der Abreise schlenderten sie noch ein letztes Mal durch die ungepflasterten Straßen und schauten in die Verkaufsläden, ob es nicht noch etwas zu kaufen gäbe, als Hans Mahr von einem hageren, schwindsüchtigen Mann angesprochen wurde. Er hatte ihn seinerzeit auf dem Ritt in das Diamantengebiet getroffen und ihm aus seiner Reiseapotheke ärztliche Hilfe zuteil werden lassen. Derselbe hatte damals eine häßliche Wunde am Fuß, die ihn seit Jahren quälte und schon die Hoffnung aufgeben ließ, jemals wieder gesund zu werden. Er reinigte die Wunde, in der bereits Würmer waren, und die einen unerträglichen Geruch verbreitete, und hinterließ ihm bei seiner Abreise einige Salben und Desinfektionsmittel.

»João, wie gut, daß ich Sie treffe! Sie haben mir das Leben gerettet. Verfügen Sie über mich, es gehört Ihnen.«

Es war das erste Mal, daß Hans Mahr von einem Brasilianer solche Worte der Dankbarkeit und Freundschaft hörte, aber was konnte ein Tuberkulosekranker ihm nützen?

»Schlagen Sie es nicht ab. Sie befinden sich in Gefahr, in der jeder Arm Ihnen von Nutzen sein kann.«

»Gefahr …:? Ich in Gefahr?« Hans Mahr lachte. Der Mann sah Gespenster. Er war sich bewußt, keine Feinde zu besitzen, und ihr Garimpo lag so versteckt und abgelegen, daß Räuber schwerlich Kunde von ihm haben konnten.

»Erinnern Sie sich des Mulatten Antonio, bei dem Sie übernachteten, als Sie noch auf der Reise nach Rio das Garças waren?«

»Ich habe bei vielen Antonios übernachtet und weiß wirklich nicht …:«

»Es war derjenige, der auf Sie eifersüchtig wurde …«

»Ach ja, jetzt besinne ich mich …:«

Es war auf seinem Ritt in das Diamantengebiet gewesen. Er hatte in einer Hütte übernachtet, und da es am nächsten Morgen stark regnete, war er der Einladung seiner Gastgeber, noch eine zweite Nacht zu verweilen, gefolgt. Dies sollte jedoch der jungen Frau des Mulatten und ihm verhängnisvoll werden. Sie hatten tagsüber gescherzt und gelacht, und er hatte dem jungen Weibe, das nichts anderes kannte, als das rauhe Leben der Wildnis, von den großen, bunten Städten der Küste erzählt, obgleich er zu bemerken glaubte, daß es Antonio, ihrem Mann, nicht gefiel. Von den Strapazen der langen Reise erschöpft, ließ er sich die vorgesetzten Reis und Bohnen trefflich munden und sprach reichlich dem frischen Obst zu, das sie ihm bereitwilligst boten.

In der Nacht erwachte er mit heftigen Leibschmerzen, die ihn zwangen, hinauszugehen. Draußen herrschte graue Dämmerung und ließ alles verschwommen und undeutlich erscheinen. Wenige Schritte von der Hütte entfernt, gewahrte man die Konturen eines Gebüsches. Als er einige Minuten dort in der Stille der Nacht zwischen den stachligen Grashalmen und in der Gefahr, jeden Augenblick von einer Schlange gebissen zu werden, verweilt hatte, tönte plötzlich aus der Hütte die Stimme des Mulatten, der erregt nach seinem Weibe rief. Er hörte das Klappern des Karabiners, der entsichert wurde, und nun schrie die sich vor Aufregung und Wut überschlagende Stimme auch seinen Namen. Hervortretend, erblickte er das zitternde Weib, das von der anderen Seite aus demselben Busch kroch. Da es an einer Toilette mangelte, war man gezwungen, sich nach Wunsch einzurichten. Als sie gehört hatte, daß er von der anderen Seite in dasselbe Gebüsch trat, verhielt sie sich mucksmäuschenstill, aus Furcht, bemerkt zu werden.

Der Mann war außer sich vor Eifersucht und Wut und nicht fähig, die einfachsten Dinge zu begreifen. Es blieb Hans Mahr nichts anderes übrig, als sein Pferd zu satteln und sofort die Weiterreise anzutreten.

»… Ich verirrte mich in jener Nacht und mußte lange umherreiten, bis ich wieder den richtigen Weg fand.«

»Das war Ihr Glück«, fuhr der Kranke fort. »Antonio schlug seine Frau zu Tode. Dann erinnerte er sich daran, daß Sie noch am Leben seien, sattelte sein bestes Pferd und jagte Ihnen nach. Da er Sie nicht fand, verkaufte er alles, was er besaß, und ritt in die Diamantengebiete, die, wie er wußte, Ihr Reiseziel waren. Hier erfuhr er, daß Sie sich in der Gegend des Bandeiraflusses aufhielten, aber niemand wußte, wo Ihr Garimpo lag. Ihm wurde nur berichtet, daß Sie von Zeit zu Zeit ins Dorf kämen, um Diamanten zu verkaufen und sich mit Proviant zu versorgen. So blieb er daselbst und kaufte einige Pferde, die für die besten der Gegend galten. Dann verschwand er, niemand wußte wohin, um erst kurz vor der Regenzeit zurückzukehren.«

»Und wo befindet er sich jetzt?«

»Seit Tagen verreist, ohne ein Ziel anzugeben. Sie dürfen aber nicht hier bleiben, denn er kann jeden Augenblick wieder eintreffen.«

»Kennen Sie die Richtung, die er einschlug?«

Der Gefragte wies in die Gegend, in der ihr Garimpo lag.

Die Spuren im Sande …: Natürlich! Es konnte gar nichts anderes sein. Es war Antonio, der gekommen war, um an Hans Mahr Rache zu nehmen. Indianer mochten ihm den Weg zu ihrem Garimpo gewiesen haben. In jener Nacht hatte ihn vielleicht eine Schlange oder sonstiges Tier erschreckt, daß er, alle Vorsicht vergessend, zur Waffe griff. Da er wußte, daß sie durch den Schuß gewarnt worden waren, verschwand er wieder, auf einen günstigeren Zeitpunkt wartend.

Sie sattelten sogleich, hatte er doch schon einige Tage Vorsprung. Zwei Tiere liefen leer, denn sie nahmen nicht die ganze Ladung mit, um rascher reiten zu können. Während der kurzen Rasten fraßen die Tiere hastig, ohne abgeladen zu werden, und weiter ging es, die ganzen Tage und halbe Nächte lang. Bei einem solchen Eiltempo mußte sich die Reise von fünf auf drei Tage verkürzen lassen. Die Nerven waren so angespannt, daß sie nachts kein Auge schließen konnten. Am Tage schliefen sie oft vor Übermüdung im Sattel ein.

Endlich der letzte Reittag! Die erschöpften Tiere schleppten sich kaum noch vorwärts. Sie wurden heute von den beiden, die vor Aufregung fieberten, besonders oft angetrieben.

Nun sahen sie in der Ferne schon die Waldung, in der ihr kleines Paradies seinen Platz gefunden hatte. Sie riefen und pfiffen. Warum kam Nero, der Hund, nicht? Sollte ihn der Hunger in den Wald getrieben haben, oder …?

Eine dünne Rauchwolke, die aus dem Busch aufstieg, verzog sich in der klaren Nachmittagsluft. Jemand war dort, jemand hatte da ein Feuer angezündet. Das besagte nichts Gutes.

Sie rasten an den letzten Bäumen vorüber und …: zwischen der noch glimmenden Asche ragten vor ihren entsetzten Blicken die schwarzen, verkohlten Pfähle ihrer Hütte. Alles war zerstört. Die kleinen Fruchtbäume waren abgehauen, die Pflanzungen vernichtet, und Nero, ihr Freund, lag in einer Blutlache. Das treue Tier hatte sich lange gequält; Blutspuren zeigten, daß er sich vergeblich zu der Hütte gemüht hatte.

»Nero! Nero!«

Da hob es langsam den Kopf. Es lebte noch …:, schaute mit seinen klugen, müden Augen ihnen klagend entgegen und winselte leise.

Das Garimpo war verwüstet und der Bach so umgeleitet worden, daß große Erdmassen einstürzten. Die monatelange, harte Arbeit war vernichtet.

Plötzlich – ein Schuß!

Das Tier, auf dem Hans Mahr saß, machte einen wilden Sprung und brach zusammen. Rasch warfen sie sich zu Boden, Deckung suchend. Schüsse krachten! Und dann, ehe Hans Mahr es verhindern konnte, sprang Arnoldo auf und stürzte, wild feuernd, vorwärts in den Busch.

Die warnenden Rufe kamen zu spät. Schon hatte das mörderische Blei ihn getroffen. Mit einem Schrei sank er tot zu Boden.

*

Die Nacht brach an. Die Tiere liefen auseinander, beladen, wie sie waren, um sich Futter zu suchen. Das Winseln des sterbenden Hundes war längst verstummt. Hans Mahr saß unbeweglich, konnte keinen Gedanken fassen, konnte nichts begreifen. Es war, als ob sein Geist gefesselt worden wäre.

Am Morgen kam die Sonne. Er saß immer noch, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte vor sich hin, als ein Stöhnen ihn aufschrecken ließ.

Er stürzte zu Arnoldo, aber der war lange tot. Im Gebüsch jedoch lag ein Mann. Er erkannte ihn sofort: es war Antonio. Ein dünner Faden Blutes sickerte ihm aus dem Munde und färbte das Hemd auf seiner dunklen Brust mit hellen, roten Flecken. »Du bist nicht tot …:«, röchelte er, und flammender Haß sprach aus seinen wild irrenden Augen. »Dein Leben soll schlimmer sein als der Tod. Nie sollst du glücklich werden! Der Giftpfeil der Indianer soll dich treffen, aber nicht töten. Die beständige Erwartung des Todes – das sei dein Los! Ich sterbe, aber meine Rache wird ewig um dich sein, und mein Haß dir alles Glück ersticken …:«

Schweigend, wie gelähmt, stand Hans Mahr und lauschte den Worten des Sterbenden.

Noch ein letztes, haßerfülltes Aufbäumen, dann war er allein, allein mit den beiden Toten und zwischen den Ruinen ihrer harten Arbeit, ihrer langen, qualvollen, einsamen Stunden, ihrer Leiden und Hoffnungen, die die wahnsinnige Einbildung dieses Mannes, der selbst sein Glück zerstörte, zertrümmert hatte …:

Wozu? Warum das alles …:?

Er suchte eines der Pferde und ritt davon, um nie wieder zurückzukehren.

*

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.