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Unruhige Gäste

Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste - Kapitel 21
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pfad/raabe/ungaeste/ungaeste.xml
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleUnruhige Gäste
publisherGrote, Berlin
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 16
editor
year1886
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130613
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Zwanzigstes Kapitel

Und nun ist der Sommer dahingegangen und der Herbst auch. Längst haben sich die eingeborenen Buttervögel und die fremden Gäste aus dem Tal verloren. Die Musikanten haben ihre Instrumente zusammengepackt, die Springbrunnen haben ihr lustig Rauschen und Hüpfen für diesmal eingestellt, die überflüssigen Kellner, Köche und Stubenmädchen sind entlassen, und die ortsangesessenen Leute sind wieder in die Räume eingezogen, die sie während der »Saison« an die Fremden vermietet hatten. In den vornehmen Privatvillen sind die Läden geschlossen, die Vorhänge herabgelassen, die Möbel mit Überzügen versehen und die Spiegel und Bilder verhängt. In den Spekulationsvillen ist in den Mietgemächern dasselbe geschehen, nur haben sich die am Orte verbliebenen Spekulanten und Eigentümer auch hier zu eigener Behaglichkeit mit ihrem eigenen Haushalt ausgebreitet, und es gehen in manchem Salon Dinge vor, die während der fashionablen Erntezeit rein unmöglich drin waren. Die großen Hotels stehen stumm und langweilig und beinahe etwas unheimlich unter dem gewöhnlich recht grauen Himmel. Jedermann im Bad hat längst seinen Gewinn aus dem Jahrgang zusammengezählt und ist mehr oder weniger zufrieden damit.

»Man hat sich selbst endlich wieder!« sagen die Leute, welche aus irgendeinem Grunde nicht mit zu spekulieren brauchten oder es nicht konnten. Was jedem zu diesem seinem Selbst im Guten oder Bösen aus dem mehr oder weniger unmittelbaren Verkehre mit den fremdländischen, flüchtigen Nachbarn im Sommerleben zugewachsen war, das mochte er im stillen ebenfalls zusammenrechnen – wir werden ihn gewiß nicht daran hindern. Jedenfalls sieht der Pfarrer im Bad nicht mehr so viele fremde Gesichter und wundervolle, abenteuerliche, moderne Damenhüte unter seiner Kanzel wie im Sommer. Er redet als guter Hirte nur noch seinen eigenen Lämmern ins Gewissen. Wenn er dieselben vermahnen würde, das nächste Jahr die Schere nicht so hart anzulegen, sondern an das alte Sprichwort »Was du nicht willst, daß man dir tu« und so weiter zu gedenken, so erwürbe er sich unbedingt ein Verdienst dadurch. Und wenn er noch so zart durch die Blume redete, könnte man ihn doch nur für seine Bemühungen loben.

Auch Landphysikus Doktor Hanff ist in seinen alten, gewohnten Praxiskreis zurückgesunken. Seinen Gewinn aus der »Narretei« hat er zwar auch genau überzählt und ist recht zufrieden; aber behaglicher ist's ihm doch unter den ihm »von Haus aus« bekannten Klienten und Patienten und vor allem in der regulären, gewohnten Winterstammkneipe, wo Wirt und Wirtin, Tochter vom Hause und Dina, die Kellnerin, endlich auch einmal wieder einen Augenblick Zeit für 'nen wirklichen Menschen und ein ruhiges Wort haben. Solider Frühschoppen und gemütliches Anwurzeln abends hinter geschlossenen Fensterläden in warmbehaglicher Sofaecke, nicht zu nah und nicht zu fern dem Ofen, sind endlich wieder zu ihrem Rechte gekommen. Item die lange Kneip-Winterpfeife, von der im »vermaledeiten Sommergelärm« auch nicht die Rede sein konnte. Item eine erkleckliche Reihe ortsangeborener Anekdoten, die in dem »nichtsnutzigen Getöse« dem Versinken ins »Nimmerwieder-Gewürdigtwerden« nur zu nahe waren.

Das auch in diesem letztern Fache im Guten wie im Bösen neu Zugewachsene ist darum ja nicht minder begehrt. Jeder hat den Sommer über Ohren und Augen offengehalten. Jeder hat was zugelernt und Doktor Hanff nicht das wenigste. Die Abende sind lang, und recht schade ist's, daß der verflossene bunte Schwarm der Fremden nicht mit zu hören bekommt, was an diesen langen Herbst- und Winterabenden die biedern Eingeborenen nachträglich über ihn im einzelnen wie im allgemeinen zu sagen haben. Manche, vielleicht sogar viele von den lieben Gästen würden wahrscheinlich in der nächsten Saison nicht wiederkehren, wenn sie ihr Lob vernehmen könnten. Soviel hiervon.

In den Bergen oben ist um diese Jahreszeit die Witterung natürlich noch um einige Grade rauher als drunten im mehr vor dem Winde geschützten Tal. Das Dorf des Pfarrers Prudens Hahnemeyer ist seiner jedem Wehen preisgegebenen Lage wegen sogar arg verrufen. Die Stürme treiben dort schon im Sommer manchmal schlimm genug ihr Spiel; aber um die Tag- und Nachtgleiche wird's dann und wann fast zu schlimm.

Nur die Tannen halten nach ihrer Art ihr grünes Kleid dort oben noch fest. Den Laubbäumen ist es längst entrissen und wirbelt in Fetzen auf allen Wegen oder hat sich in den Wäldern zu Boden gelagert, und der Fuß versinkt beim Durchschreiten tief in die weiche, raschelnde Decke, wenn er nicht gar schon in Schnee versinkt.

Das Pfarrhaus teilt nicht bloß die klimatischen, meteorologischen, atmosphärischen Verhältnisse der Planetenstelle mit den Hütten und Häusern der Gemeinde, der Berg- und Ackersleute, sondern es nimmt sogar sein gut Teil voraus; denn vor allem liegt es »auf dem Winde«. Der Pastor hat wohl mehr denn je Grund, auf die Aussicht aus seinen Fenstern zu verzichten. Die schlechtgefaßten Scheiben klirren selbst hinter den geschlossenen Läden; und das Klappern der Ziegel auf dem Dache ist, vorzüglich bei Nacht, eine Musik für sich selber, nur nicht für einen nervösen, fröstelnden Menschen wie den jungen Pastor Prudens Hahnemeyer.

Die kleine Laube an der Kirchenhecke ist kahl gezaust mit dem übrigen Garten. Es kann jetzt niemand in ihr sitzen und im stillen, friedseligen Hinträumen oder – beim hastigen Aufsehen vom Buche auf die Unruhe im Turme horchen. Dem Räkel und seiner Brut, die sich weder um Wind und Wetter noch um die Unruhe im Kirchturm im geringsten kümmern, geht es ausgezeichnet, und mit diesem Wort sind wir auf dem Wege zum Dorfkrug, wo wir den Räkel, den Forstwart Volkmar Fuchs, von seinem Behagen in der Welt erzählen und von manchem andern, was seit Sommersende geschehen ist, in seinem Kreise reden hören können. Sie haben oben im Gebirge ebensogut das Wort hinter ihren Gästen her wie drunten im Tal; – wir aber, wir in der Zeitlichkeit, wir ändern es leider nicht, daß wir zu viel angewiesen sind auf das, was die Menschen sagen. –

Ja, dem Räkel geht es gottlob jetzt sehr gut. Seine Verhältnisse haben sich seit Herbstesanfang recht verbessert – merkwürdig verbessert. Er hat Geld, und nach der Anschauung des Dorfes sogar mächtig viel Geld, und schreibt das selbstverständlich ganz seinem eigensten Verdienste zu. Er hat seinen Aufenthalt wieder im Dorfe genommen, und Vorsteher und Gemeinderat haben ihn gern willkommen geheißen. Er stopft nicht mehr Nußblätter in die Pfeife, sondern schmaucht Portoriko. Wenn er seinen Krug trinkt, zahlt er ihn, und wenn er dabei auf den Tisch schlägt und seine Meinung kundgibt, hindert ihn keiner mehr dran. Er zahlt auch seiner Kinder Schulgeld und behauptet, Bildung, und daß man was auf sich halte und lerne, mit Leuten, und zwar hohen, vornehmen Leuten, umzugehen, sei doch die Hauptsache – sackerment! – Wenn er's auf die Länge aushält, ist er geborgen; denn hohe Protektion hat er im reichlichen Maße genossen. Nicht bloß andere Leute, sondern auch er selbst hätten wohl Grund gehabt, sich darüber zu verwundern, wie die »Regierung« dazu kam, ihm die Forstwartstelle, die er bis jetzt ja ganz passabel versieht, anzubieten und auf sein unverfroren Zugreifen vom ersten Oktober an anzuvertrauen. –

Der Abend war gekommen über Gebirge und Tal. Auch diesmal unhold – kalt und windig, ein Abend, an dem man überall gern am Herd, am Familientisch oder in der Schenke zusammenrücken durfte.

Drunten im Tal, im gemütlichen Honoratiorenzimmer von Bremers Hofe sagte Doktor Eberhard Hanff, die lange Pfeife von neuem in Brand setzend:

»Meine Herren, da kommen Sie eben wieder auf das, was Sie meine Beginengeschichte nennen, die ganz hauptsächliche Historie von meinem armen kleinen Mädchen aus Halah und meinem merkwürdigen Baron, meinem Hauptpatienten der Saison. Und da möchte ich mir jetzt eine letzte – eine allerletzte Bemerkung gestatten. Nämlich Sie wissen, ich bin kein Kostverächter; ich halte ganz gern mit bei guten und schlechten Witzen und Schnurren, kein urältester Meidinger tut mir was an, ich wirke gern selber fröhlich mit dem alten Klassiker, wenn's nicht anders sein kann, nach besten Kräften zur Auffrischung der Unterhaltung. Aber – was das eben wieder aufs Tapet gebrachte Thema betrifft, bitte, so lassen Sie mich dabei aus der Konversation. Begutachten Sie das Ding, wie Sie wollen, reden Sie, was Sie wollen; aber lassen Sie mich einfach bloß zuhören. Kinder, unser Herrgott ist uns so gnädig gewesen in Zuführung von kostbarstem Unterhaltungsstoff fürs Winterhalbjahr; wie wär's nun, wenn wir in Hinsicht auf diesen einzigen Punkt seine Güte mal nicht mißbrauchten? Es ist ja richtig, anlockend ist die Geschichte auch für uns hier bei Bremer; aber was meinen Sie zu dem Vorschlag, dieselbige diesmal gänzlich unsern Weibern zu überlassen und uns selber meinetwegen lieber an alles andere zu halten? Doch, wie gesagt, tun Sie, was Sie wollen laut Paragraph neunhundertneunundneunzig unserer ungedruckten Statuten: ›Zwang is nich!‹ Sagen und singen Sie, ventilieren Sie, wenn Sie's nicht lassen können; doch den Doktor Hanff lassen Sie gütigst diesmal als Berufungsinstanz aus dem Spiel. Diesen Kreisel treibe ich nicht mit. Warum? Darum! Dixi!«

Wir brauchen wohl nicht mitzuteilen, was der winterliche Stammgastkreis bei Bier und Tabak in Bremers Hofe hierzu meinte. Nur das wollen wir noch sagen, daß alle, die weibliche Angehörige hatten, mit denen die Sache noch einmal durchsprachen, und zwar gründlicher als je vorher. Ob freilich die Sommergeschichte von Phöbe Hahnemeyer und ihrem »Baron« und der schönen Valerie des Professors von Bielow dadurch mehr ins klare gebracht wurde, müssen wir dahingestellt sein lassen. Derartiges soll ja immer gut aufgehoben sein in den Herzen und Händen der Frauen, und das ist wenigstens eine Beruhigung. –

Ein ander Gewölk, ein anderer Erdendunst umfängt uns ein wenig weiter oben, im Kruge des Bergdorfes, an dem Tische, an welchem um dieselbe Abendstunde der Räkel das Wort nahm, nachdem der Vorsteher es vor ihm gehabt hatte.

»Sackerment, so schweigen Sie doch endlich mal still mit Ihrer ewigen Anspielung auf meine bessern Zustände, meine – Herren! Wie oft soll ich's denn noch der Kameradschaft breittreten, daß sie wahrhaftig nicht schuld dran ist, wenn unsereiner auch noch mal an den Tisch rücken kann in der honorigen Gesellschaft und Trumpf aufspielen? Na, daran rührt lieber gar nicht, Freundschaft, wenn es bei einem fernerweitigen guten Auskommen mit'nander bleiben soll! ... Hier, auf ihr Wohlsein! Ich meine das liebe Fräulein aus dem Pastorhause. Wäre die nicht bei meiner Wut und Tollheit, nach meiner Alten jammerhaftem Eingehen im Busch, so vernünftig und nachgiebig gegen den Herrn Professor, den Herrn Baron gewesen, so läge ich für euch, Gevattern, wohl heute noch lange gut im Walde mit meinen Bälgern. Ihr hättet uns sicher nicht aus der Wildnis ins Dorf hereingeholt und freiwillig 'nem ordentlichen Kerl nach seinem Verdienst seine Ehre gegeben. Das Dach, das Futter, das Leben, das ihr dem Volkmar Fuchs und seinen Angehörigen gönntet, das war was Rares; aber ihr selber mochtet es freilich nicht geschenkt! Na, aber wie gesagt, darum keine Feindschaft mehr, denn wer die Menschheit in dieser Hinsicht kennt, der kennt sie. Wer in die Welt hinaus gewesen ist, weiß, wie es in ihr zugeht, und läßt nachher der angenehmen Unterhaltung wegen schon fünfe grade sein, wenn er wieder obenauf gekommen ist. Noblesse bleibt Noblesse, sagte mein Herr Graf, und Lümmel bleibt Lümmel, und unsereiner bleibt unsereiner, sage ich. Prost! Jawohl – Prost auf die Weibsleute, Gevatterschaft! Denn wer anders als die Weiber haben dem Räkel wieder zu seiner Ästimation unter der Menschheit verholfen? Legt die eine sich hin und wird von euch aus dem Dorfe geschmissen und stirbt ihm ab in der Wildnis, so kommt die andere heraus und will sich zu ihr betten in ihrem Gottesherzen, bloß um so 'nen räudigen Lumpen wie den Fuchs nicht länger lästern zu hören und in seinem Gift und verrückten, tollen Sinn zu lassen. Und die Dritte, na, die Dritte, ja, die Dritte, die Vornehmste, die reitet gar auf Visite zu dem Räkel unter den Windbruchhölzern und tunkt ihre Semmel zu Mittage in seine Igelsuppe auf du und du, bloß weil sie drunten im Bad von seinen Meriten und seinem Elend vernommen hatte. Gott segne es ihr vor allen, was sie und der Herr Baron, der Herr Professor, durch ihre Konnexion am Volkmar Fuchs – dem Räkel, vollbracht haben, nachdem sie in genauere Erfahrung gebracht hatten, wie sauber ihm mitgespielt worden war.«

»Das war eben der Glücksfall für dich, Forstwart!« meinte die Dorfkruggenossenschaft im Kreise. »Deiner Suppe wegen allein ist sie wohl nicht zu dir im Windbruch gekommen, aber bedanken kannst du dich dafür, da hast du recht.«

»Die Frau Professorin soll leben, die Frau Baronin von Bielow soll leben, und wer da nicht mithält, der ist ein ungebildeter Mensch und sozialer Lump und Halunke. Warum? Darum! Das sage ich!« rief der Räkel, auf den Tisch schlagend, daß alle Bier- und Branntweingläser aufhüpften.

Sie hielten auch alle mit, bis auf einen, den Meister Spörenwagen, der diesmal ausnahmsweise auch mit unter der Gesellschaft saß, da er in der Dämmerung der Krugwirtin eine neue Wiege ins Haus geschafft hatte. Der griff in seinem Winkel hinter sich an die Wand und langte seine Mütze vom Nagel und sagte: »Guten Abend, meine Herren!« und ging. Er wußte, trotzdem daß er nicht auf Schulen und Universitäten gewesen war wie der Landphysikus und Badearzt Doktor Eberhard Hanff, doch vielleicht noch mehr von Welt und Leben und wußte genauer als der, daß es selten etwas hilft, darin zum Rechten zu raten und zu reden. Man kann sämtliche Knochen, Adern und Muskeln im menschlichen Körper, und zwar bis ins einzelnste, ganz genau kennen und doch der Kreatur im ganzen gegenüber recht häufig mit wenig Nutzen seinen Atem und seine Überzeugungsgabe vergeuden. Wie sie drunten im Tal, in Bremers Hofe nach des Doktors Abgang über Gott und Welt, das Universum und noch einiges jenseit desselben die Unterhaltung weiterführten, so diskurrierten sie auch oben in dem Gebirge, in der Dorfkneipe weiter, nachdem Spörenwagen seinen Abschied genommen hatte, ohne der Gesellschaft vorher eine Rede gehalten zu haben.

»Was hatte denn der wieder?« fragte man im Kreise, und der Forstwart Fuchs brummte verdrossen:

»Laßt ihn ja laufen; die Kumpanei, in der der sein Pläsiervergnügen finden wird, die soll noch lange gesucht werden. Wir zwei sind ja jetzt wenigstens in Güte auseinander, und das ist ein Trost – sackerment. Aber das will ein Demokrate sein und ein Philosophe, so einer, dem alles zu einem Knorren vor seinem Hobel wird! Lieber noch mit unserm Pastor in einem Bett, als mit dem an einem Tisch oder gar noch hinter einem Glase und einem Mädchen. Mit dem Pastor weiß man doch wenigstens, wie man mit ihm dran ist; aber wenn mir von diesem Heimtücker Spörenwagen einer sagt: ›Fuchs, den kenne ich genau, er ist mein bester Freund!‹, so sage ich: ›Kamerad, rücke 'nen Stuhl weiter und laß 'nen andern zwischen uns sitzen; wir beide passen nicht nahe zusammen.‹ Was wollten Sie sagen, Schulmeister? Sie haben das Wort.«

»Ich wollte mir nur eine Bemerkung gestatten, nämlich in Anbetracht der Philosophie, meine Herren. Das hat wohl seine Berechtigung; denn Bildung ist freilich die Hauptsache in der Welt und im menschlichen Dasein. Bildung hat die Schlacht bei Königgrätz und bei Sedan gewonnen; aber sie muß auch an den Rechten geraten, der sie mit Maß weiter mitteilt. Zum Exempel, wenn so einer – Namen brauche ich ja nicht zu nennen – so in seinen jungen Jahren über seinen angeborenen Kreis hinausgekommen ist mit seinem Handwerk, wenn er so zum Beispiel sich von meiner Schulbank weg die Sohlen meinswegen unter ein paar fremden Nationen abgelaufen hat – was bringt er dann nach Hause? Überhebung und nichts weiter. Wenn da nun der Staat einschreiten könnte und immer die Richtigen auswählen wollte und sie mit Stipendien versehen –«

»So zum Exempel zuerst vor allen die Schullehrer! Ja, das möchtet Ihr wohl, Schulmeister«, meinte das Dorf.

»Ich nicht, meine Herren. Ich gehöre ja noch zum alten Stil und weiß, daß man in meinen Jahren über seinen angestammten Wirkungskreis hinaus zu wenig nütze ist, und habe auch schon übergenug an meinem Kopfschütteln den Sommer durch an der Fremde drunten im Bad; aber unsere Stimme sollten wir dabei haben. Zum Beispiel, euch beide kenne ich doch ganz genau, Volkmar – Sie und Spörenwagen. Und da soll mir doch keiner kommen und raten wollen, wem ich meine Stimme zur hohem Ausbildung und zum Nutzen hätte zuteilen sollen. Nach bestem Wissen und Gewissen hätte ich auch schon ohne guten Rat gewußt, wem ich hätte wünschen müssen, daß er sich die Hörner zur richtigen Stunde abgelaufen hatte. Was meinen Sie zu meiner Ansicht, Vorsteher?«

»Daß das so eine Sache ist und daß man nach meinem Erachten am besten tut, wenn man denkt, es ist vorn so wie hinten – Menschen sind wir alle. Meines Amtes ist es, auf Ordnung im Dorfe zu halten, und da muß ich wohl sagen, da weiß ich noch heute nicht recht, mit wem ich am liebsten zu kramen habe, mit dem Räkel, ich meine da den Volkmar, wie er war, oder Spörenwagen, wie er ist. Ihr andern alle könnt euch nur bedanken, daß wir von Obrigkeits wegen noch immer fürs erste da sind und darauf sehen, daß keiner von den zweien gleich seinen Willen kriegt: der eine mit seiner Wütenhaftigkeit und seinem Knüppel, der andere mit seinem Verkehr ins Stille und seinem politischen großen Hobel, mit dem er aus seinen Büchern her die Welt glattmachen möchte. Habe ich recht oder habe ich unrecht, Gevatterschaft?«

Wer sich zu den »besten« Männern im Dorfe zählen durfte, stimmte zu; die andern hielten das Maul und taten bei der gegenwärtigen Stimmung in der Gesellschaft wohl daran. Doch sagte einer von den letztern vom untern Ende des Tisches her:

»Kurios ist's aber, wie sich das grade so zusammengefunden hat als Vögel aus einem Neste, Spörenwagen und unseres Pastoren Schwester. Auf das Fräulein wird doch keiner Schlimmes hinreden, und es sind keine zwei bessern Freunde im Dorfe als Fräulein Phöbe und Spörenwagen, obgleich der Schulmeister sagt: ›Der ist ein Gottesleugner und glaubt weder an eine Auferstehung noch eine Vergeltung‹, und der Vorsteher: ›Der will ganz in der Stille alles übern Haufen schmeißen, und der Rä – da, der Volkmar Fuchs in seiner schlimmsten Wut auf der Vierlingswiese ist nur ein saugend Kind gegen ihn.‹«

»Hierüber ließe sich freilich manches reden«, sprach der Schulmeister, bedächtig den Kopf schüttelnd, »Das ist die Sache, worüber sich die größten Gelehrten in der Welt noch nicht klar sind. Und hinwiederum läßt sich auch eigentlich gar nicht darüber reden. Hierüber kann jedwedeiner sich auch nur ganz in der Stille seine Gedanken machen, gradeso wie über die andere Kuriosität auf unserm Gottesacker-«

»Wo unser Fräulein bei Gesundheit und jungen Kräften und Jahren sich ihre Stelle bei der Feh käuflich erworben und von euch hat schriftlich geben lassen, Kantor.«

»Sie nicht, wohl aber der Herr Professor von Bielow; und dieses wäre denn zum andern eine Art von Kameradschaft, von der vieles zu reden wäre, über die man aber auch seine Meinung am besten bei sich behält.«

»Ja ja, man soll auch auf der Pläsierreise seinen Spaß nicht zu weit treiben, obgleich wir damals dem Herrn Baron von Gemeinde wegen dankbar genug für seinen guten Einfall sein konnten, Fuchs«, meinte der Vorsteher.

»Ein Spaß für mich war's grade nicht!« brummte der Forstwart.

»Das will ich auch nicht gesagt haben, Rä – Volkmar; aber über den Fall muß man eben die Leute drunten im Bad reden hören. Na, Totengräber, und auch die Frau Professorin, die Frau Baronin, die Ihr ja auf unserm Kirchhof hinterm Busch vernähmet, als sie unserm Fräulein Phöbe ihre Meinung sagte. Nun ja, sie bauen ja wohl auch im nächsten Frühjahr eine passende Unterkunft dafür, wenn wieder mal für einen von der feinern Sorte Menschheit aus dem Spaß ein bitterer Ernst werden sollte. Jaja, Forstwart Fuchs, das hättet Ihr Euch in Eurem verrückten Sinn, als Ihr noch der Räkel waret, nicht träumen lassen, was Ihr an Unheil anrichtetet, weil Ihr nicht einfach Vernunft annehmen wolltet! Nun höre aber mal einer den Wind! Ist das nicht, als ob der Hackelberg große Hofjagd hielte? Das ist auch Schnee am Fensterladen, nicht wahr, Krüger? Eh ja, wenn jeder meint, er brauche nur fein oder grob seinen Mund aufzusperren, um seinen Willen zu kriegen, weshalb sollte es der Winter nicht auch tun? Ein Glück ist's nur, daß wir schon von unseren Vorfahren hier her wissen, was es damit auf sich hat. Die haben es uns von Urzeiten an hinterlassen, Freundschaft: Jeder für den Mist vor seine Kellerlöcher, und unser Herrgott fürs Ganze!«

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