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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 33
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Generationen

Rede, gehalten im Großen Konzerthaussaal vor dem PEN-Club zu Wien am 28. November 1929.

Am zwanzigsten Oktober dieses Jahres waren rund vier Jahrzehnte vergangen seit dem Tage, als ich mit meinem ersten Drama »Vor Sonnenaufgang«, dessen großer Pate Leo Tolstoi war, zum erstenmal die weltbedeutenden Bretter betrat. Es war in Berlin. Das Ereignis bleibt für die Theatergeschichte und jedenfalls für mich denkwürdig. Es begann damals für mich ein langer und dornenvoller Weg, der heute hinter mir liegt. Ist aber keine Rose ohne Dorn, so waren für mich die Dornen, durch die ich mich manchmal, arg zerschunden, hindurchzuwinden hatte, nicht ohne Rosen. Unter den frühesten aber und schönsten meiner Laufbahn sind die gewesen, die Ihre Stadt Wien mir schenkte und zum Blühen brachte. Alle wissen das, denen das Leben, das viel wichtigere und reichere Eigenleben, eine Minute übrigließ, um sich mit meinem Geschick zu beschäftigen.

»Aber was ist gestern?« hat Goethe in seinem Alter mit Achselzucken gefragt. Er dachte dabei nicht an das, was uns von ihm, sondern an das, was ihm von sich selbst übrigblieb, oder besser, was ihm von gestern, von der Summe seines ganzen Lebens und Wirkens übrigblieb. Das war eben nichts andres, als was er nach wie vor in sich darstellte, ohne die Fülle und Summe seiner Werke, mit denen er sich ausverschenkt und verschwendet hatte. Immerhin ist dies fatalistische »Was ist gestern?« Ausdruck einer augenblicklichen Depression, und er hätte in einem andern, einem in Heiterkeit erkennenden Augenblick ganz wohl behaupten können: »Das Ewig-Gestrige zieht uns hinan«, und würde damit eine Wahrheit ausgesprochen haben, deren überwältigender Beweis er selber ist.

Ich würde nicht hier stehen, würde diese Gegenwart nicht, wie ich sie genieße, genießen können ohne meine Vergangenheit, würde nicht fähig sein, sie, wie jetzt, als eine Art Wunder zu genießen. Noch immer, nach vierzig Jahren schicksalsmäßiger Geistigkeit, darf ich aufrecht meinen Weg schreiten, gelangte ich hierher, nach dem im Geist und im Herzen immer blühenden Wien, werde von Ihnen willkommen geheißen, erfahre mit dem ganzen Inhalt meiner Vergangenheit und Gegenwart Ihre Gastfreundschaft. Jede Gegenwart trägt die Vergangenheit, und ohne meine Vergangenheit wäre dieser rätselvolle und große Augenblick, dieser festliche Augenblick nicht lebendig geworden.

Erscheine ich jemand unverständlich? Der möge versuchen, die Gedankenlosigkeit abzuschütteln, mit der wir gemeinhin dem Leben gegenüberstehen. Er möge sich in die Seele eines Menschen hineindenken, den das Staunen und Befremden des Kindes den Ereignissen und Erscheinungen des Lebens gegenüber trotz seines hohen Alters nicht verlassen hat. So mag einem Manne zumute sein, den als Kind Schwindel ergriff, wenn er auf einer Wagendeichsel balancieren sollte, wenn er im Alter rückblickend sich gesteht, daß er zahllose Marktplätze, Flüsse und Abgründe, ohne zu stürzen, auf dem Turmseil überschritten hat. Das bloße Noch-da-Sein ist ihm das Wunder.

In einer Betrachtung wie dieser hat das Goethesche Achselzucken »Was ist gestern?« nicht sein Geltungsbereich. Vielmehr darf man wiederholend ergänzen: Das Ewig-Gestrige trägt, zieht, hebt uns hinan. Wir sind nicht einen Weg durch eine ewig gleiche Umgebung gegangen, wenigstens dürfen wir das nicht annehmen. Es wäre ein überflüssiger, ein sinnloser Weg. Daß wir ihn gingen, hat jedoch einen Sinn gehabt. Es hat nicht nur den Sinn der Erhaltung gehabt, sondern den einer Steigerung unseres Wesens zu einer gewissen Reife und Vollkommenheit. Wir sollten nach dem mitgeborenen Maß unseres Wesens uns erfüllen mit dem Gehalt der Welt. Wenn wir uns diesem Zustand nähern, so verstärkt sich in uns das Gefühl des Vollendetseins. Eine Art Ruhe zieht in uns ein, die zwar Gott sei Dank keine absolute ist, aber das allzu wilde Drängen der Wünsche, Leidenschaften und Schmerzen mäßigt und so einen im allgemeinen bequemen Zeitgenossen aus uns macht.

Nach alledem kann ich nicht zugeben, daß die Jugend, wie sie wohl gelegentlich meint, dem Harmonischgewordenen des Alters in jeder Beziehung überlegen sei. Ja, sie kann unmöglich ein echtes Wissen vom Alter haben, bevor sie selbst alt geworden ist. Aber wir Alten sind jung gewesen. Wir sehen unsre eigne Jugend bewußt unter uns. Und so werden wir wohl über Jugend Bescheid wissen.

»Das Ewig-Gestrige zieht uns hinan.« Ich könnte dieses Wort sehr wohl auch auf die vergangene und gegenwärtige Jugend in mir anwenden. Alles Vergangene ist in mir, sowohl im Unterbewußten als auch im Bewußten, Gegenwart. Während aber die Prozesse im Unterbewußten ohne mein bewußtes Zutun vor sich gehen, meinem bewußten Willen entzogen sind, vermag ich die bewußte Jugend in mir aufzurufen und mich an ihr zu erfreuen. Man täuscht sich sehr oft über das wahre Alter eines Menschen, wenn man seine Jahre zusammenzählt und ihn nach seinem Aussehen beurteilt. Machte der jugendliche Körper allein die Jugend aus, wie wären dann manche junge Männer und manche junge Frauen so erdrückend und ertötend langweilig! Es ist ja im allgemeinen richtig, daß ein junger Körper schöner als ein alter ist. Aber nicht immer ist es richtig. Und zwischen zwei jugendlichen Körpern ist der geistig beseelte, anmutig bewegte dem jugendlich schöneren überlegen, der ohne solche Beseelung ist. Und darin liegt der Sinn jenes Satzes, der besagt: »Es ist der Geist, der sich den Körper baut ...«

Dieser durch nichts zu erschütternde Tatbestand darf uns jedoch nicht verführen, über Jugend von oben herab zu urteilen. Ein solches Verfahren gliche jedem andern beliebigen Akt der Überheblichkeit. Und da Überheblichkeit gleichbedeutend mit Dummheit ist, würden wir so weder der Jugend in andern noch in uns selbst gerecht werden. Wer Jugend nicht ehrt oder mit Geringschätzung von ihr spricht, ist tief zu bedauern, da er den Wert des Höchsten nicht kennt, was wir im wirklichen und übertragenen Sinne besitzen. Denn wir müssen uns klar darüber werden, daß Jugend im vollen Sinne nicht an Jahre gebunden ist. Jugend, das heißt der Begriff davon, ist zwar vom Morgen des menschlichen Lebenstages genommen, nicht aber ist für jeden, der ihn durchlebt, wahre Jugend damit verbunden. Es gibt Kinder, die alt geboren werden, und ich habe in meinem Leben verknöcherte Greise von zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, mehr als mir lieb ist, zurückgelassen. Wahre Jugend ist Freude an der eignen Körperlichkeit, Freude an der eignen Geistigkeit, sie ist Liebe als enge persönliche sowie als soziale Verbundenheit, ist frohes Bejahen von Natur, Welt und Gott und überall Hoffnung, Glaube, ja Zuversicht. Und das ist, wie gesagt, das Höchste, was wir besitzen.

Halte ich nichts von dem Alter, das mit Alter renommiert, so halte ich ebensowenig von Jugend, die mit Jugend renommiert. Ist es ein häßliches Schauspiel, wenn sich verknöchertes Alter gegen blühende Jugend kehrt, so ist es ebensowenig schön, wenn junge Jahre vergessen, daß sie Wunsch und Beruf haben, neue Jahre aus sich zu bilden, eine Kette, die nur im hohen Alter enden soll. Es ist heute und war auch früher vielfach üblich, das zu tun und das fortgeschrittene Alter mit moralischem Mord zu bedrohen. Aber der blinde junge Mensch, der sich dazu hinreißen läßt, sieht den Selbstmord nicht, den er vorbereitet, abgesehen davon, was sonst noch Lebenswichtiges, paradox zu reden, in das leider weite Gesichtsfeld seiner Blindheit fällt.

Obgleich man mit Rechenexempeln vieles beweist, so sind es nicht Rechenexempel, mit denen man Jugend oder Alter beweisen kann. Vielleicht ist der Leuchtturm auf einer Klippe hundert Jahre alt, aber mit einem starken, immer gleichen Licht versehen, das den Seefahrer sicher leitet, während ein andrer, neu gebaut, weniger Lichtkraft besitzt und vielleicht nach wenigen Jahren des Bestehens zusammenbricht. Es kann auch kommen, daß der unerfahrene Schiffer im hellen Tage seiner Jugend einen Leuchtturm nicht vermißt und seinen Wert überhaupt nicht kennt. Er wird ihn dereinst noch kennenlernen. Wenn aber die Nacht und die Stürme kommen, dann wird er auch das Wegblicken nicht mehr üben, das in Vollmondnächten vielleicht noch möglich ist. Was heißt überhaupt im Geistigen alt oder jung? Man mag meinetwegen den Ungeist alt nennen; das aber ist überhaupt kein Geist, mit dem nicht ewige Jugend verbunden ist.

Und alle wahren Geister menschlicher Inkarnation sind gleichaltrig. Oder wer sah an solchen Geistern je einen weißen Bart oder auch nur ein weißes Haar? Geister verraten keine Jahre, geknickte Beine und altersgekrümmte Rücken kennen sie nicht. Der Geist eines alten Mannes kann leuchtend wie eine Sonne sein und der Geist eines Jünglings die schwächste Nachtfunzel. Auch das Umgekehrte liegt im Bereich der Möglichkeit. Es geht nicht an, aus dem bloßen Alter und aus der bloßen Jugend Schlüsse zu ziehen, weil man so nur völlig Verfehltes folgern kann.

Übrigens ist ein Mensch, gleichviel wie alt, insofern er im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte lebt, mit jedem andern, gleichviel wie jung, der sich eines gesunden Daseins erfreut, in diesem Betracht gleichaltrig. Beide leben denselben Augenblick. Ob der eine glaubt, der andre stehe dem Tod näher als er, das ändert nichts an der Intensität des gemeinsamen Seins. Überdies gibt es für niemand, wer er sei, eine Garantie, daß er morgen noch lebe, so daß nicht einmal hierin Jugend dem Alter überlegen ist.

Man könnte erwidern, es handelt sich in dem möglichen schlechten Verhältnis der Jugend zum Alter und des Alters zur Jugend mehr um Kollisionen im Raum als um Geistigkeit. Eine alte Linde oder Eiche kann jungen Bäumchen im Wege sein oder kann sich von jungen Bäumchen bedroht fühlen. Dies sind allerdings Fälle, wo guter Rat teuer ist, und wir müssen sie leider hinnehmen, müssen sie hinnehmen, obgleich auf dem Gebiet der Geister, von dem wir handeln, solche Gedanken nur scheinbar begründet sind. Für die Entwicklung gewisser Einzelgänger der Geistigkeit ist immer und überall Platz gewesen.

Sorgen und Kümmernisse wie diese gehören jedenfalls nicht ins Gebiet reiner Geistigkeit, das sie, wo sie dennoch hineindringen, verunreinigen. Und indem ich nun auf unser besonderes Anliegen, nämlich die Kunst, übergehe, stelle ich ausdrücklich fest, daß nach meinen Begriffen echte Kunst ohne den Boden lauterer Geistigkeit undenkbar ist. Viele werden vieles dawider einwenden. Man wird künstlerische Objekte anführen in der bildenden und in der redenden Kunst, die meine Behauptungen zu widerlegen scheinen. Man gräbt aber, wo dieser Anschein sich zeigt, nur nicht tief genug. Nicht nur verwechselt man meistens Stoff und Geist, sondern das oberflächliche Sehen enthält auch nicht den Wahrheitsdrang und -zwang, der das Widerwärtige, Schmutzige zu verschleiern sich verbietet. Wohl gestaltet reiner Geist auch den platten Instinkt, wie er im nackten Kampf ums Dasein zum Ausdruck kommt: aber mit dieser Art einer derben Sinnlichkeit hat das intelligible Leben, das wir führen, nichts zu tun; ebensowenig die intelligible Welt, die wir noch immer mit Kant als eine sittliche ansprechen. Was wir also wohl durch den Geist gestalten können, nämlich platten Instinkt, das darf von sich aus den Geist nicht verunstalten.

Sieht jemand die Welt, wie sie wirklich ist, oder so, wie er meint, daß sie wirklich ist, mag er ein unwillkürliches Lächeln nicht zurückhalten. Der junge Draufgänger aber wird sich vielleicht veranlaßt sehen, mit einem zünftigen deutschen Wort zu antworten. Und schließlich wird der Gedanke ihm kommen: Aus welcher Versenkung steigst du wohl? Ich könnte darin keinen Vorwurf sehen. Erstlich habe ich die deutsche Sprache ebenfalls mehr auf der Straße als im Salon und im Klassenzimmer erlernt, so daß mir, was Derbheit anbelangt, selbst im Wortschatz Luthers nicht viel Neues begegnen kann. Und dann ist ja schließlich Geist nie und nirgend anderswoher als aus der Versenkung aufgestiegen. Und wenn man mich einen Gestrigen nennen würde, es stört mich nicht, etwa wenn man das Goethesche »Was ist gestern?« auf mich anwendete, geringschätzig auf mich anwendete.

Ich weiß sehr wohl, was jemand mit sieben, mit zwölf, mit sechzehn, mit zweiundzwanzig Jahren ist. Ich erkenne vollauf das Recht und den Anspruch dieser jungen Jahre. Aber sofern er an Bildung, an geistigem Wachstum fortschreitet, wächst er von Phase zu Phase mehr und mehr in das Ewig-Gestrige. Ein göttliches Aufblitzen mag es sein, wenn er plötzlich dem Wahn unterliegt, daß die ungeheuer alte Welt mit ihm erst beginnen will oder begonnen hat. Aber dann wird er unabwendbar geistig in die nicht erlebten Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrhunderttausende der Welt, nämlich in das Ewig-Gestrige hinabwachsen und wird zwar immer noch fühlen, wie einmalig köstlich sein kurzes, enges Dasein ist, aber, ins Ewig-Gestrige eingebettet, wie wenig neu und wie so sehr geringfügig.

Wo bin ich nun eigentlich hingeraten? Indem ich gewisse Fäden einer Spinne, die dem Geist ans Leben will, abzustreifen versuchte, habe ich mich, wie es scheint, nur tiefer in sie verwickelt. Es bleibt mir ein letzter Befreiungsversuch, und indem ich mich umblicke, diesen Saal wiederum überschaue, wo das volle, gedrängte Gegenwartsleben mich umwogt, darf mir diese Befreiung nicht schwer fallen.

Also: »Carpe diem!« – Genieße den Tag! genieße den Augenblick! Mit tiefer Freude spüre ich allbereits die überwältigende Wirkung dieser Zauberformel in mir. Hier ist wiederum Wien. Es weht mir die alte herzliche Wärme entgegen, die mehr als irgend etwas von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele, von Geist zu Geist die Verbindung schlägt. Getragen von dieser Welle der Sympathie, beuge ich mich in Dankbarkeit. Insonderheit wende ich mich an die große Gesellschaft der Freunde des Geistes, deren Mitglieder eine Gemeinsamkeit vieler Kulturnationen zum Ausdruck bringen, und danke dem PEN-Club für die Ehre dieser Feier, die er einem der Seinen bereitet. Möchte die Kraft dieser Gesellschaft stärker und erfolgreicher sein als die von früheren ähnlichen, und möge auch in ihr die Grundlage reiner Geistigkeit von den Verunreinigungen übler Instinkte freigehalten werden. Das wahre Reich des Geistes, in dem wir zu leben wünschen, ist klar, rein und grenzenlos. Und was an Behinderungen, Verdüsterungen, Gegnerschaften und Verkennungen in ihm ist, gehört nicht hinein und besteht aus Fremdkörpern.

Hiermit erreiche ich den Schlußstein meiner Unterhaltung mit Ihnen, aber nicht, wie es in alten Stammbüchern heißt, den Grenzstein meiner Dankbarkeit.

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