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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 56
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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An die Deutschen in Übersee

Ansprache, gehalten am Deutschen Kurzwellensender am 15. November 1937.

Hiermit grüße ich meine lieben Volksgenossen in aller Welt!

Die Möglichkeit, dies zu tun, wie es hier geschieht, ist ein Wunder, von dem unsere Vorfahren nichts geahnt haben.

Sprache ist Seele, und wenn sie, die Sprache, nach allen Richtungen der Windrose über Gebirge und Meere, viele Tausende Meilen weit ans Ohr der fernsten Brüder und Schwestern dringt, so ist es die Seele, die sich mit den Wellen des Äthers vermählt, auf Reisen begibt und gleichsam allgegenwärtig macht.

Wenn ihr nun meine Seele hört, ohne mich körperlich zu sehen, liebe deutsche Brüder und Schwestern in aller Welt, so ist sie eine Stimme des Vaterlandes. Wurzelhaft verbunden mit der Heimat habe ich seit fünfundsiebzig Jahren gelebt und seit sechs Jahrzehnten keinen anderen Ehrgeiz gefühlt, als für mein Teil ihre Stimme zu sein. Mit welchem Erfolg, müssen andere entscheiden.

Bewahrt eure Stimmen, Brüder und Schwestern in aller Welt! Bewahrt eure Seele durch unsere heilige deutsche Sprache! Sie hat unser aller Geist gesäugt, wenn nicht gezeugt! Bleibt doch der Mensch stumm und geistig tot, der nicht in seine Sprache hineingeboren ist. Wir können das Wunder unserer Sprache gar nicht genug verehren und anstaunen. Liebt sie und dient ihr weiter, wie sie euch!

Die lebendige Sprache der Lippen hat ihren Niederschlag im Buch. Sollte man nicht die Summe aller Bücher, die aus deutschem Geist geboren sind, als das Deutsche Buch auffassen? Wir dürfen dieses Buch als ein universelles Erbe ansprechen.

Ich bin ein getreuer Leser des Deutschen Buches. Und eines Tages hatte ich ein Blatt aus den völkischen Befreiungskämpfen des sechzehnten Jahrhunderts unserer Geschichte aufgeschlagen. Es erschloß mir in ihrem ganzen Umfang die Reformation und den Bauernkrieg. Man kann sich von der einen wie von der anderen Bewegung keinen zu großen Begriff machen, da in jeder von beiden und in beiden zugleich, trotz nur teilweisen Gelingens, die Befreiung von fremder Bevormundung, und damit der deutsche Gedanke sich durchsetzte. Bei diesem Bewußtwerden, und damit eigentlich erst Werden des deutschen Volkes überhaupt, hat sich mir eine damals ganz oder beinahe ganz im Schatten stehende Gestalt, Florian Geyer, als Hauptkämpfer und deutscher Heros in diesem Betracht aufgedrängt, und ich habe versucht, sie im Drama lebendig zu machen.

Es gehört zu den wahren Erfolgen meines Lebens, daß Florian Geyer nach Name und nach Gestalt heut in Deutschland Gemeingut geworden ist. Es gereicht mir zu Freude und Ehren, daß Sie, wenn ich meine kurze Rede geendet habe, Teile aus diesem Drama vernehmen werden.

Florian Geyer ist unterlegen. Hundert Jahre nach ihm, nämlich im Dreißigjährigen Krieg, scheinbar ebenso die Reformation und die deutsche Nation. Diese, die Nation und das deutsche Land, blieben um 1648 als ein einziger Leichnam zurück. Um 1618 begann der große, furchtbare Aderlaß, an dem das Deutschtum verblutete. Wer sich aber von der unsterblichen Kraft des Deutschtums einen Begriff machen will, der verfolge auf den Seiten und Zeilen des Deutschen Buches, wie sich der Leichnam des Landes und Volkes langsam, doch unaufhaltsam aus dem Grabe wieder erhebt.

Sooft auch dem mysteriösen Weber unserer Geschicke das Webe zerriß und der Webstuhl zertrümmert wurde – immer ist beides bald wieder da, und die Arbeit wird wieder aufgenommen und genau an der Stelle, wo das Gewebe zerrissen war, unentwegt fortgesetzt.

Auf diese Weise ist der Geist Florian Geyers und seiner Bewegung, nicht nur die lutherische, aber die Gesamtheit der deutschen Reformation heute fast wiederum Gegenwart.

»Deutschland ist ein gut Land, ist aller Länder Krone ...« sagt ein Wort, das Florian Geyer zitiert. Wir wissen alle, wie schön es mit seinen Strömen, Seen, Bergen, Wäldern, Wiesen und Feldern ist, mit seinen Ebenen und seinen Küsten, mit seinen großen und kleinen Städten, von denen die kleinsten manchmal die größten Juwelen sind.

Aber wir wissen auch, was seine geographisch gefährdete Lage von jedem Deutschen verlangt: nämlich mit Mut, Gut und Blut jederzeit zu seiner Verteidigung bereit zu sein.

Ich nenne es das dem Deutschtum immanente Wunder, daß es sich durch alle unzähligen Stürme, Gewitter und Erdbeben der Jahrhunderte erhalten und in seiner Kraft immer wiedergeboren hat.

Nicht nur Kriege, sondern auch das friedliche Einströmen von West, Ost, Nord und Süd brachte seinem Bestande Gefahr. »Colloquia et dictionariolum septem linguarum« – »Redensarten und Wörterbuch in sieben Sprachen« – heißt ein Büchlein, das um 1600 für Reisen durch Deutschland empfohlen wurde!

Eines der letzten Weltgewitter, das über Deutschland verwüstend gekommen ist, sind die Napoleonischen Kriegszüge. Sie erweckten die Freiheitsbewegung und die Freiheitskriege, die von der deutschen Jugend erzwungen wurden. Und wiederum: diese Not und diese Kriege haben den Grund für das zweite und dritte Reich gelegt. Und wer sieht nicht, wie die furchtbaren Kämpfe des Weltkrieges von der Kraft unseres Volkes bestanden und in ihren Folgen überwunden worden sind?

Genug von dem, worüber man doch nur unzulänglich sprechen kann, weil es zu allumfassend ist, als daß es, wessen Verstand auch immer, bewältigen könnte. Wir können nur den Glauben an das deutsche Wesen, an den Vogel Phönix hineintragen! Den Glauben freilich ohne Willen gibt es nicht, aber ebensowenig den Willen ohne Glauben.

Ihr Männer und Frauen deutscher Zunge, die ich nicht sehe, nicht höre, obgleich ich mit ihnen verbunden bin – ihr seid selber eines, vielleicht das wichtigste Kapitel des deutschen Schicksals und Deutschen Buches! Ich ersehne den Geschichtsschreiber, ersehne den Dichter, der dieses nicht an Grenzen gebundene Deutschland darzustellen und zu glorifizieren berufen ist. Es dürfte kein zimperlicher Moralist oder etwas dergleichen sein – so wenig es die Pioniere gewesen sind, die in leichten Barken den Ozean überschritten haben, todesmutig und muskelhart. Sie waren getrieben von etwas – von was? Nein: die Goldgier allein war es nicht, ebensowenig nur die Flucht vor der Not, ebensowenig die Illusion allein wie bei Kolumbus, der das Paradies und seine Ströme finden wollte. Nein, da war überall zugleich ein beinahe unbewußter kategorischer Imperativ. Es wurde nach einem Befehl gehandelt, dessen Ursprung im Irdischen nicht zu finden ist.

Schwestern und Brüder in aller Welt! Ich sage euch in doppeltem Sinne: Lebt wohl! Das ist mein immer lebendiger Wunsch an alle meine Mitmenschen und soll hier zugleich ein Abschied sein. Ich bin heut fünfundsiebzig Jahre, und wir werden uns kaum noch wieder sprechen. Lebt wohl!

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