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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 38
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Gruß an die Berliner Künstler

Rede, gehalten im Künstler-Verein Berlin am 26. Juli 1931.

Länger als ein Jahrzehnt ist es her, daß ich in einer Kunstgenossenschaft wie der Ihren zu Gaste war. Und die Erinnerung an jenen gastlichen Abend erwärmt mir noch heute das Herz. Heute wird sie gleichsam zur neuen Wirklichkeit, diese Erinnerung, und ich danke das Ihrer Güte.

Ein Abend im Gildehaus unter Malern und Bildhauern hat eine ganz besondere Aura für mich. Ich habe nämlich mein höheres Leben als Bildhauer angefangen, und eine Umgebung wie die, in der ich augenblicklich rede, versetzt mich in das schönste und reichste Werden meiner Jugend zurück.

Erst einem bildhauerischen Größenwahn folgte mein dichterischer Größenwahn, und die schwersten meiner Jugendkrisen hängen zusammen mit der bildenden Kunst und der Breslauer Kunstschule, aber auch alles ahndevoll Beglückende naher, hoher Kunstschönheit, dem ich entgegenging.

Meine ersten echten, eigensten Freunde sind junge Maler gewesen. Wir lebten glücklich mit dreißig Mark und einigen Hungerkuren monatlich. Unsere Kleider und Uhren waren meistens beim Pfandleiher. Der Rock, die Weste, die Hose, die wir übrigbehielten, hatten schließlich eine Patina unerwünschter Art, die mit der einer schönen Bronze nicht zu vergleichen ist. Dafür standen wir aber auf du und du mit den Fürsten der Kunst, mit Raffael und Michelangelo. Und es erregte keine Verwunderung unter uns Freunden, wenn der eine in sein Notizbuch schrieb: »Aus dem ganzen Gebirge von Carrara will ich ein Monument meiner Größe meißeln.«

Ja, das war eine göttliche Zeit.

Haben wir damals ein Leben törichter Illusionen geführt? Ja und nein! Jedenfalls war es ein gläubiges, bis zur Ekstase glückliches, manchmal überglückliches Leben. Und selbst die bloße Erinnerung bringt uns seltsamerweise goldene Strahlungen dieses in äußerster Dürftigkeit blühenden Glückes, sehnsuchterweckende Hauche – wie verlorener Paradiese – zurück.

Ich war in Rom, wohin es mich zog. Die Ewige Stadt hatte damals noch für deutsche Kunstmotten, die selbst auf die Gefahr hin, zu verbrennen, dem Lichte der Schönheit verfallen waren, ihre unwiderstehliche Anziehungskraft. Hier lernte ich Kunst und Künstler tiefer kennen; der Kampf um das Können wurde bitter ernst. Was auf mich einstürmte, war fast zuviel für mich, und zu bewältigen, was ich erzwingen wollte, aussichtsloses Beginnen; es führte mich zum Zusammenbruch.

In den Erfahrungen und Kämpfen von damals liegt alles beschlossen, was ich als mein innerliches Leben bezeichnen möchte.

Der Bildhauer war für immer dahin. Trotzdem, sollte ich etwa nochmals zur Welt kommen, so fange ich wieder als Bildhauer an, und diesmal werde ich's besser anstellen.

Manche verzweifeln und sehen den nahen Untergang der Kunst. Nicht verzweifelt, gewiß nicht, die bildende Kraft, die im Menschen ist. Vergehen wird freilich niemals aufhören; aber auch das künstlerische Werden nicht. Bildersturm kehrt allerdings periodisch wieder. Darnach aber schießt der Bildnertrieb für gewöhnlich um so mehr ins Kraut.

Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft. Ich würde glauben, wenn ich vor einem Spiegel stünde, daß ich das Aussehen eines Jünglings von neunzehn Jahren haben müßte. Denn ich komme mir vor wie im großen Saal des Palazzo Poli im Künstlerverein zu Rom, wenn ich meiner Phantasie nur ein wenig den Lauf lasse. An eine Wand des Palastes sind der Dreizackmann und die ganze Fontana Trevi angelehnt. Zu Weihnachten standen die hohen Fenster offen; Wasserstaub und Rauschen der Wassermassen drangen herein und die unvergeßliche Größe der Ewigen Stadt. Mag sein, daß ich in bezug auf Alter und Ort im Irrtum bin – dann danke ich Ihnen jedenfalls auf Augenblicke die Jugend. Und das, wahrhaftig, ist genug!

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