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Unartige Musenkinder

Richard Zoozmann: Unartige Musenkinder - Kapitel 136
Quellenangabe
typepoem
authorRichard Zoozmann
titleUnartige Musenkinder
publisherHesse & Becker Verlag
addressLeipzig
printrun71. bis 76. Tausend
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100318
projectid1c8d40a1
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Georg Bötticher (1849–1918)

Die Gans

Zu Hildesheim – in jenen Tagen,
Da man das Hexenvolk verbrannt –
Hat folgendes sich zugetragen:

Ein Wächter, Dummerhans genannt,
Durchschreitet eines Nachts die Stadt.
An der Andreaskirche hat
Er eben »12 Uhr« abgerufen –
Da raschelts auf den Kirchtorstufen:
Pritschbreit im hellsten Mondesglanz
Sitzt eine große fette Gans!
Der Wächter, keineswegs erschrocken,
Nimmt flugs die Fette bei den Socken
Und eilt nach Haus, vor allen Dingen
Den Fund in Sicherheit zu bringen.
Bald aber staunt er mehr und mehr:
Herrgott, was wird die Gans so schwer!
Er keucht und jappt, so schleppt er dran.
Todmüde langt er endlich an,
Sperrt in den Stall die Gans noch schnelle
Und sinkt auf seine Lagerstelle. –
Den Morgen drauf, zu früher Zeit,
Stellt er das Schlachtgeschirr bereit
Und eilt zum Stall. Doch wie erschrickt er:
Statt einer Gans, o Gott, erblickt er
Im Stall ein Weibchen, nett und rund!
Das herzt ihn, küßt ihn auf den Mund
Und spricht: »Ich war in eine Gans
Verhext. Du löstest mich, mein Hans,
Zum Dank bin ich die Deine. Sprich,
Mein Dummerhänschen, willst du mich?«
Sie wurden ein vergnügtes Paar,
Und Meister Storch kam Jahr für Jahr.

Der Vorgang darf als einzig gelten. –
Das Gegenteil ist ja nicht selten:

Daß einer, der ein Weib sich nahm,
Ein – Gänschen statt der Frau bekam.

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