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Unsere märkische Heimat

Richard Nordhausen: Unsere märkische Heimat - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorRichard Nordhausen
titleUnsere märkische Heimat
publisherFriedrich Brandstetter
printrunDritte, neubearbeitete Auflage
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Allgemeines

Brandenburgisches Felsgestein

Von Professor Dr. Friedrich Solger.

Als ich in meiner Knabenzeit als erstes Beispiel eines deutschen Mittelgebirges das Riesengebirge sah, war ich zwar etwas enttäuscht über die Berge, die ich mir steiler vorgestellt hatte, aber um so stärkeren Eindruck machte es auf mich, daß überall, wo man etwas tiefer in den Boden gegraben hatte, festes Gestein hervortrat, das ich aus der brandenburgischen Heimat damals noch nicht kannte. Etwas von dieser naiven Höherschätzung des festen Felsens gegenüber dem lockeren Sande und allenfalls Lehm zieht sich auch durch die ganze Geschichte der wissenschaftlichen Geologie. Man begann mit der Aufnahme geologischer Karten im Gebirge, und dort war der lockere Verwitterungsboden gleichsam eine Staubdecke, die man sich abgetragen dachte, um das darunterliegende Ursprungsgestein darzustellen. Kam man nun ins Flachland, dann nahm diese lockere Decke mehr und mehr den ganzen Raum ein, und man mußte sich mit ihrer Erforschung statt der Ergründung der felsigen Unterlage begnügen. Wissenschaftlich bieten freilich diese lockeren Schichten des Eiszeitalters ebensoviel und ebenso wichtige und schwierige Fragen wie die steinernen Gebirge, und daß ältere Schichten durch jüngere verdeckt werden, kommt im Gebirge grundsätzlich genau so vor wie im Flachlande. Aber die Beschäftigung mit dem festen Felsgestein der älteren Erdschichten gilt in manchen Geologenkreisen selbst jetzt noch um einen Schatten vornehmer als die Flachlandsgeologie. Mögen die eiszeitlichen Schichten auch für das Verständnis unserer menschlichen Urgeschichte vielleicht wichtigere Aufschlüsse geben als die Gebirge, so bleibt doch immer an ihnen haften, daß sie »nicht so weit her« sind in der Vergangenheit. Und so werden auch wir, die wir uns gern in die Erforschung der heimischen Eiszeitablagerungen vertiefen, die Stellen, an denen innerhalb Brandenburgs ältere feste Gesteine an der Oberfläche sichtbar werden, besonders hochschätzen. Liefern sie doch Urkunden über Zeiten, die hundertmal weiter zurückliegen als die, in denen unser gewöhnlicher Sand und Lehm entstand. Aber weil sie so vereinzelt sind, bedarf es einer eingehenderen Erläuterung, eines sorgfältigen Vergleiches mit anderen Gebieten, ehe unser brandenburgisches Felsgestein erdgeschichtlich zu uns zu reden beginnt.

Es sind nur wenige Punkte, die uns innerhalb unserer Heimatprovinz Aufschlüsse in eigentlichen Gesteinen liefern. Sehen wir von dem kleinen Silurvorkommen von Fischwasser bei Dobrilugk ab, dann handelt es sich nur um drei Stellen: den Koschenberg bei Senftenberg, den Gips von Sperenberg und die Rüdersdorfer Kalkbrüche. Die Kreide von Schmölln in der Uckermark wage ich nicht mit in diese Reihe zu stellen, da es bestritten wird, daß sie wirklich anstehender Fels ist. Vielleicht liegt nur eine große Scholle vor, die das Eis an anderer, wenn auch nicht allzu entfernter Stelle losgerissen und eine Strecke weit verfrachtet hat.

Am Koschenberg wird heute ein Steinbruch auf Grauwacke betrieben, deren Schichten von Quarzgängen in NNO-Richtung durchsetzt sind. Dieser Kluftrichtung folgt auch ein Gang von Diabas, ein Zeichen, daß die gebirgsbildenden Kräfte, die die Grauwacke, wahrscheinlich zur Zeit der Steinkohlenbildung, zertrümmerten, dabei dem Schmelzfluß der Tiefe einen Weg öffneten, auf dem er in das Gestein eindringen und zu Diabasgestein, einem nahen Verwandten des Basaltes, erstarren konnte. An diesen Grauwackenbruch schließt sich nordöstlich ein nicht mehr im Betriebe befindlicher Granitbruch an, dessen Boden jetzt von einem See eingenommen wird. Auch der Granit ist erstarrter Schmelzfluß aus der glühenden Tiefe, der einst, und zwar vor dem Diabas, in eine westnordwestlich gerichtete Kluft der Grauwacke eindrang, und die Hitze des Granits reichte hin, um die Grauwacke in seiner Nachbarschaft so weit auszuschmelzen, daß sie heute härter und dunkler aussieht als die unveränderte Grauwacke und die Schichtung nicht mehr erkennen läßt.

Es ist ein sehr kleiner Ausschnitt aus einer sehr bewegten Zeit der Erdgeschichte, dessen Spuren wir hier vor uns haben. Im Anfange der Steinkohlenperiode – so nimmt man an – lagerte sich der Sand ab, aus dessen Verhärtung die Grauwacke hervorgegangen ist. Wir finden sie in ganz ähnlicher Ausbildung wieder in den sächsischen Steinkohlenrevieren, wo sie die Unterlage der kohleführenden Schichtengruppe bildet. Auch beim Koschenberg mag einmal Steinkohle über der Grauwacke gelegen haben; aber die gebirgsbildenden Bewegungen, die folgten und den Granit und wahrscheinlich auch den Diabas eindringen ließen, stauten diese Schichten zu hohen Gebirgen auf, den sogenannten »varistischen Alpen«, an deren Abtragung die verwitternden Kräfte im Bunde mit Regen und Wind bald so kräftig arbeiteten, daß schon zur Zechsteinzeit die Gebirge eingeebnet und damit an dieser Stelle die etwa vorhandenen Kohlenschichten zerstört waren.

Wenn heute der Koschenberg als erster Vorposten des Lausitzer Gebirges seine Umgebung um ungefähr 70 m überragt, dann dürfen wir das nicht als ein Überbleibsel jener »varistischen Alpen« der Steinkohlenzeit ansehen, sondern es ist die Folge jüngerer Erdbewegungen, die in der Hauptsache der jüngeren Tertiärzeit zuzuschreiben sein dürften. Sie haben die damals eingeebnete »Rumpffläche« wieder emporgehoben und damit der nagenden Kraft von Wasser und Wind wieder ausgesetzt, bis endlich das Eis der Eiszeit darüber wegging und den Fuß der Anhöhe in seine Ablagerungen einhüllte, während es von der Kuppe die mürben Stücke fortriß und über die Umgebung verstreute.

Weiter im Norden hat die Rumpffläche, die nach Abtragung der varistischen Alpen die Oberfläche bildete, bald eine Senkung erfahren; das Meer der Zechsteinzeit überflutete sie und lagerte seine Kalke auf ihr ab, dann trocknete es aus und lieferte die für uns so wichtigen Salzlager, insbesondere die gegen Ende der Austrocknung in den letzten Restseen zur Ablagerung gekommenen Kalisalze.

Der Boden des ausgetrockneten Meeres bildete nun eine Wüste. Die Wüstenwinde und gelegentliche Regen wehten und schwemmten darüber den Wüstensand, der vielleicht aus der Verwitterung der letzten Reste der varistischen Alpen hervorgegangen war. Wir bezeichnen diese Schichten heute als den Buntsandstein. Eine neue Senkung ließ ihn abermals vom Meer überfluten. Aus diesem lagerte sich der Kalk ab, den die Rüdersdorfer Brüche aufschließen, während der Gips von Sperenberg mit jenen eben erwähnten Salzbildungen zusammenhängt. Wir wollen diese beiden Vorkommen etwas genauer ansehen an Hand der Abbildungen 1 und 2, die außer einem perspektivischen Bilde der Oberfläche auch die mutmaßliche Lagerung bis zu 1 km Tiefe darstellen.

(Da ich das Gelände an beiden Stellen als bekannt annahm, habe ich keine Ortsnamen eingeschrieben. Wo sie entbehrt werden, möge ein Meßtischblatt zu Hilfe genommen werden.)

Ich beginne mit dem Bekannteren und Anschaulicheren, mit Rüdersdorf.

Wir nähern uns längs dem Ostufer des Kalksees von Süden her den Kalksteinbrüchen. Das Tal des Sees setzt sich nach Nordosten in einer etwas moorigen Niederung fort, durch die ein Kanal nach dem Kesselsee führt. Dies letzte Stück ist auf Abbildung 1 links oben dargestellt. Östlich vom Kesselsee liegen die ersten Aufschlüsse im Abhange der Höhe. Die dortigen Verhältnisse ergeben sich aus dem Bilde, wenn wir in dem Querschnitt auf der Ostseite des dargestellten Blocks die Stelle ins Auge fassen, an der der obere Buntsandstein im Süden des Alvensleben-Bruches unmittelbar unter der Decke der eiszeitlichen Ablagerungen liegt. Der Name »oberer Buntsandstein« führt leicht irre. Denn es handelt sich nicht um einen Sandstein, sondern um Tone, die man sich nur in der Geologie gewöhnt hat, zur Formation des Buntsandsteins zu rechnen. Ihre Schichten senken sich nach Norden, so daß wir, nordwärts an den Alvensleben-Bruch herüberwandernd, dort nicht mehr die Tone, sondern die über ihnen lagernden Kalksteinschichten sehen. Aber dem Ton folgt der »Wellenkalk«, ein toniger Kalk, der um seines Tongehaltes willen für die Kalkbrennerei unbrauchbar ist und erst neuerdings für Zementfabrikation Verwendung findet. Über ihm liegt der eigentliche Gegenstand des Abbaues, der »Schaumkalk«, und der Verlauf der Steinbrüche bezeichnet den Streifen, in dem der Schaumkalk unter geringer Bedeckung durch eiszeitliche Sande und Lehme an die Oberfläche tritt, während er weiter südlich ganz fehlt, weiter nördlich hinabsinkt unter Muschelkalk- und Keuperschichten. Sie überlagern ihn in der über ganz Nord- und Mitteldeutschland fast gleichbleibenden Folge, in der sie nacheinander gebildet worden sind. Unter diesen Schichten besteht der obere Muschelkalk noch einmal aus brauchbarem Brennkalk. Dort, wo jetzt die Verladeeinrichtungen für den heutigen Tiefbau am Krienseehafen liegen, tritt dieser obere Muschelkalk dicht an die Oberfläche, und hier ist er vor Jahrzehnten im alten Krienbruch abgebaut worden zur Freude der Sammler, die gelegentlich schöne Stücke des Ammonshorns Ceratites nodosus dort fanden. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Der Abbau findet zur Zeit seine Grenze nach Norden dort, wo der magnesia- und tonhaltige mittlere Muschelkalk anfängt mächtiger zu werden, dessen unbrauchbare Schichten abzutragen zu teuer werden würde. Die Kalksteinbrüche sind unterbrochen an der Kreuzbrücke, wo die Landstraße vom Kesselsee hinüberführt nach dem Ringofen und den alten Kalköfen. Das Kalkflöz ist an dieser Stelle zerbrochen und der klaffende Riß durch nachgestürzte Sandmassen aus der Eiszeit ausgefüllt. Die Fortsetzung dieser Spalte ist auf der Nordseite des Blockes dargestellt.

siehe Bildunterschrift

Das ist in kurzen Zügen das, was wir an der Oberfläche sehen. Tiefbohrungen haben den Schichtenzusammenhang sowohl in größerer Tiefe als in seiner Fortsetzung nach Norden und Süden so weit geklärt, daß danach die Querschnitte an den Rändern des Blockes haben gezeichnet werden können. Der Querschnitt an der Ostseite ist dem Blatte »Rüdersdorf« der geologischen Spezialkarte entnommen. Wir sehen daraus, daß die Schichten eine Aufwölbung, einen »Sattel« bilden, dessen höchste Teile abgetragen sind. Über der Abtragungsfläche liegen die Schichten des Eiszeitalters, des »Diluviums«, als eine nach Süden stärker werdende Decke. Denken wir uns alle Schichten, die in der Nordwestecke des Blockes erbohrt sind, über den Sattel fort verlängert, dann würde dieser eine Höhe von mindestens 500 m über der jetzigen Oberfläche besessen haben. Der Sattel wird von einem Längsbruch durchzogen, längs dem der nördliche Teil etwas über den südlichen hinübergeschoben ist, so daß die Schichten des Nordflügels des Sattels sich hier im Süden zwar wiederholen, aber schon nach kurzer Strecke so tief liegen, daß der Abbau unwirtschaftlich werden würde.

Von besonderer Bedeutung sind noch die Verhältnisse der größeren Tiefe. In regelmäßiger Lagerung fand man hier unter dem oberen Buntsandstein den aus Sandsteinschichten bestehenden mittleren und unteren Buntsandstein und darunter die anscheinend unter ganz Norddeutschland verbreiteten Schichten des Steinsalzes, die schon oben erwähnt wurden. Bei der Austrocknung des damaligen Meeres wurde zuerst der schwefelsaure Kalk teils als Gips (wasserhaltig), teils als Anhydrit (wasserfrei) abgelagert, darüber das Steinsalz (Chlornatrium), das von regelmäßigen Schnüren des noch weiter ausgeschiedenen Anhydrits durchzogen wird. Endlich kristallisierten die am leichtesten löslichen Kalisalze aus. Der Meeresboden lag trocken, Staub bedeckte ihn und bildete eine dünne Decke »Salzton «. Dann drang neues Meerwasser ein, es begann wieder die Ausscheidung von Anhydrit und dann von Steinsalz. So treffen die Bohrungen denn oben zuerst dies jüngere Steinsalz, dann Anhydrit und Salzton, dann die Kalisalze von der voraufgehenden Austrocknung und unter ihnen das ältere Steinsalz, dessen normalerweise etwa 300 m betragende Mächtigkeit in dem Blocke nur in seinem oberen Teile dargestellt ist, wie denn auch die hier angestellten Bohrungen das Salz nicht ganz durchsunken haben.

Ehe wir auf die geologische Deutung dieser Tatsachen eingehen, wollen wir uns Sperenberg zuwenden und daran die gemeinsame Erklärung beider Vorkommen schließen.

Wenn wir, von der Station Sperenberg kommend, durch das Dorf gehend dem Wege am Nordrande des Krummen Sees folgen, haben wir linker Hand die Gipsbrüche. Das Gipsgestein ist nur schwach von Eiszeitlehm bedeckt, es ist stark zerklüftet, und das Wasser hat zuweilen tiefe Löcher in das leicht lösliche Gestein gefressen. Dies Oberflächenbild wird durch Tiefbohrungen ergänzt, etwa zu dem im Block wiedergegebenen Bilde, wobei wiederum der Querschnitt der Ostseite der geologischen Spezialkarte entnommen ist. Rund 100 m unter der Oberfläche und 40-50 m unter dem Meeresspiegel hört der Gips auf und ruht auf Steinsalz. Als man 1871 das erste hier niedergebrachte Bohrloch, damals das tiefste der ganzen Erde, bei 1271 m einstellte, war das Steinsalz noch nicht durchsunken. Neben dieser ungeheuren senkrechten Ausdehnung ist die geringe Ausdehnung des Vorkommens in der Wagerechten auffallend. In der Nord-Süd-Richtung ist sie aus dem Profil ersichtlich, und was die Richtung von Osten nach Westen betrifft, so traf ein Bohrloch wenig westlich der Eisenbahn das Steinsalz in über 400 m Tiefe, ein anderes 3 km weiter östlich am Westrande des Bars-Sees erst in 750 m. In beiden Fällen liegt der untere Buntsandstein darüber, und unter einem jüngeren Steinsalz folgen wie bei Rüdersdorf Anhydrit, Kalisalze und dann älteres Steinsalz, während unter den Gipsbrüchen nur das ältere Steinsalz auftritt. Erst die zahlreichen Aufschlüsse, die der Kalibergbau in Nordwestdeutschland hergestellt hat, haben unserem Verständnis diese sonderbare Form des »Salzhorstes« nähergebracht, und wie wir ihre Entstehung etwa zu denken haben, soll Abbildung 3 erläutern.

Nach dem zweimaligen Eintrocknen des Meeres der Zechsteinzeit, das uns die Salzlager geliefert hat, legte sich über diese der »Buntsandstein « als Bildung in einer Wüste. Dann senkte sich das Gelände wieder unter den Meeresspiegel zur Zeit des Muschelkalks, tauchte zuweilen wieder empor in der Zeit des Keupers und der Juraformation. Aber diese geringen Schwankungen änderten nichts daran, daß sich die Schichten all dieser Zeitabschnitte regelmäßig und wagerecht übereinander lagerten (Abb. 3, Block I). Erst am Ende der Jurazeit erfolgten stärkere »gebirgsbildende« Bewegungen, die die Erdkruste zu Falten zusammenschoben. Ob schon die erste dieser Bewegungen oder erst die zweite, die gegen Ende der Kreidezeit stattfand, auch die Schichten von Sperenberg wie die von Rüdersdorf zu einem Sattel aufwölbte, läßt sich vorläufig nicht sicher entscheiden (Abb. 3, Block II). In der Mitte der Tertiärzeit jedenfalls hatten Wasser und Wind an beiden Orten die entstandenen Sättel schon wieder in Sand, Staub und Schlamm verwandelt, fortgeführt, so daß das Meer der mittleren Tertiärzeit sich über der »Rumpffläche« der abgetragenen Berghäupter ausbreiten konnte (Abb. 3, Block III), bei dem, wie bei den folgenden, die Tertiärdecke und das Diluvium der Einfachheit halber fortgelassen ist. Die Abtragung hat alles oberhalb der Ebene A B des Blockes II fortgeführt.

siehe Bildunterschrift

Nun traten neue gebirgsbildende Bewegungen gegen das Ende der Tertiärzeit ein. Sie mögen bei Rüdersdorf den Längsbruch in dem Sattel hervorgerufen haben. In Sperenberg führten sie zu Spannungen im Sinne des Blockes IV der Abbildung 3; dabei riß die dünne Buntsandsteindecke über dem Salzkern des Sattels auf, und nun quoll das Salz durch den Gebirgsdruck nach oben (Block V). Die Vorstellung, daß das Salz durch den Druck der darüberlagernden Gesteine und zum Teil durch die gebirgsbildenden Bewegungen selbst aus der entstandenen Öffnung herausgequetscht worden sei, hat etwas Befremdendes, aber wir werden ohne sie nicht auskommen, auch können wir in vielen nordwestdeutschen Kalisalzbergwerken sehen, wie die Anhydritschnüre des Steinsalzes in der mannigfaltigsten Weise verbogen sind, so daß gerade dieser am schwersten vorstellbare Punkt als sichergestellt gelten darf.

In den obersten Gesteinsschichten läuft das Grundwasser mehr oder weniger rasch, weil es durch Quellen dem Meere zufließt. In größerer Tiefe steht es still, weil ihm die Möglichkeit des Abflusses fehlt. Wo das Salz in diese Zone des fließenden Grundwassers emporstieg, wurde es rasch aufgelöst, und nur der minder lösliche schwefelsaure Kalk (Anhydrit) blieb zurück, im wesentlichen zu Gips geworden durch Wasseraufnahme. Dieser Gipsrückstand von der Auflösung der obersten Steinsalzschichten, der sogenannte »Gipshut«, ist es, der in den Gipsbrüchen von Sperenberg abgebaut wird. (Siehe Block VI.)

In Sperenberg wie in Rüdersdorf sind auch die Gletscherströme der Eiszeit nicht spurlos über die hier aufragenden älteren Schichten fortgegangen. Das zeigten in Rüdersdorf bis vor kurzem die berühmten Gletscherschrammen auf der Oberfläche des Muschelkalks. In Sperenberg ist es daran erkennbar, daß Fetzen der Tertiärschichten vielfach in die eiszeitlichen Ablagerungen hineingerissen sind. Auch hat Gagel wahrscheinlich gemacht, daß selbst gebirgsbildende Bewegungen dort noch innerhalb des Eiszeitalters stattgefunden haben. Als ein Zeichen für solche Vorgänge kann man in Rüdersdorf die Kluft an der Kreuzbrücke ansprechen, da ihre Ausfüllung durch eiszeitliche Schichten beweist, daß sie erst nach Anfang der Eiszeit entstanden sein kann. Doch sind diese sehr schwierigen Fragen nicht von unmittelbarer Bedeutung für die Hauptfrage, die sich uns angesichts der Vorkommen des uns ungewohnten Felsgesteins im Oberflächenbilde der Mark Brandenburg aufdrängt.

Diese Frage lautet unbedingt: Warum tritt gerade hier festes Gestein zutage, und warum fehlt es sonst?

So vorsichtig wir auch in der Beantwortung sein müssen in Anbetracht der mancherlei Unsicherheiten, die die Deutung noch bietet, so kann man doch sagen: Dies Felsgestein liegt überall bei uns in der Tiefe, bei Sperenberg und Rüdersdorf ist es nur höher emporgehoben worden als in der Umgebung, und zwar durch mehrere gebirgsbildende Bewegungen in der Erdkruste, genau so, wie auch in unseren Mittelgebirgen höhere und flachere Aufwölbungen nebeneinanderstehen. Da die Folgen der früheren Bewegungen schon wieder eingeebnet sein werden, wird die Hauptursache für die jetzigen Verhältnisse in den Bewegungen der Erdkruste in der Tertiärzeit und im Eiszeitalter zu suchen sein. Es ist eben ein Ausklingen der Gebirgsbildung, die in den Alpen Riesenformen schuf, in unseren Mittelgebirgen sich in geringeren Höhenlagen hält und im Flachlande nur noch kleine Erhebungen verursachte.

Brandenburgisches Jahrbuch, 2. Bd.)

 

Märkischer Boden

Von Dr. R. Foß.

Die Mark besteht großenteils aus Diluvium und zeigt folgende Schichten: Ton, Lehm, Mergel, Sand, Grus oder Grand, Geschiebe und Gerölle. Am meisten kommt Lehm, und zwar sehr oft dicht an der Oberfläche, vor. Die Hälfte des ganzen Ackerlandes wird durch eine Mischung aus Sand und Lehm gebildet, die für die Kultur vortrefflich geeignet ist. Eigentliche Sandschellen, Flugsand enthaltend, zeigen sich hin und wieder, sind aber jetzt teils schon für Anbau gewonnen, teils doch mit Kiefern bepflanzt. Eine solche 5–6000 Morgen große Wüste weißen Flugsandes, »der Brand« genannt, liegt in der nördlichsten Spitze des Luckauer Kreises an der Dahme und der alten Straße von Berlin nach Lübben. Tonboden ist selten; so verdankt ihm die Lenzener Wische, so die Uckermark an der Ucker und Randow ihre Fruchtbarkeit; er fehlt aber ganz in der Neumark. Über diesen Diluvialboden sind noch jetzt und waren einst in weit größerem Maße die aus dem Norden herstammenden erratischen Blöcke und kleineren Geschiebe verstreut. Sie bieten ein wichtiges Baumaterial, da sie meist Gneis und Granitstücke sind, und gewähren dem Mineralogen eine interessante Ausbeute. Konnte er doch allein im alten Berliner Straßenpflaster an 100 verschiedene Arten aussondern. In der Uckermark sind die Geschiebe häufiger als in der Mittelmark. In der Lausitz liegen sie besonders im Sorauer Kreise in den Standesherrschaften Sorau und Triebel, und zwar in den deutschen Dörfern, zutage, wo sie fünf Quadratmeilen bedecken. Daß sie sich gerade in den deutschen Ansiedlungen zeigen, hat seinen einfachen Grund: Als im 14. Jahrhundert die Herren von Pack deutsche Kolonisten in ihr Ländchen Sorau beriefen, konnten sie ihnen nur diese Gegenden anweisen, da die andern von Wenden besetzt waren. An Torfmooren reich sind die Grafschaft Ruppin, das Havelland und die Obra–, Netze- und Warthebrüche. Dieser Boden erscheint vortrefflich geeignet, einem Volke bei angestrengter Arbeit ein behäbiges Dasein zu gewähren. Überall läßt er sich durch Kultur verbessern. Überall finden sich ferner Landstriche, die, für den Ackerbau ganz ungünstig, mehr einbringen, wenn man auf ihnen Waldwirtschaft treibt. Immer ausschließlicher bleibt der Wald auf dem ödesten Boden stehen. Er verliert allerdings dadurch an Schönheit und Reiz, denn auf Sandboden gedeiht nur Nadelholz. Die schönen Laubwälder werden andauernd seltener, während sie früher ausgedehnte Striche der Mark bedeckten. Buchen und Linden sind die herrlichen Bäume, welche in Jütland und Holstein die Abhänge des Höhenzuges beschatten; sie verleihen jenen Gehängen ihren wundersamen Reiz. Auch in der Mark müssen sie einst vielfach gefunden worden sein, wie die Ortsnamen deutlich beweisen. So Buch, Buchholz, Bukow nördlich von Berlin und sonst auch recht häufig. Wendisch heißt die Eiche: ten dub, daher Düben, Dubrau d. h. Eichenwald; die Birke heißt: ta brasa, daher Briesen, Treuenbrietzen usw.; die Linde heißt: ta lipa, daher Leipzig, Lübben usw.; das wendische Wort für Rotbuche lautet ten grab, daher die vielen Grabows usw. Da in der Mark fruchtbarer und wenig ergiebiger Boden wechselt, so wechselt auch Wald und Ackerland, und nirgends findet man nur Waldwildnisse und nur bebautes Land. Dieser angenehme und nützliche Wechsel wird für den Einwohner noch um so schätzenswerter, als der reiche Wasservorrat ebenso wie die Bodenbeschaffenheit des Landes den Verkehr erleichtert.

R. Foß, Die Mark Brandenburg, ihre Natur in charakteristischen Zügen und deren Einfluß auf Geschichte und Leben der Einwohner.

 

Die großen Steine

Von Prof. Dr. F. Wahnschaffe.

Von den Grundmoränen Norddeutschlands ist diejenige der letzten Vereisung naturgemäß am wichtigsten für die Oberflächengestaltung des norddeutschen Glazialgebietes geworden. Sie ist als oberer Geschiebemergel bekannt, der in ausgedehnten Flächen im östlichen Teile von Schleswig-Holstein, in Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien, sowie in Ost- und Westpreußen auftritt, jedoch auch noch westlich der Elbe in der Altmark und in der Provinz Hannover vorkommt. In der Form, wie er ursprünglich unter dem Eise gebildet wurde, tritt er nur ganz ausnahmsweise unmittelbar an die Oberfläche, da seine obere Decke in der Regel der Verwitterung bereits anheimgefallen ist. Zunächst ist er gewöhnlich von einer 1-1½ m mächtigen, zapfenförmig in den Geschiebemergel eingreifenden, entkalkten Lehmschicht bedeckt, die sich erst, wie Berendt gezeigt hat, in postglazialer Zeit durch Kalkentziehung seitens der kohlensäurehaltigen Atmosphärilien bildete. In den meisten Fällen ist diese Lehmschicht von lehmigem, bis schwach lehmigem, geschiebeführendem Sande bedeckt, der zum Teil durch die ausschlämmende Tätigkeit der Atmosphärilien, zum Teil aber auch schon durch die Einwirkungen der Schmelzwasser des Inlandeises bei seinem Rückzuge entstanden sein mag. Die Oberfläche des oberen Geschiebemergels ist demnach keine ursprüngliche mehr, namentlich ist sie auch in den Gebieten, die sich in langjähriger Kultur befinden, fast völlig von den größeren, an der Oberfläche liegenden Findlingsblöcken befreit. In der nächsten Umgebung Berlins sind durch den großen Bedarf an Feldsteinen in der Hauptstadt, durch Anlage von Chausseen, durch Pflasterung der Höfe in den Dörfern, sowie durch Verwendung bei Stallgebäuden die Felder oberflächlich bereits völlig von allen größeren Steinen entblößt worden. Sehr viel mag dazu auch eine Verordnung der Kreis- und Domänenkammer vom Jahre 1763 beigetragen haben, welche mit Rücksicht auf den großen Bedarf an Steinen zur Straßenpflasterung Berlins besagte, daß jeder Bauer, der mit einem Wagen nach Berlin führe, zwei Feldsteine dahin mitnehme und sie im Tor abwerfe.

Begibt man sich in solche Gebiete, die etwas weiter von den Eisenbahnen und Landstraßen abliegen und zum Teil noch mit Wald bedeckt oder vor noch nicht allzu langer Zeit in Ackerland umgewandelt worden sind, so ist man oft erstaunt über den Reichtum an größeren Blöcken, der sich an der Oberfläche der aus Geschiebemergel bestehenden Gebiete findet. Als ein Beispiel hierfür möchte ich aus der näheren Umgebung Berlins nur die Gegend östlich von Werneuchen zwischen den Dörfern Wesendahl, Hirschfelde, Leuenberg, Prötzel und Gielsdorf erwähnen.

siehe Bildunterschrift

Die Kirche in Stralau
nach einer Radierung von Heinrich Zille (1888)

Von den aus Skandinavien stammenden Geschieben haben von jeher die durch besondere Größe ausgezeichneten und durch ihre oberflächliche Lage auffallenden Findlingsblöcke die Aufmerksamkeit des Volkes erregt, sie sind deshalb auch vielfach der Anlaß zu Sagen gewesen. In der Mark Brandenburg sind am bekanntesten die beiden Markgrafensteine auf den Rauenschen Bergen bei Fürstenwalde, die aus einem gneisartigen Granit bestehen. Die losgesprengte 1600 Zentner schwere Hälfte des großen Steines ist im Jahre 1827 zur Herstellung der Steinschale im Lustgarten verwendet worden, die einen Durchmesser von 6,9 m hat. Der kleinere Markgrafenstein ist 3,7 m hoch und steckt noch 2 m tief in der Erde. Um seinen unteren Teil zieht sich in geringer Höhe über dem Erdboden eine breite flache Hohlkehle, die auf Windschliff zurückgeführt wird. Im Süden der Rauenschen Berge befindet sich in der Forst Pieskow am Scharmützelsee noch ein großer Block aus grobkörnigem grauem Granit, der 1,10 m aus der Erde emporragt. Seine Länge beträgt 3,8 m, seine Breite 3,2 m. Außerdem möchte ich hier noch den Helenenstein im Tiergarten bei Boitzenburg in der Uckermark erwähnen, einen groben, grauen, von einem Gang durchsetzten Granit, 5,6 m lang, 4,3 m breit, 2 m hoch.

In der Mark gehören jetzt solche hervorragende Blöcke zu den Seltenheiten, doch gibt es in der Gegend von Treuenbrietzen auf der nördlichen flachen Abdachung des Fläming noch eine Anzahl Granitblöcke von beträchtlicher Größe. Sie heißen die Schneidersteine, der Hirten-, Hasen-, Bismarck-, Schäfer- und Bischofstein, aber nur die drei letzteren scheinen in ihrer ursprünglichen Größe erhalten zu sein. Der größte von ihnen, der Schäferstein bei Luthersbrunnen, liegt auf Rietzer Gutsgelände. Er hat 12,3 m Umfang, 4,2 m Länge, 3,9 m Breite, 2 m Höhe, doch liegt der untere Teil noch tief in der Erde. Auch bei Poratz im Kreise Templin finden sich einige Riesenblöcke, von denen der eine der Opferstein genannt wird. Er liegt auf einer kleinen Anhöhe, von drei Eichen umgeben.

F. Wahnschaffe, Die Oberflächengestaltung des norddeutschen Flachlandes. Stuttgart, J. Engelhorn.

 

Einsame Kiefer

Von Hellmuth Neumann.

Einsame Kiefer – du und ich,
wir kennen uns beide!
Weißt du noch, wie ich zu dir schlich
über die todbange Heide,
weil mir der Glaube an Treue zerrann?
Bebend mein Herz ich an deines barg,
Und deine Kraft mich stilltröstend umspann,
Sinnbild der Mark,
Sinnbild der Mark und der Märker Sein,
du einsame Kiefer!

Treibst deine Wurzeln in den Sand hinein,
herrischstolz gräbst du sie tiefer.
Holst dir aus Dürftigkeit pochende Kraft,
reckst dich mit Inbrunst zum Lichte empor,
daß sich die knüpplige Vetternschaft
lang schon verlor.
Trotzig verlachst du des Sturmes Gebraus,
die zuckenden Blitze.
Zacken sie dir auch die Krone aus –
krächzender Krähen Sitze –
stolz stehst du da! – Und im lodernden Licht
streckst du dich himmelwärts, neu und neu,
gleich einem Gottsucherangesicht,
dir selbst getreu!

Einsame Kiefer – ich und du,
wir kennen uns beide!
Wirrt mich der Alltag, suche ich Ruh,
dann wandre ich über die Heide.

 

siehe Bildunterschrift

Kartoffelernte in der Mark. Nach einer Radierung von Adolph von Menzel (1844).

Märkische Menschen

Von Robert Mielke.

Die Mark Brandenburg im alten Sinne ist ein ausgesprochenes Kolonisationsgebiet, das durch die Dauer und die Ergebnisse dieser Entwicklung ganz einzig in der Menschheitsgeschichte dasteht. Ein so weitblickender Geschichtsforscher wie der Leipziger Universitätsprofessor Karl Lamprecht spricht es geradezu aus, daß die Germanisation der Slawenländer »ein wahrhaft erstaunlicher Vorgang, eine Großtat unseres Volkes während des Mittelalters« ist. »Während Habsburg im Süden im Besitz der Kaiserkrone verbleibt, wächst im Norden langsam Brandenburg hervor, durch welches der koloniale Osten zum Führer der deutschen Geschichte wird.« Wie in Nordamerika die Kreuzung der verschiedenen Zuwanderungen ein besonderes, praktisch beanlagtes, unternehmendes Geschlecht heranwachsen läßt, so haben wir in der Mark Brandenburg eine gleiche Erscheinung. Männer von hervorragend scharfem Blicke für das Naheliegende und Tatsächliche (Barfuß, Schöning, Arnim, Knobelsdorff, Knesebeck, Schinkel, Zelter, Fontane, Bismarck, dessen Wiege ja noch im politischen Verbande der alten Mark stand, u. a.) sind die Ergebnisse dieser Mischung, die sich in den Tagen der Not (Dreißigjähriger Krieg, Schwedenkriege) am glänzendsten bewährte. Wie groß die Anziehungskraft dieses Kampf, Arbeit, aber auch Lohn verheißenden »armen« Landes war, bezeugen die bedeutenden Männer, welche nach der Mark strömten, um im Dienste eines starken, weitblickenden Herrschergeschlechts Ansehen und Vermögen zu erwerben (Lynar, Derfflinger, Adam von Schwarzenberg usw.). Was die Großen dem Zeitgemälde in weithin sichtbaren Linien aufzeichneten, wurde durch die stille Arbeit am engeren Volkstum von den kleineren Adelsgeschlechtern ergänzt. Die Arnim, Bredow, Buch, Hake, Itzenplitz, Klitzing, Kracht, Marwitz, Pfuel, Plotho, Putlitz, Rochow, Röbel, Rohr, Schulenburg, Treskow, Wedell und wie sie alle heißen, sie fanden auf dem neuen Boden eine Heimat, in deren geistigem Leben manche von ihnen sich auszeichneten, in deren landschaftlichem Bilde die alten Familiensitze ein so kennzeichnendes Element sind. An Ansehen, Regsamkeit und zäher Schaffensfreude wächst in den Städten ein Bürgergeschlecht heran, das – ein weiteres Zeugnis des klarsichtigen märkischen Charakters – sich nur bedächtig den weltumspannenden Taten der Hansa anschließt, das sich im engeren Heimatlande zu politischer Wirkung stählt (Städtebund), sich selbst gegen höhere Gewalt auflehnt (Tyle Wardenberg, Wilke Blankenfelde) oder in starrer Entschlossenheit sich im Kampfe um »sein« Recht aufreibt (Hans Kohlhase). Und auch der Bauer verleugnet nicht sein Kolonenblut. Ob er immer mehr Ödländereien in fruchtbare Äcker umwandelt oder sich zum Schutze des Errungenen waffenstark zusammenschart (»Wir sind Bauern von geringem Gut und dienen unserem gnädigsten Kurfürsten mit unsrem Blut.« – Landsturm 1813), so weiß er stets sein Lebensziel mit der Heimat Wohl zu verbinden.

Auf solchem Boden konnte sich allein die große Reaktion des germanischen Volksgeistes vorbereiten und vollenden, die das Mittelalter abschließt: die Reformation, auf solchem Boden der Geist entwickeln, der die Schlachten von Fehrbellin, Leuthen, Waterloo und des Krieges 1870/71 schlug.

Archiv der Brandenburgia. 7. Band. Berlin, P. Stankewicz' Buchdruckerei.

 

Das Wendenvolk

Von Dr. R. Foß.

Von den ersten Bewohnern der Mark, den Semnonen und Longobarden, sind uns weder Bauwerke noch Ortsnamen hinterlassen worden. Sie haben sich so vollständig mit den im 6. Jahrhundert eindringenden Wenden vermischt, daß nur noch die im Volksaberglauben lebendigen Reste der alten, deutschen Mythologie an sie erinnern. Man könnte dagegen einwenden, daß diese Anschauungen erst durch die eingewanderten Deutschen mitgebracht und verbreitet seien. Sobald man aber erfährt, daß in ganz bestimmt und genau abgegrenzten Strichen auch bestimmte heidnische Gottheiten in den Sagen auftreten, wird man diese Ansicht als unhaltbar fallen lassen, da man ja nicht Massen von Ansiedlern aus bestimmten Gegenden Deutschlands als abgeschlossene Korporationen in die einzelnen Striche der Mark verteilte, vielmehr die Ansiedelung meist sporadisch erfolgte. Lebendige Erinnerung an das Heidentum finden wir besonders in den Sagen, welche von den Zwölften, d. h. den Tagen zwischen Weihnachten und dem heiligen Dreikönigstage, handeln. In dieser Zeit zieht Frau Gode (Fro Gode, d. h. Herr Wodan) in der Prignitz umher und verunreinigt den Flachs derer, die nicht abgesponnen haben. In der Uckermark herrscht die Frau Frick (Frigg) und südlich von Templin und Angermünde in der Mittelmark bei Potsdam, Jüterbog, Wittenberg und Torgau Frau Harke. Südlich von dieser Gegend tritt an die Stelle der deutschen Gottheiten eine wendische, die Frau Murraue oder Murawa. Die Erinnerung an Wodan ist in der ganzen Mark lebendig, doch heißt er in der Mittelmark schlichtweg der wilde Jäger, in der Uckermark jagt für ihn Frau Frigg, in der Prignitz und im nördlichen Teile der Altmark kennt man ihn unter dem Namen Woden, im südlichen Teil der Altmark als Helljäger.

Mit Ausnahme dieser Anklänge ist uns von den deutschen Urbewohnern nichts geblieben; wir sehen demnach die Slaven als solche an. Und wie oft werden wir an sie erinnert! Eine Menge Namen, die wir täglich gebrauchen, finden ihre Erklärung in der Sprache dieses Volkes. Auch ihre Bauten erhalten ihr Andenken. Die Wenden wohnten nicht gern einsam auf stolzer Bergeshöhe, sondern zogen auf waldbewachsene, schilfumbuschte Eilande, die von tiefen Seen und Brüchen umgeben zugleich Schutz und Unterhalt gewährten. Deshalb haben sie uns keine hohen, herrlichen Burgen als Denkmäler ihrer Vergangenheit hinterlassen, wohl aber die eigentümliche Bauart ihrer Dörfer bis auf den heutigen Tag bewahrt. Der Sachse hauste einsam inmitten seiner Felder als König und Herr seiner Familie, der Wende, ein gehorsamer Slave, wohnte unter seinem Croll, Knees, Szupan oder Woywod gern enge zusammen mit seinen Brüdern. Seine Dörfer bilden ein längliches Viereck, dessen eine schmale Seite geöffnet ist. So nahe stehen die Häuser, daß eine Feuersbrunst sich leicht dem ganzen Dorfe mitteilt, weshalb denn die Regierung bei jedem neuen Aufbau eines Dorfes diesem Übelstande entgegentritt. Inmitten des Dorfes liegt dann häufig ein Teich, von Linden oder anderen Laubholzbäumen eingefaßt. Solche wendischen Dörfer finden sich namentlich im Kreise Stendal, wo auch noch vor 100 Jahren wendisch gesprochen wurde, in großer Menge.

Zuerst ist die Nordmark germanisiert worden. Die Städtenamen darin sind zum Teil deutsch, wie Salzwedel gleich Salzquell; zum Teil noch wendisch, wie Gardelegen. Gart oder grod nämlich bedeutet Stadt, deshalb Stargard Altstadt, Naugard oder Nowgorod Neustadt. Die adligen Familien sind wohl meistens deutschen Stammes, selbst wenn sie wendische Namen führen. Durch die neueren Untersuchungen ist es mit Sicherheit festgestellt, daß die Familiennamen des Adels erst Ende des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts entstanden und meist von den Besitzungen entlehnt sind. Daher ist es zu erklären, daß deutsche Familien wendische Namen führen, wie auch andererseits sich der umgekehrte Fall denken läßt.

R. Foß, Die Mark Brandenburg, ihre Natur in charakteristischen Zügen und deren Einfluß auf Geschichte und Leben der Einwohner.

 

Das märkische Dorf

Von Robert Mielke.

Während die Provinz Sachsen mit ihrem westlichen Teil noch altgermanisches Land ist, gehört der östliche Teil und Brandenburg überwiegend in das Kolonisationsgebiet. Mehr oder minder ist das Land erst in dem 12. und 13. Jahrhundert mit Dörfern besetzt worden, die – ursprünglich durchaus frei – doch an dem Niedergang des Bauerntums in starkem Maße beteiligt waren. Die Fürsten riefen Ansiedler aus dem Westen, hauptsächlich Flamen, ins Land, die sich dorfweise niederließen. Persönliche Freiheit, Vererblichkeit und Veräußerlichkeit des Bauerngutes waren ihnen gewährleistet. Auch die ritterlichen Geschlechter, welche slavische Dörfer oder Ansiedlungen auf Ödland erhielten, stellten dieselben Freibriefe aus. Vom Anfang des 16. Jahrhunderts indessen verloren die Bauern ihre unmittelbaren Beziehungen zu den Landesherren dadurch, daß diese die landesherrlichen Rechte immer weiter an die Ritterschaften veräußerten, welche ihrerseits die Bauern durch Fronen bedrückten, sie unter Umständen durch Auskauf verdrängten und schließlich die übrig gebliebenen durch Verbot des Fortziehens, durch Heiratszwang und den Dienstzwang der Kinder immer mehr der Leibeigenschaft entgegentrieben. Das Land verödete mehr und mehr; die Bauerndörfer verschwanden zum Teil in den vielen Kriegen, zum Teil durch Auskauf; die Rittergüter nahmen an Zahl und Größe zu. Für die alte Mark Brandenburg liegen Berechnungen vor, die die Verschiebung des Besitzes veranschaulichen. Während um 1300 die Rittergüter in der Altmark im Durchschnitt 3¾ Hufen besaßen, waren sie 1337 in der Uckermark auf 6¼, in der Mittelmark 1375 auf 7½ und 1337 schon in der Neumark auf durchschnittlich 8½ Hufe gestiegen. Daraus ergibt sich die verheerende Wirkung dieses Jahrhunderts, zugleich aber auch die zunehmende Größe der Güter im Osten. Das mußte auf den Charakter der ehemals großen Bauerndörfer erheblich einwirken.

Nördlich sind beide Provinzen zumeist mit deutschen Dörfern besetzt. Es sind, abgesehen von wenigen slavischen Rundlingen, Straßendörfer, in der Mitte des Angers die granitne oder backsteinerne Dorfkirche (vgl. d. Taf.), deren breiter, sattelgedeckter Turm bisweilen zur Verteidigung eingerichtet ist, in der Runde Gehöfte, welche ursprünglich wohl das alte Sachsenhaus enthielten. Heute ist es auf den Westen der Altmark und den Norden der Prignitz beschränkt; aber noch läßt sich sein altes Verbreitungsgebiet durch die ganze Mittelmark bis Pommern umgrenzen. Es ist auffallend, daß noch heute viele dieser Sachsendörfer, wenn man sie so nennen darf, große Bauerndörfer sind im Gegensatz zu den vielen gutsherrlichen, welche in der Regel das Sachsenhaus durch ein Langhaus ersetzt oder es in seiner Grundlage verändert haben. Allerdings haben auch die Gutsherren, welche häufig mitten in Bauerndörfern sitzen – bisweilen mehrere Familien zugleich – dem Dorfe wie dem Gutshofe ein architektonisches Element beigesteuert, das zu dem schönen Bilde mancher Siedlung erheblich beiträgt. Unser ostniederdeutscher Adel ist früher nicht in der Lage gewesen, und wenn er es gewesen wäre, hätte er wenig Neigung verspürt, inmitten seines Gutshofes große Paläste zu errichten. Nein, im Gegenteil! Er lehnte sich bei seinen Bauten unmittelbar an die Umgebung an, errichtete Scheuern und Ställe wie seine Bauern, ein wenig größer, wie es sich für den gesteigerten Wirtschaftsbetrieb nötig machte, ein wenig massiver vielleicht, und dann setzte er sein etwas geräumigeres ein- bis zweistöckiges Wohnhaus mitten hinein. Gewöhnlich schloß sich noch ein Park an.

Eine durchaus konservative Stimmung lagerte über dem Gutsdorf wie über dem Dorf, die ihm glücklicherweise auch heute noch geblieben ist. Ob das Holz von dem Fachwerk und dem Ziegel abgelöst ist, stets bleibt das Haus ein schlichtes Bauwerk, das Dorf ein echtes Tieflanddorf mit Anger und Teich, in den alte Weiden, Linden oder Kastanien hinunterschatten, den freundlichen, von Holzgattern – stellenweis von Granitfindlingen – abgeschlossenen Vorgärten und den strohgedeckten Häusern. (Vgl. d. Taf.) Alles ist breit angelegt, auseinandergezogen, alles unter Baumkronen versteckt. Die alte Dingstätte hat sich an manchen Orten erhalten, meistens unter der uralten Linde, in deren Gezweig wundersame Märchen und Sagen flüstern. So manche Friedenstat ist unter ihren Zweigen beschlossen, aber auch manche Untat gesühnt worden. Denn nicht nur das Feldgericht hielt hier seine Sitzungen ab, um die gemeinsamen Dorfangelegenheiten wie Bau und Veränderung von Wegen, Triften, Gehegen, Brücken und Gräben, Verkäufe, Bestellungen u. a. zu ordnen, sondern oft auch sah der Baum das Urteil an Missetätern oder an solchen, die man dafür hielt, vollstrecken. Und treten wir auf den Kirchhof, der die in märkischen und sächsischen Dörfern selten fehlende Kirche umgibt und nach dem Anger durch eine Mauer abgeschlossen ist, dann erzählt uns auch der durch den jahrhundertelangen Gebrauch erhöhte Boden nicht nur vom Vergehen der Geschlechter, sondern auch von Friedenstaten, die sich auf seinem Rasen ereigneten, namentlich von den gemütlichen Morgensprachen am Schlusse des Gottesdienstes.

In den ehemals wendischen Gebieten, d. h. im östlichen Zipfel Sachsens und dem Südosten Brandenburgs, sind die Dorfhäuser noch heute im Blockbau, jener urtümlichen, einst allgemein angewandten Bauart Nordosteuropas errichtet, die sich nicht selten auch auf die Kirche erstreckt. Aber auch solche Hütten, von denen der Schweizer Servetius um 1550 sagte, daß die Landbauern der Mark in ihren aus Lehm und Holz erbauten, kaum aus der Erde hervorguckenden, mit Stroh bedeckten einzelnen und zerstreuten Hütten wohnen, sind längst noch nicht alle verschwunden, sondern sind in den ärmlichen Dörfern des Ostens – namentlich der feuchten Flußniederungen – erhalten. In den behäbigeren Bauerndörfern, in der reichen Magdeburger Börde, einzelnen Strichen der Altmark, in der Prignitz u. a. ist dagegen eine gewisse Baufreudigkeit zu verfolgen, die sich namentlich im 18. Jahrhundert bemerkbar macht. Prächtige Bauernhöfe haben besonders die Lenzer Wische an der Prignitzer Elbniederung. An anderen Stellen, wie in den von der Plane und Nuthe durchflossenen Niederungen, wo sich der Einfluß der ehemals klösterlichen Grundherrschaft Lehnins nur schonend bemerkbar machte, sind gleichfalls prächtige Bauernsitze entstanden, die für Brandenburg einen Höhepunkt der baulichen Entwicklung bedeuten. Ist freilich die Entfaltung durch die Grundherrschaft gehemmt, dann beschränken sich die Bauern auf bescheidene Zweckbauten, die aber gerade durch ihre Schlichtheit und die altertümliche Anlage auch diesen Dörfern einen malerischen Reiz verleihen, der erhöht wird, wenn – wie so häufig – die baumreiche Natur das Dorf in ihren Schatten nimmt. Indessen bergen selbst die gutsherrschaftlichen Dörfer, die eigentlich nur aus Tagelöhnerwohnungen bestehen, manche Schönheiten, welche den modernen städtischen Bauarten weit überlegen sind.

siehe Bildunterschrift

Strohgedecktes Haus, Dorfbild aus der Mittelmark

siehe Bildunterschrift

Alte Granitkirche in Reinsdorf, Kreis Jüterbag

Wer die Poesie des Dorfes überhaupt empfinden kann, findet sie auch auf dem ärmsten Boden. Friedlich lagert es sich in den Mulden des uralisch-karpathischen Höhenzuges, spiegelt es sich in den vielen blauen, schilfumgürteten Seen oder träumt weltverloren im Schatten dichter Wälder. Trotz aller Drangsale der Kriege oder der Bedrückungen seitens der kleinen Grundbesitzer, gegen die unter anderm selbst die Hohenzollern bis zu Friedrich dem Großen machtlos waren, haben der Märker und der Sachse ihr Heimatland geliebt und es gegen auswärtige Feinde verteidigt. Es ist nicht die laute Freude des Pfälzers oder das stolze Selbstbewußtsein des Friesen, noch auch die zähe Beharrlichkeit des Niedersachsen, die den Märker an sein Dorf ketten, sondern die stille Selbstgenügsamkeit ernster Arbeit, welche die verschiedenen Volksstämme ihrem Heimatboden einwurzelten.

R. Mielke, Das deutsche Dorf. (Aus Natur und Geisteswelt). Leipzig. B. G. Teubner.

 

Weinbau und Bierbrauerei in der Mark

Von Graf N. Rehbinder.

Das norddeutsche Klima muß in früheren Jahrhunderten wesentlich milder gewesen sein als in unseren Tagen. Wir wissen, daß der Deutsche Ritterorden nicht nur in Preußen, sondern auch in Livland ausgedehnten Weinbau betrieb, und daß der Tropfen, der dort erzeugt wurde, selbst den ritterlichen Herren aus dem weingesegneten Frankenlande wohl mundete. Im 16. und 17. Jahrhundert erfreute sich auch die Mark Brandenburg einer lebhaften Kultur der edlen Rebe, und vorzugsweise die in der Umgebung Frankfurts gewonnenen Traubenprodukte genossen eines ausgezeichneten Rufes. »Märkische Weine,« sagt der Chronist, »so sie aus recht reiffgewordenem oder wenigstens, so wie von besonders ausgelesenen reiffen Beeren sind gepreßt worden, haben dieses an sich, daß sie sich mit zunehmendem Alter vast (sehr) verbessern und öffters vor Rhein-, Neckar- und Frankenwein sind getrunken worden. Ja, der Wein von Frankfurt, so sie dortselbst an den Ufern der Oder zu ziehen wissen, ist ein fein und lieblich Getränk, und viele Kaufleute, vornehme Herren, Fürsten und Magistrate haben Weine von 50, 100, 200 und mehr hundert Jahren alt in ihren Kellern liegen.«

Man baute sowohl weiße als auch rote Arten, von ersteren insbesondere die sogenannte »Groß-Fränkische«, von der anderen die »Klebrote« Traube. Aber auch Reben französischer, italienischer und spanischer Herkunft akklimatisierten sich schnell, »sind auch gar wohl geraten und ohne sonderbahre Cultur vor andern auch nach Gelegenheit der Jahre zeitige und sehre liebliche Trauben gebracht«. Der Frankfurter Universitätsprofessor Wolffgang Jobst, »der Artznei Doctor« berichtet, daß er am 23. Juni »Alten Styli« des Jahres 1683 im Universitätsgarten an den »frühzeitigen Frantzwein-Stöcken ... ohne Hülfe der Gläser« bereits viele reife Trauben gesehen habe, »die auch in der Margariten-Messe wegen der Wespen haben müssen abgeschnitten werden«. Übrigens wurde die Traube, von der hier die Rede ist, vorzüglich als Tafeltraube kultiviert, da der aus ihr gekelterte Wein zwar nicht an Wohlgeschmack, wohl aber an Dauerhaftigkeit weit hinter dem Erzeugnis des einheimischen und akklimatisierten Stockes zurückblieb.

Die zahlreichen Weinberge breiteten sich im Südwesten und Norden der freundlichen Oderstadt aus, während östlich weite Flächen von Obst- und Küchengärten bedeckt waren. Aus der Winzerei entwickelte sich bald eine lebhafte Nebenindustrie. So fabrizierte man »aus dem Neugepreßten Most und Senf einen angenehmen Möstricht, welcher weit und breit gerühmet und auf viele Meilen Weges verführet wird«. Man stellte Weingeist und Weinessig her und handelte mit dem allbeliebten »Würzwein«, welcher unter dem Namen Hypokras oder Lautertrank damals auf keiner Tafel fehlen durfte. Der Ausschank des Weines stand unter strenger behördlicher Kontrolle, und Weinpanscherei jeder Art unterlag schwerer Strafe. In der Fachordnung hieß es: »Es sollen sich auch die Räthe in den Städten, so des Weinschenkens allein berechtiget, dahin befleißigen, daß sie jederzeit, nach Gelegenheit des Ortes, einen guten Trunck Weines im Hause haben ... Zum Andern soll die Obrigkeit zu verhüten suchen, daß von den Weinschenken nicht besserer und schlechterer (Wein) vermenget, oder mit anderen Materien verfälscht und angeschmiert werde ...« Gleicherweise wurde streng auf richtiges Maß und angemessenen Preis geachtet: »Der Rath soll auch ferner fleißig dahin sehen, (daß) den Leuten rechte Maß und Ohme gegeben werden,(und) daß die Weinschenken den Wein um rechtmäßigen und billigen Preiß verkauffen ...« Die Kontrolle lag in den Händen amtlicher Weinkoster oder »Weinmeister, welche die Weine probieren und kosten, und, wenn sie verfälschte finden, solche entweder gar nicht oder um geringeren Preiß verschenken lassen«. Die alten Frankfurter müssen ein zechfreudiges Völkchen gewesen sein, denn die »Weinmeister« waren so zahlreich, daß sie gemeinsam mit den Fischern in den Vorstädten eine mit besonderen Rechten und Privilegien ausgestattete Gilde bildeten.

Einen großen Bestandteil der Besucher von Weinschenken und »Herrenstuben« stellten ohne Zweifel die flotten Musensöhne der »Viadrina«, doch bevorzugte man im allgemeinen in jenen Kreisen den edlen Gerstensaft, die »Cerevisia«, welche zu allen Zeiten der akademische Ehrentrunk gewesen ist. Auch an diesem süffigen Stoff bestand in der schönen Oderstadt kein Mangel. Schon Wolfgang Jobst rühmt anno 1560 die »ausgelegenen alten Mertz-Biere« seiner Zeit, und das »Bernauer Bier« genoß bereits früher einen Ruf, der weit über die Grenzen der Mark hinausreichte. Diesem berühmten Gebräu stand das Frankfurter Bier schon im 16. Jahrhundert gleichwertig zur Seite, »und hat mancher,« sagt der Vorige, »der sonsten die Biere wohl zu verstehen vermeynet, ein ausgelegnes Franckfurtisches Bier vor ein Frembdes getrunken«. Man braute sowohl Doppelbier als auch Braun- und Weiß- oder Weizenbier. Die Doppelbiere, aus Gerstenmalz und Hopfen stark eingebraut, waren die kräftigsten und insbesondere bei der akademischen Bürgerschaft beliebtesten. »Sie geben«, meint der Chronist, »gut Geblüt, solvieren den Stein und machen dessen Säugenden gute Milch.« Ihrer heftigen »Stoßkraft« wegen nannte man diese Biere »Büffel«. Die dickflüssigen Braunbiere der damaligen Zeit, die durch die »Braunschweiger Mumme« weltbekannt geworden sind, waren scharf und bitter. »Je bitterer ein braun Bier ist, je wärmer ist es, und daher kommt es auch, daß es so leicht trunken und dem Haupte sowohl als dem Leibe mehr Beschwerungen machet denn der Wein, insonderheit, wenn gewinnsüchtige Brauer, den Hopfen zu sparen, Scharley (Scharlachkraut, wilde Salbey), Kühnpost (wilder Rosmarin), ja Kühnruß und Ochsengall mit in das Bier nehmen, womit der Gesundheit hefftig geschadet wird.« Von einer derartigen Fälschung hat man in Frankfurt nie etwas vernommen, vielmehr wetteiferte die dortige Brauindustrie auch in diesem Erzeugnis erfolgreich mit der berühmten Nebenbuhlerin Bernau.

Das Weizenbier endlich hatte sich durch den in Königslutter gebrauten vortrefflichen »Duckstein« über Helmstedt auch an der »Viadrina« die akademische Bürgerschaft erobert. Freilich begnügte sie sich mit dem einheimischen Gebräu, »welches, wenn es alt worden, an Klarheit und Farbe dem Wein gleichet« und den Wettbewerb mit dem Duckstein nicht zu scheuen brauchte. »Das weiße Bier«, sagt der Chronist, »ist am gesundesten zu trinken, nur muß es nicht zu jung und nicht zu alt sein, klar und viel Gischt geben, wenn es eingeschenket wird; es muß auch sein gelblicht aussehen und einen scharffen, angenehmen Geschmack haben.«

Im Jahre 1685 gründete Christian Konstantin Beckmann in dem vor den Toren der Stadt gelegenen »Carthause«, dem ehemaligen Karthäuserkloster, deren Verwalter er war, eine Bierbrauerei, die sich im Fluge einen glänzenden Ruf erwarb und »nach der Zeit nicht nur von der Universität Verwandten und andern in der Stat gebrauchet, sondern nach der Königl. Residence und anderen Stäten geführet, auch von S. Königl. Maj. (Friedrich Wilhelm I.) selbst an dero Tafel beliebet worden.« Auch bei den Tabakskollegien wurde außer dem Bernauer Bier noch das Frankfurter Karthäuserbräu ausgeschenkt. Jedoch scheint das einheimische Erzeugnis den durstigen Frankfurter Kehlen nicht genügt zu haben, denn es wurden neben ihm eine erkleckliche Anzahl fremder Biersorten verzapft. Am beliebtesten waren das Bernauer, Zerbster und Fürstenwalder Bräu, doch trank man auch die Biere von Brietzen, Kottbus und Forst. Der schlesische Geschichtsschreiber Jakob v. Schickfuß und Neudorff (1571 bis 1637) berichtet in seiner schlesischen Chronik, »daß vor diesem auch das Schwiebusser Weitzenbier stark nacher Franckfurt abgeholet und im Statkeller verschencket worden. Als aber anno 1585 die Peste zu Franckfurt starck regieret, und einen weg als den anderen selbiges ihnen aus der Stat abzuschicken, und ins freie Feld abzugewehren begehret worden; so hätte solches aus Furcht der Infection der damals anwesende Hauptmann zu Schwiebuß verweigert, worauf der Raht zu Franckfurt hernach solche Abfuhre, weil man in der höhesten Noth ihnen das Bier versaget, gäntzlich eingestellet.«

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