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Unruhige Gäste

Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/raabe/ungaeste/ungaeste.xml
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleUnruhige Gäste
publisherGrote, Berlin
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 16
editor
year1886
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130613
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Fünftes Kapitel

Es war eigentlich seltsam; man vernahm um diese spätere Abendstunde und bei tiefem Schweigen in der dunkeln Fliederlaube die Unruhe im Kirchturm lange nicht so deutlich als vorher, wo noch der Tag die Herrschaft hielt oder sich doch nur mit der ersten Dämmerung um sie stritt. Der Tag soll laut sein, aber hier war die Nacht lauter als er; denn nun erst war das Dorf lebendig geworden hinter der Kirche, den nächsten Hecken und Hofmauern und Gärtenzäunen. Kinder kreischten und jauchzten, junges Volk sang, es drangen auch zänkische Stimmen herüber. Und da ein Todesfall immer ein Ereignis in solchem abgeschiedenen Gemeindewesen ist, so hätte sich die Unruhe im Dorfe wohl noch länger über die ersten Ruhestunden nach schwerer Tagesarbeit fortgepflanzt und die Unruhe im Turm übertönt, wenn auch nicht heute die Frau auf der Vierlingswiese gestorben wäre und der Räkel dem Vorsteher die Faust unter die Nase gehalten und sich das ehrliche und ordentliche Begräbnis der Leiche seines Weibes mit Fluchen und Hohnlachen verbeten hätte.

»Wirst du nun gleich zu dem armen Menschen in seiner Verwirrung gehen, Prudens?« fragte Phöbe in dem Pfarrgarten.

»Ich denke nicht«, sagte der Pastor. »Es wird wohl besser sein, ich komme zu ihm, wenn das Dorf zu Bett und ganz in Ruhe ist. Den Mann werde ich auch später wachend finden; ich kann ihn aber auch aus dem Schlaf wecken, jedenfalls wünsche ich mit ihm in seinem Elend allein vor Gott zu sein.«

Der Gast hörte nicht den geringsten Anklang an Sorge und Ängstlichkeit in dem Ton, mit welchem das junge Mädchen erwiderte:

»Ja, du hast recht, dieses ist das beste.«

Doch der Pfarrer wendete sich jetzt an den Jugendfreund, und zwar zum erstenmal mit einem gewissen Anflug von Heiterkeit in Ton und Ausdruck, worin sich aber auch diesmal wieder ein leisester Hauch von Bitterkeit und Spott mischte:

»So leben wir hier nun, lieber Veit. Dieser gegenwärtige Fall ist wohl, wie man das nennt, recht interessant; aber laß dich nicht dadurch täuschen: du findest wenig an uns, was dich später auf deinen Wegen noch interessieren könnte in der Erinnerung an uns.«

»Meinst du, Prudens?«

»Und nun, das Kind da, meine Schwester, kennt kaum mehr von dir als den Namen, und so halte ich es für wünschenswert, daß du ihr mitteilst, wie der Herr uns voreinst in Jüngern Tagen zusammenführte und uns, jeden in seiner Weise und nach seiner Lebensstellung, Anteil aneinander nehmen ließ. Auch ich werde dann gern vernehmen, wie deine Wege bis heute liefen, nachdem er uns nach seinem heiligen Willen von neuem auf entgegengesetzte Pfade gestellt hatte.«

Es zeugte unbedingt bei dem Gast von mannigfachem Umgang mit vielerlei Menschen, daß er mit unerschütterter, heiterer Gelassenheit sich zu der jungen Dame wendete:

»Es ist eine Tatsache, Fräulein Phöbe: wenn alte Universitätsgenossen sonst nach längerer Trennung sich wieder einmal zusammenfinden, so pflegen sie mit Vorliebe zuerst von den vergangenen schönern Tagen zu schwatzen. Ich gestehe offen, ich hatte auch die beste Lust dazu mit hierher gebracht; aber wie soll man das nun anfangen, einem solchen Menschenkinde gegenüber, welches das unverwüstlichste Gesprächsthema auf dieser Erde sofort in der Blüte knickt? Es drängte mich wirklich, Ihnen nicht völlig unbekannt zu bleiben, um meinen Überfall heute abend wenigstens in etwas zu rechtfertigen; aber – Prudens Hahnemeyer, unsere hallesche Jerichosrose stellst entweder du jetzt ins Wasser oder – läßt es bleiben und versparst das für morgen, wenn der damalige und jetzige Störenfried und Aufdringling wieder den Rücken gewendet haben wird. Hast du den Don Quijote gelesen, Hahnemeyer, so muß ich dich unbedingt auf das Erzählungstalent des braven Sancho in der Nacht vor dem großen Abenteuer mit den Walkmühlen aufmerksam machen. Meine Begabung zum Geschichtenerzählen ist ganz von der nämlichen Sorte.«

Es blieb zweifelhaft, ob der Pastor Prudens die Geschichten von dem sinnreichen Junker Don Quijote und seinem Schildknappen gelesen hatte; Phöbe hatte sie nicht gelesen.

»Ich würde gern mit zuhören«, sagte sie; und so erzählte und sprach in dieser lauen Sommernacht der außerordentliche Professor und Doktor Freiherr Veit von Bielow-Altrippen doch noch mehr von sich und seinen auf- und absteigenden Lebensläufen, als wenn die Gesellschaft und Zuhörerschaft – eine andere gewesen wäre. Eine andere; so und nicht anders würden sich die meisten wohl ausgedrückt haben. –

Für uns aber ist im Grunde wenig Nacherzählenswertes dabei. Es war eben bis jetzt nur die Laufbahn des liebenswürdigen, nicht unbegabten, wohlmeinenden Gentleman-Gelehrten gewesen. Ein guter Familienname, weitreichende gesellschaftliche Verbindungen, ein ausreichendes Vermögen und ein gesunder Körper und heiterer, mäßiger Charakter hatten ihn in seinen Studien, Neigungen und Liebhabereien begünstigt. Er fühlte sich sicher auf seinen Füßen und gegen jedermann in der Welt um ihn her. Seine Berufswissenschaft nahm er leicht und spielend. Mit einem feinen Gefühl für das Schöne hatte er große Reisen in Italien, Griechenland und im Orient gemacht; und davon vor allem sprach er gern und mit ernstem Verständnis. Die männliche, unbefangene Seelenheiterkeit, welche er an diesem Abend in dieses trübe Haus, zu diesem weltabgeschiedenen Geschwisterpaar hineintrug, ließ auch den selbstquälerisch-finstern Prudens dann und wann genauer aufhorchen und brachte seine stille Schwester über ihrem Arbeitskörbchen bei dem dämmerigen Schein der kleinen Gartenlampe in der dunkeln Laube zum Aufblicken und zu rascherm Atemholen und einige Male sogar zu einer Frage und einem Lächeln.

Als er zu Ende war, sagte der Pfarrer:

»Ich freue mich deines Lebensglückes und deines Behagens an diesem vergänglichen Dasein. Du hast Gott, der alles dieses gibt oder versagt, mit dankerfülltem Herzen dich zu beugen. Er hat dir deine Pfade bis heute lieblich und leicht gemacht. Möge solches nicht wie ein Tuch um deine Augen gewesen sein, das dem Menschen am Ende seines Weges abfällt, wenn ihn kein Erdenwitz und Behagen von der Tiefe vor seinen Füßen zurückzuziehen vermag! Doch es wird spät, und du weißt, ich habe noch einen nicht leichten Weg in dieser Nacht zu gehen. Da rührt sich auch unser Gebirgswind. Wenn es dir genehm ist, werde ich dich zu deinem Schlafzimmer führen, und ich wiederhole dir, du bist mir herzlich willkommen gewesen, und es war freundlich von dir, daß du dich meiner noch im Vorbeigehen, im Behagen deiner Tage erinnert hast.«

»Besten Dank, Alter«, sagte der Jugendfreund achselzuckend. »Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten, Fräulein?«

Das Fräulein schien die höfliche Gesellschaftsformel gänzlich überhört zu haben. Sie nahm die Lampe vom Tische und leuchtete mit ihr unter den jetzt leise rauschenden Baumwipfeln des Gartengangs. Sie stand mit ihr in der erhobenen Hand unter der Pforte des Hauses und ließ ihren Schein auf die ausgetretenen Treppenstufen fallen.

»Sie dürfen uns nicht straucheln auf unserer Schwelle«, sagte sie, und noch einmal bemerkte der Gast, daß sie, wie man das nennt, Farbe bekommen konnte, daß sie lächeln konnte, daß sie ihre Augen groß und freundlich aufzuschlagen vermöge.

Nun wünschte sie dem Gast gute Nacht und verschwand, nachdem sie die Lampe dem Bruder gereicht hatte. Der Pastor führte den Freund in ein Stübchen im Oberstocke des Pfarrhauses und sagte:

»Du siehst, du mußt dich zu bescheiden wissen, Bielow; aber du hast ja, wie du uns erzähltest, harte Lagerstätten schon öfters erprobt und kahle Wände um dich gehabt, ohne über deine Wirte und deinen Willen zu murren am andern Morgen. Der Herr lasse dich eine friedliche Nacht haben unter diesem Dache!«

»Ich hoffe darauf. Was soll ich dir wünschen, Prudens Hahnemeyer?«

»Ein unbewegliches Herz und eine Zunge wie –« Er beendete den Satz nicht. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, murmelte Veit Bielow:

»Ein unbewegliches Herz! Armer Teufel! Und er hatte Furcht vor dem Reime: – eine Zunge wie Erz. Bei den unsterblichen Göttern, da schlendert man faul zu und versäumt es in gelangweilter Trägheit vielleicht täglich, den Schritt vom Wege zu tun, der uns zu solchen Zuständen, zu solchen Darstellern für unteilbare Handlung oder fortgehendes Gedicht, wie Polonius sagt, zu bringen vermag! Nun, Veit, wir gehören doch wohl auch zu den Schauspielern, die am Hofe des Königs Claudius angekommen sind. So wollen wir uns wenigstens Mühe geben, daß auch für uns Seneca nicht zu traurig und Plautus nicht zu lustig ist, solange wir unsere Rolle abzuspielen haben auf der Erde, an diesem anrüchigen Hofe von Dänemark, den hie und da auch einmal einer, der sich nicht Polonius nennt, des Menschen Tragiko-Komiko-Historiko-Pastorale benamsen könnte. Hm, was für eine Tiefe – wie dieser lutherische Mönch sich ausdrückte – sich da eben, nach diesem meinem heutigen Schritte vom Wege, in den Augen dieses lieben, kleinen Mädchens, seiner Schwester, vor mir auftat! Welch ein wundervoller Tag in seinen Einzelheiten, mit oder ohne Binde vor den Augen!«

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