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Unter brasilianischen Diamantsuchern

Georg Leichner: Unter brasilianischen Diamantsuchern - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGeorg Leichner
titleUnter brasilianischen Diamantsuchern
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1928
printrun1.-12. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181121
projectidb9b3506b
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III

Der magische Abend – Dem Tode nahe – Zehn Minuten wütete das Wasser

 

Es hatte geregnet. Das Gras war naß, und von den Bäumen fielen große Tropfen. Eine heiße, stille Nachmittagsstunde.

Das Wäldchen, das sich längs dem Bache hinzog, war so mit Buschwerk und Gestrüpp durchwachsen, daß man sich mit dem Messer den Weg bahnen mußte. Wohl noch nie hatte eines Menschen Fuß es betreten.

Nur schrittweise kamen die beiden voran, ins Dickicht nach Jagdbeute spähend, als ein seltsames Geräusch, ein bösartiges, trockenes Klappern, ihre Aufmerksamkeit fesselte. Irgendwo in der Nähe mußte eine Klapperschlange sein. Es war ein häßliches Gefühl, sie nicht zu sehen, nicht zu wissen, an welchem Ort sich die Gefahr befindet. Bald schien es ihnen, als töne es von links, dann wieder von rechts. Wie unzulänglich ist doch das menschliche Gehör!

Langsam, vorsichtig schritten sie vorwärts.

»Zurück!«

Kaum daß sein Begleiter es rief, da sah Hans Mahr sie auch schon. Grau, wie die sie umgebende Erde, die Äste und die graugelben, verfaulten Blätter, in einem halben Meter Entfernung, erhob sie den kleinen Kopf mit den nadelöhrgroßen Nasenlöchern und den kalten, selbstbewußten Augen. Zischend fuhr die eigentümliche, gespaltene Zunge aus dem Maul. Ihr mit Schuppen bedeckter Körper bäumte sich drohend, und mit den Ringen am Schwanzende erzeugte sie jenes sonderbare, klappernde Geräusch. Es war, als ob sie vom Tode redete …:

Die Schüsse der beiden krachten fast gleichzeitig. Das Tier sank in sich zusammen.

siehe Bildunterschrift

Zwei badende Mädchengestalten schmückten den Fluß

Vorsichtig sich ihm nähernd, durchstachen sie ihm mit dem Dolchmesser den flachen Kopf. Er glich jetzt einer formlosen, blutigen Masse. Die wilden Zuckungen wurden immer ruhiger und ruhiger, einen Augenblick lang strafften sich sämtliche Muskeln, wurden hart wie ein Brett, um sich sofort wieder zu entspannen. Die Schlange war nun weich wie ein Lappen. Sie wandten sie auf den Rücken. Der weiße Bauch wollte so gar nicht in die herbstlich graue Umgebung passen.

Da es bereits spät geworden war, mußten sie die Jagd für heute aufgeben und zur Hütte zurückkehren. Bald wird die Sonne untergehen, es hieß sich beeilen, wollte man nicht hier in der unwirtlichen Wildnis von der Dunkelheit überrascht werden. Die Schlange hing schlaff auf dem Messer, nur gelegentliche, schwache Schauer zeigten, daß das Leben noch nicht ganz erloschen war.

Millionen Wassertropfen glänzten im nassen Gras. Wie Diamanten funkelten sie in den Strahlen der sinkenden Sonne, die immer größer wurde und röter, je mehr sie sich ihrem Ende zuneigte. Der Weg zu ihr über den unendlichen Kamp mit seinen verkrüppelten Bäumchen erglänzte in allen Farben des Regenbogens in einer einzigen, leuchtenden Farbensymphonie. Und nun hatte sie den Horizont erreicht. Lange Schatten krochen über die Erde.

Nur ein kleines Stückchen des glänzenden Balles war noch übriggeblieben, eine leuchtende Krone, die immer kleiner wurde und blasser, bis auch sie verschwand …:

Und in demselben Augenblick, wie durch Zauberhand zu neuem Leben erweckt, in einer letzten Willensanspannung, streckte sich der tote Körper der Schlange, die Muskeln strafften sich, sie bewegte sich, lebte …: Grausig starrte der Kopf, nur ein blutiger Klumpen, am sich windenden, grauschimmernden Leib. Ein wildes Aufflackern des Lebenswillens, ein letztes Sichaufbäumen gegen das Dunkel, ein allerletzter Gruß an dieses Dasein, an dessen Leid und Freude alles Lebende hängt mit jeder Faser des Seins …:

Die Sonne war untergegangen. Die Schlange bewegte sich nicht mehr. Leblos hing sie, tauchte nun für immer unter in die mondlose Nacht, um nie wieder zu dem Licht zurückzukehren.

Die zwei Menschen aber standen, wortlos, stumm, vor diesem geheimnisvollen Abschied, und das Ahnen von den tiefen Zusammenhängen der Natur zog erschauernd durch ihre Seelen …:

*

Die Langweile der dunklen Abende, an denen es kein Licht gab, an denen die Unterhaltung stockte und Körper und Geist von der Arbeit und Hitze müde und stumpf waren, trieb Hans Mahr eines Tages dazu, die Veranstaltung eines »magischen Abends« zu verkünden.

Allgemeine Belebung, Flüstern. Sie sammelten sich aus den drei Hütten, die in der Nähe lagen, in der seinigen und vor ihr, weil sie nur drei Wände hatte; die vierte bestand aus einem großen Loch, in das es gelegentlich regnete.

Es kamen ungefähr 25 Mann. Alle barfuß. Leise flüsternd, bewegten sie sich geräuschlos, und in einer Ecke kauerte Tommy, der Europäer, in seine Gedanken versunken. Welcher Nation gehörte er an? Er sprach nie darüber, und niemand wußte es. Dunkles, teilweise ergrautes, ungepflegtes Haar und das von Kummer und Entbehrungen durchfurchte Gesicht ließen sein Alter nicht erkennen.

Nun waren alle versammelt. Geschmolzener Rindertalg, in den man einen Docht gesteckt hatte, sowie ein Scheiterhaufen, dessen hell loderndes Feuer phantastische Schatten an die Wände malte, bildeten die Beleuchtung. Durch das Loch in der Wand schaute die Nacht, und die schwarzen und braunen Gesichter, über die der zuckende Widerschein der durch den Wind bewegten Flammen huschte, sahen voll Erwartung auf Hans Mahr. Eine Holzkiste mit der Aufschrift »Gasolina« diente ihm als Tisch.

Eines nach dem anderen ließ er eine Reihe kleiner Taschenspielerkunststücke sich vor den weit aufgerissenen, staunenden Augen dieser Menschen am Rande der Welt folgen, die abgeschnitten von jeglicher Zivilisation, gläubig und kritiklos um ihn herumstanden, wie Kinder, denen erzählt wird, daß es irgendwo Krokodile gibt, wilde Tiere, die Menschen fressen, und Völker, deren Farbe nicht weiß ist …: Nur immer mehr und mehr wollten sie sehen. Nach einer Erklärung der Vorgänge fragten sie nicht. Sie schauten nur, lachten und jauchzten, wenn er das kleine Papierkügelchen, das seiner Hand entschwunden war, in der Nase oder im Ohr eines Schwarzen wiederfand, der selbst, verlegen lächelnd, zwei Reihen weißer, infolge einer verwerflichen Sitte künstlich zugespitzter Zähne entblößte. Das Zusehen ist interessanter als das Zeigen. Wunsch und Eitelkeit sind bei diesen Menschen auf ganz andere Dinge gerichtet als auf den Ehrgeiz, diese unbegreiflichen Vorgänge enträtseln zu können. Ihnen gilt nur der Besitz eines guten Pferdes, eines mit vielen Zieraten versehenen Sattelzeuges, großer Sporen, die auf dem nackten Fuße getragen werden, eines möglichst großen und glänzenden Revolvers, zu dem oft die Patronen fehlen …

Als das erste Auflachen dieser menschlichen Tierwelt dröhnte, die gutmütig ihr Interesse mit Dankbarkeit paarte, schrak der einsam in seiner Ecke Sitzende empor, ließ seine Blicke über die Masse gleiten, die in respektvoller Entfernung mit offenem Munde um Hans Mahr herumstand, und ein Ausdruck des Ekels, gemischt mit Neid, flog über sein Gesicht und gab Bitterkeit Platz.

Es war spät in der Nacht, als sie gingen, in kleinen Gruppen, in der Dunkelheit verschwindend. Hell schimmerte aus der Unendlichkeit das Kreuz des Südens, Miriaden von Gestirnen zogen ihre unverrückbare Bahn. Hans Mahrs Gedanken suchten die Heimat in der Ferne …: Da hörte er leise Schritte. Ganz nahe hinter ihm blieb jemand stehen. Es war Tommy, der Europäer.

»Sollten Sie nach Europa zurückkehren, stecken Sie diesen Brief in den ersten besten Postkasten, den Sie drüben sehen.«

In der Dunkelheit ahnte Hans Mahr mehr, als daß er es sah, wie er ihm ein Schreiben reichte.

»Es will, wie ich gehört habe, in den nächsten Tagen jemand nach Rio de Janeiro reisen. Geben Sie es ihm doch mit. Ich weiß ja noch gar nicht, wann ich zurückkehre.«

»Und wenn es auch erst nach Jahren ist, so habe ich doch die Gewißheit, daß der Brief sein Ziel erreicht. Er birgt die Lösung eines Geheimnisses.«

Da steckte ihn Hans Mahr wortlos zu sich.

Die Luft war schwer. Am Horizont stieg eine schwarze Wolkenwand empor, die Sterne verdeckend. »Es wird gewittern«, sagten die Garimpeiros und wickelten sich fester in ihre Decken.

Sie lagen zu dreien in einer Hütte. Schwer lastete das Dunkel über ihnen, als Hans Mahr plötzlich auf seinem Gesicht einen Hauch verspürte. Rasch sich aufrichtend, konnte er jedoch nichts erkennen. »Sie schlafen nicht?« flüsterte Tommy in gebrochenem Deutsch. Es war das erste Mal, daß er sich nicht der Landessprache bediente. »Ach, entschuldigen Sie, bitte, Sie werden lachen …:, ich fürchte mich aber so sehr …:, nicht vor dem herannahenden Gewitter, nein, etwas Unbegreifliches steht in meiner Nähe und befiehlt mir etwas Häßliches …: Was, weiß ich nicht …: Ich versuchte zu schlafen, es gelang aber nicht.«

»Ich habe ein Schlafpulver, nehmen Sie es.« Ein wenig ärgerlich warf sich Hans Mahr herum. Er war müde und wollte seine Ruhe. Was konnte er auch für den Mann tun, dessen Nerven anscheinend überreizt waren?

»Ach, nein, nein, lassen Sie. Es wird schon besser werden.« Er hörte ihn zu seinem Lager zurückkehren.

Die Luft in der Hütte war unerträglich, sie lastete schwer wie Blei, voll heißer, drückender Wünsche, für die es keine Erfüllung gab.

Hans Mahr konnte den Schlaf nicht wieder finden. Er erhob sich und trat ins Freie.

Die herannahenden Wolken zogen langsam, sehr langsam, aber unaufhaltsam; sie hatten schon den halben Himmel bedeckt. Es waren solche schwere, häßliche Wolken, die in der Windstille drückend über der Erde lasteten, ohne Regen zu geben. In einer Hütte hörte man die Schweine und Hühner. Irgendwo schritt ein Pferd. Das Lagerfeuer war erloschen …:

In der gespannten Stille der Nacht kehrte Hans Mahr in die Hütte zurück. Sein Körper brannte von den Tausenden von Moskitostichen des Tages, dieser entsetzlichen Plage Matto Grossos. Der dritte Schläfer, ein Brasilianer, atmete tief, wälzte sich unruhig hin und her und stöhnte im Schlaf. Der Hund draußen war unruhig, die durch die Fliegen verursachten vielen Wunden und Geschwüre quälten ihn. »Armes, altes, kluges Tier, das für die kleinste Liebkosung einem voll Dankbarkeit in die Augen schaut …:« Die Gedanken wurden undeutlich, verschwammen …: Der Schlaf nahm Hans Mahr wieder in seine Gewalt.

Wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht, als ein Schuß ihn erschreckt emporfahren ließ. Schreiend flogen in der Dunkelheit ein paar Vögel auf.

»Die dummen Bengels«, sagte der Brasilianer, »müssen auch in der Nacht noch schießen.« drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter.

Die Atmosphäre schien noch mehr zu drücken. Hans Mahr sah die schwarzen und braunen Gesichter der Neger und Mischlinge und hörte ihr: »Màgica! Mais Màgica!« Zauberei! Mehr Zauberei

Es hatte angefangen zu regnen, ein feiner Regen, als ob die Wolken geizig wären mit dem Wasser, aber es wurde leichter und heller. Er lauschte: nur das Atmen des Brasilianers, sonst nichts. Der andere schien nicht zu atmen. Unheimliche Stille lastete im Raum. Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf, ihm wurde bange um den Menschen. Er ahnte etwas Gräßliches, lauschte angestrengt und hörte doch nur das Atmen des Brasilianers und das eintönige Rauschen des Regens …:

Als der Morgen kam, ein sonniger Morgen, wurde seine Vermutung zur Gewißheit. Auf der harten Pritsche lag Tommy, der Europäer, eine Kugel im Kopf. Das Gesicht trug den Ausdruck eines undefinierbaren Schreckens.

Unwillkürlich legte Hans Mahr die Hand an die Tasche, in der er den Brief wußte. Es war wie ein stummes Gelöbnis …:

Tage vergingen.

Es war beschlossen worden, umzusiedeln. Das Boot, das aus einem dicken, ausgehöhlten Baumstamm hergestellt war, nahm den Proviant, die nötigen Arbeitsgeräte und die Tauchervorrichtung auf.

Kurz nach Sonnenaufgang war alles bereit zur Abfahrt. Die überflüssigen Sachen blieben einfach zurück, denn ein Diebstahl ist hier nicht zu befürchten; jeder weiß, daß die ungeschriebenen Gesetze der Wildnis das noch so kleinste Vergehen mit dem Tode ahnden.

Zwei Mann trieben das Boot mit langen Bambusstäben vorwärts, zwei andere ruderten. Die Fahrt ging stromaufwärts. Die Ufer des breiten Flusses boten dem Auge genügend Abwechslung. Steile Abhänge, nackte Felsen wechselten mit niedrigem Gestrüpp oder Landstrecken dürrer, sandiger Erde. Dort sah man eine verlassene Hütte, zerfallen, vom Urwald schon halb erstickt, oder ganze Berge gelben Sandes erzählten davon, daß hier schon Menschen dem Strome seine Schätze zu entreißen bemüht waren. Wo waren sie hin, die hier arbeiteten, hofften, entbehrten und darbten …:? Waren sie glücklich heimgekehrt, oder hatte ihr unruhiger Geist Frieden gefunden in den Tiefen, über die das Boot jetzt glitt …:?

Das Wasser war nach dem Regen schwarz und reißend. Große Baumstämme eilten vorüber und schlugen an das Fahrzeug, verflochtene Äste schwammen stromabwärts. Nur mit Mühe brachten sie das Boot mittels der fünf bis sechs Meter langen Stäbe, die den Boden oft nicht erreichten, gegen die Strömung. Das dunkle Wasser beherbergte viele unbekannte Tiere. Sie ahnten Untiefen und Gefahren, aber der Diamant, der im Kiesel des Flußbettes ruhte, lockte …:

Plötzlich segelte ein großer Baumstamm auf sie zu. Unaufhaltsam trieb sie das wirbelnde Wasser ihm entgegen. Mit Anspannung aller Kräfte stemmten die Schwarzen die Stäbe gegen den Boden. Erwartung peitschte alle Nerven …:

Ein Stoß, ein Krachen, und schon waren sie im Wasser. Das Boot, mit dem Kiel nach oben, ähnelte selbst einem Baumstamm.

Keiner jedoch fürchtete den Tod. Man vertraute seinen Kräften, und bald fanden sich alle auf dem Ufer wieder und schauten zu, wie ihr Hab und Gut den Strom abwärts, einer unbekannten Ferne entgegenschwamm. Alle schweren Gegenstände lagen auf dem Grunde des Flusses.

Stumm saßen sie, die Augen auf die in der Weite verschwindenden Sachen gerichtet. Schaufeln und Hacken, das gesamte Arbeitsgerät, Proviant und Kleidung waren verloren. Die ganze Munition …: Hans Mahr hatte an seinem Gürtel nur noch sechzig Patronen. Und plötzlich erinnerte er sich …:: der Brief Tommys, des Europäers! Die Tintenstiftschrift, mit der die Adresse geschrieben war, war ausgeflossen. Er öffnete den Umschlag: nasses Papier mit Tintenflecken und unleserlichem Text schaute ihm entgegen …: Nur das mit großen Buchstaben geschriebene Wort »Paris« war zu entziffern, sonst nichts.

»… Ich gebe es Ihnen, dann weiß ich, daß das Schreiben sein Ziel erreicht …:«, hörte er die Stimme des Toten und starrte auf den Brief, den man nicht lesen konnte, der die Lösung eines Geheimnisses in sich barg, die für den Sterbenden von so großer Wichtigkeit gewesen war. Vier mit Tintenflecken bedeckte Blätter: das war alles.

Er hatte das Papier dem Toten vor Wochen gegeben. Vor so langer Zeit war der Brief schon geschrieben? Vor so langer Zeit schon vertraute der Unglückliche diesen Blättern an, was seine Seele bedrückte, so lange schon trug er sich mit dem einen Gedanken, bis er ihm in jener Nacht, als die dunklen, regenlosen Wolken langsam am schwarzen Himmel zogen und mit ihrer bleiernen Schwere alles zu ersticken drohten, keinen Widerstand mehr leisten konnte. Und heute war der Brief nur ein Fetzen Papier, beschmutzt, nichtssagend, nutzlos …:

Als Hans Mahr später einmal Gelegenheit hatte, eine Stadt zu passieren, gab er das Schreiben einem Chemiker. Aber auch dieser konnte an Hand der Kratzstellen des Stifts die Schrift nicht wiederherstellen. Und so ging der Brief mit dem Geheimnis des Europäers, den sie Tommy nannten, verloren …

*

Der Garimpeiro darf sich durch solche Zwischenfälle, wie der Verlust von Arbeitsgerät und Proviant, nicht entmutigen lassen. Hat er genügend Barmittel, macht er sich sogleich an die Beschaffung einer neuen Ausrüstung, im widrigen Fall muß er bei einem anderen Arbeit nehmen, bis er das nötige Kapital erspart hat.

So war denn auch bald wieder ein zweites Boot bereit, und abermals ging es den Rio das Garças hinauf. Das Wasser war inzwischen gefallen und ein Kentern nicht mehr zu befürchten. An gefährlichen Stromschnellen wurde ausgestiegen und das Boot hinübergeschleppt. Die spitzen Steine, die den Boden bedeckten, bohrten sich in die Fußsohlen, und es war schwer, sich gegen das rasch fließende Wasser zu behaupten. Nur schrittweise ging es vorwärts. Man brauchte sich nicht zu freuen, wenn die Stelle überwunden war, wußte man nur zu gut, daß ihrer noch viele ähnliche folgten.

Endlich erreichten sie einen Ort, der nach der Untersuchung mit dem Stab zeigte, daß dort auf dem Grunde Kieselsteine lagen. Auf dem Ufer wurde ein Platz von Gestrüpp befreit und die Pumpe aufgestellt.

Einer der Schwarzen stieg im Taucheranzug in die unbekannte Tiefe hinab. Bald wanderte Eimer um Eimer in das Boot, und aller Hoffnung auf reiche Diamantenernte stieg.

Als es dunkel wurde, dienten ihnen ein paar Rinderhäute als Nachtlager. Da keine Palmen in der Nähe zu finden waren, mußten sie unter freiem Himmel bleiben, trotz des Regens, der mittlerweile eingesetzt hatte. Sie schliefen jedoch nach den Strapazen und der Arbeit des Tages schwer und traumlos.

Am Morgen, kaum daß die Sonne sich zeigte, gab es eine Tasse starken Kaffee, und die Arbeit begann von neuem. Dieses Mal wurde der Taucheranzug Hans Mahr angelegt. Ein Schwarzer bediente die Pumpe. Saugen und Pusten. Die Scheibe am Taucherhelm wurde zugeschraubt. Das Glas war von der Feuchtigkeit beschlagen, und mit Mühe konnte er den Weg sehen. Die Gewichte, die den Anzug beschwerten, lasteten auf Rücken und Brust. Vorsichtig tastend, schritt er auf den schlüpfrigen Steinen vorwärts, glitt jedoch aus und fiel. Brust und Ellenbogen schmerzten, und nur mit Anstrengung erhob er sich unter der drückenden Last von Helm und Gewichten. Aber er mußte ja vorwärts; die Arbeit drängte, und die anderen warteten. So schritt er weiter, im Herzen aber war ein eigentümliches Gefühl der Unruhe. Er konnte es sich nicht erklären, empfand nur undeutlich, daß etwas nicht stimmte. »Ach, egal! Hinunter!« Steil und tief ging es abwärts.

Der Fluß machte hier eine Biegung. Solche Stellen sind meist tief, und dazu wies das Flußbett viele verflochtene Wurzeln auf. Nur langsam ging es vorwärts, die ganze Aufmerksamkeit auf den Weg gerichtet.

Kaum jedoch war er unten, als der Helm sich immer mehr mit Wasser zu füllen begann. Er hatte anfangs dessen nicht sonderlich acht, weil an dem alten Anzug alles undicht war und immer etwas Wasser eindrang, das durch die Luft wieder hinausgepreßt wurde. Aber was ihn jetzt beunruhigte, war das Atmen der Pumpe. Das reine, pustende Luftgeräusch war so ganz anders als sonst. Etwas, was er nicht wußte, ging vor sich. Soviel er sich auch mühte, den Kopf in dem Helm zu wenden, sah er nichts als die Metallwände. Es wurde immer weniger Luft, man hörte jedoch, daß die Pumpe rasch und ununterbrochen arbeitete.

Furchtbar ist es, wenn man der Gefahr nicht ins Auge schauen kann. Man weiß nicht, was man zur Rettung unternehmen muß. Wie ein kleines Kind, das, von Angst ergriffen, kopflos flüchtet, ohne den Grund seiner Furcht zu begreifen, ohne zu wissen, wohin, so wandte Hans Mahr sich jetzt in den Krallen einer unverständlichen Panik. Nur rasch kehrt gemacht und fort aus diesem finsteren Wasser, das ihn zu ersticken drohte, zurück zu Luft und Licht!

Das Atmen wurde ihm schon zur Qual, und er hastete, von wilder Furcht getrieben, dem Ufer zu. Wie gierige Schlangen umklammerten Schlingpflanzen ihm Arme und Beine; phantastische, ineinander verflochtene Wurzeln reckten sich gleich Wesen einer anderen Welt, schattengleich huschten fremdartige Fische vorüber, und der Druck des rasch fließenden Wassers verwirrte ihn. Immer hastiger, immer kopfloser stürzte er vorwärts, stolperte und fiel.

In diesem Augenblick schoß das Wasser in den Helm. Der Schlauch, die Luftverbindung, war gerissen!

Jetzt hieß es »ruhig Blut« und handeln!

Der Helm war voll Wasser …: »Die Augen offen …: nicht atmen, nur nicht atmen …:!«

Der mit Stricken fest an den Körper gebundene Schlauch hatte sich im Gestrüpp verfangen. Alles Ziehen und Reißen half nichts. Das Anhalten des Atems wurde immer unerträglicher.

Mit Gewalt zog er sich dem Ufer zu. Seine Kräfte versagten, und ihm wurde es dunkel vor den Augen …:

Da schrie er, schrie verzweifelt, mit der ganzen Luft, die er noch in den Lungen hatte. Ein Schrei und doch kein Schrei, nur Quirlen des Wassers von den aus dem Munde entgleitenden Blasen, die zur Helmwand eilten und durch das, von dem abgebrochenen Luftrohr entstandene Loch verschwanden …: Das Wasser drang in die Lungen ein. Er bewegte sich nicht mehr. Wohl forderte der Geist auf, mit dem Tode zu kämpfen, aber es war alles so gleichgültig, so ruhig und still …: Er atmete, atmete das Wasser …:, eine stille Trunkenheit …:, die Gedanken wurden unklar …:, alles verschwand …: Dann …: eigentümlich …: sah er …:, sah Vergangenes, das vor seinen Augen sich wie ein Film abrollte. Er sah seinen Kampf mit dem Wasser. Wie lächerlich war seine Angst! …: Er sah, als er fiel, brach das Röhrchen an dem Helm, das den Schlauch mit dem Anzug verband; anfangs nur ein schmaler Riß, brach es nachher ganz ab. Und er sah den Ritt nach den Diamantfeldern, sah alle Qualen, alle Entsagungen und Schwierigkeiten der langen Reise durch den Urwald! …: Es war, als ob er sich alles notierte, um zum Schluß eine Kritik üben zu können. So rollte das ganze Leben zurück, immer zurück …: Eine Zukunft gab es nicht. Aber etwas störte ihn, bewegte sich, riß ihn hin und her. Und er wollte doch nur Ruhe! …: Dann verschwand auch dies …:

Er öffnete die Augen: Übelkeit, ein Druck im Kopf, und starrte in drei Gesichter, die sich über ihn beugten, Sorge und Freude im Ausdruck. Er begriff nicht, weshalb sie sich um ihn sorgten, hatte er doch lange und gut geschlafen. Aber die Sonne stand ja hoch am Himmel! Es war nicht Morgen, es war schon Tag. Und den Taucheranzug gewahrend, wurde ihm alles klar.

Sie hatten es gleich gemerkt, daß da unten etwas nicht in Ordnung war, und geglaubt, er werde sofort herauskommen. Als dies nicht der Fall war, hatten sie sich ins Wasser gestürzt und ihn mit Mühe gerettet.

Noch am selben Tage wurde alles gepackt, und bald glitt das Boot den Weg zurück, den es gekommen war, den Rio das Garças stromabwärts …:

Keiner von ihnen wollte mehr als Taucher arbeiten, und alle zerstreuten sich auf dem großen Diamantengebiet. Aber nicht lange, so werden wieder neue kommen und werden wieder tauchen …:

*

Nach Tagen vergeblichen Umherreisens hatte sich Hans Mahr einer Gruppe Neuangekommener angeschlossen, die ihn, seiner schon gewonnenen Erfahrungen wegen, gern in ihre Gesellschaft aufnahmen.

Glühend heiß lastete die Sonne auf ihnen, die auf dem Boden eines gewaltigen Erdloches arbeiteten. Hundertundzwanzigtausend Kubikmeter Erde und Sand waren durch die Gewalt des Wassers abgeschwemmt worden, denn viel Zeit ist schon seit dem Tage verstrichen, an dem sie auf der Suche nach einer diamantreichen Stelle hier vorbeiritten und etwas Unerklärliches sie bewog, zu rasten und das Glück zu versuchen. Sie gruben ein Loch von zwanzig Meter Tiefe und stießen auf Kieselsteine, die große Mengen Diamantbegleitsteine in einer noch nie gesehenen Größe enthielten, eine Voraussetzung, daß dort auch große Diamanten sein müßten. Dies hatte sie bewogen, hier zu bleiben und zu arbeiten. Das Umleiten eines Baches nahm die ersten Wochen in Anspruch. Das Wasser floß jetzt durch die Arbeitsstelle und schwemmte, besonders während des Regens, ungeheuere Massen Erde und Sand mit fort.

Monate rastloser Arbeit vergingen. Der Körper wurde müde und schwer, das Essen war unzureichend. Die Jagd brachte wenig ein, und alles, was sie von den reisenden Kaufleuten erwerben konnten, war teuer. Ihre kleinen Ersparnisse schwanden. Aber sie kämpften mit der Erde, die hart war und Aufgabe aller Gewohnheiten eines menschenwürdigen Daseins forderte und ihnen die Gesundheit nahm. Sie hatten die Härte dieser Arbeit unterschätzt, den Kampf gegen die Hitze, gegen die unendlichen Geschwader der Moskitos und die unverständlichen Krankheiten, vor allem gegen die Wunden, die plötzlich auftraten und nicht heilen wollten.

So öffneten sich bei einem von ihnen diese entsetzlichen Wunden, wurden immer schrecklicher und schrecklicher und bedeckten bald den ganzen Körper. Ärztliche Hilfe war nicht vorhanden. Den Kranken mit den schwindenden Mitteln zurückzutransportieren, hieße alle dem Hungertode preisgeben. Auch würde er die Reise wohl nicht mehr überstanden haben, diese Ritte, von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht, mit nur kurzer Rast für die Tragtiere. Zu solchen Strapazen waren sie alle nicht mehr fähig. Alle Arznei, die sie besaßen, wurde ausprobiert, aber vergebens. Er war nervös, jede Kleinigkeit brachte ihn auf; alles, was sie ohnehin bedrückte, was einer dem anderen verschwieg, verstand er so besonders gut in Worte zu kleiden, daß es zu häßlichen, sie quälenden Schatten wurde.

Die Tage schleppten sich, einer nach dem anderen, in erdrückender Langsamkeit. Man spürte den Tod in der Hütte. Mit Angst wartete jeder auf den Tag, an dem die Reihe an ihm war, die kleine Wirtschaft dieses gemeinsamen Haushaltes zu besorgen. Man arbeitete länger im Freien, mit übermüdeten, schmerzenden Muskeln, um so spät als möglich in die Hütte zurückzukehren, unter deren niedrigem Dach das Grauen lastete. Der Sterbende quälte sich und die anderen. Das Lager, auf dem er ruhte, war hart und schien ihm täglich härter zu werden, wenngleich sie ihm jeden Tag eine frische Schütte Gras unterlegten. Immer öfter sprach er von den warmen, geheizten Zimmern, von dem guten Essen und allen Bequemlichkeiten, die es in der Heimat gab. Nachts sprang er oft auf, rang mit unsichtbaren Geistern und schrie. Er sprach nicht mehr von dem Wunsche, gesund zu werden, nur leben wollte er, wenn auch mit den größten Schmerzen.

Sie reichten ihm stets einen besonderen Teller, von dem kein anderer aß, er durfte es aber nicht merken. Jeder hatte nur den einen Wunsch, den er sich selbst nicht einzugestehen wagte: »Wenn nur bald ein Ende käme …:« Keiner sprach es aus, und doch fühlte es jeder und las es von den Augen der anderen.

Eines Tages war der Kranke tot.

An diesem Tage wurde nicht gearbeitet. Sie begruben ihn und setzten ein bescheidenes Kreuz auf das Grab. Es war bald mit dem Grase verwachsen, so, als ob es immer hier gestanden hätte und hierher gehörte.

»Wer wird der nächste sein …:?« fragte jemand. Es waren unnütze Worte …:

In die Hütte zurückgekehrt, machten sie sich mit Feuereifer daran, sie wieder wohnlicher zu gestalten. Die Unordnung und nachlässig herumgeworfenen Sachen verschwanden. Alle wollten plötzlich etwas zur Gemütlichkeit beitragen, waren freundlich, hofften wieder. An den Toten dachte niemand mehr. Es war alles so gut und still und hell.

Jede noch so kleine Erleichterung in Verhältnissen, in denen man alles aufgibt und sich als Sträfling des Schicksals fühlt, wird als Erlösung empfunden. Winzige Kleinigkeiten können jauchzende Freude auslösen oder zu Tode betrüben.

Am nächsten Tage nahmen sie die Arbeit von neuem auf. Aber beim Anblick der Mine mußten sie wieder an den Toten denken. Wieviel hatte auch er sich hier mitgemüht. Auch er hatte Hoffnungen …:

Wochen verstrichen.

Von früh bis spät hackten sie den Lehm, die Erde, den Sand, die das Wasser fortschwemmte. Die Kleidung wurde nie trocken. Die Füße hatten Wunden, die bei jedem Schritt schmerzten. Von oben stürzte das Wasser in den Schacht, durchquerte ihn als schmaler Bach und floß durch einen Gang, den sie in den Sandstein gebrochen hatten, hinaus in die Ebene. An der Seite, wo kein diamanttragendes Geröll war, hatten sie eine Vertiefung gegraben, die mit Wasser gefüllt, als Bassin für das Waschen des Cascalhos zur Gewinnung der Diamanten diente.

In der Mitte dieses Garimpos wurde nun mit dem Graben des Kiesels begonnen. Schon der erste Tag gab einige kleine Steine und mit jedem weiteren, wenn sie kurz vor Sonnenuntergang die Begleitsteine mit den Diamanten von dem übrigen Gestein sonderten, stieg ihre Hoffnung, weil der Sandstein, auf dem in grauer Vorzeit die Schicht Kiesel aufgelagert wurde, sich senkte und an einer Stelle einen sogenannten »Caldeirão« Kesselartige Vertiefung ergeben mußte, in dem viele und große Diamanten zu erwarten waren.

siehe Bildunterschrift

Diamantwäscher

So arbeiteten sie angestrengt, sich kaum Erholung gönnend, alle Gedanken, Wünsche und Hoffnungen nur auf das eine Ziel gerichtet.

Und dann kam der Tag …:

Zwei von ihnen gruben den Kiesel und schleppten ihn in großen Blechkästen zur Stelle, wo er von den übrigen gewaschen wurde. Lieder füllten die Luft, es war leichter zu arbeiten; keiner war müde. Jeder wußte: morgen schon würden sich seine Hoffnungen erfüllen, morgen schon würden alle Entbehrungen, Strapazen und Entsagungen der letzten Wochen belohnt werden und der Caldeirão erschlossen sein. Das Häuflein Sand, das nach dem Waschen übrigblieb und nur die Begleitsteine mit den Diamanten enthielt, wuchs. Diesen schwer errungenen, kostbaren Rest des Kiesels schaufelten sie in einen Holzkasten.

So waren sie schon beim zweihundertsten Siebe angelangt, und die Sonne war noch ein gutes Stück vom Horizont entfernt, als der Himmel sich auf einmal verdunkelte. Ein paar große Tropfen fielen auf das Wasser, erzeugten kleine, wachsende Ringe, die verschwanden, um von neuem zu werden.

»Es wird regnen …:«, aber es regnete ja oft. So arbeiteten sie ruhig weiter.

Doch es kam anders.

Endlose Wassermassen stürzten plötzlich in das Garimpo ein. Der Sturm heulte. Es schien, als ob der Himmel alle Schleusen geöffnet hätte. Im Nu wurde der Bach zum reißenden Strom, dessen hochgehende Wogen gierig Sand und Steine mit in den Strudel rissen.

Sie rannten, den Wassermassen einen Weg zu bahnen, aber es war schon zu spät.

Die Fluten wirbelten in dem engen Raum, zerrten wütend an Sand und Erde, stiegen und stiegen …: Alle liefen durcheinander und versuchten, die Arbeitsgeräte zu retten. Zwei Mann schleppten den schweren Kasten mit dem bereits gewaschenen Kiesel. Das Wasser aber stieg immer höher und höher …: Jetzt reichte es ihnen schon bis an die Brust. Die Mühe der zwei war vergeblich.

Donnerndes Krachen der einstürzenden Erde und Brüllen der Fluten!

In wilder Flucht retteten sie sich aus diesem Höllenkessel und schauten machtlos und stumm der Vernichtung zu …:

Aber es fehlte jemand! Einer fehlte!

Grill, der immer heitere und nie verzweifelnde Grill war nicht da!

Suchen!

Hinunter in das Wasser konnte man nicht mehr, es wäre wohl auch nutzlos gewesen …:

So plötzlich wie der Regen gekommen war, hörte er auf. Die Sonne zeigte sich wieder, rot und groß, wie zuvor. Nur zehn Minuten waren vergangen …:

In der Hütte: warmes Essen, Cachaça. Jeder saß und starrte vor sich hin. Alles vernichtet. Wochen, vielleicht Monate harter Arbeit, bis man wieder so weit sein wird, daß man den Kiesel freilegt, und dann kann abermals ein Regen kommen und wieder alles zerstören …: Grill ist auch nicht mehr da. Sagte nicht einmal eine alte Negerin, daß sie hier Unglück erwarte, und daß, wenn Grill das Garimpo verlassen hat, auch sie nicht mehr lange bleiben würden …:?

Nacht.

Aber niemand dachte an Schlaf. Dumpf brütend, starrten sie ins Dunkel.

Horch! Drang nicht Stöhnen aus dem Finstern, schwoll an und verwehte …: War es einer der Schlafenden?

Nein, alle lagen, ohne zu schlafen, alle hörten es.

Die Nacht war dunkel. Ein leiser Wind zog um die Hütte und mit ihm das Stöhnen, das gräßliche Stöhnen.

Sie sprangen auf. Rasch Schuhwerk und Gamaschen angelegt zum Schutz gegen die Schlangen und hin zum Garimpo!

Undurchdringliche Finsternis ringsum und Stille. Jeder hörte sein Herz schlagen. Und da …:, da war es wieder!

»Grill! Grill!«

In der Dunkelheit hinunter in die Tiefe zu springen, würde den Tod bedeuten. Das Stöhnen aber wurde lauter und lauter. Man hörte das leise Scharren einer schwachen Bewegung und immer dieses grausige Klagen.

»Ach, wenn der Mond bloß rascher käme!« Das Anfertigen von Fackeln half nichts, alles war naß nach dem Regen.

»Halte aus, Grill, halte aus!« sie schrien es von Grauen und Angst gepackt. Minute um Minute wuchs es da vor ihnen aus dem Dunkel. Minute um Minute, eine ganze, endlose Stunde lang. Dann wurde es leiser und leiser und hörte schließlich ganz auf …:

Der Mond kam. Groß und silbern schwamm er ruhig am nächtlichen Himmel.

Zwischen Steinen eingeklemmt, in dem Gang, halb mit Sand bedeckt, lag Grill – tot, den Unterkörper zerquetscht, Beine und einen Arm gebrochen.

Tage vergingen. Keiner arbeitete. Grill, der immer nach der Arbeit noch die Kraft aufbrachte, seine Gitarre zu spielen, fehlte jedem. Seine Lieder, seine Scherze waren nicht mehr, und die Gitarre lag auf seinem verlassenen Lager und schwieg.

Aber die Zeit heilt alle Wunden, und sie begannen wieder zu arbeiten, von früh bis spät, Wochen und Wochen lang, bis sie den aufgeschwemmten Sand entfernt hatten. Sie wollten nur noch den Caldeirão waschen und dann gehen.

Drei Tage wuschen sie den Kiesel, der den Caldeirão füllte, häuften den verbleibenden Rest sorgsam in der Hütte und trugen ihn am letzten Tage zum Wasser. Ein eigenartiges Fieber hatte alle ergriffen. Mit zitternden Händen siebten sie und suchten, suchten …: Umsonst. Kein einziger Stein …:

Da verkauften sie die zuvor gewonnenen Diamanten, teilten das Geld, und jeder ging seines Weges.

Zwei Meter von ihrem Caldeirão entfernt, wurden nach einigen Monaten von anderen Diamantsuchern Steine im Werte von einer Viertelmillion Milreis gefunden.

*

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