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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 21
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Der Glaube an Deutschland

Rede, gehalten im Bremer Schauspielhaus am 6. September 1922.

Sie haben mir die Ehre erwiesen, mich hierher einzuladen. Meine Natur weist mich im Grunde auf ein Leben der Zurückgezogenheit. Diese Stunde duldet es aber nicht, einsiedlerischen Meditationen ausschließlich obzuliegen. Sie verlangt ein Hervortreten mit ganzer Person, hauptsächlich zu dem Zweck, um immer wieder das laute Bekenntnis zu Deutschland abzulegen, dem einigen ungeteilten Deutschland, das sich erstreckt, so weit die deutsche Zunge klingt. Wenn Sie mich also gerufen haben, so stand hinter Ihnen gleichsam ein zweiter Rufer, der seinen Ruf mit dem Ihren verband. Dieser Rufer war unser Vaterland.

Was aber ist damit getan, wenn man diesem Ruf Folge leistet und sich von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt zu einem unteilbaren, darum einigen, darum starken Deutschland gläubig überzeugt bekennt? Lassen Sie mich in der freien Reichs-, Hansa- und Seestadt Bremen den oft gebrauchten Vergleich einer staatlichen Einheit mit einem Schiffe heranziehen und durch ihn diese Frage beantworten. Der eigentliche Sturm mag vorüber sein. Er hat dem wackeren Schiffe von drei Masten, sagen wir, anderthalb genommen und einen halben angeschlagen. Das Steuer des Schiffes ist lädiert, die Fracht zum großen Teil über Bord geworfen. Der Rest der Ladung ist dermaßen durcheinandergeschüttelt, daß eine Gleichgewichtsstörung eingetreten ist und das Schiff auf der Seite liegt. Bei alledem ist der Sturm zwar vorüber, aber die Dünung, der Seegang beinahe noch ebenso hoch, so daß alle Augenblicke immer noch grobe Seen über Deck spülen.

Das Schiff sei mit Passagieren gefüllt. Viele aus jeder Klasse hat der Sturm über Bord gespült, viele gingen auf andere Weise zugrunde. Die übrigen sind, ähnlich der Ladung, durcheinandergeschüttelt. Der Kapitän, die Steuerleute, welche die Reise unternahmen, das Schiff im Sturm geführt haben, sind über Bord. Die Mannschaft war zunächst demoralisiert. Mit Mühe und Not ist durch Wahl der Passagiere aus den Reihen der Passagiere ein neuer Kapitän auf die Brücke gestellt worden. Auf gleichem Wege ist eine neue Mannschaft um ihn gebildet worden.

Wie schwer hat es naturgemäß diese neue Mannschaft, wie schwer dieser neue Kapitän! Er fährt nur mit etwa anderthalb Masten, er fährt mit einem lädierten Steuer, dem das Schiff nicht genügend gehorcht. Er hat eine Mannschaft, die ihre Lehrzeit in dieser furchtbar verantwortlichen Situation durchmachen muß, und er hat Passagiere, die Menschen sind, Menschen noch immer in Not und Angst, und von denen jeder, echt menschlich, von sich meint, er wäre ein besserer Steuermann. Und am Ende, weil die Menschen gedankenlos und vergeßlich sind, drohen sie etwa mit Meuterei und handeln nicht anders, als seien der neue Kapitän, die neue Mannschaft für den Kurs und den Sturm, kurz, für das ganze Unglück verantwortlich, dem die erste Mannschaft, der erste Kapitän zum Opfer fielen.

Ich fürchte, auch in dieser Weiterentwicklung ist mein Beispiel für das heutige Deutschland zutreffend.

Es sind da Passagiere vorhanden, die ihre Kaltblütigkeit bewahrt haben. Sie bemerken, daß der Kapitän und die Mannschaft ihrer ungeheuer schweren Aufgabe, das Schiff in einen Hafen zu bringen, getreulich obliegen. Sie wissen, daß, wenn die Passagiere meutern, das Schiff kentern oder an einer Klippe zerschellen oder ein Opfer von Piraten werden muß. Solche Leute mit heißem Herzen und kühlem Kopf werden auf dieser gefährlichen Fahrt viel zu tun haben. Sie werden um sich her beruhigen, schlichten und Mut machen. Sie werden auf den Hafen hinweisen und den Augenblick, von dem sie sicher voraussetzen, daß er kommen wird, wo das herrliche, brave alte Schiff gedockt und wiederhergestellt werden kann.

Ich bin etwa solch ein Passagier: ein Mensch, der im Rahmen des auf Leben und Tod mit dem Schiff verbundenen Mitreisenden nach Maßgabe eigenen Denkens, wenn auch fehlbaren Denkens, dem Schiff und seiner Rettung dienen will. Deutschland ist also dieses Schiff. Und so rufe ich allen hundert Millionen Europäern deutscher Zunge zu: Bleibt einig im Hoffen, im Glauben und in der Gewißheit, daß Deutschland den Hafen erreichen wird! Ich rufe denen zu, die wie die Ratten das Schiff verlassen wollen, im Wahnsinn der Verzweiflung oder in einem sogenannten Rettungsboot: Kommt zur Besinnung, habt Geduld, es ist immer noch Zeit, euch selbst zu morden! Das einige Schiff, das einige Deutschland, es muß den Hafen erreichen, es kann nicht untergehen.

Wir wollen das Bild hiermit verabschieden. Es ging aus diesem Bilde hervor, daß wir freilich in einer anderen Zeit leben als diejenige war, in der zum Beispiel Ihr großer Bürgermeister Otto Gildemeister amtierte, der auf so glänzende Weise praktische Tätigkeit mit hoher literarischer Bildung und Produktivität verband. Der außerordentliche Mann, der Byron und Dante den Deutschen schenkte, konnte als Leitspruch sehr wohl das Wort nehmen: Es ist eine Lust zu leben. Dieser Leitspruch, diese Voraussetzung gilt für unsere Epoche nicht. In einem Zeitalter, darin die Menschen durch die Erfolge eines fast übermenschlichen Entdeckergeistes begnadet worden sind, an dessen Errungenschaften sich höchste Hoffnungen für das Wohl der Völker und Staaten knüpfen mußten, scheint die Menschheit dem Lichte der Vernunft gegenüber völlig erblindet zu sein. Sie wälzt sich, zumal auf dem Boden Europas, in würdelosen erbärmlichen Krämpfen herum. Aus der höllischen Saat des Krieges sind die erbarmungslosen Dämonen des Völkerhasses, der Habgier und Raubgier auferstanden und treiben, mitten im Frieden, ihr Handwerk fort. Es ist also keine Lust zu leben, wir verrichten unsere Arbeit keineswegs etwa getragen von einem verhaltenen Jubelruf, viel eher von einem Wehruf, weil wir nicht absehen können, wie wir bei diesem blinden Treiben häßlicher Mächte um eine neue furchtbare Strafe des Himmels herumkommen sollen.

Nun, es gibt bekanntlich einen aktiven, das heißt tätigen Mut und einen passiven, duldenden Mut. Unser Schicksal aber macht augenblicklich die furchtbare Probe auf unsern duldenden Mut. Darin muß heute der Deutsche den Mann zeigen. Es ist auch bereits gang und gäbe geworden, unter den ausgesuchten und sinnlosen Leiden, die man uns fortgesetzt zumutet, heiter zu scheinen und so zu tun, als sähen wir nichts, als röchen wir nicht die mefitischen Dünste, und vor allem, als wären wir ohne Gefühl.

Duldender Mut ist aber nicht Abgestumpftheit und Schwäche. Er ist selbstbewußte Kraft. Duldender Mut überwindet das Feindliche ebensowohl wie handelnder Mut. Duldender Mut behauptet sich in sich selbst. Die Persönlichkeit zieht sich auf sich selbst zurück und behauptet sich so, unverletzbar in ihrem Stolz, ihrer Würde, ihrem Wesen, das heißt ihrer Eigenart. Der Tod kann solcher Persönlichkeit ein Ziel setzen, aber da bei einem Volke wie dem deutschen von Sterben im Zeitraum des nächsten Jahrtausends nicht die Rede sein kann, so ist an dem Erfolg unseres passiven Mutes, unserer Treue zu uns selbst, kein Zweifel erlaubt.

Dieses Sichbesinnen auf unsere Eigenart, wie es bei den Stämmen und Teilen Deutschlands sich jetzt überall zeigt und auch in der Niederdeutschen Woche, ist also nicht ohne tieferen Sinn, denn es gehört in das Kapitel vom passiven Mut und seinem Sinn und Wert.

Zum Schlusse meinen persönlichen Dank. Ich bin froh und dankbar, hier sein zu dürfen, in einer der alten, gesunden, freien und weitausgreifenden Republiken an der deutschen See. Hier, wo der Atem des Weltmeeres die Lungen lüftet, ist der Prozeß der deutschen Genesung, wie mir scheint, bereits weiter als im Inlande gediehen. Und auch die volle Gesundung muß von hier ausgehen. Möchte sich überhaupt ganz Deutschland bewußt werden, was es alles von den freien Reichs- und Hansestädten lernen muß und lernen kann. Hier bestand seit Jahrhunderten unverändert selbstsicherer, aufrechter Bürgersinn, während im Inlande das Ideal des beschränkten Untertanenverstandes, das Ideal der Knechtseligkeit überall hochgehalten und gepflegt wurde. Hier hatte der Bürger jahrhundertelang die feste Hand am Steuer des Schiffes und bestimmte mit kaltblütiger Umsicht und Weitsicht seinen Kurs. Das war er gewohnt. Er hatte die beste Übung darin. Möge der Bürger Deutschlands dem Hanseaten hierin recht bald nichts mehr nachgeben.

Ungelüftet und eng ist ein Land, das kein Ruder kennt, ungelüftet und eng eine Volksseele, die nicht Land und Meer umfaßt! Ungelüftet und eng ein Geist, der nichts vom heiligen Feuer des Kolumbus in sich trägt und nicht über Weltgewässer und im unendlichen Raum darüber navigiert. In diesem also und jedem Sinn: Navigare necesse est.

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