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Unter anderem in den Pyrenäen

Kurt Tucholsky: Unter anderem in den Pyrenäen - Kapitel 78
Quellenangabe
typemisc
authorKurt Tucholsky
titleUnter anderem in den Pyrenäen
publisherVerlag Volk und Welt
year1963
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051128
projectidb16e798c
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Von Barèges bis Arreau

Es rieselte vom Himmel herunter, und die Esel, der Führer und ich, dies ist keine Apposition, waren schon naß, als wir aus dem Dorf heraus waren. Eine halbe Stunde Chaussee, dann ein Maultierpfad rechts. Das war bitter.

Es bedeutete schon eine böse Anstrengung, da heraufzureiten, und was die Esel ausgestanden haben, weiß allein der Herrgott, Abteilung für Pyrenäen-Esel. Auf der Karte stand eine Seenplatte verzeichnet, auf den Bergen stand der dicke Nebel. Manchmal wehte ihn ein Windstoß fort, dann sah man, wie eine Halluzination, einen Gebirgssee, der freundlich dalag, als müßte es sein, daß er nach vier Minuten wieder verschwunden war. Der Nebel rauchte davon, und nun sah es aus wie eine verfluchte Gegend – »chaos« nennen sie das überall – Geröll, Steine, Felsen, Klippen, durch die sich die Esel mühsam durchmanövrieren. Sie riechen den Weg – wir andern können ihn auch sehn; hier und da stehen kleine Steinchen auf den Felsen aufgetürmt, und manchmal haben die Felsblöcke rote Ölstriche. Ein kleiner See nach dem andern kam an, schwarze und grüne und metallgraue, der Wind strich drüber hin, und die Oberfläche rauhte sich auf. Nun ging es aufwärts, zum Paß hinauf.

»Lacets« heißt auf deutsch für glückliche Menschen: »Schnürsenkel«, aber für mich hieß es während zweier Monate »Serpentinen« – und wenn man ihrer dreißig herauf- und heruntergemacht ist, dann kann man das Wort deklinieren. Die letzten waren die bösesten – wir stiegen ab, die Esel gingen leer herauf, wie wenn sie Unter den Linden wären; mir holperten die Steine unter den Füßen weg, und das fiel mir auf. Der Weg war stellenweise nicht da, die Steine waren darüber hinweggeströmt, und unten lag ein tiefer Kessel. In diesem schrecklichen Augenblick erinnerte ich mich eines Rezepts meiner guten Großmama, die bis in ihr achtzigstes Lebensjahr eine rüstige Bergsteigerin gewesen ist –: kurz einmal kräftig in der Nase bohren. Ich tat es und dankte der alten Frau in einem kurzen Stoßgebet. (Kein Wort wahr, aber das ist in den alten Büchern so.) Und ich fluchte mich die letzten fünfzig Meter herauf und gelobte, wenn ich erst einmal oben sein sollte, dem Führer aber ordentlich Bescheid zu sagen und seinen Eseln auch.

Oben saß der Führer auf der Erde und aß Käse, die Esel weideten im Gras, und ich vergaß alle drei: vor mir lag eine Landkarte mit blauen Seen, Wolken in den Tälern, in wunderschöner Klarheit. Herunter.

Wir kamen an einen schiefergrauen See, wo lag der –? In den Pyrenäen –? Aber das war Ostpreußen, das war östliches Deutschland, die Ufer mit kargen Kiefern besetzt, sandige Ränder, gedämpfte Farben – und ich dachte an Kurland, das schönste Land der Welt, den Prospekt des lieben Gottes, als der Deutschland erschaffen wollte. (Es ist nachher nicht ganz so schön geworden wie die Muster-Reklame.) Von dem See mochte ich gar nicht wieder fort – es war so still hier, ich schickte den Führer mit der Kavallerie voraus; ich kroch am Ufer umher, ließ Hölzchen im Wasser schwimmen und atmete eine Luft, die mir gar nicht französisch schien. Dann machte ich mich wieder beritten.

Was haben eigentlich Esel immer auf der Straße zu riechen –? Meiner zum Beispiel fand oft Kuhfladen, die ließ er liegen. Aber wenn er an Pferdeäpfel von Eseln kam, stand er still, beroch die Sache ausführlich – dann hob er den Kopf in die Luft und lachte. Wahrscheinlich erinnerte ihn der braune Klacks an einen guten Bekannten, der ihm irgend einen guten Witz erzählt haben mochte. Er war nicht vorwärtszubringen, er stand da und lachte. Da beugte auch ich mich hinunter und sah das Ding genau an, und ich lachte gar nicht. So verschieden ist es manchmal im menschlichen Leben.

Wollige Gebirgshunde begegneten uns, die sahen aus wie mittelgroße Bernhardiner. Der Führer versprach eine kleine halbe Stunde Weg – dann seien wir am Lac d'Orédon. Da wußte ich, daß mit noch zweien zu rechnen war. Und ein Hotel gäbe es da auch.

Würden sie mich sehr ausrauben –? Im allgemeinen war es ja gut gegangen, aber die Reiseschilderer hatten mir in Paris nicht schlecht angst gemacht. Die Fremden seien für die Pyrenäen-Leute das, was für die Nordlandfischer das angeschwemmte Strandgut: legale Beute. Und einer von früher hatte noch, um die mörderische Raubsucht der Leute genau zu charakterisieren, hinzugefügt, daß ein Präfekt einen Bauern wegen der Steuern gemahnt und daß der geantwortet habe: »Excellenz, ich tue, was ich kann! Seit vierzehn Tagen stehe ich täglich mit meiner Flinte auf der Chaussee und warte, daß jemand vorbeikommt. Meinen Sie, es kommt einer? Kein Aas. Aber das verspreche ich Ihnen, Excellenz; wenn einer kommt, dann bezahle ich meine Steuern.« Regt es sich im Gebüsch –? Seis. Für das Vaterland bis in den Tod. Exklusive.

Aber als ich triefend anlangte, da ging es dort wundermild zu, und ein schöner Gebirgssee war auch da, von hohen Bergen eingeschlossen, ganz einsam. Hätten sie nicht auch hier ein Stauwerk errichtet, es wäre still gewesen, so aber rauschte der Wasserfall die ganze Nacht, stillos, ein See hat still zu sein, und rauschte mich in Schlaf.

Was sich aber zwischen dem See von Orédon und Arreau abgespielt hat –: darüber verweigere ich die Aussage.

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