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Unter Bayern und Schwaben

Friedrich Nicolai: Unter Bayern und Schwaben - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Nicolai
titleUnter Bayern und Schwaben
publisherEdition Erdmann
isbn3-522-62660-5
editorUlrich Schlemmer
year1989
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3. Kapitel

Augsburg

Lage und Aussehen der Stadt – Die Einwohner – Der Wasserbau – Protestanten und Katholiken in Augsburg – Handel und Gewerbe – Die Weberei – Die feinmechanischen Künste – Augsburger Buchdruckereien und der Buchhandel – Bildung und die Schönen Künste – Sitten und Sprache in Augsburg

Augsburg ist eine der ältesten Städte Deutschlands, und fast möchte man sagen, sie sei die bemerkenswerteste unter den alten Städten. Der älteste Kunstfleiß Deutschlands fand sich, neben Nürnberg, vorzugsweise in Augsburg. Die Handelsverbindungen dieser Stadt erstreckten sich seit dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert auf das ganze südliche Deutschland und hatten auf die Kultur unseres Vaterlandes den größten Einfluß, weil durch diese Verbindungen so viele ausländische Kunstwerke ins Land kamen.

Außerdem fanden in dieser Stadt schon seit den ältesten Zeiten viele für ganz Deutschland, ja ganz Europa bedeutsame Verhandlungen statt. Ich will nur die wichtigsten nennen: Auf dem Konzil in Augsburg im Jahre 952 n. Chr. wurde der ehelose Stand der Priester bestätigt. Dadurch bekam die unselige Macht der katholischen Hierarchie ihre kräftigste Stütze. Viele in Augsburg abgehaltene Reichstage sind für die deutsche Geschichte sehr wichtig gewesen, ganz besonders der von 1530, auf dem die protestierenden Stände dem Kaiser und Reich das berühmte Augsburger Bekenntnis vorlegten. Dieser wichtige Schritt setzte den Anfang für eine Trennung, die sehr viel zur Aufklärung des menschlichen Verstandes und zu wirklicher Verbesserung der Religion in ganz Europa beitrug. Ebenso wichtig war der Religionsfriede, der auf dem Reichstag von 1555, nach so vielen scheußlichen Verfolgungen und so vielem Blutvergießen endlich erreicht wurde. Dieser Friedensschluß, der einen ersten Damm gegen die schädliche Macht der römischen Kirche bildete, erregte deren ganzen Groll und verursachte den Dreißigjährigen Krieg.

Augsburg hat mit den meisten deutschen Städten gemeinsam, daß seine geographische Lage nicht genau bestimmt ist. Die Unterschiede, die sich zwischen den verschiedenen Angaben ergeben, machen Meilen aus. Es ist doch sonderbar, daß keiner der zahlreichen braven Mathematiker, die es in Augsburg gegeben hat, die Lage der Stadt durch Observation astronomisch genau bestimmte. Ich habe bei dieser Reisebeschreibung bisher allemal die vornehmsten mir bekannten Beschreibungen von jeder Stadt, von der ich zu reden hatte, nachgesehen und verglichen. Ich halte es für sehr wichtig, daß dies von verschiedenen Seiten gemacht wird, denn es ist unglaublich, mit welcher Sorglosigkeit und mit wie wenig Sachkenntnis die meisten Städtebeschreibungen gemacht sind und welche seltsamen Irrtümer sich darin fortpflanzen.

Der Dom zu Augsburg

Die Straßen Augsburgs sind recht breit. Dafür ist das Pflaster sehr buckelig und beschwerlich, doch an den Seiten gibt es dafür sehr bequeme Gehwege aus Backsteinen. Alle Häuser sind aus Stein gebaut und die meisten auch recht ansehnlich. Viele sind drei, einige auch vier oder fünf Geschosse hoch. Ihre äußere Form zeigt Vielfalt, und verschiedene sind von moderner Architektur oder wollen es zumindest sein. Wieder andere haben noch die Form der vornehmen Patrizierhäuser aus dem sechzehnten Jahrhundert mit ihren hochsteigenden Geschossen und den spitzigen deutschen Dächern. Solche Häuser waren es vermutlich, die dem berühmten Winkelmann, als er aus Italien zurückkam, so unerträglich waren und ihn so mißmutig machten, daß er gar nicht mehr in Deutschland bleiben wollte. Seinem Reisegefährten, dem Bildhauer Cavaceppi, einem gebürtigen Italiener, der sich beständig mit der Schönheit der Formen beschäftigte, waren sie lange nicht so zuwider. Auch mir erschienen sie keineswegs anstößig, sie waren für mich vielmehr Bilder ihres Zeitalters. Sie sind Denkmäler aus der Blütezeit dieser Stadt und zeigen, wie reich Augsburg im sechzehnten und zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts war und welche Art von Bequemlichkeit sich wohlhabende Leute damals zu verschaffen suchten. Man darf diese Gebäude nicht mit den Tempeln der Römer oder Griechen vergleichen, sondern muß sie an den bürgerlichen Häusern anderer deutscher Städte messen. Wenn man nämlich die alten Häuser in Nürnberg oder die noch spitzigeren Giebeldächer in Lübeck dagegenhält, so zeigt sich, welchen großen Vorzug Augsburg verdient und daß zur damaligen Zeit in keiner deutschen Stadt so prächtig und bequem gebaut wurde wie hier. Ich möchte sogar behaupten, daß die moderneren Gebäude in Augsburg bei weitem nicht so schön sind wie die alten.

Die Bemalung der Augsburger Häuser wird in vielen Büchern gerühmt, und einige Fassaden sind auch vollständig bemalt. An den meisten Gebäuden jedoch ist nur über der Tür oder zwischen den Fenstern ein frommes Bild, so, wie man es auch in anderen katholischen Ländern, besonders in Bayern, findet. Die Holzer- und Bergmüllerschen Gemälde sind sehr berühmt, doch ist vieles schon verwittert. Besonders von dem berühmten Bild von Holzer am Gasthof zum Goldenen Hirsch ist nur noch sehr wenig zu erkennen. An sehr vielen katholischen Häusern ist eine Monstranz mit zwei Gläsern abgebildet. In dem einen sieht man eine zur Hälfte rote, zur anderen Hälfte weiße Hostie. Das Bild bezieht sich auf die dumme Legende, daß eine Magd an der Wirklichkeit der Transsubstantiation gezweifelt und deshalb die Hostie nicht gegessen, sondern aufbewahrt habe. Nach einiger Zeit soll sie mit Erstaunen entdeckt haben, daß die Hostie zur Hälfte in Fleisch verwandelt war. Man treibt die Abgeschmacktheit so weit, daß man eine Monstranz mit der Hostie in der Kirche zum Heiligen Kreuz bis auf den heutigen Tag mit großer Feierlichkeit zeigt und auf den Kanzeln diese Geschichte als ein großes Wunder gegen uns Ketzer anführt.

Das beste bürgerliche, modern gebaute Haus ist das des Herrn Baron von Liebert am Weinmarkt. Es hat einen artigen Saal, dessen Decke von Guglielmi gemalt wurde. Das vorzüglichste moderne Gebäude ist allerdings das Rathaus. Es ist viel zierlicher und ansehnlicher als das zu gleicher Zeit – anfangs des siebzehnten Jahrhunderts – errichtete Nürnberger Rathaus. Das Innere wollte ich mir aber gar nicht anschauen, denn ich wußte schon vorher, daß in den vielen ausführlichen Beschreibungen dieses Gebäudes von seiner Inneneinrichtung und der Pracht der Ausschmückung weit mehr Aufhebens gemacht wird, als es verdient.

Der flache Hügel neben dem Rathaus heißt der Perlachplatz, und der dort frei stehende Turm mittlerer Höhe ist der Perlachturm. Auf dem Platz steht ein großer Springbrunnen mit aus Erz gegossenen Figuren. Hoch oben auf einer Säule befindet sich eine Statue des Kaisers Augustus, weil man glaubt, daß er an dieser Stelle die Stadt gegründet habe. Der Brunnen auf dem Weinmarkt hat eine eherne Bildsäule des Herkules. Die Figuren beider Brunnen sind von Niederländern gemacht und haben nicht die Grazie der antiken Vorbilder. Die Hauptfiguren wirken nicht erhaben, sondern eher geduckt, und die Nebenfiguren scheinen wahllos zusammengestellt zu sein. Doch ist der Herkulesbrunnen bei weitem der schönste aller Augsburger Brunnen.

In vielen Beschreibungen wird behauptet, das Zeughaus sei in einem guten Zustand. Für das Gebäude mag das wohl stimmen, denn es sieht überhaupt nicht baufällig aus, aber im Innern ist wenig oder gar nichts zu sehen, da die Bayern und Franzosen im Jahre 1703 alle vorhandenen Geschütze weggeführt hatten, so daß dort heute nur noch Wäsche getrocknet wird. Auch auf den Wällen stehen keine Geschütze mehr, denn die Stadt hat es aufgegeben, sich auf diese Weise zu schützen.

Vor dem Zeughaus steht eine kolossale Statue des Erzengels Michael, der gerade den Teufel besiegt. Sie ist von Johann Reichel, einem Bildhauer aus Bayern, um 1607 geschaffen worden. Diese Figurengruppe finde ich in keinem Buch über Augsburg genannt, und dabei verdient sie es doch viel mehr als so viele mittelmäßige Malereien, von denen man so viel Aufhebens macht. Sie ist meisterhaft gearbeitet. Wie übrigens eine Gruppe des heiligen Michael an ein Zeughaus kommt, weiß ich nicht, sie gehört doch viel eher an ein Jesuitenkollegium.


Über die Einwohnerzahl von Augsburg gibt es widersprüchliche Angaben. In Büschings Wöchentlichen Nachrichten von 1784 wird sie mit 40 000 angegeben. Ein Buch mit einem genauen Kommentar der Geburts- und Sterbelisten nennt eine Bevölkerung von 36500 Personen. Im Gothaschen Taschenbuch für das Jahr 1783 werden 36 400 genannt. Der Verfasser einer Reise von Wien nach Paris, ein freilich recht oberflächlich urteilender Mann, spricht von 20 000 Einwohnern. Ein gebürtiger Augsburger schließlich versicherte mir, die Zahl sei nicht viel höher als 32000.

Die heutigen Augsburger zeigen auffällige Unterschiede in ihrer Physiognomie. Sie bilden gleichsam eine Mischung schwäbischer und bayerischer Gesichtszüge. Dabei scheint mir, daß die Protestanten eher den schwäbischen und die Katholiken den bayerischen Typ repräsentieren. Schon Bianconi, selbst ein Katholik, hat bemerkt, daß man in Augsburg die Katholiken und die Protestanten am Gesicht und an den Manieren unterscheiden könne. Der Unterschied ist in der Tat für jeden aufmerksamen Beobachter höchst auffällig, was aber um so weniger verwundert, als man fast sagen kann, die Katholiken in Augsburg seien katholischer als irgendwo sonst. Insbesondere unterscheidet sich der einfache Katholik deutlich von seinem protestantischen Mitbürger. Jener ist viel in sich gekehrter, dieser viel gesprächiger und unternehmungslustiger. Jener ist oft fleischiger und gerötet, ja blutrot im Gesicht, dieser hat eher kantige Gesichtszüge. Unterschiede bemerkte ich auch bei den Frauen, als ich kurz hintereinander eine katholische und eine protestantische Kirche besuchte. Ein Grund für die frappierenden Unterschiede liegt bestimmt darin, daß beide Bevölkerungsgruppen sich nur jeweils unter ihren Glaubensgenossen verheiraten. Vielleicht stammen aber auch viele Katholiken aus Bayern.

Eine wichtige Grundlage für das Augsburger Stadtregiment bildet der Osnabrücker Friedensvertrag, und die beste Darstellung aller sich daran anschließenden Veränderungen findet man in Langmantels Historie des Regimentes der Stadt Augsburg.

Die Regierungsform in Augsburg ist aristokratisch, und doch sind die Bürger mit ihrem Rat viel zufriedener als z.B. die Nürnberger oder die Ulmer. Die Augsburger Patrizier sind zwar oft sehr stolz und pochen auf ihre Privilegien wie die anderer aristokratischer Reichsstädte auch, aber sie regieren nicht allein in der Stadt, sondern es sind im Großen Rat auch viele Bürger, Kaufleute wie Künstler und auch Handwerker vertreten. Die Bürgerschaft hat insgesamt eine republikanische, freiheitliche Gesinnung, die den Nürnbergern z.B. gänzlich fehlt. Sie weiß ihre Rechte jederzeit geltend zu machen, und der Rat geht in allen Fällen sehr gelinde mit ihr um. Wegen dieser weisen Mäßigung hört man auch viel seltener von Mißvergnügen und Streitigkeiten als in anderen Reichsstädten.

Die eigentlichen Steuern sind in Augsburg sehr mäßig und sollen alles in allem nicht mehr als ungefähr ¾ Prozent der Einkünfte eines Bürgers ausmachen. In Wien gilt, daß die Eigentümer von Häusern von deren Ertrag 1/7 oder etwa 14 Prozent direkte Abgaben leisten müssen, dazu kommen noch indirekte Steuern. Es ist sehr auffällig, daß in Augsburg die direkten Steuern so gering sind, und das Ungeld die Haupteinnahmequelle der Stadt darstellt. Daß es den Bürgern von Augsburg so gut geht, dazu trägt gewiß die Tatsache viel bei, daß diese Abgabe für die schicklichste gehalten wird; wie denn meines Erachtens die indirekten Auflagen, wenn sie den Verhältnissen angepaßt sind, immer am leichtesten zu tragen sein werden. Wie niedrig der Tarif der Konsumtionsakzise in Augsburg sein muß, sieht man daran, daß sie bei anfallenden Staatsbedürfnissen erhöht werden kann, ohne daß der Bürger darüber seufzt.

Der Augsburger Rathaussaal

Die Stadt Augsburg hat fast gar kein Territorium; die öffentlichen Einkünfte fließen daher allein aus den Steuereinnahmen der Bürger. Dennoch hat die Stadt im vorigen Jahrhundert wichtige Gebäude gebaut, z.B. das prächtige Rathaus, das Siegelhaus u.a.m. Auch die Befestigung kostete damals große Summen, und die kostspieligen Regulierungen der Flüsse Lech und Wertach verursachen noch bis heute ständig große Ausgaben. Außerdem nahm der Spanische Erbfolgekrieg Augsburg am Anfang dieses Jahrhunderts ganz ungemein mit. Dennoch hat diese Reichsstadt fast gar keine Schulden. Ulm und Nürnberg, welche weitläufige und fruchtbare Territorien haben und deren Bürger viel höhere Abgaben entrichten, sind dagegen hoch verschuldet. Die freien Bürger von Ulm haben wiederholt ihren Rat vor den Reichsgerichten verklagt, weil sie mit seiner Verwaltung der öffentlichen Gelder und mit der Veräußerung einiger Stadtgüter nicht zufrieden waren.

Das Bürgerrecht wird in Augsburg einem Fremden sehr leicht verliehen. Es kostet 25 Gulden. Das Polizeiwesen der Stadt ist in gutem Stande, denn Rat und Bürgerschaft sind sich einer Meinung, es zu fördern. Im Jahre 1782 widersetzte sich zwar ein ansehnlicher Teil der Kaufmannschaft der an sich sinnvollen Verordnung, die bis in die Straßen reichenden Dachrinnen abzuschaffen und sie statt dessen an den Häusern herunterzuleiten, doch lag der Grund für die Weigerung eher darin, daß der Rat kein Recht habe, einseitig den Bürgern außerordentliche Ausgaben für ihre Häuser zu befehlen. Die Verteidigung ihrer Rechte ist ihnen nicht zu verdenken, doch darf man vermuten, daß sie patriotisch genug denken werden, um eine so offensichtlich gemeinnützige Sache freiwillig zu tun. Gerade als ich nach Augsburg kam, wurde die sehr nützliche Verordnung beschlossen, die Häuser zu numerieren, weshalb die Stadt in acht Bezirke eingeteilt wurde, von denen jeder besondere Nummern hat. Der edle Zweck dieser Einrichtung war es, eine neue Armenanstalt zu gründen. Dazu werden monatliche Haussammlungen durchgeführt, die gewöhnlich etwas über 2000 Taler einbringen, wozu noch besondere Schenkungen kommen. Auf diese Weise waren 1782 fast keine Bettler mehr auf den Gassen zu finden. Aber schon jetzt klagt man auch in Augsburg wie an anderen Orten, daß diese sonst so menschenfreundliche Einrichtung dem Zwecke, die Armut zu vermindern, nicht ganz entspreche, denn die Anzahl der Armen nimmt jedes Jahr stark zu. Es kommen nämlich die Armen und diejenigen, die Arme sein wollen, von weit her, um sich Almosen geben zu lassen.

Eine alte, wohltätige Einrichtung ist die sogenannte Fuggerei. Die reichen Fugger haben nämlich schon zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts 106 kleine Häuser in der Jakobs-Vorstadt bauen lassen, welche verschiedene Straßen bilden und in denen arme Leute für eine sehr geringe Miete wohnen können. Es wäre zu wünschen, daß auch in unseren Zeiten reiche Leute ihren Überfluß so edel anwenden.

Augsburg hat ein katholisches und ein protestantisches Waisenhaus; das letztere ist aber sehr unvollkommen. Außerdem gibt es ein großes Spital oder Krankenhaus für Protestanten und Katholiken, das man in dortiger Sprache ein Brechhaus nennt. Vielleicht kommt der Ausdruck von Gebrechen.


Augsburg liegt in dem Winkel, den Lech und Wertach bei ihrem Zusammenfluß bilden. Der Lech entspringt in Tirol, nimmt unterwegs verschiedene Bäche und Flüßchen auf und hat, wie alle Flüsse, die im Hochgebirge entspringen, einen sehr schnellen und reißenden Lauf. Die Wertach, die oberhalb Nesselwangs in Schwaben entspringt, ist nicht weniger reißend. Ihre ganz besondere Lage nötigt die Stadt zu ständigen, sehr kostspieligen Wasserbauten. Außerdem bringt sie sie in Abhängigkeit von Bayern, da man wegen der Wasserbauten besondere Verträge benötigt, aber auch wegen der mit dem häufigen Hochwasser zusammenhängenden Veränderungen der Flußbette ständig in Streitigkeiten verwickelt wird. Andererseits hat sich die Stadt durch die Nähe des Lechs schon seit beinahe drei Jahrhunderten mit einem gut ausgebauten Wasserleitungsnetz große Bequemlichkeiten zu verschaffen gewußt. Oberhalb der Brücke und des Zollhauses auf dem Wege von Friedberg fließt ein Arm des Lechs auf die Stadt zu und teilt sich kurz vorher in verschiedene weitere Arme. Durch ein bei der ersten Verzweigung 1596 von Jakob Schwarz errichtetes Wehr reguliert man das Gefälle des Wassers. Durch besondere Verträge mit Bayern und dem Kloster St. Ulrich hat man sich die Wasserrechte gesichert und an den Armen des Lechs verschiedene für die Industrie der Stadt sehr nützliche Silber-, Kupfer- und Eisenhammerwerke sowie verschiedene Mühlen angelegt. Mit Hilfe eines 1480 gegrabenen Kanals, dem sogenannten Brunnenbach, wird das Wasser nicht nur in die Stadtgräben und in verschiedene die Stadt durchströmende Kanäle, sondern auch in die öffentlichen Springbrunnen und die meisten Häuser geleitet. Die Eigentümer müssen dafür bezahlen, denn das Wasser, welches in die Kanäle und Gräben kommt, und dasjenige, welches in die Häuser zum Trinken und sonstigen Gebrauche geleitet wird, hat jeweils eine eigene Leitung. Zur Speisung all dieser Wasserleitungen stehen am Roten Tor der obere Wasserturm für die obere und mittlere Stadt, am Mauerberg der untere Wasserturm für die untere Stadt und am Jakober Tor zwei Wassertürme für die Vorstädte. Diese Einrichtungen stammen schon aus dem sechzehnten Jahrhundert.

Zu den alten Polizeianstalten gehört auch der bekannte sogenannte Einlaß, eine mechanische Öffnung eines kleinen Tors, mit dessen Hilfe jemand in der Nacht mit völliger Sicherheit in die Stadt eingelassen werden kann, ohne daß ein Wächter dazu nötig ist. Diesen Einlaß hatte man im sechzehnten Jahrhundert Kaiser Maximilian I. zu Gefallen erbaut; er wird aber jetzt nicht mehr gebraucht, teils weil er für Wagen allzu eng ist, hauptsächlich aber, weil Augsburg längst alle kriegerische Verteidigung, selbst gegen einen Überfall, aufgegeben hat und so seine Tore zu allen Nachtzeiten öffnen kann. Den Mechanismus dieses Werks, welcher immer merkwürdig bleibt, hat Blainville in seiner Reisebeschreibung am besten beschrieben.

Die protestantische Religion wurde von den Augsburgern schon früh angenommen. Bereits im Jahre 1525 teilte Urbanus Regius das Abendmahl unter beiderlei Gestalt aus. Er hatte die Erlaubnis des Rates, der damals, wie auch der größte Teil der Bürgerschaft, zur beginnenden Reformation neigte. Aber die katholische Partei arbeitete mit dem heftigsten Eifer darauf hin, die protestantische Religion zu unterdrücken. Als im Jahre 1555 auf dem Reichstag zu Augsburg der erste Religionsfriede geschlossen wurde, legte der Kardinalbischof von Augsburg, Otto von Truchses, ein sehr bigotter, den Jesuiten ganz ergebener Mann, Protest ein, der, obwohl ebenso nichtig wie der des Papstes gegen den Westfälischen Frieden, dennoch genauso zeigt, welche Gesinnung in solchen Fällen in der katholischen Kirche vorherrscht. Augsburg spürte wie das übrige protestantische Deutschland die heftigen Bestrebungen der Katholiken zur Unterdrückung der Protestanten. Es war im osnabrückischen Frieden noch die einzige Rettung der Protestanten gewesen, auf eine gänzliche Parität in der Regimentsbestellung zu dringen, d.h., es ist nach unsäglichen Schwierigkeiten in diesem Frieden festgesetzt worden, daß die protestantische und katholische Religionspartei gleiche Rechte haben und daß bei allen Ämtern eine gleiche Anzahl von Personen jeder Religion bestellt werden sollten. Diese Parität hat freilich mancherlei Beschwerlichkeiten. Zuweilen wird etwas Gutes dadurch verhindert, und so manche Ungereimtheiten folgen daraus.

Der protestantische Gottesdienst in Augsburg ist sehr viel einfacher und nicht mit so vielen katholischen unnützen Zeremonien befleckt wie in Nürnberg. Die Prediger gehen außerhalb des Gottesdienstes ohne Ornat, in simplen schwarzen Röcken. Ich besuchte ein paar protestantische Predigten. Die Prediger sprachen mit einer gewissen Herzlichkeit, die mir gut gefiel. Es war freilich zu bemerken, daß sie nicht wenig zum Pietismus und dessen salbungsvollen leeren Worten neigten. Das Denkwürdigste, was unter den Protestanten in Augsburg seit langer Zeit vorging, ist, daß Herr Urlsperger vor einigen Jahren eine Deutsche Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit errichtete, die sich in viele deutsche Städte ausgebreitet hat, deren innere Verfassung und deren eigentliche leitende Herren noch bis jetzt in geflissentlicher Dunkelheit gehalten werden, die aber durch ihr öffentliches Betragen sich allen redlichen Protestanten schon verdächtig genug gemacht hat.

Ich habe schon oben bemerkt, daß die Katholiken in Augsburg auf den ersten Blick von den Protestanten zu unterscheiden sind. In anderen Städten, wo Protestanten und Katholiken vermischt wohnen, z.B. in Erfurt, bemerkt man dies auch; doch nirgends fällt es so sehr auf wie in Augsburg. Man möchte fast sagen, die Katholiken in Augsburg sind doppelt und dreifach katholisch. Seit der Reformation haben die Jesuiten den katholischen Teil von Augsburg ganz und gar beherrscht. Der oben erwähnte Kardinal Otto von Truchses, Bischof von Augsburg, berief schon 1549 die Jesuiten in die Stadt. Er stiftete in seiner Residenzstadt Dillingen ein Kollegium und Seminar, das sie sehr bald ganz an sich zu ziehen wußten. Von hier aus haben sie beständig den größten Einfluß auf die umliegenden katholischen Länder gehabt, und Augsburg fühlte ihren Einfluß am meisten. Sie bemächtigten sich der reichsten und vornehmsten Familien der Stadt, besonders der berühmten Fugger, die das hiesige Jesuitenkolleg durch eine Schenkung von 30 000 Gulden stifteten.

Die Sankt-Ulrichs-Kirche

Die schon seit dem dreizehnten Jahrhundert sehr rege Industrie von Augsburg hat in dem Herrn von Stetten dem Jüngeren einen Geschichtsschreiber gefunden, dergleichen sich keine einzige andere Stadt rühmen kann. Kenntnis der Künste, wissenschaftliche Kenntnisse mancherlei Art, nebst dem Zugang zum Stadtarchiv, verbunden mit einem bewundernswerten ausdauernden Fleiß und mit der seltenen Kunst, archivarische Notizen recht zu gebrauchen, findet man so leicht nicht wieder bei einem anderen Schriftsteller in diesem Ausmaß vereinigt. Mit der vielfältigsten Industrie war bekanntlich in Augsburg von jeher ein sehr ausgebreiteter Handel verbunden, wobei Augsburg sehr günstig lag, solange Venedig der Hauptumschlagplatz des Handels war. Bekanntlich erreichte er im sechzehnten Jahrhundert zu den Zeiten der Fugger und nachher der Welser seinen Höhepunkt und nahm seit der Aufnahme des Handels in Holland und seit dem Dreißigjährigen Kriege ab. Weder die Industrie noch der Handel haben seither diesen Gipfel je wieder erreicht. Man kann sogar sagen, daß, besonders seit dem Spanischen Erbfolgekrieg zu Anfang dieses Jahrhunderts, Augsburg mehr gesunken als gestiegen ist; doch ist die Abnahme nicht so stark wie in dem benachbarten Nürnberg.

Jeder, dem die Beschaffenheit des Wechselhandels nicht ganz fremd ist, erkennt sofort, welchen großen Vorteil Augsburg daraus zieht. Es tut im kleinen, was Holland im großen tut, es macht Kasse für die benachbarten Länder, besonders für Österreich, für Schwaben und für einen Teil der Schweiz und Italiens. Daß Augsburg dies kann, dazu noch mit großem Erfolg, zeigt den großen Reichtum an Geld, der sich in der Stadt angesammelt hat, und den sehr großen Kredit der Augsburger Handelshäuser. Auffallend ist, daß über Augsburg, obwohl es so bedeutende Wechselgeschäfte mit Österreich macht und obwohl die Fugger im sechzehnten Jahrhundert den Regenten Österreichs so großzügige Darlehen gaben, die österreichischen Staatsanleihen nicht mehr abgewickelt werden, sondern über Frankfurt. Ein Grund dafür könnte darin liegen, daß Frankfurt die besseren Handelsbeziehungen zu den österreichischen Niederlanden hat. Vielleicht gründet sich Augsburgs Wechselhandel auch viel unmittelbarer auf den Warenhandel? Kann der Kapitalgeber seine Gelder nicht nutzbringender zur Unterstützung eines Kaufmanns einsetzen, als sich mit den Zinsen zufriedenzugeben, die eine Anleihe bringt?

Die Industrie Augsburgs ist schon seit den ältesten Zeiten durch die verschiedenartigen Mühlen gefördert worden, die man am Stadtrand errichtet hatte. Stetten berichtet, daß schon seit dem vierzehnten Jahrhundert verschiedene Mühlwerke in Augsburg existieren. Die Vorteile, die die Betriebe in der Stadt aus der Wasserkraft ziehen, halten bis heute an. Ich besichtigte eine ganze Reihe solcher Mühlwerke. Darunter ist auch eine Kupfer- und Silbermühle. Hier wird neben dem Kupfer, das in 80-Pfund-Barren geschmolzen und dann unter dem Hammer getrieben wird, auch Silber zu Geschirr, Schüsseln, Tellern usw. verarbeitet. Auch silberne Kaffeekannen werden hergestellt. Der Schmied arbeitete nur mit seiner Frau und seiner Tochter und klagte über Mangel an Aufträgen, besonders in den Silberarbeiten. Auch eine Poliermühle, in der nicht nur Messer und Klingen, sondern auch anderes Stahl- und Silbergerät poliert wurde, fand ich in der Stadt. In einem Eisenhammerwerk, in dem der Besitzer mit seinem Sohn und sechs Gesellen arbeitete, fiel mir besonders auf, daß hier Dinge geschmiedet wurden, die man sonst nicht auf solchen Hammerwerken herstellt, wie z. B. Kurbeln für die Wehre oder eiserne Schuhe für die Palisaden beim Wasserbau. Selbst Uhrfedern wurden hier fabriziert. In der gleichen Gegend steht die Schmidtsche Schnupftabakmühle. Tabak zum Rauchen wird in Augsburg allerdings nicht verarbeitet.


Die Weberei, besonders von leinenen und baumwollenen Zeugen, ist seit 300 Jahren ein sehr wichtiger Zweig der Augsburger Industrie. Bekanntlich haben die Fugger besonders das Barchentweben sehr weit entwickelt. In neuerer Zeit gibt vor allem das Weben von Baumwollstoffen und ihr Bedrucken sehr vielen Menschen in Augsburg Arbeit. Die Kattundruckerei des Herrn von Schule ist in ganz Deutschland sehr berühmt. Dieser fleißige und geschickte Unternehmer ist zum Wohltäter vieler tausend Menschen geworden, die durch ihn Arbeit und Auskommen fanden. Er selbst ist für viele ein Vorbild geworden, weil er durch Fleiß, Ordnung und Unternehmungsgeist sich ein sehr großes Vermögen erworben hat, obwohl er aus sehr einfachen Verhältnissen stammte. Er lebte zuvor eine Zeitlang in Heidenheim an der Brenz im Herzogtum Württemberg. Dort hatte er eine Kattunmanufaktur übernommen und durch Fleiß in kurzer Zeit hochgebracht. Dadurch erweckte er Neid und wurde, wie man erzählt, von der dortigen Regierung durch unangenehme Formalien am Fortkommen gehindert. So ging er nach Ulm, um dort eine größere Manufaktur aufzubauen. Man erkannte dort aber auch nicht, was ein Mann von seinem Unternehmungsgeist der Stadt nützen könnte. So empfing man ihn ziemlich kalt und versuchte, ihn mit umständlichen Formalien hinzuhalten. Darüber wurde Herr von Schüle so ungeduldig, daß er 1758 schließlich nach Augsburg ging. Es gab dort zwar schon sehr gute Kattunmanufakturen, doch von Schüle entwickelte ein sehr viel feineres Gewebe, ließ die Weber den Stoff feiner und breiter weben und verschaffte dem Augsburger Kattun dadurch einen noch besseren Ruf. 1761 begann er sein großes Manufakturgebäude vor dem roten Tor zu bauen, das mit seiner sehr breiten, modernen Fassade und den beiden langen Seitenflügeln beinahe das Aussehen eines fürstlichen Palastes hat. Erst nach zwölf Jahren, 1773 also, war der Bau fertiggestellt. Hier werden teils in Augsburg gefertigte, teils ostindische Kattune apprediert, bedruckt, bemalt und gepreßt. Dies alles geschieht mit einer so vorzüglichen Technik, daß sich die Schüleschen Kattune von vielen anderen sehr vorteilhaft unterscheiden.

Ich habe nur wenige Betriebe dieser Art mit so großem Vergnügen besichtigt. Alles zeugte von Ordnung, zweckmäßiger Einrichtung, Reinlichkeit und Bequemlichkeit. Es arbeiten dort ungefähr 350 Personen, darunter viele Frauen und Kinder. Die Arbeiter kommen im Sommer täglich morgens um sechs Uhr und arbeiten bis abends um acht Uhr. Sie werden jedoch nicht nach der Zeit, sondern nach der Anzahl der gefertigten Stücke bezahlt. Man zeigte uns kleine Mädchen, die täglich nur acht Kreuzer verdienen konnten, und einen Drucker für gedeckte Muster, von dem man sagte, er könne es in der Woche auf zwei Louisdor bringen, was mir aber fast unglaublich scheint. Die einfarbigen Muster werden mit großen Kupferplatten, für deren Herstellung man extra zwei Kupferstecher einstellte, gedruckt. Die mehrfarbigen Muster aber hat man noch nicht mit Kupferplatten zu drucken versucht, sondern man bedient sich dazu hölzerner Formen, sogenannter Modeln. In Augsburg gibt es eine eigene Zunft von Modelschneidern, die zum Teil sehr gut arbeiten. Es war wirklich ein Vergnügen, zu beobachten, mit welcher Fertig- und Genauigkeit die Drucker bei den verschiedenen, aufeinanderfolgenden Mustern die rechte Stelle wieder trafen oder, wie man in der Buchdruckerei sagen würde, Register hielten, ohne daß so etwas wie eine Punktur zu bemerken war.

Die Kupferplatten werden auf einer Presse abgedruckt, die durch ein Schwungrad in Bewegung gesetzt wird, das zwei Stirnräder treibt. Es gibt dann noch eine besondere Vorrichtung, mit der das ganze Stoffstück, sowie der Abdruck weitergeht, sanft in die Höhe bis zur Zimmerdecke gezogen wird, um dann nach unten zurückgeführt und auf eine Rolle aufgewickelt zu werden. Mir scheint, daß auch gewöhnliche Kupferdruckpressen mit großen Platten z.B. Landkarten oder dergleichen durch ein Schwungrad viel gleichmäßiger und kräftiger drucken könnten und dadurch die menschlichen Kräfte viel weniger erschöpft würden, als das bisher der Fall ist. Die große Mange oder Rolle, in der drei hölzerne Walzen übereinander laufen, wird von einem Pferd angetrieben, was auch in anderen Manufakturen dieses Gewerbes üblich ist.

Man zeigte uns auch ein Stück feinen, herrlich mit Gold und Silber bemalten Zitz, eine Kunstfertigkeit, für die diese Manufaktur berühmt ist. Der Stoff kostet sieben Karolinen ; aber man muß dazu sagen, daß ein solcher Zitz nicht gewaschen werden kann, da sonst das Gold und das Silber ausgingen oder schwarz würden. Daher ist der Zitz auch mehr zum Ansehen als zum Gebrauch gedacht.

Nicht weit entfernt vom Schüleschen Betrieb steht eine Kattunbleiche. Sie ist von einer hübschen Pappelallee eingerahmt und wird wie üblich von mehreren Kanälen durchschnitten. Zum Bleichen verwendet man Lechwasser, das durch ein besonderes Schöpfrad aus einem mit hohen Kosten errichteten Kanal heraufgeholt wird. Zur Reinigung des Kattuns sind auch Walkmühlen vorhanden, eine große für weiße und eine kleinere, sogenannte Pantschmühle für farbige Stoffe. Zusätzlich gibt es noch eine mit Wasserkraft angetriebene Mange. In ihr drehen sich zwei eiserne, hier in Augsburg geschmiedete Walzen, zwischen denen eine hölzerne läuft.

Man berichtete mir, daß im Jahre 1780 ungefähr 40 000 Stück Kattun und Zitze in der Manufaktur von Herrn von Schüle bedruckt worden seien, wovon fast ein Drittel auch in Augsburg hergestellt wurde. Der von Schülesche Betrieb ist aber nicht der einzige dieser Art, sondern es gibt in Augsburg noch eine ganze Reihe anderer.

Nach der Kattunweberei ist die Lodenweberei eines der bedeutendsten Gewerbe in Augsburg. Es existiert sogar eine eigene Lodenweberinnung. Der größte Teil der Produktion geht nach Italien. Die Lodenweber verarbeiten bevorzugt die grobe wallachische oder mazedonische Schafwolle, die trotz der weiten Transportwege immer noch zu einem erträglichen Preis zu haben ist. Man muß in Augsburg die Wolle von so weit her einkaufen, da es in der näheren Umgebung der Stadt wenig oder gar keine Schafzucht gibt; wie unterentwickelt die Landwirtschaft in dem benachbarten Bayern überhaupt noch ist, habe ich schon berichtet. Die wenige in Bayern selbst erzeugte Wolle wird dort zu groben Tüchern verarbeitet, und es wird nichts über die Grenze gelassen. Im württembergischen Oberland gibt es zwar recht viel Schafzucht und keine schlechte Wolle, aber auch dort ist die Ausfuhr der Wolle fast immer verboten. Aus der württembergischen Wolle werden leichte Stoffe gemacht, der Rest wird von einer Gesellschaft in Calw aufgekauft und teils von ihr selbst verarbeitet, teils in ganz andere Gegenden verkauft. Vermutlich rührt es von diesem Mangel an Wolle her, daß in Augsburg selbst äußerst wenige Tuchmacher leben und arbeiten. Auch die Herstellung von halbseidenen und Seidenerzeugnissen ist unbedeutend.

Im Zuchthaus gibt es noch eine Manufaktur für Wachsleinwand, und der Betrieb von Herrn von Gutermann, der goldene und silberne Tressen herstellt, liefert zwar gute Arbeit, doch nimmt der Vertrieb immer mehr ab, was auch an der derzeitigen Mode liegt. Schließlich findet man noch einige allerdings unbedeutende Wachsbleichen in Augsburg.


Die Augsburger Silberarbeiten stehen ja bekanntermaßen seit 200 Jahren in bestem Ansehen. Noch bis vor etwa 50 Jahren wurden die Silbergeschirre fast aller deutschen und nordischen Fürstenhöfe in Augsburg gemacht. Im Berliner Schloß hat man eine sehr große Menge kostbarer Silberarbeiten, die unter König Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I. teils in Augsburg selbst, teils von nach Berlin gerufenen Augsburger Silberschmieden hergestellt wurden. Seit jener Zeit hat die Silberschmiedekunst in Augsburg freilich sehr abgenommen. Es haben sich nicht nur geschickte Silberarbeiter an anderen Orten niedergelassen, auch der Feingehalt des in Augsburg verarbeiteten Silbers hat die Waren verteuert, da er höher ist als anderswo. So kann man an anderen Orten billiger arbeiten und mehr verkaufen, denn der geringere Silbergehalt ist weder zu erkennen, noch macht er sich beim Gebrauch bemerkbar. Am meisten aber hat wohl die Einführung des Porzellans den Gebrauch von Silbergeschirr und damit den Silberhandel sehr vermindert. Dazu kommt, daß seit etwa 20 Jahren die Mode auf alle Haushaltsgeräte einen großen Einfluß hat, wobei man immer stärker auf eine schöne Form achtet. Die Augsburger aber folgten in der Gestaltung ihrer Gefäße nicht immer der neuesten Mode, obgleich sie seit einigen Jahren darauf zu achten anfangen. Ungeachtet dessen stehen die Augsburger Silberarbeiten noch immer in hohem Ansehen. Es wird immer noch viel Silber verarbeitet, und es gibt eine ganze Reihe von Spezialisten in der Stadt, wie z.B. Gold- und Silberschmiede, Silberdreher, Graveure, Zeichner, Goldschläger usw. Es gehen noch immer bedeutende Aufträge nach Augsburg. Vor etwa vier Jahren z.B. ließ die russische Zarin sechs silberne Tafelservice, jedes für 40 Personen, in Augsburg anfertigen. Jedes Service kostete an die 80 000 Gulden. Die Augsburger Silberhändler sind fast die einzigen, die mit ihren teuren Waren die Messen besuchen, und auch da machen sie gute Geschäfte. Das Silber, das in den Augsburger Betrieben verarbeitet wird, kommt über verschiedene Wege größtenteils aus den Bergwerken Südamerikas. Verarbeitet, wird es dann bis nach Asien und Afrika verkauft.

Die feinmechanischen Künste waren seit je in Augsburg von Bedeutung. Zu einem besonders wichtigen Wirtschaftszweig hat sich inzwischen das Uhrmacherhandwerk entwickelt. Die Herstellung wird nicht wie in Genf fabrikmäßig betrieben, so daß jeder Handwerker nur noch ein bestimmtes Teil einer Uhr herstellt und andere sie dann zusammensetzen, sondern hier fertigt jeder Uhrmacher eine ganze Uhr. Einige Augsburger Kaufleute halten diesen Industriezweig ständig in Bewegung und geben so den Uhrmachern vollauf zu tun. Die Uhrenherstellung hat sich aus dem Silberhandel entwickelt, zu dem dieser Handwerkszweig früher gehörte, bevor sich dann durch die Genfer und andere der Gebrauch von Uhren sehr verbreitete. Die meisten Taschenuhren werden jedoch nicht in Augsburg selbst, sondern in benachbarten Ortschaften hergestellt, besonders in den bayerischen Grenzstädtchen Friedberg, Aicha oder Landsberg. Da man nun in Bayern den Wert einer wachsenden Industrie noch gar nicht erkannt hatte und man diesen Uhrmachern verschiedene Schwierigkeiten mit den Zünften machte, so hatten sich schon sehr bald verschiedene dieser Leute jenseits der Wertach und des Lechs in einigen schwäbisch-österreichischen Orten niedergelassen.

In Augsburg selbst werden neben Taschenuhren auch viele vorzügliche Pendeluhren gemacht. Einer der berühmtesten Künstler in diesem Handwerk ist Franz Xaver Gegenrainer. Dieser geschickte Mann setzte auch meinen Wegmesser, der durch die Ungeschicktheit eines eingebildeten, aber unwissenden Handwerkers in Wien unbrauchbar geworden war, wieder instand.

Augsburg hat aber auch einen mechanisch-musikalischen Künstler, der dieser Stadt sehr viel Ehre macht. Es ist der Orgelbauer J. A. Stein, ein gebürtiger Pfälzer. Er hat eine sehr schöne Orgel für die evangelische, ehemalige Barfüßerkirche gebaut, die ich zwar hören, aber nicht beurteilen konnte, da der Organist gerade mit allen Registern spielte, zwar sehr rauschend, aber nicht eben orgelgemäß. Dieser Stein hat auch ein neues Pfeifeninstrument erfunden, dem er den Namen Melodica gab. Es war aber, als ich ihn in seinem Hause besuchte, nicht spielbar; so konnte ich es leider nicht hören. Dafür spielte der Künstler auf seinem Fortepiano. Das Instrument hat die Form eines Flügels, und sein Fortepianoregister war überaus sanft und schmeichelnd, während das Harfenregister etwas hart und kreischend klang.

Die in Augsburg hergestellten Geigen und Lautensaiten sind zwar unter dem Namen der Stadt nicht gerade bekannt, doch von einer guten Qualität. In unserer Gegend werden sie sogar oft als romanische oder italienische Saiten verkauft. Kaspar Hanemann ist der bedeutendste Hersteller, der seine Erzeugnisse aufgrund einer k. und k.-Erlaubnis sogar in die österreichischen Erblande ausführen darf. Die sogenannten Regelschwestern sind die zweiten Hersteller von Saiten. Diese Schwestern vom dritten Orden des heiligen Franz, die man mit einem Spitznamen auch Stiefelnonnen nennt, unterwiesen früher arme Kinder. Als sie merkten, daß sie sich davon nicht ernähren konnten, verfielen sie auf die viel bessere Idee der Saitenfabrikation. Es ist auch viel nützlicher, sich von seiner Hände Arbeit zu ernähren, als arme Kinder mit bigottem Mönchsunsinn zu verderben. Zur Zeit meines Besuchs waren noch sieben Schwestern mit der Saitenherstellung beschäftigt.

Sehr erfreut war ich, den inzwischen verstorbenen, alten ehrwürdigen Mechaniker Brander noch kennengelernt zu haben. Seine mathematischen und physikalischen Instrumente werden von allen Kennern geschätzt. Er war ein Mann, der Kenntnisse besaß, die sich bei einem Handwerker in dem Maße selten finden. Sein Schwiegersohn, der eigentlich studiert hatte, sich dann aber unter Anleitung seines Schwiegervaters hervorragende Fertigkeiten in der Feinmechanik erwarb, wird in seine Fußstapfen treten.

Im sogenannten Elend, unweit des unteren Brunnenturmes, gibt es eine Spiegelfabrik. Da zu der Zeit aber gerade am Turm gebaut wurde, arbeitete die Fabrik nicht. Sie soll aber recht ansehnlich sein.

Durch einen Zufall wurde ich mit einem anderen Feinmechaniker bekannt, der ganz besondere Talente hat. Er lebt in sehr schlechten Verhältnissen und verdiente wohl, gefördert zu werden. Jakob Langenbucher, so heißt der Meister, ist von Beruf eigentlich Silberdrechsler, und diesen Beruf übt er auch immer noch aus, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Sein Genie aber entdeckte die Liebe zur Physik und zu den Teilen der Mechanik, die der Physik angehören. Aus eigenem Antrieb und trotz mannigfacher Hindernisse hat er sich umfangreiche Kenntnisse in der Elektrizitätslehre erworben. Er hat selbst sehr viel experimentiert und die dazu nötigen Instrumente selbst angefertigt, die er auch sehr preisgünstig verkauft. Einige von ihnen hat er in einem eigenen Buch beschrieben.

Mir begegnete in Augsburg auch ein bemerkenswertes Beispiel ausländischer Industrie. Ein Herr Schwarzleutner, ein gebürtiger Deutscher, der für ein großes Haus in London reiste, führte Probestücke aller möglicher Arten von Eisen- und Stahlerzeugnissen aus Birmingham mit sich. Das Sortiment war so zahlreich, daß es eine ganze Wagenladung ausmachte. In einem ziemlich großen Zimmer, in dem es wie in einem Kaufladen aussah, hatte er auf Tischen und Gestellen seine Schätze ausgebreitet. Mit diesen Musterstücken reiste er umher, um in den Handelshäusern Angebote machen zu können und dann Bestellungen entgegenzunehmen. Auf diese Weise hatte er den größten Teil Norddeutschlands bis hin nach Danzig schon bereist und sich dabei in jeder größeren Handelsstadt eine Zeitlang aufgehalten. Die Vielfalt und die kunstvolle Verarbeitung verschiedener seiner Waren waren wirklich beeindruckend. Ich glaube, es gab allein 2000 Arten von Stahlknöpfen, aber auch Schnallen, Degenscheiden und vieles andere mehr. Kostbarere Stücke waren in eigenen Musterbüchern, in Kupfer gestochen, abgebildet. Es war wirklich ein eindrucksvolles Schauspiel, mit anzusehen, wie man in England selbst die einfachsten Gegenstände, ihren verschiedenen Zwecken angepaßt, zu variieren versteht. Dieses Warenlager beschäftigte mich stundenlang.


Buchdruckereien hat Augsburg insgesamt elf, sechs davon sind evangelisch, fünf katholisch. Die letzteren sind dabei die bedeutenderen, da sie mit den großen Werken, die die hiesigen katholischen Buchhändler auflegen, viele Aufträge haben. Die gewöhnlichen Papiersorten für den Druck sind hier recht preiswert, aber ich staunte über den sehr hohen Preis für alle Sorten von Schreibpapier. In der Regel war es 25 Prozent teurer als in Nürnberg, wo es wahrscheinlich hergestellt wird. Die feinen türkischen Papiere und besonders die glatten farbigen werden in Augsburg außerordentlich schön gemacht. Der Buchbinder Ebner macht sie in allen Farben, so niedlich und sauber, wie ich sie noch nirgends gesehen habe, und sein Schwiegersohn, ebenfalls ein geschickter Mann, hat sogar literarische Fähigkeiten.

Der Buchhandel hat in Augsburg schon bald nach der Erfindung des Buchdrucks schnell an Bedeutung gewonnen. So waren im sechzehnten Jahrhundert die ansehnlichsten Buchhandlungen Süddeutschlands alle in Augsburg ansässig. Und es war auch ein Augsburger Buchhändler, Georg Willer, der erstmals 1564 auf der Frankfurter Messe ein Verzeichnis aller neu erschienenen Bücher drucken ließ. Der deutsche Buchhandel unterscheidet sich von dem aller anderen Länder dadurch, daß bei uns nicht nur die Bücher einer einzigen Hauptstadt, sondern die Werke aus allen noch so weit auseinanderliegenden Städten verlangt werden. Hieraus entstehen besondere Bedürfnisse und Schwierigkeiten, die sich im Buchhandel sonst nirgends finden. Unter anderem verlangt dies eine weitläufige Korrespondenz mit auswärtigen Handelspartnern, was viele Probleme und Kosten verursacht. Ein Buchhändler in London oder Paris dagegen kann seine ganzen Geschäfte in einer Stadt abwickeln und sie sehr gemächlich den jeweiligen Bedürfnissen anpassen. Untersucht man daher die Geschichte des deutschen Buchhandels der letzten 200 Jahre, so zeigt sich deutlich, daß er in seinen Unternehmungen stets dem Teil der Literatur folgte, der bei der großen Masse am besten ankam. So entstanden regionale Schwankungen. Im eigentlich kaufmännischen Teil hingegen folgte er stets der Entwicklung des allgemeinen Handels. Daher hat sich der Buchhandel auch stets an den beiden Hauptmessen Deutschlands, in Leipzig und Frankfurt, orientiert. Dies ist auch leicht einsehbar, denn dieser Handelszweig war nie so umfangreich gewesen, um ganze Schiffe oder Wagen zu beladen und eine eigene Messe veranstalten zu können. Daher nutzen die deutschen Buchhändler die Gelegenheiten, die andere Kaufleute schafften. Da im sechzehnten Jahrhundert Handel und Industrie in Augsburg einen sehr hohen Standard hatten, war die Lage der Stadt sehr günstig, um die literarischen Produkte aus dem Norden Deutschlands in den südlichen Teil, ja bis nach Italien zu verteilen. Andererseits gaben diese Handelsbeziehungen mit Italien den dortigen Händlern die Gelegenheit, die italienischen Produkte, die damals in Deutschland noch sehr gefragt waren, zu uns zu bringen. Als sich dann im vorigen und im jetzigen Jahrhundert der Großhandel, aber auch der literarische Geschmack in Deutschland etwas änderten, ging der Augsburger Buchhandel notwendigerweise zurück.

Heutzutage ist er in zwei sehr ungleiche Lager aufgeteilt. Es gibt sechs katholische und drei protestantische Buchhandlungen, wobei die letzteren mittelgroße Betriebe sind. Allenfalls die Klettsche Buchhandlung hat einige Bedeutung. Die protestantischen Buchhandlungen vertreiben hauptsächlich wissenschaftliche und künstlerische Werke. Ihren Absatz mindert dabei vor allem die Konkurrenz in den benachbarten protestantischen Städten Nürnberg und Ulm, wo die Buchhändler ihrem Geschäft mit der gleichen Lebhaftigkeit nachgehen. So haben die Augsburger Protestanten unter den Buchhändlern große Mühe, und sie müssen sehr fleißig sein und aus Mangel an Absatzmöglichkeiten in der näheren Umgebung die Märkte bis Passau, Linz oder Salzburg bereisen, um genügend verkaufen zu können.

Ganz anders steht es mit den katholischen Buchhandlungen in Augsburg. Von ihnen weiß man im protestantischen Deutschland so wenig, daß es nicht überflüssig sein dürfte, davon etwas ausführlicher zu sprechen. Sie stehen auf einem viel festeren Grund und sind von der Verbesserung der Literatur, die sich auf den Absatz vieler ehemals beliebter Bücher sehr nachteilig auswirkte, ganz unberührt geblieben. Zu ihrem Sortiment gehören nach wie vor Jus Canonicum, die bei den Katholiken so gebräuchlichen Patres, Homilien und Catechetica. Da Bücher nach alter, katholischer Sitte nicht klein zu sein pflegten, erscheinen alle diese Werke in ordentlichen Foliobänden, damit sich der Verkauf auch lohnt, und sie finden immer noch großen Absatz. Zu diesen Werken kommt noch eine unglaubliche Menge asketischer Schriften, die in den Klöstern zu Hunderten gebraucht und von dort aus an die frommen Seelen weiterverteilt werden. Wenn ein Protestant, der sich einbildet, die Welt sei aufgeklärter geworden, einmal die Verlagsverzeichnisse dieser katholischen Augsburger Buchhändler zu sehen bekommt, wird er Namen finden, die er sonst noch nie gehört hat: Pater Schmier, Pater Fett, Pater Schmalzgrueber, Pater Katzenberger, Pater Kobold, Pater Pisreiter und viele mehr. Er kann gar nicht glauben, daß diese Leute alle Schriftsteller gewesen sein sollen, und wird doch entdecken, daß sie alle dicke Foliobände geschrieben haben. So wird er glauben, in einer ganz anderen Welt zu sein. Es ist aber leider unsere wirkliche Welt, in der noch immer sehr viel mehr kanonische, homiletische oder asketische Werke verlangt und auch verkauft werden als Bücher gesunden theologischen oder philosophischen Inhalts, in denen sich die Kräfte des menschlichen Verstandes und der Imagination zeigen.

Augsburg kann man heute als das Warenlager des katholischen Buchhandels in Deutschland ansehen und auch des Handels mit lateinischen katholischen Büchern, die nach Frankreich oder Italien gehen. Die Augsburger katholischen Buchhändler sind wahre Grossisten. Die Geschäfte der Gebrüder Veith oder des Herrn Joseph Wolf gehören zu den größten Deutschlands, ja vielleicht Europas. Ihre Lager sind unermeßlich, und in ihren Schreibstuben werden Geschäfte von solcher Wichtigkeit, zumindest den Summen nach, gemacht, von denen ein protestantischer Buchhändler nur träumen kann. Die lateinischen Werke werden nicht nur in großen Mengen nach Italien und Frankreich verkauft, auch die deutschen Klöster sind wichtige Abnehmer solcher Tröster. Aber auch wenn die Buchhändler Gebetbücher, Heiligenlegenden, Bruderschaftsbüchlein, Kanzelpredigten oder Bücher von wundersamen Erscheinungen drucken lassen, so sind die Klöster hierfür die sichersten Kunden, die einen Verleger nie in die Verlegenheit bringen würden, daß er auf einem solchen Buch sitzenbleiben könnte.

Kaum ist ein solches Werk erschienen, so kommen schon die Gängler oder Trägler, d. h. herumziehende Buchhändler, um eine ordentliche Zahl von Exemplaren, deren Absatz ihnen schon gewiß ist, für bares Geld zu kaufen. Von diesen Leuten, die in Bayern und Schwaben, aber auch im ganzen Reiche, erstaunlich viele Bücher absetzen, kommt eigentlich die Bezeichnung Buchführer. Sie packen eine große Tragebutte voll Bücher und wandern damit von Kloster zu Kloster. Im Konventgang legen sie dann ihr Sortiment aus, und jedes Buch, das nach Meinung der Mönche einen recht andächtigen, polemischen, kasuistischen oder wundersamen Titel hat, wird gegen bares Geld verkauft. Auf diese Weise erwirbt ein Trägler in einigen Jahren schon so viel Geld, daß er sich seinerseits einen Unterträgler anstellt, der dann noch schwerer tragen muß. Nach einigen weiteren Jahren hat er dann schon ein einspänniges Fuhrwerk, auf dem Bücherregale sind, fein säuberlich mit Brettern abgedeckt. Diese werden dann nur noch abgenommen, daraus ein Regendach gemacht, und schon ist der ganze Buchladen für Gebets- und Predigtbücher fertig. Mit seinem Fuhrwerk bereist der Gängler sodann ganz Bayern, Schwaben, Österreich und Tirol. Aus den Anfragen liest er den jeweiligen Büchergeschmack ab und richtet seine Auswahl danach ein. Es ist wirklich unglaublich, welche Menge an Gebets- und Predigtbüchern in Augsburg gedruckt und auch verkauft werden, und zwar in sehr großen Auflagen.

Die wichtigsten Schätze der in Augsburg befindlichen Bibliotheken hat Herr Gerken, dieser große Kenner der Literatur, schon beschrieben. Ich habe von den Bibliotheken, die er nennt, keine gesehen, außer der der Brüder Veith, die auch Buchhändler sind. Dafür habe ich die Stadtbibliothek beim evangelischen Gymnasium zu St. Anna besichtigt, zu der Herr Gerken keinen Zugang hatte. Rektor Mertens zeigte sie mir. Sie ist besonders durch die große Menge von Handschriften berühmt, welche Anton Reiser, ein verdienstvoller Augsburger Bibliothekar, in einem besonderen Werke beschrieb. Der größte und wertvollste Teil ist im Jahre 1545 von einem aus Korfu vertriebenen griechischen Bischof Anton Eparchus gekauft worden. Es sind wirklich treffliche griechische Kodizes darunter, wovon noch sehr vieles zu gebrauchen wäre. Ich sah unter anderem zwei schöne griechische Manuskripte des Plato und Thukydides. Unter den verschiedenen Kunstschätzen, die in der Bibliothek verwahrt werden, fiel mir besonders ein antiker Pferdekopf auf, den man vor einigen Jahren nach einer Überschwemmung im Schlamm des Lechs gefunden hat. Man glaubt, ich weiß nicht aus welchem Grunde, der Kopf stamme aus den Zeiten Vespasians.

Gebetsbild: Die Göttliche Vorsehung

Die Bibliothek ist gewöhnlich nicht öffentlich zugänglich, was ihren Gebrauchswert natürlich sehr mindert. Aber Herr Mertens hat als Bibliothekar nicht mehr als 24 Gulden jährliche Besoldung, und der gute Mann muß außerdem noch täglich sieben Stunden in der Schule unterrichten; so wäre es freilich ein wenig zu viel verlangt, wenn er auch noch viel Zeit auf die Bibliothek verwenden sollte. Der Obrigkeit einer so reichen Handelsstadt würde es durchaus anstehen, wenn sie einer so wertvollen Sammlung einen gelehrten Bibliothekar voranstellen, ihn aber auch angemessen besolden würde, damit er genug Sorgfalt auf die Bibliothek verwenden kann.

Von den Schulen in Augsburg habe ich keine besonders gute Meinung fassen können. Es gibt zwei lateinische Schulen, wovon eine evangelisch, die andere katholisch ist. In dem evangelischen Gymnasium bei St. Anna wird Latein, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Italienisch, Schreiben und Rechnen, Mathematik, Zeichnen und Musik gelehrt. Herr Rektor Mertens zeigt wenigstens guten Willen und hat alles in seinen Kräften Stehende getan, um diese Schule zu verbessern. Er hat sogar einige Schulbücher für sie geschrieben. Doch will es mit der Schule nicht so recht vorangehen. Woran es liegt, kann ich nicht sagen, vielleicht daran, daß zu wenig Lehrer angestellt und diese also mit zu vieler Arbeit überhäuft sind. Wenn dem Rektor einer solchen Anstalt, der das Ganze ja übersehen und leiten soll, zugemutet wird, täglich selbst sechs bis sieben Stunden zu unterrichten, so kann man nicht erwarten, daß er Mut und Kräfte haben soll, etwas Außergewöhnliches zu leisten.

Indessen ist es ausgemacht, daß dieses evangelische Gymnasium unendlich viel besser ist als das katholische Lyzeum zu St. Salvator. Dieses ist eine Jesuitenschule im engsten Sinn des Wortes und um nichts besser als andere Jesuitenschulen, wo blinder Gehorsam, Aloysiusandachten, nebst ein wenig kümmerlichem Latein, scholastischer Philosophie und Geschichte die Hauptsache sind. Alles wird aus Büchern gelernt, die von den Jesuiten selbst verfaßt wurden. Da nun die ganze augsburgische katholische Jugend in solchen Schulen erzogen wird, erklärt sich der große Unterschied zwischen den Einwohnern beider Religionen, aber auch zugleich der höchst schädliche Einfluß der Jesuiten. Ich wollte die Schulstunden dieser Schule besuchen, aber es wurde mir nicht erlaubt, so wenig wie im ehemaligen Theresianum in Wien. Wenn man aber bedenkt, daß vor wenigen Jahren der Jesuit Leonhard Bayrer, Verfasser einer sehr hämisch gegen die Protestanten geschriebenen Geschichte von Augsburg, Lehrer an dieser Schule war und daß jetzt noch der Jesuit Franz Xaver Jann, der Verfasser des albernen Etwas wider die Mode, daselbst unterrichtet, so sieht man, daß diese Leute, die andere lehren sollen, selbst noch an Kenntnis beinahe hundert Jahre zurück sind.

Die Trivialschulen oder niederen Schulen sind bei beiden Religionsparteien schlecht beschaffen. Die evangelischen Schulen sind ganz nach alter unzweckmäßiger Art eingerichtet, wo man an Resewitz, Rochow, Campe und ihre Verbesserungen noch gar nicht denkt. Die katholischen niederen Schulen sind vollends unbeschreiblich elend. Es stimmt einen Menschenfreund wahrlich traurig, die Kinder des Mittelstandes und des gemeinen Mannes, die nicht zum Studium bestimmt sind und die doch die wesentlichen Teile einer Nation ausmachen, fast überall so elend unterwiesen zu sehen. Es gibt übrigens, der Parität gemäß, für Knaben und Mädchen sechs evangelische und sechs katholische Trivialschulen. Außerdem unterhält das Domkapitel noch eine.

Augsburg hat schon seit ältesten Zeiten in den bildenden Künsten bedeutende Männer hervorgebracht, und es entstanden hier viele gute Kunstwerke, besonders in der letzten Hälfte des vorigen und in der ersten Hälfte des jetzigen Jahrhunderts. Die Namen der Maler Riedinger, Rugendas und Holzer, der Kupferstecher Kilian, Wolfgang, Hainzelmann, Herz und des Bildhauers Verhelst sind jedem Kunstliebhaber bekannt. Die Werke der Augsburger Maler waren selten vom hohen antiken Ideal angehaucht. Sie malten die Natur, wie sie sie vorfanden. Einige wurden in dieser Art Künstler ersten Ranges. So war es Riedinger, der in Deutschland zuerst lehrte, wilde Tiere nicht nach einer kalten, dürftigen Vorstellung abzumalen. Er studierte in den Wäldern ihre Art zu leben und ihre wahren Stellungen und brachte sie in lebendiger Darstellung getreu auf Leinwand und Papier. Das gilt auch für Rugendas mit seinen Abbildungen von Pferd und Mann und seinen Schlachten sowie für Holzer und dessen lebendiger, freier Darstellung der Natur. Sie ist nicht schmutzig und kriechend oder plump wie bei Teniers und Ostade, sondern fröhlich und belebt wie bei La Frage, aber nicht so übertrieben, ungewiß und unanständig.

Von jeher gab es besonders in Augsburg Historienmaler mit großem Talent für Komposition und Farbgebung. Weniger talentiert waren sie in der Hell-Dunkel-Technik, noch weniger in der Darstellung edler Posen, am wenigsten aber darin, edle Gesichtszüge wiederzugeben. Der größte Teil der Deckengemälde und Altarblätter in Augsburg, besonders in den katholischen Kirchen, zeugt davon. Die Gesichter sehen entweder so unbedeutend oder so stier, so mönchisch, so niedrig pfäffisch aus, daß man gleich merkt, daß diese Maler ihre Ideale innerhalb von Klostermauern fanden. Selbst Holzer, der zwar in einem Kloster erzogen, aber dessen freier Geist dem klösterlichen Zwange zu sehr entgegengesetzt war, schien, wenn er Bilder malte, die er nicht gerade aus der Natur abkopierte, die Augsburger Patrizier zum Vorbild genommen zu haben. Eine Madonna mit dem Christkind ist bei ihm vornehm wie eine etwas wohlbeleibte gnädige Frau, wenn sie einen Wochenbesuch empfängt.

Die vielen Malereien an den Häusern in Augsburg gaben seit dem sechzehnten Jahrhundert den Malern viel Beschäftigung. Von den alten ist nicht mehr sehr viel erhalten, und das, was noch einigermaßen erhalten blieb, ist nicht immer vorzüglich. Ein ziemlich großes Gemälde mit vielen Figuren von Kager – am Weberhause, wenn ich nicht irre – betrachtete ich aufmerksam und fand viel Geist darin. Die Holzerschen Gemälde sind die berühmtesten, aber obgleich kaum 50 Jahre alt, sind sie bei weitem nicht so gut erhalten wie etliche aus dem vorigen Jahrhundert. Der schlechte Geschmack trug auch dazu bei, daß manche gute alte Gemälde abgekratzt wurden, um neuere darüber zu tünchen. Diese neuen Gemälde sind zwar ganz frisch und sehr bunt, das ist aber auch meist ihr vorzüglichstes Verdienst.

Vor etwa 17 Jahren entstand eine neue Kunstakademie, welche am 27. März 1780 die ersten Preise verteilte. Sie gibt jährlich Nachricht von den öffentlichen Ausstellungen und Preisverleihungen und ist aus Liebe zur Kunst und zum allgemeinen Besten entstanden. Die Kosten für die notwendigen Ausgaben und die Preise werden durch freiwillige Beiträge von Kunstliebhabern und Patrioten zusammengebracht. Verschiedene Herren des Rats, verschiedene Kunstliebhaber und die verdientesten Künstler der Stadt sind Mitglieder. Ich bekenne, daß ich keine sehr hohe Meinung vom Nutzen der Kunstakademien habe, wie er in manchen akademischen Reden verbreitet wird, obgleich ich den wahren Nutzen derselben nicht verkenne. Der scheint mir darin zu liegen, die Liebe zur Kunst zu wecken, durch öffentliche Ausstellungen zum Nacheifern anzuregen und das Auge des Betrachters zu schulen und der Jugend wahre Kunst zu zeigen. Die Akademie in Augsburg hat außer den bildenden auch die mechanischen Künste zu ihrem Gegenstand gewählt, was meines Erachtens höchstes Lob verdient, zumal in einer Reichsstadt, die ihren Wohlstand nicht auf leeren Luxus, sondern auf nützliche Industrie gründen will. Mittelmäßige Köpfe mittelmäßig zeichnen oder malen zu lehren ist wenig Gewinn für den Staat. Aber ein mittelmäßiger Kopf kann ein guter Tischler, Goldschmied, Maurer werden, und wenn er zur Übung einer sicheren Zeichnung von Jugend auf Gelegenheit bekommt und durch frühe Bekanntschaft mit trefflichen Kunstwerken sich einigen Geschmack erwirbt, so kann er Werke hervorbringen, die nützlich und angenehm sind. Die Unterweisung der Jugend im Zeichnen bringt viel Nutzen, wie man aus den Verzeichnissen der Stücke, die ausgestellt worden sind, ersieht. Hierzu gehört auch die Einrichtung, daß an Sonn- und Feiertagen für junge Leute, die bereits in einem Beruf arbeiten, in den Stunden, in denen kein Gottesdienst ist, Zeichenstunden abgehalten werden. Es ist sehr löblich, daß man den Mut gehabt hat, sich über das eingewurzelte Vorurteil, es sei Sünde, den Sonntag mit nützlichen Geschäften zuzubringen, hinwegzusetzen. Wenn man bedenkt, wie schlecht der Sonntag von so vielen Leuten in Wirts- und Spielhäusern zugebracht wird, so ist es ein wahres Verdienst, junge Leute dadurch von Ausschweifungen abzuhalten, indem man ihnen zu einer Beschäftigung Gelegenheit gibt, die ebenso nützlich wie angenehm ist.

Herr Rektor Mertens hatte vor einigen Jahren angefangen, für die Zöglinge dieser Akademie Vorlesungen über die bildende Kunst zu halten, und hat sie sogar drucken lassen. Es war recht gut gemeint. Ich halte aber dergleichen Vorlesungen für beinahe ganz unnütz, besonders wenn sie ein Mann hält, der selbst weder Übung in den bildenden Künsten noch einen festen, richtigen Geschmack besitzt, sondern bloß eine Reihe Bücher gelesen und daraus seine Begriffe zusammengeholt hat. Zöglinge der bildenden Künste müssen zeichnen, viel und richtig zeichnen, das ist die Hauptsache. Mit weitläufigem Wortgepränge und mit einer weit hergeholten, aus Büchern zusammengeschriebenen Schönheitslehre ist ihnen wenig geholfen. Man macht sie dadurch sehr leicht zu Schwätzern, welche sich einbilden, etwas zu wissen, obwohl es ihnen an gründlicher Einsicht fehlt. Etwas ganz anderes wäre es, wenn ein wirklicher Künstler oder ein Kunstkenner den Zöglingen echte Kunstwerke vorzeigte, verschiedene miteinander vergliche und ihnen auf diese Art die Schönheiten anschaulich machte. Gleichzeitig könnte er sie zum Nachbilden anleiten und sie dabei auf das, worin sie hinter dem Original zurückbleiben, aufmerksam machen. Nur die Übung des Auges und der Hand kann wirkliche Künstler hervorbringen.

Vom Theater in Augsburg ist nicht viel zu sagen. Es existiert ein schlechtes Schauspielhaus, wo schlechte Wandertruppen, wie z.B. die böhmische oder die Schikanedersche, spielen. Eine solche wandernde Truppe war zur Zeit meines Aufenthalts in Augsburg gerade nicht anwesend, sondern nur ein Marionettentheater, welches aber wahrscheinlich nicht schlechter war als die lebendigen Marionetten, die sonst von ihren Theaterdirektoren nach Augsburg gebracht werden. Da ich auf dem Zettel den Dr. Faust, einen alten Bekannten meiner Jugend, angekündigt sah, den ich noch immer gerne sehe, wenn er ohne viel Umstände zu sehen ist, so ging ich hinein. Ich fand eine viel vornehmere Gesellschaft, als ich mir vorgestellt hatte, die auch mit ihrem hohen und gnädigen Beifall nicht sparsam war. Wer ein gutes Gedächtnis hat und sich der alten aus dem Stegreif gespielten Stücke seiner Jugendzeit erinnert, den amüsiert es zu sehen, auf wie vielfältige Art diese Stücke beim Aufführen verändert werden. Selten werden sie an zwei Orten in völlig gleicher Weise aufgeführt. Der Verfasser des Augsburger Fausts schien eine Art Erfinder zu sein; er hatte nämlich mancherlei Szenen eingerückt, die ich sonst noch nie gesehen hatte, obwohl ich Aufführungen dieses Stücks in verschiedenen einfachen Schauspielhäusern gesehen habe. Ich erinnere mich besonders einer Szene Fausts mit einem Kaufmann, die ans Pathetische grenzte und vielleicht von Ludovici, dem Shakespeare der deutschen Haupt- und Staatsaktionen, stammte. Die letzte Szene hatte der Verfasser captandae benevolentiae gratia ganz neu gewendet. Nachdem der Teufel den Dr. Faust geholt hatte, wollte er auch den Hanswurst holen. Dieser verlegte sich aufs Verhandeln. Der Teufel fragte ihn endlich: »Wer bist du?« – »Ein Augsburger«, antwortete der Hanswurst, und sogleich ließ ihn der Teufel los und entfloh, worauf der Hanswurst, zum Parterre gewendet, sagte: »Sehen Sie, meine Herren! Der Teufel hat Respekt vor den Augsburgern!« Hiermit endete das eigentliche Stück zum großen Wohlgefallen der Zuschauer. Aber nun kam noch eine Moral in alexandrinischen Versen. Wer das Groteske dieser Art von Schauspielen recht kennenlernen will, muß versuchen, auf oder neben die Bühne zu kommen, um die Schauspieler in ihrer eigentlichen Laune zu sehen. Dies gelang mir in der letzten Hälfte des Stückes. Hier war die Hauptperson ein dickes, untersetztes Weib, eine wahre Hogarthsche Figur, welche die Person des Teufels con brio spielte und die am Ende auch die Moral, ich weiß nicht, ob in der Person des Teufels oder in eigener Person, verkündete. Wegen der Deklamation und des unangemessenen Gestus, die sie wohl zu ihrer eigenen Befriedigung reichlich hinzutat, denn das Publikum konnte sie gar nicht sehen, glaubte ich, Bergobzomers Richard III. wie ich ihn in Wien gesehen hatte, wieder vor mir zu sehen und zu hören.

Ungefähr in die Klasse der Marionettenspiele gehören auch die Jesuitenschauspiele, welche die Jesuiten in ihrem Lyzeum St. Salvator von ihren Schülern aufführen lassen; ja, sie sind in der Tat noch schlechter. Denn jene können noch des Grotesken wegen auf einen Augenblick belustigen; diese hingegen sind steif, hölzern, pedantisch und langweilig. Ein Lehrer von St. Salvator, P. Franz Xaver Jann, hat einige solcher abgeschmackter Schauspiele unter dem Titel Etwas wider die Mode, Gedichte und Schauspiele ohne Karessen und Heiraten im Jahre 1782 drucken lassen. Kurz gesagt, eine Jesuitenkomödie ist ein so heterogenes Mixtum compositum, wie man es sich kaum vorstellen kann, und unter aller Kritik. Die armen Kinder sind zu bedauern, die sich mit solchem Unsinn den Verstand verderben müssen.

Den Zustand der Musik in Augsburg kann ich nur schlecht beurteilen. Ich hörte in der St. Moritzkirche eine Messe mit Musik. Es war eine ziemlich gute Komposition, sanft und herzrührend, aber die Ausführung war über allen Glauben schlecht: Kein Instrument war rein gestimmt, und die Musiker spielten sehr oft nicht zusammen. Ich hörte auch ein Konzert in einem Garten vor der Stadt. Es war stark genug besetzt. Ich las nachher, daß der Verfasser der Reise durch den Bairiscben Kreis die Konzerte in Augsburg mit folgendem Epigramm charakterisiert hatte:

Die Herren stimmen zu lang, am Ende kommt
doch nichts heraus:
Sind freie Reichsbürger, meinen sie wär'n
auf'm Rathaus.

Wenigstens schien mir dies auf das Konzert, das ich hörte, gut zu passen. Es war eine weibliche Singstimme dabei, so schreiend und mißtönend, daß ich mich wunderte, wie es die Zuschauer aushalten konnten. Freilich begleiteten die Violinen sie kräftig, und ein gnädiges Publikum redete zwischen Gesang und Spiel, sowohl im Konzert- als in den Nebenzimmern, so laut dazwischen, daß man von den falschen Tönen der Sängerin und von den ungestimmten Geigen zum Glück nicht zu viel hörte. Die Sängerin wurde jedoch noch stärker beklatscht, als sie beplaudert worden war, was mir die auf meiner Reise oft gefühlte Wahrheit wieder in Erinnerung brachte, daß man nur an wenigen Orten in Deutschland weiß, was zum Singen gehört, und daß es selbst an diesen Orten nur wenige Personen recht wissen.

Ganz anders waren meine Empfindungen, als ich den berühmten Instrumentenmacher Herrn Stein in seinem Hause auf seinem schönen Pianoforte mit seiner zwölfjährigen Tochter Maria Anna ein Doppelkonzert von Christian Bach spielen hörte. Besonders die Kleine spielte mit solchem Feuer, mit solcher Genauigkeit, die Passagen so rund, daß wir mit Vergnügen und Bewunderung zuhörten. Wenn in den öffentlichen Konzerten in Augsburg ein schlechter Geschmack herrscht, so liegt es also wenigstens nicht daran, daß es in der Stadt nicht Leute gäbe, die es besser verstünden.

In den älteren Zeiten, als Augsburg gleich anderen Reichsstädten in höchster Blüte stand, wurde dort auch ein überaus großer Luxus getrieben, wie das bekannte alte Sprichwort bezeugt:

Nürnberger Witz
Straßburger Geschütz
Venediger Macht
Augsburger Pracht
Ulmer Geld
Geht durch die ganze Welt.

Seit den Zeiten der Fugger, besonders gegen Ende des fünfzehnten und im ganzen sechzehnten Jahrhundert, gelangten durch die weitläufigen Handelsbeziehungen Augsburgs mit Italien alle in den südlichen Gegenden bekannten, zur Bequemlichkeit und zu den Vergnügungen des Lebens gehörenden Dinge viel früher in diese Stadt als in das übrige Deutschland. Man ist erstaunt, wenn man erfährt, welche kostbaren Häuser, Gärten, Kunstkammern, Gemäldesammlungen usw. die Fugger damals besaßen und auf welch fürstlichem Fuß sie lebten. Auch an den in Augsburg noch vorhandenen, meist zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts gebauten öffentlichen und privaten Gebäuden erkennt man, daß die Menschen dort mehr Geschmack hatten und mehr Aufwand trieben als in jeder anderen Reichsstadt des südlichen Deutschlands. Wenn man die Münster zu Straßburg und Ulm ausnimmt, so findet man in keiner Stadt so ansehnliche öffentliche Gebäude und so viele große, alte und gut aussehende Privathäuser wie in Augsburg. Seit dem Dreißigjährigen Krieg allerdings ist Augsburgs Wohlstand sehr gesunken, und in gleichem Maß hat auch der Luxus abgenommen. Übrigens gleichen die Sitten in Augsburg ungefähr denen in anderen Reichsstädten. Zwar nehmen sich die Patrizier gegenüber den Bürgern nicht so viele Freiheiten heraus wie in Nürnberg, ja nicht einmal so viel wie in Ulm, aber dennoch unterscheiden sich die verschiedenen Stände durch eine steife Etikette und sind ziemlich voneinander getrennt. Der Adel in Augsburg, das heißt der Kaiserliche Gesandte, die Domherren und Stiftsfräulein, haben wenig Umgang mit den Patriziern. Diese halten sich weit von den Kaufleuten fern, und die wiederum versuchen, sich von den gemeinen Bürgern zu unterscheiden. Der Gelehrte, der Künstler, der Mann von Talenten kann in Augsburg wenig Ansprüche anmelden. Jeder Stand hat seinen besonderen Klüngel, und in jeder Partei gibt es zuweilen wieder Parteien. Dies macht den Umgang steif und zeremoniell und hindert die allgemeine Geselligkeit, welche den wahren Genuß des Lebens ausmacht.

Die Sitten und Gewohnheiten des mittleren und niedrigen Standes haben sowohl von dem benachbarten Bayern als von Schwaben etwas an sich. Ich habe schon bemerkt, daß die Katholischen sich mehr nach den Bayern, die Protestanten mehr nach den Schwaben zu bilden scheinen. Man findet auch in Augsburg Spuren ehrlicher Naivität und einer gewissen Zufriedenheit und Gleichmütigkeit, die für die Schwaben so charakteristisch sind. Aber es scheint, daß von den benachbarten Bayern noch etwas Ernsthaftigkeit in den Charakter der Augsburger einfließt, von der man tiefer in Schwaben, in der Gegend der weinreichen Hügel an den Ufern des Neckar, wenig spürt. Übrigens fand ich in der Mittel- und Unterschicht noch sehr viel Häuslichkeit und eine gewisse Schlichtheit, die mir sehr gut gefiel. Man empfängt einen Fremden, der nicht ganz ohne Empfehlung kommt, mit Freundschaft und mit einer Herzlichkeit, die zu gleicher Gesinnung auffordern. Etwas reich an Komplimenten ist man freilich hin und wieder, so wie in Nürnberg, aber auch dabei ist oft etwas Vertrauliches. Man pflegt den Fremden bei einem Besuch die Treppe hinunter und wohl bis an die Haustür zu begleiten, und wenn er meint, daß das nicht nötig wäre, hört man vielleicht den Satz: »Das ist bei uns Schwaben so üblich.«

Die Kleidung des Mittelstandes ist ziemlich einfach. In Augsburg, so wie in ganz Oberdeutschland, gehen noch viele ehrbare Bürgersleute bei feierlichen Anlässen in Mänteln. Wenn z.B. wohlhabende katholische Bürger in die Kirche oder in Prozessionen gehen, so tragen sie weiße, rote oder blaue Mäntel, welche oft auf den Kragen mit goldenen Tressen besetzt sind und vorn noch zwei oder drei breite Litzen mit goldenen Tressen haben. Das sieht dann recht stattlich aus. Auch die Schüler gehen hier oft in hellblauen Tuchmänteln.

Beim weiblichen Geschlecht sieht man nicht mehr die alten Augsburger Trachten, welche aus Kupferstichen bekannt sind. Aber die einfachen Frauen haben doch noch eine besondere Tracht, welche viel häßlicher aussieht als die Tracht der bayerischen Bürgerweiber. Die Augsburgerinnen tragen ein großes Mieder, das vorne mit silbernen Ketten geschnürt wird. Es sieht wie ein Harnisch aus und unterscheidet sich von dem in Bayern üblichen dadurch, daß es vorne eine große, weit vorstehende Schneppe hat, an der die Röcke ganz frei hängen, wodurch aber die Taille verschwindet, zumal sie noch sehr dicke Röcke mit vielen Falten tragen. Doch sieht man dieses unförmige Mieder meist nur noch bei alten Frauen. Die Mützen der Augsburgerinnen sind teils schwarz, teils ganz golden. Eine solche Mütze hat eine sonderbare Form. Sie hat drei Spitzen, die an der Stirn und an den Wangen tief ins Gesicht gehen und fast das ganze Gesicht verdecken. Eine andere Sorte hat vorn eine Haube aus feinem Klar; von der ganz goldenen Mütze geht vorne eine Spitze über die Haube und hinten über den Haarknoten und bildet so eine Art Horn. Jungen Mädchen, die etwas runde Wangen und einen zarten Teint haben, steht diese schwäbische Haube nicht übel. Die vornehmen Frauenzimmer und auch die meisten aus dem Mittelstande gehen freilich französisch gekleidet. Sosehr auch die Augsburger Patrioten über die Modesucht klagen, so gingen doch, wenigstens im Jahre 1781, die Frauen dort höchstens nach der vorvorletzten Mode gekleidet.

Den höheren Ständen fehlen die in diesen Kreisen üblichen modischen Vergnügungen keineswegs, z.B. Gesellschaften, Spiele, Bälle, Konzerte usw. So veranstaltet der Wirt von den Drei Mohren alljährlich im Januar und Februar Maskenbälle, die er seinem einheimischen und auswärtigen Publikum durch besondere Anzeigen auch immer rechtzeitig ankündigt. Der Augsburger Mittelstand scheint rauschende Vergnügungen nicht besonders zu lieben, er lebt, wie in den meisten übrigen Reichsstädten, recht bescheiden. Der niedere Stand schließlich sucht, wie überall, sein Vergnügen in der Schenke.

In der Stadt selbst gibt es keine einzige Promenade, und die Bürger scheinen das Promenieren auch nicht besonders zu vermissen. Die Promenade um die Stadt ist sehr öde und traurig, daran gefallen haben mir nur die schönen hohen Bäume im Schießgraben. Auch die Gärten sind nicht besonders gepflegt. Ausflugsziele in die nähere Umgebung sind der Hohe Ablaß und die Sieben Tische, wo die Gegend sehr angenehm ist.

Aus moralischer Sicht muß man sagen, daß die Sitten in Augsburg sich von denen in vielen anderen Städten nicht unterscheiden. Schwere Verbrechen werden von Einheimischen selten begangen, aber aus dem benachbarten Bayern kommen oft Räuber auf Augsburger Gebiet. Werden sie in der Stadt in flagranti ertappt, so wird das peinliche Halsgericht über sie abgehalten. Wie in Bayern werden auch hier Lebensdaten der Unholde und das Urteil gedruckt. Das letztere heißt in Augsburg der Verruf.

Die Sprache, die in Augsburg gesprochen wird, ist kein reines Hochdeutsch, sondern mit vielen bayerischen und schwäbischen Dialektausdrücken vermischt, die jemand, der aus Norddeutschland kommt und nur Hochdeutsch gewöhnt ist, gar nicht verstehen kann. Doch scheinen mir die schwäbischen Ausdrücke in der Überzahl zu sein. Vielleicht lag das auch daran, daß ich in Augsburg mehr mit Protestanten Umgang hatte. So sagt man hier necken für raufen, ein Mull zu einer Katze oder gewunschen statt gewünscht. Aber die schwäbische Aussprache ist sehr mit Bayerisch vermischt. So sagt man in Schwaben für geschwind weidlich; das wird in Augsburg sehr hart, woadli, ausgesprochen. Es mag wohl keinem Land schwerer fallen, ein vollständiges Idiotikon zu erstellen, als Schwaben. Jeder kleine Bezirk, jede Reichsstadt hat besondere Wörter; manche Ausdrücke werden zwei Meilen weiter schon nicht mehr verstanden. So wäre es sehr schwer, die in ganz Schwaben gebräuchlichen Ausdrücke und Redensarten herauszusondern und ihre Herkunft zu bestimmen. Würde dennoch z. B. ein Mann wie Fulda alle eigentümlich schwäbischen Ausdrücke und Redensarten sammeln und klassifizieren, so wäre dies gewiß ein sehr nützlicher Beitrag zur Geschichte der deutschen Sprache. Zweifellos ist das Oberdeutsche dafür grundlegend, und viele Wurzeln des Oberdeutschen sind im Schwäbischen zu finden. Augsburg würde für eine solche Sammlung von Ausdrücken bestimmt einiges hergeben können.

Ich wünsche, daß immer wahr bleiben möge, was Blainville, dem es in Augsburg sehr gefiel, von dieser Reichsstadt sagte:

Nichts ist gewöhnlicher Art: Gefallen erreget die große Weite der Stadt; das Wasser fließt reichlich aus marmornen Becken; Königlich ragen die Bauten; gerechte Gesetze erläßt die starke Regierung; die Künste bergen, im Innern erleuchtet, Heiliges; und in den Schriften künden sie uns ihr Geheimnis.

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