Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Unruhige Gäste

Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/raabe/ungaeste/ungaeste.xml
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleUnruhige Gäste
publisherGrote, Berlin
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 16
editor
year1886
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130613
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel

Nach kaum einer halben Stunde war der Doktor zurück, und zwar in einer erklecklichen Aufregung trotz aller langjährigen Praxis und Lebenserfahrung, trotz allem angeborenen und zuerworbenen Phlegma.

»So etwas ist mir doch in meinem ganzen Leben noch nicht passiert!« rief er schon von weitem. »Auf nichts soll man sich verschwören. Der reine, pure Satan! Und da rühmt man sich, während eines zwanzigjährigen Landphysikats einen Einblick in ihre Seelen hier gewonnen zu haben, und muß sich durch solch einen Kerl, solch einen Tollhauskandidaten angrinsen und die Faust unter die Nase halten lassen!«

Nun saß er wieder mit am Tisch, schnaubend, schwitzend, ergrimmt und doch zugleich zusammengedrückt, sozusagen klein gemacht, und mit bedeutend gedämpften und klagender gewordenen Redeorganen.

»Ja, wenn man noch behaupten könnte, daß einem das Tier in seiner Unvernunft oder dem, was es seine Berechtigung nennt, nicht imponiere!« seufzte er. »Da rede man Sanitätspolizei, wissenschaftliche Erfahrung und wohltätige staatliche Absichten zu solch einem Wilden im Walde. Er weiß auch mir gegenüber nichts anderes, als was er wahrscheinlicherweise auch den Herrschaften hier und dem Vorsteher – jedem nach dem Maße seiner Zuneigung zu ihm – vorgetragen haben wird: wir haben die Familie Fuchs im Leben nicht unter uns haben wollen, sie will jetzt im Tode nichts mit uns zu schaffen haben. Lieber auf dem Miste als auf dem Kirchhofe bei den anderen! Jeder für sich und der böse Feind – mit Ihrer Erlaubnis, Pastore – für uns alle! Und Dinte und Feder? Es ist lächerlich, um Feder und Dinte sollte ich da nun den Räkel in seinem Bau auf der Vierlingswiese von Rechts wegen ersuchen, um ihm den Totenschein seines Weibes an Ort und Stelle für das Zivilstandsregister auszustellen! Papier? Es ist mir selten so deutlich gemacht worden, Herr Professor, wie wenig man dann und wann damit leistet, daß man die Papiere in Ordnung hält. Ja freilich, für mich in meiner Amtsverantwortlichkeit könnte die Sache eigentlich natürlich erledigt sein, wenn ich jetzt den Herrn Pastor um das nötige Material anginge, ihm und dem Vorsteher bezeugte – schriftlich –, daß die Feh mausetot sei, und es ihnen überließe, sich auf diesen ihren Schein zu stellen. Es ist und bleibt eine heillose Historie nach allen Richtungen, und übrigbleiben wird nach meiner nunmehrigen Okularinspektion der Sachlage wahrscheinlich wirklich nichts weiter, als daß man ein Kommando Landjäger so rasch als möglich heraufzitiert aus dem Tal auf die Vierlingswiese, wenn dieser Wahnsinnige nicht binnen den nächsten drei Stunden noch gütlich herumgekriegt ist. Sie erlauben wohl, Pastor, daß ich den vorhin erwähnten Schein an Ihrem Schreibtische ausfertige; nachher bitte ich Sie, ihn dem Vorsteher zuzustellen. Was ich sonst hinzutun könnte, weiß ich wahrhaftig nicht.«

Der Pfarrer nickte zustimmend, was seinen Schreibtisch und sein Dintenfaß anbetraf; dann rief er unmutigst in seiner eigenen Ratlosigkeit:

»Dieses ist freilich schlimmer als sonst etwas, das ich bisher hier sah, hörte und mit zu tragen hatte! Gott habe Geduld mit uns allen und mit diesem Wütenden und gehe mit ihm nicht ins Gericht um seiner Lästerungen willen. Es ist mir entsetzlich; aber es wird uns nichts übrigbleiben, als das Schwert gegen ihn anzurufen. Er hielt mir seine Flasche im Hohn hin gestern nacht, und ich habe daraus getrunken, um mich gegen ihn stark zu halten und Brüderschaft mit ihm in seinem Elend zu machen. Es hat mir nichts geholfen. Er fühlt sich jetzt zu wohl und sicher in seiner Ausgestoßenheit und triumphiert aus ihr und der Verwesung uns an wie aus der festesten Burg dieser Welt.«

»Um zehn Uhr fällt meine Sprechstunde drunten am Brunnen«, rief Doktor Hanff nach der Uhr sehend. »Sapperment, schon drei Viertel auf neun! Da muß ich reiten, so gern ich hier noch ferner mit Rat und Tat zur Hand sein würde. Wirklich helfen zur Lösung könnte ich freilich meiner jetzigen Ansicht nach nur, wenn man mich sofort die nötige Meldung an die nächstschreibende zuständige weltliche Gewalt ausrichten ließe. Nun, jedenfalls nehme ich für meine liebenswürdigen, aber leider nicht selten mit der Länge des Tages sich mühenden Promenadepatienten ein recht interessantes Unterhaltungsthema mit hinunter. Werde unbedingt die mannigfaltigsten politischen, sozialen, religiösen und ethischen Belehrungen aus den Betrachtungen der verehrten Damen und Herren schöpfen. Eine fatale Geschichte! Wahrhaftig, eine nette Dorfidylle! Nun, ich empfehle mich wenigstens dem Frieden dieses Hauses und werde unbedingt morgen früh wieder vorsprechen. Küsse die Hand, Fräulein Phöbe. Sonsten ist meine Ansicht – ceterum censeo, wie der alte Meidinger, ne, der alte Cato sprach – wiederhole Ihnen, Pastore, dringend meine Mahnung, frühzeitig genug auch ein wenig sich Ihrer selber zu erinnern und mir vorzüglich auf Ihre Leber zu achten. Herr Professor, es ist mir ein Vergnügen gewesen; – Sie wollen uns einige Zeit dort unten im Bad die Ehre schenken; nun, dann treffen wir ja jedenfalls noch öfter miteinander zusammen – sehr angenehm dann, mit Ihnen inmitten unserer Zivilisation und auf der Höhe der Saison diesen mißlichen Kasus zu bereden. Vor allen Dingen und unter allen Umständen möglichste persönliche Behutsamkeit im Verkehr mit der Vierlingswiese, meine lieben Herrschaften.«

Er war fort. Wie es schien, hatte er in der Tat Eile, den aufregenden Unterhaltungsstoff seinen exotischen Bekanntschaften der bessern und besten Stände drunten im Bad so frisch als möglich zu überliefern. Das Pfarrhaus mit seinem Gaste war wieder allein der grimmigen Tatsache gegenüber, daß der Räkel an der Leiche der Feh mit der Holzaxt und dem Revolver Wache halte.

»Nun möchte ich gehen, Prudens«, sagte Phöbe leise.

Der Pfarrer hatte in das Gebüsch der Laube ihm zur Seite gegriffen und zerbrach einen kräftigen Stammast. Er hatte die Zähne auf die Unterlippe gesetzt, es zuckte ihm durch die Schultern, und nun sagte er rauh und kurz:

»Versuche dein Heil!«

Er erhob sich schwankend und wie zerbrochen im grimmigen körperlichen Kampf und mit Unmut, dem Zorn in seiner eifernden, erfolgsbedürftigen Seele.

»Der Herr hat mein Wort und meinen Willen nicht gewollt. Ich will versuchen, ihn zu bitten, daß er dir gnädiger sei, Schwester. Gehe, Kind!«

Er ging nicht wie ein Sehender; wie ein Blinder tastete er sich durch fröhliche Licht- und Schattenspiele des Sommermorgens auf dem Gartenpfade zum Hause zurück und verriegelte sich in seiner Stube. Wie weit und glänzend die Welt vor den Fenstern derselben ausgebreitet liegen mochte, sie hatte nur Angst und Bitterkeit für ihn; und was das schlimmste war, er wendete Ihr den Rücken im gekränkten Selbstgefühl, im gedemütigten Stolz. Er haßte in diesem Augenblick den Räkel, über den der Vorsteher und das Dorf sich nur ärgerten, und zwar in respektvoller Scheu, nachdem sie vorher ihren Spaß an ihm gehabt hatten.

Der Gastfreund hatte dem Jugendfreund mit aufrichtigem Mitleid nachgeblickt, nun sah er wieder der Schwester desselben zu. Sie hatte den Bruder mit den Augen auch bis zu der Hauspforte begleitet, aber ohne Erregung und Bangen, und jetzt setzte sie mit ruhiger Hand die Tassen, Kannen und Teller des Frühstückstisches zusammen und faltete zierlich das grobe Tafeltuch. Systematisch-nonnenhaft und doch mit aller bedachtsamen Hausfrauenerfahrung und Geschicklichkeit ordnete sie alles in einem Handkorbe, trug denselben ins Haus und kam mit gleichruhigem Schritt im leichten Strohhut zurück und zeigte erst dann einige Betroffenheit, als sie den Gast mit seinem Hute in der Hand an der Gartenpforte zu ihrer Begleitung wartend fand.

»O nein! ... Ich bitte; doch lieber nicht!« sagte sie. »Der Herr Doktor hat uns eben ja noch einmal anempfohlen, ja recht vorsichtig zu sein.«

»Und deshalb wollen Sie die Ehre dieser Gefahr allein für sich behalten oder sie nur mit Prudens teilen, Phöbe?«

»O nein. Und da ist auch keine Ehre. Es ist nur unrecht, daß sich einer unnötigerweise in Gefahr begibt, der vielleicht seine Verpflichtungen gegen so viele liebe Verwandte und Freunde in seinem Leben hat und morgen weit weg ist von dem armen Fuchs und seinen Kindern, während mein Bruder und der Herr Doktor und der Vorsteher und das Dorf und ich bei ihnen bleiben und mit ihnen weiterleben und, wenn es Gottes Wille ist, um sie her krank werden.«

Veit von Bielow schüttelte melancholisch lächelnd den Kopf.

»Meine Familienverbindungen sind mir kein Hindernis, Fräulein Phöbe. Ich trage zwar einen viel verbreiteten Namen, und manche nennen mich Cousin oder Herr Vetter, aber ob sie eigentlich ein Recht dazu haben, hat kein Stammverwandtschaftshistoriograph ganz unzweifelhaft ins klare gebracht, jedenfalls habe ich nicht Eltern noch Geschwister und darf mich also als meiner Familie letzten rechnen. Und meine guten Freunde draußen in der Zeitlichkeit hindern mich auch nicht, Ihnen den Volkmar Fuchs durch meine Überredungsgabe auf bessere Wege bringen zu helfen. Was das übrige anbetrifft, so habe ich aus touristischer Wißbegierde oder, wenn Sie lieber wollen, aus Neugier die Pestspitäler zu Damaskus und die Moschee der Aussätzigen in Kairo besucht; und – glauben Sie mir, liebes Fräulein, der Vorsteher verläßt sich fest darauf, daß ich sein Dorfgespenst auf der Vierlingswiese mit beschwöre und mit versuche, dem Fuchs den Sarg für seine arme Feh annehmbar zu machen,«

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen noch sagen könnte«, sprach Phöbe leise. »Ich wußte gestern noch nichts von Ihnen, und nun sind Sie mir wie ein alter Bekannter; und ich weiß auch nicht, ob Gott Sie nicht deshalb grade jetzt zu uns gesendet hat, um uns in unserer Schwäche zu helfen, und ob es keine Vermessenheit von mir wäre, gegen seine Güte und Weisheit mich zu wehren.«

Sie schritten schon Seite an Seite aus dem Schatten, den die Kirche auf sie und den versunkenen Dorfgottesacker warf, in die Sonne des Sommertages. Der aber, welcher in diesem Augenblick noch Sinn und Gefühl für die Außenschönheit der Welt haben konnte und hatte, würde es für eine Heiligtumsentweihung gehalten haben, das stille sichere Herz, das auf diesem Wege neben ihm pochte, auch auf die große, schöne Gleichgültigkeit der Natur aufmerksam zu machen.

Durch den letzten Tau des Morgens gehend, dachte er nur bei sich selber:

»Und demnächst werden sie nun drunten vor dem Kurhause und an dem Brunnen den Landphysikus Doktor Hanff von dieser Geschichte erzählen hören, und dieselbe wird ihnen unzweifelhaft sehr interessant sein und vielleicht auch Valerie zum Hinhorchen, über ein Zeitungsblatt oder über die Unterhaltung im näheren Kreise der Bekanntschaft weg, veranlassen.«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.