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Ungeduld des Herzens

Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorStefan Zweig
titleUngeduld des Herzens
publisherWeltbild Verlag
year1995
isbn3-89350-477-X
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Es war schon spät abends, als wir wieder durch das Schloßtor einfuhren. Alle drängten mich, ich solle noch zum Abendessen bleiben. Aber ich wollte nicht mehr. Ich fühlte, daß es genug war und schon zuviel. Ich war vollkommen glücklich gewesen diesen langen goldenen Sommertag, jedes Mehr, jedes Dazu konnte nur noch vermindern. Lieber jetzt heimgehen die vertraute Allee, weich ausgeglättet die Seele wie die sommerliche Luft nach dem glühenden Tag. Nur nichts mehr begehren, bloß dankbar sich erinnern und alles überdenken. So nahm ich vorzeitig Abschied. Die Sterne glänzten, und mir war, als glänzten sie zärtlich mich an. Der Wind strich sordiniert über die verlöschenden Felder, dunklen Brodems voll, und mir war, als sänge er mir zu. Jener reine Überschwang kam über mich, da alles gut und begeisternd scheint, die Welt und die Menschen, da man jeden Baum umarmen möchte und über sein Holz hinstreichen wie über eine geliebte Haut. Da man eintreten möchte in jedes fremde Haus, sich zu den Unbekannten setzen und ihnen alles anvertrauen, da einem die eigene Brust zu eng wird und das innere Gefühl zu stark, da man sich mitteilen möchte, ausströmen, verschwenden – nur etwas schenken und vergeuden von diesem drängenden Überfluß!

Als ich schließlich die Kaserne erreichte, stand vor der Zimmertür wartend mein Bursche. Zum erstenmal bemerkte ich (alles fühlte ich heute wie zum erstenmal), was für ein treuherziges, rundes, apfelbackiges Gesicht dieser ruthenische Bauernjunge hatte. Ach, ihm doch auch eine Freude machen, dachte ich. Am besten, ich schenk ihm was, daß er ein paar Glas Bier kaufen kann für sich und sein Mädel. Heut soll er Ausgang haben und morgen und die ganze Woche! Schon griff ich in die Tasche nach einem Silberstück. Da straffte er sich auf und meldete, die Hände scharf an der Hosennaht: »Ist Telegramm gekommen für Herrn Leutnant.«

Ein Telegramm? Mir wurde sofort unbehaglich. Wer sollte von mir etwas wollen auf der Welt? Nur Schlimmes konnte mich so eilig suchen. Rasch ging ich auf den Tisch zu. Da lag das fremde Papier, viereckig und verschlossen. Mit unwilligen Fingern riß ich es auf. Es waren nur ein Dutzend Worte, und sie meldeten schneidend klar: »Bin morgen Kekesfalva berufen. Muß Sie unbedingt vorher sprechen. Erwarte Sie fünf Uhr Tiroler Weinstube. Condor.«

 

Daß innerhalb einer einzigen Minute die taumligste Trunkenheit rapid umschlagen kann in kristallklare Wachheit, hatte ich schon einmal erlebt. Das war im vorigen Jahr gewesen beim Abschiedsfest für einen Kameraden, der die Tochter eines schwerreichen nordböhmischen Fabrikanten heiratete und uns zuvor einen pompösen Abend spendierte. Der gute Bursch ließ sich wahrhaftig nicht lumpen, eine Batterie von Flaschen nach der andern ließ er auffahren, schwersten dickblütigsten Bordeaux und schließlich derart reichlich Champagner, daß, je nach dem Temperament, die einen von uns laut wurden und die andern sentimental. Man umarmte sich, man lachte, randalierte, rumorte und sang. Man stieß immer wieder toastierend an, kippte kräftigst Kognak und Liköre, schmauchte und paffte, schon hüllten dicke Schwaden das überhitzte Lokal in eine Art bläulichen Nebels, und so merkte schließlich keiner, daß sich hinter den erblindenden Fenstern der Himmel schon aufhellte. Es mochte drei Uhr, vier Uhr geworden sein, die meisten konnten nicht mehr recht aufrecht sitzen; schwer hingelümmelt über den Tisch starrten sie nur mit verschwommen glasigen Augen empor, wenn ein neuer Toast ausgebracht wurde; mußte einer austreten, so taumelte und torkelte er zur Tür oder stolperte hin wie ein gefüllter Sack. Keiner konnte mehr klar sprechen oder denken.

Da plötzlich wurde die Tür aufgerissen, der Oberst (von dem ich später mehr zu reden haben werde) rasselte herein, und da im wüsten Getöse nur ein paar ihn bemerkten oder erkannten, trat er schroff an den Tisch, hieb mit der Faust auf die beschmutzte Platte, daß Teller und Gläser klirrten. Dann kommandierte er mit seiner härtesten schneidendsten Stimme: »Ruhe!«

Und sofort, mit einem einzigen Schlag, wurde es still, auch die Duseligsten blinzelten auf und waren wach. Der Oberst kündigte kurz an, daß vormittags eine überraschend angesetzte Inspektion des Divisionärs zu erwarten sei. Er zähle darauf, daß alles tadellos klappen und keiner dem Regiment Schande machen werde. Nun aber geschah das Sonderbare: mit einem Riß und Ruck hatten wir alle unsere Sinne beisammen. Als hätte man ein inneres Fenster aufgerissen, war der ganze Dunst von Alkohol verflogen, die verschwommenen Gesichter veränderten, spannten sich unter dem Anruf der Pflicht, im Nu strammte sich jeder zusammen, und zwei Minuten später war die verwüstete Tafel verlassen, jeder wußte wach und klar, was ihm zu tun oblag. Die Mannschaft wurde geweckt, die Ordonnanzen sausten, bis zum letzten Sattelknopf wurde noch alles rasch geputzt und gestriegelt; tadellos lief dann ein paar Stunden später die gefürchtete Inspektion ab.

Genau so schußhaft schnell fiel, kaum daß ich jenes Telegramm aufgebrochen, die weiche duselige Traumhaftigkeit von mir ab. In einer Sekunde wußte ich, was ich durch Stunden und Stunden nicht hatte wahrhaben wollen: daß alle jene Begeisterung nichts als Rausch einer Lüge gewesen, und ich in meiner Schwäche, meinem unseligen Mitleid mich einer Täuschung schuldig, mitschuldig gemacht. Ich ahnte sofort: jener kam, um Rechenschaft zu fordern. Nun galt es, den Preis zu zahlen für den eigenen, für den fremden Überschwang.

 

Mit der Pünktlichkeit der Ungeduld und infolgedessen sogar eine Viertelstunde zu früh stand ich um die vereinbarte Zeit vor jener Weinstube, und genau um die angesagte Zeit fuhr Condor in einem Zweispänner vom Bahnhof heran. Ohne jede weitere Formalität ging er auf mich zu.

»Famos, daß Sie pünktlich sind: Ich wußte gleich, daß ich mich auf Sie verlassen kann. Am besten, wir stecken uns in die gleiche Ecke. Was wir durchzusprechen haben, verträgt keine Zuhörer.«

Etwas schien mir in seinem laschen Wesen verändert. Erregt und beherrscht zugleich stapfte er voran in das Lokal und befahl der eilfertigen Kellnerin beinahe grob: »Einen Liter Wein. Denselben wie vorgestern. Und lassen Sie uns dann allein. Ich ruf Sie schon.«

Wir setzten uns. Noch ehe die Kellnerin den Wein recht niedergestellt, hatte er schon begonnen:

»Also knapp und klar – ich muß mich eilen, sonst wittern die draußen Lunte und reden sich ein, daß wir hier allerhand konspirieren. Schon das war eine Viechsarbeit, den Chauffeur abzukappen, der mich coûte que coûte sofort hinausspedieren wollte. Aber gleich in medias res, damit Sie wissen, was gespielt wird!

Also – vorgestern früh erhalte ich ein Telegramm. ›Bitte Sie, verehrter Freund, baldigst zu kommen. Erwarten Sie alle ungeduldigst. Vertrauensvoll dankbar Ihr Kekesfalva.‹ Schon diese gehäuften Superlative ›baldigst‹ und ›ungeduldigst‹ entzückten mich nicht. Warum plötzlich so ungeduldig? Ich habe Edith doch erst vor ein paar Tagen untersucht. Und dann: wozu telegraphische Versicherung seines Vertrauens, wofür die besondere Dankbarkeit? Nun, ich nahm die Sache keineswegs hitzig und legte das Telegramm ad acta; schließlich leistet der Alte sich öfters solche Raptusse. Aber das gestern früh gab mir doch einen Ruck. Da kommt ein endlos langer Brief von Edith, ein total verrückter und ekstatischer Expreßbrief, sie hätte von Anfang an gewußt, ich sei der einzige Mensch auf Erden, der sie retten werde, und sie vermöge mir gar nicht zu sagen, wie glücklich sie sich fühle, daß wir endlich so weit seien. Sie schreibe nur, um mir zu versichern, ich könne mich unbedingt auf sie verlassen. Alles, was ich anordnen würde, auch das Allerschwerste, werde sie zuversichtlich auf sich nehmen. Aber nur bald, nur sofort solle ich beginnen mit der neuen Kur, sie brenne nur so vor Ungeduld. Und nochmals: alles könne ich ihr zumuten, nur rasch solle ich beginnen. Und so weiter und so weiter.

Immerhin – dieses eine Wort von der neuen Kur zündete mir ein Licht auf. Ich begriff sofort, jemand mußte von jener Kur Professor Viennots entweder zum Alten oder zu seiner Tochter geschwätzt haben; so was kommt doch nicht aus der Luft und dieser jemand kann selbstverständlich kein anderer gewesen sein als Sie, Herr Leutnant.«

Ich mußte unwillkürlich eine Bewegung gemacht haben, denn er hieb gleich in die Kerbe.

»Bitte über diesen Punkt keine Diskussionen! Ich habe zu niemand anderem jener Methode des Professor Viennot auch nur die leiseste Erwähnung getan. Nur Sie haben es auf dem Gewissen, wenn die da draußen glauben, in ein paar Monaten wird jetzt alles wie mit dem Staubtuch weggewischt. Aber wie gesagt, ersparen wir uns alle Rekriminationen – geschwätzt haben wir beide, ich zu Ihnen und Sie wieder ausgiebigst zu den andern. Es wäre meine Pflicht gewesen, vorsichtiger mit Ihnen zu sein schließlich ist Krankenbehandlung nicht Ihr Metier –, woher sollten Sie wissen, daß Kranke und ihre Anverwandten ein anderes Vokabular haben als normale Menschen, daß jedes ›vielleicht‹ sich bei ihnen sofort in ein ›gewiß‹ verwandelt und man ihnen Hoffnung deshalb nur in vorsichtig destillierten Tropfen eingeben darf, sonst steigt ihnen der Optimismus zu Kopf und macht sie rabiat.

Aber soweit halten wir jetzt – geschehen ist geschehen! Ziehen wir einen Strich unter das Thema Verantwortung! Nicht dazu habe ich Sie hergebeten, um mit Ihnen zu perorieren. Ich fühle mich nur, nachdem Sie sich einmal in meine Sache eingemengt haben, verpflichtet, Sie über den Stand der Angelegenheit aufzuklären. Deswegen bat ich Sie hierher.«

Condor hob jetzt zum erstenmal die Stirne und sah mich geradeaus an. Aber es lag keineswegs Strenge in seinem Blick. Im Gegenteil, mir war, als hätte er Mitleid mit mir. Auch seine Stimme wurde jetzt milder:

»Ich weiß, lieber Herr Leutnant – was ich Ihnen jetzt mitteilen muß, wird Sie sehr schmerzlich berühren. Aber, wie gesagt: für Sentiments und Sentimentalitäten bleibt keine Zeit. Ich hatte Ihnen erzählt, daß ich auf jenen Bericht in der Medizinischen Zeitschrift hin sofort an Professor Viennot um näheren Bescheid geschrieben hatte – mehr habe ich, glaube ich, nicht gesagt. Nun gestern morgen kam seine Antwort, und zwar mit der gleichen Post wie Ediths überströmender Brief. Seine Auskunft scheint auf den ersten Blick positiv. Viennot hat tatsächlich bei jenem Patienten und bei einigen andern erstaunliche Erfolge erzielt. Aber leider – und das ist der peinliche Punkt – ist seine Methode auf unseren Fall nicht anwendbar. Bei seinen Heilungen handelte es sich um Erkrankungen des Rückenmarks auf tuberkulöser Grundlage, wo – ich erspare Ihnen die fachlichen Einzelheiten – durch Änderung der Drucklage die motorischen Nerven wieder in volle Funktion eingeschaltet werden können. In unserem Fall, wo das Zentralnervensystem betroffen ist, kommen alle die Prozeduren Professor Viennots, das unbewegliche Liegen im Korsett, die gleichzeitige Sonnenbestrahlung, seine besondere Art der Gymnastik von vornherein nicht in Betracht. Seine Methode ist – leider! leider! – in unserem Fall völlig unpraktikabel. Dem armen Kind alle diese umständlichen Prozeduren zuzumuten, hieße wahrscheinlich, sie ganz unnötig quälen. So – das war ich Ihnen mitzuteilen verpflichtet. Nun wissen Sie, wie die Sache wirklich steht und wie leichtfertig Sie das arme Mädel mit der Hoffnung verrückt gemacht haben, in ein paar Monaten könne sie wieder tanzen und springen! Von mir hätte niemand eine so blödsinnige Behauptung gehört. An Sie aber, der Sie voreilig Mond und Sterne vom Himmel herab versprochen haben, werden sich alle jetzt halten und mit Recht. Schließlich haben Sie und Sie allein die ganze Sache aufgezäumt.«

Ich fühlte meine Finger starr werden. Alles das hatte ich im Unterbewußtsein seit dem Augenblick vorausgeahnt, da ich jenes Telegramm auf dem Tisch liegen gesehen; dennoch war mir, da Condor mit unerbittlicher Sachlichkeit die Situation klarstellte, als hätte man mit einem stumpfen Beil mir gegen die Stirn geschlagen. Instinktiv fühlte ich das Bedürfnis, mich zu wehren. Ich wollte nicht die ganze Verantwortung mir auflasten lassen. Aber was ich schließlich mir abrang, klang wie das Stammeln eines ertappten Schuljungen.

»Aber wieso denn? ... Ich hab doch nur das Beste gewollt ... Wenn ich Kekesfalva etwas erzählte, so war es doch nur aus ... aus ...«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach Condor – »selbstverständlich hat er's Ihnen abgepreßt, abgewürgt, er kann einen tatsächlich wehrlos machen mit seiner verzweifelten Insistenz. Ja, ich weiß schon, ich weiß, daß Sie nur aus Mitleid, also aus den anständigsten, den besten Motiven schwach geworden sind. Aber – ich glaube, ich habe Sie schon einmal gewarnt – es ist eine verflucht zweischneidige Sache mit dem Mitleid; wer damit nicht umzugehen weiß, soll die Hand davon lassen und vor allem das Herz. Nur im Anfang ist Mitleid – genau wie das Morphium eine Wohltat für den Kranken, ein Heilmittel, ein Hilfsmittel, aber wenn man's nicht richtig zu dosieren und abzustoppen weiß, wird's ein mörderisches Gift. Mit den ersten paar Injektionen tut man wohl, die beruhigen, die lähmen den Schmerz. Aber verhängnisvollerweise besitzt der Organismus, der Körper wie die Seele, eine unheimliche Anpassungskraft; so wie die Nerven immer mehr Morphium, benötigt das Gefühl immer mehr Mitleid, und schließlich mehr, als man geben kann. Einmal kommt unvermeidlich der Augenblick, da und dort, wo man ›Nein‹ sagen muß und sich nicht kümmern darf, ob der Andere einen für dieses letzte Weigern mehr haßt, als wenn man ihm nie geholfen hätte. Ja, lieber Herr Leutnant, man muß sein Mitleid richtig im Zaum halten, sonst richtet es schlimmeren Schaden an als alle Gleichgültigkeit – das wissen wir Ärzte und wissen die Richter und die Gerichtsvollzieher und die Pfandleiher; wenn die alle immer nur ihrem Mitleid nachgeben wollten, stünde unsere Welt still – gefährliche Sache, das Mitleid, gefährliche Sache! Sie sehen selbst, was Ihre Schwäche hier angerichtet hat.«

»Ja ... aber man kann ... man kann doch nicht einen Menschen in seiner Verzweiflung einfach stehenlassen ... schließlich war nichts dabei, wenn ich versuchte ...«

Aber Condor wurde plötzlich heftig.

»Doch – sehr viel war dabei! Sehr viel Verantwortung, verdammt viel Verantwortung, wenn man einen andern mit seinem Mitleid zum Narren macht! Ein erwachsener Mensch muß überlegen, ehe er sich in eine Sache einmengt, wie weit er zu gehen entschlossen ist – keine Herumspielerei mit fremden Gefühlen! Zugegeben – Sie haben aus den bravsten, anständigsten Motiven diese guten Leute beduselt, aber in unserer Welt kommt's nicht darauf an, ob man hart zugreift oder zaghaft, sondern einzig darauf, was man schließlich ausrichtet oder anrichtet. Mitleid – schön! Aber es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus. Nur wenn man zum Ende geht, bis zum äußersten bitteren Ende, nur wenn man die große Geduld hat, kann man Menschen helfen. Nur wenn man sich selber aufopfert dabei, nur dann!«

Es schwang ein bitterer Ton in seiner Stimme mit. Unwillkürlich fiel mir ein, was Kekesfalva erzählt hatte – Condor habe eine blinde Frau, die er nicht zu kurieren vermochte, gleichsam als Buße geheiratet, und diese Blinde, statt ihm dankbar zu sein, quäle ihn noch. Aber schon legte er warm und fast zärtlich seine Hand auf meinen Arm.

»Na, ich meine es nicht so böse. Ihr Gefühl hat Sie eben herumgekriegt, das kann jedem zustoßen. Aber jetzt zur Sache – zu meiner und Ihrer. Ich habe Sie schließlich nicht herzitiert, um mit Ihnen Psychologie zu schwatzen. Wir müssen zum Praktischen kommen. Selbstverständlich ist es nötig, daß wir in dieser Sache konform gehen. Es darf nicht zum zweitenmal passieren, daß Sie mir von hinten herum in mein Konzept fahren. Also hören Sie! Ich muß nach jenem Brief Ediths leider annehmen, daß sich unsere Freunde schon total in den Wahn verrannt haben, man könne durch jene doch unanwendbare Kur die ganze komplizierte Erkrankung blank wegwischen wie mit einem Schwamm. Auch wenn diese Narrheit schon gefährlich tief sitzt, bleibt nichts anderes übrig, als sie sofort wieder herauszuoperieren – je rascher, desto besser für uns alle. Natürlich wird's einen harten Schock geben. Wahrheit ist ja immer bittere Medizin, aber man darf einen solchen Wahn nicht weiter wuchern lassen. Daß ich's auf die schonendste Weise anpacken werde, lassen Sie meine Sache sein.

Und jetzt zu Ihnen! Am bequemsten für mich wäre natürlich, die ganze Schuld auf Sie abzuschieben. Zu sagen, Sie hätten mich mißverstanden, Sie hätten übertrieben oder phantasiert. Nun, das werde ich nicht tun, sondern lieber alles auf meine Kappe nehmen. Nur – das sage ich Ihnen gleich – ganz kann ich Sie nicht aus dem Spiel lassen. Sie kennen den alten Mann und seine schreckliche Zähigkeit. Wenn ich ihm auch hundertmal die Sache erklärte und den Brief zeigte, würde er immer von neuem jammern: ›Aber Sie haben doch dem Herrn Leutnant versprochen ...‹ und ›Herr Leutnant hat doch gesagt ...‹ – Ununterbrochen würde er sich auf Sie berufen, um sich und mir vorzutäuschen, es bestehe trotz alledem noch irgendwelche Hoffnung. Ohne Sie als Zeugen werde ich mit ihm nicht fertig. Illusionen kann man nicht so leicht herunterschütteln wie das Quecksilber im Thermometer. Hat man einmal einem jener Kranken, die man so grausamerweise unheilbar nennt, einen Strohhalm Hoffnung gezeigt, so zimmert er sich sofort daraus einen Balken und aus dem Balken ein ganzes Haus. Aber derlei Luftschlösser sind höchst ungesund für Kranke, und es ist meine Pflicht als Arzt, dieses Luftschloß schleunigst umzulegen, ehe sich exaltierte Hoffnungen drin heimisch machen. Wir müssen unbedingt die Sache scharf angehen und ohne Zeit zu verlieren.«

Condor hielt inne. Er wartete offenbar auf meine Zustimmung. Aber ich wagte nicht, seinem Blick zu begegnen; innen jagten jetzt, vom pochenden Herzschlag aufgetrieben, die Bilder des gestrigen Tages vorüber. Wie wir heiter über das sommerliche Land gefahren waren und das Gesicht der Kranken hatte von Sonne und Glück gestrahlt. Wie sie die kleinen Fohlen streichelte, wie sie als Königin bei dem Feste saß, wie immer und immer wieder dem Alten die Tränen niederliefen in den lachenden und zuckenden Mund. Das alles mit einem einzigen Hieb zerstören! Die Verwandelte wieder rückverwandeln, die so herrlich ihrer Verzweiflung Entrissene mit einem Wort in alle Höllen der Ungeduld wieder zurückstoßen! Nein, ich wußte, nie würde ich dazu die Hand bieten können. So äußerte ich zaghaft:

»Aber könnte man nicht lieber ...« und stockte schon wieder unter seinem prüfenden Blick.

»Was?« fragte er scharf.

»Ich meinte nur, ob man ... ob man mit dieser Eröffnung nicht lieber warten sollte ... wenigstens ein paar Tage, weil ... weil ... ich hatte gestern den Eindruck, als hätte sie sich schon völlig auf diese Kur eingestellt ... ich meine, innerlich eingestellt ... und sie hätte jetzt, wie Sie damals sagten, die ... die psychischen Kräfte ... ich meine, sie wäre jetzt imstande, viel mehr aus sich herauszuholen, wenn ... wenn man sie nur noch einige Zeit in dem Glauben beließe, diese neue Kur, von der sie alles erwartet, würde sie endgültig heilen ... Sie ... Sie haben ja nicht gesehen, Sie ... Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schon die bloße Ankündigung auf sie gewirkt hat ... ich hatte wirklich den Eindruck, daß sie sich sofort viel besser fortbewegen konnte ... und ich meine, ob man das nicht erst sich auswirken lassen sollte ... Natürlich ...« – ich flüchtete mit der Stimme zurück, weil ich spürte, wie überrascht Condor zu mir aufblickte – »natürlich, ich verstehe nichts davon ...«

Condor blickte mich noch immer an. Dann knurrte er: »Sieh mal – Saul unter den Propheten! Sie scheinen sich ja äußerst gründlich in die Sache hineingekniet zu haben sogar das von den »psychischen Kräften« haben Sie sich gemerkt! Und dazu noch Ihre klinischen Feststellungen ohne daß ich's wußte, hab ich mir da in aller Stille einen Assistenten und Konsiliarius herangezogen! – Übrigens« – er kraulte sich mit nervöser Hand nachdenklich im Haar – »was Sie da vorbrachten, wäre an sich gar nicht so dumm – Verzeihung, ich meine natürlich: im medizinischen Sinne dumm. Sonderbar, wirklich sonderbar – als ich den exaltierten Brief Ediths bekam, habe ich mich selbst einen Augenblick gefragt, ob man, nachdem Sie ihr einmal eingeredet haben, die Genesung rückte jetzt mit Siebenmeilenstiefeln heran, diese leidenschaftliche Einstellung nicht ausnützen sollte ... Gar nicht so übel gedacht, Herr Kollege! Zu inszenieren wäre die Sache ja kinderleicht – ich schicke sie ins Engadin, wo ich einen befreundeten Arzt habe, wir lassen sie im seligen Glauben, es sei die neue Kur, während es in Wirklichkeit die alte ist. Auf den ersten Hieb wäre der Effekt wahrscheinlich famos und wir würden schockweise begeisterte, dankbare Briefe kriegen. Die Illusion, die Luftveränderung, die Ortsveränderung, der verstärkte Energieeinsatz, all das würde ja tatsächlich wacker mithelfen und mitschwindeln: schließlich möchten vierzehn Tage Engadin auch Sie und mich überraschend aufpulvern. Aber, lieber Herr Leutnant, ich als Arzt muß nicht nur an den Anfang denken, sondern auch an den Fortgang und vor allem den Ausgang. Ich muß den Rückschlag in Rechnung stellen, der bei so irrsinnig überspannten Hoffnungen unvermeidlich – jawohl, unvermeidlich! – einsetzen würde; auch als Arzt bleibe ich Schachspieler, Geduldspieler, und darf nicht Hasardeur werden und am wenigsten, wenn ein anderer den Einsatz bezahlen muß.«

»Aber ... aber Sie sind doch selbst der Ansicht, man könnte eine wesentliche Besserung erzielen ...«

»Gewiß – im ersten Anlauf würden wir ein gutes Stück vorwärtskommen, Frauen reagieren doch immer in erstaunlicher Weise auf Gefühle, auf Illusionen. Aber denken Sie sich selber die Situation in ein paar Monaten aus, wenn die sogenannten psychischen Kräfte, von denen wir sprachen, erschöpft sind, der aufgepeitschte Wille verbraucht, die Leidenschaft vertan, und noch immer, nach Wochen und Wochen aufzehrendster Anspannung, stellt sich die Genesung nicht ein, jene totale Genesung, mit der sie doch jetzt rechnet wie mit einer Gewißheit. – Bitte, denken Sie sich das aus in seiner katastrophalen Wirkung auf ein sensibles, ohnehin von Ungeduld schon ganz aufgezehrtes Geschöpf! Es handelt sich bei unserer Sache doch nicht um eine kleine Besserung, sondern um etwas Fundamentales, um die Umstellung von der langsamen und sicheren Methode der Geduld auf die verwegene und gefährliche der Ungeduld! Wie sollte sie je noch Vertrauen haben zu mir, zu einem anderen Arzt, zu irgend einem Menschen, wenn sie sich vorsätzlich getäuscht sieht? Lieber also die Wahrheit, so grausam sie scheint: in der Medizin ist das Messer oft die mildere Methode. Nur nichts hinausschieben! Mit gutem Gewissen könnte ich eine solche Hinterhältigkeit nicht verantworten. Überlegen Sie selbst! Hätten Sie an meiner Stelle den Mut?«

»Ja«, antwortete ich unbedenklich, und erschrak schon im selben Augenblick über das rasche Wort. »Das heißt ...«, fügte ich vorsichtig bei, »ich würde ihr den ganzen Sachverhalt erst eingestehen, sobald sie wenigstens etwas vorwärtsgekommen ist ... Verzeihen Sie, Herr Doktor ... es klingt ziemlich unbescheiden ... aber Sie haben nicht so wie ich in der letzten Zeit beobachten können, wie notwendig diese Menschen etwas brauchen, um sich weiterzuhelfen und ... gewiß, man muß ihr die Wahrheit sagen ... aber doch erst, wenn sie sie ertragen kann ... nicht jetzt, Herr Doktor, ich beschwöre Sie ... nur nicht jetzt ... nur nicht sofort.«

Ich zögerte. Das neugierige Staunen seines Blicks verwirrte mich.

»Aber wann denn? ...« überlegte er. »Und vor allem: wer soll das riskieren? Einmal wird die Aufklärung doch nötig werden, und die Enttäuschung dann hundertmal gefährlicher, ja, lebensgefährlich sein. Würden Sie wirklich eine solche Verantwortung übernehmen?«

»Ja«, sagte ich fest (ich glaube, einzig die Angst, sonst sofort mit ihm hinausfahren zu müssen, gab mir diese jähe Entschlossenheit). »Diese Verantwortung übernehme ich voll und ganz. Ich weiß bestimmt, daß es Edith jetzt unermeßlich helfen würde, wenn man ihr vorläufig die Hoffnung auf eine völlige, endgültige Heilung ließe. Wird es dann nötig sein, sie aufzuklären, daß wir ... daß ich vielleicht zuviel versprochen habe, so werde ich mich ehrlich dazu bekennen, und ich bin überzeugt, sie wird alles verstehen.«

Condor blickte mich starr an. »Donnerwetter«, murmelte er schließlich. »Sie muten sich allerhand zu! Und das Merkwürdigste ist, daß Sie uns andere mit Ihrem Gottesglauben infizieren – erst die draußen und, ich fürchte, allmählich auch mich! – Nun, wenn Sie wirklich diese Verantwortung auf sich nehmen, Edith wieder ins Gleichgewicht zu bringen, falls eine Krise eintreten sollte, dann ... dann bekommt die Sache natürlich ein anderes Gesicht ... dann könnte man vielleicht wirklich riskieren, noch ein paar Tage zuzuwarten, bis ihre Nerven etwas besser sitzen ... Aber bei solchen Verpflichtungen gibt es kein Zurück, Herr Leutnant! Es ist meine Pflicht, Sie zuvor gründlich zu warnen. Wir Ärzte sind vor jeder Operation gebunden, die Beteiligten auf alle möglichen Gefahren aufmerksam zu machen – einer schon so lange Gelähmten zu versprechen, sie werde in kürzester Zeit völlig geheilt werden, bedeutet einen nicht minder verantwortlichen Eingriff als den mit dem Skalpell. Überlegen Sie also genau, was Sie auf sich nehmen – es gehört unermeßliche Kraft dazu, einen Menschen wieder aufzurichten, den man einmal betrogen hat! Ich liebe keine Undeutlichkeiten. Ehe ich von meiner eigentlichen Absicht abstehe, die Kekesfalvas sofort und ehrlich aufzuklären, daß jene Methode in unserem Fall unanwendbar ist, und wir leider noch viel Geduld von ihnen fordern müssen, muß ich wissen, ob ich mich auf Sie verlassen kann. Kann ich unbedingt darauf zählen, daß Sie mich dann nicht im Stich lassen?«

»Unbedingt.«

»Gut.« Condor schob das Glas mit einem Ruck von sich. Wir hatten keiner einen Tropfen getrunken. »Oder vielmehr: hoffen wir, daß es gut ausgeht, denn ganz behaglich fühl ich mich bei diesem Hinausschieben nicht. Ich werde Ihnen jetzt genau sagen, wie weit ich gehe – keinen Schritt über die Wahrheit hinaus. Ich rate zu einer Kur im Engadin, aber ich erkläre, daß die Methode Viennots keineswegs ausgeprobt ist und betone ausdrücklich, daß sie beide keine Wunder erwarten sollen. Benebeln sie sich im Vertrauen auf Sie trotzdem mit unsinnigen Hoffnungen, so wird es an Ihnen sein – ich habe Ihre Zusage –, die Sache, Ihre Sache, rechtzeitig ins reine zu bringen. Vielleicht begehe ich ein gewisses Wagnis, wenn ich Ihnen mehr vertraue als meinem ärztlichen Gewissen – nun, das will ich auf mich nehmen. Schließlich meinen wir es beide mit dieser armen Kranken gleich gut.«

Condor erhob sich. »Wie gesagt, ich rechne auf Sie, wenn irgendeine Krise der Enttäuschung eintreten sollte; hoffentlich erreicht Ihre Ungeduld mehr als meine Geduld. Lassen wir also dem armen Kind noch ein paar Wochen Zuversicht! Und bringen wir sie wirklich inzwischen ein anständiges Stück vorwärts, dann haben Sie ihr geholfen und nicht ich. Erledigt! Es ist höchste Zeit. Ich werde draußen erwartet.«

Wir verließen das Lokal. Der Wagen stand vor dem Hause für ihn bereit. Im letzten Augenblick, da Condor schon eingestiegen war, zuckte mir noch die Lippe, als wollte sie ihn zurückrufen. Aber schon zogen die Pferde an. Der Wagen und damit das Unabänderliche waren in vollem Gang.

Drei Stunden später fand ich auf meinem Tisch in der Kaserne ein Billett, hastig geschrieben und von dem Chauffeur gebracht. »Kommen Sie morgen möglichst früh. Es ist furchtbar viel zu erzählen. Eben war Doktor Condor hier. In zehn Tagen fahren wir weg. Ich bin schrecklich glücklich. Edith.«

 

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