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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 51
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Kunst ist Religion

Ansprache bei der Geburtstagsfeier in der Berliner Messehalle am 14. November 1932.

Wie sollte ich anders als tief bewegt vor Ihnen stehen, anders als tief bewegt Worte des Dankes suchen angesichts einer so allgemeinen und herzlichen Kundgebung, deren Ausmaß über alles Verdienst reichen würde, sofern es nicht von Pulsen des Herzens getragen wäre. Dem Herzen aber kann man nichts vorschreiben. Weder kann man ihm etwas vorschreiben, noch geizt es mit sich oder rechnet mit sich nach genauen Maßstäben, durch die ein kalter Verstand Verdienst und Verdienste registriert.

Soll von Verdienst und Verdiensten die Rede sein, so hätte man wohl das stille Verdienst, das schweigende, das verborgene, das unbelohnte am höchsten zu schätzen. Es ist in der Tat das wahre, das große Kapital, das die menschliche Gemeinschaft trotz allem und allem besitzt. Es liegt in seinem Wesen, wie gesagt, daß von ihm am wenigsten, leider sogar viel zu wenig, die Rede ist, denn sein Besitz, eine unbestreitbare Realität, könnte uns vielerorts beruhigen und in Augenblicken trösten, die hoffnungslos erscheinen, wenn wir vergessen, daß es vorhanden ist.

Wenn ich wüßte wie es zu machen wäre, würde ich die große Woge von Sympathie, die mich überflutet, auf das schweigende Verdienst innerhalb aller Stände ablenken. Ich tue es, aber eben leider nur, soweit es durch Worte möglich ist. Was mich betrifft, so hat sich mein Geist seit fünfzig Jahren in einer bestimmten Richtung ausgewirkt: das ist aus innerem Zwange geschehen. Ich vermöchte nicht einmal zu sagen, welche Beweggründe mir dabei bewußt geworden sind. Der dramatische Ausdruck meines Wesens war mir beinahe physiologische Notwendigkeit: ich mußte ihm nachgeben, hätte ihm nachgeben müssen, wenn er auch nicht mit dem geistigen Lebensgefühl, mit dem höheren Leben selbst, ein und dasselbe gewesen wäre. So, und nur im dramatischen Ausdruck, begriff ich das rätselhafte Schicksal der Menschenwelt. Mein Beginnen, mein Tun, mein Müssen hatte äußere Folgen, die mir keineswegs eitel Freude, sondern auch Haß und Feindschaft eintrugen. Gern hätte ich, da ich wohl eigentlich ohne Ehrgeiz bin, Ursachen, an denen sich solche Feindschaft wahrscheinlich entzündete, hinweggeräumt. Aber es gab keinen Weg dazu. Ich würde wahrscheinlich, auch ohne irgendeinen Kontakt mit der Öffentlichkeit, meine Dramen und meine übrigen Bücher geschrieben haben, wenn auch allerdings der Anteil meiner Mitmenschen an meinem Werk und ihr teilnahmsvolles Wünschen und Warten im Wege seiner Entwicklung es, wie Regen und Sonne das Wachstum der Felder, gefördert hat. Bei alledem sehe ich noch heut kein Verdienst. Kein noch so genauer, noch so redlicher, noch so forschender Rückblick deckt es mir auf. Irgendwie aber ein gnädiges Schicksal, dem ich eine gewisse innere Harmonie des Auslebens verdanke und darüber hinaus für das Geschenk eines Lebens zu Dank verpflichtet bin.

Ich würde denken, es wäre gut, wenn wir für einen Augenblick das Persönliche ganz auflösten und uns ausschließlich der letzten inneren Absicht bewußt würden, die uns vereint. Wir wollen das ehren, was im Ganzen der menschlichen Kultur eine immer wachsende Bedeutung sich errungen hat, nämlich die Kunst, die ohne ihre tief humane Wesenheit nicht zu denken ist. Gewiß, sie ist unendlich vielfältig. Frivole und frivolste Zweige mit giftigen Früchten haben Verbindung mit dem gewaltigen Baum. Die großen aber, die wesenhaften Emanationen der Kunst enthalten in sich etwas wie einen ethischen Kern, der an Reinheit den Wassertropfen, an Härte den Diamanten übertrifft und dessen Strahlungen in übermenschliche, außerirdische Gebiete hineinreichen. Oder wären Bachs Musik, Dantes »Göttliche Komödie«, die plastische Kunst Michelangelos und Goethes »Faust« nicht, ich möchte sagen, von diesem Urlicht erhellt und nicht durch und durch Religion?

Also: »Kunst ist Religion.« Das habe ich oft einer meiner Gestalten, der des Michael Kramer, nachgesprochen. Manche stießen und stoßen sich daran. Sie werden weniger Anlaß finden, sofern ich dies Wort dahin abändere: Meine Kunst ist meine Religion! Und in diesem irgendwie religiösen Bereich fühle ich mich mit Ihnen verbunden. Es ist, nämlich dieses Bereich, wesentlich nichts weiter als ein tief humanes, tief verbindendes Fluidum, in dem man atmet. Es ist nicht das, was diesem oder jenem Menschen angehört, sondern was zwischen ihnen liegt und ihre Seelen bis zur Einheit verbindet. Es ist jenes soziale Element, ohne das wir geistig zu sein und zu atmen nicht fähig sind.

Mehr zu sagen bin ich ohnmächtig. Könnte ich jedem unter Ihnen die Hand drücken! Aber auch hierin ist der Wunsch, in Ohnmacht untergehend, mein bestes Teil. Dennoch, wenn auch ohne Bewußtsein eigenen Verdienstes, muß ich mit einem Geständnis enden, das vielleicht unlogisch, aber um so menschlicher ist: Ich empfinde einen hohen Stolz auf die mir von Ihnen erwiesenen Ehren. Ich mache den Schluß von Ihnen auf mich und genieße so die höchste Freude, den höchsten Stolz, den jemand empfinden kann: denn was könnte es Erstrebenswerteres geben, als sich in der Achtung und Liebe seiner Mitmenschen befestigt zu wissen!

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