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Unser Herz

Guy de Maupassant: Unser Herz - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleUnser Herz
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume18
year1917
printrunFünftes Tausend
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060127
projectidb707c6ad
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II

Der Raum war groß, hell erleuchtet, und Wände und Decke mit wundervollen persischen Stoffen bespannt, die ein befreundeter Diplomat mitgebracht. Die Grundfarbe war gelb, als ob man alles in gilblichen Rahm getaucht, und die Zeichnung, in der das persische Grün vorherrschte, zeigte allerlei seltsame Muster: aufgestülpte Dächer, um die Löwen mit Lockenmähnen liefen, gehörnte riesige Antilopen, und Paradiesvögel flogen herum.

Wenig Möbel standen darin. Auf drei langen Tischen mit grünen Marmorplatten lag alles, was zur Toilette einer Frau gehört. Auf dem einen in der Mitte stand die große Waschschale aus dickem Krystallglas, auf dem zweiten eine ganze Armee von Flaschen, Schachteln, Töpfen und Vasen aller Größen mit silbernen Deckeln, mit Monogramm und Krone. Auf dem dritten lagen alle die Gegenstände, die für die moderne Koketterie erforderlich sind, ungezählt, zu verschiedenstem, seltsamem, diskretestem Gebrauch. In diesem Raume standen nur noch zwei Chaiselongues und ein paar niedrige Sitze, für das Ausruhen müder, unbekleideter Glieder gemacht. An der einen großen Wand hing ein riesiger Spiegel, wie ein Blick in die Ferne. Er bestand aus drei Abteilungen, deren Seilenflügel an Scharnieren saßen, sodaß die junge Frau sich zugleich von vorn, im Profil und von hinten sehen konnte. Rechts stand in einer Vertiefung, die gewöhnlich durch einen Vorhang verdeckt war, die Badewanne, oder war vielmehr eine tiefe Höhlung am Boden, gleichfalls aus grünem Marmor, zu der zwei Stufen hinunterführten. Ein bronzener Amor, ein elegantes Werk des Bildhauers Prédolé, saß an dem Rand und ließ durch Muscheln, mit denen er spielte, warmes und kaltes Wasser einlaufen. In der Tiefe dieser Nische befand sich ein venetianischer Spiegel in lauter einzelnen, verschieden geneigten Flächen. Im Bogen stieg er herauf, beschützte, umschloß und bespiegelte mit jedem einzelnen seiner Teile das Bad und die Badende.

Ein Stück abseits davon stand der Schreibtisch, ein großes, einfaches englisches Möbel. Dort lagen Papiere herum, Briefe, zerrissene Briefumschläge, auf denen die goldenen Initialen glänzten. Denn hier schrieb sie, und hier lebte sie, wenn sie allein war.

Frau von Burne lag auf der Chaiselongue in einem Morgenrock aus chinesischem Foulard, mit bloßen, festen, runden Armen, die aus den großen Falten des Stoffes herausschauten. Das Haar trug sie aufgesteckt in seiner blonden, wirren Schwere. Die junge Frau träumte nach dem Bad.

Die Zofe klopfte, trat ein und brachte einen Brief.

Sie nahm ihn, prüfte die Schrift, riß ihn auf, las die ersten Zeilen. Dann sagte sie ganz ruhig zu ihrem Mädchen:

– Ich werde in einer Stunde klingeln.

Sobald sie allein war, lief ein Siegeslächeln über ihre Züge. Die ersten Worte hatten genügt, um ihr begreiflich zu machen, daß das endlich Mariolles Liebesgeständnis sei. Er hatte viel länger widerstanden, als sie geglaubt hatte. Seit drei Monaten suchte sie ihn mit Aufbietung aller Liebenswürdigkeit gefangen zu nehmen, mit Aufmerksamkeiten, mit allem möglichen Liebreiz; sie war so nett gegen ihn wie noch nie gegen einen anderen. Er schien dem Frieden nicht zu trauen, als hätte man ihn vorher gewarnt. Er sträubte sich gegen alles, was sie an unersättlicher Koketterie aufbot. Es hatte vieler Gespräche unter vier Augen, wo sie das ganze Verführerische ihres Wesens spielen ließ, und auch mancher musikalischer Abende bedurft, am Klavier, dessen Saiten noch bebten, vor Partituren, aus denen die ganze Seele der großen Geister klang, die sie mit leicht bewegtem Herzen zum Tönen gebracht, bis sie endlich in seinem Auge das Eingeständnis des besiegten Mannes, die flehende Bitte eines überwundenen Herzens gelesen. Sie kannte das so gut! So oft hatte sie mit katzenhafter Geschicklichkeit und einer unerschöpflichen Neugier das geheime, quellende Gefühl in den Augen all der Männer erwachen sehen, die sie in Banden geschlagen. Es machte ihr so viel Spaß, zu fühlen, wie sie allmählich sie überwand durch die unwiderstehliche Gewalt des Weibes, wie sie für sie das einzige, das allein regierende Ideal wurde. Ganz langsam war es in ihr zur Entwicklung gekommen, wie ein geheimer Instinkt, der sich breit macht: der Instinkt, Krieg zu führen und zu siegen. Während sie verheiratet gewesen, war vielleicht das Bedürfnis, Rache zu nehmen, in ihrem Herzen aufgeblüht, der dunkle Wunsch, den Männern alles zu vergelten, was sie durch einen von ihnen erlitten, nun ihrerseits stark zu sein, ihren Willen durchzusetzen, den Widerstand zu brechen und gleichfalls leiden zu machen. Aber vor allen Dingen war sie als Kokette geboren. Sobald sie sich im Leben frei fühlte, begann sie die Verliebten zu verfolgen und auf die Kniee nieder zu zwingen, wie der Jäger dem Wild nachstellt, nur um es zu erlegen. Ihr Herz aber verlangte nicht nach Erregungen, wie das zärtlicher, gefühlvoller Frauen. Sie suchte nicht die alleinige Liebe eines Mannes, noch das Glück einer großen Leidenschaft. Sie mußte nur um sich die Bewunderung aller empfinden, ein Niederknieen vor ihr, einen Duft von Zärtlichkeit um sie herum. Wer auch immer ständiger Gast ihres Hauses wurde, mußte unbedingt sich ihrer Schönheit beugen. Kein geistiges Interesse konnte diese Frau auf längere Zeit mit denjenigen verknüpfen, die ihrer Koketterie widerstanden, sei es, daß sie entweder nicht verliebter Natur, oder anderwärts schon gefangen waren. Um ihr Freund zu bleiben, mußte man sie lieben. Aber dann hatte sie eine unglaubliche Zuvorkommenheit, köstliche Aufmerksamkeiten, unendliche Liebenswürdigkeit, um alle, die sie gefangen, in ihrem Bannkreise fest zu halten. Wer einmal in die Schaar ihrer Bewunderer eingereiht war, schien ihr durch das Recht des Siegers zu gehören. Mit weiser Geschicklichkeit regierte sie die Freunde je nach ihren Fehlern, ihren Eigenschaften und der Art ihrer Eifersucht. Die, die zu viel wollten, wies sie gegebenen Tages zurück, nahm sie dann wieder in Gnaden auf, wenn sie vernünftiger geworden waren, und machte ihnen scharfe Bedingungen. Und sie unterhielt sich so gut bei diesem Spiel der Verführung, daß sie es ebenso amüsant fand, alten wie jungen Männern die Köpfe zu verdrehen.

Es war sogar, als stimmte sie ihre Zuneigung auf den Grad der Leidenschaft, die sie eingeflößt. Der dicke Fresnel, ein schwerfälliger, unnützer Gesellschafter blieb einer ihrer Bevorzugtesten durch die frenetische Leidenschaft, von der er, wie sie wußte und fühlte, beherrscht ward. Sie war auch gegen männliche Eigenschaften nicht unempfänglich. Im Anfang hatte sie sich mehrmals für jemand etwas entflammt, aber nur sie allein wußte davon. Im Moment, wo ihr das hätte gefährlich werden können, hatte sie sofort einen Strich darunter gemacht.

Jeder, der zum ersten Male erschien, sang ein neues Liebeslied und brachte neue Charakterzüge mit. Vor allem hatten die Künstler, in denen sie etwas raffiniertere, schärfere und zugleich feinere Regungen spürte, sie öfters in Flammen gesetzt und in ihr einen Traum von großer Liebe und längerer Verbindung erweckt. Aber sie hatte eine gewisse quälende vorsichtige Furcht, und bis zum letzten Augenblick, bis der letzte Liebhaber seine Gewalt über sie verloren, war sie standhaft geblieben.

Und dann sah sie die Welt mit modernen, skeptischen Augen an, vor denen in wenig Wochen die größten Männer ihren Nimbus einbüßten. Sobald sie in sie verliebt waren und in der Verwirrung ihres Herzens die großartige Pose und ihr Parade-Gesicht ablegten, sah sie, daß sie alle gleich waren, arme Wesen, die sie kraft ihrer Verführung beherrschte.

Kurz, der Mann, an den sie – eine so vollkommene Frau – ihr Herz hätte verlieren können, hätte ganz unglaubliche Vorzüge besitzen müssen!

Und doch langweilte sie sich sehr. Sie hatte keine Sympathie für die Gesellschaft, in die sie doch ging. Aber dort brachte sie, mit unterdrücktem Gähnen und gegen den Schlaf ankämpfend, ihre Abende zu. Nur ein paar Redereien, irgend welche besonderen Launen machten ihr Spaß, indem sie sich manchmal für dieses oder für jenes interessierte, gerade genug teilnehmend, um nicht zu schnell von dem abzukommen, was sie geschätzt oder bewundert, aber doch nicht genug, um wirklich Vergnügen an irgend einer Zuneigung oder einem Geschmack zu finden. Sie ging ihren Nerven nach und nicht ihren Wünschen. Und da sie keine Beschäftigung hatte, die einfache oder begeisterungsfähige Naturen ganz erfüllt, lebte sie in heiterer Langeweile hin, ohne den allgemeinen Glauben zu teilen an das Glück, nur auf Zerstreuungen bedacht und schon etwas von Ekel und Langeweile gequält, obgleich sie meinte, ganz zufrieden zu sein.

Sie bildete sich ein, zufrieden zu sein, weil sie sich für die verführerischste Frau hielt, und war stolz auf ihre Anziehungskraft, deren Macht sie oft erprobt. Sie liebte ihre unregelmäßige, bizarre, fesselnde Schönheit, war der Feinheit ihrer Gedanken sicher, die sie die Dinge voraussehen und erraten ließen, die andere gar nicht merkten. Sie war eingebildet auf ihren Geist, den so viel hervorragende Männer zu schätzen wußten, und ahnte nicht, was ihr verschlossen blieb. So hielt sie sich für ein beinah einziges Wesen, eine seltene Perle in dieser mittelmäßigen Welt, geboren in dieser Welt, die ihr ein wenig leer und monoton vorkam, weil sie sich dafür zu wertvoll dünkte.

Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, sie könnte selbst die unbewußte Ursache der unausgesetzten Langeweile sein, unter der sie litt. Sie schob die Schuld den anderen in die Schuhe und machte sie verantwortlich für ihre melancholischen Stimmungen. Wenn man sie nicht genug zu zerstreuen wußte, zu amüsieren und in Leidenschaft zu bringen, so besaß man eben nicht genug wirklich schätzenswerte Eigenschaften. Alle Welt – sagte sie lächelnd – ist gräßlich, nur die Leute sind noch erträglich, die mir gefallen, und zwar nur, weil sie mir gefallen. Man gefiel ihr aber am meisten, wenn man sie unvergleichlich fand. Da sie genau wußte, daß es nicht leicht ist, zum Ziele zu gelangen, gab sie sich alle Mühe zu verführen, und nichts war ihr lieber, als die Huldigung eines zärtlichen Blickes, die Huldigung des Herzens, dieses starken Muskels, den ein einziges Wort erregen kann.

Sie wunderte sich sehr, daß es ihr so viel Mühe gemacht, André Mariolle zu erobern, denn sie hatte am ersten Tage gefühlt, daß sie ihm gefiel. Dann plötzlich hatte sie seinen schwierigen Charakter, der etwas neidisch war, erfaßt, und hatte ihm, um seine letzten Zweifel zu überwinden, so viel Entgegenkommen und natürliche Sympathie gezeigt, daß er endlich die Waffen streckte.

Seit einem Monat fühlte sie ihn in ihren Banden. Er war wie unruhig in ihrer Nähe, war schweigsam und fiebrig, aber zum Geständnis war es doch nicht gekommen. O, die Geständnisse! Eigentlich mochte sie sie nicht besonders gern, denn wenn sie zu leidenschaftlich aufs Ziel gingen, sah sie sich genötigt, streng zu sein. Zwei- oder dreimal hatte sie sogar ganz böse sein und den Verkehr abbrechen müssen. Was sie liebte, waren die zarten Ausdrücke der Leidenschaft, halbe Geständnisse, geheime Anspielungen, ein Niederknieen der Seele. Und sie gebrauchte wirklich einen außergewöhnlichen Takt und außergewöhnliche Geschicklichkeit, um diese Zurückhaltung in der Äußerung der Gefühle bei ihren Bewunderern zu erzielen.

Seit vier Wochen wartete sie, endlich von Mariolles Lippen das verschleierte oder offene Geständnis, in dem sich je nach Veranlagung das gequälte Herz Luft macht, zu hören.

Er hatte nicht gesprochen, aber er schrieb. Es war ein langer Brief, vier Seiten. Sie hielt ihn in der Hand, zitternd vor Befriedigung. Sie streckte sich auf der Chaiselongue aus, um bequemer zu liegen, ließ die kleinen Pantoffeln auf den Teppich gleiten, dann las sie. Sie war erstaunt. Er sagte ihr in ernsten Worten, er wolle nicht durch sie leiden und kenne sie viel zu genau, um ihr zum Opfer zu fallen. Mit höflichen, von Komplimenten durchsetzten Redensarten, aus denen immer die zurückgehaltene Liebe hervorschimmerte, ließ er nicht im Unklaren, daß er ihre Art und Weise Männern gegenüber genau kannte, daß er auch verliebt sei, aber ihrer Knechtschaft dadurch entgehen wolle, daß er sich fern hielt. Er würde einfach sein früheres Leben wieder beginnen. Er floh.

Es war ein beredter, aber bestimmter Abschied.

Als sie das las, war sie allerdings zuerst erstaunt. Als sie es wieder las und diese vier Seiten erregter, leidenschaftlicher Prosa noch einmal durchflog, stand sie auf, nahm die Pantoffeln und ging mit bloßen Armen, die Ärmel zurückgeworfen, die Hände, deren eine den zusammengeknitterten Brief hielt, halb in die kleinen Taschen des Morgenrockes versenkt, auf und nieder.

Sie dachte, noch ganz benommen von dieser plötzlichen Erklärung: Er schreibt gut! Das ist offen, ergriffen und ergreifend. Er schreibt besser als Lamarthe. Das hat garnichts Romanhaftes.

Sie hatte Lust zu rauchen, trat an den Tisch mit den Parfümerieen und nahm aus einer Meißner Porzellandose eine Cigarette. Nachdem sie sie angesteckt, ging sie zum Spiegel, in dem sie drei junge Frauen sich entgegenkommen sah in den drei verschieden gestellten Flächen. Als sie ganz nahe war, blieb sie stehen, machte sich mit leisem Lächeln eine leichte Verbeugung, nickte sich freundschaftlich zu, als wollte sie sagen: sehr hübsch! sehr hübsch! Sie betrachtete ihre Augen, öffnete die Lippen, um die Zähne zu sehen, hob die Arme, stemmte die Hände m die Hüften und drehte sich ins Profil, um, den Kopf zur Seite neigend, ihr ganzes Wesen in sich aufzunehmen.

So blieb sie, verliebt in sich selbst, stehen, ganz, versunken in den Anblick ihres Körpers, den sie reizend fand. Sie war glückselig, sich zu erblicken. Ein selbstsüchtiges, körperliches Wohlbehagen packte sie angesichts ihrer Schönheit, und mit befriedigter Zärtlichkeit, fast so sinnlich wie die Liebe der Männer, sah sie sich an.

So betrachtete sie sich täglich. Und ihre Zofe, die sie dabei oft überrascht, sagte boshaft: Gnädige Frau sehen sich so oft im Spiegel, daß Sie noch alle Spiegel im Hause abnutzen werden.

Aber diese Selbstanbetung war das Geheimnis ihres Reizes und ihrer Gewalt über die Männer. Indem sie sich immer bewunderte und die Zartheiten ihrer Gestalt, die Eleganz ihrer Person besah und versuchte, alles zu entdecken, was sie in noch besseres Licht setzen könnte, unbekannte Nuancen, die ihren Reiz erhöhen, ihrem Auge etwas Seltsames verleihen konnten, indem sie alles zu finden suchte, was ihr stand, hatte sie natürlich alles gefunden, was den anderen am besten gefallen konnte.

Wäre sie schöner aber dabei gleichgiltiger gegen ihre Schönheit gewesen, so hätte sie diese verführerische Kraft nicht besessen, die beinah alle dazu trieb, sich in sie zu verlieben, wenn sie sich nicht im ersten Augenblick schon ihrer Macht entzogen.

Endlich fühlte sie sich etwas ermüdet, so lange zu stehen, und sagte ihrem Spiegelbild, das sie immer anlächelte, (und ihr Bild in dem dreifachen Spiegel bewegte die Lippen zur Antwort): – Nun wir werden ja sehen, mein Herr! – Dann ging sie durch das Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Sie schrieb:

»Lieber Herr Mariolle, bitte kommen Sie doch morgen um vier Uhr zu mir. Ich werde allein sein und hoffe, daß ich Sie über die vermeintliche Gefahr, die Ihnen droht, vollkommen beruhigen kann. Ich werde Ihnen beweisen, daß ich Ihre Freundin bin.

Michaela von Burne.«

Um am nächsten Tag André Mariolle zu empfangen, zog sie sich ganz einfach an. Ein schmuckloses, graues Kleid, ein leicht ins Lila gehendes Grau, melancholisch wie die Dämmerung, ganz einfarbig, mit einem engen Kragen um den Hals, mit Ärmeln, die prall an den Armen saßen, einer Taille, die eng die Brust und die Figur umschloß, einem Rock, der eng die Hüften und die Schenkel einschnürte.

Als er mit etwas ernstem Gesicht eintrat, ging sie auf ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen. Er küßte ihre Fingerspitzen, dann setzten sie sich. Sie ließ das Schweigen ein paar Augenblicke dauern, um seine Verlegenheit festzustellen.

Er wußte nicht, was er sagen sollte, und wartete, daß sie sprach.

Endlich begann sie:

– Nun, wir wollen doch gleich von der großen Frage reden. Was ist denn nur? Sie haben mir geschrieben, – wissen Sie, daß Sie mir einen sehr ungezogenen Brief geschrieben haben?

Er antwortete:

– Das weiß ich wohl, ich bitte um Entschuldigung. Ich bin immer mit aller Welt von größter brutalster Offenheit gewesen. Ich hätte gehen können, ohne Ihnen diese deplacierten, verletzenden Erklärungen zu schicken. Ich glaubte so, meiner Natur entsprechend, loyaler zu handeln und auf Ihren Geist rechnen zu können, den ich ja kenne.

Sie antwortete im Ton zarten Mitleids:

– Aber .... aber, was machen Sie denn für Streiche!

Er unterbrach sie:

– Ich möchte lieber darüber nicht sprechen.

Nun antwortete sie lebhaft, ohne ihn ausreden zu lassen:

– Aber ich habe Sie gebeten zu kommen, um mit Ihnen darüber zu sprechen. Und wir wollen davon sprechen, bis Sie überzeugt sind, daß Ihnen keine Gefahr droht.

Sie begann zu lachen wie ein kleines Mädchen, und ihr Pensionskleid gab diesem Lachen etwas kindlich Jugendliches.

Er stammelte:

– Ich habe Ihnen die Wahrheit geschrieben, die vollkommene Wahrheit. Die entsetzliche Wahrheit, vor der ich mich so fürchtete.

Sie wurde wieder ernst:

– Meinetwegen. Ich weiß es. Allen meinen Freunden geht es so. Sie haben mir auch geschrieben, ich wäre furchtbar kokett. Das gebe ich gern zu aber es stirbt ja niemand daran. Ich glaube, es leidet sogar niemand darunter. Bei Ihnen ist schon das eingetreten, was Lamarthe die Krisis nennt. Aber das geht vorüber. Dann kommt, wie soll ich sagen, – dann kommt die dauernde Liebe. Die thut nicht mehr weh, und die unterhalte ich ganz leise bei all meinen Freunden, damit sie mir zugethan und treu bleiben. Nun, bin ich nicht offen? Sind Ihnen schon viele Frauen vorgekommen, die einem Mann etwas Ähnliches zu sagen wagten?

Sie sah so komisch und entschlossen aus, es war so einfach und zugleich herausfordernd, daß er auch lächeln mußte:

– Alle Ihre Freunde, – sagte er, – sind Männer, denen so etwas öfters passiert ist, sogar vor Ihnen, die gebrannt haben in allen Feuern und die nun Ihre Glut leicht aushalten. Aber ich, gnädige Frau, habe nie in Flammen gestanden. Seit einiger Zeit fühle ich, daß es furchtbar werden kann, wenn ich mich dem überlasse, was in meinem Herzen wächst.

Sie wurde plötzlich zutraulich, neigte sich ein wenig zu ihm mit über den Knieen gefalteten Händen:

– Hören Sie mal zu, ich meine es im Ernst. Ich würde sehr bedauern, einen Freund zu verlieren um einer Furcht willen, von der ich glaube, daß sie nur eingebildet ist. Nehmen wir an, Sie lieben mich. Aber der Mann von heutzutage liebt die Frau von heute nicht so, daß es ihm ernstlich schadet. Sie können mir glauben, ich kenne beide.

Sie schwieg. Dann setzte sie mit dem eigenen Lächeln einer Frau hinzu, die eine Wahrheit ausspricht, dabei aber glaubt zu lügen:

– Wissen Sie, ich bin nicht so, daß man sich furchtbar in mich verlieben könnte. Ich bin viel zu modern dazu. Ich werde Ihnen eine Freundin sein, eine hübsche Freundin, der Sie wahrhafte Zuneigung schenken können, aber nicht mehr, dafür will ich sorgen.

In ernstem Ton fügte sie hinzu:

– Jedenfalls muß ich Ihnen das sagen, daß es mir unmöglich ist, mich in irgend jemand wirklich zu verlieben, und daß ich Sie wie alle anderen behandele; aber mehr bekommen Sie nie. Ich hasse die Tyrannei und die Eifersucht. Von meinem Mann habe ich alles ertragen müssen, von einem Freunde, von einem einfachen Freunde will ich keine jener tyrannischen Leidenschaften erdulden, die das Ende herzlicher Beziehungen sind. Sie sehen, ich bin doch nett, nicht wahr? Ich spreche ganz, wie ein guter Freund mit Ihnen, ich verberge Ihnen nichts. Wollen Sie nicht den ehrlichen und offenen Versuch mit mir machen, den ich Ihnen vorschlage? Wenn er fehlschlägt, können Sie immer noch Ihrer Wege gehen. Und wie schwer auch Ihr Fall sein mag, ich denke: aus den Augen, aus dem Sinn!

Er blickte sie an, durch ihre Stimme schon überwunden, durch ihre Bewegung, durch alles Anziehende, das ihr ganzes Wesen besaß. Und er flüsterte, in sein Schicksal ergeben und zitternd, sie so nah zu fühlen:

– Gnädige Frau, ich nehme an. Und wenn ich Kummer habe, – meinetwegen. Sie sind es schon wert, das man um Sie leidet.

Sie unterbrach ihn:

– Nun wollen wir aber nicht mehr davon sprechen, nie mehr davon sprechen.

Und sie glitt auf Gegenstände in der Unterhaltung über, die ihn weiter nicht erregten.

Nach einer Stunde ging er in Qualen davon, denn er liebte sie, und glückselig, denn sie hatte ihn gebeten und er ihr versprochen, sie nicht zu verlassen.

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