Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Zoozmann >

Unartige Musenkinder

Richard Zoozmann: Unartige Musenkinder - Kapitel 102
Quellenangabe
typepoem
authorRichard Zoozmann
titleUnartige Musenkinder
publisherHesse & Becker Verlag
addressLeipzig
printrun71. bis 76. Tausend
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100318
projectid1c8d40a1
Schließen

Navigation:

Moritz Hartmann (1821–1872)

Sir Walter Raleigh

In England ists bekannt genug,
Daß die ersten Strümpfe, die man strickte,
Elisabeth, die Königin, trug;
Stadt Bristol wars, die sie ihr schickte.

Allein bekannt ists der ganzen Welt,
Was ich nicht erst zu sagen brauchte,
Daß Walter Raleigh, der schöne Held,
Daselbst die erste Pfeife rauchte.

Er schiffte nach Amerikas Strand,
Auf daß er El Dorado entdecke,
Und als er dort den Tabak fand,
Glaubt er erfüllt seine Reisezwecke.

Nun raucht er früh, nun raucht er spät.
Nun raucht er, wenn er Verse schnitzet,
Geschichte schreibt, zu Hofe geht;
Er raucht, wenn er zu Pferde sitzet.

Er saß im Garten von Somersethaus,
Umhüllt von Wolken, grau und blauen,
Da kam aus dem Palaste heraus
Elisabeth mit ihren Frauen.

»Sir Walter,« sprach sie, »du weiser Tor!
Mein England füllst du mit blauen Dünsten,
Man hat mir erzählt – jetzt mache mir vor
Etwas von deinen neuen Künsten.«

Sir Walter, als ein treuer Vasall,
Er zaudert nicht lang nach solchem Befehle,
Er blies vom Mund einen dampfenden Schwall,
Er rauchte schön, er rauchte mit Seele.

Er ließ vor den Augen der hohen Frau
Viel hundert Gebilde aufwärts steigen;
Bald sah sie einen Himmel blau,
Bald einen tanzenden Elfenreigen.

Bald wars ein ganzer Lilienflor,
Bald warens schwebende Ringe und Kreise;
Ein sanftes Lüftchen trug sie empor,
In Baum und Strauch verschwammen sie leise.

Rings duftete schon die ganze Luft –
Was soll ich lange singen und sagen?
Die männliche Seele sog den Duft,
Die Königin sog ihn mit Behagen.

Und mit Behagen hat sie gesehn
Den schönen Helden im Wolkenschwalle,
Und den Hauch aus den blühenden Lippen gehn,
Wie Wellen aus der roten Koralle.

Sie sprach: »Du hast mir was Schönes gezeigt
Und etwas vom allerneusten Neuen;
Du schöner Held, das Haupt geneigt.
Dich soll es wahrlich nicht gereuen.

Ich will dir zeigen was Schönres noch:
Sieh hier die Strümpfe, die man mir strickte!«
Da hob sie königlich keck und hoch
Den Rock, so hoch als sichs nur schickte.

Sir Walter beugte das Haupt und das Knie,
Er fühlte ein leises, ein süßes Erschrecken;
Er pries die Strümpfe, er pries, wie sie
So eng anschmiegend das Bein bedecken.

Er pries die Königin selber jetzt
Und ihre Güte und hohe Gnade,
Er pries das Glück der Strümpfe zuletzt
Und ganz zuletzt der Königin Wade.

Die Sage geht, daß jene Stund
In Somersethaus und seinen Gärten
Zu Walters Glück gelegt den Grund
Und zu den Freuden, die lange währten.

 << Kapitel 101  Kapitel 103 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.