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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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In der Concordia zu Wien

Rede, gehalten in der Concordia zu Wien am 18. November 1912.

Ich stehe vor Ihnen in einer Beschämung, die es mir schwer macht, meinen Dank in Worte zu fassen. Sie sind zusammengetreten, um mich zu meinem fünfzigsten Geburtstag willkommen zu heißen, nachdem ich in dieser schönen Stadt oft willkommen gewesen bin. Den Jahren nach älter, als ich war, kam ich zuerst hierher, um die Weihe des Hauses zu empfangen, das gleichsam die Kaaba der Dramatiker ist. Damals schon empfand ich die eigentümliche Wärme des Lebens in dieser Stadt und ihre gleichsam festliche Luft. Ich kam und komme aus einem Lande, dessen Lebensformen kühlere sind, dessen Klima den Künstlern nicht immer ganz so günstig ist, daß sie nicht zeitweise wärmere Gegenden aufsuchen sollten oder daß etwa ein fernher dringender erwärmender Strahl unwillkommen sein sollte.

Es war ein solcher Strahl, und er kam von Wien, der mich aus einer Klammer von Eis löste, als mich die Nachricht traf, daß man mich des Preises für würdig hielt, der den Namen von Österreichs größtem Dichter trägt. Damals hatte ich gerade mit »Florian Geyer« vergeblich an die alte deutsche Volksseele appelliert. Diese Tatsache, verbunden mit anderen ebenso schmerzlichen, hatte mich bitter deprimiert, ja krank gemacht, und ich vermochte das Gift der Hoffnungslosigkeit, das mir ins Blut gedrungen war, nicht zu überwinden.

Niemals ist also ein Preis, eine Anerkennung so zur rechten Stunde gekommen wie damals mir der Grillparzer-Preis, den ich seitdem noch zweimal, und ich sage mit Stolz, im ganzen dreimal erhalten habe und der unlöslich mit meinem inneren Schicksal verwachsen ist. Der Dichter, der sich vom Streit der Meinungen umbrandet sieht, braucht von Zeit zu Zeit eine reine und runde Bestätigung. Man vergesse nicht, daß wir, in der breitesten Öffentlichkeit aufgestellt, lebenslang eine Art Freiwild bleiben. Erstlich gilt, und mit einem gewissen Recht, schon der Versuch, ein Kunstwerk zu schaffen, als Anmaßung. Die Verehrung des Großen aus der Vergangenheit blendet zuweilen das Auge, ja macht es für alles Neue kurzsichtig, besonders wenn das Neue im Werden ist. Niemals wurden über den zarten Keimen echter Kunst in rauhen Klimaten Glashäuser aufgerichtet. Aber auch starke Gewächse sieht man, besonders wenn sie neuartig sind, mitunter als unberechtigte Eindringlinge an und sucht die Gärten davon zu säubern. Man nenne mir einen Künstler, der zeit seines Lebens über das Mißtrauen seiner Mitmenschen völlig Sieger geworden ist, ja auch nur gegen das eigene Mißtrauen! Deshalb ist der Beruf des Dichters, und vor allem des dramatischen Dichters, wie ich aus eigener schwerer Erfahrung sagen kann, kein leichter Beruf, und deshalb war die Bestätigung, die ich in jeder Beziehung von Wien erfuhr, für mich eine so überaus segensreiche und wichtige.

Verehrte Herren! Illustre Versammlung! Sie haben mir zu meinem fünfzigsten Jahre die gleiche Wärme und Herzlichkeit bewahrt, die mir schon vor Jahrzehnten so nötig war, so heilsam und wohltätig mir entgegenschlug. Ihr Anteil an meinem Wirken und meiner Eigenart duldet keinen Verdacht. Im übrigen lassen wir alles beiseite, was auch nur im allergeringsten problematisch ist, und wenden uns dem zu, was sicher ist. Sicher ist, daß wir uns in der gleichen Liebe zur Kunst, in der gleichen Humanität zusammengefunden haben. Sicher ist, daß Sie diese Humanität meinem Wirken zugestehen, und sicher ist, daß mein Wirken von dieser Humanität durchdrungen ist. Somit, da ich eher alles andere als ein Redner bin, beschließe ich diesen meinen, ich möchte sagen, natürlichen und organischen Dank, indem ich ganz einfach meine reichen, natürlichen und organischen Beziehungen zu Ihnen und Wien nochmals herzlich betone. Ich erhebe mein Glas und leere es auf die Kunststadt Wien, die Stadt der dramatischen Kunst, die Stadt der Musik, die Stadt der Wissenschaften, die deutsche Stadt, die unvergleichliche Perle in der Krone Österreichs – und ich trinke auf die Stadt der Humanität und der Concordia, ja der Concordia als aller kulturellen Kräfte Pflegerin, auf die Concordia, die ich gerade in diesem Augenblick von ganzem Herzen fühle.

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