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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 24
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Mißverstehen und Verstehen im Geistigen

Rede, gehalten in der Niederländisch-Deutschen Vereinigung zu Amsterdam im Dezember 1922.

Gastfreundschaft ist der Sinn der Niederländisch-Deutschen Vereinigung: nicht materiell, sondern ideell genommen. Vertrauen und Neigung muß einer solchen Verbindung vorausgehen. Sie haben diese Tage veranstaltet als Willkommen für einen Repräsentanten deutscher Geistigkeit, und ich glaube, daß ich einige Eignung mitbringe für Wesen und Ziel der Gesellschaft, unter deren Protektorat ich bin.

Dann wäre ich der Ehre, die Sie mir erweisen, nicht ganz unwürdig, Vertrauen und Neigung brauchten keine Täuschung zu erleiden: und ich hoffe, daß es so ist. Ich selbst aber darf Sie versichern, daß ich diesem Kreise, diesem Lande volles Vertrauen und volle Neigung entgegenbringe.

Wenn man nicht das Gelingen oder Mißlingen meines Lebenswerkes in Erwägung ziehen will, sondern nach seiner letzten Absicht fragt, so darf ich antworten, daß ihm die Absicht, durch Verstehen zu versöhnen, zugrunde liegt. Das ist ein der tiefsten Absicht Ihres Kreises nah verwandter Zug. Materiell gesinnten Naturen erscheint er vielleicht wesentlich unpraktisch. Aber wer das Verstehen unterschätzen will, wird das Mißverstehen nicht unterschätzen: beruhen doch auf dem Mißverstehen die allerfurchtbarsten Übel der Welt.

Mißverstehen und Verstehen geschieht im Geistigen. Wenn also geistige Kreise verschiedener Völker sich in Vertrauen und Neigung einen, um einander im Geist zu verstehen, so ist diese Absicht durchaus nicht unpraktisch. Dies ist eine Selbstverständlichkeit. Rufen wir trotzdem einen Zeugen herbei: Haldane, der ein praktischer Engländer ist. »Idealistische Lebensarbeit« nennt er einen Vortrag, den er gehalten hat. »Weltherrschaft«, sagt er darin, »ist vornehmlich eine sittliche, eine moralische Eroberung.« Von den Mitteln der Gewaltherrschaft hält er dagegen nichts. »Sie arbeitet«, sagt er, »an ihrem eigenen Untergang.«

Verstehen wächst aus dem Mißverstehen hervor: Beweis genug, daß es das Höhere ist. Diese Wahrheit ist wenig bekannt, sie hat heutzutage nur wenige Anhänger. Um so mehr Anhänger hat die Gewalt.

Die Welt ist heute in zwei Lager gespalten. Das eine ist klein, seine Insassen aber sind friedlich und waffenlos. Das andere dagegen ist riesenhaft. Seine Abermillionen Bewohner starren von Waffen. Doch nein, vielleicht ist das Lager des Friedens noch zahlreicher, klein nur die Vertretung der Partei des Friedens in bewußter Geistigkeit. Ist nicht die Zahl der friedlich tätigen Hände Legion, und haben sie uns nicht alles, aber auch alles geschaffen, was das Leben überhaupt lebenswert gestaltet? Waren die größten Menschen, die je gelebt haben, nicht friedliche? War der Sakyamuni, war Jesus Christ nicht ein Friedefürst? Wehe, wenn durch den Sieg der Gewalt eines Tages die Erinnerung daran verlöschen müßte!

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, welchem Prinzip in diesem Kreise allein gehuldigt wird. Das Wehe, welches ich eben gerufen habe, steht vor der Gewalt und steht hinter ihr. Der Segen aber folgt aus dem Prinzip, das aus Vertrauen und Neigung Verstehen und Versöhnung hervorwachsen läßt. Versöhnung ist Einigung im Guten und verwirklicht schon damit ein ideales Ziel.

Übrigens ist es eine Merkwürdigkeit, daß sich die friedlichsten und die höchsten Güter eines Volkes, selbsttätig über die Grenzen flutend, anderen Völkern, ja der ganzen Welt mitteilen. Und die schenkenden Völker sind stolz, daß es geschieht. So gehört die Bibel, gehört Homer, gehört die niederländische Malerei, gehört die deutsche Musik der ganzen Welt – um nur wenige von den Gütern zu nennen, die der ganzen Kulturwelt gemeinsam sind.

Es ist überhaupt nicht wahr, daß ein anständiges Volk, das heißt ein Kulturvolk, der Pflichten gegen andere Völker entbunden ist. Es ist in derselben Lage und ebenso einzuschätzen wie ein Mensch, der keinen Gemeinsinn zeigt. Ein Mensch, der keinen Gemeinsinn zeigt, wird bekanntlich im Staate nicht geduldet, er wird seiner Bürgerrechte mit Recht beraubt. Deshalb: Nationalismus in Ehren, der ganz gewiß berechtigt ist, wie jedes Menschen Eigenart und Charakter berechtigt ist, aber er muß Gemeinsinn bewahren.

Lassen Sie mich Ihr Vaterland als ein Musterland des Gemeinsinns nach außen und innen ansprechen. Es war schon zu Ausgang des Mittelalters das freieste, toleranteste Land, und seine Wohlfahrtseinrichtungen erstanden bereits in einer Zeit, wo andere Länder von solchen noch keinen Begriff hatten.

Leider verstehe ich nicht Holländisch. Dennoch fühle ich mich dem holländischen Wesen in vieler Beziehung, verstehend, verwandt. Sei es nun – ich bin Schlesier –, daß meine Vorfahren Kolonisten auf dem Boden dieser slawisch-deutschen Grenzprovinz gewesen sind – solche wurden bekanntlich aus germanischen Ländern, auch aus Holland, dorthin verpflanzt –, gleichviel, ob ich einen holländischen Tropfen in mir habe oder einfach germanisches Blut: die Verwandtschaft ist da und nicht abzuleugnen. Ich habe dies aus der Lebensfreude, den Humoren, der Malerei Ihres Volkes herausgefühlt: und ihre Sprache, ich meine die Sprache der Malerei, ist es, die schon, als ich noch Kind war, von einer großen Bilderwand meines Vaterhauses herab deutlich und eindringlich zu mir gesprochen hat.

Es ist unmöglich für den Nichteinheimischen, von Rembrandt zu schweigen und dabei in Holland zu sein. Ich darf um so weniger von ihm schweigen, als er zu den größten, aus dem Nationalen in die allgemeine Menschheit übergetretenen Werten gehört und als ich an diesem Wert von Kind an teilhatte. Hauptsächlich Rembrandt-Kopien, aber auch solche nach Ostade, Teniers, Ruysdael und anderen schmückten in meinem Vaterhause die Bilderwand. Und es ist deshalb vielleicht kein Wunder, wenn ich Rembrandt-Schüler geworden bin.

Soll ich Eulen nach Athen tragen? Und doch möchte ich nicht verschweigen, was mir an Rembrandts Kunst das Adäquate ist: der unabirrbare hohe Respekt vor dem, was ist; daß hier Größe erreicht wird, ohne daß je das schlichteste Menschenmaß verlassen wird. Hier ist eine Kunst, der man ungestreckt und -gereckt, nur eben als Mensch, so universell erschließend sie ist, überall bis ins Letzte folgen kann. Sie hat darum im höchsten Sinne Stil, weil die Person des Künstlers – der Stil ist der Mensch –, freilich zu ewigem Leben, ganz in ihr untergegangen ist. Und sie hat das Geheimnis, Leben zu geben! Leben zu geben, daß man erschrickt und etwa, wie vor der »Kleinen Anatomie«, zu Tränen erschüttert wird. Es ist gleichgültig, daß man Ähnliches zu erreichen nicht hoffen kann, aber man wird danach ringen dürfen. Man sieht jedenfalls, zum Beispiel wieder in der »Kleinen Anatomie«, das Wunder als menschliche Möglichkeit. Man urteile, wie sich damit der Begriff der Kunst ins Göttliche weitet!

Gastfreundschaft, sagte ich zu Beginn, ist der Sinn der Niederländisch-Deutschen Vereinigung. Nicht materiell, sondern ideell genommen. Solche Gastfreundschaft genieße ich. Dafür habe ich meinen schuldigen Dank ehrerbietigst abzustatten. Aber ich darf die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne diesem gastfreundlichen Lande Holland im allgemeinen den Dank meines Vaterlandes, den Dank Deutschlands auszusprechen für das großzügige Liebeswerk, das insonderheit unsere mit Entbehrungen ringende Jugend zu genießen hatte und hat. »Geben ist seliger denn Nehmen«, heißt es in der Bibel, und so möge der Segen des Gebens auf den Geber, auf Holland, reichlich zurückfluten!

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