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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 23
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Der Weg zur Humanität

Aus der Rede, gehalten bei der Feier des 60. Geburtstages in der Universität Berlin am 15. November 1922.

Man kann an die Zukunft der deutschen Literatur nicht denken, ohne an Deutschlands Zukunft zu denken, und an diese wird man mit Sorge denken. Unser Vaterland steht im Zeichen einer Umbildung, deren rapides Tempo an den Ablauf eines Fiebers erinnert, und wir wissen nicht, welches Ende die gefährliche Krisis, zu der es hindrängt, nehmen wird. Wenn man in der Geschichte liest, so macht es allerdings den Eindruck, als ob Krisen im Völkerleben nicht die Ausnahmen, sondern die Regel seien. Oft genug scheint es, wenn äußere Krisen die inneren, innere Krisen immer wieder die äußeren ablösen, durchaus als Wunder, daß der Staat nicht zugrunde geht. Im Falle Roms ist er sogar trotzdem zu weltumspannender Herrschaft gelangt.

Einen solchen Weg freilich suchen wir nicht, denn dieser Weg ist ein Kreuzträgerweg, und für Sieger gleichwie für Besiegte, Herrscher und Beherrschte muß, zumal im Falle Roms, die Dornenkrone als Symbol gelten. Einen solchen Weg suchen wir nicht. Welchen anderen jedoch suchen wir? Es gibt keine Frage im Gegenwartsleben, die heftiger umstritten wird. Weg hin, Weg her! Das höchste Ziel winkt jedenfalls auf dem Wege der Humanität, und auf diesem sind ganz allein die Künste des Friedens Wegbahner. Wesentlich friedlich sind die Künste, die Wissenschaften, die Religion, und hier ist es, nämlich auf dem Wege der Humanität, wo das deutsche Schrifttum Gott sei Dank immer zu finden war und zu finden ist und zu finden sein wird in der Zukunft.

Wenn man über die Blätter des Buches der Geschichte von oben nach unten eine Mittellinie zieht und auf die geteilten Flächen links das Böse, rechts das Gute rubriziert, so werden unter anderem links die Kriege, rechts unter anderem Werke der Kunst, Erfindungen und Entdeckungen einzuzeichnen sein. Dem blutigen, dem unfruchtbaren Einerlei der linken Rubrik wird die unendliche Vielfalt, ein Füllhorn des Segens, der rechten Rubrik gegenüberstehen. Der ruchlosen Selbstzerfleischung der Menschheit gegenüber: ein Aufstieg von Wunder zu Wunder. Alles ist hier aus Liebe geboren, auch dort, wo immanenter Segen durch die Mächte der linken Rubrik zum Fluch umgebogen worden ist.

Diese rechte Rubrik, in der alle höchste Kraft der Menschheit beschlossen ist, fasse ich in ihrer Ganzheit als Gebiet der Humanität. Wer diese Rubrik wahrhaft zu lesen vermag und die übermenschliche Begnadung des Menschengeschlechts erkennt, die sie predigt, der wird sich allerdings auch gestehen, daß er ihrer noch nicht einmal inne-, geschweige würdig geworden ist. So ist es mit dem Dummstolz auf jene Erfindungen, die den Triumph des letzten Jahrhunderts bedeuten, nicht getan. Solche Göttergeschenke verpflichten. Diese ungeheuren übermenschlichen Mittel können uns nur zu einem göttlichen Zwecke verliehen sein.

Die Menschheit muß weiter, weiter empor, und wir Deutsche müssen weiter empor und vorangehen. Wir haben Lehrer, wir haben Führer in Gegenwart und Vergangenheit, deren Amt erst beginnen muß. Mit den lebendigen Toten in Reih und Glied sehe ich den wahren Ruhmesweg der künftigen deutschen Literatur, die schreiten wird mit dem höheren Ziel im Auge. Hoffen wir, hoffen wir also auf sie und daß sie über den Fortschritt fortschreite! Und zu diesem Behuf erstehe endlich uns allen, was der Dichter Novalis ersehnt, eine neue göttliche Weltinspiration.

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