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Unter brasilianischen Diamantsuchern

Georg Leichner: Unter brasilianischen Diamantsuchern - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGeorg Leichner
titleUnter brasilianischen Diamantsuchern
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1928
printrun1.-12. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181121
projectidb9b3506b
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II

Als Taucher – Hypnose – Der Überfall auf das Garimpo »Agua Fría«

 

Der Rio das Garças.

Unaufhaltsam wälzt er seine Fluten, Flüsse und namenlose, kleine Bäche in sich aufnehmend, die in raschen, oft verderbenbringenden Strömungen ihn durcheilen.

*

Ein Spiel der Naturkräfte im Wirbel der unheimlichen Wassermassen hat in Vorzeiten ungeheuere Schätze hierhergetragen.

Lange Tage wütete das Wasser, bis es sein Gleichgewicht fand und die Erde wieder freigab. Jahrhunderte, Jahrtausende vergingen. Zwischen Gestein und Kiesel lag der Diamant und wartete …:

Da geschah es, daß die Menschen es erfuhren, und ein Wettlauf begann zwischen Finden und Sterben. Über Hunderte von Kilometern verstreute die Natur die kostbaren Steine, über Hunderte von Kilometern trostlos öder Fläche, mit verkrüppelten Bäumen bedeckt, Schönes in die Erde legend und Häßliches aus ihr wachsen lassend.

Unheimlich stark ist die Anziehungskraft dieses Steines, der hoch und niedrig zusammengewürfelt auf den Sandfeldern am Rio das Garças. Überall an seinen Ufern sieht man zu Gruppen oder vereinzelt die Hütten der Diamantsucher. Jahraus, jahrein wühlen sie hier im Sande, abgeschnitten von allem Leben da draußen, nur von dem einen Gedanken beherrscht, den großen Fund zu machen.

Nicht nur in der Erde, dem Sande allein, arbeitet der Garimpeiro, auch dem Flusse selbst sucht er die kostbare Beute zu entreißen, auf seinem Grunde den Cascalho, den diamanttragenden Kiesel, grabend, jede Sekunde sein Leben riskierend. Ein starkes Licht glänzt vor seinen Augen: das Licht der Möglichkeit. Dieses Licht ist so stark, so gewaltig, daß es alle Schatten unsichtbar macht. Über alles Schwere lacht er, der Spieler des Glückes auf den Feldern dieses vielbegehrten Steines, von der Hoffnung betäubt, die der Traum seiner Nächte ihm immer wieder vorgaukelt.

Er arbeitet. Er findet auch; er findet aber nur so viel, wie er gerade braucht, um leben zu können, und nicht, wie er anfangs dachte, daß er finden würde, unbegrenzt, in glitzernder Fülle, daß er heimkehren könne, ein König der Welt. Heute denkt er anders. Er hat gelernt zu warten. Er arbeitet ruhig, an die Entbehrungen gewöhnt, in der Gesellschaft der Eingeborenen, die nicht lesen noch schreiben können, die vom Essen, vom Jaguar, von der Schlange und vom Weib reden und seltener auch von den Diamanten …: Er hört dazwischen einmal, daß jemand etwas Bedeutendes gefunden habe, und wartet selbst auf das Glück, das auch ihn jeden Tag erreichen kann. In der ersten Zeit ist er viel gewandert, hat geschimpft und geflucht und suchte fast jede Woche eine neue Stelle auf. Heute nicht mehr. Er arbeitet an einem Ort monatelang, wäscht täglich fünfzig bis hundert Eimer Sand, findet heute, morgen – nichts, sammelt die kleinen Steine und verkauft sie, um sich das zum Leben Nötigste schaffen zu können. So vergehen oft Jahre. Zurück in die Heimat kann er selten. Ohne Geld wird er sich nicht mehr zurechtfinden können in den geordneten Verhältnissen. Ihm wird dort drüben in der Arbeit der Nervenreiz der »großen Möglichkeit« fehlen, und er wird keine Kraft mehr aufbringen können, um im Einerlei des ruhigen Alltags mit dem Leben zu kämpfen.

*

Hans Mahr kam in eine zusammengewürfelte Gesellschaft von Bahia-Negern, einem Syrier und einem Europäer. Es war ein Tag wie alle anderen, an denen er reiste und immer Neues sah. Für sie aber bedeutete es nur, daß ein Tropfen frischen Blutes in einen veralteten Körper floß. Das Leben ging weiter, in Arbeit, Mühe, Entsagung und Hoffnung …

Die Tauchereinrichtung der brasilianischen Diamantfischer ist die denkbar einfachste. Die in einen Holzkasten eingebaute Luftpumpe muß mit der Hand in Betrieb gesetzt werden, ein Schlauch verbindet sie mit dem Taucheranzug. Ein Neger sollte an der Kurbel drehen, wenn Hans Mahr in den Abgrund des Flusses stieg. In den Händen dieses Schwarzen wird nun sein Leben liegen, jeden Tag zwei Stunden lang …: Die Pumpe war alt, alles knarrte und klapperte an ihr; der Anzug war an vielen Stellen zerrissen und nur für den Oberkörper berechnet, der Unterkörper blieb ungeschützt; die Gummiunterlage des abschraubbaren Guckloches, die zur Abdichtung dienen sollte, fehlte gänzlich.

Ausgekleidet. Eine alte Hose und ein Hemd wurden ihm auf die Schultern gelegt, zum Schutz gegen den schweren Helm. Sodann stülpten zwei Mann den großen Messingkopf, an dem der Taucheranzug angeschraubt war, über ihn. Trotz der Unterlagen drückte er sehr. Das Hemd wurde mit einem Leibriemen fest angezogen, und die kurzen Ärmel wurden einfach mit Bindfaden an die Arme gebunden.

Er stand, und Gedanken, Wünsche und Empfindungen jagten ihm durchs Hirn. Er wollte sich so gern der Kleidung wieder entledigen, schien es ihm doch, als ob ihn im Wasser der Tod erwarte. Es war schwarz vom Regen, einige Baumstämme eilten vorüber.

 …: Da brachten sie noch zwei schwere Gewichte. »Nur achtunddreißig Kilo …:« hörte er wie aus weiter Ferne eine Stimme. Mit dem Helm hatte man also annähernd einen Zentner zu schleppen. Die Gewichte hingen schwer lastend auf Brust und Rücken und hemmten die Bewegung, sie wurden außerdem noch mit einem Strick fest miteinander verbunden. »… Weil viele im Augenblick des Versagens der Pumpe, von Angst ergriffen, sie abwerfen«, sagte jemand. Das Luftrohr wurde zugeschraubt – die Schraube war schlecht und mußte mit nassen Lappen umwickelt werden –, und sodann das Rohr mit Bindfaden auf dem Rücken befestigt. Der Schwarze begab sich an die Pumpe. Leichtfüßig sprang er über einen querliegenden Baumstamm, Hans Mahr zurufend: »Heute wird es dort unten bei der starken Strömung nicht leicht sein! Versagt die Pumpe, so eile ans Ufer, sollte der Schlauch reißen oder undicht werden, halte den Atem an, bis du das Wasser verlassen und die Scheibe abgedreht hast …« Die Hände faßten das Rad, die Pumpe atmete, und die Luft strömte geräuschvoll in den Kasten. Es roch nach Gummi. Noch einige Atemzüge, und die Scheibe wurde zugeschraubt.

Stille. Nur das saugende und pustende Geräusch der Pumpe. Hans Mahr bekam eine Hacke in die Hand gedrückt, und man wies ihm die Richtung, in der er zu gehen hatte.

Langsam, vorsichtig, schritt er vorwärts. Die Steine waren glatt, und die nackten Füße rutschten. Er hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Das Wasser, schwarz wie Tinte, in dem unbekannte Fische, Schlangen und andere Tiere lebten, umspülte die Füße, die den Grund tasteten. Schritt für Schritt ging er vorwärts. Der schwere Apparat lastete auf den Schultern.

Zwei Meter vom Ufer entfernt, erreichte das Wasser die Höhe der Augen. Unwillkürlich zögerte er eine Sekunde und schaute durch das vom Hauch beschlagene Glas. Die grauglänzende Oberfläche des Wassers, von der Sonne beschienen, eilte vorüber. Am Ufer sah er einen Reiher sitzen und stumm auf die kleine Menschengruppe schauen, die sich mühte, dem Fluß seine Schätze zu entreißen.

Noch ein Schritt, und Dunkelheit umhüllte ihn. Aber da blieb er schon stehen …: Die Menschenmaschine da oben, die Pumpe, arbeitete entschieden zu langsam. Er streckte eine Hand aus dem Wasser und machte eine drehende Bewegung. Das Saugen wurde stärker, das Atmen leichter. Noch einen Schritt, der Boden verschwand unter seinen Füßen, und er glitt in eine Tiefe von vier bis fünf Meter. Wie zurück? schoß es ihm blitzartig durch den Kopf. Aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, stand er doch mit einer Neigung von fünfundvierzig Grad gegen die Strömung, die ihn fortzureißen drohte. Sehen konnte man fast nichts, nur schwache Konturen großer Steine und unbekannter Fische, trotzdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

Mühsam zog er sich mit den Händen am Boden vorwärts. Die Beine wurden infolge des Fehlens der Taucherschuhe vom Wasser nach oben getrieben. Aber bald fand er das Gleichgewicht wieder und konnte die paar Schritte bis zur Stelle, an der die Arbeit verrichtet werden mußte, aufrecht gehend zurücklegen.

Nachdem er mit der Hacke den harten Grund gelockert und den Kiesel auf einen Haufen gescharrt hatte, schlug er zwei Steine gegeneinander, als Zeichen für die da oben.

Aus einem Boot, das an einem quer über den Fluß gespannten Drahtseil befestigt war, wurden ein Eimer und eine Schaufel ohne Griff zu ihm hinuntergelassen. Er schaufelte den Kiesel in den Eimer, zog an der Leine, und der Eimer schwankte nach oben.

Schon die dritte Ladung trat den Weg an die Oberfläche an, als er plötzlich in der Wade einen heftigen Schmerz verspürte und einen Fisch von etwa einem halben Meter Länge gewahrte, dessen messerscharfen Zähnen das Bein eine willkommene Mahlzeit zu sein schien. Nun mußte er aber fort von hier! Der Wunsch nach Luft und Licht wurde übermächtig, und eilig, auf allen Vieren kriechend, strebte er dem Ufer zu. Den steilen Abhang zu überwinden, war gar nicht so schwer. Und als er das Wasser verließ, war es ihm, als ob er aus einem anderen Leben käme, als ob er von einsamer Höhe herabstiege zu den Menschen, die da atmen und leben, essen und trinken, arbeiten und schlafen …:

Dann hatte er einen Tauchenden mit Luft zu versorgen.

Die Zeit verging im Gegensatz zu der Arbeit unter dem Wasser sehr langsam. Die Hände schmerzten von der wiederholten Drehbewegung, auch der Rücken tat weh von der gebückten Haltung.

Schon eine Stunde war verstrichen, und ein ansehnlicher Haufen Kiesel belastete das Boot, als plötzlich …: Was war das? Er drehte das Rad, und die Pumpe stand still …: Die Pumpe stand still?! Und da unten, im Wasser, war ein Mensch …:, ein Mensch, der jetzt um sein Leben rang. Die Pumpe mußte funktionieren! Die Schraube, die das Rad an der Achse festhielt, hatte sich gelockert, und das Rad drehte die Achse nicht mit. Und nirgends war eine Zange oder sonstiges Werkzeug zu sehen! Verzweifelt versuchte Hans Mahr, sie mit den Händen zu drehen. Umsonst …: Die ganze Kraft angewandt …: Die Finger bluteten, eine fast übermenschliche Anstrengung und – die Schraube hakte ein. Die Pumpe gab zwei, drei Stöße Luft und blieb wieder stehen.

Auf dem Wasserspiegel wurde der Taucherhelm sichtbar; eine bläuliche, zitternde Hand krampfte sich um den Verschluß, die Scheibe sank und zeigte ein graues Gesicht mit weitoffenen Augen, die den Tod sahen. Die Lippen zuckten. Die Augen irrten unsicher umher, als ob sie nicht alles begreifen konnten, als ob sie nicht fassen konnten, daß die Sonne wieder schien, daß wieder Luft war und Leben …: So stand der dem Tode Entronnene da, stumm, unbeweglich. Dann, plötzlich, ohne Übergang, begriff er, daß er leben durfte und wurde wieder zum Menschen. Die paar Stöße Luft hatten ihm zur Rettung gereicht.

Nach einer kurzen Unterbrechung für das Essen ging es abermals an die Arbeit. Jetzt wurde der Kiesel gewaschen. Der Vorfall war längst vergessen, die Aufmerksamkeit gehörte dem Sande, der die kostbaren Steine barg.

*

Täglich begaben sie sich der Reihe nach auf den Boden des Flusses, nur mit dem schadhaften Taucheranzug bekleidet. Fische bissen in die nackten Beine, die Füße schmerzten beim Schreiten auf den spitzen Steinen, und das kalte Wasser ließ vor Frost erschauern. In stundenlanger, mühevoller Arbeit lockerten sie mit der Hacke den Kiesel und sahen die beladenen Eimer einer nach dem anderen zur Oberfläche schwanken, der Luft und dem Licht entgegen …:

Tag für Tag. Aber all ihr Mühen war vergeblich. Sie fanden keine Steine, nur einige wertlose Splitter. Ein Unstern schien über dieser kleinen Menschengruppe zu liegen, die, immer wieder das Glück versuchend, den Kampf mit der reißenden Strömung aufnahm.

Da erinnerte sich Hans Mahr an gewisse hypnotische Experimente, die er in Europa gemacht hatte, bei denen das Medium einen Gegenstand, der von einer dritten Person versteckt worden war, suchen mußte.

Warum sollte es auch hier nicht möglich sein, mit Hilfe einer solchen Suggestion die Stellen zu finden, an denen das kostbare Gestein lagerte? Alle Sorgen, Mühen und Not hätten mit einem Male ein Ende.

Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe, und er begann, sich nach einer Person umzusehen, die als Medium geeignet wäre. Lange konnte er niemand finden, bis er eines Tages einen Schwarzen als solches erkannte. Sie wurden bald einig, und Hans Mahr begann mit dem ersten Versuch. Der Neger verfiel in Schlaf, aber dieser war noch nicht tief genug, als daß er gleich zur Ausführung des Experiments hätte schreiten können.

Regelmäßig, jeden Tag nach der Arbeit, setzten sie die Übungen fort, und nach einer Woche war der Schlafzustand bereits so tief, daß sich Anästhesie ohne diesbezügliche Suggestion erzielen ließ, auch konnte das Medium sich nach dem Erwachen an nichts mehr erinnern, was es während des Traumzustandes erlebt hatte.

Niemand ihrer Kameraden wußte etwas von dem Vorhaben. Sie wollten die diamanttragende Stelle, sobald sie gefunden worden wäre, allein ausbeuten.

siehe Bildunterschrift

Ihr Kinder der Wildnis in der malerischen Herzlichkeit eurer Schönheit, das Märchen der ewigen Jugend verkörpernd

Hans Mahr hatte, da er selbst keine Steine besaß, einige Splitter entliehen. Die legte er dem schlafenden Medium auf die Handfläche, seine Aufmerksamkeit auf sie lenkend, dann steckte er sie in die Tasche und gab ihm den Befehl des Suchens.

Ohne sich zu besinnen, fand der Schwarze sie sofort.

Er verbarg sie von neuem, dieses Mal hinter einem Baum.

Nun drückte das Gesicht des Schlafenden Anspannung aus; die Stirn in Falten, bewegte er sich langsam in der Richtung des Baumes vorwärts und – holte sie auch dieses Mal aus ihrem Versteck!

Hans Mahr wiederholte diesen Versuch mehrmals. Er gelang stets, und es konnte nun endlich zu dem eigentlichen Ziel der Übungen geschritten werden.

So nahmen sie eines Sonntags ihre Gewehre und begaben sich in den Wald. Ezéquiel verfiel wie immer sofort in Schlaf. Nach dem Befehl, zu fühlen, wo Diamanten lagern, stand er einige Minuten in fast schmerzhafter Anspannung, nur von Zeit zu Zeit wie tastend mit den Armen nach verschiedenen Richtungen weisend. Dann, mit einem Male, erhellte sich sein Gesicht, er lächelte und eilte davon, mit geschlossenen Augen, ohne zu stolpern oder gegen einen Baum zu stoßen, so schnell, daß Hans Mahr ihm kaum folgen konnte.

Durch Gestrüpp und Schlingpflanzen rannten sie weglos dahin. Hans Mahr trug beide Gewehre, damit das Medium nicht behindert werde, und vor den Augen tanzten ihm Diamanten von nie gesehener Größe, nie geahnter Schönheit. Erschreckt fuhr eine Schlange empor, und ein Papagei schaute von einem dürren Ast erstaunt auf das unverständliche Treiben der höheren Tiere. Langsam, in seiner majestätischen Schönheit flog ein Reiher gen Norden. Sie aber liefen. Hans Mahr schaute nicht auf den Kompaß, dachte an nichts, als daß der Erfolg nun endlich da wäre.

Jetzt – ein Fluß, der Rio das Garças selbst in einer seiner vielen Windungen. Das Wasser war dunkel und reißend. Ezéquiel entkleidete sich im Nu. In einer Hand die Kleidung, schickte er sich an, ihn zu durchschwimmen. Hans Mahr wollte ihn daran hindern, ihn aus seinem Zustand erwecken, aber er hatte den Kontakt mit ihm, der zu sehr von der Idee beherrscht war, verloren.

Da hieß es nicht länger zögern. Zum Auskleiden blieb keine Zeit mehr. Nur die schweren Waffen und den Patronengürtel nahm er in die Hand. Die nassen Kleider zogen entsetzlich nach unten. Mit Aufbietung aller Kräfte kämpfte er gegen die Strömung, die ihn ein Stück mit sich riß, bis es ihm gelang, das jenseitige Ufer zu erreichen. Mit welcher Leichtigkeit hatte indessen Ezéquiel den Fluß durchquert! Man merkte ihm keinerlei Ermüdung an. Hans Mahr aber war völlig erschöpft. Nur mit Anstrengung konnte er ihn einholen, hängte ihm beide Waffen über die Schultern und weiter ging es …: Seine Pulse flogen, das Herz hämmerte ihm zum Zerspringen, und Schatten wogten vor seinen Augen. Doch vorwärts! Er durfte das Medium in dem Zustand nicht sich selbst überlassen.

Nach etwa zwei Stunden erreichten sie eine kleine Diamantsuchersiedlung: eine Anzahl mit Palmblättern gedeckte Hütten, unregelmäßig, wie durch die Hand des Zufalls hingestreut. Aus der Ferne hörte man das Rauschen des Flusses, der diese kleine Gruppe der von aller Welt Abgeschiedenen an sich fesselte. Durch die abendliche Stille schwangen die weichen Töne einer Ziehharmonika, immer die gleiche, einfache Weise. Die klare Abendluft trug sie in die Ferne. Reglos standen Hütten, Bäume und das harte, dürre, von den Sonnenstrahlen versengte Kampgras und lauschten, selbst verkörperte Melodien im Hohen Lied des Lebens …: Kein Mensch war zu sehen.

Das Medium hatte der Schönheit dieses träumenden Abends nicht acht. Es rannte auf die Hütte zu, aus der die Töne drangen. Hans Mahr folgte ihm.

Eine Gruppe wetterharter Gestalten hockte um den Spieler und starrte stumm vor sich hin. Ihre Gedanken wanderten auf Wegen, die steinig und kraus sein mochten. Trauer und Sehnsucht waren bei ihnen, denn das Glück, das sie suchten, schien sie zu meiden.

Als sie der beiden, deren Eile sie Gefahr vermuten ließ, ansichtig wurden, brach die Musik jäh ab. Alle sprangen auf.

Mit geschlossenen Augen, zielbewußt, drängte sich das Medium vorwärts und griff einem der Garimpeiros in die Tasche. Erschreckt faßte dieser nach dem Revolver. Im letzten Augenblick konnte Hans Mahr ihn noch zurückhalten, sonst wäre Ezéquiel das Experiment teuer zu stehen gekommen. Fieberhaft suchte er in den Taschen des Mannes, bis er es gefunden hatte – das Röhrchen mit den Diamanten, mit denen Hans Mahr seinerzeit die ersten Versuche gemacht und die er später dem Eigentümer zurückgegeben hatte.

Triumphierend hielt er die Steine empor.

Da weckte ihn Hans Mahr und sank müde und gleichgültig zusammen, antwortete mechanisch auf alle Fragen und wußte nur: es war wieder alles umsonst. Das Glück läßt sich nicht erzwingen.

Niemand wollte es glauben, daß die beiden den weiten Weg in so kurzer Zeit zurückgelegt hatten. Man schüttelte mißbilligend die Köpfe ob der zwecklosen Lüge oder betrachtete Hans Mahr voll Mißtrauen als einen, dem übernatürliche Kräfte zu eigen waren. Der Alltag trat wieder in seine Rechte. Die Lagerfeuer flammten, und wie allabendlich saßen sie um die rote Glut und redeten von den fernen, großen Städten, von dem Leben in der Wildnis mit ihren Gefahren, Wundern und Märchen, und der Hoffnung, die sie alle hertrieb …:

*

»›Agua fria‹ war einmal reich an schönen und großen Steinen, und alle, die hier arbeiteten, kehrten mit einer kostbaren Ausbeute an Diamanten zurück zu den Menschen der Städte. Damals waren es ihrer noch wenige, die den weiten, gefahrvollen Weg bis in diese Wildnis wagten, und viele Steine barg die Erde, schöne, glitzernde Steine …:«

Der große, hagere Mann mit den tiefliegenden Augen und der eingefallenen Brust, von dem in den Garimpos am Flusse erzählt wurde, daß er hier einer der Reichsten wäre, schaute um sich, in die Gesichter, die, von den unruhig zuckenden Flammen des Lagerfeuers beleuchtet, gelb und schemenhaft erschienen. Es waren alles Leute, die ohne Geldmittel hierher gekommen waren und nun für ihn arbeiteten, die er gekauft hatte, kraft seines Geldes. Ohne Einsatz läßt die Erde sich ihren kostbaren Schatz nicht entreißen. Das Leben in der Wildnis, wo alles Notwendige mit Mühe in wochenlangen, gefahrvollen Wanderungen bis hierher geschafft werden muß, ist teuer, dazu bedarf es ausgedehnter Vorarbeiten, bis an das Ausbeuten eines Garimpos geschritten werden kann. So ließen sie sich denn, um ihre Hoffnung auf selbständiges Arbeiten betrogen, von Eliseu anwerben, der viele Garimpos sein Eigen nannte, Taucheranzüge und Werkzeuge, Felder mit Mandioca und andere Vorräte. Auch war er kein harter Herr, wie so mancher hier im Lande der glitzernden Steine, der die armen Teufel ausbeutete bis aufs letzte. Und so taten die Leute ihr Bestes, achteten ihn und waren zufrieden.

Oft saß er des Abends nach getaner Arbeit zwischen ihnen, hörte ihren Erzählungen zu und sann den Schicksalen nach, die sich vor ihm entrollten.

Die Abende, die man am Lagerfeuer verbringt, sind lang. Um achtzehn Uhr verläßt die Sonne die Gegend, und Dunkelheit senkt sich rasch auf das in der Kühle befreit atmende Land. Die von der schweren Arbeit und der Hitze des Tages Entspannten lauschen hinein in die Nacht mit ihren vielfachen Stimmen und ihrem geheimnisvollen Leben, und Bild um Bild, das sie erlebten, erschauten und erträumten, ringt sich los aus ihrer Seele und nimmt Gestalt an. So reiht sich eine Erzählung an die andere in bunter Folge, während die Flammen des Lagerfeuers hüpfen und tanzen und leise singen und rings der Urwald mit seinen Geheimnissen im Finsteren lebt.

Nur selten sprach Eliseu selbst. Aber heute schien es auch ihn erfaßt zu haben. Die im Fieber glänzenden Augen auf die rote Glut des Feuers geheftet, redete er, und die Worte hallten eintönig in das allgemeine Schweigen: »… Überall den Fluß entlang fand man einmal die schönsten Steine. Die Mär hiervon drang bis weit ins Land. Da litt es auch mich nicht länger in der großen Stadt, in den ärmlichen, engen Verhältnissen. Ich verließ meine alte Mutter und wanderte …: Wochenlang schritt ich in der Spur des Karrens, der, von einem Dutzend Ochsen gezogen, sich den Weg durch die Wildnis bahnte, um denen am Flusse den nötigen Proviant zu bringen. Langsam trotteten die Tiere unter der Glut der Sonne dahin, in Sand und Geröll, im Wald und über den Kamp. Lange Rasten wurden gemacht, währenddessen ich geduldig wartete. Wild lieferte mir die Nahrung, und wenn wir an ein Wasser kamen, trank ich in langen, durstigen Zügen. Ihr kennt ja den Weg durch die Wildnis. Es gibt viele Wege, aber sie ähneln alle einander. Nur waren damals die Spuren der Tiere zahlreicher und spärlicher die der Menschen.

Mit fünf Milreis in der Tasche langte ich endlich in der ersten Garimposiedlung an.«

Er hustete und, mit dem Handrücken der Rechten das Blut vom Munde wischend, griff er sich an die schweratmende Brust.

»Es steht nicht gut mit mir. Die Gesundheit raubten mir die glitzernden Steine in dieser unbarmherzigen, tropischen Wildnis …:«

Ein großer Nachtfalter flog, leicht schaukelnd, über die Köpfe der im Kreise Sitzenden. Dann nahm das Feuer ihn gefangen. Gieriger reckte es seine Arme, der Falter schlug verzweifelt um sich, aber es zwang ihn zu Boden. Angstvoll hüpfte er mit den versengten Resten seiner samtartigen Flügel auf der Erde, bis einer der Umsitzenden die Hand ausstreckte und das sich quälende Tier hinter sich ins Dunkel warf. Am tiefschwarzen Himmel blinkten die Sterne, die Bäume rauschten, und große Fledermäuse huschten, lautlos aus dem Dunkel auftauchend, um sogleich wieder darin zu verschwinden. Weit, irgendwo in der Nacht, vielleicht am jenseitigen Ufer des eilig dahinziehenden Flusses geisterte das Flämmchen eines Lagerfeuers, um das man auch Gestalten sitzen wußte, die auch in die Nacht sannen, die auch erzählten, auch träumten. Töne einer Ziehharmonika wehten leise und zerrissen herüber …:

»… Jahrelang habe ich mit der Erde gekämpft, mir kaum das Nötige gönnend, bis ich endlich daran denken konnte, selbständig als eigener Herr ein Garimpo auszubeuten. Ich hatte Glück. Jeder Tag brachte wertvolle Steine, gab neues Hoffen, neuen Lebensmut. Und ich suchte mir einen Kameraden und wanderte hierher. Es war ein weiter Weg vom Garimpo Velho bis an dieses Ufer, das noch in ganzer Unberührtheit seinen Schatz hütete. Nichts war hier, als undurchdringliche Wildnis und die heiße Nacktheit des trockenen Erdreichs, nirgends die Spur eines Ochsenkarrens oder sonstige Anzeichen, daß eines Menschen Fuß diese Gegend betrat. In vielen gefahrvollen Tagemärschen schafften wir den zum Leben nötigen Proviant und die Arbeitsgeräte hierher.

Unsere Mühe wurde reich belohnt, denn wir fanden herrliche Steine von wunderbarem Feuer und seltener Größe. Die Kunde von unserem Glück zog bald an den Ufern des Flusses entlang, wurde von Garimpo zu Garimpo getragen. Ihr wißt ja, in der Wildnis scheinen die Neuigkeiten mit dem Winde zu fliegen …:«

Er schwieg wieder, und niemand unterbrach dieses Schweigen. Jeder schien dem Gehörten nachzusinnen. Der Schrei eines todeswunden Tieres gellte auf und verklang …: Stärker rauschten die Bäume …:

»Immer mehr häufte sich unser Reichtum, immer öfter kamen die reisenden Diamantaufkäufer zu uns, und wir zählten die Tage, bis wir diese ungastliche Wildnis würden verlassen können. Schon Jahre verbrachten wir in ihr, und jeder Tag erinnerte uns immer schmerzlicher an die Städte, die unserer Jugend gehört hatten, die damals unsere Ideale nahmen und uns nichts zu bieten vermochten, weil wir arm waren …:

Die Wildnis mit ihren Gefahren, mit ihrer eintönigen Gleichmäßigkeit und ihrem langsamen Tempo nimmt alle auf, ob reich, ob arm, die Starken wie die Schwachen. Sobald du dich ihr anvertraust, füttert und behütet sie dich, und nur, wenn du ihre Gesetze überschreitest, tötet sie unbarmherzig. Aber nicht die Tiere sind die größten Gefahren der Wildnis, nein, die Menschen der Zivilisation sind es. Die Stadt speit in die Wildnis auch solche, die nichts tun wollen, die sich zu Banden zusammenschließen und durchs wilde Land in wilden Horden ziehen, alles raubend, was ihnen in den Weg kommt, Feiglinge des Lebens.

Unsere Hütte war damals die einzige hier im weiten Umkreis. Der Urwald rauschte um sie, und vor ihr, hinter dem tiefen Abhang, wälzte der Rio das Garças seine Fluten. Da steht sie: die Hütte …:«

Er wies in das Dunkel, wo einige vermoderte, von Pflanzen überwucherte Pfähle davon Zeugnis ablegten, daß dort einst menschliches Leben am Werke gewesen war. Jetzt wagte es niemand, in dieses Gewirr von üppigem Wachstum aller Art einzudringen, aus Furcht vor den vielen Schlangen, die in dem morschen Holz Unterschlupf gefunden hatten.

»Es war wie immer ein arbeitsreicher Tag. Wir hatten einen herrlichen Stein von seltener Reinheit gefunden und waren gehobener Stimmung, trotzdem aber beherrschte mich eine Unruhe, die ich nicht erklären konnte.

Ein kleines Häuflein Sand war noch zum Waschen übrig, als der Hufschlag herannahender Reiter uns in der Arbeit innehalten ließ. Wir stiegen aus dem Wasser und schnallten die Waffengurte um, aber es herrschte alsbald wieder Stille. So beruhigten wir uns. Wir ahnten ja nicht, daß im Gehölz einige Reiter gehalten hatten und auf die Hütte zukrochen, bis ich, von der Arbeit aufblickend, plötzlich einen Busch sich bewegen sah.

Ein leiser Zuruf verständigte meinen Kameraden. Zu zweien starrten wir in das undurchdringliche Blättergewirr vor uns. Regte sich da nicht wieder etwas im Holz …:? Wir lauschten angestrengt. Und nun ein Knacken der Zweige, ein Brechen und Splittern! Aus dem Dickicht wuchsen Gestalten! In der Hand große Trommelrevolver, schoben sie sich vorwärts, uns entgegen. Ihr wildes Äußere und das Drohende ihrer Gebärde ließ uns keinen Zweifel darüber, daß wir es mit einer jener gefürchteten Banden zu tun hatten, die die Gegend unsicher machten.

Wir waren umzingelt, abgeschnitten von aller Welt, uns selbst und unserer Stärke oder Schwäche überlassen, hinter uns der leise rauschende Fluß, vor uns die Mauer der Räuber, die unaufhaltsam näherrückte. Schon lagen wir am Boden, Deckung suchend, und die ersten Kugeln flogen pfeifend über unsere Köpfe hinweg, Sand spritzte auf. Ein Ladestreifen nach dem anderen wurde ausgewechselt, die Schüsse dröhnten, Kugeln heulten, und die Reihe der auf uns zustrebenden Banditen war stark gelichtet. Sie hatten ihre Revolver leergeschossen und stürmten jetzt zum letzten Kampf heran, das Messer in den erhobenen Fäusten.

Wir sprangen auf. Ich konnte gerade noch meine Pistole neu laden – da waren sie über uns. Ich fühlte einen heißen Schmerz in der linken Brusthälfte, etwas Warmes schoß gurgelnd in den Hals, und der Mund füllte sich mit Blut. Mein Schuß krachte. Ich sah den Mann vor mir hintenüberstürzen, dann sah und spürte ich nichts mehr, alles vor den Augen wogte in rotem Nebel, ich stach und schoß durcheinander, bis ich mich plötzlich, aus dem Taumel erwachend, allein wiederfand. Einige Gestalten verschwanden eilig im Gebüsch. Um mich lagen Sterbende und Tote. Wo war mein Kamerad …:?

Ich betastete meinen Körper, von dem das Blut in Strömen rann. Fünf tiefe Messerstiche hatte mir dieser Kampf eingetragen. Jede Bewegung schuf Schmerzen, jeder Schritt wurde zur Qual. Himmel und Erde schwankten vor meinen Blicken.

Das Bild, das sich mir bot, war grauenvoll.

Gierig trank die trockene Erde das rote Naß, in dem die Körper in den Todeszuckungen eines letzten Kampfes lagen; gebrochene Augen stierten, und das geronnene Blut auf den verzerrten Lippen ließ die Qual der Sterbenden noch deutlicher erscheinen. Da links mühte sich ein großer Körper, versuchte sich zu erheben, um sofort wieder zurückzusinken; der Kopf schlug hart auf die verbrannte Erde, die Hände griffen krampfhaft um sich, krallten sich um Steine und Gras. Dunkle Wolken von Fliegen und Moskitos saugten sich gierig ins sterbende Fleisch. Dort starrte einer, dem die Kugel in den Leib gedrungen war, auf einen Punkt, ohne etwas zu verstehen, hier stöhnte ein anderer und – endlich, das war mein Kamerad, das Gesicht im Staube, die Arme im Fallen verkrümmt. Aber noch war Leben in ihm.

Mich selbst vor Schwäche kaum aufrechthaltend, gelang es mir, ihn nach fast übermenschlicher Anstrengung auf den Rücken zu betten. Sein geöffneter Mund war mit Sand gefüllt, und eine tiefe Ohnmacht hielt ihn, dessen rechte Lunge von einer Kugel durchbohrt war, umfangen. Ich wollte ihn in die Hütte tragen, aber ich war zu schwach dazu, so zog ich ihn wenigstens aus der glühenden Sonne in den Schatten eines Baumes.

Puls und Herzschlag waren kaum zu spüren. Er lebte noch einige Stunden und starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, als die Sonne sich zum Untergang neigte. –

Das Wimmern der todwunden Banditen, das den sinkenden Tag schaurig durchhallt hatte, verstummte allmählich. Mir war es sehr schlecht, und jeder Atemzug bereitete Pein. In der Ferne, an den Stromschnellen, rauschte der Fluß, im Dickicht heulte ein Jaguar, und große Fledermäuse huschten lautlos, wie auch heute, über die Walstatt des Kampfes. Dann wurde es still und dunkel um mich.

Wie lange ich so in der Bewußtlosigkeit lag …:?

Glühender Schmerz, der meinen Körper durchfuhr, bannte mich beim Erwachen in jähes Erstarren. Vorsichtig um mich tastend, berührte meine Hand das kalte Gesicht eines Toten. Die Stunden krochen, eine nach der anderen, grausam in ihrer Langsamkeit, unbarmherzig in ihrer Länge. Im nächtlichen Schweigen, in dem doch hundertfaches Leben lebte, atmete die Wildnis, und schwer und müde klagte in den Bäumen der Wind. Ich lag und wartete auf den Tag und wußte nicht, ob nicht vielleicht der Tod eher kommen wird …:

Dann ging der Mond auf und wandelte das Schwarz ringsum in Grau. Schatten huschten.

Ich durfte mich nicht bewegen. Jeder Atemzug verursachte mir Schmerzen, und aus der verletzten Lunge quoll das Blut. Durst und Übelkeit peinigten mich. Und wieder fiel ich in einen Zustand, darin alles versank …:

Als ich früh am Morgen erwachte, war der Mund mit Blut verklebt, Gesicht und Hände waren geschwollen, und ein unbeschreiblicher Durst quälte mich. Auf allen Vieren gelang es mir, mich an den Fluß zu schleppen.

Nachdem ich getrunken hatte, kam ich wieder so weit zu Kräften, um mich erheben zu können. Ich wollte den toten Kameraden nicht den Tieren des Waldes zum Fraß überlassen. Ein Grab zu graben, war ich zu schwach. So schleifte ich den schweren Körper zu einer Diamantgrube, ließ ihn aufklatschend in das einige Meter tiefe Loch fallen und schaufelte Sand und Kiesel darüber.

Dann sattelte ich mein Pferd.

Regte sich da nicht eine der ›Leichen‹? Eine wachsbleiche Hand hob sich mir zitternd entgegen, und eine röchelnde Stimme flehte um Wasser. Ich aber war grausam. Mit Anstrengung in den Sattel kletternd, trieb ich das Pferd im Schritt von der Stätte des Grauens hinweg in die Richtung, wo ich glaubte, am ehesten Menschen zu treffen.

Stunde um Stunde saß ich zusammengesunken im Sattel, jede etwas heftigere Bewegung des Pferdes verursachte mir brennende Schmerzen, und noch immer war nichts um mich, als die Unberührtheit der Wildnis, nirgends eine Spur, die mich hätte auf baldige Erlösung hoffen lassen. Die Kräfte ließen immer mehr nach, vor den Augen wurde es schwarz, und ich glitt zur Erde.

Sie war heiß und mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Gleichgültigkeit überfiel mich, alle Wünsche verschwanden, selbst derjenige zum Leben …: Ja, ich wollte, daß das Ende schneller käme. Matt tastete meine Hand nach dem Revolver …:

Die Hitze war unerträglich. Mit lautem Summen umtanzten mich Schwärme von Fliegen. Hoch am blauen Himmel sah ich einen Aasgeier seine Kreise ziehen. Ein zweiter gesellte sich zu ihm. Ich wußte, die unheimlichen, schwarzen Gestalten warteten auf meinen Tod.

Immer matter wurde ich und matter. Der Kopf brannte wie im Feuer, er lag auch so tief …: An der Seite drückte mich etwas Hartes. Ich konnte mich jedoch nicht mehr bewegen. Mit den Händen scharrte ich den Staub zusammen und versuchte, mir wenigstens für den Kopf ein weicheres Lager zu bereiten. Dann, die letzten Kräfte aufbietend, schaute ich noch einmal in die Runde: nichts als nackte Unendlichkeit, über die in gleißender Fülle die Sonnenstrahlen fluteten. Und ein tiefes Leid, für immer von dem Licht dieser Welt scheiden zu müssen, durchfuhr mich.

Die Helle um mich erlosch. Es wurde dunkel. ›Das ist der Tod‹, dachte ich und war wieder ein Kind, das auf dem Schoße der Mutter saß und die Blätter eines großen Buches umwandte, mit Bildern von fremden Menschen und Tieren und seltsamen Blumen …: Und es war alles gut, wie es war …:

Der Tod aber wollte mich auch dieses Mal nicht mit sich nehmen.

Als die Ohnmacht wich, stand die Sonne am Zenit. Das Pferd, das in der Nähe graste, kam zu mir, als fühlte es, daß sein Herr wieder in die Welt der Lebenden zurückgekehrt war. Es beschnupperte mich und ging beruhigt von neuem daran, das spärliche, verbrannte Gras zu raufen.

Die ganze Nacht blieb ich hier, in halber Erstarrung, ohne ein Feuer anzuzünden, ohne einen klaren Gedanken, um erst am nächsten Morgen meinen Ritt fortzusetzen, wo ich alsbald die Autostraße erreichte, jene kaum merkliche Spur, die die ersten Wagen, die sich in diese Wildnis wagten, zurückgelassen hatten.

Ich verbrachte noch zwei Tage allein, in der Hitze der unbarmherzigen Sonne, ohne Wasser, in die Nacht und in den Tag lauschend, ob nicht das Rattern eines nahenden Wagens zu hören wäre. Aber nur die Fliegen summten, und in der Nacht umheulte der Jaguar mein Lager, auf dem ich fiebernd auf das Leben der nächtlichen Wildnis lauschte und wartete …:

Es war heiß. Die Sonne stand hoch am Himmel, die scharfen Konturen verschwanden, alles schwankte um mich …: In meinen Fieberträumen lag ich in einem kühlen Zimmer, im sauberen Bett, und vor meinen Blicken wogte das Meer und rauschte. Wasser, eine blauschimmernde, unendliche, weite Fläche …:, als plötzlich ein leises Summen und Rattern die Luft zerschnitt und mich in die Wirklichkeit zurückrief. War es auch ein Fieberwahn? Nein, es wurde lauter und lauter …:

Als der Wagen hielt und die zwei Insassen zu mir geeilt kamen, konnte mein Herz das Glück der Lebenshoffnung kaum fassen.

Das Auto, das Proviant zu den Diamantsuchern am Flusse brachte, war vollbeladen, nur langsam würde die Fahrt vonstatten gehen. Ich aber konnte nicht warten, mußte sogleich in sachgemäße Pflege, wollte ich nicht den Wunden, die zu eitern begonnen hatten und einen üblen Geruch verbreiteten, erliegen. So kamen wir überein, daß ich die ganze Ladung zu bezahlen hätte, dazu das Benzin, das ebenfalls in großen Kisten auf dem Wagen untergebracht war. Stein um Stein meines letzten Besitztums, das von den Räubern verschont worden war, weil ich es zur Zeit des Überfalls bei mir getragen hatte, zählte ich hin. Sie schichteten die Waren unter einen Baum, mit Zelttuch bedeckend, und der Wagen ratterte den Weg zurück, den er gekommen war – zu den Menschen …:

Ich durfte weiterleben. Meine Lunge aber ist nie ganz verheilt und meine Kraft gebrochen. Und doch litt es mich nicht lange in der Stadt. Wer einmal das süße Gift der Wildnis gekostet hat, kann von ihm nimmer lassen. So kam ich wieder hierher.

Seht die Hütten ringsum! Seht die Felder mit Mandioca, und Garimpo liegen an Garimpo. Alles schenkte sie mir, hundertfach die Qual der Stunden vergeltend …: So macht sie reich, die Wildnis, und arm zugleich, gibt und nimmt …:«

Ein Hustenanfall ließ ihn verstummen.

Schweigend saßen die Garimpeiros. Sie liebten diesen schmächtigen, kranken Menschen, der gut war zu ihnen. Ihre von den Flammen des Feuers beleuchteten Gesichter erschienen gelb und schemenhaft. Undurchdringliche Finsternis war um sie, und sie wußten dort unten den Fluß wandern und seine kostbaren Steine behüten. Hinter ihnen lebte die Wildnis …: Wie viele Geheimnisse mag es noch bergen, dieses gottverlassene Land …:?

*

Hans Mahr und Ezéquiel streckten sich todmüde auf eine Rinderhaut, deckten sich mit einer fremden Decke zu und schliefen bis in den hellen Morgen. Dann wanderten sie stumm und müde den halben Tag, um nach ihrer Siedlung zurückzukehren und begannen wieder zu arbeiten, jeder an seiner Stelle.

Nie wieder aber machte Hans Mahr in dieser Wildnis, wo die Menschen wie in halber Ekstase leben, ähnliche Versuche.

*

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