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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 19
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Deutschland – Vaterland

Rede, gehalten im Remter des Breslauer Rathauses am 13.August 1922.

Jede persönliche Ehrung muß weit zurücktreten hinter die Idee, die in diesen Breslauer Festtagen zum Ausdruck kommen soll. In beredter Weise hat sich diese Idee durch den Mund des ersten Mannes in unserem geeinten, neuen, großen Deutschen Reiche, durch den Mund anderer hoher Reichsbeamter, durch den Mund des Herrn Oberbürgermeisters kundgetan. Nichts anderes als Deutschland selbst ist diese Idee, die unsere Seele, unsere Worte, unsere Handlungen durchdringt und beflügelt. Und jede Seele, jedes Wort, jede Handlung ist halb, ja weniger als halb, die von dieser Idee nicht durchdrungen und getragen ist.

Deutschland als Idee, das ist Deutschlands Kraft. Je mehr einzelne Teile unserer gewaltigen Volksgemeinschaft von dieser Idee berührt und durchdrungen sind, um so mehr wird das Ganze ein Ganzes sein. Darum kommt es am Ende darauf an, die entferntesten Siedlungen des Reiches immer wieder damit zu durchdringen. Nicht in einer sterilen, äußerlichen Art, sondern in einer warmen und lebendigen Art, die dem Einzelnen und dem Ganzen zuletzt den gemeinsamen Reichtum zum Bewußtsein bringt.

Sein währendes Leben empfängt ein Körper allein durch den Geist. Die Aufgabe ist und wird immer sein, wenn ein Volkstum wachsen und verharren soll, für seine Beseelung Sorge zu tragen. Damit wiederhole ich nur, was in allen warmen und herzlichen Worten, die wir gehört haben, als Aufgabe gefühlt und zugleich praktisch ausgeübt worden ist.

Die Einigkeit, die Gemeinsamkeit in diesem Gedanken ist aber so groß, ich bin darin mit den auserlesenen nahen wie fernen Volksgenossen so eines Sinnes, daß sich jedes weitere Wort darüber in diesem Augenblick erübrigen würde, wenn man mir nicht selbst eine hohe und verantwortliche Aufgabe im Dienste der deutschen Idee zugewiesen hätte.

Ja, man ist weitergegangen und hat in einer Weise, die demütig machen muß, meinen Namen und meine Person aus dem Kreis meiner Volksgenossen herausgehoben und von Verdiensten gesprochen, die das mir vom Schicksal vorgezeichnete Wirken im Dienste der Volksseele sich erworben habe. Die Empfindungen sind sehr vielfältig, die eine solche Auszeichnung in mir wecken muß. Sie sind fast zu vielfältig, um in kurzen Worten geklärt und geordnet zu werden.

Nur einiges möchte ich davon sagen. Der einzelne, der ein bestimmtes Volkstum seine Mutter nennt, hat doch ein anderes Verhältnis zu ihm als das zur Welt geborene Kind zu seiner Mutter. Im Sinne eines solchen Kindes, das von der Mutter getrennt sein eigenes Leben leben kann, wird er eigentlich nie geboren. Er bleibt vielmehr auf die Mutter in jeder Beziehung angewiesen, ja, er bleibt beinahe in der Mutter Schoß. Manche wissen das nicht. Aber die ausgestoßenen, mutterfremden, bedrängten Auslandsdeutschen, ja, die wissen es, die müssen es täglich und bitter erfahren. Es wäre gut, wenn dieses Wissen auch in den gesicherten Inlandgebieten sich weiter und weiter verbreitete, wo man nichts zu verlieren fürchtet, weil man nicht weiß, was zu verlieren ist, und weil man nicht weiß, was man besitzt.

Aber ich wollte nicht davon reden. Ich wollte nur sagen, daß wir sozial viel enger verbunden sind als den meisten Menschen scheint. Und so ist der einzelne Mensch, inbegriffen sein etwaiges Werk, nur ein unzertrennlicher Teil des Ganzen. Er selbst ist ein soziales Produkt, und sein Werk ist nur in sehr bedingtem Maße das seine. Wenn wir sagen: Goethe ist unser, so meinen wir das in einem viel tieferen Sinne, als wenn wir sagen: Dieses Geldstück, dieser Rock, dieses Feld ist mein. Wir wollen vielmehr dadurch ausdrücken: Goethe ist ein Teil von uns, wir haben angeborenen Anteil an ihm.

Wenn ich nun die Worte erwäge, all die warmen, herzlichen, gütigen, anerkennenden und mehr als anerkennendem Worte, die mir gewidmet sind, so muß ich bitten, mir zu erlauben, bevor ich danke, mich ein wenig von der allzu erdrückenden Dankeslast zu befreien, indem ich ein vollgerütteltes Maß der Ehre, die Sie mir erwiesen haben, an unsere Mutter, an Deutschland abgebe. Vertiefen Sie sich in den Gedanken an Deutschland wiederum einen Augenblick, und fragen Sie sich, ob wir nicht so ziemlich alles, was wir sind, dieser Mutter trotz allem und allem zu verdanken haben. Diese Mutter, die ich meine, war immer da. Auch in der jahrhundertealten Zerrissenheit und politischen Spaltung Deutschlands war sie da, allgegenwärtig und unsterblich. Und der einzelne ist, gegen sie gehalten, viel zu abhängig von ihr, als daß er sich an die Brust schlagen und etwas Besonderes, das heißt Abgesondertes denken könnte.

Trotzdem und bei alledem blieb noch, sagen wir, in jedem gesunden Menschen ein gewisser Erdenrest des selbstischen Eigenen. Und wie ich mich ganz als Mensch fühle, so verleugne ich auch nicht dieses natürliche Eigengefühl. Aus diesem gebiert sich eine andere Art, die allereinfachste Art der Dankbarkeit in diesem Augenblick. Sie wird um so stärker sein, je weniger ein Beschenkter fordert und zu fordern hat. Geschenk, durch nichts bedingt, durch nichts erzwungen, Geschenk ist edelster Ausdruck freiwilliger Güte von Mensch zu Mensch. So erweckt es den Dank, der eine elementare Empfindung ist. Es erwartet den Dank, den es als freiwillige Güte ebensowenig fordert.

Und so habe ich zu bekennen, daß es mich stolz, froh und glücklich macht, in dem alten, herrlichen Rathause dieser alten, wundervollen deutschen Stadt Worte zu hören, wie ich sie gehört habe, Worte, die mich in Einklang setzen mit einer großen Aufgabe, aber auch mir persönlich eine Bestätigung dafür bedeuten, daß ich kein unnützes Glied der deutschen Volksgemeinschaft gewesen bin.

Der Weg von den Steinen des Ringes in den Remter des Rathauses, an sich nicht weit, wurde von mir nicht im Sprunge zurückgelegt. Ich habe dazu ein halbes Jahrhundert nicht immer leichten Ringens von Stufe zu Stufe gebraucht. Auch die Staup-Säule, die vor dem Rathause steht, habe ich dabei nicht ganz umgehen können. Aber nun stehe ich hier, es mag wieder abwärtsgehen. Ich kann getrost meine Augen schließen, denn wer kann mehr erfahren und mehr erstreben, als ich durch diese Stunde erfuhr!

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