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Um Volk und Geist

Gerhart Hauptmann: Um Volk und Geist - Kapitel 10
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleUm Volk und Geist
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
projectidfde7081e
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Offener Brief an den Kongress der Alliierten in Paris

Veröffentlicht im »Berliner Tageblatt«, 2. Februar 1919.

Durch die Zeitungen gehen Nachrichten über eine Wiedereinführung der Sklaverei. Es wird gesagt, einer der kriegführenden Staaten sei entschlossen, nach Unterzeichnung des Friedensdokuments und Begründung des Völkerbundes etwa achtmalhunderttausend Kriegsgefangene zurückzubehalten und Sklavendienste verrichten zu lassen Der neue Sklavenhalterstaat soll Frankreich, seine Sklaven sollen nicht Neger, sondern Kinder eines anderen europäischen Landes, meine Landsleute, sein.

Ich bitte den hohen Kongreß, der die heilige Aufgabe hat, den aus tausend Wunden blutenden Nationen den Frieden vorzubereiten, nicht annehmen zu wollen, daß ich solchen Gerüchten insoweit Glauben schenkte, um eine Anklage auf sie zu gründen. Da indessen dieser beispiellose Krieg über die Erde gegangen ist und viele ethische Werte durch ihn fraglich geworden sind, bin ich nicht mehr in der Lage, selbst absurde Gerüchte mit gleicher Sicherheit wie vor dem Kriege als unwahr beiseite zu schieben.

Ich glaube nicht an eine Erneuerung der Sklaverei in Europa: meine Erwägungen rechnen jedoch mit dieser Möglichkeit und, wie ich offen bekenne, wollen ihr vorbeugen.

Es wäre denkbar, daß man den Wiederaufbau französischer Städte durch deutsche Sklaven in Erwägung zöge. Aber man würde doch nicht umhinkönnen, die Frage leidenschaftslos von allen Seiten zu betrachten und ihre allgemeinen Folgen zu berücksichtigen. Und so, denke ich, müßte sich im entscheidenden Augenblick die Einsicht der Unausführbarkeit des Gedankens Bahn brechen.

Im Jahre 1846 hat der Bei von Tunis die Sklaverei in seinem Lande aufgehoben. In England wirkten schon seit 1788 William Wilberforce, Pitt und andere Staatsmänner gegen die Sklaverei. 1807 wurde dann der Abolition-Act of Slavery im Parlament durchgebracht. 1816 fanden Verhandlungen in London statt, durch die der französische Sklavenhandel aufgehoben wurde. Am 1. Januar 1863 erfolgte in den Vereinigten Staaten die Emanzipationsproklamation für alle Sklaven und ihre Nachkommen. Sie wurde am 31. Januar 1864 durch Kongreßbeschluß bestätigt. In Brasilien erschien 1871 das Sklavenemanzipationsgesetz. In der Türkei wurde am 23. Dezember 1876 die Sklaverei für das ganze osmanische Reich rechtlich beseitigt. Dasselbe geschah auf Madagaskar im Jahre darauf.

Das Datum des kommenden Friedensschlusses ist nicht bekannt. Behielte Frankreich, unter Duldung des Kongresses, achtmalhunderttausend Christensklaven, meine deutschen Brüder, zurück, um sie zwangsweise schwere Fronarbeit verrichten zu lassen, so würde dies Datum, was sich auch sonst damit verknüpfte, wie kein zweites in der neuen Geschichte sich jenen glorreichen als eins der schmachvollsten anreihen.

Ich glaube nicht, daß irgendein, gleichviel ob gerechter, ob ungerechter Haß den Europäer von einiger Urteilskraft gegen diese Tatsache blind machen kann, am allerwenigsten einen Franzosen: dieser hat gewiß nicht vergessen, daß ein gewisser Lafayette im Jahre 1789 bei der französischen Nationalversammlung den Antrag auf Proklamierung der allgemeinen Menschenrechte stellte, daß dieser Antrag durchging und daß der erste Artikel dieser »Déclaration des droits de l'homme et du citoyen« in dem Satz besteht: »Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.«

Wenn ich für möglich hielte, daß die verantwortlichen Vertreter Frankreichs fähig wären, den vielleicht ruhmreichsten Augenblick ihrer nationalen Geschichte durch eine schamlose Verleugnung seines unsterblichen Gehaltes zu entehren, so würde mir jetzt die verzweifelte Aufgabe obliegen, bei diesem Artikel 1 zu verweilen, um zu versuchen, verkleinte Gewissen mit dem erzenen Klang seiner Worte zu wecken. Ich müßte dann sagen: Bedenkt, was ihr selber urbi et orbi verkündigt habt: »Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.« Ich hätte die Pflicht, besonders auf dieses »und bleiben es« hinzuweisen. Ja, ich hätte die Pflicht, alle Völker der Erde, oder wenigstens alle wahrhaften Menschen, zu Zeugen an Frankreichs Verrat an sich selbst und an der Freiheit aufzurufen. Und ich würde auch den zweiten Artikel der einst mit welterschütternder Wucht hinausgerufenen Menschenrechte ins Feld führen, die man zugleich die wahrhaft göttlichen nennen kann: »Das Ziel aller politischen Gesellschaften ist die Erhaltung der natürlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen. Diese Rechte sind die Freiheit«, und so weiter. Man sieht, es ist wieder die Freiheit, die an erster Stelle steht! Und. ich würde fragen müssen, ob Frankreich wirklich gesonnen ist, die Welt nun durch ein anderes Manifest zu überraschen, in dem es – ein republikanisches, freies Gemeinwesen! – die grausamste Pharaonenmoral, den Frondienst, die Sklaverei verkündigt. Und ich würde weiter fragen, ob es nun seinem Geschenk an die Vereinigten Staaten, der Riesenbildsäule der Freiheit auf Bedloe's Island, eine andere folgen lassen will und ob es glaubt, daß es richtig sei, dieser ebenfalls ein leuchtendes Diadem und eine Fackel als Attribute zu geben.

Man verzeihe einem schwer Bekümmerten, einem, dem das schier endlose Leiden des Kontinents am Herzen frißt, wenn eine bloße Fiktion hinreichend ist, so viel Bitterkeit auszulösen. Aber krümmt sich doch selbst der Wurm, der getreten wird. Schon eine ganz gewöhnliche Billigkeit wird verstehen, daß den Deutschen eine öffentliche Erörterung der Frage, ob achtmalhunderttausend seiner Landsleute Friedenssklaven und Hörige Frankreichs werden sollen, geknechtete Halbtiere, viel schlimmer als die Juden zu Pharaos Zeit, – daß die Diskussion allein dieser Frage, sage ich, ihn aufs allertiefste erbittert.

Zur Verwirklichung dieses Gedankens besteht allerdings nicht die allergeringste moralische oder vernünftige Möglichkeit. Vielleicht aber werden Vernunft und Moral über Bord geworfen. Und wenn dies geschieht und geschehen kann, dann hätte der Krieg eine fürchterliche Veränderung im europäischen Geist, ja seine völlige Depravation zuwege gebracht. Deutsche Männer, Christen, Republikaner, Europäer, würden Frankreichs Sklaven sein. In die Schmach dieser Tatsache hätten sich Deutschland und Frankreich zu teilen. Deutschland würde das einzige zivilisierte Volk der Erde sein, das sich sagen müßte: Ein Teil meiner Bürger ächzt unter dem Joch der Sklaverei. Frankreich dagegen dürfte sich sagen, das einzige Sklavenhaltervolk der Welt zu sein. Es sei mir gestattet, die weiteren Folgen eines solchen Zustandes anzudeuten.

Nehmen wir an, der Krieg sei vorüber, der Friede geschlossen, der normale Kulturzustand wieder eingetreten. Nehmen wir an, wir hätten einen auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit gegründeten allgemeinen Völkerbund. Nur achtmalhunderttausend Deutsche blieben in französischer Sklaverei, zu Parias degradiert. Sie sind seinerzeit auf Befehl des Kaisers, mit dem Gefühl der Pflicht, aber jedenfalls gezwungen, ins Feld gezogen. Bei ihnen liegt ganz gewiß keine Schuld, und niemand wird sie bei ihnen suchen, wenn die Schuld am Kriege gesucht werden muß. Diese Braven haben Mütter, Väter, Weiber, Kinder verlassen, in der Meinung, für sie zu kämpfen, ihre Familien und ihr Land zu verteidigen. Diese Märtyrer haben gekämpft, gelitten, geblutet und sind darin jedem braven Franzosen, Engländer oder Amerikaner gleich, der ihnen gegenübergestanden hat. Mit welchem Rechte wollte die französische Republik die Qualen dieser Unschuldigen über den Tag des allgemeinen Friedens ausdehnen? Wie fände sie sich ab, nur allein mit einer so grenzenlosen Versündigung? Der Zustand des Friedens erhöht für den Gefangenen die Schmach, aller Menschenrechte beraubt, den Schmerz, von der Heimat und den Seinen getrennt zu sein. Gezeichnet mit dem Brandmal der echten Sklaverei, werden diese achtmalhunderttausend für die Sünde der Welt unschuldig büßenden Kreuzträger unter den schaudernden Blicken der ganzen Welt ihre Leidensstationen zurücklegen. Während Millionen und aber Millionen Augen auf den Schauplatz der Tortur gerichtet sind, wird sich das Gewissen der Welt mit Entsetzen davon abwenden. Unter denen aber, die unverwandt den Schauplatz im Auge behalten werden – und wenn sie auch an dem Anblick erblinden sollten! –, die auch ihr Gewissen nicht durch Abwenden zu beschwichtigen gesonnen sind, werden mehr als siebzig Millionen Deutsche sein, denen das Brandmal der Sklaverei ihrer Brüder, zehnfach schmachvoll und zehnfach schmerzlich, mitten im Antlitz brennen wird. Die Welt mag es ansehen, niemand möge darüber hinwegsehen: wir verstecken es nicht. Wir werden es offen und stolz zur Schau tragen, sei es auch jahrzehntelang. Eines Tages aber wird ein so gezeichnetes Volk und Land vor den Augen der ganzen Welt den Tag erleben, wo Gott ihm Erlaubnis gibt, sein Antlitz von dem Unrat zu reinigen.

Man wird vielleicht einwenden, Gefangene zurückbehalten, um durch den Krieg verwüstete Städte und Dörfer wieder aufzubauen, sei eine Kriegsmaßnahme, mit Recht würden in einem solchen Fall Söhne eines besiegten Volkes zur Zwangsarbeit gepreßt, und dies sei keine Sklaverei. – Es ist Sklaverei! von dem Augenblick an, wo der Frieden proklamiert worden, der durch den Krieg unterbrochene europäische Kulturzustand wieder maßgebend geworden ist!

Ich glaube nicht, daß irgendein Kongreß der Welt die Sklaverei wieder einführen kann. Ich habe lediglich mit Gerüchten zu tun, die allgemein auftauchen und vor allem natürlich das deutsche Volk beunruhigen. Es wird, wenn diese Gerüchte erfunden sind, ein leichtes sein, die Schrift eines besorgten Weltfriedensfreundes zu den Akten zu legen.

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