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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 46
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Sonne, Luft und Haus für Alle!

Festansprache zur Eröffnung der Berliner Sommerschau für Anbauhaus, Kleingarten und Wochenende am 14.Mai 1932.

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
ich muß es anders übersetzen,
wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn!
Bedenke wohl die erste Zeile,
daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch auch indem ich dieses niederschreibe,
schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! auf einmal seh' ich Rat
und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Diese Ausstellung, vom ersten geistigen Keim bis zu ihrer Vollendung, wie sie um uns vor Augen steht, ist durch und durch Tat. Sie ist das gesündeste aller Gebilde, eines, in dem, wie in allen wahren Gebilden der Natur, Körper und Geist unlöslich verbunden sind. Man hätte können inmitten dieses schön vollendeten Werkes in Erz oder Stein eine riesige menschliche Hand aufstellen, weil nur solche Werke wahre Realität haben, in denen menschlicher Intellekt durch die menschliche Hand wirksam geworden ist. Erst dann wird die Menschheit sich selbst voll gewürdigt haben, wenn die Hand aus dem Stande der Verachtung in den höchsten Adelsstand erhoben sein wird. Diese Standeserhöhung hat sie bei mir schon seit Jahren durchgesetzt: ich prägte den Ausdruck »die denkende Hand«, und ebendiese denkende Hand sprach ich bei mir selbst sozusagen heilig.

Welches allgemeine Ringen um soziale Fragen, soziale Ziele augenblicklich auf der ganzen, beinahe klein gewordenen Erde im Gange ist, darf ich in den kurzen Minuten meiner Ansprache nicht in Betracht ziehen. Die Gründer und Gestalter dieser uns umgebenden neuen Schöpfung haben beispielhaft gezeigt, wie man auch ohne das, und zwar durch die schlichte Tat, zu einem echten Ziele gelangen kann. Wir können nicht warten, bis sich der unendliche Kampf entschieden hat, bevor wir daran gehen, Gutes zu verwirklichen. – Der gesprochene und geschriebene Wortstreit, diese ungeheure Spiegelfechterei, mag er fort- und forttoben, denn verlaufen wird er sich noch lange nicht, wenn nur die Hand, die den Spaten, den Hobel und die Maurerkelle führt, sich dadurch nicht beirren läßt!

Es hat Menschenfreunde gegeben, philanthropische Naturen, zu einer Zeit, wo den herrschenden Gewalten jeder Menschenfreund und jeder Philanthrop verdächtig war. Große Geister dieser Art haben Verfolgung, Kerker, ja Tod auf sich nehmen müssen. Heute ist es Gott sei Dank nicht mehr so: überall, trotz Ungunst der Zeit, oder gerade wegen Ungunst der Zeit, sehen wir humanitäre Werktätigkeit. Dabei war es vielleicht üblicher, als einzelner für die Gesamtheit zu wirken, eine Gesamtheit, in welcher der einzelne leicht zur Nummer wird, als umgekehrt: durch die Gesamtheit für den einzelnen, wie es zum Beispiel hier geschehen ist, wo man dafür wirkt, daß dem einzelnen sein Recht auf Persönlichkeit zugestanden und erhalten werde.

Wir können nicht warten auf das tausendjährige Gottesreich, das aus der Erde ein Paradies zu machen verspricht: die uns damit vertrösten, wissen von den schlichten Quellen der Freude, die uns überall fließen, nichts. Wir sind Menschen, freilich, und tragen das nicht immer leichte Menschenlos, aber wir sollen um so mehr von denjenigen Freudequellen Gebrauch machen, die schon heut bei einigem guten Willen allen gemeinsam sein können. Und diese Ausstellung will sie aufzeigen. Sie will jedem sein Teil von diesem köstlichen Gesundbrunnen des Daseins zuweisen und zuleiten. Sie will das Bereich des unersättlichen Maschinenzeitalters mit seinem geisttötenden Menschenverbrauch einschränken und ein Reservat sichern, in dem der Mensch seinen Geist befreien, seine Seele erheben und in der alten Verbindung mit der Natur sich selbst wiedergewinnen, sich seiner höheren Bestimmung bewußt werden kann. Die Technik wird endlich ihren wahren Auftrag ausführen, wenn sie dieser höchsten unter ihren Aufgaben dient.

Aufbauen und nicht zerstören: ein Hauptgebot für den einzelnen sowohl als für die Gemeinschaft. Was der einzelne aufbaut, genießt die Gemeinschaft, was diese aufbaut, der einzelne. Wir strafen ein Kind, das eine Kaffeetasse zerbricht, wir sollten es zugleich lehren, wie Kaffeetassen gemacht werden. Es ist kein besonderer Vorzug von uns Deutschen, daß wir so viel in Abstraktionen bauen, das heißt in Begriffen, das heißt in Worten: wo wir das Einfache, Nächste verwirklichen sollten, dort führen wir unendlich komplizierte Geistesgerüste auf in hundertfacher Vergrößerung, und bevor wir die Hand an das Einfache legen können, kostet das Wegräumen des Gerüstes, wenn es überhaupt gelingt, unendlich viel Zeit.

Aber das Deutschtum hat eine andere Seite, die Gott sei Dank immer mehr Raum gewinnt und zutage tritt, wie zum Beispiel in dieser Schau »Sonne, Luft und Haus für alle!«, die aus wenigen Grundgedanken Großes entwickelt.

Wer die Einführungsworte liest, die das kleine gelbgrüne Ausstellungsheftchen enthält, das jedem in die Hand gegeben wird, findet sich von einem Geist sachlicher Herzlichkeit und herzlicher Sachlichkeit auf das angenehmste berührt. Wahrhaft humanitäres Streben bringt sich auf die einfachsten Formeln, und mit voller, herzlicher Überzeugung wird man überall einstimmen. Die Schwere der Zeit wird anerkannt, aber es wird von stillen und besonderen Energien gesprochen, die überall am Werke seien, wie sie hier das Gute, Besondere geschaffen haben und für das Allgemeine den Weg weisen. Rückkehr zum menschenwürdigen Dasein in Sonne, Luft und Haus ist hier das Ziel. Es heißt für den einzelnen ebenso Rückkehr zur eigenen Persönlichkeit, das heißt zu sich selbst, das heißt zu seiner inneren Erneuerung, das heißt zu seinem inneren Frieden und überhaupt seinem Menschentum. Das alles, in ein altes Schlagwort zusammengefaßt, heißt: Rückkehr zur Natur.

Diese imponierende Tat der Humanität, deren Ausdruck ringsumher für sich selber spricht, ist bei aller ihrer äußeren und inneren Schönheit beispielhaft: statt frostiger Lehren gibt sie schöne und verlockende Vorbilder. Das Wort Fortschritt ist vom Fuß abgeleitet, das Wort Handeln von der Hand. Wie man fortschreitet aus dem Dunklen ins Helle, aus dem Kellergelaß ins Sonnenlicht, aus der stickigen Luft in reine Luft, aus Geistesstumpfheit und Geistesverdrossenheit zur Geistesheiterkeit, wird hier gelehrt, und wie man, um alles dieses in Besitz nehmen zu können, sicher und erfolgreich handelt. Hier ist nirgends etwas zu spüren von der so billigen und gefährlichen Flucht in die Abstraktion, die man vielleicht mit einem derben deutschen Wort Wortklauberei nennen kann. Es ist nämlich »Flucht in die Abstraktion« ein Begriff, den ich bei Arthur Schnitzler gefunden habe und der mich unmittelbar getroffen hat. Diese Ausstellung ist das Gegenteil, nämlich: Flucht aus der Wortklauberei, aus der Abstraktion in das unmittelbare lebendige Wirken.

Heute, in der Jugend des Jahres, wo der ewig junge, im Grunde uralte Menschheitsgedanke »Sonne, Luft, Haus für alle!« inmitten einer der größten, intelligentesten und humansten Städte des Erdballs, der Weltstadt Berlin, seine Auferstehung feiert, ist es mir die größte Freude, unter Ihnen zu sein. Wir stehen im Mai, der für uns die Jugendzeit des Jahreskreislaufs ist. Fassen wir es als ein Symbol, wenn sich an die Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter scheinbar unvermittelt wieder der Frühling schließt, und ergreifen wir, jung und alt, diese Jahresjugend! Der gute Gedanke macht jung, die gute Tat macht jung, die Tat der Menschenliebe macht jung, das Wirken für eine große humanitäre Idee, die aber Einfachheit nicht verleugnen darf, macht jung, und so bin ich heute jung, in diesem Augenblick, wo alle diese Bedingungen irgendwie erfüllt scheinen und wo vor allem die Jugend selbst gegenwärtig ist, ohne die sich kein Alter verjüngen kann.

Und fühlen wir nicht, jung und alt, diese begnadete Jahreszeit der Wiedergeburt? Hat nicht auch das Werden und Gewordensein des Werkes um uns gleichen Schritt mit dem Frühling gehalten, mit dem Keimen, Drängen, Quellen, Wachsen und Werden in der Natur? Ist es nicht wie dieses vom Stande der Sonne geweckt worden?

Warum werden wir denn so traurig, wenn der politische Geistestümpel Europas um uns seine trüben und sterilen Wellen schlägt, und warum so froh und heiter, wenn wir auch nur eine Sommerlaube, so gut wir es vermögen, im Grünen aufbauen, geschweige hier, wo die freie Gemeinschaft denkender Köpfe, schlagender Herzen und fleißiger Hände ein verlockend greifbares Werk der Kultur geschaffen hat?!

Mag jeder die Frage selber beantworten.

Hut ab also vor Ihren Architekten, Ingenieuren und Handwerkern, die in not- und drangvoller Zeit das umgebende Werk geschaffen, und vor denen, die es geplant, organisiert und überhaupt möglich gemacht haben.

Mit dem Rufe »Sonne, Luft, Haus für alle!« schließe ich.

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