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Unartige Musenkinder

Richard Zoozmann: Unartige Musenkinder - Kapitel 239
Quellenangabe
typepoem
authorRichard Zoozmann
titleUnartige Musenkinder
publisherHesse & Becker Verlag
addressLeipzig
printrun71. bis 76. Tausend
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100318
projectid1c8d40a1
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Die Wette

Ein galantes Gedicht in der Manier der zweiten schlesischen
Dichterschule

1. Er benutzt Amors Pfeil als Griffel.

Wenn jeder Körperteil am Weib ist ein Gedicht,
Soll mans mit Amors Pfeil als Stift notieren nicht?

2. Sie schlägt eine galante Wette vor.

Sie wettet einen Kuß, es soll ihm nicht gelingen,
Vom Kopf bis zu dem Fuß galant sie zu besingen.

3. Er macht seine Bedingungen.

Er sagt: Es gilt. Doch brauch ich Vorschuß auf den Kuß,
Und sehen muß ich auch, was ich besingen muß.

4. Warum er von unten anfängt.

Von unten fang ich an, denn zu den schönen Fraun
Aufschauen sollte man nicht darauf niederschaun.

5. Er beginnt mit ihrem Fuß.

Dein Fuß ist wie ein Traum und elfenhaft sein Schritt,
Die Blumen streift er kaum, der doch mein Herz zertritt.

6. Sie will die Galanterie noch mehr im Detail haben.

Hebst du, entzückend Kind, den kleinen Fuß, den bloßen,
Die Zehennägel sind die Spiegel für die Rosen.

7. Von den Zehen kommt er zu den Ballen.

Wie viele Schönheit wiegt sich auf so kleinen Ballen!
Drum kommst, wenn Amor siegt, du gar so leicht zum Fallen.

8. Er möchte sie auf die Sohlen küssen.

Wie sind die Nerven zart der straff gespannten Sohlen!
Wie kitzelte mein Bart, küßt ich dich dort verstohlen!

9. Er vergleicht Amor mit Paris.

Nach deiner Ferse will Gott Amor zielen jetzt,
Wo Paris einst Achill, gefeit wie du, verletzt.

10. Ihre Knöchel sind ihm gar zu zierlich.

Wie ist dein Knöchel rund und zierlich, zart und glatt,
Doch wild dein treuer Hund von Knöchelchen nicht satt.

11. Was er aus ihrer Wade für Schlüsse zieht.

Der Wade Rundung läßt auf Höheres uns schließen,
Wo Formen, eng gepreßt, an Fülle überfließen.

12. Er wird andächtig vor ihren Knien.

Wie zart sind deine Knie, die Rosen überwehn!
Andächtig küssen sie, heißt in den Himmel sehn.

13. Er findet reizende Verstecke.

Der Amoretten Schar im Flugspiel bietet sie
Verstecke wunderbar, die Höhlung unterm Knie.

14. Sein Pegasus hätte ihn beinahe abgeworfen.

Die Zügel aus der Hand reißt mir mein Pegasus.
Er sieht dein Bein und ahnt die Kraft im Schenkelschluß.

15. Er bewundert die Voraussicht der Natur.

Gewaltig schuf Natur der Frau die Unterlage,
Daß sie nicht einen nur, nein, zwei zuweilen trage.

16. Er bewundert den Mutterwitz der Natur.

Auch fand ihr Mutterwitz es billig und gerecht,
Daß weicher sei der Sitz dem zarteren Geschlecht.

17. Er weiß von allerhand Muscheln und Perlen.

Man schätzt die Muschel zwar, weil man die Perle liebt.
Doch Muscheln gibts sogar, für die man Perlen gibt.

18. Er findet starke Kontraste.

Welch kräftiger Kontrast, der wuchtigen Hüfte Plastik,
Zur Weichenbiegung, fast ein Gürtel an Elastik!

19. Der Venus Perlmutter-Schatzkästchen.

Weiß, rosig und doch auch von bläulich lichtem Schein,
Perlmutter ist dein Bauch, der Venus Perlenschrein.

20. Die Natur schreibt auch Liebesbriefe.

Auf einen Liebesbrief ein rosenfarbnes Siegel
Prägt sich der Nabel tief auf deines Leibes Spiegel.

21. Womit er ihr Korsett vergleicht.

Ein Kelchglas, dem mit Braus weißperlend Sekt entschäumt,
Ist dein Korsett, daraus sich prickelnd Leben bäumt.

22. Er kommt auf weitere Vergleiche.

Die Hügel weiß wie Schnee im Wogen auf und ab
Sind wie dem Schiff die See der Liebe Glück und Grab.

23. Er zeichnet im Profil.

In sanftem Bogen schwingt die Brust sich auf, schneeweiß.
Die Wellenlinie springt zurück im Viertelskreis.

24. Er zeichnet en face

Zwei Rahmen rötlich braun, zwei Rosenknospen nur.
Und doch – wer könnte schaun sich satt an der Natur!

25. Warum Amor sich bei den Frauen leichter tut.

Ein leichter Zielen bot für Amor stets beim Weibe
Vorm Herzen – tiefer rot mit breitrem Ring – die Scheibe.

26. Er wird sehr indiskret.

An Faune, Böckchen mahnt der Achselhöhle Haar?
Im Gegenteil, man ahnt das Paradies sogar.

27. Er ergötzt sich an ihrem Rücken.

Wie fällt zur Taille schmal dein schöngeformter Rücken!
Und daß ihn teilt das Tal ist vollends zum Entzücken!

28. Er ergeht sich in kühnen Vermutungen.

Hat nicht mit dieser Bucht Natur im Schaffensdrang
Erst schüchtern nur versucht, was unten ihr gelang?

29. Er besingt ihr Schulterblatt.

Dein Schulterblatt ist glatt, glänzt wie Email und Lack.
Wer darauf blattet, hat bereits den Bock im Sack.

30. Er besingt sogar ihr Schlüsselbein.

Besingen soll ich gar dein Schlüsselbein? O weh!
Ich nehm es ja nicht wahr, es ist verweht von Schnee.

31. Die Natur schafft nichts ohne Zweck.

Dein Arm ist weich und rund, den Liebsten selbstvergessen
An deinen weichen Mund, die runde Brust zu pressen.

32. Wo Frauenhaut am seinsten ist.

Azurnen Schimmers blaut, vom Adernetz durchzogen,
Am Puls die zarte Haut und unterm Ellenbogen.

33. Er entdeckt ein Wunder.

Wie klein ist deine Hand und kann so viel doch geben!
Wle schwach! Und knüpft ein Band, das hält ein ganzes Leben!

34. Ihre Handfläche ist Elfenwerk.

Ein Elfenreigen hat zur Trommel straff gespannt
Aus einem Rosenblatt die Fläche deiner Hand.

35. Ihr Handrücken gefällt ihm weniger.

Doch weniger gefällt mir deiner Hände Rücken,
Weil darauf alle Welt darf ihre Küsse drücken.

36. Er macht Studien über Elektrizität.

Dein Händedruck, wie er elektrisch mich durchfließt!
Wie muß erschauern der, so an das Herz dich schließt!

37. Er beschuldigt sie des Diebstahls.

Wie sind die Finger fein und schlank, wie lang und schmal!
Langfingrig muß ja sein, die stets nur Herzen stahl.

38. Er beschuldigt sie der Unmenschlichkeit.

Die rosigen Nägel, die besondre Pflege heischen.
Wie spitzig feilst du sie, um Herzen zu zerfleischen!

39. Er entdeckt ein neues Wunder.

Dem Schwanenhalse gleicht, der anmutsvoll sich biegt.
Dein Hals, der spielend leicht so viele Schönheit wiegt.

40. Er läßt wieder seiner Phantasie die Zügel schießen.

Dein Nacken – spricht sich schier das Wort wie »nackend«
nicht?
Der denkt dich nackt, der dir von deinem Nacken spricht.

41. Er zeichnet auf hellem Grund.

Der Schultern Formen gar sind klassisch fast zu heißen.
In Ringeln hebt das Haar sich ab vom Grund, dem weißen.

42. Wozu ihr Kinn ihm dient.

Dein Kinn, es diene mir, dein Köpfchen sanft zu heben,
Verrät die Miene mir ein schmollend Widerstreben.

43. Er fürchtet einen Hereinfall.

Oft fällt, wer argen Sinns gräbt Gruben, selbst hinein;
Aufs Grübchen deines Kinns fällt stets der andre rein.

44. Womit er ihre Lippen und ihren Kuß vergleicht.

Dein Kuß ist, süßes Kind, wie ein gesprengt Korsett,
Und deine Lippen sind der Küsse Liebesbett.

45. Er findet noch andre Vergleiche.

Dein Kuß ist auch ein Tor, drin Schlangen müssen sein.
Ein Zünglein schießt hervor, ein Zähnchen gräbt sich ein.

46. Oder ihr Kuß ist auch

Ein Funke, der nicht Rauch, doch Feuersbrunst entfacht,
Und ein Verschwörer auch, der einen Aufstand macht.

47. Nun geht er um einen Stock höher.

Natur hat sich erlaubt ein allerliebstes Späßchen,
An das sie selbst nicht glaubt mit deinem netten Näschen.

48. Was sie vor der Rose voraus hat.

Die schönste Rose sticht, doch deine Wange nie.
Auch kann die Rose nicht erröten hold wie sie.

49. Er klagt an und muß doch loben.

Ein Vorhang, der verhängt den Blick mit seinem Glanze,
Und doch so reizend senkt sich deiner Wimper Franse.

50. Was er in ihren Augen sieht.

In deine Augen schaun heißt immer denken dein,
Weil deine Augen blaun wie zwei Vergißnichtmein.

51. Was ihn nicht wundem sollte.

Die Brauen wölben sich graziös wie Amors Bogen.
Nicht wundern sollte mich ein Pfeil, von dort entflogen.

52. Er blickt hinter den Spiegel.

Die Reinheit deiner Stirn mag Engel selbst entzücken;
Dahinter doch im Hirn sind Spinngeweb und Mücken.

53. Er weiß die empfindlichste Stelle für seinen Kuß.

Die Schläfe ist der Platz, wo tödlich wirkt ein Schuß
Und dich am tiefsten, Schatz, durchschauern soll mein Kuß.

54. Wen er in ihrem Haar sieht.

Dein Haar ist ein Gespinst von Aphroditens Rocken,
Das Bübchen Amor grinst, der Schelm, durch deine Locken.

55. Von ihrer Seele aber will er nichts wissen.

Nun glaub ich, daß kein Reiz, mehr deines Körpers fehle.
Ein andrer nehm das Kreuz auf sich und mal die Seele!

56. Warum? darum:

Denn unterm Malen schon erscheint sie stets, o Hohn!
In anderm Farbenton wie ein Chamäleon.

(Originalbeitrag)

Unartige Musenkinder

Unartige Musenkinder
Wir singen vom Wohl und Wehe,
Das Amor schicken kann:
Von Liebe, Kuß und Ehe Und allem Drum-und-Dran,

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