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Unruhige Gäste

Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/raabe/ungaeste/ungaeste.xml
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleUnruhige Gäste
publisherGrote, Berlin
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 16
editor
year1886
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130613
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Drittes Kapitel

Es war keine besonders lebensfreudige Stimme, die jetzt vom Hausflur her den süßen, an diesem Ort so wunderlich tönenden Namen Phöbe rief.

Der Gastfreund legte seine Hand auf die Hand des nun doch hastig von seinem Sitze sich erhebenden jungen Mädchens, und vom Hause her durch den Gartengang kam langsam der Pastor Prudens Hahnemeyer heran.

Veit Bielow blickte dem Jugendfreunde mit Spannung entgegen. Wenn ihm die Erscheinung desselben irgendwelche Enttäuschung bereitete, so ließ er jedenfalls nichts davon merken. Dieses Haus, diese Menschen hatten an seinem Wege gelegen, und er hatte sie aufgesucht. Er hätte an ihnen vorbeigehen können; aber er hatte es zufällig nicht getan, sondern war zu ihnen eingetreten. Wie hätte er sich ein Recht anmaßen können, das, was er fand, anders zu wollen, als es war? Ein größerer Gegensatz in Körpergestalt und Haltung und geistigem Ausdruck als zwischen diesen beiden Männern ließ sich freilich auch nicht leicht vorstellen.

Hager, aber breitschulterig und über die Mittelgröße des Menschen hinaus, doch den Kopf und Oberkörper etwas vorgeneigt tragend, kränklich, bleich und mit bald erloschenen, bald seltsam leuchtenden, aber immer halb durch die Lider verdeckten Augen trat der junge Dorfpfarrer in seine Gartenlaube.

Nur einen kürzesten Moment zauderte er am Eingang unter dem Fliederbogen, dann aber trat er mit weitem Schritt heran und sagte fragend:

»Ein Gast, Schwester?«

»Ein Freund, Bruder! Ein alter lieber Freund von dir. Ich weiß nicht, ob er dich raten lassen will, oder ob er – ob du –«

»Baron Bielow?« sagte Prudens Hahnemeyer.

»Veit Bielow, alter Mensch!« rief der Gast lachend und griff fest und warm nach der zögernden, magern, kühlen Hand des andern, die sich auf den Tischrand gelegt hatte. »Verbitte mir dringend alles fernere Baronisieren, mein braver, alter Dachstubenperipatetiker. Die Familie des Freiherrn von Bielow-Altrippen blieb seinerzeit immer gründlich unten, Fräulein Phöbe, wenn ich zu seiner Höhe emporstieg, um Weltliches und Überweltliches bei seinem schlimmen Tee, schlimmem Kaffee und über allen Ausdruck entsetzlichen Knaster mit ihm zu bereden. Weiland Doktor Samuel Johnson konnte auf der Universität Oxford die neuen Schuhe, die man ihm vor die Tür setzte, gewiß nicht grimmiger aus dem Fenster werfen, als wie dieser philosophisch-theologische Zyniker mich in Halle aus der Tür beförderte, als ich zum ersten und zum letzten Male den Versuch machte, ihm mit einer Kiste erträglicher Zigarren, einer Flasche Bordeaux in jeder Rocktasche und einem im nächsten Delikatessenladen gefüllten Handkorb fernere Duldung meiner windigen Persönlichkeit hinter der sturmsichern Mauer seiner Weltanschauung abzuschmeicheln. Ich verbitte mir also jetzt deinen Baron ebenso bestimmt, wie du dir damals meinen gekochten Schinken und Schweizer Käse verbatest, Hahnemeyer. Übrigens, im Ernst, lieber Freund, nimmst du hoffentlich diesen meinen Überfall aus blauer Luft und goldenem Abendhimmel nicht verquerer als wie damals meine leichtfertigsten Einbrüche und Einwürfe in deine ernsthaftesten logischen Beweisführungen, Darlegungen und Erörterungen?!«

»Ich freue mich herzlich; Sie – du bist willkommen, auch unter diesem Dache.«

»Für eine Nacht –«

»Für Tage, Wochen und Jahre, solange du wie damals zufrieden bist mit dem, was ich dir zu bieten habe.«

»Nur für diese Nacht, und auch für die nur, wenn deine Schwester einverstanden ist. Sie sehen übrigens, Fräulein, ich bin jedenfalls da wie der richtige Wandsbecker Bote: alles, was ich habe, trage ich bei mir. Das heißt, die Tasche hier enthält meine ganze fahrende Habe für diesmal. Schon aus Gepäckmangel würde ich also das alte Sprichwort von frischen Fischen und guten Freunden, die sich nur drei Tage im Hause angenehm halten sollen, von neuem wahr zu machen haben.«

Er hob die leichte, elegante Tasche lachend auf, wies zugleich auf Hut und Wanderstab und fuhr fort:

»Ich konnte aber unmöglich durch dein Dorf gehen, Hahnemeyer, ohne genauer zu erkunden, wo und wie eigentlich das Schicksal dich in der Welt argem Wirrsal in Sicherheit gebracht habe, und ohne den Versuch zu machen, noch einmal einen Abend mit dir zu verplaudern. Wer kann sagen, wann und ob uns noch einmal die Gelegenheit dazu gegeben wird? Gestern, etwas tiefer in euern Bergen, geriet mir eines eurer Kreisblätter mit deinem Namen und dem deiner Pfarrstelle in die Hände; deine Schwester mag dir erzählen, wie sich heute abend vor zwei Stunden unsere Bekanntschaft auf der Vierlingswiese angeknüpft hat.«

»Wir haben, wie es vorauszusehen war, dort eine Leiche, Prudens«, sagte Phöbe ruhig. »Anna ist tot. Es ist so geschehen, wie du heute morgen meintest; der Herr hat sie aus ihrem Elend vor sich gerufen, ohne daß sie es bemerkte. Sie ist vor seinen Stuhl gegangen, ohne bei uns ihre Besinnung wiederbekommen zu haben.«

Nach einer Weile fragte der Pastor:

»Und der Mann?«

»Wild und zornig gegen die ganze Welt. Wilder und zorniger jetzt als sonst! Und voll bösen Vorhabens zu seinen bösen Worten. Er lacht und meint, auf dieses habe er nur gewartet; so sei es jetzt gut, und das Dorf und alle, die mit der Familie Fuchs im Sterben nichts zu schaffen haben wollten, sollten sich nur ja nicht einbilden, daß sie ihnen im Tode Molesten machen werde. Ich weiß nicht, was er damit sagen konnte; aber er hat gelacht und die Hand, die er nicht gegen mich ballte, seiner Frau Leichnam als Faust auf die Stirn gelegt. Es war kein guter Anblick. Wann willst du zu ihm gehen?«

»Im Laufe des Abends natürlich«, sagte der Pfarrer und riß den Freund und Gastfreund in der Tat aus einem verworrenen Versunkensein in die Situationen, von denen eben dieses junge Mädchen so gelassen redete, als er hinzufügte:

»Du wirst nun wohl ein wenig im Hause zu sorgen haben für unsern Besuch, Phöbe. Du wirst dein Bestes tun, Kind; es ist wahrlich ein alter, guter Bekannter, der uns hier aufgesucht hat!«

Phöbe erhob sich rasch, grüßte noch einmal diesen Jugendfreund ihres Bruders, den dieser Bruder eben einen guten Bekannten genannt hatte, und eilte dem Hause zu; sie hatte einen zierlichen Schritt, auch wenn sie nicht langsam ging.

Die beiden Männer waren nun allein miteinander an dem Tisch in der Laube, und man hörte, während sie sich jetzt von neuem prüfend, ohne es zu verbergen, betrachteten, wieder nichts weiter als die Unruhe im Turm und dann und wann ein leises Schwalbenzwitschern um den Turm und das Kirchendach. Zuerst nahm dann Veit Bielow das Wort und sagte:

»So lebst du also nun, Prudens?«

»So lebe ich und hier. Es läßt sich für dich wohl nicht in kürzere Worte fassen.«

»Und hieraus, aus diesem deinem kurzschroffen Gegenwort nämlich, sehe ich, daß du noch ganz der Alte bist, alter, harter Freund.«

»Du solltest länger als eine Nacht in diesem Hause bleiben.«

»Hm«, murmelte der Mann aus dem Säkulum, der Zeitlichkeit – der Gesellschaft.

»Siehst du, du scheinst heute doch einiges Bedenken darüber zu fühlen«, meinte Prudens mit leiser, grimmiger Ironie; doch der Jugendfreund rief – und zwar auch nicht ohne eine gewisse selbstsichere Überhebung:

»Ganz im Gegenteil, mein Teurer. Ich fühle wirklich die ausbündigste Lust, einen Lastesel vom Zeltpflock meines gegenwärtigen Aufenthaltsortes dort unten unter den Leuten im Alltagsdasein loszulösen, ihn mit meiner dorthin vorauf geschickten Bagage von neuem zu belasten und ihn vermittelst eines Wälderknaben oder Gebirgsjünglings hierhinaufzudirigieren, um, wenn nicht für Monden und Jahre, so doch für Tage und Wochen von deiner Gastfreundschaft Gebrauch zu machen.«

»Da müßtest du dir freilich doch wohl etwas genauer von meiner Schwester und mir zeigen lassen, wie wir leben.«

»Da kommt Fräulein Phöbe und deine Magd mit Tellerkorb und Serviettenbündel. Augenblicklich werden wir ihnen hier unter dem Fliederzweig wohl ein wenig im Wege sein. Beginne du. Zeige mir, wenn nicht dein ganzes Haus, so doch dein Privatreich darin, deine Stube und deinen Arbeitstisch, während wir den beiden hier das Feld frei lassen. Vielleicht dämmert es dir in der Erinnerung mehr und mehr auf aus der Zeit, da wir, wenn nicht andere, so doch jüngere waren, wie hartnäckig ein gewisser Veit Bielow in seiner liebenswürdigen Aufdringlichkeit zu sein vermochte.«

Lachend nahm er den Pfarrer unterm Arm und zog ihn gegen das Haus. Es war ihm in der Tat schwer zu widerstehen, und Prudens widerstand auch nicht. Er ließ sich führen und führte. Mit fröhlicher Behaglichkeit sagte der Gast zu dem jungen Mädchen:

»Ich wünsche vor allen Dingen ganz genau Hausgelegenheit kennenzulernen, liebes Fräulein.«

»Deines Freundes Schlafgemach ist bereit, Prudens«, flüsterte Phöbe ihrem Bruder zu.

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