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Unter Bayern und Schwaben

Friedrich Nicolai: Unter Bayern und Schwaben - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Nicolai
titleUnter Bayern und Schwaben
publisherEdition Erdmann
isbn3-522-62660-5
editorUlrich Schlemmer
year1989
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
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5. Kapitel

Stuttgart

Das Schloß – Das Opernhaus – Die Regierung – Buchhandlungen, Druckereien, Zeitungen – Kunst- und Naturalienkabinette – Die Militärakademie – Die Schönen Künste – Religiosität und Kirchenvisitationen – Sitten und Sprache in Stuttgart

Zu den angenehmen Empfindungen einer Reise in bisher unbekannte Gegenden gehört besonders der lebhafte Eindruck, den das Neue hinterläßt. Am deutlichsten fühlt man ihn, wenn man nach einer nächtlichen Reise morgens in einer Gegend von ganz anderer Beschaffenheit erwacht. Ich hatte den vorigen Tag mit sehr interessanten Leuten zugebracht und befand mich auch am heutigen wieder unter interessanten Menschen, aber von ganz anderer Art. Am Vormittag des vorigen Tages war ich noch in dem stillen und äußerlich nicht sehr heiter anmutenden Ulm gewesen, und heute schon früh am Morgen befand ich mich in Stuttgart, das viel moderner gebaut ist, und wo es auf den Straßen viel lebhafter zugeht. Ich hatte mich ja in letzter Zeit oft in Reichsstädten aufgehalten, wo der Geist kleiner Republiken selbst in den kleinsten Dingen hervorsticht, wo es nur zwei Stände gibt, die Patrizier und die Bürger, und wo nur die patrizische Geburt einen Vorrang verschafft. Selbst die äußeren Zeichen des Reichtums haben einen eigenen Anstrich.

Doch nun waren wir in der Residenz eines monarchischen Staates, in dem es mehrere Stände gibt, die auch mehr miteinander vermischt sind. Das fällt einem aufmerksamen Beobachter sogar in den kleinsten Umständen sofort auf. Ein Berliner wird in Stuttgart natürlich zuerst auf das aufmerksam, was ihn an Preußen erinnert. Der vorige wie auch der jetzige Herzog wurden beispielsweise in Berlin erzogen. Der vortreffliche Unterricht zum Regieren, den Friedrich der Große dem jüngstverstorbenen Herzog mitgab, verdient es, gelesen zu werden. Er ist mit einer Klugheit und mit einer Fülle des Herzens geschrieben, die den Leser hinreißt. Die verhältnismäßig starke Präsenz des Militärs in Stuttgart ähnelt auch im Äußeren der in Preußen, nur sind die Haare hier gepudert. Die blaue Uniform mit den weißen Unterkleidern hat preußischen Schnitt, ebenso die spitzen Mützen der Grenadiere. Was noch deutlicher ist: Die Soldaten arbeiten allenthalben in den Häusern und auf den Straßen, was, so viel ich weiß, nur beim preußischen und württembergischen Militär üblich ist. All das, ja sogar die dreieckigen Laternen, womit die Straßen erleuchtet werden, erinnert an Berlin. Stuttgart wird mit Laternen (es sollen ungefähr 700 sein) beleuchtet, aber nur wenn der Herzog zugegen ist. So war es wenigstens im Jahre 1781.

Die Bauart der Häuser in Stuttgart ist sehr unterschiedlich, und die Straßen sind hin und wieder recht uneben. Zu der sogenannten reichen Vorstadt steigt man mehrere Fuß hinauf. In der eigentlichen Stadt sind die meisten Gassen krumm und unangenehm, mit vielen engen und finsteren Winkeln. Die reiche Vorstadt hingegen hat lauter rechtwinklig angelegte Gassen, was um so bemerkenswerter ist, da diese Anlage schon im fünfzehnten Jahrhundert angelegt wurde. Jedoch haben die Häuser, obgleich zum Teil modern, kein besonderes Aussehen. Die schönste Straße ist der sogenannte Obere Graben, und die sehenswertesten Häuser, die mir in die Augen fielen, waren das Gräflich-Hohenheimische, das von Madeweißsche und das Tritschlersche Haus, desgleichen die Niederlassung der Calwschen Handelsgesellschaft. Aber selbst an diesen wirklich schönen Häusern fällt einem Fremden doch auf, daß in einer Stadt, wo eine Académie des Arts ist, sich so wenig gute Architektur findet. Was Stuttgart am meisten verschönert, sind die nahe gelegenen grünbewachsenen Hügel: der Hasenberg auf dem Wege zur Solitude und nach Ludwigsburg, die herrliche Weinsteige auf dem Weg nach Hohenheim und Tübingen und der Bopser. Einen oder mehrere von diesen Bergen sieht man von fast allen Straßen.

In der eigentlichen Stadt ist ein großer Teil der Häuser noch aus Holz, dabei sehr unförmig und in schlechtem Zustand. Die Gegend um das Schloß ist die heiterste; da stehen auch einige schöne Häuser, besonders die ehemalige Hohe Karlsschule, die sogenannte Militärakademie. Es ist ein sehr großes Gebäude, das der Einsicht und dem Geschmack des Baumeisters, des Herrn Hauptmann Fischer, Ehre macht. Das Corps de Logis war ehemals eine Kaserne, die aber ungemein vergrößert wurde, wobei das Ganze aber so gut angeordnet ist, daß man kein Flickwerk entdeckt, außer daß die Höhe des Gebäudes gegen die 654 Fuß lange Fassade allzu niedrig erscheint, was man aber dem Baumeister nicht zuschreiben darf.

Zum sogenannten Neuen Herzoglichen Schloß hat der berühmte Mathematiker Bilfinger, zuletzt herzoglicher Geheimrat, den ersten Entwurf gemacht, und weil der Herzog bei seinem Regierungsantritt versprach, in Stuttgart und nicht in Ludwigsburg zu residieren, wurde im Jahre 1746 von dem italienischen Baumeister und Major Leopold Retti mit dem Bau begonnen. Er war in wenigen Jahren vollendet. Aber schon 1762 brannte der rechte Flügel ab. So sah es 1781 trübselig aus. Wie ich höre, hat man 1783 angefangen, diesen Flügel wieder etwas herzustellen.

Die Fassade des Schlosses hat gute Proportionen. Der untere Teil ist dorisch, der obere ionisch. Nur über dem Portal ist ein Aufsatz mit kleinen, häßlichen, etwa 16 Fuß hohen korinthischen Säulen, welche das Ganze sehr entstellen. Als der Großfürst von Rußland 1783 in Stuttgart war, wurde um das Schloß herum noch Verschiedenes ausgebessert und gebaut. Wir sahen unweit des Schlosses ein ziemlich großes Maisfeld; ich meine, auf diesem Platze sollten Gärten und Häuser angelegt werden.

Das Opernhaus steht nahe beim Schloß. Es ist das größte in Deutschland und aus einem ehemaligen, schon im sechzehnten Jahrhundert von dem damals berühmten Baumeister Heinrich Schikkard gebauten Lusthaus unter Zufügung vieler anderer Gebäude eingerichtet worden. Jetzt steht es leer. Das Schauspielhaus, 1779 von Fischer gebaut, ist klein, macht aber, sowohl der äußeren als inneren Einrichtung nach, dem Baumeister Ehre.

Die Stadt Stuttgart hat mit dem größten Teil der Städte Deutschlands gemein, daß ihre wahre Lage nicht genau bestimmt ist und durch die verschiedensten Angaben noch ungewisser wird. Habe ich Unrecht, daß ich auf unsichere Angaben dieser Art in meiner Reisebeschreibung aufmerksam mache? Oder verdiene ich den Spott jenes kurzsichtigen Krittlers, welcher meint, nur wenn man in der Südsee segle, wäre es nötig, Längen und Breiten anzugeben? Wie sollen die Landkarten genauer werden, wenn nicht darauf geachtet wird, die Fehler in der Lage der Städte sorgfältig zu verbessern? Bei meinem ersten Besuch gab es an der Militärakademie vier Mathematiklehrer. Auch findet sich eine Sternwarte auf dem Gymnasium Illustre. Das erste, was die Sternwarte leisten sollte, wäre doch wohl eine genaue astronomische Bestimmung der Lage dieser Sternwarte und folglich der Stadt. Merian hat in seiner Topographia Suevicae einen Grundriß von Stuttgart geliefert, wie es zu seiner Zeit aussah. Diesen hat Seutter in Augsburg erst vor ungefähr 25 Jahren nachgestochen und fast nichts daran geändert; trotzdem wird er immer noch als gültig in Bilderläden verkauft. Dicht vor Stuttgart, nach Norden zu, gab es zu Merians Zeiten noch einen See. Auf diesem zeichnete er, Gott weiß warum, zwei Gondeln ein. Seutter, um etwas Eigenes zu haben, verwandelt die eine in einen Kahn, zeichnet auch die andere (noch dazu vergrößert) nach, schreibt aber darüber: »Dieser See ist ausgetrocknet, anjetzo ein Grasboden.« Ist das nicht schön? Der neueste und beste Grundriß ist auf einem Royalbogen ungefähr 1780 von J. L. Roth gezeichnet und von M. Balleis, einem damaligen Schüler der Militärakademie, gestochen worden. Daß auf einem Seutterschen Grundriß sich kein Maßstab findet, ist ein ganz gewöhnlicher Fehler, aber daß jemand, der in einem neuen Erziehungsinstitut erzogen wurde, nicht daran denkt, daß ein Grundriß einen Maßstab haben müsse, ist nicht zu verzeihen. Wäre auf diesem Grundriß ein Maßstab angegeben, so könnte man sich von der eigentlichen Größe der Stadt einen Begriff machen und sie mit anderen Städten vergleichen.

Die Polizeianstalten sind in Stuttgart im besten Zustand. Die Straßenbeleuchtung habe ich oben schon erwähnt. Das Pflaster der Straßen ist sehr gut und wird gut unterhalten. Die Straßenreinigung wird auch gut besorgt. Mietwagen und Sänften kann man immer haben.

Die Württemberger lieben ihr Vaterland und tun sehr gut daran, teils, weil es ihr Vaterland ist, teils, weil es ein sehr schönes Land ist, das man wohl lieben kann. Es verursacht mir immer ein sehr angenehmes Gefühl, zufriedene Leute zu sehen, so, wie es den Frohsinn mindert, die Leute über ihre Lage klagen zu hören, was jedem Fremden in Ulm oder Nürnberg ganz sicher passieren wird. Aber nirgendwo, auch nicht in Württemberg, fehlt es gänzlich an Unzufriedenen. Dafür haben auch viele Württemberger nicht nur ein besonderes Vertrauen in ihre Landesverfassung, was sehr löblich ist, sondern auch eine sehr hohe Meinung von ihren Vorzügen. Sie meinen deshalb, eine Art freier Bürger zu sein, die vor den Untertanen anderer deutscher Fürstentümer einen großen Vorzug hätten. Mit einigem Lächeln bemerkte ich bei meinem Aufenthalt in Württemberg, daß diese freien Leute bei der Lobpreisung ihrer landschaftlichen Verfassung auf uns arme Brandenburger herabsahen wie auf Sklaven. Es hielten damals einige dieser Herren den Preußischen Staat tatsächlich für unmäßig despotisch, den ihren hingegen gerade für das Gegenteil.

Meine Leser, die vielleicht hin und wieder dieses oder jenes über Württemberg gelesen oder gehört haben, werden vielleicht glauben, daß ich scherze oder die Sache übertreibe. Keineswegs! Ich kann einen gedruckten Beweis liefern. Der Verfasser der Geographie Württembergs sagt ganz naiv: »Die Regierungsform Württembergs ist wie die englische im Kleinen, nämlich eine Mischung aus Aristokratie und Monarchie. Die Landschaft, das Parlament, steht an der Spitze der Nation und besorgt ihre Wohlfahrt.«

Es läßt sich alles vergleichen, und so haben die Landstände von Württemberg ohne Zweifel irgendeine Ähnlichkeit mit dem englischen Parlament, und wäre es nur die, daß von beiden vorausgesetzt werden muß, sie bestehen aus einsichtsvollen und eifrigen Patrioten, die das Wohl ihres Vaterlandes mit größter Tatkraft und Uneigennützigkeit zu besorgen suchen. Dies eingeräumt, wäre es meiner unmaßgebenden Meinung nach dennoch am schicklichsten, die Württembergische Landschaft mit keiner anderen Verfassung zu vergleichen, am wenigsten mit dem englischen Parlament. Das Herzogtum Württemberg hat, soviel ich sehen kann, eine ihm ganz eigene Verfassung, welche eigentlich keiner anderen landschaftlichen Verfassung irgendeines kleineren oder größeren deutschen Staates, am wenigsten aber dem Parlament in England, gleicht. Dem Vergleich würden selbst die Herzöge von Württemberg nicht zustimmen, wenigstens wenn man berücksichtigt, wie sie schon seit Anfang des vorigen Jahrhunderts mit ihrer Landschaft standen. Außerdem zeigen doch J. J. Mosers und Schubarts Schicksal, daß Württemberg keine Habeas-corpus-Akte hat.

Württemberg hat heute keinen Adel, der Landstand wäre, denn die Edelleute behaupteten im sechzehnten Jahrhundert ihre Reichsfreiheit. Von anderen deutschen Ländern unterscheidet sich Württemberg noch in zweierlei Hinsicht: erstens darin, daß es in Württemberg keine Edelleute gibt, die ihrer Geburt wegen die höchsten Ämter am Hofe und in den Landeskollegien innehaben. Somit sind viele dieser Amtsinhaber keine Vasallen des Herzogs und somit hinsichtlich des Landes Fremde. Zweitens haben im Württembergischen Landtag die Gutsbesitzer, wie in allen anderen deutschen Ländern, weder Sitz noch Stimme, sie mögen adelig sein oder nicht, wie z.B. in Brandenburg oder Holstein. Auch in England sitzen die Lords als Grundbesitzer im Parlament. Selbst die Commoner in England müssen gewisse Einkünfte aus Grundeigentum haben und werden nur von Grundbesitzern gewählt. In der Württembergischen Landschaft hingegen ist – qua talis – kein Grundbesitzer vertreten. Es finden sich da zwar 14 Prälaten, die den oberen Stand ausmachen. Ihr Stand ist aber nicht zu vergleichen mit dem der Prälaten der hohen Stifte, die in den Landtagen in Österreich und in Brandenburg wegen ihrer geistlichen Qualitäten und als Repräsentanten des Grundbesitzes sitzen, der den Stiften gehört und von den Prälaten und Domkapiteln selbst verwaltet wird. Die württembergischen Prälaten sind zwar Äbte der durch die Reformation etwas veränderten Klöster, denen auch Grundbesitz und Dörfer in großer Menge gehören, aber mit der Verwaltung der Ökonomie und der Einkünfte derselben haben die Prälaten nichts zu tun. Dafür gibt es besondere Klosterverwalter, welche dem Kirchenratskollegium, das vom Herzog selbst eingesetzt wurde, Rechnung ablegen. Die Prälaten aber bekommen aus den Einkünften eine festgesetzte, recht mäßige Besoldung. Man kann also nicht sagen, daß sie wegen des Grundbesitzes ihrer Klöster Stimme im Landtag hätten. Das Land wird in Württemberg eigentlich gar nicht repräsentiert, denn die wenigen Dörfer, die das Recht haben, Deputierte zu schicken, haben keinen Einfluß, zumal sie bloß auf den vollen Landtagen erscheinen, die gar nicht so oft abgehalten werden. In den beiden schon im sechzehnten Jahrhundert von den Herzögen eingerichteten ständigen Ausschüssen sitzen sie nicht. Außer der Prälatenbank gibt es in der Württembergischen Landschaft nur noch die städtische Bank, aus Bürgermeistern der zum Landtag zugelassenen Städte bestehend. Diese würden also, wenn Württemberg England im Kleinen vorstellen soll, doch wohl dem Unterhaus entsprechen. Aber da liegt der wesentliche Unterschied: Sie sind nicht von Grundbesitzern gewählt, sondern haben vermöge ihrer Ämter Sitz und Stimme. Sie sind auch nicht, wie das Oberhaus, von dem oberen Stande der Prälaten getrennt, sondern bilden ein Haus, den Landtag. Die Prälaten waren vorher Prediger oder Schullehrer und werden vom Herzog in ihre Prälatur eingesetzt. Wären dies alles Männer vom Format eines Le Bret oder Sprenger, so wäre dies ein noch vorzüglicheres Kollegium, als es ohnehin schon ist. Leider war auch der durch seine beinahe sinnlos mystischen Schriften bekanntgewordene Ötinger Prälat. Wer die ängstliche, einseitig theologische Erziehung in den Klosterschulen Württembergs und im Stift zu Tübingen kennt, der möchte wohl in der Theorie zweifeln, ob die Kenntnisse, die durch diese Art der Erziehung geschöpft werden können, überhaupt Staatskenntnisse vermitteln. Die praktische Erfahrung scheint indes das Gegenteil zu beweisen, denn diese 14 Prälaten besorgen zusammen mit den städtischen Deputierten die wichtigsten Angelegenheiten des Staates. Die Württemberger schienen zu der Zeit, als ich das Land bereiste, mit ihren Landständen übrigens gar nicht recht zufrieden zu sein. Man befürchtete von der Übermacht, die sie seit einiger Zeit über den Herzog erhalten hatten, ich weiß nicht was für nachteilige Folgen. Dergleichen pflegen die Briten von ihrem Parlament nicht zu fürchten, was eine weitere Unähnlichkeit mit dem englischen Parlament darstellt. Ich führe dies gewiß nicht alles an, um die Württembergischen Landstände herabzuwürdigen, sondern um die Dinge zu zeigen, wie sie sind.

Die herzoglichen Landeskollegien sind bekanntlich in Stuttgart. Der mehrmals angeführte Verfasser der Geschichte Württembergs sagt in seinem Eifer für die Landstände, die er an die Spitze der Nation setzt und denen er die wichtigsten Angelegenheiten des Staates zuweist, daß die Kollegien mit der Kanzlei nur die minder wichtigen Geschäfte des Staates besorgten. Dies will mir nicht recht einleuchten. Die Landschaft hat unstreitig wichtige Geschäfte, besonders bei vollständig versammeltem Landtag. Ich sehe auch sehr wohl ein, daß sie dem Land oft sehr nützliche Dienste geleistet und manches Übel verhindert oder vermindert hat, und deshalb bin ich auch weit davon entfernt, über ihr Ansehen und ihre Verdienste geringschätzig zu urteilen. Aber die Geschäfte der Landeskollegien scheinen mir wichtiger zu sein als die der Landschaft, denn durch sie wird doch die eigentliche Regierung des Staates ausgeübt. Ich kann mich irren und will mich gerne von einem einsichtsvollen württembergischen Staatsrechtsgelehrten belehren lassen, falls er für seine Behauptung Gründe anführen kann.

Die Württemberger haben ihre Herzöge immer geliebt, selbst wenn sie mit manchen Anordnungen nicht ganz zufrieden waren. Herzog Karl z.B. hatte freilich einiges getan, was ihn mit den Landständen besonders in Kollision brachte. Auf der anderen Seite verursachten seine vielen Gebäude und Lustbarkeiten eine starke Zirkulation des Geldes. Beides war aber schon vorbei, als ich 1781 in Stuttgart war. Der Herzog hatte sich nach Hohenheim in die Einsamkeit zurückgezogen, und man beschwerte sich nicht mehr über den Herzog, sehr wohl aber über die Landstände. Mit dem Regierungsantritt des jetzigen Herzogs hat eine ganz neue Epoche begonnen. Er handelt mit weiser Mäßigung, hat manche Mißbräuche abgestellt, ist populär und wird allgemein geliebt.

Herzog Karl Eugen (11. 02. 1728 – 24. 10.1793)

Es kommt in Stuttgart jährlich ein herzoglich-württembergisches Adreßbuch heraus, worin der Hofstaat, der Kriegsstand, alle Landeskollegien in Stuttgart und alle weltlichen und geistlichen Beamten des Landes verzeichnet sind. Leider ist darin hin und wieder ein ganz unverständlicher Kanzleistil anzutreffen. Auch wäre es gut, wenn in diesem wie in allen anderen Staatskalendern die Beschäftigung eines jeden Landes- oder anderen Kollegiums angezeigt würde. Dies ist noch wichtiger, wenn darin Mundartausdrücke vorkommen, die jedem, der nur Hochdeutsch versteht, unverständlich bleiben müssen.

Unter der großen Zahl würdiger Geschäftsleute, die in diesen Kollegien sitzen, habe ich nur die folgenden etwas näher kennengelernt:

Seine Exzellenz, Herrn Eberhard von Kniestädt, Staatsminister und Präsident der herzoglichen Rentenkammer. Dieser sowohl einsichtsvolle als auch leutselige Staatsmann schenkte mir eine Stunde, welche mir so angenehm wie lehrreich war. Er unterhielt sich mit mir über das preußische Finanzwesen, welches damals, wie ich aus anderen Unterredungen merkte, in Württemberg und auch sonst im Reich einige Aufmerksamkeit erregte. Man wollte verschiedene, später ausreichend bestätigte Nachrichten von einigen Anordnungen Friedrichs des Großen noch nicht ganz glauben. Ganz besonders konnte man gar nicht fassen, daß durch kluges Wirtschaften der Schaden, der durch den Siebenjährigen Krieg verursacht worden war, ausgeglichen worden sein sollte, was damals wirklich schon der Fall war. Dieser würdige Minister ist vor einiger Zeit verstorben.

Seine Exzellenz, Herrn Eberhard Friedrich von Gemmingen, Präsident des Regierungsrates. Er ist Deutschlands Gelehrten rühmlich bekannt durch seine Gedichte, wohingegen nicht so bekannt ist, daß er auch ein großer Musikkenner war, über musikalische Kunstwerke mit Verstand urteilte und auch selbst komponierte. In zwei Gesprächen mit diesem trefflichen Mann konnte ich mich von seinem Kunstgeschmack überzeugen. Außerdem fragte er viel über Friedrich den Großen und den preußischen Staat. Es hat immer in Deutschland eine gewisse Gruppe gegeben, die sich mit großer Schlauheit bemühte, den preußischen Staat und alles, was dessen Regenten tun, von der ungünstigsten Seite darzustellen und darüber ganz falsche Nachrichten zu verbreiten, welche auch bei unparteiischen Leuten Gehör finden, weil sie von so vielen Seiten her wiederholt wurden. So fand ich auch 1781 immer wieder lügenhafte Nachrichten vom König, von Potsdam, von Berlin usw., die mich anfangs in Erstaunen setzten, bis ich nach und nach auf die Spur geriet, aus welcher Quelle diese Nachrichten kamen. Ich merkte es auch hier. Denn nachdem ich Herrn von Gemmingen über verschiedene ganz ungereimte falsche Nachrichten über den König aufgeklärt und ihm dabei die wahre Beschaffenheit der Dinge dargelegt hatte, wurde auch er offenherziger und nannte Quellen, aus denen die falschen Nachrichten geflossen waren. Die Unterhaltungen mit diesem so biederen wie einsichtsvollen Manne werden mir unvergeßlich bleiben. Sein edler Charakter, seine mannigfaltigen Einsichten, mit so viel Bescheidenheit und Gutmütigkeit verbunden, leuchteten aus seinen Gesprächen hervor, und er zog mein Herz an sich. Bei ihm sah ich seinen vertrauten Freund, Regierungsrat Huber, wieder, den ich schon in Berlin kennengelernt hatte. Er ist auch als Dichter bekannt. Nicht so bekannt dagegen ist, daß er um 1779 auf dem Hohenasperg festgesetzt worden war, weil er sich einer Kopfsteuer widersetzte. Es machte Herrn von Gemmingen große Ehre, daß er seine Freundschaft gegen Herrn Huber ebenso laut wie vorher bekannte und ihn in sein Haus aufnahm, obwohl er wußte, wie sehr Herr Huber dem Herzog mißfiel. Beide Herren sind schon seit einigen Jahren tot.

Ich habe es mir bei meiner Reise zur vorzüglichsten Aufgabe gemacht, mich nach den wirtschaftlichen Verhältnissen einer jeden Stadt und eines jeden Landes, sei es im Gewerbe oder im Handel, so ausführlich wie möglich zu erkundigen, denn der Wohlstand eines Gemeinwesens hängt davon ab. Selbst der Charakter der Einwohner wird dadurch auf mannigfaltige Weise verändert. Es ist meist schwierig, sich genau darüber zu informieren, da Bücher oft unzuverlässig sind, fast ständig unrichtige Berichte von einem Buch ins andere abgeschrieben werden und sie aus diesem Grund selten die neuesten Verhältnisse anzeigen. Auch in mündlicher Unterredung fällt es oft schwer, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Man findet überdies nicht immer Personen, welche die interessantesten Fragen beantworten können oder dürfen. Ich muß überhaupt die große Gefälligkeit rühmen, mit der ich überall in Stuttgart aufgenommen wurde; bald aber bemerkte ich, daß auch Männer, die mich sehr wohl hätten unterrichten können, die Antworten auf verschiedene Fragen, einige Punkte der Landesverfassung, der Industrie und des Handels von Württemberg betreffend, zu vermeiden suchten. Ich schwieg dann immer, weil ich nicht zudringlich sein wollte und sehr wohl einsehe, daß jemand begründete Ursachen haben kann, nicht alles, was er weiß, auch zu sagen. Jedoch erhielt ich durch Zufall drei verschiedene sehr interessante Aufsätze über diese Themen. Das wichtigste Resultat ist, daß Württemberg hauptsächlich durch den Handel mit seinen eigenen Produkten zu Reichtum kommt. Wein, Getreide, Pferdezucht, Viehzucht und besonders Schafzucht sind neben dem Holzhandel nach Holland die Hauptquellen von Württembergs Reichtum. Das Gewerbe beruht hauptsächlich auf der Leinwandweberei in Urach und der Wollweberei in und um Calw. Die württembergischen Weine, die allgemein unter dem Namen Neckarweine gehandelt werden, haben viel Feuer und sind zugleich lieblich. Nur können sie nicht sehr weit exportiert werden; wenigstens wenn sie bis in unsere Gegenden kommen, schlagen sie gewöhnlich um. Ein sehr interessantes Büchlein ist folgendes: Geschichte des Neckarweins und Weinbaus vornehmlich in und um Stuttgart von 1200 bis 1778. Es wäre angenehm, von den Rheinweinen eine solche Chronik zu haben.

Man sieht zwar, daß die Regierung das Gewerbe durch verschiedene Gesetze und Verordnungen hat erwecken wollen, aber es ist auch anzumerken, daß bloße Verordnungen wenig oder nichts helfen, wenn die Bevölkerung nicht von Natur dazu geneigt ist oder wenn nicht ein besonders tätiger Mann Fleiß und Betriebsamkeit erwecken kann, wo sie vorher nicht waren. Man sieht auch deutlich, wie in einigen Bereichen durch unzweckmäßige Gesetze die Industrie eher erstickt als gefördert wurde. Solche Gesetze verlangen z. B.: Es darf kein Eisen an Ausländer verkauft werden, ohne daß vorher bewiesen ist, daß die württembergischen Untertanen damit ausreichend versehen sind. Druckpapier darf nicht ausgeführt werden, es sei denn, kein Buchhändler im Land will es kaufen. Sollten diese Gesetze wirklich befolgt werden, so müßte der, welcher Eisen oder Druckpapier hätte, erst das ganze Land absuchen, ob sich da kein Käufer fände.

Es fällt auf, daß seit langer Zeit nur an zwei einzigen Orten Württembergs, die an Flüssen liegen, nämlich in Urach und Calw, durch große Handelsgesellschaften ein ins Große gehendes Gewerbe aufgebaut worden ist. An anderen Orten ist dies nicht der Fall. Ich glaube aber, dies ist ganz leicht aus der Fruchtbarkeit des so gesegneten Landes zu erklären. In einem an natürlichen Produkten so reichen Land und in Ermangelung großer Städte kann fast jedermann Anteil an Grund und Boden haben. Dieser bringt mit leichter Arbeit, was zum Leben nötig ist. Mehr verlangt der große Haufen nicht, und daher ist es schwer, in ihm Lust zur angestrengten Arbeit, ja nur zum Nachdenken über neue Erwerbswege zu erwecken. Vereinzelt findet sich auch in Württemberg Erfindung mit Kunstfleiß verbunden, denn in diesem Land gibt es viele fähige Köpfe. Durch die Leichtigkeit, die Grundbedürfnisse zu stillen, werden drückende Sorgen eher entfernt, und der Geist ist freier. Daher gibt es verschiedene vorzügliche Mechaniker, die ihrem Vaterland Ehre machen. Die beiden Hauptmanufakturstandorte Calw und Urach liegen bemerkenswerterweise nicht in der fruchtbarsten Gegend Württembergs.

In Stuttgart ist das Kunsthandwerk im allgemeinen gar nicht zu finden, obwohl einige geschickte Künstler da sind. Fast während des größten Teils dieses Jahrhunderts ist der Hof sehr prächtig gewesen und hat großen Aufwand getrieben. Dies hat bei den Einwohnern, die schon durch das schöne Land, in dem sie wohnen, zur Lebensfreude ermuntert werden, den Hang nach Vergnügungen stärker geweckt und sie noch mehr an die Bedürfnisse des Luxus gewöhnt. Beides verleitet nicht zu ausdauernder Arbeit. Zudem wird in Württemberg der größte Teil der Luxusbedürfnisse durch Importe gestillt. So konnte die Stuttgarter Industrie dadurch nicht unmittelbar vermehrt werden. Trotzdem lebt immer noch der größte Teil der Bürger vom Hof und der bezahlten Beamtenschaft, wodurch das Handwerk recht ordentlich blüht. So kommen in Stuttgart auf etwas über 18 000 Menschen 250 Schneidermeister. Es ist also unter 72 Menschen immer ein Schneider. In Ulm können z. B. von 14 000 Menschen nur 31 Schneider leben. Aber wie oft und wie viel anders kleidet sich auch ein Stuttgarter im Vergleich zu einem Ulmer, auch wenn der Stuttgarter nicht immer nach der neuesten Mode gekleidet ist! Im Journale von und für Deutschland (1789, 2. Stück, S. 159) steht eine Preisliste der Spiegelgläser in Stuttgart. Dort gibt es aber nur die Verkaufslager. Die Spiegelfabrik ist in Spiegelberg an der Lauter, wo sie von dem jüngst verstorbenen Herzog Karl angelegt worden ist. Derselbe hat dem Handel in Stuttgart auch dadurch aufhelfen wollen, daß er dort eine Messe einrichtete. Sie ist aber nicht mehr als ein großer Jahrmarkt.


In Stuttgart gab es im Jahre 1781 zwei Buchhandlungen, die Metzlersche und die Erhardsche, nebst einem Antiquar Betulius, dessen Vorrat aber unbedeutend ist. Dazu kamen drei Buchdruckereien, die Cottasche Hofbuchdruckerei, die Erhardsche und die Mäntlersche. Die Stuttgarter privilegierte Zeitung kommt bei Cotta heraus. Diese pflegt man die Hofzeitung zu nennen. Es erscheint dienstags, donnerstags und sonnabends ein halber Bogen in Quart. Der Schwäbische Merkur kommt bei Mäntler montags, mittwochs und freitags in Quart heraus. Beide Zeitungen haben Marginalien, was wohl sonst keine Zeitung aufzuweisen hat. Die Stuttgarter Anzeigen von allerhand Sachen, deren Bekanntmachung dem Gemeinwesen nötig und nützlich ist, erscheinen dienstags und sonnabends, jeweils auf einem halben Bogen in Quart. Hinsichtlich des Gartenbaus wird in dem in Stuttgart herauskommenden Journal für die Gartenkunst Nachricht gegeben. Man kann dort z. B. lesen, daß man nun auch in Stuttgart den Spargel, den man sonst von Ulm kommen ließ, anbaut. Das sogenannte Gesundheitsgeschirr aus verzinntem Blech macht der Arsenalflaschner (Klempner) Berthold in Stuttgart so gut wie in Neuwied.

Unter den gelehrten Einrichtungen in Stuttgart muß man die Herzogliche Öffentliche Bibliothek zuerst nennen. Sie ist um so bemerkenswerter, als sie vom vorigen Herzog vor nicht ganz 30 Jahren gestiftet worden ist und schon jetzt zu den bedeutendsten in Deutschland gehört. Sie enthielt 1781 bereits ungefähr 100 000 Bände und inzwischen gewiß noch um die Hälfte mehr, weil der vorige Herzog bekanntlich mit erstaunlichem Eifer Bücher zusammenkaufte. Seine Reise nach England brachte dieser Bibliothek viele wichtige ausländische Werke. 1784 reiste er ja nach Kopenhagen, um die wichtige Bibelsammlung des verstorbenen Predigers Lork zu kaufen. Er bezahlte dafür 4000 Dukaten und gab der Witwe eine lebenslängliche Pension von 200 Reichstalern. Die Sammlung bestand aus 798 Foliobänden, 863 Bänden in Quart, 1828 Bänden in Oktav und 1187 Duodezbänden, zusammen also aus 4182 Bänden – lauter Ausgaben von Bibeln! Dennoch wurde zwei Jahre später, 1786 nämlich, die Sammlung des Herrn Schaffer Panzer in Nürnberg, die auch sehr wichtig ist, dazugekauft. Schon 1781 erhielten die verschiedenen Professoren der damaligen Militärakademie den Auftrag, Vorschläge einzusenden, welche Bücher noch nötig seien, um das Fach eines jeden in den besten Stand zu setzen, und diese Vorschläge wurden fleißig befolgt. Schon das Äußere der herzoglichen Bibliothek ist einladend. Die Treppe, auf der man zu ihr hinaufsteigt, wurde mit einer Menge römischer Steine mit Inschriften und Statuen (aber von schlechter Arbeit), welche in Württemberg gefunden wurden, desgleichen mit Abgüssen von antiken Bildsäulen, fast allzu reichlich besetzt. Die Bibliothek ist in elf Zimmer unterteilt. Ich bin sehr dagegen, eine Bibliothek in einem einzigen, großen und sehr hohen Raum aufzustellen, besonders eine solche, die nicht wie die in Göttingen oder Wien ganz ins Große geht. Man kann an vielen Wänden mehr Bücher übersichtlicher aufstellen. Ich ging die verschiedenen Zimmer nacheinander mit Vergnügen durch und entdeckte dabei die wichtigsten und rarsten Werke aller Wissenschaftszweige. Besonders erfreut war ich über die neuen, kostbaren Bücher aus dem Bereich der Kunstgeschichte und der Altertumswissenschaften, z. B. Hamiltons Etrurische Vasen. Ein Zimmer ist ganz der theologischen Polemik und Askese geweiht. Ich schlug mit der Hand ein großes Kreuz und verließ den Raum mit einer Anwandlung von Grausen und Gähnen. Betreut wird die Bibliothek von vier Bibliothekaren. Der Oberbibliothekar war damals noch der berühmte Le Bret, der jetzige Abt in Lorch und Kanzler der Universität Tübingen. Leider war dieser vortreffliche Mann zu der Zeit verreist, so daß ich ihn leider nicht persönlich kennenlernen konnte, was ich noch heute zutiefst bedaure. Der erste Bibliothekar war Herr Professor Vischer. Sein besonderes Verdienst ist es, die Bibliothek in ihre heutige Ordnung gebracht zu haben. Er ist nicht nur ein gelehrter Mann, sondern hat auch sehr gute Kenntnisse in den Schönen Künsten. Ich sah in seinen Zimmern eine nicht unbeträchtliche Anzahl guter Gemälde und zwei Modelle von Le Jeune, einem Brüsseler Bildhauer, der in den sechziger Jahren nach Stuttgart kam und 1789 wieder in seine Vaterstadt zurückkehrte. Sie stellen Harpokrates und die Meditation dar und sind zwei schöne Figuren. Sie sollten in das Lustschloß Solitüde kommen, wo der Herzog einen Temple du Silence errichten wollte. In der Solitüde steht vom gleichen Künstler ein sehr schöner Apoll.

Die Unterbibliothekare waren die Herren Reichenbach und Petersen. Der letztere ist als Verfasser verschiedener Schriften bekannt, z.B. der Geschichte der deutschen Nationalneigung zum Trunk, die 1782 ohne seinen Namen erschienen ist. Ich hatte an ihn ein Empfehlungsschreiben von einem seiner Brüder, und er war so freundlich, mich an mehrere Orte zu begleiten und mich auf verschiedene Sehenswürdigkeiten der Stadt aufmerksam zu machen. Diese beiden Herren waren damals gerade sehr fleißig mit der Erstellung des Kataloges dieser Bibliothek beschäftigt, die mittwochs und sonnabends für jedermann geöffnet ist. Den wirklichen Räten des Herzogs und den Professoren der Akademie ist es auch erlaubt, Bücher nach Hause entleihen zu dürfen.

Das herzogliche Kunst- und Naturalienkabinett war damals in einem Saal desselben Gebäudes untergebracht, und ein Bruder von Professor Vischer führte die Aufsicht darüber. Die Sammlung war nicht sehr bedeutend, doch gab es einige Sehenswürdigkeiten, z.B. eine Sammlung von Knochen von zum Teil unbekannten, sehr großen Tieren, die man bei Cannstatt gefunden hatte. Besonders interessant ist ein versteinerter Fötus, der 46 Jahre in der tuba Fallopii gelegen hatte. Die Mutter hatte nachher noch zweimal geboren und ist 96 Jahre alt geworden. Diesen Fötus hatte man 1732 sogar der Pariser Akademie zugeschickt, um ihn untersuchen zu lassen. Ansonsten gibt es nur noch einen kunstvoll eingelegten Tisch aus dem vorigen Jahrhundert und eine Mumie, die allerdings schlecht konserviert ist. Das bei weitem bedeutendste Stück ist eine vortreffliche astronomische Maschine, die der Pfarrer Hahn 1769 auf Verlangen des Herzogs anfertigte, nachdem er vorher schon eine kleinere gemacht hatte. Es handelt sich um ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Werk. Ein Deutscher hat meines Wissens bisher noch nichts Ähnliches gemacht.


Eine andere gelehrte Merkwürdigkeit war damals die Militärakademie oder die nachher im Jahre 1782 zur Universität erhobene Hohe Karlsschule. Wenn ein großer Herr an etwas Belieben findet, so wird es gelobt, und wer etwa Mängel sieht, darf nicht öffentlich davon reden. So ist es nun einmal in Deutschland; daher wurde auch die Hohe Karlsschule und die große Tat, welche der Herzog mit ihrer Einrichtung verrichtet haben soll, in wer weiß wie vielen öffentlichen Blättern gepriesen. In den Zeitungen stand, wann der Herzog daselbst gespeist, Reden gehalten oder andere Feierlichkeiten vorgenommen hatte. Alles wurde gelobt. Zwar wagte man es auch, hin und wieder einigen Tadel hören zu lassen, aber dieser wurde bald so übelgenommen, daß jedermann schwieg. Jetzt, da der Herzog gestorben und unter der jetzigen Regierung das Institut ganz aufgehoben worden ist, kann man seine Meinung darüber eher sagen. Kein Vernünftiger wird leugnen wollen, daß der Herzog bei der Errichtung dieser großen Anstalt die beste Absicht hatte. Selbst wenn man sie auch nur als die Lieblingsbeschäftigung oder, wie man im gemeinen Leben wohl zu sagen pflegt, die Puppe eines tätigen großen Herrn ansehen wollte, so darf man wohl wünschen, daß alle großen Herren, nachdem sie, wie Herzog Karl selbst öffentlich erklärte, das Leere bloß sinnlicher Vergnügungen einsehen, ein so edles Vergnügen, junge Leute zu unterrichten und erziehen zu lassen, wählen möchten. Ebenso ist es ausgemacht, daß der Unterricht in dieser Akademie einen großen Vorzug vor allen württembergischen Schulen hatte; ganz gewiß befanden sich daselbst sehr geschickte und zum Teil vortreffliche Lehrer. Die Namen Abel, Köstlin, Nast, Rösch, Schwab, Stahl sind allein Beweis genug, daß der Unterricht in vieler Hinsicht vorzüglich war; auch sind viele wohlunterrichtete Schüler aus dieser Schule hervorgegangen. Ich bemerkte bei meiner Anwesenheit mit Vergnügen, daß die jungen Leute ein gesundes, frisches Aussehen hatten und daß für physische Erziehung aufs beste gesorgt war, worunter ich auch die schönen Gärten und sowohl das Sommerbad als auch das wohlangelegte Winterbad rechne. Die Gebäude der Schule selbst waren, wie ich schon oben angemerkt habe, zweckmäßig und prächtig, so daß man vielen anderen Schulen nur halb so geräumige und schöne Gebäude wünschen möchte. Daß zu jeder Wissenschaft ein besonderes Lehrzimmer eingerichtet und in jedem ein anderes Bildnis des Herzogs mit den Attributen der darin zu lehrenden Wissenschaften hing, war eine kleine Eitelkeit, die übersehen werden konnte. Doch muß ich offen gestehen, daß ich eine militärische Erziehung von Kindern, die nicht Soldaten werden sollen, nicht für zweckmäßig halten kann. Die sogenannte militärische Erziehung im Parhammerschen Waisenhaus zu Wien ist die schlechteste von allen, die ich je gesehen habe. Sie verdirbt die Kinder physisch und moralisch und macht sie zu elenden Maschinen. Das tat nun freilich die Erziehung in der Militärakademie in Stuttgart nicht, aber etwas einseitig war sie gewiß. Der berühmte Schiller sagt von seiner jugendlichen Erziehung dort, welche ihn hinderte, Menschen kennenzulernen: »Ich war unbekannt mit den Menschen – denn die 400, die mich umgaben, waren ein einziges Geschöpf, der getreue Abguß eines und eben dieses Modells, von welchem die plastische Natur sich freilich lossagte – Jede Eigenheit, jede Ausgelassenheit der tausendfach spielenden Natur ging in dem regelmäßigen Tempo der herrschenden Ordnung verloren.« Junge Leute, welche bloß dem Militärstand gewidmet werden, mögen in Kadettenhäusern und auch sonst in militärischer Disziplin erzogen werden, denn es kann niemand früh genug den Geist seines Standes annehmen, besonders eines Standes, welcher so viel Beschwerlichkeit aufweist und wegen des nötigen Gehorsams so viel Verleugnung erfordert. Ganz anders ist es mit jungen Leuten, die anderen Ständen gewidmet sind. Die sollen dereinst nicht so leben, daß sie bloß militärisch blinden Gehorsam beachten. Sie lernen auf diese Art die Welt nicht kennen, in der sie leben sollen, und können sehr leicht etwas Einseitiges im Charakter bekommen, so daß sie immer erst auf Befehle warten und nicht selbständig werden. Das Einschließen in solche militärische Akademien bewirkt bezüglich der Charakterbildung gewissermaßen dieselben Fehler, welche die auf mönchische Art eingerichteten Schulen, z. B. die sonst so guten sächsischen Fürstenschulen und die sehr viel schlechteren württembergischen Klosterschulen, aufweisen. Mir scheint, daß nach den Bedürfnissen der jetzigen Zeit junge Leute nicht früh genug mit Welt und Menschen bekannt gemacht werden können. Der Soldat muß ständig in Uniform gehen: Das ist sehr nützlich, vielleicht sogar, so wie die militärische Einrichtung der stehenden Heere einmal ist, notwendig. Der Soldatenstand soll ein besonderer Stand sein, soll starken Esprit de Corps haben, soll in der strengsten Disziplin erhalten werden, soll aus diesem Stand nicht nach Gefallen heraustreten können. Es ist gut, daß ihn alles, auch seine Uniform, daran erinnere. Aber eben deswegen scheint es, sollte außer dem Soldaten niemand in militärischer Uniform gehen. Ich bekenne offen, daß meiner Meinung nach der Nachteil aller Ziviluniformen, Hofuniformen und wie sie sonst heißen mögen, bei weitem den Vorteil überwiegt. Es kann sein, daß ich mich irre; es kann sein, daß diese so allgemein verbreiteten Uniformen irgendeinen Nutzen haben, den ich nicht einsehe, worüber ich mich gerne belehren lassen will. Man erlaube mir jedoch, hier meine Zweifel offenherzig zu sagen; vielleicht geben sie zu weiterer Diskussion Anlaß.

Württembergisches Militär: Drittes Infanterieregiment

Am wenigsten kann ich billigen, daß man in Erziehungsanstalten den jungen Knaben Uniformen gibt, und gerade die militärischen sind meines Erachtens die unschicklichsten. Uniformen flößen den Kindern einen schiefen Esprit de Corps ein, der ihnen später, wenn sie in die Welt kommen, sehr schädlich ist, weil sich da ein junger Mensch von anderen nicht unterscheiden will, sondern früh lernen muß, sich in die Gewohnheiten anderer Leute zu schicken. Es ist jungen Leuten – und wohl auch älteren – nichts hinderlicher, um in der Welt voranzukommen und Freunde zu finden, als Anmaßung. Daher sollte man bei der Erziehung mit größter Sorgfalt alles vermeiden, was junge Gemüter zur Anmaßung verführt. Ich bin sehr für die größte Einfachheit in der Kleidung und Lebensart und für Entfernung von jeglichem Luxus bei Alten und Jungen; aber Uniformen und besondere Kleidung helfen dem Übel nicht ab und geben dem Jüngling anstatt der Mäßigung, zu der sie führen sollen, nur Neigung, sich für ein ausgezeichnetes Wesen zu halten. Wenn einmal diese Torheit in einen jungen Kerl fährt, so ist die Wirkung einerlei, ob er sich auf ein schön frisiertes Haar und einen gestickten Rock oder auf ein ungepudertes abgestutztes Haar und eine Phantasieuniform etwas einbildet.

Am allerunbegreiflichsten ist mir, wie man auf den gar sonderbaren Gedanken hat kommen können, aus dieser auf militärischer Grundlage eingerichteten Erziehungsanstalt eine Universität machen zu wollen. Eine Universität ist nicht da, um zu disputieren, denn das kann jeder, der Syllogismen schmieden und lateinisch plaudern kann; auch nicht, um Doktoren zu machen, denn das kann jeder kaiserliche Hofpfalzgraf; auch nicht, um Wissenschaften zu lehren, denn das kann man überall sonst auch. Zu den wesentlichsten Unterschieden zwischen Schulen und Universitäten gehört, daß auf den Universitäten Schüler sein sollen, die nicht mehr in allem von der Zucht ihrer Eltern und Lehrer abhängig sind, sondern nunmehr gleichzeitig in die Lage versetzt werden sollen, Denken und Studieren, bürgerliches Leben und häusliche Einrichtung nach eigenen Einsichten aufs beste zu besorgen. Die großen Mängel unserer Universitäten kommen nicht daher, daß die jungen Leute die Freiheit mißbrauchen, welche zu dieser eigenen Verfügung über sich selbst nötig ist, sondern daß man bei der Einrichtung der Universitäten gar nicht darauf geachtet hat, die jungen Leute unbemerkt auf den Weg zu leiten, diese eigene Disposition ihrer Kräfte auf die rechte Art anzuwenden. Diese Anleitung aber kann am allerwenigsten in einer Militärakademie stattfinden, wo die jungen Leute ständig eingeschlossen sind und nichts von der Welt sehen; wo ihnen alles gereicht wird, wo sie also für nichts selbst zu sorgen haben, wo nicht einmal jeder sein eigenes Zimmer hat, nicht allein oder in Gesellschaft sein darf, wie er will, sondern wo alle immerzu vom militärischen Kommando abhängen. Und wie sonderbar wurde dieses militärische Kommando in der Hohen Karlsschule angewandt! Es mutet seltsam an, wenn beim Mittagessen die Zöglinge ganz ernsthaft in zwei Kolonnen, die Adeligen zur Rechten, die Bürgerlichen zur Linken, in den Speisesaal hineindefilieren, ohne das Geringste von der Freude zu zeigen, die Jünglingen beim Anblick der Speisen so natürlich ist. Sehr seltsam sah es aus, wie sie mit Rechtsum und Linksum Front gegen den Tisch machten, wie sich auf ein Kommando zum Beten mit lautem Klatschen alle Hände zum Gebet falteten, wie nach beendigtem Gebet und entfalteten Händen jeder im gleichen Tempo nach seinem Stuhl griff und ihn mit solch schnellem und gleichem Geräusch rückte und sich darauf setzte, als wenn ein Bataillon das Gewehr abfeuert; ja, ich glaube fast, sie fuhren auch zugleich mit dem ersten Löffel in die Suppe. Als ich diese Tischparade so betrachtete, war jemand da, der mir ins Ohr raunte, daß diese Ordnung doch recht hübsch sei. Ich sagte nicht, was ich dachte.

Auch von der vom Herzog im Jahre 1775 auf dem alten Schloß in Stuttgart angelegten Ecole des Demoiselles muß man sagen, daß die Frauenzimmer ganz vom Umgang mit Menschen abgehalten werden. Die übrigen Schulen in Stuttgart sind so beschaffen wie die Schulen in Württemberg überhaupt. Über die wahre Beschaffenheit sind freilich die Meinungen etwas verschieden. Wenn man dem Herrn Friedrich Karl von Moser glauben sollte, so wäre die württembergische Schulverfassung ganz herrlich. Herrlich ist sie nun freilich gewiß hinsichtlich der Kosten; denn der württembergische Staat nimmt seine Theologiestudenten (für andere hat man eigentlich keine Schulen gestiftet) vom neunten oder zehnten Jahr an schon in Obhut und vom vierzehnten Jahr an in Pflege und Kost, hält sie aber auch unter so genauer Aufsicht, daß sie zeitlebens nicht rechts noch links vom Willen der Oberen abweichen oder – welches bei manchen geistlichen Oberen beinahe ganz für dasselbe gehalten wird –, wenn sie dies doch tun wollen, es ja nie merken lassen dürfen. Ich bin nun freilich der Meinung, daß eine solche Schuleinrichtung, ungeachtet aller guten Absicht und aller zufällig guten Folgen, welche die dabei gültige genaue Ordnung haben kann, für das Bedürfnis des ganzen Landes unmöglich taugen mag.

Das Gymnasium zu Stuttgart hat den Beinamen illustre. Ich weiß nicht, wie es zu dieser Benennung kommt. Vielleicht so, wie Schulen, in denen gar keine Leibesübungen gestattet sind, sondern Lehrer und Schüler den ganzen Tag krumm sitzen, überhaupt zu dem Ehrennamen Gymnasium gekommen sind. Dieses Gymnasium ist eine der gewöhnlichsten Lateinschulen, die durch nichts illustre ist als dadurch, daß ihr Rektor Pädagogiarch über alle anderen Lateinschulen im Lande und im allgemeinen Prälat ist oder wird. Man rühmt an dem jetzigen Rektor, Herrn Prälaten Volz, daß er manche Pedanterien abgeschafft habe. Es sind aber noch jede Menge vorhanden, wie mir glaubwürdig berichtet wurde, und der gute Mann wird hier und in allen lateinischen Schulen im Lande noch viel abzuschaffen finden, wenn seine Schaffenskraft nicht ermüdet. Wie sehr wäre Verbesserung zu wünschen! Es liegt im Charakter der Einwohner Schwabens eine auffallende Ruhe, die zum Denken die Voraussetzung schafft; auch findet man bei vielen ungewohnten Scharfsinn und Fleiß. Wieviel Gutes könnten diese natürlichen Gaben zum Besten des Vaterlandes bewirken, wenn durch die fehlerhaften Schuleinrichtungen das Denkvermögen nicht gestört, nicht auf leere Wortgelehrsamkeit, spitzfindige Schulweisheiten und mystische Grübeleien gelenkt würde.

Die deutschen Schulen sind hier und in ganz Württemberg, so wie leider fast überall, herzlich schlecht. Die Methoden eines von Rochow, Resewitz, Campe u. a. sind entweder nicht bekannt oder werden nicht befolgt. Die württembergischen deutschen Schulen sind zum Teil reichlich mit Geld versorgt und bewirken wenigstens das Gute, daß auch die geringsten Leute, selbst auf dem Lande, schreiben und etwas rechnen lernen. Auch ist vor einigen Jahren ein Gesetz erlassen worden, daß alle jungen Leute zu einer gleichförmigen Handschrift angeleitet werden sollen. Die Schönen Künste sind in Stuttgart nur insofern emporgekommen, als die Liebhaberei des letztverstorbenen Herzogs sie emporbrachte. Er zog aus Frankreich und Italien einige brave Künstler nach Württemberg. Er stiftete im Jahre 1761, mitten im Kriege, eine Académie des Arts, d.h. der Malerei, Bildhauerei und Baukunst, welche ihren französischen Namen ebensosehr von der Hofetikette haben mochte, als auch davon, daß sie meist aus fremden Künstlern bestand. Diese Akademie wanderte mit dem Herzog nach Ludwigsburg und kam im Jahre 1775 mit ihm auch wieder zurück nach Stuttgart. Dort fand ich sie 1781. Es war von den ausländischen Künstlern bloß noch der Direktor, Herr Guibal, da; die übrigen hatten Stuttgart verlassen, weil die veränderte Neigung des Herzogs ihrer Kunst keine Nahrung mehr gab. Die Académie des Arts hatte noch eine Zeichenschule eröffnet, aber es fand sich niemand ein, der da zeichnen mochte. Die Militärakademie dagegen hatte drei Zeichensäle.

Für die Musik wurde ja bekanntlich am württembergischen Hof viel Geld verwendet. Die großen Opern wurden mit unbeschreiblicher Pracht aufgeführt, und Noverre und Vestris kosteten große Summen. Das ist nun vorbei. Doch gehört die herzogliche Kapelle immer noch zu den vorzüglichsten.

Das Theater war damals von einer ganz besonderen Beschaffenheit. Der Herzog hatte in der Militärakademie eine Anzahl junger Leute besonders zu Musikern, Schauspielern und Tänzern erziehen lassen, welche daher auch nicht alle Stunden besuchten wie die anderen Zöglinge, da sie die meiste Zeit ihrer besonderen Kunst zu widmen hatten. Aus diesen war nun eine Schauspielergesellschaft gebildet worden, welche öffentlich für Geld spielte. Die Frauenzimmer dazu wurden aus der klösterlichen Ecole des Demoiselles abgeordnet. Sie bekamen die Schauspieler außerhalb der Proben gar nicht zu sehen, und es wurde mir versichert, daß beide Teile die strengsten Befehle hätten, hinter den Kulissen und auch sonst nicht miteinander zu sprechen, wollten sie schwere, auch körperliche Strafen vermeiden. Ich sah die Wölfe in der Herde, ein Lustspiel von Stephanie dem Jüngern. Es bestätigte den Widerspruch, Frauen ganz klösterlich zu erziehen und sie doch auf einer öffentlichen Schaubühne auftreten zu lassen. Man ließ sie ein Stück spielen, in dem, wenn man einmal strenge Sittsamkeit beachten will, doch gewiß mancherlei anstößige Reden vorkommen. Es wurde alles ziemlich mittelmäßig hergesagt. Als ein Liebhabertheater hätte es noch hingehen mögen, aber junge Leute, die ausdrücklich zum Theater erzogen worden waren und die unter besonderer Aufsicht des ehemaligen Schauspielers Uriot standen, hätten doch gründlichere Anweisung zur Deklamation und zur körperlichen Beredsamkeit erhalten sollen. Von beidem war keine Spur vorhanden; jeder sprach und focht mit den Händen, wie es ihn gut dünkte, ebenso wie viele berühmte Schauspieler auf unseren 20 deutschen Nationaltheatern. Die Rolle des Grafen und seines Neffen wurde von zwei Franzosen gespielt. Sie sprachen leidlich deutsch, freilich mit schwäbischer Aussprache, z. B. Ennen statt Ihnen, Erinneringen statt Erinnerungen, ischt statt ist. Die Frauenzimmer waren meist steif wie Drahtpuppen, was wohl aus ihrer Erziehung zu erklären ist. Am Ende des Stückes wurde ein großes Ballett gegeben, welches etwas darstellen sollte und nichts darstellte, wie es mit den meisten großen Balletten auf allen Theatern üblich ist. Doch sprangen Männlein und Weiblein ziemlich gleichförmig nach der Musik herum und hoben jeder nach dem Takte bald den rechten Arm, bald das linke Bein zugleich in die Höhe, was, wie alle Kenner wissen, eins der großen Ausdrucksmittel der modernen Tanzkunst ist, um die schöne Natur nachzuahmen und Leidenschaften zu erregen.


Es hat sich in allen kirchlichen Geschäften in Württemberg ein Formalismus eingebürgert, den man sonst in keinem Lande findet. Er erinnert zuweilen an einen irgendwo berichteten Fall, daß an einem gut regierten reichsgräflichen Hof wegen Ausbesserung einiger Ziegel auf dem Dach des gräflichen Schlosses ein förmliches Dekret erlassen wurde. Über alle württembergische Kirchen wird jedes Jahr einmal, im Sommer, Kirchenvisitation gehalten. Hierbei muß jeder Prediger jährlich schon einige Wochen zuvor eine große Menge Fragen beantworten, bevor der Special (in Württemberg die gewöhnliche Benennung des Superintendenten ) zur Kirchenvisitation kommt, und sie diesem einschicken. Die hierfür im Jahre 1744 gemachte und seitdem unverändert gelassene Vorschrift heißt Der Fragenplan. Aber man darf nicht glauben, daß dieser Plan der berühmte Württembergische Fragenplan sei. Keineswegs. So vollständig er auch scheinen mag, betrifft er doch nur die vorläufigen Antworten des Pfarrers. Der eigentliche Fragenplan, d.h. die Vorschrift für den Special, was er mündlich zu fragen hat, wenn er nun wirklich zur Visitation an dem Ort eintrifft, ist in der Handschrift, welche ich besitze, 38 – in Worten achtunddreißig – nicht weitläufig geschriebene Bogen stark. Hilf Himmel! Was soll der Special nicht alles fragen und wen soll er nicht fragen! Nicht allein den Pastor, sondern auch den Vikar, den Präceptor, den Kollaborator, den deutschen Schulmeister, den deutschen Provisor, die Schulfrau, die Mitarbeiterin in der Mädchenschule, den Filialschulmeister, den Mesner, den Heiligenpfleger, die Hebamme, den Magistrat und die Gemeindeabgeordneten, jeden besonders nach den vier Rubriken des Fragenplans und noch dazu jeden über den andern, indem jeder dem andern Zeugnis geben muß; diese Zeugnisse bleiben aber den anderen verborgen.

Überschlagsweise mögen es wohl an die 300 Fragen sein. In der Allgemeinen deutschen Bibliothek, wo diese mikrologischen Formalitäten genauer beschrieben sind, werden sie wohl mit Recht eine unnütze zeit- und geisttötende Plackerei genannt. Ich setze hinzu: auch Papierverderberei, denn es ist verordnet, daß die vorläufigen Fragen des Pastors, und ganz natürlich auch der Bericht des Specials

  1. 1) gnädigst anbefohlenermaßen auf groß Adlerpapier
  2. 2) ohne Abkürzungen, deutlich, nicht allzu eng und mit größeren Buchstaben als in den Predigten geschrieben werden, damit es auch alte Personen lesen können,
  3. 3) Mit schöner, schwarzer und nicht fließender Tinte;
  4. 4) Halbgebrochen, dergestalt, daß der leere Rand allezeit zur linken Hand stehen und man oben und unten einen Daumen breit Raum lassen möge.

Oh, auf das schöne Adlerpapier! Ich besitze einige weitläufige Berichte guter, ehrlicher württembergischer Pfarrer an ihre Speciale auf die vorläufigen Fragen. Da kommen dann mitunter auch feine Antworten vor! Ich will nur ein einziges Beispiel anführen: Im dritten Abschnitt über den Zustand der Kirche und Schule heißt es:


Ob mit den Sectariis nach den fürstlichen Reskripten gehandelt? – über Religionsabfälle gewacht? – Eingriffe verhütet? – keine Lehrjungen an andere Religionsverwandte gegeben? – Ermahnungen wegen Gesindes von fremder Religion getan werden? – Ob fremde Religionsverwandte am Ort wohnen? Was sie für eine Aufführung haben? Ob sie für sich bleiben ? Oder die Leute an sich zu ziehen trachten? Ob sie dann und wann in unsere Kirche kommen? usw.

Hierauf hat der Pastor in N. ganz treuherzig folgendermaßen geantwortet:

Mit den Sectariis, deren jedoch keiner vorhanden, wird nach den Herzogl. Reskripten gehandelt – über Religionsabfälle gewacht; – Eingriffe verhütet; – keine Lehrjungen an andre Religionsverwandte gegeben; – Ermahnung wegen Gesindes von fremder Religion vorgekehrt.

Ich sage nochmals: Schade um das schöne große Adlerpapier, und schade um das unnütze Geschreibe und die schöne Zeit, welche Pastor und Küster und Pfleger und Hebamme und Magistrat vertun müssen! Denn der Special bringt sehr zierlich und förmlich alle mechanischen Antworten und Zeugnisse, die ihm in einer Stadt oder einem Dorf auf seine allgewaltigen mechanischen Fragen gegeben worden sind, in einen Bericht über dieses Dorf oder diese Stadt. Die verschiedenen Berichte seiner Diözese übergibt er nun in vorgeschriebener Ordnung seinem Generalsuperintendenten. Dieser legt wieder alle Berichte der verschiedenen Speciale in ihre gehörige Ordnung und macht daraus den Synodalband seines Generalats. Darum wird eben das schöne Adlerpapier und die genau festgesetzte Art des breiten Randes und der gleichmäßigen Handschrift gefordert. Mit diesem tüchtigen Folianten voll Adlerpapier eilt dann der Generalsuperintendent nach Stuttgart. Daselbst versammelt sich sodann zu dieser Zeit das Konsistorium unter Zuziehung der vier Generalsuperintendenten sechs Wochen lang im Oktober, zur Zeit der Weinlese, heißt während dieser Zeit der illustre Synodus und brütet während der Zeit des Weinkelterns über den vier Synodalbänden voll Fragen, Antworten, Zeugnissen und Berichten. Und dann? Die Synodalbände wandern in die Registratur, die Herren Generalsuperintendenten nach Hause, es ist viel Zeit und Papier verschleudert worden, und alles bleibt ungefähr so, wie es war ...

Da der hochwürdige Synodus so viele Fragen veranlaßt hat, sollte hier nicht vielleicht doch einmal die Frage aufgeworfen werden:

Wieviel Nutzen denn wohl eigentlich die württembergische Kirche von den 59 beschriebenen Ballen Adlerpapier und von den vielen Reisen und Fragen und Antworten und Zeugnissen und Berichten, welche erforderlich waren, um diese 59 Ballen zu beschreiben, gehabt habe? Um wieviel wohl die Menschen in Württemberg durch alle Folgen des Frageplans bessere Christen und bessere Bürger geworden seien als in den Landen, in denen auf keinen Fragenplan jährlich viele Riese Papier verschrieben und viele arme Pferde müde getrieben werden?

Diese Fragen wären wohl eine ernstliche Untersuchung wert, woraus vielleicht eine andere Frage entstehen könnte: Ob nicht etwas Besseres zu verordnen wäre?

Bei den Kirchenvisitationen wird tüchtig geschmaust nach dem alten Kanon: Ecclesia non sitit sanguinem sed vinum.« Die Speciale in Schorndorf und Urach müssen unter den übrigen die besten Mägen haben, denn jeder von ihnen hat jährlich 28 Visitationsschmäuse zu verdauen.

Ich träume hier – aus guter Absicht! Schon lange habe ich mir vorgenommen, ich will nicht süß träumen von Verbesserungen, die kommen sollen, und vom guten Ausgang desjenigen, was jetzt betrüblich aussieht. So unschuldig und unbescholten dergleichen rêves d'un homme de bien auch sein mögen, so werden wir Träumer doch immer durch die Wirklichkeit aufgeweckt, wenn wir es am wenigsten denken, und finden dann, daß das, was wir uns als leicht vorstellen, vielleicht schwer sein mag. Ich überschlug in meinem gutgemeinten Traum die großen Einkünfte des geistlichen Guts in Württemberg und meinte, es müßte damit für Kirchen und Schulen sehr viel zu verbessern sein gegenüber anderen Ländern, wo manche Verbesserungen aus Mangel an Geld nicht zustande kommen können.


Die Sitten in Stuttgart sind die Sitten einer Residenzstadt. Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, dort herrsche ein steifer Ton. Das habe ich in den Residenzstädten, in die ich kam, gar nicht gefunden. Ich sah Männer, denen es weder an Weltkenntnis noch an dem guten gesellschaftlichen Ton fehlte, sah wohlunterrichtete Geschäftsleute und interessante und angenehme Gelehrte. Wäre in einigen bürgerlichen Gesellschaften noch etwas Steifes gewesen, was ja möglich sein kann, so mag es mir doch durch die Erinnerung an den steifen Ton in den Gesellschaften verschiedener Reichsstädte, die ich kürzlich durchwandert habe, vermutlich viel weniger steif erschienen sein. In einer Residenz, in der verschiedene Stände gemischt sind und sich aneinander reiben, kann nicht die Einförmigkeit und folglich der steife Ton einer kleinen Republik angetroffen werden.

Ich fand in Stuttgart auch die Hauptzüge des schwäbischen Charakters wieder, die ich schon erwähnte: die allgemeine Zufriedenheit, Ruhe und Gutherzigkeit, die ich schon als die Hauptzüge des schwäbischen Charakters rühmte, nur freilich nach den Sitten einer Residenzstadt verändert und daher im allgemeinen vielleicht mit etwas mehr Hang zu Sinnlichkeit, Geselligkeit und Lebensgenuß.

Das schöne Blut, das ich schon am schwäbischen Frauenzimmer rühmte, verleugnet sich auch in Stuttgart nicht. Man wird hier, so wie in Ulm, schwerlich ein schönes und zugleich bedeutungsloses Gesicht finden. Besonders ist bei der Jugend Gesundheit mit unverkennbaren Zügen der Naivität vermischt. Ich erinnere mich unter anderem der drei Töchter des Herrn Hauptmann Fischer, welche, bei einer gewissen Gelegenheit, Hand in Hand gefaßt, an die drei Grazien erinnerten; desgleichen an die zahlreiche und schöne Familie des Herrn Leibarztes Hopfengärtner. Die schwäbischen Trachten, die man in Augsburg und Ulm noch sieht, fallen hier ganz weg. Die Frauen sind französisch gekleidet, doch eben nicht nach der neuesten Mode. Auf dem öffentlichen Spaziergang sah ich freilich auch beau monde, die nicht beau war, schwäbische Gesichter ins Französische übersetzt, mit fein aufgelegtem Rouge, die sich etwa so verhielten wie Übersetzungen zum Original. Ein rundes, unbefangenes schwäbisches Gesichtchen sieht mit nachlässig aufgekämmten Haaren natürlicher und besser aus. Es ist etwas so Ehrliches und Festes in den schwäbischen Physiognomien, daß die französischen, veränderlichen Moden nicht recht dazu passen wollen. Verschiedenes von den Stuttgarter und überhaupt schwäbischen Sitten findet man in einem kleinen Roman, Geschichte der Barbara Pfisterinn, der im Jahre 1782 herauskam. Mit Leichenbegängnissen und Trauern soll man in Stuttgart viel Prunk treiben und unnötige Ausgaben verursachen.

Die schwäbische Aussprache ist freilich zuweilen etwas rauh und allemal sehr breit, so daß zuweilen die Töne in einem schönen Mund etwas auffallen, obgleich gerade ein schöner Mund den breiten Tönen mehr Anmut gibt. Dies fühlt man besonders in zutraulichen Reden bei der Herzlichkeit, welche einen Hauptzug im Charakter dieser Nation ausmacht. Ich bemerkte, daß man die Aussprache der Vokale in Stuttgart auf sonderbare Weise verwechselt. Man spricht a in vielen Wörtern wie o aus,

doch auch a wie i: was beinahe wie wihs,
  a " e: sagte " sechte,
  e " i: vornehm " vornimm,
        verdenken " verdingen,
  i " e: Schinken " Schenken,
        ihnen " ennen,
        Wien " Ween
  u " i: besonders in den Endungen der Wörter, z.B.
Abbildungen wie Abbildingen.

Man sieht oben auch schon einige Beispiele dafür, wie die Konsonanten verwechselt werden: ch statt g, g statt k. Doch versteht sich, daß all diese Verwechslungen oder Töne sich nicht ganz mit Buchstaben ausdrücken lassen. Hinsichtlich der eigentümlichen in Württemberg und Schwaben überhaupt gebräuchlichen Worte beziehe ich mich auf des Herrn Professor Schmids schönen Versuch eines Schwäbischen Idiotikons. Ich will jedoch hier noch einige Ausdrücke, die ich in und um Stuttgart bemerkte, als einen geringen Beitrag anführen, den ich nach den gerechten, aber strengen Forderungen, die der Herr Verfasser an einen Idiotikographen stellt und selbst beachtet hat, mich nicht in das Manuskript seines Idiotikons einzutragen getraute: Böxer oder Böchser, im Sinne von: schlechter Wein; in Sachsen sagt man Krätzer. Daher muß einer der schönen Berge um Stuttgart, der Bopserberg, nicht wie gewöhnlich dort Boxerberg ausgesprochen werden, denn es wächst gewiß kein schlechter Wein darauf.

Prügelkuchen, ein hoher Kuchen, den man in Brandenburg Baumkuchen nennt, weil er an einem runden Stück Holz, das am Feuer gedreht und immer wieder mit dem Kuchenteig begossen wird, gemacht wird; daher heißt er in Sachsen Spießkuchen. Im Württembergischen heißt jedes starke Stück Holz Prügel; so nennt man auch die stärksten, unbiegsamsten Stücke Holz in einem Reisbündel.

Auffitzen gebraucht man anstatt auflodern, aufblähen. Daher heißt eine hoch aufgegangene Art von Kuchen und die töpferne Form, in der er gebacken wird, ein Fitzauf. In Herrn Professor Schmids Idiotikon heißt Pfies Geschwulst und Pfitz ein Sprung. Der hat ein Gigele: er ist berauscht.

Hagen, Hambutten: wilde Rosen.

Mümme, eine Schnabelkanne, um Kinder zu tränken, von dem hochdeutschen Wort mümmeln, ohne Zähne kauen.

Unnamen statt Beinamen.

Von Tod hört man ein abgeleitetes Wort: es tödelt, d. h., es riecht nach Leichen.

Beschnatten statt beschneiden; schmierben statt schmieren (beides auch bayerisch und österreichisch) sind fast nur umgestellte Aussprachen der Vokale und Konsonanten. Schaffen wird hier statt arbeiten gebraucht, wie in der Schweiz und am Oberrhein. In Österreich heißt schaffen befehlen. Die Verstümmelung der Namen gehört eigentlich nicht hierher, ist aber doch zuweilen sehr komisch. Beim Dorfe Unteroewisheim unweit Maulbronn, eine Stunde von Bruchsal, wächst ein Wein, der von roten Ruländertrauben gepreßt und Vinum bonum genannt wird. Dieser heißt allgemein Philipponer Wein. So werden auch oft unrichtige Formen in Endungen gebraucht, z. B. Ursächerin, Liebstin usw.

Redensarten im gemeinen Leben sind: Was denn? statt Das versteht sich; so ist's statt allerdings; als er im Lande war statt als er hier gegenwärtig war, welches auch in der Schweiz gebräuchlich ist. Deren Art anstatt derjenigen Art, nimmer statt nicht mehr sind eigentlich nur Zusammenziehungen in geschwinder Rede, doch gebrauchen einige schwäbische Schriftsteller auch beides in Schriften, und da ist besonders das letzte zu tadeln, weil es manchmal zu Zweideutigkeiten Anlaß geben kann.

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