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Unruhige Gäste

Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/raabe/ungaeste/ungaeste.xml
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleUnruhige Gäste
publisherGrote, Berlin
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 16
editor
year1886
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130613
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Vierzehntes Kapitel

Fräulein Valerie war wieder mal verschwunden – wieder einmal »ihren Lieben abhanden gekommen«, wie diese Lieben selbst, wenig besorgt, da sie »das schon kannten«, sich hierüber ausdrückten.

Ja, man kannte ihre Gepflogenheiten in dieser Hinsicht seit lange recht genau und ängstigte sich durchaus nicht um die Verlorengegangene. Auch Papa Exzellenz zuckte nur die Achseln und sagte:

»Ich weiß wie immer von euch allen am wenigsten etwas Genaues. Sie soll ziemlich früh am Morgen ein hiesiges Edelroß samt dem dazugehörigen ortseingeborenen Pagen gemietet haben und im Gebirge verschollen sein. Onkel Anton, im Grunde der einzige vernünftige Mensch und Frühaufsteher unter uns, behauptet, sie im Frühnebel jenseit des Tals und seines Promenadenweges am Bergeshang aufwärts reitend gesehen zu haben. Allein der Gute ist bekanntermaßen auch für einen vortragenden Rat im Kultusministerium (er hört uns doch nicht?) außergewöhnlich kurzsichtig und kann sich geirrt haben. Es sind bei einem solchen Menschenzusammenfluß immer einige eigenwillige, autoritätslose, närrische Frauenzimmer mehr vorhanden, als man im engsten Familienkreise und geselligen Zirkel für glaubhaft hält. Meine Maxime übrigens ist, mich in erster Instanz an das Nächstliegende zu halten, und so hatte ihre Kammerjungfer die Güte, mir die beruhigende Mitteilung zu machen: wohin dies spezielle gnädige Fräulein so früh uns ausgerückt sei, wisse sie nicht, aber jedenfalls (also jedenfalls nicht unwahrscheinlicherweise) werde man sich zur musikalischen Soiree am heutigen Abend wieder einfinden. Da habt ihr den Inhalt meines Pakets! Haben Sie eine Ahnung, können Sie uns nähere Mitteilung machen, wo das liebe Kind sich diesmal bei ›die Hitze‹ eine Migräne zu holen wünscht, lieber Bielow? Sie hat, wie gewöhnlich bei unsern Begegnungen auf den Pfaden dieser Welt, so auch hier und jetzt mit ziemlicher Rücksichtslosigkeit Beschlag auf Ihre Veranlagung zur Geduld gelegt.«

Veit wußte keine Auskunft zu geben. Einem Gedanken, der ihm durch den Sinn schoß, hätte er unter keinen Umständen an dem heiter-behaglichen Frühstückstisch unter der Vorhalle des übervölkerten Hotels Ausdruck geben können. Er wies denselben aber auch für sich selber von sich; denn die Tage waren hingegangen, und nichts ist so mächtig als die hinfließende Zeit, um der Menschen erregte Gemüter wieder auf das gewohnte Gleichmaß zu stimmen. Er schwamm schon wieder so mit im Strom, zumal da auch das Fräulein vollkommen ihre alte Tonart gegen ihn aufgenommen hatte.

Wir lassen ihn unter dem Geplauder und dem leichten Scherz der fröhlichen Sommertafelrunde und folgen jener bergaufführenden Spur der abhanden gekommenen Schönsten im Kreise.

Es verhielt sich in der Tat so, wie die Gesellschaft es sich aus den Berichten Adolfines und des gelehrten myopischen Onkels Anton zusammengelegt hatte. Valerie hatte ein Roß und einen Knaben für diesen Tag gemietet und war in die Berge gezogen, ohne Verwandte und Freunde vorher davon in Kenntnis zu setzen. Der gute Onkel Antonio hatte bei seiner frühen Brunnenpromenade diesmal ganz recht gesehen, als er jene lichte Gestalt auf dem Reitwege jenseit des Tals im ersten Morgensonnenschein aufwärts gleiten sah und, die Brillengläser putzend, kopfschüttelnd brummte:

»Was hat der unruhige Gast, was hat das Mädchen nun wieder vor?«

Wir aber treffen diesen »unruhigen Gast« erst um die Mittagszeit, und zwar tief genug in den Wäldern und in sonderbarster Gesellschaft – nämlich im eingehendsten Verkehr mit den Überbleibseln der Familie Fuchs, dem alten Räkel und seinen beiden Jungen.

Wenn Fräulein Valerie ausgezogen war, den Fuchs zu suchen, so konnte sie das nicht glücklicher treffen; denn es kam leider nur selten vor, daß jemandem der Aufenthalt desselben in der Wildnis bei rechter Arbeit und am ordentlichen Tagewerk nachzuweisen war. Aber es verhielt sich diesmal wirklich so. Der Räkel hatte sich gleich am Tage nach dem Begräbnis seiner Feh beim Oberförster gemeldet und um Beschäftigung beim »Schneebruch« gebeten. Und unter den Schneebruch- und Windfallhölzern des jüngstvergangenen Winters hatte er sich mit in die Reihe gestellt im Kampfe gegen die bitterböse »Wurmtrocknis« und – man mußte ihm das lassen – seit einer Woche wie drei geschafft gegen den Borkenkäfer.

Wie der Forst aussieht, wo der Sturm und Schneebruch gewirtschaftet haben und Bostrychus Typographus seine Wirtschaft anfängt, das weiß man wohl. Lieblicher wird die Gegend nicht dadurch. Was Wind und Schneewucht nicht gebrochen haben im Fichtenbestand, das schlägt die Axt so bald als möglich nieder. Geknickte und gefällte Stämme liegen dann im Wirrwarr durcheinander, totes, staubig-harziges, grauweißes Gezweig liegt zu hohen Haufen getürmt. Die Berglehnen werden bloß; und Felsenfratzen, die der Wald seit hundert Jahren versteckte, grinsen wieder ins Tageslicht hohnlachend hervor unter der Decke, die jetzt Menschenhand mit hastigster Eile fortschafft, um – größten Schaden durch den Wurm zu verhüten.

In einem derartig durch die letzten Winter zugerichteten Talkessel hatte Volkmar Fuchs selber jetzt eine ganz ähnliche Hütte aufgerichtet wie die, welche ihm seine Dorfgemeinde auf der Vierlingswiese gebaut hatte. Aber sein Herdfeuer, an dem er nach seiner eigenen Kunst eine kuriose Kocherei übte, glimmte diesmal vor derselben unter einem vom Berghang vorstehenden Steinblock; und neben dem Feuer und Kessel war Fräulein Valerie zu einem Sitz eingeladen worden. Auch zu ihrem Teil an dem Inhalt des Kessels hatte der Räkel sie höflich genötigt; aber für diese Höflichkeit hatte sie bis jetzt gedankt, obgleich die Sache gar so übel nicht roch und der junge Begleiter dem Waldmann ganz verständnisvoll zunickte, mit der Zunge um die Mundwinkel leckte und mit dem Zeigefinger über die Lippen strich. Das Fräulein hatte sich mit einem Griff in ihre Kleidertasche und einiger Schokoladefabrikantenware begnügt, und nun saß sie inmitten dieser abenteuerlichen Tischgesellschaft, und obgleich die zärtlichen Verwandten und guten Freunde drunten im Tal und Aktienhotel »vieles von ihr gewohnt« waren, so würde ihnen doch ein solcher »Exkurs ins Extravagante«, wie Papa sich vielleicht ausgedrückt hätte, als über das Maß des Gewöhnlichen hinausgehend erschienen sein, wenn ein Zauberspiegel ihnen plötzlich die Situation an die Wand ihres Salons geworfen hatte.

Als wir an diesem Tage das schöne Mädchen im wilden Forst unter den Windfallhölzern auffanden, war die intimste Bekanntschaft mit der Familie Fuchs bereits gemacht und hatte Fräulein Valerie dem Räkel seine Dorf-, Wald- und Welterlebnisse, seine Familiengeschichten so ziemlich abgehört. Wir treffen Volkmar mit dem Taschenmesser in der einen Faust und dem schwarzen Brotlaib in der andern ihr gegenüber bereits am letzten Ende der Unterhaltung.

»Ich hätte das Begängnis niemalen zugegeben ohne diesen Herrn, der auch Ihr guter Bekannter ist, wie Sie sagen, Fräulein. Jetzt wollen's die Canaillen im Dorf bloß auf den Doktor und die Gesundheit schieben, wie sie mich infam traktiert haben und die Frau mir haben eingehen lassen in der Einöde. Das Wildbret, das Vieh gehört in das Dickicht, wenn es angeschossen ist oder sonst verkümmert. Der Mensch in seiner letzten Not gehört hinter vier ordentliche Wände, und selbst wenn er keinen Groschen in der Tasche hat und am Wege gefunden ist. Mit ihrem öffentlichen Wohlsein! Als ob sie selber sich zum allgemeinen Besten, bei Regen und Sturmwind, auf die Vierlingswiese hinausverfügten, wenn ihnen das Giftfieber in den Knochen brennt und ihnen die Haut auseinander reißt?! Das war die Sache, daß ihnen eben der Räkel mit seiner Feh und seinen Jungen niemals und nirgends besser wohin paßte als auf den Mist. Da war ihnen die Ordonnanz vom Doktor Hanff das rechte gefundene Fressen. Nicht einer unter dem Volk, der nicht mit Vergnügen Hand angelegt hätte, den Volkmar Fuchs mit seinem kranken Weibe dahin zu spedieren, wohin er nach ihrer Meinung immer gehörte. Er hatte es ja von Kindesbeinen an darnach gemacht – sackerment! Ja, ohne das liebe Fräulein Phöbe aus dem Pastorhause hätte ich ihnen schon in der ersten Nacht nach unserer Austreibung was angerichtet, woran sie über Jahr und Tag noch wieder aufzubauen haben sollten. Ohne der ihr eigen Kopfkissen und Bettdecke – jaja – na, na! Na, das ist ja nun aber auch vorüber und die Welt noch vorhanden, und das Dorf habe ich ja auch stehen lassen; – hier sind wir alle – was noch von uns übrig ist, ziemlich wohlauf und warten bei den Fichtenwürmern aufs nächste, was uns von oben oder unten zuteil werden mag. Die Feh ist ja nun in Sicherheit vor Hunger und Kummer, Regen und Wind und Schimpfgerede; und mit Spörenwagen bin ich auch so ziemlich aufs reine, und ich würde hiervon auch gar nicht wieder angefangen haben, wenn die schöne Dame es mir nicht so herausholte. – Da kam mir der Herr Pastor Hahnemeyer – ja der! Da kam er mir in meiner Frauen Sterbenacht und wollte mir auf seine Weise zum Verständnis reden. Ich könnte heute fast darüber lachen, denn auf seine Weise ist der ebenso eine Unglückskreatur als wie ich; und wäre er jung geworden und aufgewachsen als wie ich, so wäre er heute ganz wie ich, aber umgekehrten Falls vielleicht ich noch lange nicht wie er. Der hat seinen Ingrimm und seine Lust und Ratlosigkeit auf der Erde an die Heiligkeit gewendet, darauf muß er nun bis zu Ende reisen – wir sind alle unruhige Gäste auf des Herrn Erdboden, sagt Fräulein Phöbe und ich, ich hätte ihn erwürgt in der Nacht nach dem Absterben meiner Anna ohne den Schluck, den er aus meiner Flasche nahm bei der Leiche. Der hat ihm meine Faust von der Gurgel gehalten in meiner Tollwut, und so war es nur eine Erleichterung, als er abging und uns auf der Wiese wieder bei uns alleine ließ, nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, daß er uns mit seinem Buche und seinem Predigen nicht zur Vernunft anleiten möge. Die Kinder schliefen wohl schon unter seiner Rednerei ein; aber ich habe bis an den nächsten Morgen mit Vergnügen bei meinem Weib wach gesessen und wegen dem armen schwarzen Mann grade so erleichtert hinter der Faust gelacht wie wegen dem Lümmel, dem Vorsteher – nämlich ihrer unbändigen Verlegenheit halber. Mit dem Lachen auf den Stockzähnen ist's aber aus und zu Ende gewesen, als dann Fräulein Phöbe und der fremde Herr, Baron oder Professor oder was er ist, kamen und ihr Heil versuchten. So feine Besuche hatte ich noch mein Lebtage nicht gehabt und werden mir auch wohl mein Lebtage nicht wieder passieren. Ein liebes Paar – liebe Dame! So vornehme Leute, wie ich nicht auf Erden für möglich geachtet habe, trotzdem daß ich doch auch mal auf dem Versuch mit meinem Herrn Grafen in Berlin gewesen bin! So grundverschieden und doch so ganz für einander gemacht in ihrer Meinung. Grade wie wenn zwei Wasser zusammen sich geben hier im Revier, wo das eine, das im Sprung von der Höhe kommt, das andere trifft, das im Tal hingeschlichen ist, wo man es kaum hörte im Dunkel und Buschwerk, und wo beide sich gar nicht darüber zu verwundern brauchen, daß sie so gut zueinander passen, da sie doch von Erschaffung der Welt an vorher nichts voneinander gewußt hatten.«

»Das haben Sie sofort herausgefunden, Meister Fuchs?« fragte Valerie, die bis hierhin ruhig und nur mit dunkel zusammengezogenen Augenbrauen den Räkel hatte reden lassen.

»Sitzen Sie mal so wie ich, schönste Dame, ob Sie es da nicht auch gleich spüren, was an der Menschheit ist, die bei Ihnen eintritt und Ihnen Ihre Wut und Tollheit abhandeln will! Da tut's manches nicht, womit der Mensch sonst beim Menschen manches ausrichtet. Nicht Grobheit und Drohung mit den Landdragonern, nicht Geld und auch nicht bloße gute Worte. Vom Hinweis auf unsern Herrgott und seinen großen und kleinen Katechismus gar nicht zu reden. Da muß das anders kommen, wenn einem da ein Licht in seinem Elend aufgehen soll! 's war mir doch, als ob meine Anna unter ihrem Sackleinen und der Heide, welche ihr die Kinder übergeschüttet hatten, lache, wie sie lachte, als Spörenwagen und ich um sie einander zuerst vor die Brust griffen. Und so hatte ich den Sonnenschein seit Wochen nicht in der Kabache gehabt, als wie die zwei, Fräulein Phöbe und der Herr Baron, jetzt darin standen und mir ihren Vorschlag taten. Als die in ihrer Seele eins wurden vor dem Tode, ist es mir in meiner Seele bloß als ein Licht aufgegangen: ›Und auf das Pack um dich her hast du was gegeben, Fuchs, wo doch so was möglich ist in der Welt?‹ habe ich mich gefragt. Und nun frage ich Sie, liebe Dame, hätten Sie Ihre Einwilligung zurückgehalten? Hätten Sie sich vor solch einem Herrn und solch einem Fräulein blamieren mögen? Ne, Sie hätten grade wie ich Ihre Anfechtungen hinuntergeschluckt und dabei es wie eine heiße Hand um Ihre Gurgel gefühlt. Sie hätten, grade wie ich, Ihren ältesten Feind Spörenwagen mit seinem Edelmut frei passieren lassen, als er in der Abenddämmerung mit seinem Karren und Sarge auf die Vierlingswiese anrückte. Und am andern Morgen, immer in der Gegenwart von dem Herrn Baron und Fräulein Phöbe Hahnemeyer, hätten Sie unter der begrabenen Bauernschande ruhig angehört, was der Herr Pastor noch über Sie und Ihre Jungen zu bemerken hatte. – Was uns anbetrifft, so hat sich der Räkel mit seinem Mädchen und seinem Jungen hinter all diesen noblen Leuten vom Kirchhofe weg in den Forst geschlichen, und da hat er Ratsversammlung gehalten zu drei und gemeint: ›Haben die Halunken den Bau aufgeführt, so sollen sie ihn niederlegen ohne uns. Was sie darin von uns noch finden, schenken wir ihnen, Pestilenz, Ansteckung und alles. Nun tut mir aber die Liebe an, Bälger, und legt euch nicht selber! Mit eurer lieben Feh und Mama ist das ja nun doch anders in Ordnung gebracht, als wir es uns mit ihr vorgenommen hatten; na, und nun laßt es auch euch so lieb sein. In die Schule holen sie euch wohl noch nicht wegen ihres allgemeinen Wohlbefindens – also, meinswegen, melden wir uns beim Oberförster von wegen Arbeit beim Windbruch, so weit als möglich weg aus ihrer Witterung.‹ Sehen Sie, liebe Dame. Da steht des Räkels neues Wohngebäude, da behilft er sich nun auch ohne seine Feh! Heb den Pott von den Kohlen, junger Räkel, heb den Deckel vom Pott, junge Feh. Also Sie wollen wirklich nicht mithalten, liebe junge Dame? Eselstoffel, dann rücke du wenigstens ran.«

Die fremde junge Dame überwand den letzten Schauder vor der Kochkunst ihrer Wirte. Wie Prudens Hahnemeyer getrunken hatte mit den Armen und Elenden, aß sie mit ihnen. Sie brach ein Stück von dem schwarzen Brote, das ihr der Waldarbeiter hinhielt, tauchte es in die verdächtige Brühe und aß. Dann wandte sie sich an ihren Begleiter und sagte mit tiefem Seufzer:

»Eselstoffel, wenn wir gegessen haben, wollen wir weiter.«

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