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Unruhige Gäste

Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Raabe
titleUnruhige Gäste
publisherGrote, Berlin
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 16
editor
year1886
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130613
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Zweites Kapitel

Der Wald nach dem Dorfe, nach der untergehenden Sonne zu bildete nur einen lückenhaften, lichtdurchschimmerten Vorhang zwischen der Wiese und einigen Gärten, geringern Bauerngehöften und der Kirche. Letztere leuchtete in ihrer weißen Tünche auch bald zwischen den glatten, graden Stämmen der Hochtannen durch. Der Pfad wand sich über den »alten« Gottesacker, dessen letzte versinkende Ackerbauer- und Bergmannsgräber aus dem Anfange dieses Jahrhunderts stammten, und – da war die Hecke des Pfarrgartens und die Laube mit dem Tische und den zwei Bänken auf Pfählen und der Weg durch den Garten zu der Hintertür des geistlichen Hauses – alles im Schatten der Dorfkirche.

Eine niedere Holzgittertür, schlecht in den Angeln hängend und ohne Schloß und Riegel, sperrte den Pfarrgarten nur der Form wegen, wie es schien, von den Gräbern, den Dorfgänsen und dem an der Hecke weiterlaufenden Fußsteige ab; und, die Hand auf diese Pforte legend, stand jetzt die junge Schwester – nicht Frau – des Pfarrherrn und hatte nun, ganz zuletzt, gezwungen durch die Beharrlichkeit ihres Begleiters, doch noch ein Wort und dazu einen Blick, einen trotz aller kühlen, klaren Ruhe ein wenig fragenden Blick, an den hartnäckigen Menschen zu wenden.

»Wenn Sie die Landstraße wieder zu erreichen wünschen, müssen Sie sich an der Kirchenecke dort rechts halten. Der Weg weiter ins Dorf und zum Gasthause wendet sich links. Ich wünsche einen glücklichen Abend, mein Herr.«

»Ich auch, Fräulein«, murmelte der Tourist leise. Laut meinte er lächelnd: »Ich hätte wohl auch aus dem Quell auf jener Wiese mit der Hand schöpfen können; aber ein Glas Brunnenwasser hier aus mildtätiger Hand wäre mir doch lieber als ein Trunk dort, in Anbetracht der Hände und Füße, die dort gewaschen wurden, ganz abgesehen von der Wäsche, die neben dem Born zum Trocknen auf der Leine hing.«

Die junge Dame sah einen Augenblick wie erschreckt auf ihre Hände und dann zögernd auf den Fremden, Dann aber sagte sie:

»Ich verkehrte bei den armen Leuten dort. Sie kennen die Gefahr – wollen Sie eintreten bei uns, so bitte ich, sich zu setzen und wenige Augenblicke Geduld zu haben, mein Herr.«

Sie hatte die Gittertür geöffnet und deutete auf eine der Bänke in der Laube; der hartnäckige Fremde sagte:

»Ich weiß, liebes Fräulein. Wer um derartige Schatten auf seinen Wegen zu scheu herumgeht, geht nicht weit; und ich bin in allerlei Ländern der Erde gewesen und habe mir manche gute Erfahrung in Leben, Wissenschaft und Kunst mitgebracht, nur weil ich mir nach Möglichkeit eines mutigen Herzens bewußt blieb.«

Sie sah ihn jetzt zum erstenmal mit wirklichem Interesse und einiger Verwunderung an. Ein Lächeln, das seinen Quell auch nur in einem im tiefsten Grunde heiter-mutigen Herzen haben konnte, überflog ihr ernsthaftes Gesicht; doch ohne weitere Bemerkung schlüpfte sie ins Haus, nachdem sie nur durch eine Handbewegung von neuem zum Niedersitzen eingeladen hatte. Und der Gast legte Hut, Stock und Tasche ab und nahm Platz auf einer der Bänke an dem abgenutzten Tische, der schon mehr als einem der Vorgänger des jetzigen geistlichen Herrn und seiner Familie treu bei Lust und Leid, Behagen und Unbehagen gedient haben mochte.

»Ich wünsche einen glücklichen Abend!« wiederholte er. »Hm, drunten im Bad, im Saisonkonzert? Halten wir diesen ruhigen Platz jedenfalls für einige Augenblicke fest, Veit. Hm, wie deutlich einem die Uhr dort im Turm die Zeit zuzählt.«

Man vernahm wirklich von der Laube aus in der tiefen Spätnachmittagsstille deutlich das Geräusch der Unruhe im Kirchturm jenseits der alten Gräber. Die einzige sichtbare Lebendigkeit brachten nur die Schwalben, die in leisem Fluge das spitze Schieferdach und den Wetterhahn umfittichten, in das friedliche Bild der Stunde.

Der Fremde hatte aber in der Tat eine geraume Zeit auf seinen Trunk zu warten; denn völlig umgekleidet trat das Pfarrfräulein wieder aus dem Hause, auf einem Teller das gewünschte Glas klaren Wassers tragend. Sie ging so leicht und leise, daß der flüchtige Gast diesmal ihr Herankommen durchaus nicht merkte, sondern aus seinem Sinnen fast erschrocken auffuhr, als sie mit freundlicher Stimme ihn anredete:

»Mein Herr – ich bitte.«

»Den schönsten Dank! Darf ich im Sitzen trinken?«

Statt einer Antwort nahm sie, nach ihrer Art das Haupt neigend, selber ihm gegenüber Platz.

»Es geschieht wohl selten, daß sich Ihnen die Welt so aufdrängt, mein Fräulein?« fragte er.

Sie schien alles, was sie sagte, erst genau zu überlegen. Er mochte erwarten, daß sie erwidere: die Welt, aus der Sie kommen, wohl selten. Sie aber sagte:

»Wir verschließen unsere Tür nicht. Kommt die Welt nicht zu uns, gehen wir zu ihr.«

»Wie zu der Hütte jenseits der Tannen auf der Vierlingswiese? Wir fürchten uns nicht vor bösen Gebärden, schlechten Gedanken und schlimmen Worten, wie wir keine Furcht haben vor der Ansteckung durch den Flecktyphus!?«

»Wir suchen unsere Furcht zu unterdrücken. Der Herr ist immer über uns und hat Geduld mit uns und schenkt uns ein heiteres Herz, wenn wir an einer Schwelle zögern, den Fuß über sie zu setzen.«

Der Gast beugte sich unwillkürlich vor über den Tisch, um besser in die gelassenen, klugen Augen sehen zu können.

»Wissen Sie, Fräulein, daß ich doch vorhin wahrhaftige Furcht hatte, den Fuß von der Landstraße – aus meiner Welt in den Frieden dieses Kirchen- und Fliederschattens zu setzen?«

»Warum?«

»Weil Sie immer wissen, was Sie zu den Leuten bringen, in deren Türe Sie treten. Ich aber weiß nicht, was ich zu Ihnen getragen, bei Ihnen zurückgelassen haben werde, wenn ich den Fuß von neuem auf die Chaussee setze, auf die Sie mich vorhin hinwiesen.«

Sie schüttelte nur den Kopf.

»Wir gehen alle nur, wie Gott uns schickt; und wir tragen nur als seine niedrigen Boten.«

Ganz überraschend fragte der Fremde hierauf:

»Wann könnte Prudens wohl zu Hause sein?«

Und trotz aller Selbstbeherrschung wirklich überrascht, erhob sich das junge Mädchen und rief:

»Sie kennen uns – den Namen meines Bruders?«

»Es würde sich nun wohl nicht schicken, Ihnen gegenüber mein Wald-, Wiesen- und Landstraßeninkognito länger festzuhalten. Mein Name da draußen im Säkulum ist Bielow und zur Unterscheidung von einer unendlichen Namensverwandtschaft, weit zerstreut durch das Deutsche Reich, das Land Österreich und mit mehr als einem Ausläufer nach Rußland, Holland und dem Königreich der Belgier – Bielow-Altrippen. Sollte sich aber hier am Ort ein gewisser vormaliger Studiosus Theologiae Prudens Hahnemeyer eines gewissen Veit Bielow noch ein wenig entsinnen und seiner dann und wann im Gespräch gedacht haben, so würde mir das vielleicht auch bei Ihnen, liebes Fräulein, zur Entschuldigung in betreff meines kuriosen Eindringens in Ihren Hausfrieden und des hartnäckigen Festhaltens des Platzes an diesem Tische behülflich sein.«

»Freiherr Bielow-Altrippen?«

»Veit Bielow, vordem Studiosus beider Rechte auf mancher Universität und auch der zu Halle, jetzt Professor der Staatswissenschaften Doktor Bielow an der Hochschule der Landeshauptstadt – durchaus nichts Außerordentliches, sondern nur bescheidener außerordentlicher Professor bis auf weiteres. Das Nächstliegende würde sein – darf der Mann jetzt im vollen Sinne des Wortes um Entschuldigung wegen seiner Aufdringlichkeit bitten? Darf Veit Bielow bleiben, bis der alte Kommilitone vom Filial nach Hause kommt und den Hausgenossen – aus der Welt da draußen unter seinem Dache und an seinem Tische findet?«

»O wie wird sieh mein Bruder freuen!« rief die Schwester des Pfarrers.

»Und Sie sind also Phöbe?«

»Ja, Phöbe Hahnemeyer.«

»Ja, und so sind auch wir beide im Grunde schon recht alte, gute Bekannte. Es ist eine ziemliche Reihe von Jahren her, seit ich in Ihres Bruders Dachstube hinaufstieg und den lieben Namen in einem Briefe von Ihnen oder an Sie fand. Mir klang er damals nur hold hellenisch, und so rief ich ihn fröhlich der Mondsichel über den Dächern in der deutschen Frühlingsnacht zu. Doch Ihr Bruder schlug mir sein Neues Testament auf und zeigte mir, daß auch jene, die den Brief des Apostels Paulus von Korinth nach Rom trug, Phöbe hieß. Da nahm ich denn die hübsche Gelegenheit wahr, mir eine historische Tatsache möglichst fest einzuprägen. O ich habe die Stelle noch ziemlich genau im Gedächtnis: ›Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist im Dienste der Gemeinde zu Kenchrea, daß ihr sie aufnehmet und tut ihr Beistand in allem Geschäft, darinnen sie euer bedarf!‹ Sie dürfen mir also die Art und Weise, in der ich mich eben zur genaueren persönlichen Bekanntschaft und zu jeder mir irgend möglichen Dienstleistung in allem Geschäft eingeführt habe, um so weniger übelnehmen.«

»O es ist ein lieber Besuch!« rief das Fräulein. »Und da kommt mein Bruder – o das ist gut! Das ist sein Wagen vor dem Hause. O wie wird er Augen machen und sich freuen, mein Bruder Prudens!«

»Und, bitte, nun laufen Sie ihm diesmal nicht entgegen, Fräulein Phöbe. Lassen Sie ihn uns hier am Tische finden wie zwei längst vertraute gute Freunde. Und machen Sie sich nachher in der Küche mehr mit mir zu schaffen als bis jetzt hier am Tische – ich habe nämlich nunmehr die bitterste Absicht, auch die Nacht über zu bleiben –, so darf mich das Haus Hahnemeyer noch so fest einriegeln in meinem Kämmerlein, ich gehe doch durch, sowie der letzte Teller gewaschen ist, und sollte ich mich an zerschnittenen Bettüchern vom Dachrande herablassen müssen.«

»Unnötige Sorgen, Herr Professor!« rief Fräulein Phöbe, und sie lachte dabei vollkommen kindlich aufrichtig.

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