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Unartige Musenkinder

Richard Zoozmann: Unartige Musenkinder - Kapitel 116
Quellenangabe
typepoem
authorRichard Zoozmann
titleUnartige Musenkinder
publisherHesse & Becker Verlag
addressLeipzig
printrun71. bis 76. Tausend
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100318
projectid1c8d40a1
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Albrecht Graf Willenburg (1838–1911)

Der schiefe Turm von Terlan

(Tiroler Volkssage)

Der alte Kirchturm von Terlan,
Der konnte nimmer grade stahn.
Drum ward er abgetragen.
Und wenn ihr wissen wollt, warum?
Wie ward er schief, wie ward er krumm?
So hört, ich wills euch sagen:

Lang stand er kerzengrad in Ruh,
Und was sich trug im Dorfe zu,
Erzählten ihm die Spatzen:
Von einem dies, vom andern das,

Sie wußten ja von jedem was
Zu klatschen und zu schwatzen.

Nur einmal gab es eine Maid,
Die ringsherum und weit und breit
Das schönste Kind gegolten,
Und, was das größte Wunder war,
Sie zählte nun schon zwanzig Jahr
Und galt für unbescholten!

Als ihr Geburtstag sich gejährt.
Da kam sie fromm, in sich gekehrt.
Zur Frühmeß ohne Zieren,
Da macht der Turm der schönen Zenz
Die allertiefste Reverenz,
Um ihr zu gratulieren.

O weh! O weh! Das war zu tief!
Der alte Herr blieb krumm und schief
Vor allzuviel Ekstase!
Nun harrt er einen reinen Maid,
Daß die ihn zieh zur andern Seit,
Sonst fällt er auf die Nase.

Wohl kommt so manches Mägdelein
Und scheint gar fromm und tugendrein,
Und doch, und doch – wie schade:
Es muß halt doch ein Häklein han,
Der schiefe Kirchturm von Terlan
Wird nimmer wieder grade!

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