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Unser Herz

Guy de Maupassant: Unser Herz - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleUnser Herz
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume18
year1917
printrunFünftes Tausend
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060127
projectidb707c6ad
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III

Er war totunglücklich, denn er liebte sie. Anders wie die gewöhnlichen Verliebten, denen die Frauen, die ihr Herz erwählt, als Gipfel der Vollkommenheit erscheinen, hatte er sich gewöhnt, sie mit seinen männlich- klaren, argwöhnischen Augen zu betrachten, als einer, der nie ganz unterjocht worden ist. Sein unruhiger, alles zersetzender etwas indolenter Geist, der sich im Leben immer in der Vertheidigungsstellung befand, hatte ihn vor einer Leidenschaft beschützt. Ein paar kleinere Verbindungen, zwei kurze Verhältnisse, die vor Langeweile allmählich aufgehört hatten, und bezahlte Liebe, die er aus Ekel aufgegeben, mehr stand auf dem Blatte seines Herzens nicht. Er betrachtete die Frauen, als praktisches Mittel einen Hausstand zu erhalten und Kinder, zugleich als angenehmen Gegenstand für diejenigen, die liebebedürftig sind.

Als er bei Frau von Burne eintrat, war er schon durch alle Geständnisse seiner Freunde vor ihr gewarnt. Was er davon wußte, interessierte ihn, gefiel ihm, aber stieß ihn ein wenig ab. Im Grunde genommen liebte er die Spieler nicht, die nie zahlen. Nach den ersten Begegnungen hatte er sie sehr amüsant und lebhaft, von einem besonderen, ansteckenden Reiz gefunden. Die natürliche und gepflegte Schönheit dieser feinen, schlanken, blonden Person, die zugleich voll und schlank schien, mit schönen Armen, wie geschaffen um heranzuziehen, zu umschlingen und zu umarmen, und mit Beinen, von denen er glaubte, sie müßten lang und fein sein, zur Flucht wie geeignet, gleich denen der Gazelle, und mit so kleinen Füßen, daß sie offenbar keine Spur hinterließen, schien ihm eine Art Symbol vergeblicher Hoffnung zu sein. Dann hatte er an der Unterhaltung mit ihr Vergnügen gefunden, wie er es in der Unterhaltung der Gesellschaft für unmöglich gehalten. Trotz ihres vertrauten, überraschenden Reichtums an Geist, ihrer spielenden Ironie, ließ sie sich manchmal gehen und erschien bezwungen von sentimentalen, geistigen oder künstlerischen Einflüssen, wie wenn sie im Grunde ihrer, sich über alles lustig machenden, Fröhlichkeit sich nach dem jahrhundertalten Schatten jener romantischen Zärtlichkeit ihrer Vorfahren sehne. Und das machte sie gerade entzückend.

Sie zog ihn an sich, im Wunsch ihn zu unterjochen, wie alle anderen. Und er kam, so oft er konnte, zu ihr, indem sein Begehren wuchs, sie zu sehen. Es strömte wie eine unsichtbare, unwiderstehliche Gewalt von ihr aus, aus einem Blick, einem Lächeln, einem Wort, obgleich er manchmal von ihr fortging, ärgerlich über das, was sie gethan oder gesagt.

Je mehr er sich von dem unaussprechlichen Fluidum angeregt fühlte, mit dem eine Frau in uns eindringt und uns fesselt, desto mehr durchschaute und verstand er sie, desto mehr litt er unter ihrer Art und Weise, die er glühend gern anders gewünscht hätte.

Aber was er von ihr kennen gelernt hatte, hatte ihn jedenfalls in Fesseln geschlagen und ganz zum Knecht gemacht, gegen seinen Willen und seine Vernunft, und durch alles das mehr, als durch ihre wirklichen Eigenschaften.

Ihre Koketterie, die sie spielen ließ wie einen Fächer, die sie je nach den Männern, die mit ihr sprachen und die ihr gefielen, enthüllte oder verbarg, ihre Art und Weise, nichts ernst zu nehmen, die er in der ersten Zeit komisch gefunden und jetzt geradezu bedrohlich, ihr unausgesetzter Wunsch nach Zerstreuung, nach Neuem, den sie ungesättigt in ihrem nimmer müden Herzen trug, alles das brachte ihn manchmal so zur Verzweiflung, daß er, wenn er heimkehrte, sich fest entschloß, sie seltener aufzusuchen, um endlich überhaupt nicht wiederzukehren.

Am nächsten Tag aber schon suchte er nach einem Vorwand, ihr einen Besuch zu machen. Und vor allen Dingen fühlte er, je mehr er in Flammen stand, die Unsicherheit dieser Liebe und die Gewißheit, daß sie ihm Leid bringen müßte.

Oh, er war nicht blind. Er vergrub sich allmählich in diese Gefühle, wie jemand sich aus Müdigkeit ins Wasser stürzt, weil sein Schiff ein Leck hat und er weit von der Küste entfernt ist. Er kannte sie, so weit man sie überhaupt kennen konnte. Das Vorgefühl der Leidenschaft hatte seine Augen geschärft, und er konnte nicht mehr anders als immer an sie denken. Mit unermüdlicher Beharrlichkeit suchte er sie immerfort zu analysieren, den dunklen Grund dieser Frauenseele aufzuhellen, diese unbegreifliche Mischung von heiterer Klugheit, von Vernunft, von kindlichen Ideen, all die widersprechenden Neigungen, die in ihr zusammenkamen, nebeneinander lagen, um ein unnormales, verführerisches, entnervendes Wesen zu bilden.

Aber warum zog sie ihn so an? Er fragte es sich unausgesetzt und begriff es kaum. Denn bei seiner nachdenklichen, beobachtenden und zurückhaltenden Natur hätte er logischerweise bei einer Frau die früheren ruhigen Eigenschaften der Frauen, den zarten Reiz, die treue Hingabe begehrenswert finden müssen, Dinge, die das Glück eines Mannes zu gewährleisten scheinen.

Aber bei dieser traf er auf etwas Unerwartetes, etwas menschlich Ursprüngliches, das erregte durch seine Neuheit. Eines jener Geschöpfe, die der Beginn scheinen eines neuen Menschengeschlechtes, die nicht dem ähneln, was schon bekannt ist und die um sich herum sogar durch ihre Unvollkommenheiten eine gefährliche Anziehungskraft ausüben.

Nach den romantischen, leidenschaftlichen Träumerinnen der Restaurationszeit waren die lustigen Lebedamen des Kaiserreichs gekommen mit der vollen Überzeugung, man müsse das Leben genießen. Und nun erschien eine neue Umwandlung jenes ewig Weiblichen, ein raffiniertes Wesen, ganz aus Nerven gebaut, unbestimmt, erregbar, immer wachen Sinnes, das den Eindruck machte, als hätte es alle Narkotica gebraucht, mit denen man die Nerven beruhigt oder anstachelt: das einschläfernde Chloroform, Äther und Morphium, die die Träume aufpeitschen, die Sinne auslöschen und die Gemütsbewegungen einschläfern.

Er fand in ihr den Genuß eines künstlichen Wesens, das rein zum Entzücken allein geschaffen schien. Es war ein anziehender Luxusgegenstand, ausgesucht und erlesen, auf dem die Augen ruhen blieben, in dessen Gegenwart das Herz schlug und Wünsche sich regten, so wie wir hungrig werden angesichts der Eßwaren, die durch das Ladenfenster von uns getrennt, eigens gemacht sind, Lust und Hunger zu erregen.

Als er sich klar geworden war, daß er in einen Abgrund hinabglitt, begann er mit Entsetzen an all die Gefahren zu denken, die ihm durch seine Leidenschaft bevorstanden. Was würde aus ihm werden? Was würde sie thun? Sie würde gewiß mit ihm das thun, was sie mit jedem noch gethan. Sie würde ihn in einen Zustand versetzen, in dem man jeder Laune einer Frau nachkommt, wie ein Hund seinem Herrn gehorcht, und sie würde ihn dann in die Reihe ihrer mehr oder minder berühmten Günstlinge einreihen. Aber hatte sie wirklich dasselbe Spiel mit allen anderen gespielt? Ob nicht ein einziger darunter war, den sie wirklich geliebt hatte? Nur einen Monat, einen Tag, eine Stunde in einer jener, sofort wieder unterdrückten, Aufwallungen des Herzens?

Unausgesetzt sprach er mit ihnen von ihr, wenn sie bei ihr gegessen hatten und warm geworden waren durch die Begegnung mit ihr. Er fühlte, daß sie alle noch etwas erregt waren, unzufrieden, wie Menschen, denen keine Befriedigung zu Teil geworden ist.

Nein, sie hatte keinen von diesen Männern geliebt, die im Licht der Öffentlichkeit standen; und er, der neben ihnen nichts bedeutete, nach dem sich niemand umwendete, den niemand ansah, wenn sein Name in einer Menschenmenge oder einem Salon genannt wurde, was hätte er ihr sein sollen? Nichts, nichts, ein Tischgast, ein bekannter Herr, ein jemand, der für diese umschwärmten Frauen der gewöhnliche Hausfreund wird, ein nützliches, aber nicht besonderes Wesen, ein Tischwein, den man mit Wasser trinkt.

Wenn er ein berühmter Mann gewesen wäre, hatte er vielleicht diese Rolle gespielt, die seine Berühmtheit weniger demütigend gemacht haben könnte. Er, der Unbekannte, wollte davon nicht wissen, und so hatte er ihr geschrieben und Abschied genommen.

Als er die kurze Antwort bekam, war er ganz bewegt davon, als wäre ihm ein großes Glück widerfahren. Und nachdem er ihr hatte versprechen müssen, sie nicht zu verlassen, war er glückselig, wie nach einer großen Befreiung.

Ein paar Tage vergingen, ohne daß etwas zwischen ihnen geschah. Aber als der Rückschlag nach der Krisis vorüber war, fühlte er den Wunsch nach ihr wachsen und in seinen Adern brennen. Er hatte sich entschlossen, ihr nie wieder ein Wort der Leidenschaft zu sagen, aber er hatte nicht versprochen, nicht zu schreiben. Und eines Abends, als er nicht schlafen konnte, als alle Gedanken bei ihr weilten, setzte er sich – er konnte nicht anders – an den Schreibtisch und begann auf weißem Papier auszudrücken, was er fühlte. Es war kein Brief, es waren kurz hingeworfene Sätze, Gedanken, zitterndes Leid, das sich in Worte umsetzte.

Das beruhigte ihn. Es war ihm, als würde er etwas ruhiger. Und nachdem er sich hingelegt, konnte er endlich einschlafen.

Sobald er am nächsten Morgen aufwachte, las er die paar Seiten wieder durch, fand sie sehr glühend, that sie in einen Umschlag, schrieb die Adresse darauf, behielt sie bis abends und ließ sie spät in den Kasten werfen, daß sie sie beim Aufstehen empfing.

Er wußte wohl, daß sie sich über diese paar Blätter Papier nicht ärgern würde. Die zurückhaltendsten Frauen haben für einen Brief, der aufrichtig von Liebe spricht, unendliche Nachsicht. Und wenn diese Briefe von einer Hand geschrieben sind, die zittert, mit Augen, die nur dies eine Antlitz sehen, das sie bethürt hat, so üben sie nun ihrerseits auf die Herzen eine unbesiegliche Macht.

Als es anfing dunkel zu werden, ging er zu ihr, um zu sehen, wie sie ihn empfangen würde und was sie ihm sagte. Er fand Herrn von Pradon, der eine Cigarette rauchend sich mit seiner Tochter unterhielt. So saß er oft stundenlang bei ihr, denn er schien mehr als Mann, denn als Vater mit ihr zu verkehren. Sie hatte in ihre Beziehungen einen Hauch von Hofmacherei gebracht, wie sie sie gegen sich selbst übte und von allen verlangte.

Als sie Mariolle eintreten sah, leuchtete ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie streckte ihm schnell die Hand entgegen, ihr Ausdruck schien zu sagen: Sie gefallen mir.

Mariolle hoffte, der Vater würde bald fortgehen. Aber Herr von Pradon ging nicht; obgleich er seine Tochter kannte und seit langem keinen Verdacht mehr gegen sie hegte – für so neutral hielt er sie – überwachte er sie doch immer mit neugieriger Aufmerksamkeit, etwas beunruhigt, ein ganz klein wenig wie ein Ehemann. Er wollte sehen, ob dieser neue Freund etwa Chancen auf einen dauernden Erfolg haben könnte, wie er wäre und was er wert sei. War er ein vorübergehender Gast, wie so viele andere, oder wurde er Mitglied des gewohnten Kreises?

Er blieb also sitzen, und Mariolle sah sofort ein, daß er ihn nicht fortbringen würde. Er fügte sich also darein und versuchte sogar ihn für sich zu gewinnen, wenn es irgend möglich wäre, denn er meinte sein Wohlwollen oder wenigstens seine Neutralität müsse immer besser sein wie seine Feindschaft. Er war liebenswürdig gegen ihn, unterhielt ihn gut und that nicht im mindesten verliebt.

Sie dachte zufrieden: Dumm ist er nicht er spielt gut Komödie.

Und Herr von Pradon dachte: Das ist mal ein netter Mann, dem meine Tochter nicht, wie allen anderen Kamelen, den Kopf zu verdrehen scheint.

Als Mariolle den Augenblick für gekommen hielt zu gehen, ließ er sie beide sehr von ihm eingenommen zurück.

Aber voll tiefer Traurigkeit lief er davon. Bei dieser Frau litt er schon durch die Gefangenschaft, in der sie ihn hielt, denn er fühlte, daß er umsonst an dieses Herz klopfen würde, wie ein Gefangener mit der Faust gegen die Eisenthür schlägt.

Er war von ihr gefangen, er suchte sich nicht mehr zu befreien. Und da er seinem Schicksal nicht mehr entgehen konnte, beschloß er schlau, geduldig, beharrlich zu sein, sie durch Geschicklichkeit zu gewinnen, durch die Schmeichelei, der sie zugänglich war, durch das Hofmachen, das sie berauschte, durch die freiwillige Knechtschaft, in der er sich von ihr halten lassen würde.

Sein Brief hatte gefallen, – er wollte also schreiben. Und er schrieb. Beinah jede Nacht, wenn er heimkehrte; zu der Zeit, wo der Geist durch alle Tagesgeschäfte angeregt ist und in einer Art starker Inspiration alles überlegt was ihn interessiert und bewegt hat, setzte er sich an den Schreibtisch zur Lampe und begeisterte sich im Gedanken an sie. Der poetische Keim, den aus Faulheit so viele indolente Männer in sich ersterben lassen, wuchs wie er sich ihm hingab. Wie er nur immer dasselbe schrieb, die gleichen Dinge, immer von seiner Liebe mit anderen Worten, die täglich seine Wünsche umformten, erhitzte er sein Blut im Bedürfnis, Zärtlichkeiten zu schreiben. Den ganzen Tag überlegte er es sich. Er fand für sie unwiderstehliche Ausdrücke, die seine überhitzte Leidenschaft wie Funken aus dem Gehirn springen ließ. So fachte er das Feuer seines eigenen Herzens an, brachte es zum lodernden Brand. Denn die wirklich tief gefühlten Liebesbriefe sind oft gefährlicher für den, der sie schreibt, als für den, der sie erhält.

Und je mehr er sich in diesem erregten Zustand erhielt, je mehr er mit Worten sein Blut zum Sieden brachte, je mehr nur dieser eine Gedanke in seiner Seele Platz griff, desto mehr verlor er aus den Augen, wie diese Frau in Wirklichkeit war. Er beurteilte sie nicht mehr, wie er sie zuerst gesehen. Er sah sie jetzt nur noch durch den Schleier seiner lyrischen Redensarten. Und alles, was er ihr jede Nacht schrieb, ward in ihm völlig zur Wirklichkeit. Diese tägliche Bemühung, sie zu idealisieren, machte aus ihr bald die, die er in ihr erträumte. Und sein einstiger Widerstand fiel vor der unentwegten Zuneigung, die ihm Frau von Burne zeigte. In diesem Augenblick zog sie ihn, obwohl sie sich nichts gesagt hatten, gewiß allen anderen vor und zeigte es ihm offen. Er dachte also mit einer Art wahnsinniger Hoffnung, daß sie ihn vielleicht doch am Ende lieben würde.

Und in der That beglückten sie seine Briefe. Nie hatte jemand sie auf diese Art umworben und geliebt mit dieser stillschweigenden Zurückhaltung. Nie noch war jemand auf den reizenden Gedanken gekommen, ihr jeden Morgen beim Erwachen auf dem kleinen, silbernen Präsentierbrett, das die Zofe ans Bett brachte, solches Frühstück von Gefühl und Liebe unter einfachem Briefumschlag zu servieren. Und das Köstlichste daran war, daß er nie davon sprach, daß er es selbst garnicht zu wissen schien, daß er in ihrem Salon der kälteste ihrer Freunde zu sein schien, daß er an diese Zärtlichkeit, mit der er sie im Geheimen überschüttete, nie auch nur durch ein Wort erinnerte.

Gewiß hatte sie schon Liebesbriefe bekommen, aber in anderem Ton. Weniger zurückhaltend, dringender, mehr wie inständigste Drohungen und Bitten. Drei Monate lang, während der drei Monate der Krise, hatte Lamarthe eine wundervolle Korrespondenz mit ihr geführt, ein verliebter Romancier, der litterarisch girrt. In ihrem Schreibtisch in einem besonderen Fach lagen diese feinen, verführerischen Epistel an eine Frau von einem wirklich innerlich erregten Schriftsteller, der sie mit seiner Feder gestreichelt, solange, bis er die Hoffnung auf Erfolg verloren.

Mariolles Briefe waren ganz anders. Mit so energischer Konzentration auf seinen Wunsch, mit so richtigem, offenem Ausdruck, so völliger Unterjochung geschrieben, waren diese Briefe von einer Ergebenheit, die versprach, von solcher Dauer zu sein, erfüllt, daß sie sie bekam, öffnete und genoß mit einem Vergnügen, wie es ihr noch kein Brief je gemacht.

Das wirkte auf ihre Freundschaft für ihn, und sie forderte ihn um so öfter auf sie zu sehen, je mehr er jene völlige Verschwiegenheit in ihr Verhältnis zueinander brachte und, wenn er mit ihr sprach, keine Ahnung davon zu haben schien, daß er je auf einem Blatt Papier ihr seine Anbetung ausgesprochen. Und dann fand sie das Ganze originell, würdig eines Romans, und fand in der tiefen Befriedigung, dieses Wesen um sich zu wissen, das sie so liebte, eine Art besonderer Sympathie, so daß sie ihn auch auf besondere Art schätzte.

Bis dahin hatte sie in allen Herzen, die sie in Brand gesetzt, trotz der Eitelkeit ihrer Koketterie, die Beschäftigung mit anderen Dingen geahnt. Sie regierte nicht allein, sie fand bei allen Nebendinge, die sie nichts angingen.

Bei Massival war sie eifersüchtig auf die Musik. Bei Lamarthe auf die Litteratur, kurz immer auf irgend etwas. Sie war unzufrieden über den halben Erfolg, den sie errungen, denn sie fühlte sich unfähig, aus den Seelen dieser ehrgeizigen Männer alles andere hinauszujagen. Diese Männer von Namen, diese Künstler, für die der Beruf eine Herrin ist, von der sie nichts trennen kann. Nun stieß sie zum ersten Mal auf einen, dem sie alles war, wenigstens schwor er es ihr. Nun allerdings der dicke Fresnel liebte sie ebenso, – aber es war eben der dicke Fresnel. Sie ahnte, erriet, daß sie noch nie jemand so in Banden geschlagen. Und ihre egoistische Dankbarkeit für den Mann, der ihr zu solchem Triumph verhalf, begann schon an Zärtlichkeit zu streifen. Sie brauchte ihn jetzt, brauchte seine Anwesenheit, brauchte seinen Blick, brauchte es, daß er um sie war, daß er sie mit jener Liebenswürdigkeit umgab. Wenn er ihrer Eitelkeit weniger schmeichelte als die anderen, so schmeichelte er um so mehr den allein herrschenden Forderungen, die in der Seele und im Fleisch der Koketten regieren: ihrem Ehrgeiz, ihrer Herrsucht, ihrem wilden Instinkt des äußerlich ruhigen Weibes.

Wie man ein Land erobert, richtete sie ihr Leben allmählich ein auf eine Menge kleiner Eroberungen, die sich immer häufiger folgten. Sie veranstaltete Feste, gemeinsamen Theaterbesuch, Diners in den Restaurants, damit er dabei sein sollte. Und sie zog ihn mit sich mit der Befriedigung eines Eroberers, konnte nicht mehr ohne ihn sein, oder vielmehr ohne die Sklaverei, zu der er sich erniedrigt hatte.

Er folgte ihr nach, glückselig so von ihren Augen geliebkost zu werden, durch ihre Stimme, durch alle ihre Launen zu ihr gezogen, und er lebte nur noch in Wunsch und Liebe, die in ihm brannten und tobten wie ein hitziges Fieber.

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