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Unsere märkische Heimat

Richard Nordhausen: Unsere märkische Heimat - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
authorRichard Nordhausen
titleUnsere märkische Heimat
publisherFriedrich Brandstetter
printrunDritte, neubearbeitete Auflage
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130814
projectid88b80e77
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Altmark

Tangermünde

Von Alfred Karrasch.

Bernau, Brandenburg, Prenzlau, die andern, sie sind durch ihre alten Kiefern, zerbröckelten Mauern, Türme und Tore geadelt, adlige Städte der Mark.

Aber nur ritterlich Volk gegenüber Tangermünde, der Königin.

Denn das ist sie, diese altmärkische Stadt. Mit ihren Patrizierhäusern, deren Fassaden altmeisterlich-prunkvoll verschnörkelt sind. Mit ihren Türmen und Toren, die eine erwählte, erlesene Baukunst besonders gefürstet hat. Mit ihrer Burg, mit ihren Wassermauern, die jäh und mächtig zur Tanger abstürzen.

Tangermünde, die Königin. Deren Schleppe die im Dunst der Horizonte verflimmernde Elbe ist.

*

Tangermünde, die tausendjährige, Tangermünde, die Kaiserstadt.

Vielleicht hat sie Karl der Große gegründet, vielleicht. Denn ihre alte Geschichte verliert sich im Grau der Zeit und ist nicht in Pergamenten bewahrt und verzeichnet.

Heinrich I. erbaute ihre Burg. Der Graf von Gardelegen, der Enkel Albrechts des Bären, ihre Stephanskirche. Otto mit dem Pfeil und seine Gattin Heilwig brachten den ersten Glanz des Geistes in Burg und Stadt.

Ihr Glück, ihr Aufstieg, ihre Blüte waren die fünf Jahre kaiserlichen Vergnügens, mit dem Karl IV. hier 1373 bis 1378 Hof hielt. Hier wurde sie Kaiserstadt, Stadt der glänzenden Feste. Und Zollstadt am wichtigen, völkerverbindenden Schiffahrtswege vom böhmischen Prag zum Meere.

Sie stand noch im Licht, als Friedrich, der erste Zoller, hier residierte. Dann stieg unaufhaltsam Kölln-Berlin auf, und ihre Bedeutung versank.

Kamen die Schweden und zerschossen die herrliche Burg. Legte, unwiederbringliche Schönheit zerstörend, am 13. September 1617 die Feuersbrunst, von Buben entfacht, die Stadt in wenigen Stunden in Asche. Folgten Jahrhunderte im kargen Gleichmaß eines unfrohen Alltags.

Dann nahm eine fürstliche Industrie hier Residenz.

Dann schenkte Kaiser Wilhelm II. der Stadt seine Neigung. Die geborstenen, zerstörten Türme und Tore wurden behutsam zurechtgebaut. Die Schönheit der Stadt blühte auf. Großes war noch geplant – – –

Tangermünde, die alte Kaiserstadt, deren Zinnen und Mauern von glänzenden Tagen ihrer und deutscher Geschichte erzählen ...

*

Wie mit ausgebreiteten Armen empfängt die Stadt den Zug, der als Nebenbähnle gemächlich schnaufend und schellend von Stendal kommt.

Im Norden, zur linken Seite ragen die Schlote der Industrie Tangermündes, der Zuckerraffinerie, die als die größte Deutschlands, Europas berühmt ist, der Konserven-, Marmeladen- und Schokoladenfabrik. Rechts vom Zuge warten über der Kulisse von Bäumen und Häusern die alten Türme. Die Türme der Kirchen, der Tore und der toll befremdliche, riesige, abgeschnittene Steinfinger des Schrotturms.

*

Ein liebenswürdiger Buchhändler und Verleger, der Verleger der Literatur über Tangermünde, selbst ehedem ein Landfremder, aber längst ein begeisterter Verehrer der Stadt, in der er seit fast einem Menschenalter wohnt, führte mich. Und sein Auge ließ den Geführten Dinge sehen, die er sonst unter der Fülle wohl nicht bemerkt hätte.

Das Rathaus. Ein Bau von edler, gotischer Kunst. In seiner Stirnfront zwei mächtige Räder von Ornamenten.

»Was Sie aber angesichts dieser Ornamente nicht werden ahnen können, ist dies: ein Fachmann, ein Gelehrter, der einmal hierherkam, um die Ornamente zu untersuchen, ließ sich hier hinauf ein Gerüst bauen und stellte es fest. Diese mächtigen Räder von Ornamenten waren ursprünglich steinerne Platten. Der Künstler, der Baumeister, sägte aus ihnen die Schnörkel heraus. Man denke, mit einer Stichsäge. Nicht wahr, das sind schon Museumsstücke.«

Museumsstücke. Das ist ein Wort. Man hat, wenn man die Stadt durchstreift, überhaupt den Eindruck, durch ein seltsames, lebenerfülltes, schönes Museum zu wandern.

*

Das Neustädter Tor. Ein breitbäuchiger Riese von Turm, der seine Lenden mit dem Schurzkranze eines Wachganges gegürtet hat. Bunte Wappenblenden über dem Bogen des Tores, von dem Pechnasen, Pechgiebel zum aufschauenden Betrachter herunterragen. Mit unendlicher Liebe hat man hier restauriert. Und mit schönem Verständnis, das achtungsvoll sich an das Alte, aus Pergamenten Überlieferte hielt. »Eines der schönsten altdeutschen Stadtbilder«, wies der Führer hin. Es ist nicht zuviel gesagt. Um diesen einen Anblick wäre Tangermünde einer schönheitssuchenden Wallfahrt würdig.

Als wir bewundernd hier unter dem Tor standen, kam ein alter Tangermünder vorbei, der seine zitternde Hand, die den Knauf eines Stockes umfaßt hielt, hinweisend nach der merkwürdigen Gestalt des nahen Schrotturmes hob: »Und vor allem vergessen Sie nicht, die Geschichte vom Turm und der Wette zu erzählen!«

»Was war das mit dieser Wette?«

»Der alte Herr hat jetzt seinen Vormittagsspaziergang beendet. Er soll Ihnen selbst die Geschichte erzählen. Ich werde Sie in sein Haus führen. Sie werden mir dankbar sein.«

*

Der Fahrweg senkt sich hier sanft zur Tanger ab. Wir schritten über die kleine Brücke und hinaus auf den hohen Elbdeich, um von hier das Bild des hoch aufragenden Tangermündes mit Entzücken genießen zu können.

Wie wundervoll ist, von hier aus geschaut, die Stadt! Das Gewirr der kleinen Häuser und Gärten aus der Höhe des Elbufers. Die riesigen Spieße der Türme, die dazwischen, dahinter aufgepflockt sind. Die Wassermauern, die sich als ein wuchtiges Steingefälle zum Ufer der Tanger, der Elbe stürzen.

Die kleinen und schmalen Ausfallstore. Der Puttinnengang. Das Gewölbe des Roßfurt. Die Armenwohnungen in den Stadttürmen, die wie zum Träumen, Dichten geschaffen sind. Und hoch auf der Höhe die Burg.

Hier, unter den alten Kastanienbäumen, stiegen wir auf. Zum Bronzedenkmal, das auf der Höhe steht. Zum Kapitelturm, der ein Speicher war. Vor der Höhe der Bastion schauten wir über den Elbstrom ins Land. Mein Führer reckte die Hand: »Dorthinüber Schönhausen, in dem Bismarck geboren wurde. Hier, dort, die Türme der Prämonstratenserkirche von Jerichow. Dort unten, wo die Fähre über den Strom geht, warf, wie die Sage erzählt, Derfflinger sein Felleisen wütend zur Erde und wurde Soldat.«

Eine unendliche Weite des Blicks, über die Wiesen der Elbniederung, von denen der Nebel des unfrohen Tages aufdampfte.

*

Unwiderbringlich Schönes muß hier damals durch den großen Brand zerstört sein, den Gesindel entfachte und den ein armes, unschuldiges Weib, dem sie auf der Folter ein Bekenntnis abgerungen, mit dem Tode büßte. Denn was man damals retten konnte und was noch besteht, ist von einer hohen, adligen Kunstbarkeit.

Die alten Patrizierhäuser in der Kirchstraße, diese Häuser eines märkischen Nürnberg. Diese Giebel und Türen und Kirchen und Klosterruinen.

Dann, in der Kirchstraße besuchten wir ihn. Er wohnt in einem der alten Patrizierhäuser. Er kam uns, auf seinen Stock gestützt, entgegen. Mit der fröhlichen Mitteilsamkeit und Bereitwilligkeit, die er schon bei seinem Zuruf unter dem Neustädter Tor zeigte. Er öffnete uns mit Stolz die Tür zu dem Zierzimmer seines Hauses. Und hier in seinem Milieu von Biedermeiermöbeln, Zinnkrügen, vergoldeten Tassen, Öllampen und zierlichen Porzellanen erzählte er die Geschichte vom Schrotturm, diese Geschichte, die ihm einer besonderen Aufmerksamkeit wert schien.

Zwei Tangermünder saßen in alten Zeiten beim Wein. Sprach der eine: ich wette. Sprach auch der andere: ich wette. Sie wetteten, und der neugierige Wirt setzte, ohne den Streit der Wette zu hören, dagegen. Und immer noch eins dagegen. Und immer noch eins dagegen. Und war damit einverstanden, daß die Wetter die Zeche erst nach Ausgang der Wette bezahlten.

»Und worauf hatten die beiden lustigen Vögel gewettet?« fragte blinzelnd der alte Herr. »Darauf, ob, wenn er einmal fiele, der Schrotturm nach links oder nach rechts hin zusammenstürzte. Und so ist denn der Wirt noch heute nicht bezahlt. Denn der Schrotturm steht noch. Ja ja, Tangermünde steht immer noch.«

Hier, ob's wohl der alte Herr kaum merkte, schien mir das anrührend Tiefe seiner Erzählung zu liegen. Ja, Tangermünde steht noch. Mit seinem Burgplan, seinen Mauern, Kirchen und Türmen.

Tangermünde steht noch, die alte Kaiserstadt. Und sie wird stehen, über Zeitschnörkel der Geschichte. Sie wird stehen, Tangermünde, die alte Kaiserstadt ...

In der Einfahrt, dieser schmalen Einfahrt zur Burg, über dessen Tor in einer Blende ein uralter heraldischer Adler die Schwingen und Fänge spreizt, hier war das hohe Dinggericht der grauen, vergangenen Zeiten.

Man schloß die Torflügel. Dann saßen hier die gefürsteten Richter. Hierher, zu einem harten Urteilsspruch, führte man die Gefangenen aus dem Turm.

Ein Gefängnisturm. Ein Zuchthausturm. Ein mächtiges Tier von Turm, bis unter sein Dach mit elend engen Zellen durchsetzt.

Die jäh steilen Treppen, die Beschließer mit abgehärmten, lichthungrigen Gefangenen oft hinaus- und herumstiegen, kletterten auch wir empor. Bis zu den höchsten Mauerlöchern, deren enge, grausame Schächte noch zu allem von schweren Eisenstangen versperrt sind.

Hier, die Hand ums rostige Eisen gelegt, blicken wir nieder ins Land. Ins Land, das die Sehnsucht der armen Gefangenen durcheilte. Über dem mit verschwenderischem Lichte jetzt eine plötzliche Sonne stand ...

*

»Aber Sie sahen Tangermünde nicht, haben Sie es nicht bei Mondschein gesehen.«

Regie! Am Abend lag ein süßes Mondlicht über der Stadt.

Aus dem sich mit dunkelglühenden Augen die Türme hoben. Das sich mit milden Strömen in die Roßfurt ergoß. Das in den Gärten und auf den Dächern der kleinen Häuser lag. Das von dem Ewigkeitsbau der Mauer spülte. Nebeldampf, der im Mondlicht leuchtete, füllte die Elbeniederung.

Ich schritt hinaus auf den Deich.

Der Strom glänzte. Hinter ihm hob sich Tangermünde, die Märchenstadt.

 

Der Mittelpunkt der Welt

Von Adalbert Kühn.

In Poppau, einem Dorfe nördlich vom Flecken Klötze, ist der Mittelpunkt der Welt; die Kette, womit das ausgemessen wurde, liegt schon seit langen Jahren in einem kleinen Teiche am Ausgange des Dorfes nach Grieben zu unter einem Stein, der gar wunderbar kantig und spitzig gestaltet ist und über das Wasser hervorragt. Vor einigen Jahren wollte man nahe am Teiche ein Haus bauen und dämmte ihn daher an der einen Seite zu, da hat denn einer der Bauern ein Stück der Kette gefunden, das war von Eisen und hatte Ringe, etwa so groß wie die einer Halfterkette. – In der Nähe des Dorfes liegt auch ein Stein, wenn der den Hahn krähen hört, dreht er sich dreimal um.

siehe Bildunterschrift

Tangermünde: Die Roßpforte an der Elbe.

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