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Unter brasilianischen Diamantsuchern

Georg Leichner: Unter brasilianischen Diamantsuchern - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGeorg Leichner
titleUnter brasilianischen Diamantsuchern
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1928
printrun1.-12. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181121
projectidb9b3506b
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IV

Negro d'agua – Die Feuerberge – Carlos' Abenteuer

 

Wenn man eine Erzählung hört, die einem unmöglich erscheint, so denkt man, daß es Phantasie sei oder eine Volkssage. Wenn aber eine und dieselbe Begebenheit von mehreren, miteinander nichts Gemeinsames habenden, Personen als selbst erlebt geschildert wird, so ist man nicht mehr im Recht, diese Behauptung, ohne sich von der Unwahrheit der Erzählung an Ort und Stelle zu überzeugen, aufrechtzuerhalten.

Schon in den ersten Tagen seines Aufenthaltes am Rio das Garças wurde Hans Mahr erzählt, daß es in Bahia ein geheimnisvolles Wasservolk gäbe, die sogenannten »Negro d'agua«, kleine, schwarze Männer und Frauen, die im Wasser leben und ungeheure Kräfte besitzen. Erwachsene, auf dem Ufer sich befindende Personen sind von ihnen oft ins Wasser geschleppt worden, wie man annimmt, um sie zu verzehren.

Der Negro d'agua Neger des Wassers soll von Menschengestalt sein und menschliche Bewegungen haben. Viele der Eingeborenen haben ihn am Ufer sitzen gesehen. Manche schossen nach ihm, aber auch wenn er verwundet oder getötet wird, verschwindet er dennoch im Wasser und geht unter, so daß es noch niemandem gelungen ist, diese seltsamen Wesen näher zu betrachten.

»Lachen Sie nur«, sagte ein alter Garimpeiro, als er Hans Mahrs zweifelndes Gesicht sah. »Lachen Sie nur. Ich weiß aber, daß meine Worte die Wahrheit enthalten. Ich habe ihn selbst gesehen. Nicht alle haben ihn gesehen, aber viele. Fragen Sie sie alle, und Sie werden immer ein und dasselbe hören.«

Er schwieg und warf ein paar Holzscheite in das Feuer, das knisterte, als ob es dankte. »Wie können Menschen behaupten, daß sie alle Dinge der Natur kennen! Genau so, wie es bei Euch Dinge gibt, von denen wir nichts wissen, über die wir staunen, wenngleich sie jedem europäischen Kinde bekannt sind, so gibt es in der Wildnis Dinge, von denen man in Europa nichts ahnt.«

»Wie kann aber ein Mensch im Wasser leben und atmen?«

»Wie leben die Fische und anderen Wassertiere?«

Die Antwort des ungebildeten Schwarzen ließ Hans Mahr verstummen. Er wußte, seine Argumente würden ihn nicht überzeugen. –

Und einmal, als er, des Wanderns müde, in einer kleinen Garimposiedlung längere Rast machte, konnte man eines Abends einen Fußgänger beobachten, der erschöpft und müde, mit von Hunger zerquältem Gesicht, sich ihnen näherte. Die zerrissene Kleidung schlotterte an seinem abgemagerten Körper.

Sie saßen um das Lagerfeuer, dessen flackernder Schein über die dunklen Gesichter huschte. Es ist hier nicht Sitte, einen Fremdling auszufragen, sind es doch meistens Menschen, die eine Vergangenheit haben, die besser zu verschweigen ist. Aus allen Weltteilen kommen sie, Abtrünnige der Gesellschaft. Einige des bloßen Abenteuers wegen, die anderen, um Schutz zu suchen, dort, wo der Arm des Gesetzes nicht mehr hinreicht. Niemand fragt dich hier nach deiner Vergangenheit, niemand will deine Papiere sehen, niemand interessiert sich dafür, ob der Name, den du angibst, der Wahrheit entspricht, auch deine Nation kennt oft niemand.

So hatte die Unterhaltung nur allgemein die Reisestrapazen des Neuankömmlings behandelt, bis eine Flasche Cachaça seine Zunge löste und er zu erzählen begann: »Seit Wochen schon gingen wir, ich und mein Bruder Virginio. Wir hatten unsere Heimatstadt Bahia verlassen, da wir hörten, daß es in Rio das Garças viele Diamantfelder gibt. Der Weg war weit und schwer. Auf schmalen Pfaden, durch den Urwald, mußten wir über tausend Kilometer zu Fuß zurücklegen. In der ersten Woche machte es uns Vergnügen, in schnellem Tempo auf den bekannten Wegen unserer neuen Hoffnung entgegenzueilen. Aber bald waren wir aus der bekannten Gegend hinaus und hatten uns verirrt. Zwei Tage in Regen und Hitze waren schon verstrichen. Unser Mundvorrat war längst verzehrt. Als wieder ein Tag sich seinem Ende neigte, erreichten wir einen Fluß. Große Bäume und Gebüsch umrahmten ihn und spiegelten sich in üppiger Fülle in dem dunkelgrauen Wasser wider, das so langsam zu fließen schien, daß man es kaum merkte. Das Ufer war flach und mit Gras bewachsen. Wir bereiteten Haken zum Angeln vor und warteten auf das Aufgehen des Mondes. So lagen wir auf zwei Decken und lauschten in die Dunkelheit. Im Gebüsch hörte man unverständliche Laute, sehen jedoch konnte man nichts. Aber wir wußten, daß wir nicht in Gefahr waren, solange das Feuer des Scheiterhaufens, den wir errichtet hatten, brannte. Bald wurde es heller, man konnte schon einige Umrisse unterscheiden. Nach kurzem kam auch der Mond.

Virginio begab sich ans Ufer, warf die Angeln aus, setzte sich auf die Erde und wartete. Solches Warten ist langwierig und schwer, wenn der Magen nach der Ausbeute verlangt. Ich saß am Feuer, über dem ein Topf mit Wasser hing, der zur Aufnahme der Fische bestimmt war. Es war so hell, daß man leicht ohne Feuer hätte auskommen können, wenn nicht der unliebsame Besuch nächtlicher Tiere zu befürchten gewesen wäre.

Wir waren sehr müde. Das Wasser kochte schon lange. Virginio saß still und starrte vor sich hin. In der Hand hielt er die Angelschnur, als ich plötzlich auf der Oberfläche des Wassers einen Schatten gewahrte.

Der Kopf eines Negers erhob sich, ein kleiner Kopf, und bewegte sich geräuschlos der Stelle zu, wo mein Bruder saß. Ich erkannte ihn: es war ein Negro d'agua.

Da schrie ich laut.

Virginio sprang auf, verlor jedoch das Gleichgewicht und stürzte in die Fluten.

Hochauf spritzte das Wasser! Eine schwarze Masse bewegte sich. Ein wilder Kampf! Verzweifelt wehrte sich Virginio. Ich sah ihn im Wasser kämpfen, riß die Waffe hoch und schoß.

Der Schuß ging fehl.

Schon war ich am Ufer!

Über den Mond jagten Wolkenfetzen. Ein Kopf starrte aus dem Wasser, der Kopf des Negro d'agua. Aber wie groß war er! Viel größer als vorhin. Ich schoß ein zweites Mal. Er verschwand, und der Körper des Virginio tauchte an die Oberfläche. Ich hatte den Negro d'agua getroffen, und er ließ den Erstickten frei, den das Wasser stromabwärts trieb …:«

»Warum sprangst du nicht in den Fluß und versuchtest, deinen Bruder zu retten? Vielleicht lebte er noch«, warf Hans Mahr ein.

»Hineinspringen – wo es Negros d'agua gibt!« Furcht und Entsetzen schüttelten ihn.

»Und der Körper des Virginio?«

»Er schwamm eine kurze Strecke und ging dann unter. Vielleicht hat ihn der Negro d'agua geholt.«

»Nein, die Kleidung wurde naß und zog ihn hinunter. Ja, und überhaupt, du selbst hast deinen Bruder getötet, als er vor Schreck ins Wasser fiel. Ein unbedeutender Schatten hatte dir den Kopf des Negro d'agua vorgetäuscht.«

»Ich wußte, daß du es nicht glauben wirst …«

Alle saßen stumm, mit ernsten, verschlossenen Gesichtern. Aus der Ferne hörte man das Schnaufen eines Pferdes. Die Flammen des Lagerfeuers knisterten …:

Hans Mahr lächelte. Waren diese Wilden nicht wie Kinder, die sich im Finstern Schauermärchen erzählen?

Viel später hörte er aber, daß es in den Gewässern des Staates Bahia tatsächlich ein lamantinartiges Wesen gibt, das eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Menschen hat, den sogenannten »Boto«.

*

»Es gibt noch grausigere Geschichten als die, die wir soeben hörten«, sagte ein dürrer, großer Indianer, der auf einem Stein am Lagerfeuer hockte.

Dunkle Nacht umgab sie. Im aufflackernden Feuer sah man verschwommen die Umrisse einiger Hütten, die zwischen dem Gestrüpp in die Finsternis träumten …:

Alle schwiegen. Man ließ die Rothaut in das Feuer starren, bis ihr Entschluß reif würde, das zu erzählen, was sie bewegte.

»Es sind nun schon Jahre vergangen,« begann der Indianer langsam, »daß ich eine Gruppe Weißer am Rio das Garças traf. Damals waren es noch wenige, die hier arbeiteten, die hier das Glück oder den Tod fanden …:

Sie wollten noch tiefer in die schweigenden Geheimnisse der Wildnis eindringen und noch größere Schätze heben, als Rio das Garças sie ihnen bot. Sie wollten über den Rio das Mortes Fluß des Todes hinüber auf die Suche nach den sagenhaften Feuerbergen, die ungeheure Reichtümer in sich bergen sollten.

Ich schloß mich ihnen an.

Wir waren unserer achtzehn, alles Männer, die ihr Leben wenig schätzten und vor keiner Gefahr zurückschreckten.

Nach einigen Wochen war die nötige Zahl der Tragtiere nebst Sattelzeug beschafft. Es wurden zehn Karabiner ausgeteilt und vier Schrotflinten. Jeder von uns besaß außerdem einen Revolver ›von der Geburt an‹, wie man hier sagt«, fügte er lächelnd hinzu. »Die Natur hat sich gewiß auch nur versehen. Die Kinder der Wildnis sollten nicht nur mit der Haut und dem Haar geboren werden, sondern auch schon mit dem Revolver.

Die Leiter des Unternehmens waren Vater und Sohn. Der Junge, etwa zwanzig Jahre alt, stark, groß, wartete nur auf die Gefahren, um sich mit ihnen messen zu können. Auch der Vater war noch im Vollbesitz seiner Kräfte, wenn auch das ergraute Haar ihn nicht mehr zu den Jungen zählen ließ. Sie sagten, daß sie von weither kämen, und es mochte wahr sein, denn sie waren nicht wie die übrigen. Was trieb die beiden aus der bequemen Welt der großen Städte in diese rauhe Wildnis? War es Abenteuerlust oder Gier nach den glitzernden Steinen, diese Gier, die schon so viele erblinden machte und unter die heiße Erde ins ewige Schweigen bannte?

Der Reisetag brach an. Eine lange Schlange, einer hinter dem anderen, schritten die berittenen oder mit dem Proviant beladenen Tragtiere auf dem schmalen Pfad dahin, uns neuem Erleben, neuen Hoffnungen entgegentragend.

Der Weg führte nordöstlich. Abends errichteten wir ein Dach aus Palmblättern zum Schutz des Nachtlagers. Über dem Feuer in einigen Töpfen brodelte das Fleisch eben erlegten Wildes. Alle waren heiter und voller Hoffnung. Niemand ahnte in dieser ersten Nacht, was uns erwartete, niemand kannte die Gefahren, denen wir entgegenzogen, noch viel weniger dachte jemand daran, daß es Gefahren gäbe, die wie unverständliche Geister einer anderen Welt mit gierigen Händen grausam nach den Menschen greifen und sie unbarmherzig vernichten. Es wurde gesungen, gescherzt und gelacht. Erfrischende nächtliche Kühle, nach dem anstrengenden Ritt in der drückenden Hitze des Tages besonders erquickend, umgab uns. In Gruppen saßen wir bis spät in die Nacht, und die Erzählungen aus den fernen Ländern der Zivilisation klangen seltsam in dem nächtlichen Schweigen, dessen Stille nur durch den seltenen Schrei eines wilden Tieres unterbrochen wurde. Und doch lebte der Wald um uns. Wir spürten seinen gewaltigen Atem, er lebte stärker und tiefer als die Städte jener Länder, von denen sie redeten, in denen die Maschinen eine größere Daseinsberechtigung besitzen, als der Mensch, der sie schuf, in denen gedrängt, einer neben dem anderen, die Menschen leben, seufzend unter dem Joch einer harten Arbeit ums Tägliche, eines Daseins, in dem Geld Ursache schwerster Verbrechen und Ziel jedes einzelnen ist, sofern sie ihn nicht einen »Narren« schelten. Von dieser unverständlichen Welt erzählten sie, in der die Menschen sich selbst vergessen …:

Und andere wieder sprachen von den Geheimnissen der Wildnis, die lockend, tief und dunkel, den Menschen in ihre Schatten zwingt und nie satt wird an Opfern …:

Nach Tagen ohne sonderliche Zwischenfälle trafen wir auf die ersten Indianer. Trotz unserer Zurufe verschwanden sie scheu im Gebüsch, und erst, als wir abends uns zur Rast gelagert hatten, näherten sie sich uns. Es gelang, sich mit ihnen zu verständigen, und zwei erklärten sich bereit, uns zu begleiten, befanden wir uns doch schon in unbekannten Gegenden.

Von Tag zu Tag wurde der Wald dichter und üppiger. In der Nacht umschlichen Jaguare unser Lager. Die Tragtiere witterten die Gefahr und drängten sich scheu am Feuer zusammen. Und einmal, wir hatten wohl alle geschlafen, und das Feuer war am Erlöschen, kam ein Jaguar und holte einen von uns, einen Neger, aus unserer Mitte. Niemand hatte etwas gehört, kein Stöhnen, keinen Kampf. Um zu dem Schwarzen zu gelangen, war das Raubtier über einige Weiße hinweggestiegen. Die Spuren zeigten es. Ihr werdet wohl wissen, daß die Katze die schwarze Menschenbeute derjenigen anderer Farbe vorzieht?

Seit diesem Tage hielten stets zwei von uns Wache und vertrieben sich die Zeit mit Spielen. Das Tragtier des Toten erhielt einer der Indianer, er zog es jedoch vor, auch weiterhin zu Fuß zu gehen und leistete hierin an Ausdauer sicherlich mehr, als Pferde zu leisten imstande sind.

Nach sechs Tagen verließen uns die Indianer. Sie sagten schon einen Tag zuvor, daß sie nicht weiter mitgehen wollten, schüttelten bedenklich die Köpfe, und alle Versprechungen und Geschenke halfen nichts.

So kehrten sie denselben Weg zurück, den wir gekommen waren. Wir aber gingen vorwärts und erreichten nach weiteren drei Tagen einen Fluß, der nach unseren Berechnungen der Rio das Mansas Der zahme Fluß, wie der obere Lauf des Rio das Mortes genannt wird, sein mußte. Hier verbrachten wir die Nacht.

Wohl wimmelte das Ufer von Schlangen, aber unsere feste Fußbekleidung schützte uns vor ihren Bissen. Die Hängematten wurden zwischen die Bäume gespannt. Von den Flammen des Lagerfeuers beschienen, bildete jede eine kleine Welt für sich, und gedämpfte Rede flog von einer zur anderen, als ein gräßlicher Schrei die Nacht zerriß. Im Augenblick waren alle auf den Beinen.

Auf dem Erdboden krümmte sich, laut stöhnend, ein Mann, den der scharfe Giftzahn einer Schlange getroffen hatte. Wir hoben ihn auf und trugen ihn zurück in seine Hängematte.

»Schneidet mir das Bein ab!« flehte er verzweifelt. »Nur leben will ich, leben!«

Schweigend, wie gebannt, standen wir und starrten auf das Gräßliche vor uns, und die Qual des Sterbenden wurde zu der unsrigen. Niemand rührte sich. Der Kranke wurde allmählich ruhiger. Das Bein war bald zu einer unförmigen Masse angeschwollen.

Und noch ein Opfer sollte diese Nacht fordern. Ein junger Bursche, der in der Aufregung vergessen hatte, daß er barfuß in der Hängematte lag, trat auf eine lebende, kalte, dunkle Masse. Ein unheimliches, böses Zischen, und schon schrie der Getroffene auf. Aber er schien keine sonderlichen Schmerzen zu verspüren: es war, als ob der Lebenswille, die junge, schäumende Kraft, alles andere Empfinden auslösche, als ob er alles vergessen mache, außer dem Einen: Leben! Nur leben!

Als der Morgen die Nacht verjagte, war der Mann tot, der Junge aber starrte in die aufgehende Sonne, ein sieghaftes Lächeln auf den Lippen. Man wartete noch einige Stunden, doch der Tod kam nicht. Der Kranke lag still da. Aber er freute sich des Lebens nicht, wie ein Geretteter sich freut, denn er hatte es sich in bitterer Qual erkämpft …:

Wir ruhten noch einige Tage und zogen dann weiter.

Die Wunde wurde von Tag zu Tag schlimmer, die Angstzustände, die ihn in der ersten Zeit des öfteren überfallen hatten, ließen hingegen immer mehr nach. Er folgte uns auf seinem Maulesel, und wir mußten oft haltmachen, wenn er vor Erschöpfung oder Schmerzen nicht weiter konnte. Aber wir freuten uns, daß er lebte, und alle Zärtlichkeit, der diese rauhen, harten Menschen, die auf keine Schmerzen achten und zu töten gewohnt sind, fähig waren, häuften sie auf ihn. Und es war rührend und seltsam zugleich, wie sie ihm Blumen brachten, die wie seltsame Fabeltiere aussahen, oder absonderliche Steinbildungen und anderes, wovon sie glaubten, daß es ihm Freude bereiten würde.

Mit der Überschreitung des Rio das Mortes hatte für uns die Schreckenszeit begonnen.

Vier erkrankten am Fieber und mußten nach wenigen Tagen der Erde übergeben werden. Starke Regengüsse setzten ein und ließen die Feuchtigkeit der Waldluft noch schwerer auf unsere ermatteten, von Hitze und Nässe geschwächten Körper lasten. Aber wir verloren den Mut nicht. Unwiderstehlich zog es uns vorwärts. –

Eines Morgens gingen wir zu dreien auf die Jagd. Frische Wildspuren führten uns immer tiefer ins Dickicht. Große Bäume, Sträucher und unbekannte Pflanzen wucherten üppig in der feuchten, drückend schweren Luft. Das Gelände senkte sich. Der Boden unter den Füßen verlor bald an Festigkeit, doch war er immer noch zähe genug, um uns zu tragen. Wir befanden uns in einem Sumpf. In fünfzig bis sechzig Schritt Entfernung, durch Gebüsch und Schlingpflanzen voneinander getrennt, wanderten wir dahin, als mich plötzlich starres Entsetzen an den Boden bannte. Ich wollte schreien, aber die Stimme versagte. Kaltes Grauen kroch eisig durch meine Glieder …:

Ich sah – und traute meinen Augen nicht: Wie gierige Arme reckten sich die Äste eines Baumes mit eigentümlichen, lianenartigen Zweigen und seltsamen, zackigen Blättern, streckten sich zu dem unter ihnen schreitenden Manne, ergriffen ihn, hielten ihn …:

Stumm, mit weitaufgerissenen Augen, starrte der Unglückliche. Die Äste aber wanden sich wie Schlangen um den wehrlosen Körper, immer enger zogen sie sich, immer fester, hoben ihn empor, bewegten sich, lebten … Da gellte sein Schrei durch die Luft! Gesicht und Hände, die von den Ästen berührt worden waren, zeigten breite, dunkle, brandmalähnliche Wunden. Der ganze Baum war jetzt in Bewegung, glich einem gräßlichen, grausamen Ungeheuer. Die Äste, die den Körper nicht erreichen konnten, griffen wild in der Luft umher und suchten, suchten … Ihre seltsamen, gezackten Blätter bebten.

Wir schossen wie wild, aber was nützte es? Wußten wir doch bei diesem rätselhaften Wesen nicht, wo sein Lebensnerv lag, den es zu töten galt.

Und dann strömte ein schwerer, süßlich-scharfer, giftiger Geruch von ihm zu uns, der betäubte und erschlaffte. Da flohen wir, von Furcht und Grauen gepeitscht, nicht achtend der Richtung, noch der Schlangen, die sich in unsere Ledergamaschen verbissen, noch der Skorpione, auf die wir traten.

Es fing bereits an zu dunkeln, als wir auf unsere Schüsse aus weiter Ferne Antwort erhielten. Spät in der Nacht erreichten wir das Lager. Niemand wollte unserer Erzählung glauben, und es wurde beschlossen, am nächsten Morgen aufzubrechen, um das Rätsel zu lösen. Aber in der Nacht regnete es, und die Spuren wurden verwischt. Wir konnten weder den seltsamen, mörderischen Baum, noch unseren toten Kameraden wiederfinden.

So wurden wir in kurzer Zeit unserer elf. Auf die Tragtiere der Toten luden wir die Häute des erlegten Wildes, auch ließ sich die schwere Last des Proviants besser verteilen.

Jeden Tag, jede Stunde lauerte von allen Seiten um uns der Tod. Giftige Spinnen, wie eine Männerhand groß, grau behaart, waren keine Seltenheit. Wir töteten sie nicht mehr, wie auch die Schlangen, denn es waren ihrer zu viele. Die feuchte Luft, die auch tagsüber nicht weichen wollte, sondern infolge der durch die Hitze verstärkten Ausdünstung der Erde noch drückender wurde, erschwerte jede Bewegung.

Eines Tages gerieten wir in einen Sumpf. Die an der Spitze unserer kleinen Karawane schreitenden Tiere steckten plötzlich bis an den Leib im Schlamm. Wir versuchten, sie mittels Stricken, die wir an die anderen banden, herauszuziehen, es mißlang jedoch, und erst, nachdem wir einen halben Tag in mühevoller Arbeit Bäume und Äste gefällt und so einen festeren Grund geschaffen hatten, auf den sie treten konnten, gelang es, sie zu befreien. Die Ausdünstung dieses Moores ermattete derart, daß wir uns am liebsten sofort zum Schlafe niederlegen wollten, wenn uns die Wolken der Moskitos und Mücken, die uns zu Millionen umschwärmten, nicht daran gehindert hätten.

Die Sonne nahm langsam, aber unaufhaltsam ihren Weg gen Westen. Die Dunkelheit mußte jeden Augenblick hereinbrechen. Wir konnten nicht mehr weiter und mußten die Nacht in dieser Gegend zubringen.

siehe Bildunterschrift

Garimpeiros in Feiertagskleidung

siehe Bildunterschrift

Neger mit künstlich zugespitzten Zähnen

Hände und Füße waren bleischwer, der Atem ging stoßweise. Jeder sank in seine Hängematte, den Kopf in die feuchte Decke gehüllt zum Schutz gegen die Moskitos, Schweiß brach aus allen Poren, die Kleidung klebte am Körper, ein Gefühl, als ob man gewürgt werde, Ohrensausen, Kopfschmerzen …: Auch die Tragtiere waren unruhig und strebten fort aus dieser verpesteten Atmosphäre. Selbst die Jaguare schienen die Gegend zu meiden, denn nicht ein einziges Mal hörten wir ihr drohendes Murren, noch hatten wir ihre Spuren gesehen. Nur der Sumpf war um uns. Von drei Seiten von ihm umgeben, spürte man seinen giftigen Atem, fühlte man den Tod im Nacken lauern …: Unbekannte Insekten quälten uns, saugten sich gierig an unsere erschöpften Körper. Wir hatten keine Kraft, gegen sie zu kämpfen. Das Lagerfeuer flackerte ängstlich, von weißem Nebel umhüllt. Man lag gedankenlos, mit glühendem Kopf und fieberheißen Händen und wartete, daß es Morgen werde …:

Bei Tagesanbruch brachen wir auf. Der Kopf war schwer, Brust und Rücken schmerzten. Eine Unruhe erfaßte uns, als wir feststellten, daß wir alle mit kleinen, weißlichen Wunden bedeckt waren. Wovon sie kamen, wußten wir nicht. Vielleicht waren wir das Opfer unbekannter Parasiten geworden.

Die Sümpfe zu umreiten, war nicht leicht. Sie zogen sich endlos, wollten nicht aufhören und forderten einen aus unserer Mitte, der die giftige Luft nicht länger ertragen konnte.

Schließlich ging es aber wieder bergauf, die Vegetation wurde weniger üppig, und man konnte wieder freier atmen. Der ganze Körper jedoch schmerzte, und die Wunden wollten nicht heilen. Aber unaufhaltsam zogen wir vorwärts, hinein in diese sagenhafte, geheimnisvolle Welt, die niemand von uns kannte.

Geknickte Äste …:, eine seit kurzem verlassene Lagerstelle und andere Merkmale zeigten, daß einen Tag zuvor hier Menschen gewesen waren, und zwar Indianer.

Waren wir auf die Spuren jenes Indianerstammes gestoßen, der jenseits des Rio das Mortes hausen sollte, und von dem die Sage erzählt, daß er bei Tageslicht blind wäre und nur nachts sehen könne, wie die Fledermäuse? Mit schweren Keulen bewaffnet, ziehe er auf Raub aus und erschlage seine Feinde im Schlaf.

Es wurde deshalb beschlossen, nur am Tage zu ruhen und die Wachsamkeit zu verdoppeln. Wir haben aber nicht eines dieser seltsamen Geschöpfe gesehen.

Der Alte, der uns führte, stand jetzt oft mit seinem Sohn, ein Blatt vergilbten Papieres in der Hand, und verglich nach ihm die Gegend ringsum. Er schien ein Geheimnis zu wissen, das niemandem von uns bekannt war, und keiner wagte, ihn danach zu fragen.

›Die Feuerberge!‹ hörten wir ihn eines Tages sagen und auf eine in weiter Ferne sichtbare Hügelkette deuten. Nach einer Tagesreise erreichten wir das Tal zu ihren Füßen. Etwa drei Kilometer entfernt, erhoben sie sich vor unseren sehnsüchtigen Blicken. Doch Bäume und Sträucher ringsum waren von eigentümlicher, gelblicher Farbe, ja selbst das Gras war von einem gelblich-glitzernden Grau.

Wir schlugen unser Nachtlager auf und beschlossen, sie erst am nächsten Tage zu überschreiten. Wir waren alle voll freudiger Erwartung. Wird es sich nun endlich erfüllen und wir in oder hinter ihnen die Schätze finden, denen unsere Träume seit Wochen galten?

›Nie soll man die Montes de Fogo Feuerberge am Abend erreichen, nie dort die Nacht zubringen …:‹, hatte der Alte gesagt. Aber einige von uns wagten es doch, sich ihnen zu nähern und schritten vorwärts, auf der Suche nach Jagdbeute.

Hoch und hell stand der Mond am Himmel. Die vier dahinschreitenden Gestalten hoben sich scharf von der beschienenen Landschaft ab.

Wir übrigen saßen schweigend um das lebhaft brennende Feuer, als wir von den Hügeln eine milchig weiße, nebelige Wolke sich erheben sahen. Voller Unruhe beobachtete der Alte dieses Naturspiel, und als sich jetzt noch ein leichter Wind erhob, der von den Hügeln herab zu uns wehte, befahl er zu satteln.

Die Wolke kroch langsam und unaufhaltsam die Abhänge hinab, sie wuchs und dehnte sich und nahm immer festere Formen an.

›Ja, das ist es‹, schrie er und rief die vier, die unbekümmert in ihrer Jagdlust den Hügeln zuschritten. Doch sie hörten ihn nicht.

Kaum hatten sie den Nebel erreicht, als wir sie plötzlich stutzen und sich zur Flucht wenden sahen, aber das Grausame, Unverständliche war schneller. Sie verschwanden, von ihm umhüllt, vor unseren Blicken. Wir hörten sie wild schießen, und dann war Stille. Wir wollten ihnen zu Hilfe eilen, aber der Alte hielt uns zurück.

›Zu spät! Rasch auf die Pferde und fort!‹

Im Galopp, allen Proviant und die Sachen zurücklassend, die Tiere aufs äußerste anspornend, jagten wir den Höhen zu, von denen wir wenige Stunden zuvor voll freudiger Hoffnung zu Tal geritten waren, und hinter uns kroch mit unheimlicher Schnelle der Nebel. Schon spürte man im Halse einen scharfen, ätzenden Reiz.

Verzweifelt hieb ich auf das Pferd ein. Es bäumte sich, in Fetzen flog der Schaum von seinem Maul. Ich warf alles, was ich entbehren konnte, von mir, selbst den Karabiner. Nur schneller, schneller! Wir rasten über die Ebene, die sich im Schein des Mondes endlos vor uns zu dehnen schien.

Rückwärts schauend, gewahrte ich in zweihundert Meter Entfernung die blasse Wolke und vor ihr, schon halb von ihr verschlungen, zwei von uns …:

Wir hatten die Höhe erreicht. Der Nebel war im Tal geblieben. Der Sohn des Alten stand mit weitoffenen Augen und starrte hinab in die weißen Wolken. Neben ihm noch zwei andere. Der Alte war nicht dabei. Da schrie er, schrie wie ein zu Tode getroffenes Wild, und ehe wir ihn daran hindern konnten, stürzte er in langen Sätzen den Abhang hinab, dem Nebel zu und verschwand in ihm …:

Am nächsten Tage war alles still. Stumm und schwer lagerte die weiße Wolke im Tal, und erst in der folgenden Nacht, als ein scharfer Wind sich erhoben hatte und am Morgen die Sonne vom Himmel lachte, verzog sie sich. Wir fanden die Leichen der Menschen und Tiere und in unserem Lagerplatz den von der Schlange Gebissenen, den wir im Augenblick der Gefahr vergessen hatten. Auch er war tot.

Wir drei Überlebenden gingen nicht in die Feuerberge …:

Von dem Finger des Alten streifte ich einen Ring. Hier ist er.«

Er streckte seine rote Hand aus. Auf dem Zeigefinger glänzte ein Rubin von großer Schönheit. Schweres, massives Gold umgab ihn, kein Zeichen sonst, kein Buchstabe, nur die Zahl 1789.

Der Indianer zog den Kopf zwischen die Schultern und schwieg. Dunkle Nacht umgab sie, eine Nacht in der Wildnis des brasilianischen Urwaldes. Im aufflackernden Feuer sah man verschwommen die Umrisse einiger Hütten, die zwischen dem Gestrüpp in die Dunkelheit träumten …:

*

»Auch ich will Ihnen etwas erzählen«, sagte Carlos, ein Deutscher, sich an Hans Mahr wendend. »Aber Ihnen allein. Die anderen würden es doch nicht verstehen.«

Seltsam klangen die so lang entbehrten, deutschen Worte im geheimnisvollen Flüstern der Tropennacht. In der Ferne schrie ein unbekannter, nächtlicher Vogel. Stumm saßen die Garimpeiros und lauschten den ihnen unverständlichen Lauten aus einer anderen Welt …:

Und Carlos begann: »Es war lange, bevor Sie in dieses Gebiet kamen. Denn zwanzig und mehr Jahre schon mag es her sein, daß ich hier in Brasilien meine zweite Heimat gefunden habe.

Müde von der schweren Tagesarbeit lag ich eines Abends in unserer Hütte, als Pferdegetrappel mich aufschrecken ließ. Sollten es Räuber sein? Ich wußte unsere Tiere in Sicherheit, und so fuhr ich in meiner Tätigkeit, dem Lesen einer alten deutschen Zeitung, die, ein kaum erkennbarer Fetzen, sich bis in unsere Einöde verirrt hatte, ruhig fort. Das Geräusch kam immer näher, und bald sprengten an meiner Hüttentür fünf Reiter vorüber und machten an der Venda halt. Ein paar kurze Worte, und die Hufschläge entfernten sich wieder.

Die Sonne stand am Horizont. Meine Gedanken weilten in der alten Heimat, wo jetzt ein taufrischer Morgen einen arbeitsreichen Tag verkündete, als in der Tür die Gestalt eines hochgewachsenen, wettergebräunten Menschen erschien, der mir in brasilianischer Sprache ›Guten Abend‹ bot. Ich hieß ihn eintreten, und er setzte sich auf den Rand meiner Pritsche.

Nach den üblichen Fragen des Wohin und Woher und ob ich viele Diamanten gefunden hätte, schaute er mit Interesse auf die Zeitung vor mir.

›Interessiert es Sie?‹ lächelnd bot ich sie ihm, da ich die allen Brasilianern eigene Neugier für ihnen fremde, unverständliche Dinge kannte.

›Sie können es ja gar nicht lesen, es ist nicht Portugiesisch.‹ Auch er lächelte, aber in seinen Augen glaubte ich den Ausdruck eines stärkeren Interesses, vermischt mit Weh, zu erkennen. Und plötzlich redete er mich in reinstem Deutsch an. Ich hatte einen Landsmann vor mir.

So holte ich denn einige Flaschen Cachaça. Wir tranken und sprachen von der Welt dort drüben, die wir beide vor langer Zeit verlassen, aber nicht vergessen hatten. Ich erzählte ihm einiges aus meinem Leben, und auch er tat das gleiche, bis er mir plötzlich mitteilte, daß er nur Männerliebe kenne.

Das war mir unangenehm, ließ es mich doch eine Störung dieses schönen Abends befürchten, aber er fuhr ruhig, fast gleichmütig fort: ›Nicht den körperlichen Reiz schätze ich, ich schätze die Empfindung der Seele, das Erleben, und erleben kann man nur mit einem Manne. Nur mit ihm kann man gemeinsam den Weg wandern, der in die Geheimnisse des Lebens durch das Wissen führt. Das Weib ist unserem Empfinden fremd, es ist nicht dazu geeignet, dieselben Geisteswege zu gehen wie wir; es ist eben das andere Geschlecht. Wohl wandert es mit dem Manne seiner Liebe, es hält aber nicht gleichen Schritt mit ihm, es kommt stets nur nach; wohl erweckt es in ihm oft neue Gedanken, die ihn zu Taten treiben, aber es ist immer nur das aufnehmende Prinzip und er das gebende.‹

›Und das ist gut so,‹ wandte ich ein, ›so ergänzen sich Wissen und Fühlen und schützen vor dem Einseitigwerden.‹

›Ja, auf Kosten des Fortschrittes –‹

Wir hatten schon die zweite Flasche geleert, als mein seltsamer Besucher die Frage an mich richtete, ob ich mit ihm arbeiten wolle.

›Und was für eine Arbeit …:?‹

Er zögerte. ›Ich kaufe Diamanten und …:‹

›Und?‹

›… lebe gut.‹

›Solch eine Tätigkeit könnte auch mir gefallen‹, meinte ich lachend.

›Ich muß dich aber vorerst mit der Technik der Arbeit bekanntmachen, Karl.‹ Wir nannten uns bereits beim Vornamen.

›Na, das wird sich schon erweisen,‹ unterbrach ich ihn, ›ich werde es schon begreifen.‹

Da sah ich an seinen Augen, daß ich ihn nicht verstanden hatte, aber er schwieg lange, ehe er fortfuhr: ›Das Gesetz ist eine Formalität, die jeder nach außen hin zu erfüllen hat. Außer diesen von dem Staat aufgestellten, schablonenhaften Normen gibt es jedoch in eines jeden Menschenbrust ein Gesetz, dem man zu folgen gezwungen ist. Und es kommt vor, daß dieses mit dem der Gesellschaft nicht in Einklang gebracht werden kann. Das sind dann die Abtrünnigen, die Ausgestoßenen der Gesellschaft, die sie nicht versteht und in ihnen Feinde sieht.‹

Er schwieg und nahm einen Schluck aus seinem Glase.

›Es war ein Jahr vor dem Kriege. Wir lebten in Berlin. Ich war zwanzig Jahre alt und das einzige Kind meiner Eltern, die mich abgöttisch liebten. Schon als Knabe hatte ich eine gewisse Scheu vor dem anderen Geschlecht. Auf der Universität nun wurde es mir zur Gewißheit, daß ich anders geartet sei, als die meisten meiner Kameraden. Ich faßte eine leidenschaftliche Liebe zu einem um fünf Jahre älteren Studenten. Er war Morphinist. Alle Bemühungen, auch mich zu diesem Laster zu verleiten, blieben erfolglos, und so zerfiel diese Freundschaft plötzlich, wie sie entstanden war. Ihr folgten aber andere, bis eines Tages der Arm des Gesetzes sich nach mir ausstreckte, dieses grausamen und gefühllosen Gesetzes. Ich floh, verließ Studium, Heimat und Elternhaus und ging nach Italien, von wo es mir gelang, mit falschen Papieren nach Brasilien auszuwandern. Was blieb mir unter dem Druck der Macht des Gesetzes auch anderes zu tun übrig …:?

Inzwischen war der Weltkrieg ausgebrochen. Mich rührte unter dem italienischen Namen niemand an. Mit zitternder Spannung verfolgte ich die Kriegsereignisse. Ach, wie wünschte ich, in der Heimat zu sein! Wie gern hätte ich für sie gekämpft, gelitten, gedarbt! Aber war ich nicht ein Ausgestoßener, ein heimatloser Flüchtling, der kein Anrecht hatte auf das Glück und das Leid seines Vaterlandes …:? Nach Jahren härtester Arbeit und Entbehrungen, nach Jahren brennenden Heimwehs erhielt ich einen Brief: die Mutter war tot, der Vater ein durch die Inflation verarmter, verbitterter Mann, der durch Übersetzungen und andere Gelegenheitsarbeit ein kümmerliches Dasein fristete.

Ich schrie auf wie ein verwundetes Tier, ich rüttelte voll Verzweiflung an den unsichtbaren Stäben meines Kerkers.

Was soll ich dir noch sagen …:?

In den nächsten Tagen wußten die Zeitungen in Rio de Janeiro von einem Einbruch mehr zu berichten. Die Post aber trug einen Geldbrief in die Ferne. Ob mein Vater ihn jemals erhalten hat …:? Ich habe es nie erfahren. Ich war gezwungen, Rio zu verlassen. Mein Vater ist dann auch gestorben …‹

Sein wetterhartes Gesicht zuckte.

›Ich ging nach Matto Grosso, wo ich in den Diamantengebieten des Rio das Garças das Glück oder den Tod suchen wollte. Rio das Garças nahm mich unfreundlich auf, wie es jeden aufnimmt, der frisch nach hier kommt. Die Diamanten schienen immer nur dort zu liegen, wo ich nicht war. In Hunger und Entbehrungen kämpfte ich um jeden neuen Tag, bis ich begriff, daß nur ein Arbeiten mit moderner Technik den nötigen Erfolg bringen konnte. Das aber war hier nicht möglich.

Das durch keine menschlichen Gesetze eingeengte Leben in der freien Natur, die Einfachheit der Forderungen und Erscheinungen hatten wohltuend auf meine zerrütteten Nerven gewirkt. Ich erwachte zu neuem Leben, baute mir eine Roça urbar gemachtes Land, pflanzte und arbeitete, sparte jeden Milreis und vergrößerte ständig mein Besitztum. Da lernte ich einmal ein Mädchen kennen. Es war das erste Mal, daß ich Zuneigung zum anderen Geschlecht empfand. Ich nahm es zu mir. Es sollte aber nicht gut werden …: Ach, frage nicht! …: Heute bin ich nur ein Gesetzloser, habe ein paar Leute und kaufe Diamanten. Ha! Ha! Kaufe …:!‹ Er lachte bitter.

›Könntest du nicht nach Deutschland zurückkehren?‹ fragte ich leise.

Er schüttelte den Kopf. ›Das ist alles längst vergangen. Nun gibt es nur noch eine Gegenwart. Du sollst sie kennenlernen.‹

Mittlerweile war es spät geworden. Wir hüllten uns in die Decken und legten uns zum Schlafen nieder.

Früh am nächsten Morgen sattelten wir unsere Pferde und ritten unter Zurücklassung meiner sämtlichen Sachen davon.

Unser Weg führte uns abseits der üblichen Straße, durch weglosen Urwald, auf schmalen, kaum gangbaren Pfaden, deren verkrüppelte Bäume und Sträucher Gesicht und Kleider mit scharfen Dornen zerrissen. Als es dunkel wurde, machten wir ein Feuer und sattelten die Pferde ab.

Es war eine herrliche Nacht. Geheimnisvoll umrissen, traten aus dem Dunkel die Bäume und das sonst so häßliche, harte Gras hervor. Der Schein unseres Lagerfeuers gab ihnen ein eigenes, seltsames Leben, das den Blick fesselte und das Blut in Wallung brachte. Man ahnte im Dunkel Geheimnisse, die voll Erwartung in die Nacht lauschen ließen …:

So lagen wir, bis der Mond kam. Er war wie mit goldenen Schleiern umhüllt, die von der Höhe herab zu uns zu wehen schienen.

›Es wird regnen‹, sagte mein Begleiter. ›Wir müssen uns beeilen.‹

Nach drei Stunden weiteren Reitens kamen wir an einen Fluß. Am jenseitigen Ufer ragte mächtiges, dunkles Gestein, nirgends war ein reitbarer Pfad zu entdecken. Der Fremde aber trieb dennoch sein Pferd ins Wasser.

Ich folgte ihm.

Schweigend ritten wir erst dem rechten Ufer nach, dann dem linken.

›Wer den Weg nicht ganz genau kennt, kommt nicht hindurch‹, sagte mein Führer. Das Wasser reichte unseren Tieren an manchen Stellen bis an den Leib. Mein Pferd schritt vorsichtig, ängstlich schnaufend, das des anderen schien den Weg schon des öfteren zurückgelegt zu haben.

Mich fröstelte. Ich war in der Gewalt dieses merkwürdigen Menschen, wußte ich doch, wie gefahrvoll es ist, solche Flüsse zu durchschreiten, unter deren glatter Oberfläche Untiefen und Stromschnellen lauern. Er mußte oft anhalten und auf mich warten. Ich hatte die größte Mühe, mein zitterndes Tier vorwärtszuzwingen.

Nach einer Stunde etwa, die mir auf diesem seltsamen Reitwege zur Ewigkeit geworden war, konnten wir endlich wieder das Ufer erklimmen.

Es war inzwischen Morgen geworden. Ich sah Maisfelder und Bananenpflanzungen, Orangenbäume reckten ihre dunkelgrünen Laubäste, und im Zuckerrohr raschelte der Morgenwind. Und plötzlich, hinter den Sträuchern und Bäumen hervor, schimmerte ein weißes Häuschen mit Vorhängen vor den Fenstern, wie das Märchenschloß in den Träumen unserer Sehnsucht!

Wir übergaben die Pferde einem Mestizen und betraten es.

Polstermöbel luden zur Ruhe ein, Bilder und Spiegel schmückten die Wände. Das Zimmer, das mir angewiesen wurde, erschien mir, nach den jahrelangen Entbehrungen und Strapazen, wo man die Nächte angekleidet in der Hängematte oder auf der Rinderhaut liegend zubringt, wie ein Paradies. Ich betastete den Tisch, die Stühle, das Bett. Ach, das weiße, herrliche Bett! Da stand es vor mir, war Wirklichkeit, und das alles mitten im Urwald!

Der Mestize brachte mir einen bequemen Hausanzug meines neuen Freundes, und ich durfte ein Bad nehmen. Als ich in der für europäische Begriffe wohl lächerlich primitiven Wanne aus Eisenblech saß und meine müden Glieder im heißen Wasser wohlig dehnte, faßte ich den Entschluß, sofort nach Europa zurückzukehren, um wieder Zeitungen und Bücher lesen zu können, wieder Musik zu hören und mich an der Kunst zu erfreuen, um wieder ein Mensch zu sein. Ich kleidete mich langsam an, jedes Stück von allen Seiten betrachtend. Welche Wohltat waren die Hausschuhe für meine schmerzenden Füße! Ich sah auf meinen Reiseanzug, der von kalten Nächten redete, von Krankheit, Hunger und Entsagung, und ein Gefühl von Furcht wollte mich beschleichen, wenn ich daran dachte, daß ich vielleicht schon morgen sie wieder werde anlegen müssen, um hinauszuziehen in die weglose Wildnis.

Ein Wonnegefühl durchströmte mich, als ich, zwischen den Bettlaken liegend, den müden Kopf auf den Kissen, daran dachte, daß ich zurückkehren könnte in die Heimat …:

Als ich erwachte, war es Abend. Eine Negerin führte mich ins Eßzimmer. Mein Freund stand am Fenster und schaute ins Dunkel. Am Himmel sah man einzelne Sterne, Wolkenfetzen jagten über sie. Es hatte geregnet.

Nach dem Nachtmahl spielte er Geige. Er war kein Künstler, aber sein Spiel ging zu Herzen. Man hörte seine Seele schluchzen, diese unruhige, seltsame Seele. Es war, als ob er mir etwas sagen wollte. Ich konnte es aber nicht verstehen.

Unvermittelt brach er das Spiel ab. Wir unterhielten uns über gleichgültige Dinge. Er zeigte mir seine kleine, aber auserlesene Bibliothek, und wir trennten uns, nachdem wir noch eine Partie Schach miteinander gespielt hatten. Der gequälte Ausdruck war aber die ganze Zeit über nicht von seinem Gesicht gewichen.

Am nächsten Morgen, als ich erwachte, übergab mir die Negerin einen Brief. Mein Freund schrieb mir, daß er in der Frühe habe verreisen müssen, ich möge sein Haus als das meinige betrachten und sein Gast bleiben bis zu seiner Rückkehr, die er aber heute noch nicht angeben könne.

Man sagte mir, daß er oft Wochen, selbst Monate abwesend sei.

Ich las, ich schrieb und streifte in der Umgebung umher.

So verging Woche um Woche.

Es wurde immer schwerer, diese Zeit des Wartens zu ertragen. Einer nach dem anderen verstrichen die Tage in unnützem Nichtstun. Ich schlenderte durch Haus und Hof, ich ging hinunter an den Fluß und angelte. Es erschien mir alles so zwecklos. Ich wollte fort. Das weiße Haus mit seinen Vorhängen, seinen Tischen und Stühlen, die ich anfangs so bewundert hatte, lastete auf mir in seiner süßen Eintönigkeit.

Und eines Morgens ritt ich.

Ich hatte die alten Reitkleider wieder angelegt. Der Mestize brachte mich wohlbehalten durch den Fluß. Und – da lag sie vor mir, die freie Wildnis, mit ihren kleinen, rauhen, verkrüppelten Bäumen, mit ihrem spärlichen, harten Gras, den Entbehrungen, Strapazen und Gefahren …:

Meinen seltsamen Freund habe ich nie wiedergesehen.

Wer er war und was er trieb …:, ich weiß es nicht.

Man trifft hier in diesem Lande auf viele seltsame Dinge, die sonst in den Rahmen des Lebens gar nicht passen wollen. Sind es doch meist Abtrünnige der menschlichen Gesellschaft, denen man begegnet, von ihr Ausgestoßene oder Flüchtlinge. Es ist gut, daß hier noch für sie alle genügend Raum vorhanden ist, der ihnen Lebensmöglichkeiten bietet. In Europa gehen sie meistens zugrunde.«

So lautete die Erzählung Carlos', des Deutschen. Was ist Märchen, was Wirklichkeit? Viel Seltsames birgt die Wildnis, viele Geheimnisse. Die meisten sehen sie nicht. Es sind aber auch solche, deren Gefühle und Empfindungen trotz dieses Lebens der Strapazen und Gefahren nicht verlorengegangen sind. Diese sehen die Farbenpracht des Himmels bei Sonnenuntergang, fühlen den Kampf des Lichtes mit der Finsternis, diesen ewigen Kampf, ewiges Unterliegen und Auferstehen. Sie hören die Blätter reden, und den Fluß des Glücks und des Elends sein Lied singen, jeden Tag ein anderes Lied, je nach dem Stande des Wassers. Sie lauschen dieser Melodie, die mit dem Rauschen des Windes, dem Knistern des Feuers sich zu einem einzigen, großen Lebenslied eint, dessen erste Stimme der Tod singt.

*

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