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Unter Bayern und Schwaben

Friedrich Nicolai: Unter Bayern und Schwaben - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Nicolai
titleUnter Bayern und Schwaben
publisherEdition Erdmann
isbn3-522-62660-5
editorUlrich Schlemmer
year1989
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid8795745d
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2. Kapitel

Die Reise von München über Nymphenburg nach Augsburg

Schloß Nymphenburg – Die Porzellanmanufaktur – Dachau

Nymphenburg

Um in München Postpferde zu bekommen, muß man sich vom Oberhofmeisteramt einen Erlaubnisschein holen, welcher 12 Kreuzer kostet. Wir reisten am 12. Juli vormittags in angenehmer Gesellschaft ab. Für die Meile von München nach Nymphenburg braucht man etwa 1 ½ Stunden. Man fährt auf einer Chaussee durch eine schöne Lindenallee. Etwa ab dem Dorf Neuhausen sind die Bäume groß genug, um uns bei der großen Hitze wohltuenden Schatten zu spenden.

Nach Nymphenburg führt aber auch ein Kanal für Vergnügungsfahrten des Hofes. Der Kanal war aber damals wegen der großen Hitze ziemlich ausgetrocknet. Überhaupt scheint er nicht genug Gefälle zu haben und ist daher nicht immer schiffbar. Der Hauptweg mit der herrlichen Allee ist fürstlich. Wenn ich aber zuweilen einen Blick auf das Land hinauswarf und sah, daß kaum die Hälfte davon bebaut war – denn ganze Strecken weit sah man nichts als die von Sümpfen unterbrochenen Heiden –, so klopfte mir das Herz. Mit wenig Aufwand hätte man den an sich fruchtbaren Boden urbar machen und bebauen können.

Mit dem Bau des Schlosses Nymphenburg hatte die Kurfürstin Adelheid, geborene Prinzessin von Savoyen und Gemahlin des Kurfürsten Ferdinand Maria, 1663 angefangen. Dieselbe Fürstin hatte, um einen männlichen Erben zu erhalten, das Theatinerkloster in München gestiftet. Der Standort des Schlosses war eine Hofmark, die Ober- und Niederkemnetz hieß. Unter der Kurfürstin Adelheid wurden nur der mittlere Pavillon und der Garten vollendet. Die nachfolgenden Kurfürsten haben auf jeder Seite noch drei einzelne Gebäude in Form eines Halbmondes dazugebaut, die durch schmale Bauten mit dem Hauptpavillon verbunden sind.

Den Garten hat hauptsächlich Maximilian Emanuel angelegt. Dem Schloß gegenüber stehen eine Reihe Häuser, unter denen auch ein paar Gasthäuser sind. Der große Platz zwischen all diesen Gebäuden weist in der Mitte einen hübschen Teich auf und wird von verschiedenen Kanälen durchschnitten, zwischen denen Blumenbeete, Buschwerk, grüne Plätze und Lindenalleen angelegt wurden, so daß alles zusammen einen angenehmen Anblick bietet.

Im Schloß selbst findet man die übliche kostbare Möblierung, die man in einem fürstlichen Schloß erwartet. Sie ist sogar etwas moderner als in München, bietet aber nichts besonders Sehenswürdiges. Im Hauptpavillon fällt viel Vergoldetes auf. Der Speisesaal ist wohl proportioniert. Er geht über zwei Geschosse, wurde 1757 nach dem Zeitgeschmack eingerichtet und mit korinthischen Wandsäulen verziert. Außerdem ist er mit sechs großen historischen Gemälden ausgeschmückt. Das Deckengemälde ist eine sehr mittelmäßige Arbeit des Münchner Malers und Stukkateurs Zimmermann. Im ganzen Schloß ist viel Marmor, zumeist aus Bayern, verwendet worden, z.B. für eine Freitreppe, für Kamine und Tischplatten. Zumindest fanden dadurch Einheimische Arbeit und Brot, was bei solchen Bauvorhaben nicht allzuoft der Fall ist, da ja viel aus Paris eingeführt wird. Folgende Gemälde bayerischer Künstler fand ich bemerkenswert: Von Peter Horman gibt es ein nicht übel gelungenes Familienporträt der ganzen kursächsischen und kurbayerischen Familie, wie sie sich 1760 in München versammelt hatte. Die Darstellung eines Pferderennens mit einer großen Zuschauermenge, welches 1779 in Nymphenburg veranstaltet wurde, ist Joseph Stephan, einem Münchener Tiermaler, sehr gut gelungen. Es ist in Bayern seit langer Zeit üblich, Pferderennen zu veranstalten. Ich halte dies für eine alberne und wegen des Wettens schändliche Belustigung. In England hat man wenigstens den Vorwand, daß dadurch die einheimische Pferdezucht verbessert werde, obwohl dies auf andere Art besser geschehen könnte. Muß man aber die Rennpferde unter hohen Kosten im Ausland kaufen, kann ich bei solchen Rennen gar keinen Nutzen erkennen.

In zwei Räumen des Schlosses sind 16 große Porträts von Mätressen des Kurfürsten Maximilian Emanuel und des Kaisers Karl VII. anzutreffen. Noch nirgends habe ich eine solche Sammlung öffentlich ausgestellt gesehen. Es gehört schon ein hoher Grad an moralischer Unempfindlichkeit dazu, die Ausschweifungen der Landesherren so zur Schau zu stellen. Natürlich interessierte mich diese Sammlung von Porträts solcher Personen, die durch ihre Reize so wichtigen Einfluß auf den Willen der Landesherren und folglich auf das Land hatten. Ich betrachtete sie sehr aufmerksam und war betroffen, als ich feststellen mußte, daß alle, mit einer oder zwei Ausnahmen, sehr gewöhnliche, einfältige und fade Gesichter hatten. Sie besaßen, wenn überhaupt, jene Schönheit, die mit der allerersten Jugendblüte vergeht und oft auch Teufelsschönheit genannt wird. Ob das Schloß etwa von diesen Nymphen seinen Namen hat, weiß ich nicht.

Gerade als ich Schloß Nymphenburg besuchte, hielt sich auch Pater Hemmer, ein Exjesuit aus Mannheim, dort auf, um auf dem Schloß verschiedene Blitzableiter aufzurichten. Wir sahen zu, wie die Vorbereitungen getroffen wurden, und suchten den Gelehrten überall im Schloß, konnten ihn aber bedauerlicherweise nicht finden. Er ist auch durch eine 1755 gedruckte deutsche Sprachlehre und durch Streitigkeiten um eine von ihm erfundene, aber von niemandem außer ihm benutzte Orthographie bekannt geworden.

Die Gartenanlagen in Nymphenburg gehören zu den größten in Deutschland. Man sagte uns, daß es zwei Stunden dauere, die Einfassungsmauer zu umreiten. Die Hauptanlage ist im französischen Stil ausgeführt, denn Maximilian Emanuel nahm sich, wie alle deutschen Fürsten, die zu Ende des vorigen und im ersten Viertel des jetzigen Jahrhunderts regierten, Versailles zum Vorbild. Die Ansicht des Gartens vom Schloß aus gefällt am wenigsten. Er ist dort ganz altholländisch mit bunten Blumenfigurationen ausgelegt und mit einer Anzahl sehr mittelmäßiger vergoldeter Statuen und Vasen noch bunter gemacht. Aber weiter vom Schloß entfernt trifft man auf angenehme waldige Partien, deren frische Vegetation einen für die streng symmetrische Anlage entschädigt. Es war uns nicht möglich, den ganzen, so weitläufigen Garten zu durchwandern. Ich sah aber, daß er im ganzen doch viel Anmut haben könnte, wenn nur die holländischen, allzu abgezirkelten Partien weggelassen und die elenden toten Pyramiden ausgerottet würden. So könnte ein Künstler, der den rechten Geschmack für die Wirkung der Natur hätte, hier mit Leichtigkeit und geringen Kosten einen paradiesischen Flecken schaffen.

Zu den größten Annehmlichkeiten des Gartens gehören die vielen Wasserspiele. Das Wasser wird aus dem Würmsee bei Starnberg hergeleitet und in einen besonderen Wasserturm hinaufgepumpt, der von Oberstleutnant und Hofkammerrat Franz Xaver von Forstner, einem guten Mechaniker, vor einigen Jahren wieder instand gesetzt wurde. Mit diesem Wasser wird eine große Anzahl Springbrunnen betrieben, die sich auf sehr unterschiedliche Art entfalten, teilweise in anmutigen Kaskaden herabfallen und sich schließlich in großen und kleinen Teichen sammeln. Das alles erfrischt die Luft an einem heißen Tage, wie dem unseres Besuches, ungemein. Es geht übrigens durch den ganzen Garten ein Kanal, auf dem die Hofgesellschaft in Gondeln spazierenfahren kann, wozu aber das Wasser durch Schleusen gestaut werden muß. Er ist mit dem von München ausgehenden Kanal verbunden.

Vier Lustschlößchen liegen verstreut in diesem Garten. Sie tragen besondere Namen, nämlich Amalienburg, Pagodenburg, Badeburg und Klause. Besonders die beiden letzteren sind sehenswert. Die Badeburg ist ein kleines, sehr niedliches Gebäude, welches der Kurfürst Maximilian Emanuel erbauen ließ. Am besten gefiel mir darin ein Sommersaal mit einer schönen Decke von Amikoni und sehr guten Stuckarbeiten. Zwei Springbrunnen erzeugen eine, besonders bei schwülem Wetter, sehr angenehme Frische. Man blickt von hier aus auf einen schönen, von hohen Bäumen gesäumten Teich. Das Bad, von dem das Gebäude seinen Namen hat, ist aus Marmor und so eingerichtet, daß man aus zwei Hähnen kaltes und warmes Wasser einlassen kann, und es ist so geräumig, daß mehrere Personen darin schwimmen können. In der Höhe läuft rundum eine Galerie mit eisernen, vergoldeten Gittern. Wenn Maximilian Emanuel, und auch sein Nachfolger, hier in Gesellschaft, die man sich leicht vorstellen kann und von der man in München sehr unerbauliche Anekdoten erzählte, schwamm, dann erklang von dieser Galerie die Hofmusik. Kurz, es ist alles zur allerraffiniertesten Wollust eingerichtet. Neben dem Bad befinden sich verschiedene Gemächer mit Ruhebetten, aber auch Schlafzimmer. Von diesen Zimmern hat man eine Aussicht auf einen anderen Teich mit schönen Wasserspielen, der von einem lieblichen Birkenwäldchen umgeben ist. Es ist nur schade, daß die ganze Wirkung durch eine häßliche, vier Fuß hohe, wie eine Mauer geschnittene Buchsbaumhecke verdorben wird; die sollte man einfach weghauen.

Ich habe nicht erfahren können, wer der Baumeister dieses Schlößchens war. Es ist ihm ein in seiner Art vollendetes Kunstwerk gelungen, von reinster Architektur und in bester, sanfter Ausgewogenheit. Innen ist alles zur höchsten Bequemlichkeit eingerichtet. Man findet nichts, was nicht einen gleichmäßig wollüstig-ruhigen Eindruck vermitteln würde. Nur auf der äußeren Treppe wird die Harmonie durch zwei Sphinxe gestört. Von ungefähr und ohne Zweck hat ein Baumeister, der, wie man sieht, alles so sorgfältig und mit so viel Verstand anordnete, solche allegorischen Figuren sicher nicht vor den Eingang dieses Hauses der Üppigkeit gelegt. Ich gestehe es, ich war befremdet. Die gewöhnliche Auslegung einer Sphinx kann er nicht gemeint haben; denn wem könnte es wohl einfallen, daß in diesem wollüstigen Bade Scharfsinn verlangt wäre? Daß der Künstler durch die Sphinxe bloß andeuten wollte, es würden hier geheime Dinge vor sich gehen, scheint auch eine zu simple Erklärung zu sein. Fast möchte ich eine geistvollere Absicht dahinter vermuten.

Man kennt Beispiele, daß edle Künstler dem Fürsten, dem sie dienten, in versteckter Weise durch ihre Kunstwerke eine ernsthafte Wahrheit sagen wollten. So setzte Schlüter, einer der größten Künstler dieses Jahrhunderts, als er durch die Macht eines königlichen Günstlings Unrecht erdulden mußte, an das Schloß zu Berlin die schlafende Gerechtigkeit und einen Cupido, der mit der Keule des Herkules spielt. Derselbe Künstler hatte auch die edle Idee, das Berliner Zeughaus als das Haus des Todes darzustellen, an dessen rückwärtigem Teil die Reue allegorisch abgebildet ist. Kann ein Künstler einen mächtigen Fürsten auf edlere Art davor warnen, seine militärische Macht zu mißbrauchen?

Könnte es nicht sein, daß der Baumeister des Badehauses in Nymphenburg seinem weichlichen Fürsten, dessen Lust er frönen mußte, eine traurige und wichtige Wahrheit, allegorisch verkleidet, andeuten wollte? Die thebanische Sphinx war ein Ungeheuer mit freundlichem Gesicht, hinter dem sich Flügel und Krallen versteckten. Sie lauerte auf einer Klippe am Wege, und wenn die Vorübergehenden ihre unauflösbaren Rätsel nicht lösen und ihren fast unerfüllbaren Forderungen nicht genügen konnten, riß sie das Ungeheuer mit seinen versteckten Krallen an sich und entführte sie beflügelt hinauf zu seinen Klippen ins Verderben. Wollte der Künstler durch dieses Bild vielleicht sagen: »Stehe still, gedankenloser Fürst, und betrachte ernsthaft dieses Bildnis, bevor du sorglos deinen Weg in dieses Haus der Wollust gehst! Sie lacht dich mit hinterlistiger Freundlichkeit an, sie führt dich von Überfluß zu Überfluß, bis sie dir schließlich ihr unauflösbares Rätsel der längst gesättigten, doch immer unbefriedigten, immer wieder erwachenden kraftlosen Begierden vorlegt, mit dem sie dich unaufhaltsam ins Verderben zieht!« Vielleicht dichte ich dem Künstler zuviel Scharfsinn oder zuviel Tugendliebe an, doch sein Andenken ist damit wenigstens nicht beschimpft. Denn daß die Sphinxe hier mit einer besonderen Absicht stehen, das fällt bei einigem Nachdenken doch auf.

Als ich von dem reizenden und üppigen Badehaus zur Klause hinüberging, empfand ich zutiefst den starken Gegensatz. Sie ist unter lauter künstlichen Ruinen angelegt, und alles darin ist öde und düster. Die Räume sind bescheiden ausgestattet, ohne jeden Zierat, allein der geistlichen Betrachtung gewidmet. Es gibt dort auch eine Sammlung katholischer asketischer Bücher, und in einer Grotte steht ein geweihter Altar mit einem Kruzifix. Es war mir schrecklich zu hören, daß derselbe Kurfürst Maximilian Emanuel, welcher das Badehaus baute, auch die Klause errichten ließ, um das eine wie das andere Gebäude abwechselnd zu benützen. Es ist traurig genug, daß die katholische Religion den Leidenschaften aller reichen und mächtigen Leute freien Lauf läßt, sobald sie sich mit der Geistlichkeit abfinden. Üppigkeit und Unterdrückung, gleichviel von welcher Art und wie arg, werden durch Bußübungen, wie sie etwa der Beichtvater auferlegt, als getilgt angesehen. Man kann zu gleicher Zeit Unrecht tun und heilig sein. Hier in Nymphenburg sollte, wie das Badehaus und die Klause zeigen, wechselweise Capreä und Pathmos sein. Ja, man schämte sich nicht einmal, beide zu vereinigen. Es ist abscheulich, aber wahr! Keysler erzählt, der Kurfürst von Köln habe persönlich den Altar in dieser neu gebauten Einsiedelei geweiht; dabei habe sich die Gesellschaft bestens amüsiert und für 200 Taler Trinkgläser zerbrochen. Kann denn jemand, der noch ein wenig moralisches Gefühl hat, solche Szenen ohne Unwillen betrachten? Trotzdem sind alle Bücher voll von knechtischen Lobpreisungen der Fürsten der damaligen Zeit, und kein Schriftsteller sprach mit gerechtem Zorn von ihren zügellosen Ausschweifungen, die so offenbar waren. Ihre verderblichen Wirkungen auf das Land, dessen Väter sie sein sollten, erblickt man jetzt noch bei jedem Schritt.

Die Vorstellungen, welche diese Einsiedelei bei mir erregte, bewirkten, daß ich den Garten mit ernsthafteren Gedanken verließ, als ich ihn betreten hatte; und doch konnte ich mir damals meine wahren Gedanken nicht anmerken lassen. Meine Reisegenossen waren freimütige Leute, aber sie waren Katholiken. Ich schwieg also damals, obgleich es mich etwas kostete, meine Gemütsbewegung, ja, ich darf sagen meinen Unwillen, in mir zu verbergen, weil ich weder mich noch sonst jemand in Verlegenheit bringen wollte. Wir gingen endlich zu unserem Wirtshaus zurück und setzten uns spät und vom langen Spaziergang ermüdet zur Mahlzeit nieder, welche durch die gute Gesellschaft sehr unterhaltend, schließlich sogar noch recht fröhlich wurde. Auf die Nachricht, daß in der Nähe eine geistliche Musik zu hören sei, eilten wir sofort hin.

Die Macht der Geistlichkeit über Bayerns Fürsten zeigt sich allenthalben im Lande, auch in den Lustschlössern. Im Lustschloß zu Nymphenburg gibt es ein Kloster der Nonnen von Notre-Dame, die man extra aus Frankreich kommen ließ. Dicht daneben, unter demselben Dach und nur durch eine Mauer getrennt, befindet sich ein Hospiz von Kapuzinern. Die seraphischen Väter verwalten die geistliche Ökonomie der schönen Nonnen. Man wundere sich nicht, daß beide Geschlechter unter einem Dach in der Einsamkeit so nahe beieinander wohnen. Dies ist eigentlich alte Klostersitte, denn die Mönche, welche die ersten Klöster anlegten und wohl wissen mußten, was zur klösterlichen Einrichtung gehört, bauten sehr oft neben einem Nonnenkloster. Im zehnten Jahrhundert war dies allgemein üblich, wie der in der Geschichte des Mittelalters, besonders der Klöster, so gründlich erfahrene, gelehrte Fürst und Abt von St. Blasien, Martin Gerbert, uns berichtet. So war es in St. Blasien, in St. Gallen und an anderen Orten. Man gab dabei vor, dies geschehe nach dem Beispiel der Heiligen Väter. Selbstverständlich sollten die Wohnungen und der Aufenthalt beider Geschlechter so unterschieden sein, daß kein Verdacht aufkommen konnte. Doch muß einiges vorgefallen sein, denn schon der heilige Ulrich, der doch ein rechter Heiliger war, lobte den heiligen Wilhelm dafür, daß er das schwächere Geschlecht von den Männerklöstern entfernt habe. Ein pfälzischer Schriftsteller meinte, es sei dies doch eine so gesellige, menschenfreundliche, traute, herzliebe Andacht gewesen, die Frauenklöster nahe an die Mönchsklöster zu bauen, ohne zu ahnen, daß im Lustschloß seines Landesherrn diese traute Andacht noch jetzt besteht.

Die Nonnen von Notre-Dame in Nymphenburg sind in der Tat die geselligsten, die ich je gesehen habe. Ich weiß nicht, ob es daher kommt, daß sie Französinnen sind, aber sie standen fast keinen Augenblick still. Sie waren im vergitterten Chor auf ebener Erde, so daß man sie ganz sehen konnte, und waren nicht wie die in Preßburg verschleiert. Sie sahen sehr frei um sich her, flüsterten miteinander und zeigten auf uns Fremde. Da wir sie, um sie genauer zu betrachten, durch ein Fernglas ansahen, lachten sie und sahen uns wiederum durch die hohle Hand an. Außer ein paar gebrechlicher Mütterchen, die ganz vorne saßen, waren sie meist jung und hübsch; eine hatte ein wahres Pompadourgesicht.

Der eben genannte Schriftsteller meinte weiter, die Nonnenklöster seien neben den Mönchsklöstern gebaut worden, damit die Nonnen Heldinnen platonischer Selbstverleugnung werden, ihre Siege durch vermehrte Gefahren verherrlichen und ihre Enthaltsamkeit auf den höchsten Grad treiben sollten. Wenn dies die Absicht gewesen ist, so ist den Nonnen in Nymphenburg der Sieg über alle Begierden, die sich etwa unter Schleier und Skapulier einschleichen könnten, sehr leicht gemacht worden, denn ihre Hausgenossen, die Kapuziner, als ob sie genau dazu ausgesucht worden wären, haben das allerhäßlichste, verworfenste Aussehen, das sich nur denken läßt. Die schwarzen Eunuchen im Harem des Großsultans, für die man ja auch immer die häßlichsten aussucht, können unmöglich häßlichere Gesichter haben. Ich habe viele häßliche Menschen gesehen, und die Kapuziner sehen gewöhnlich dumm und widerwärtig aus, aber solche grotesken Physiognomien wie die der Kapuziner in der Kirche von Nymphenburg sind mir niemals untergekommen. Wären sie gemalt, so würde man sie für Karikaturen von Ghezzi halten. Ich hätte nicht geglaubt, es sei möglich, daß Menschen so aussehen können, daß in lebenden Gesichtern Dummheit, Gefräßigkeit, Hartherzigkeit und Niederträchtigkeit so schreiend abgebildet und Gottes Ebenbild dadurch ganz ausgelöscht werden könnte. Ich kann mein Erstaunen über einen Kapuziner nicht beschreiben, der direkt neben mir niederkniete, so daß ich ihn bequem aus der Nähe betrachten konnte. Es war ein langer, hagerer, dickknochiger Kerl; sein Gesicht war eingefallen und runzlig; er hatte rote Lippen, kleine rollende und stumpfblickende Schweinsaugen. Und solche ekelhaften Geschöpfe sollen Priester der Gottheit sein!

Als wir in die Kirche traten, sangen die Nonnen wegen des Margarethenfestes am kommenden Tage eine Vesper, die bloß mit der Orgel begleitet wurde. Vielleicht trug die Stimmung, in die mich meine gute Gesellschaft bei der Mahlzeit versetzt hatte, dazu bei, daß mir die Musik ungemein gefiel. Die Stimmen waren nicht vorzüglich, und sie sangen nicht eben nach der besten Methode, doch besser als die Lorenzerinnen zu Wien. Das Salve Regina war fast zu Ende; als wir in die Kirche traten, wurde gerade der letzte Absatz

O clemens, o pia!
O dulcis virgo Maria!

in einem sehr lieblich klingenden Duett gesungen. Mit einem Mal erschallte vom andern Ende der Kirche, vom Hochaltar, zwischen Brüllen und Blöken, durch die Nase geschnaubt ein

Ora pro nobis Sancta
Dei Genitrix! Oremus!

und der ganze selige Ausdruck war zerstört. Die Nonnen sangen darauf den Hymnus Pange lingua, eine simple, herzrührende Musik, völlig in pergolesischem Geschmack. Am Ende des Amen hielten sie sehr lange den Ton fis statt d im Unisono, mezza voce, aus. Nun kam der Pater Kapuziner, der vom Altar so häßlich durch die Nase geblökt hatte, vom Hochaltar herab und ging durch die Kirche. Er hatte einen gewaltig großen Wedel voll Weihwasser, womit er alle in der Kirche Anwesenden, auch mich unwürdigen Ketzer, reichlich besprengte. Er ging bis an das große Gitter des Chors und sprengte mit allen Kräften hinein auf die Nonnen. Sie kamen alle nach vorn, damit ihnen vom heiligen Wasser ja nichts entginge. Wir hatten dadurch Gelegenheit, ihre hübschen Gesichter nochmals genauer anzusehen. Mit einem Mal wurden von innen große hölzerne Türen zugeschlagen, und die holden Gesichter waren verschwunden. Uns blieb nichts als die häßlichen Kapuzinergestalten. Der mit dem Weihwedel war der allerärgste; so etwas Tierisches habe ich noch in keinem Menschengesichte gesehen. Als ich nachher in den Bekenntnissen von Rousseau die physiognomische Beschreibung des Lazaristen las, bei dem Rousseau Latein lernte, fiel mir wieder dieser Kapuziner ein. Er sah genauso scheußlich aus, nur hatte der Lazarist schwarze, der Kapuziner hingegen rote Haare, sonst aber ebenso fettige und struppige Haare, ein Pfefferkuchengesicht, einen Blick wie eine Eule und eine Stimme wie ein Büffel, im Bart dicke Haare wie Schweinsborsten, zwischen denen er sardonisch herauslächelte. Die Schilderung mag übertrieben erscheinen, aber wer sich selbst in der Nymphenburger Kirche überzeugen will, wird finden, daß ich nicht übertrieben habe.


Wir gingen anschließend in die Porzellanfabrik, welche in einem der dem Schloß gegenüberstehenden Häuser untergebracht ist. Sie war 1761 auf kurfürstliche Rechnung vom Grafen von Haimhausen, dem jetzigen Ehrenpräsidenten der Akademie der Wissenschaften, angelegt worden. Der Inspektor und Modellmeister der Fabrik ist Herr Dominik Auliczek, ein Bildhauer aus Böhmen, der sich lange in Rom aufgehalten hat. Von ihm stammen auch einige gute Marmorstatuen, die wir im Schloßgarten gesehen hatten. Er zeigte uns mit großer Gefälligkeit alle Arbeitsgänge, auch das Brennen. Anfänglich sollen fast 200 Arbeiter hier beschäftigt gewesen sein, aber da sich kein Gewinn erwirtschaften ließ, ist die Fabrik jetzt sehr verkleinert, und es sind alles in allem nur noch 30 Arbeiter da. Vier Brennöfen und fünf Glutöfen sind vorhanden; dazu kommen drei Öfen, um die bemalten Sachen zu brennen. Der Scherben des hiesigen Porzellans ist besser als der des wienerischen Porzellans, aber immer noch grau. Die Form der Teller geht noch an; ich sah einige wie Holz bemalt, die nicht übel aussahen. Aber die Tassen sind dicker und unförmiger als die in Wien. Die Malerei, besonders die der Blumenmotive, ist leidlich. Das Lager mit fertigem Geschirr konnten wir nicht sehen, weil der Buchhalter nicht da war. Man schätzt aber den Wert des Lagers auf 120 000 Gulden, wohl nach dem Verkaufspreis gerechnet. Daß die Fabrik keinen großen Absatz hat, zeigt schon die geringe Anzahl der Arbeiter. Das meiste Porzellan wird durch Türken aus Wien in die Türkei exportiert. Zu den Tassen und anderen Sachen, die sie bestellen, schicken die Türken stets besondere Muster ein. Ein wenig Ware geht zuweilen nach Turin und dem übrigen Italien. Im Lande selbst wird fast nichts abgesetzt. Ich selbst bemerkte, daß es in den Wirtshäusern der kleinen Städte nur Tassen aus Fayence gab. Gleichwohl ist das Nymphenburger Porzellan sehr preiswert: Ein Paar Tassen von der einfachsten Art kostet z. B. nur 12 Kreuzer. Ich vermute, daß man den Gewinn steigern könnte, wenn man nur die Industrie mehr beleben und den Handel mehr fördern würde. Aber in Bayern hat man, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch keinen rechten Begriff von Kunstfleiß und Handelsgeschäften, ja sogar um den gewöhnlichen Ackerbau ist es noch äußerst schlecht bestellt.

Wir sahen dies deutlich, als wir unseren Weg fortsetzten. Dicht vor Nymphenburg fanden wir noch etwas bebautes Land, aber bald danach erstreckte sich über zwei Meilen weit ein Moos, was dasselbe ist wie bei uns ein Bruch: schlechte sumpfige Wiesen, auf denen elendes, saures Gras wächst, welches das Vieh nicht fressen mag und das ihm auch nicht bekömmlich wäre. Es stimmt einen traurig, so viel unbrauchbares, unbebautes Land dicht an einer verkehrsreichen Landstraße und so nahe an einem Schloß zu sehen, das so viele Millionen gekostet hat. Wenn der zwanzigste Teil dessen, was an Nymphenburg und seine ungeheuer großen Gärten verschwendet wurde, auf die Kultivierung dieser Gegend angewendet worden wäre, so sähe man weit und breit grüne Wiesen, auf denen man große Viehherden halten und von denen viele Menschen gut leben könnten. Unter der jetzigen Regierung war der Vorschlag gemacht worden, aus der Pfalz am Rhein Mennoniten kommen zu lassen, um diese öde Gegend, welche sich auch in der Breite weit erstreckt, urbar zu machen. Aber alles, besonders die mächtigen Beichtväter, schrie gegen diesen Vorschlag und behauptete, wie z.B. der stumpfsinnige Patzer Crammer, die Landesverfassung schreibe vor, daß Bayern ganz katholisch bleiben müsse. Man wollte also lieber echt katholische Dornen, Disteln und Sümpfe als ketzerische Wiesen und Futterkräuter. So blieb alles beim alten, und es wird vermutlich noch lange so bleiben.


Dachau ist ein Marktflecken, zwei Meilen von München entfernt. Es liegt sehr angenehm am Abhang eines ziemlich hohen Berges, an dessen Fuß die Ammer oder Amper, ein kleiner schnellrauschender Fluß, vorbeifließt, der zuweilen sehr stark anschwillt. Die Straße, die den Berg hinaufführt, ist so steil, daß vom Dorf herauf eine Frau mitging, die einen an einem Stiel festgemachten Keil trug, um ihn hinter das Hinterrad zu legen, wenn die Pferde sich ausruhen wollten. Nachts, wenn diese Hilfe fehlt, muß es sehr schwer sein, hinaufzukommen. Auf den Bergen des Thüringer Waldes, weit von aller menschlichen Wohnung entfernt, sind an ähnlich steilen Strecken in verschiedenen Abständen Querbalken befestigt, die man auf die Straße schieben kann, eine Verbesserung, die auch hier mit geringer Mühe eingeführt werden könnte.

Ganz oben am Berg liegt ein herrschaftliches Lustschloß, das im dreizehnten Jahrhundert von Herzog Ludwig dem Strengen, der auch mit dem Bau der Münchner Residenz begann, angelegt wurde. Er konnte keinen besseren Platz wählen, denn von hier aus hat man eine herrliche Fernsicht, die wir bei Sonnenuntergang von unserem Wirtshaus aus genossen. Das Schloß ist noch gut unterhalten, weil der Hof zuweilen herkommt.

Im Jahr 1764 war auf Veranlassung der Akademie der Wissenschaften in München von Herrn von Osterwald eine Grundlinie von München bis Dachau ausgemessen worden, die der Anfang zu einer großen trigonometrischen Vermessung ganz Bayerns werden sollte. Nachher hat man aber nichts mehr davon gehört. Die Grundlinie zeigte vom Turm der Frauenkirche in München zum Pfarrkirchturm in Dachau. Die Messung begann auf dem Sandberg vor München und hörte eine Viertelstunde vor Dachau auf einem Gemeindegrund auf. Sie wurde ausgemessen mit fünf zwölfschuhigen französischen Ruten aus Tannenholz auf einer dazu konstruierten beweglichen Brücke. Es wurde nicht nur hin-, sondern auch zurückgemessen und dabei stets der Thermometerstand notiert, um Irrtümer wegen einer Verlängerung oder Verkürzung der Meßruten zu vermeiden. Mit den Temperaturangaben wurde die Messung berichtigt und auf 43776 französische Fuß oder 7296 Toisen von 6 Fuß festgesetzt. Anderthalb Jahre vorher hatte Herr Cassini aus Paris dieselbe Grundlinie vermessen, aber der Akademie keine Nachricht hinterlassen. Er hatte weder zurückgemessen noch eine Brücke gebraucht, und doch dauerte seine Messung 28 Tage, wohingegen Herr von Osterwald die Hin- und Rückmessung in neun Tagen erledigte.

Hier in Dachau hielten wir einen Kriegsrat über die Fortsetzung unserer Reise ab. Man hatte uns nämlich in München sehr davon abgeraten, nachts bis nach Augsburg zu reisen, denn die Leute in München waren voller Furcht vor Räubern. Man glaubte, daß sie die Wege unsicher machten. Erst vor kurzem waren einige 20 gefangen worden. Ich sprach aber in München auch einen Kaufmann, der nachts sicher von Augsburg hergekommen war. Vernünftige Leute glaubten überdies, die Furcht sei übertrieben, da die Räuber wohl einzelne Häuser, nicht aber Reisende auf den Straßen zu berauben pflegten. Daher entschlossen wir uns, der angenehmen Kühle wegen, unsere Reise nachts fortzusetzen, auch wenn einige Leute in München dies für sehr gewagt hielten. Wir wußten, daß in Dachau ein Offizier mit einem Kommando postiert war. Wir suchten ihn auf und zogen ihn wegen der Sicherheit des Weges zu Rate. Als er uns sagte, seine Patrouillen hätten ihm seit Wochen nichts Verdächtiges gemeldet, hatten wir noch weniger Bedenken, unsere Reise unbekümmert fortzusetzen.

Mit Einbruch der Dunkelheit kamen wir nach Schwabhausen, einem Dorf, etwa vier Meilen von München entfernt, wo die Pferde gewechselt werden. Während der Nacht wechselten wir nochmals die Pferde in dem Marktflecken Ebersberg. Mit Tagesanbruch kamen wir schließlich in das letzte bayerische Städtchen, Friedberg, wo sich von Augsburg aus eine in Bayern sonst ungewöhnliche Industrie angesiedelt hat. Es wohnen da 27 Uhrmacher, die für augsburgische Unternehmer arbeiten. Die Stadt liegt auf einem ziemlich hohen Berge und bietet eine herrliche Aussicht auf das umliegende Land voll fetter Viehweiden. Hier sahen wir auch eine Herde von ungefähr 300 Stück Hornvieh zu den Toren herauskommen, ein angenehmer Anblick, den wir seit Franken in keinem Landstädtchen mehr gehabt hatten, denn in Österreich ist die Viehzucht nicht zum besten bestellt, und in Bayern, wo es damit etwas besser steht, ist sie doch noch sehr unterentwickelt. Bald darauf kamen wir an die Mautstelle der bayerischen Grenze, unweit der Brücke über die Acha, und langten um 6 Uhr in Augsburg an, wo wir in der Traube am Weinmarkt abstiegen.

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