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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 18
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Die denkende Hand

Rede, bestimmt für die Jahresversammlung des Deutschen Werkbundes in München im Juni 1922.

Der Gedanke des Fortschritts ist vom menschlichen Fuß abgeleitet, der Gedanke des Handelns von der menschlichen Hand. In Wanderungen über Länder und Meere, in Wanderungen durch Jahrtausende und aber Jahrtausende hat der Mensch immer gesucht, seine Lebensbedingungen zu verbessern, bessere Lebensmöglichkeiten zu finden. Dies ist der uralte Vorgang, in dem auch der moderne Fortschrittsgedanke seinen Ursprung hat.

Um den Fortschritt aber, den Fortschritt Deutschlands, der unser aller eigenste, innigste Angelegenheit, unser Wohl und Wehe in sich schließt, handelt es sich bei der großen werktätigen Veranstaltung, die der Werkbund hier in München unternommen und durchgeführt hat, handelt es sich bei der Tagung des Werkbundes und handelt es sich bei diesem Finale der Tagung, mit dem ich betraut worden bin. Darum: wer, der irgendeine Kraft in sich fühlt, wollte sich einem solchen Mandat entziehen!

Der Gedanke des Handelns, sagte ich, sei von der menschlichen Hand hergenommen. Und so müssen wir von der Hand reden, einem Begriff, der nahezu gleichbedeutend mit dem Begriff Arbeit ist. Von Arbeit aber wollen wir reden an einem Ort, zu einer Zeit, wo Früchte deutscher Arbeit gezeigt werden, und weil wir in einem Lande, in einer Welt leben, die auf Arbeit gegründet ist.

Ist es so, oder irre ich mich, daß man heute die Bedeutung der Hand, den Adel der Hand allgemein zu erkennen beginnt und daß man dieses Organ des menschlichen Körpers zu dem hohen und höchsten Range erhebt, der ihm gebührt? Wäre es so, wir Lebenden hätten einen Fortschritt zu verzeichnen, ähnlich dem, als sich der Mensch endgültig auf seine zwei Füße gestellt und seine zwei Hände zu reinen Organen des Intellekts gemacht hatte. Der englische Forscher Charles Bell, von Darwin zitiert, hat den Ausspruch getan: »Die Hand ersetzt alle Instrumente, und durch ihre Übereinstimmung mit dem Intellekt verleiht sie diesem universelle Herrschaft.«

Wenn wir diesen ungeheuren Ausspruch in Erwägung ziehen, so werden wir zunächst erkennen, daß er durchaus zutreffend ist. Ist er jedoch zutreffend, so muß uns sofort die wunderbare Erkenntnis aufdämmern, daß auch derjenige Teil unserer Zivilisation, der sich zur Kultur erhebt, und derjenige Teil unserer Kultur, der sich zu reiner Geistigkeit erhebt, ebensosehr Werk der Hand wie des Hauptes ist.

Wäre es so, ich hätte mit der Behauptung nicht zu viel gesagt, daß wir durch die Erhebung der Hand in den Adelsstand einen der epochalsten Fortschritte im Menschheitsaufstieg gemacht haben würden.

Wir wollen ein wenig darauf eingehen und näher zusehen, ob es mit der Bedeutung der Hand wirklich so beschaffen ist.

Ich unterlag einmal einer ungeheuren Vorstellung. Man kann solche Vorstellungen haben, und es würden Bücher nicht hinreichen; sie in ihrer Vollständigkeit zu vermitteln. Dagegen kann man vielleicht durch eine bloße Andeutung die Vorstellungskraft des Lesers oder Hörers in der Weise anregen, daß sie selbst jene unmittelbare Vorstellung produziert. Ich versuche es hier und hoffe, wenn es gelingt, wenigstens eine Ahnung davon zu vermitteln, welche gigantische Rolle der Hand am Werden des Menschen, am Aufbau seiner gesamten Kultur zugesprochen werden muß:

Ich erblickte nämlich Hände und immer wieder Hände im Geist. Ich kann mich des Ortes genau erinnern, wo diese Zwangsvorstellung zum erstenmal über mich kam. Es war in Luino am Lago Maggiore, als ich auf endlosen rohen Steinstaffeln zwischen Weingärten eines Morgens aufwärtsstieg. Es begann damit, daß sich eine Stufe, ein Mauerstein, eine Weinrebe vor meinem inneren Gesicht in die Arbeit aller der Hände auflösten, denen diese Gegenstände so, wie sie gestaltet waren, ihr Dasein verdankten. Und als ich mein Auge wandern ließ über Bäume, Sträucher, Hütten, Häuser und Bauten umher, löste sich alles in Millionen, Milliarden und abermals Milliarden von Händen und Handgriffen auf. Am Ende genügt Ihnen schon diese Anregung, den Wahrtraum weiter auszuspinnen.

Blicken Sie um sich in diesem Saal, und geben Sie sich von seiner Entstehung Rechenschaft, und es wird sofort ein undurchdringliches, uferloses Gewimmel gespenstischer Hände über Sie hereinbrechen. So wie er dasteht, ist er Produkt von vielen Jahrtausenden, und wenn man sich Heuschreckenschwärme vorstellen will, so sind sie geringfügig an Zahl, verglichen mit jenen gespenstischen Händen und Handgriffen, die sein schließliches Dasein ermöglicht haben. Betrachten Sie irgendeinen beliebigen Gegenstand, sei er von Holz, Metall, Glas oder Stein, und fragen Sie sich, wie oft er selbst und wie oft seine Teile schon durch Menschenhand bewegt worden sind, und Sie werden sofort die Atmosphäre von Gewölken gespenstischer Menschenhände verdüstert sehen.

Aber diese gespenstischen Hände werden die Sonne verfinstern, wenn Sie aus diesem Hause hinaus auf die Straße treten und sich Ihnen jede Felge, jede Nabe, jede Speiche eines bloßen Rades in das Gewimmel von Händen und Handgriffen auflösen wird, denen jeder dieser Gegenstände, und nicht zuletzt das Rad an sich, sein Dasein verdankt. Sie werden, schon lange bevor sie in dieser Beziehung bis zur Betrachtung einer Schnellzugsmaschine im ganzen und einzelnen vorgedrungen sind, wie es in der Lehre Gotamos heißt, die Grenze möglicher Wahrnehmungen erreicht haben.

Und einiger hoher und höchster Funktionen der Hand ist noch Erwähnung zu tun. Wenn wir die Schrift eines Menschen betrachten, so reden wir schlechthin von seiner »Hand«. Schrift aber, die dem Geistigen dient, ist durch und durch selbst ein Geistiges. Es ist eine stumme Zeichensprache, eine zweite, dauerhafte Sprache, neben der gesprochenen, flüchtigen: ganz und gar die Erfindung der Hand. Von den ägyptischen Hieroglyphen, von den babylonischen Keilen an über die heiligen Bücher der Brahmanen, Buddhisten, Juden und Christen hinweg sehen wir diese Sprache der Hand für sich selbst Zeugnis ablegen. Das ganze Wissen, das ganze Denken, Vorstellen und Fühlen der Menschheit ist in dieser zweiten Sprache magaziniert. Man stelle sich vor, wie arm wir sein würden, wenn dieses Schatzhaus, dieses ungeheure Magazin nicht vorhanden wäre.

Gedenken wir einer anderen Funktion der Hand: wie es ihr gelingt, über das Gebiet des Intellekts hinaus, feinste Schwingungen des Gefühlslebens, geheimnisvollste Schwebungen der Seele, wie Schopenhauer sogar behauptet, das »Ding an sich«, zum Klingen zu bringen. Erinnern Sie sich der Hand eines d'Albert am Klavier, der Hand eines Joachim auf der Geige und so fort, und dann beantworten Sie die Frage, ob es richtig sei, die Hand in den Adelsstand zu erheben!

Ich meine nicht, daß dies bisher geschehen. Es ist wenigstens nicht allgemein geschehen, und daß es allgemein geschehe, gerade darauf kommt alles an. Die Hand eines Raffael, eines Tizian, eines Tintoretto, eines Veronese, eines Mantegna, eines Rubens, Rembrandt und Adolf Menzel ist zwar gefürstet worden: aber die Menge, die Masse der Hände behielt ihr Pariatum. Wiederum in den Zünften des Mittelalters lebte der Sinn für den Wert und die Würde der Hand. Wir besitzen die herrlichen, unübertrefflichen und vorbildlichen Werke dieser Werkbünde. Aber sie wurden im Einbruch der Enakskinder, der Gigantenscharen der Arbeit, über den Haufen geworfen und zerstreut. Diese Scharen haben jene titanischen Werke errichtet, die sich in unseren Eisenbahnen, Maschinen, Tunnels, Strombrücken, Schienenwegen durch steile Bergklüfte, in schnellsten Transporten von Menschen und Frachten über alle Weltgewässer hinweg kennzeichnen. Sie tragen, den Menschen in die Luft und stürzen ihn blitzschnell hinab in das Innere der Erde. Sie schaffen ihm Mittel, daß er sonst Unsichtbares im Allerkleinsten sowohl als im Allerfernsten zu sehen vermag.

Seltsam genug: diesem Titanenvolk, diesen denkenden Titanenhänden ist die wohlverdiente Erhebung in eine hohe Kaste bisher nicht zuteil geworden. Zu Zeiten der kleinen Werkbünde, der Zünfte und der mittelalterlichen Bauhütten wurde sogar die denkende Hand höher eingeschätzt. Sie haben auch damals Gigantisches und Erhabenes verrichtet. Man denke an den gotischen Dom. Aber von der Macht der Arbeit, der Macht der Hände, wie sie besonders im neunzehnten Jahrhundert übermenschlich angewachsen ist, haben doch jene Hände, jene Zeiten noch nichts geahnt.

Sehen wir ab von der Größe der Leistungen, die wir in gegenwärtiger Zeit der Arbeit verdanken und die ein über alle Erwartung mächtiger Beweis dafür sind, daß wirklich die Hand, wie Charles Bell sagt, durch ihre Übereinstimmung mit dem Intellekt diesem universelle Herrschaft verleiht: im Besitz einer Herrschaft, die man, verglichen mit dem Verhältnis früherer Zeiten zur Natur, wohl so nennen kann, sind wir trotzdem nicht zu einer neuen Geistigkeit gelangt, die diesem Zustand gewachsen wäre. Wir haben nicht einmal die Hand in den ihr gebührenden Stand erhoben.

Zerfallen muß ein Reich, wie die Bibel sagt, wenn es mit sich uneins ist. Eine der Entzweiungen, eine der tiefsten Spaltungen, die den Organismus des Reichs durchsetzen, ist die zwischen Kopf und Hand. Allerdings: die wahren Stützen der Hand- und Kopfpartei verstehen und achten sich. Aber in den breiten Massen dieser Parteien gärt der Unverstand. Da wird dem Kopfe das Vermögen zu ernster, echter Arbeit abgesprochen; dort wird die Arbeit der Hand als minderwertig degradiert. Die Konfusion auf beiden Seiten ist freilich groß. Denn nicht nur von der Kopfpartei kann man zuweilen hören, dieser und jener, der es weit gebracht habe, sei ein Schuster, Schneider, Sattler oder Drechsler gewesen, sondern man kann es von Drechslern, Sattlern und Schneidern hören, wenn sie dergleichen erfolgreiche oder verdienstvolle Männer herabsetzen wollen. Derartige Rückständigkeiten beweisen, wie weit wir noch hinter unseren mächtigen Arbeitserfolgen einherhinken.

Wie viele Klüfte innerhalb unserer nationalen Gemeinschaft würden sich schließen, wenn wir sie nur erst in unserem Denken geschlossen hätten! Es gehört nur ein Blick auf unsere deutsche Gegenwart dazu, um dies einzusehen. Überall treffen wir auf starrgewordene Anschauungen, die insofern jeder Prüfung durch vorurteilsloses Denken standhalten, als sie eben dadurch nicht mehr aufzulösen noch im geringsten zu verändern sind. Sie stehen da wie unfruchtbare, öde Felsen aus Erz, zwischen denen unfruchtbare, unüberbrückbare Klüfte gähnen. Dennoch darf man den Mut, darf man die Hoffnung auf Bewegung der unbeweglichen Massen, auf Ausfüllung der Abgründe nicht fallen lassen. Immer wieder müssen Versuche dazu unternommen werden, und sollte der einzelne scheinbar völlig fruchtlos sein. Unter diesem Zeichen steht mein bescheidener Versuch, im eigenen Denken und allgemeinen Denken wenigstens die Kluft zwischen dem Kopfarbeiter und dem Handarbeiter auszufüllen.

Sollte dieser Erfolg einmal eintreten, so würde nach dem millionenfach bewährten Satz »Einigkeit macht stark« die Nation an innerer Kraft ihren höchstmöglichen Grad erreicht haben, und es würde dann vielleicht im allerumfassendsten Grade von einem deutschen Werkbund zu reden sein.

Wir hätten also bisher, wie ich sagte, die Schuld, die wir der gleichsam denkenden Hand gegenüber tragen, weder erkannt noch durch Achtung, ja Ehrfurcht, vor ihr heimgezahlt, und wir sind erst recht nicht zu einer neuen Geistigkeit durchgedrungen, die mit den Titanenerfolgen der Arbeit an Neuheit, Größe und Weltweite zu vergleichen wäre. Es klingt paradox, und doch will es scheinen, als sei das Menschengeschlecht im umgekehrten Verhältnis zu den übermenschlichen Erfolgen seiner Arbeit in seiner Gesinnung kleiner und kleiner geworden. Das weltumspannende Ausmaß seines zyklopischen Werks, hat es nun seine besten Kräfte verbraucht oder die Menschheit nur wie ein Weib, das geboren hat, in einen Zustand vorübergehender Schwäche versetzt? Genug, es hat den Menschen bisher an sich nicht bereichert, sondern in vielen Beziehungen ärmer gemacht.

Wenn der Intellekt ein solches Mißverhältnis zu erkennen glaubt, so wird er seinen Ursachen nachforschen; sofern er dann diese gefunden zu haben meint, wird er an ihre Beseitigung denken und die Art und Weise erwägen, durch welche das möglich ist. Dies alles habe ich getan und bin zu dem Resultat gelangt, die Menschheit müsse das gleiche Prinzip, dem sie so übermenschliche Erfolge verdankt, das der Arbeit nämlich, auf sich selbst anwenden.

Darwin führt den sozialen Instinkt zurück auf die Empfindung von Sympathie. Nicht ein Gedanke also, sondern eine Empfindung hätte den Menschen zu einem sozialen Wesen gemacht. Dabei sind Antipathien zwischen Wesen ein und derselben Gattung und darum Kämpfe zwischen Wesen ein und derselben Gattung stets an der Tagesordnung geblieben. Sympathie oder sozialer Instinkt mußte jedoch insofern stets überwiegen, als er zu verhindern hatte, daß der soziale Verband auseinanderfiel. Heute ist nicht mehr Hand und Herz sozusagen das alleinige soziale Bindeband, sondern das Denken hat ein System von mechanischen Bindungen konstruiert. Trotzdem darf die ursprüngliche und lebendige Bindung durch Sympathie nicht verlorengehen, weil sonst zwar noch ein sozialer Körper, aber nur gleichsam ein sozialer Leichnam vorhanden ist. Unter den sympathischen Bindungen im weitesten Sinne steht die gemeinsame Sprache, steht die gemeinsame Liebe zum Vaterland, steht die Gemeinsamkeit eines Besitzes, den wir die Volksseele nennen wollen. In ihr sind gleichsam alle Sympathiequellen in einen großen See zusammengeflossen. Nun aber kommt es mir vor, als ob der Pegelstand dieses Sees auf gefährliche Weise gesunken wäre. Das würde heißen, daß die Quellen der Sympathie ihn nicht hinreichend mehr zu speisen vermöchten und daß also die Gefahr der Vertrocknung nicht ausgeschlossen sei.

Im einzelnen wie im allgemeinen würde eine solche Vertrocknung das gleiche wie Seelentod bedeuten. Es ist aber klar, daß die Seele eines Menschen, die Seele eines Volkes nicht sterben darf, wenn Mensch und Volk das Leben lieben und zu leben beabsichtigen. Erkennen wir die Gefahr, so ist schon ein wichtiger Schritt zu ihrer Überwindung getan, denn wir können beginnen, an uns zu arbeiten.

Fragen wir einmal geradezu: Wenn sie vertrocknet, warum vertrocknet die Volksseele? Die denkende Hand hat die Maschine erschaffen, und sie hat dadurch ihre eigene Kraft ins Milliarden- und aber Milliardenfache gesteigert. Unser heutiges Zeitalter heißt mit Recht das Maschinenzeitalter. Eine sehr verbreitete Meinung besagt, der Mensch habe die seelenlose Maschine gemacht, und die seelenlose Maschine habe dann wiederum den Menschen zur seelenlosen Maschine gemacht. Diese Ansicht, cum grano salis verstanden, wird nicht ganz abzuweisen sein.

Der mechanisierte, in seinem Seelenleben verkümmerte Mensch wird in seinem Inneren nichts beherbergen, dessen naheliegender Zweck im Sinne maschineller Nützlichkeit nicht ersichtlich ist. Er wird vielleicht Gedanken hegen und pflegen, die dem gleichen Prinzip des Nutzens entsprechen, seine Gefühle jedoch zu pflegen wird ihm als etwas Zweckloses fernliegen. So kann eines Tages der soziale Instinkt, das Gefühl der Sympathie in ihm verkümmert sein, trotzdem es ihm und anderen vorkommen mag, als ob er ein im höchsten Sinne soziales Wesen wäre, trotzdem er in den sozialen Verband nur wie an eine Galeere festgeschmiedet ist.

Eine solche Seelenquelle kann als Zufluß für eine Volksseele nicht mehr in Betracht kommen. Wenn aber ein Quell vertrocknet, liegt es daran, daß vorher die Atmosphäre vertrocknet ist. Und um bei dem Bilde des Wassers zu bleiben: wir wissen ferner, daß ohne eine mit Wasserdampf gesättigte Atmosphäre überhaupt kein Leben besteht. Wie können wir also unsere Atmosphäre, das heißt unser Seelenklima, sanieren? Wäre es möglich, Seelenbrunnen zu graben, Seelenströme herbeizuleiten, Gewitter und nachfolgende Seelenregengüsse wie die Hexen herbeizurufen, so wüßte ich es. Was ich indessen weiß, was ich sicher weiß, ist, daß dieses alles versucht werden muß. Pallas Athene hat dem Griechen nicht darum den Ölbaum gebracht, damit er wie eine Ölsardine konserviert werde. Prometheus brachte nicht darum das Feuer vom Himmel, daß der Mensch seinen Leichnam auf einem Scheiterhaufen verbrennen lassen könne. Es kann unmöglich der Sinn des Fliegens sein, eine Höllenmaschine zu haben, die dem Menschen ermöglicht, den Regen Sodoms und Gomorras auf seine Mitmenschen vernichtend herabzuschütten. Das Gefühl der Sympathie unter den Menschen ist es, was die Verwendung solcher Göttergeschenke entscheidend bestimmen muß. Allein durch dieses merkbar überwiegende Gefühl der Sympathie werden sie wahrhaft sozialisiert. Im andern Fall sind sie antisozial, den Menschen an sich und die Menschheit zerstörend.

Gleichwie der Sinn des Ölbaums den Griechen ein lebenspendender Segen war, der Sinn des Feuers desgleichen, so hat man Jahrtausende und aber Jahrtausende hindurch unter den Menschen die Sehnsucht gehegt, dem Vogel gleich sich in die Luft erheben zu können zur Erhöhung menschlicher Glückseligkeit. Nicht lange ist es ja her, daß der Geist eines Giordano Bruno die Himmelskuppel durchbrochen hat. Wie Ikarus gegen die Sonne flog, haben wohl die dem Flugtraum nachhängenden Menschen geglaubt, sich, wenn sie nur Flügel besäßen, bis an das Himmelstor, ja bis an den Thron Gottes erheben zu können. In den Flugtraum wie in die Träume von alledem, was heute zum Erstaunen technisch verwirklicht ist, mischt sich der Erlösergedanke. Was ist denn dieser Gedanke anders als der Ausdruck des Strebens zur Überwindung der menschlichen Not? Und darum wundere sich niemand, wenn der Erlösergedanke unzertrennlich mit der Entwicklung des Maschinenzeitalters verbunden bleibt. Nicht nur wie der Erlösergedanke über den Ruderbänken von Galeerensträflingen schwebt, sondern auf eine viel anspruchsvollere Art, im Sinne einer Humanität, die, durch die Wunder der Technik verlockt, von dem Glauben nicht läßt, eines Tages den Himmel auf Erden zu verwirklichen.

Sollen wir den Erlösergedanken in diesem Sinne als eine überstiegene Torheit verwerfen? Obgleich doch alles, was wir auf dem Gebiet der Technik erreicht haben, aus ihm und aus ihm allein hervorgegangen ist? Sollen wir jenen Schrei der Not, weniger der Leibesnot als der Seelennot, der die Zeit durchdringt, als einen störenden Laut betrachten und nicht vielmehr als ein Zeichen dafür, daß die Volksseele noch nicht verblichen ist, sondern, indem sie ihre Not empfindet und wie der Hirsch nach Wasser schreit, beweist, daß sie lebt und weiß, was ihr fehlt? Ich meine, daß in diesem Laut die ganze Zukunftshoffnung zugleich mit der ganzen Gegenwartskraft beschlossen ist.

Wären wir nicht ein abgestumpftes Geschlecht, wir würden aus dem Staunen über die Wunder, die der Mensch seiner denkenden Hand verdankt, nicht herauskommen, und wir würden aus ihnen den Schluß ziehen, daß wir noch zu ganz anderen, unvergleichlich höheren Dingen berufen sind, wozu das Erreichte nur eine Stufe bedeutet. Wir würden den Schrei, von dem ich sprach, analysieren und auf Grund dieser Analyse seinen Zukunftswert einschätzen, statt ebenso abgestumpft gegen ihn wie gegen das Wunder des schon Erreichten zu sein. Der Gegensatz jenes Schreies aber ist die Nüchternheit, ist jene weltentgötternde, weltentgeisternde, lähmende Nüchternheit, die vielleicht daher stammt, daß wir die Herrschaft über die Maschine verloren haben und diese vielleicht wirklich unsere Seelen sich auf grauenvolle Weise versklavt und ähnlich macht.

Wenn man ein Stück Papier von ungefähr in das große Triebrad einer Maschine bringt, so wird es mit diesem endlos im Kreise herumgeführt. Das ist unmöglich unser Beruf. Wir müssen diejenigen bleiben, auf deren Wink sich die Maschine in Bewegung setzt, und müssen bestimmen, was sie verrichtet und treibt. Da die Maschine in jeder Form schließlich der Fortbewegung dient, so werden wir nicht, wie das Kind in seinem Spielzimmer mit seinem Spielwägelchen, fortwährend hin und her fahren, sondern wir werden das fernste, schönste, würdigste Ziel ins Auge fassen.

Und was wäre denn solch ein Ziel? Das elementar-soziale Gefühl der Sympathie zur sozialen Liebe entwickeln, wie es ja Gott sei Dank in einzelnen humanitären Bestrebungen schon geschehen ist. Und mit dieser sozialen Liebe, nicht nur die Menschheit, sondern die ganze Natur umfassend, den alten Erlösergedanken verbinden und hochhalten, der zwar unendlich viele Enttäuschungen erlebt, aber doch der Grund aller unserer physischen, moralischen und metaphysischen Fortschritte ist. Hinter diesem Gedanken steht die Not. Hinter ihm steht die geheiligte Not, die nicht nur schlechthin die furchtbare, knechtende, Geißeln und Schwerter gebrauchende Göttin ist, sondern die Mutter des Erlösergedankens und also all der Dinge, die wir heute als Zivilisation, als Menschheitskultur bezeichnen. Die Menschheit muß weiter, weiter empor, und wir Deutschen müssen weiter empor- und vorangehen. Novalis sagt, nachdem er von einer Atonie der höheren Organe des Menschen gesprochen hat, die ganz gewiß auch heute besteht, dennoch hoffnungsvoll: »Fortschreitende, immer mehr sich vergrößernde Evolutionen sind der Stoff der Geschichte. Was jetzt nicht die Vollendung erreicht, wird sie bei einem künftigen Versuche erreichen, oder bei einem abermaligen ...« Fassen wir also Hoffnung, damit wir nicht dem gähnenden Rachen der Leere zum Raube werden! Hoffen wir auf den Fortschritt, der dort beginnt, wo der unsrige endet, hoffen wir auf den Fortschritt über den Fortschritt hinaus, auf den Erfolg der Arbeit der denkenden Hand an uns selbst! Hoffen wir auf den plötzlichen Durchbruch eines neuen Geistes durch das schwarze Gewölk in die Welt, hoffen wir auf eine neue, göttliche Weltinspiration!

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