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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 16
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Goethe und die Volksseele

Rede, gehalten im Frankfurter Schauspielhaus vor Beginn der die Goethe-Woche einleitenden Festaufführung des »Egmont« am 28. Februar 1922.

Der Bestand des Goethehauses, eines Nationalheiligtumes, war gefährdet. Das ist der Grund, weshalb wir hier versammelt sind. Wir sind gekommen zu Goethe, um mit Goethe für Goethe zu wirken und dafür zu wirken, daß die Balken und Wände seines Elternhauses nicht zerbröckeln und es am Ende nicht ganz von der Erde verschwindet. Der Herr Reichspräsident, als erster und oberster Vertreter unseres Volkes, geht uns in diesem Bemühen voran, und wir danken ihm das von ganzem Herzen.

Es braucht kaum gesagt zu werden, welche Bedeutung die Erhaltung eines Denkmals wie unseres Frankfurter Goethehauses für Deutschland hat. Es ist einer jener zentralen Punkte, um welchen sich die deutschen Seelen sammeln, und dieses Sammeln, dieses Zusammenfinden der einzelnen Seelen um ähnliche Punkte wie diesen ist unerläßlich, wenn aus Seelen eine Seele, aus deutschen Seelen eine deutsche Volksseele werden soll.

Darum scheint es mir, daß es eine Pflicht, und zwar eine der heiligsten Pflichten des neuen Deutschland ist, diese Art Seelenwanderung auf jede nur mögliche Weise zu unterstützen, indem man verkörperten Seelen, besonders jungen Seelen, den Weg zu solchen Lichtquellen eröffnet. Einmal dahin gelangt, einmal durch einen Trunk erquickt, werden sie künftig, auch ohne Führer, den Weg wissen.

Viel zu wenig ist dies bisher geschehen, viel zu wenig sind solche Seelenwanderungen, solche die Volksseele bildenden und ernährenden Wallfahrten von den leitenden Stellen unterstützt worden. Andere weniger wichtige Denkmäler und Wallfahrtsorte standen im Vordergrund. Während des Krieges sagte zu mir ein gebildeter Mann, der diesen leitenden Stellen nicht allzu ferne stand, es sei doch närrisch, daß diesen Deutschen die Liebe zu ihren Dichtern nicht ausgetrieben werden könne. In der Tat kann gesagt werden, daß nach dieser Richtung das Menschenmögliche geschehen ist.

Nein, dem Deutschen ist die Liebe zu seinen Dichtern und Denkern nicht auszutreiben. Mancher mag das noch heute bedauern. Wir schöpfen daraus unsere höchsten Hoffnungen. Ein Volk lebt durchaus nicht von Brot allein, sondern durch seine Geistigkeit. Und wie ein Körper nichts ist ohne eine Seele, ebensowenig ein Volkskörper. Und wenn es erlaubt ist, das Bild von Körper und Seele noch einen Augenblick festzuhalten, so darf gesagt werden: es gibt helle, heitere, finstere oder verqualmte Seelen, es gibt kleine und große, reiche und arme Seelen, von unzähligen anderen Arten zu schweigen. Und jede hat Kraft, in ihrem Sinn quälend oder beglückend auf ihren Körper zurückzuwirken. Die Nutzanwendung auf einen Volkskörper ergibt sich leicht.

Im Begriff der Volksseele liegt der Begriff der Einigkeit. Sie ist die dauernde friedliche Einigkeit im Gegensatz zu der weit weniger dauernden, wie sie dem Volke 1914, durch den Zwang der Verteidigung nach außen, aufgedrungen wurde. Es ist nicht recht, es würde nicht recht sein, nur das Schwert als Symbol des Nationalen anzuerkennen. Der Spaten des Landmanns, die Hand des Arbeiters, die Kelle des Maurers, das Haupt des Denkers scheinen mir noch viel bessere Symbole zu sein. Im Werke des echten Dichters liegt nichts Trennendes. Darum auch in einem Bekenntnis zu einem solchen nicht. Doktrinarismus und Fanatismus haben mit dem Letzten und Höchsten der Kunst, insbesondere der Dichtkunst, nichts zu tun. Ihr Grund ist das Universell-Menschliche, und dies allein ist auch ihr Gegenstand. Martin Luther, richtig verstanden, mußte Spaltungen hervorbringen. Goethe, richtig verstanden, kann nur einigen.

Sollte es Deutsche geben, die solche Ausführungen als ideologisch-gegenstandslos betrachten, so fehlt ihnen etwa wohl das Organ, eine gleichsam ideelle Realität zu sehen. Wenn sie, ernsthaft bemüht, ein Auge dafür bekommen wollen, mögen sie zuvörderst bei den Auslanddeutschen Forschungen anstellen. Sofern sie nicht, im behandelten Sinne, blind geboren sind, werden sie erkennen, welche bindende Kraft über Länder und Meere hinweg der Name Schiller, der Name Goethe besitzt. Diese Namen sind Mächte, denen, seit sie in die Geschichte getreten sind, das Deutschtum der Welt Unermeßliches verdankt. Es sind im höchsten Grade reale Mächte.

Daß diese Mächte nur immer mächtiger werden, ist der Sinn dieses Festes und dieser beginnenden Festspiele. Ein solches Fest, solche Festspiele rechtfertigen sich selbst in der trübsten Zeit. Festivitas in diesem Sinne ist ein tiefer und ernster Begriff. Das Straßburger Münster, der gotische Dom überhaupt, ist Festivitas, die Neunte Sinfonie ist Festivitas, das Drama: Festivitas. Und so auch »Egmont«, jenes Trauerspiel, das binnen wenigen Augenblicken anheben soll.

Es hieße Eulen nach Athen tragen, hier in Frankfurt, der Geburtsstadt Goethes, auf das Werk und seinen Gegenstand, bevor es uns selbst in seinem jugendlichen Goldglanz entgegentritt, näher einzugehen. Vom zartesten Feuer der Jugend belebt, mildert, verschönt es sogar das Haupt der Medusa und flicht in ihr furchtbares Schlangenhaar Blumenketten, die Eros gewunden. Aber wir wollen doch nicht versäumen, darauf hinzuweisen, wieviel alte Weisheit in diesem Werke lebendig ist und welche enge und tiefe Sympathie Goethe, das Volkskind, hier mit dem Volkstum verbindet! Goethe ist durch und durch volkstümlich, obgleich dieser Umstand noch lange nicht allgemein genug erkannt worden ist.

Die alte Weisheit des sechsundzwanzigjährigen Dichters im Munde der Regentin hat freilich auch nach 1775 keinen Alba von seiner blutigen Torheit abgehalten. Von jenem Herzog Alba, dem Egmont zum Opfer fiel, sagt die Regentin einmal: »... er sieht sich nach Feuer und Schwert um, und wähnt, so bändige man Menschen.« Alle Albas denken das noch. Davon wissen die Völker ein Lied zu singen, die noch heute unter Fremdherrschaft seufzen. »... die Sonne will nicht hervor, die Nebel stinken«, sagt Jetter, der Schneider und Bürger von Brüssel, mit Bezug auf die Atmosphäre, womit solche Albas Länder und Völker beglücken.

Aber die Albas sind im Irrtum. Es gereicht uns zum Trost, daß sie, wie die Geschichte lehrt, meist das Gegenteil von dem erreichen, was sie bezwecken. Das ist auch die Ansicht unseres großen Nationaldichters, dessen Seele mit allertiefstem Verstehen auf Seiten des unterdrückten Volkes und nicht bei den Albas ist. Es ist an jedem Wort zu erkennen, das er seine Lieblingsgestalten sprechen läßt, ist an den Lieblingsgestalten selbst zu erkennen. Vor allem an Klärchen, dem Volkskinde.

Man übersehe nicht, daß ihm dieses Volkskind zur Repräsentantin des Volkes, zur Repräsentantin der Freiheit wird. Er wählt Klärchen für dieses hohe Amt. Sie hält in Egmonts Kerkervision den Kranz über das Haupt des Helden.

Möge durch unsere Veranstaltung ein unzerstörbares Fundament für das Goethehaus, für Frankfurts herrliches deutsches Nationalheiligtum, geschaffen werden, und mögen seine Mauern und Balken festhalten für neue Jahrzehnte und Jahrhunderte! Wir hier Vereinigten wissen, welch ein tiefer und wundervoller Segen damit verbunden sein muß.

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