Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Unruhige Gäste

Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/raabe/ungaeste/ungaeste.xml
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleUnruhige Gäste
publisherGrote, Berlin
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 16
editor
year1886
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130613
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Nur auf 'nen Augenblick, nur auf ein kurzes Wort, Fräulein, da der Herr Pastor wahrscheinlich nach gehabten nächtlichen Strapazen noch in den Federn liegen und ich beileibe nicht ihn daraus aufstören möchte, noch dazu da er uns ja doch keinen Schritt weiter in der verdammten Geschichte befördert hat, Sie, lieber Herr, entschuldigen wohl, daß ich Ihnen für 'n Moment unsere, sozusagen, geistige Pfarrmutter aus der Hand nehme; ich bin gleich mit ihr fertig. Na, Fräulein Hahnemeyer, Sie wissen wohl schon im voraus, worum es sich handelt. Ich komme eben von der Vierlingswiese, und der Herr Bruder ist um Mitternacht draußen gewesen und hat natürlich bei dem verrückten Flegel, dem Räkel, in den Wind trompetet und sich die Zunge trocken geredet.«

»Ich habe meinen Bruder nach seiner Heimkehr leider noch nicht gesprochen –«

»Nun, dann kann ich Ihnen eben als das Allerneuste mitteilen, daß wir noch ganz auf dem nämlichen Flecke stehen wie gestern abend. Ich habe es mir aber gleich gedacht – unser Pastor und der Räkel?! Na, es wäre wohl eine Kuriosität gewesen, diese Unterhaltung von ferne mit angehört zu haben. Aber weiter brächte uns das gegenwärtig auch nicht; und mich brauchte ja die ganze Geschichte, wie ich über Nacht mir überlegt habe, eigentlich nicht eher zu kümmern, bis der Landphysikus heraufgeritten kommen ist und ich die Feh in der Standesamtsliste rechtlich und ordentlich in dieser Hinsicht versorgt und abgetan zu Papier und im Buche habe. Aber so ist der Mensch! Rechte Ruhe hat er nun mal doch nicht, zumal in verantwortlicher Stellung, wenn ihm so was auf der Seele und in der Feldmark liegt. Ja, wenn da mit dem Abschieben an den nächsten Nachbar geholfen wäre! Und die Heuernte liegt mir dazu auf dem Gemüte, und so hat mich die Unruhe wieder hergetrieben, da ich doch weiß, wie Sie gewöhnlich schon vor Tage zu Beinen sind, Fräulein Phöbe, ob Sie denn wirklich gar nichts weiter dazu tun können, daß uns dieses Ärgernis ohne weitern Rumor und fernere Unkosten vom Buckel genommen wird?«

»Ich?« fragte Phöbe Hahnemeyer. »Wo mein Bruder nichts ausgerichtet hat?«

»Ja, der Herr Bruder, der Pastor! ... Wenn Sie sich noch einmal rechte Mühe mit dem Untier auf der Vierlingswiese nach Ihrer Weise geben wollten!«

»Wie fände ich nun die rechten Worte, da sie mir der Herr gestern abend nicht gab, als ich dem Unglücklichen half, die Leiche zurechtzulegen?«

»Versuchen Sie es doch noch einmal, bestes Fräulein. Vielleicht ist der Herr Pastor, der Herr Bruder, doch noch nicht Trumpf gewesen, und Sie haben noch die beste Karte in der Hand. Bitte, gehen Sie noch mal hin; stellen Sie's dem Lümmel noch mal vor auf Ihre Art, wie nichtsnutzig und undankbar seine Aufführung ist. Kann denn die Gemeinde davor, daß das schlechte Leben das Fieber bringt? Daß unser Herrgott den Tod schickt? Für das Unterkommen auf der Vierlingswiese hat doch die Kommune nach Vermögen gesorgt und auch sonst nach Kräften das Ihrige getan. Und selbst wenn Sie, liebstes Fräulein, diesen verrückten Unmenschen, wie ich erhoffe, durch Ihre liebe Seele und Zurede herumkriegen, so ist ja doch auch noch an den Sarg und was sonst dazu gehört, zu denken, denn dieses nimmt uns auch niemand von der Tasche.«

»Das würde ich tun, wenn Sie mir die Freiheit gestatten wollen, Vorsteher«, sagte der Gast des Pfarrhauses.

»Hochwillkommen wären Sie uns dazu, liebster, bester Herr!« rief der Vorsteher mit offenem Munde. »Ja ganz gewiß wäre das eine große Freundlichkeit und Generosität. Haben Sie das gehört, Fräulein Hahnemeyer? Und so bitte ich Sie nochmals recht höflich, helfen Sie uns zu dem übrigen! Versuchen Sie's wenigstens noch mal, daß es ohne Gewalt und Einmischung der Behörden da unten für uns abgeht!«

Aus Phöbes Augen hatte nur ein kurzer, fast erschreckter Blick den Gastfreund gestreift; die Hand, mit der sie die Tassen auf dem Frühstückstisch in der Laube ordnete, blieb ruhig bei ihrem Geschäft. Aber der Gast hatte das plötzliche Leuchten aus dem stillen Blau wohl erfaßt und hatte ein volles, freudiges Verständnis dafür. Ging man dem Dinge in der Seele des Gelehrten, des Weltmannes, des Wanderers auf den Grund, so fand man, daß die Lust, noch einen Tag oder einige Tage länger bei diesem Geschwisterpaar verweilen zu dürfen, nicht geringen Anteil an seinem überraschenden, ungeforderten ersten Eingriff in diesen seltsamen Zustand hatte, der so wenige Schritte seitab von seinem gestrigen Wege und der allgemeinen Reisestraße der Entwicklung zureifte.

Doch in diesem Augenblicke kam auch der Pastor Prudens in seinem Hausgarten an und hatte zuerst natürlich seinen Dorfgewaltigen anzuhören und ihn ausreden zu lassen.

Er sah kümmerlich und übernächtig aus, der Pastor Prudens. Seine Schwester hatte ihn nie so unkräftig, so müde abgespannt gesehen. Was konnte er erfahren haben in der letzten Nacht, das ihn so merklich verändert hatte am Leibe und, wie es schien, auch in seiner sonst so trotzigen, wehrhaften Seele?

Er ließ den Vorsteher auf sich einreden, ohne nach seiner frühern heftigen Art ihn beim dritten Wort schon zu unterbrechen und das Maßgebende lieber selber zu bemerken. Er hörte von neuem von den Molesten, die der Räkel dem Dorfe machte, und dazu von der Großmut des gegenwärtigen verehrten fremden Herrn.

Matt sich auf die Lehne eines Gartenstuhls stützend, sagte er: »Ja, auch ich habe nichts ausgerichtet. Ich habe mir zuviel zugetraut in meiner Überhebung, und so bin ich allein gelassen worden auf dem Felde und komme als ein Geschlagener aus dem Kampfe. Der Mann im Elend der Erde hat die bessere Hand und das grimmigere Wort in seinem Streite mit uns gehabt.«

»Du hast nicht geschlafen, Prudens?« fragte die Schwester, ängstlich und zärtlich dem Bruder den Arm um die Schulter legend.

»Ihn und seine Kinder habe ich aus dem festesten Schlafe geweckt, und vergeblich – vergeblich! Er ist auch wieder eingeschlafen, mit der Axt in der Hand, vor der Leiche seines Weibes. ›Der da! Das da! Die da!‹ ... Ich aber habe wachend durch die Nacht gelegen und statt Gedanken nur die Worte: ›der Räkel und die Feh – der Räkel und die Feh‹ im Hirne gehabt und gewälzt. Ihr Leute im Dorfe, wer soll euch nun helfen gegen eure lustigen, leider nicht vom Wind verwehten Worte?«

»Jaja«, brummte der Vorsteher, kopfschüttelnd sich hinter dem Ohr krauend, »das ist freilich der Punkt und die Fatalität. Daß Sie nichts ausgerichtet haben, Herr Pastor, verwundert gewiß keinen; – eine spitze Schnauze und ein gutes Gebiß hat der Rä – der Volkmar Fuchs immer aufzuweisen gehabt, und schlimm genug hat ihm unser Herrgott in den letzten Zeiten auch mitgespielt. Man wüßte wohl selber nicht recht, was man an seiner Stelle sagte und täte; aber geholfen muß werden, und also, Fräulein, wie gesagt, wenn Sie's nun noch einmal versuchen wollten in Güte, ehe wir die Gewalt aufbieten?! Und der verehrliche fremde Herr, wenn der vielleicht die große Güte haben wollte und sich nicht schenirte und mit Ihnen ginge, Fräulein Hahnemeyer? Der Herr kommt doch gewiß aus der vornehmen Welt, das merkt man schon an allem; und aus der vornehmen Welt stammt doch eigentlich auch ein gut Teil von des Rä – des Volkmars Boshaftigkeit. Denn wer ihn vorher gekannt hat, der muß doch sagen, trotz allem, was schon an ihm hing, daß es ihm nicht gut getan hat, als ihn der Herr Graf seines schönen Bartes wegen als Leibjäger mit nach außen nahm! Von seinen Kriegsfahrten nachher ganz abgesehen. Und also, wenn dieser Herr nun auch von seinem Standpunkt und von außen her ihm zuredete, ich glaube, ein bißchen hülfe das auch und ersparte uns viel Wüstes und viel Maulreißens draußen im Lande und drunten im Bade. Na, wie wäre es Fräulein Phöbe, und Sie, Herr Baron, – ich weiß nicht, wie ich Sie betitulieren soll?!«

»Du würdest dieses für keine Überhebung meinerseits, für kein unbefugtes Eingreifen in diese Verhältnisse und wunderlichen Zustände erachten, lieber Freund?« fragte der Professor.

Der Pfarrer, der sich müde niedergelassen am Tische und den Kopf auf den Arm gestützt hatte, hob die Stirn von der Hand und seufzte:

»Ich habe meine Unmacht zu deutlich erkannt, um irgendeinem andern, wer es sei, zu wehren, seine Kraft in diesem Schrecken der Zeitlichkeit zu erproben. Gehe, Phöbe, wie der Vorsteher es wünscht. Wie du willst, Veit! Dir mag es ein etwas ungewöhnliches Reiseerlebnis sein.«

»Ich weiß es wie du, Prudens Hahnemeyer, daß es zu den guten Werken gehört, die Toten zu begraben«, sagte der Mann aus der Gesellschaft; und der Pfarrer nickte matt, ohne auf die leise Rüge in dem Tone des Jugendfreundes achtzugeben.

»Es würde freilich auch kaum Geld genug, den Sarg zu bestellen, in dem Hause auf der Vierlingswiese sein, wenn ihr mehr ausrichtetet als ich«, sprach der Pastor weiter, als ob er nicht unterbrochen worden sei. »Sagte nicht der Vorsteher auch von einem Anerbieten deinerseits in dieser Hinsicht? Ich würde das im Namen unserer Gemeinde annehmen können wie – dein freiwilliges Eintreten in diese Verhältnisse und Zustände überhaupt.«

»Jawohl, mit schönstem Danke soll er eintreten dürfen, der verehrte Herr!« rief der Vorsteher. »Wenn er unsere Zustände und Verhältnisse hier oben bei dem Ackerboden und unter der Erde bei diesem Kümmernis im Bergwerk besser kennte, würde er noch viel genauer wissen, wie nötig wir's haben, daß uns dann und wann einer, und zumal in solchem Falle, mildtätig unter die Arme greift. Nun, auf den Herrn hier verlasse ich mich schon; er frißt es beim Räkel durch, und der Herr Physikus wird ja wohl auch bald heraufreiten, der mag denn den Totenschein ausstellen – Herr Gott im Himmel, mit einer niederträchtigeren Last vom Herzen ab will ich noch niemals mit dem Tischler die nötige Besprechung von wegen der notwendigen acht Bretter vorgenommen haben, als wenn der gnädige Herr hier und Fräulein Phöbe mit der Siegesfahne gewehet haben von der Vierlingswiese her!«

»Die Besprechung mit dem Meister Tischler würde ich im günstigen Falle doch lieber ebenfalls auf mich nehmen, Vorsteher«, meinte Veit lächelnd. »Im, wie Sie sich ausdrücken, günstigen Falle gewinne ich doch gewissermaßen ein gewisses Bekanntschaftsrecht in hiesiger Gemeinde, und das möchte ich dann nach allen Seiten möglichst weit ausdehnen.«

»In meinem Anwesen sollen Sie mir höchlichst willkommen sein, liebster Herr«, sagte der Vorsteher, und da er fürs erste nichts mehr mit dem Pfarrhause zu besprechen hatte, nahm er seinen Abschied – kurz von dem Pastor, mit mehr Höflichkeit von dem Fräulein und aufs allerhöflichste von dem »splendiden« Fremden, der wie kein anderer, seit er, der Vorsteher, hier großgeworden war, in ähnlicher Weise sich ein »kurioses Reisepläsier für sein Geld gemacht« hatte.

»Dazu gehört auch die veränderte Welt da unten vor den Bergen, daß sie uns dergleichen Gesellschaft auf ihre Kosten herschickt, um sich so ihren Spaß bei uns zu gestatten«, meinte er im stillen. »Ein jedes von dem, was hier so im Sommer durchzieht, täte es auch nicht; aber was uns selber da unten betrifft, als wie Amtsrat, Superdent, Badeinspektor, Doktor und Apteker, denen hätte ich mal mit dem Antrag kommen sollen, dem Räkel für seine Feh den Sarg auf sich zu nehmen! Zu so was muß man eben weit her sein!« –

Sie saßen nun, da auch das doch sein Recht verlangte, um den Frühstückstisch, zwischen wortkarger Unterhaltung jeder seine Gedanken für sich bewegend. Für alle war es gewissermaßen eine Erleichterung, als der Landphysikus Doktor Hanff um die Kirchecke ritt, abstieg, seinen Gaul an den Pfarrgartenzaun band und das erste gleichmütige Gesicht des Morgens zu dem tragischen Spiel mitbrachte. Zur gewohnten Stunde war er ins Dorf auf die Praxis gekommen, hatte alles ziemlich wohl gefunden, aber jedes Haus voll von den Geschichten der Vierlingswiese.

»I, i«, hatte er gesagt. »Na, da muß denn mal wieder der Doktor dran, Vorsteher. Aber mit den Herrschaften im Pastorenhaus will ich vorher doch noch ein Wort reden, und wäre es auch nur, um mir diesen kuriosen zugereisten Begräbnisamateur etwas genauer auf seine Liebhaberei oder Großmut ansehen zu dürfen.«

So ließ er sich gemütlich in der Laube des Pfarrgartens noch eine Tasse Kaffee gefallen und sah sich den Professor Freiherrn Veit von Bielow etwas genauer an; aber auch Veit sagte sich bald: »Endlich aus dem laufenden Leben der Tage ein sogenannter vernünftiger Mensch!« Somit geriet auch er rasch in eine lebhafte Unterhaltung mit dem Arzt über das drängende Thema dieses Tages – den Räkel und seine Feh, und wie den beiden am besten beizukommen sei. Eine Unterhaltung, in welcher der Doktor das letzte Wort behielt, indem er, fast um alle seine Jovialität gebracht, rief:

»Ich werde zuerst noch mal mit dem verrückten Kerl – wollte ich sagen, dem armen Teufel, Fräulein Phöbe, sprechen, und zwar Raison! Jedenfalls bitte ich vor allem Sie, Herr Professor, aber auch Sie, gutes Kind, sich nicht eher von neuem zu bemühen, bis ich mit meinem Resultat von der Wiese zurück bin. Meine gesundheitspolizeilichen Gründe brauche ich wohl nicht weiter anzudeuten, Pastor Hahnemeyer?«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.