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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 47
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Die Wilhelm-Meister-Schule

Rede, gehalten bei Gelegenheit der Inauguration der Wilhelm-Meister-Schule zu Frankfurt am Main am 26. August 1932.

Wort und Wesen der Erziehung ist wunderbar. Erziehung bedeutet mehr, als man gemeinhin annimmt. Die Gattung Homo sapiens ferus, und als Beispiel Kaspar Hauser, beweist es. Als Kaspar Hauser auftauchte, war er imbezill. Er war nicht etwa der Durchschnittsmensch, den wir überall antreffen, sondern viel eher ein Tier. Einer der Dozenten Ihrer Universität betrachtet seltsamerweise Kultur als ein selbständiges Wesen, das auf dem Menschen lebe. Wenn dieser Gedanke ein Element der Wahrheit in sich hat, sollte man dann nicht lieber sagen: auf dem Tier? Mensch ist Mensch. Verdient er diesen edlen Namen, so ist er ohne Kultur nicht zu denken. Sonst aber in der Tat: wenn man an Kaspar Hauser denkt, und was die Trennung von allen Kulturelementen der menschlichen Sozietät für ihn bedeutete – die Entwicklung vom Tiere zum Menschen blieb aus –, so könnte man immerhin Kultur als etwas von außen auf den werdenden Menschen Wirkendes ansprechen.

Die menschliche Gemeinschaft an sich erzieht. Ohne Unterricht gehabt zu haben, beherrscht das Kind von fünf Jahren wesentlich die Sprache. Und auf dieselbe ungezwungene Weise wächst es nach und nach in die meisten Gebiete der Kultur und vermag sich zu orientieren. Dieser Schule des sozialen Lebens gegenüber ist jede bewußte Erziehung bereits eine höhere. Sie bildet den höheren Menschen aus, der aber eines Tages seine bewußte Erziehung selbst in die Hand nehmen muß, will er im Menschentum Hohes erreichen.

Wir befinden uns heut – wer möchte es leugnen? – in einer Kulturkrise. Die Tatsache drängt sich gerade bei uns jedem auf, der Wesen und Wert der deutschen Kultur erkennt. Seltsamerweise wird diese Krisis zum Teil von einem elementaren Bildungstrieb der Jugend bewirkt, den wahrhaft zu befriedigen die heutigen Anstalten nicht ausreichen. Aus diesem Grunde vielleicht wird die Jugend zu ihrem Schaden in eine Opposition gegen das, was sie sehnlichst sucht, die Kultur, gedrängt, die sie damit ernstlich gefährdet.

Solche und andere Erwägungen haben auch zur Planung und Inauguration unserer Wilhelm-Meister-Schule geführt, die wir trotz aller Ungunst der Zeit in dieser ernsten Stunde mit allen Kräften unseres reinen Willens und unserer Hoffnung bedenken wollen. Was sie sein wird, ist ihr künftiger Wert, ihr jetziger das weithin leuchtende Beispiel, das sie sowohl durch ihre Gründung an sich als durch ihren Protektor im Geiste gibt.

In diesem Protektor Johann Wolfgang Goethe sind geradezu mustergültig jene beiden Eigenschaften vereinigt, die das deutsche Wesen ausmachen und die eine deutsche Erziehung pflegen soll: eine wurzelechte, ich möchte sagen, lutherische deutsche Wesenheit und daneben eine übernationale universelle Geistigkeit, von der aus die Wege des Verstehens zu allen Völkern und zu allen Gebieten der Wissenschaft, der Kunst, der Philosophie und Religion offen sind.

Die Sendung Deutschlands erklärt Keyserling als in seinem Universalismus, seiner Sachlichkeit, seinem Sinn für gerechten Ausgleich und seiner weitherzigen Toleranz beschlossen. Und wenn auch eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so bleibt es doch immer ein hoffnungweckendes Zeichen, wenn sich ihm ein bedeutender junger Schriftsteller hierin anschließen kann, der extrem nationalistischen Kreisen nahesteht. Was mich betrifft, so bin ich der Dritte im Bunde, dessen Mitglieder übrigens Millionen und aber Millionen ähnlicher Bekenner in Deutschland sind, eine Gemeinschaft, in die vor allem auch Goethe mitten hinein gehört.

»Wilhelm Meisters Wanderjahre« nennt Goethe das Buch, darin er jenen Erziehungsplan und jene Erziehungsprovinz entwickelt, deren Verwirklichung hier mit gläubigem Sinn angestrebt werden soll. Der Mensch wird in diesem Alterswerke wesentlich als Wanderer aufgefaßt, was ja dem Wesen des Lebens durchaus entspricht. So ist auch die Schule nur eine Station, ein Landschaftsgebiet und ein Seelengebiet, das der Jüngling durchläuft und hinter sich läßt, und zwar für jede Wanderung tüchtig gemacht. Bei Goethe sowohl für die Binnenwanderung innerhalb unserer Landesgrenzen und ebenso für die weitere darüber hinaus, sei es im Gebiete der ganzen bewohnten und unbewohnten Erde. Möge jeder Schüler, der diese Schule verläßt, gleichsam mit dem symbolischen Ringe Nathans des Weisen beschenkt sein, der nach seinem Dichter Lessing die Kraft hatte, den, der ihn trug, vor Gott und Menschen angenehm zu machen: und tüchtig, setzen wir hinzu.

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