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Um eines Haares Breite

Headon Hill: Um eines Haares Breite - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHeadon Hill
titleUm eines Haares Breite
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
projectidc06595ab
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Fünftes Kapitel.
Das verlassene Zimmer in Breslau

Der große Saal im Gasthofe »Zur goldenen Gans« in Breslau war gedrängt voll. Gewöhnlich ist die Hauptstadt einer deutschen Provinz ein Mittelpunkt der Langeweile, aber jetzt war Breslau zur Weltstadt geworden. Berichterstatter für alle Zeitungen, Neugierige, Diplomaten und eine sehr starke Beimischung von Geheimpolizisten hatten die schlesische Hauptstadt überschwemmt, füllten alle Ecken und Winkel und erzeugten eine babylonische Sprachverwirrung.

An einem der kleinen runden Tische, die auf dem Bürgersteige vor dem Gasthofe standen, weil im Inneren kein Platz mehr war, saß ein Herr, der beim ersten Blick hauptsächlich dadurch auffiel, daß er allein war. Wenn man ihn genauer ansah, erkannte man, daß er etwa dreißig Jahre alt, gut gekleidet und in Hinsicht auf seinen kurz gehaltenen Schnurr- und Backenbart sehr sauber und nett war und sich ruhig beobachtend verhielt.

»Wahrscheinlich ein Engländer – ohne Zweifel ein vornehmer Herr,« würde das vollkommen zutreffende Urteil eines Menschen, der die Welt kennt, gelautet haben, wenn er Mr. Spencer Fortescue vom britischen Ministerium des Auswärtigen gesehen hätte. Die Miene belustigten Verständnisses, womit Fortescue die an ihm vorüberziehende Menge musterte, hatte nichts mit der gaffenden Neugier gewöhnlicher Vergnügungsreisender gemein, denn jeder Volkstypus, der in dem Gedränge zu bemerken war, war Fortescue bekannt, und das einzige Neue war, sie alle – Deutsche und Franzosen, Russen, Engländer und Amerikaner – auf einem Fleck zusammen zu sehen.

Plötzlich machte jedoch sein beschaulicher Blick dem einer verwunderten Frage Platz, die sich rasch in ein Lächeln des Erkennens verwandelte, als sich der Mann, der seine Neugier erregt hatte, dem Eingange des Gasthofes näherte. Fortescue erhob sich und streckte dem Fremden die Hand entgegen, wobei sein Lächeln zu einem breiten Grinsen wurde.

»Na, wie geht's? Das ist ja ein sehr angenehmes Zusammentreffen,« sagte er dabei.

Der Fremde, ein behäbiger ältlicher Herr, der wie ein Handwerker oder Krämer gekleidet war, richtete sich auf wie jemand, der die Aufdringlichkeit eines Fremden zurückweisen will, aber auch in seinen Augen, die Fortescues Gestalt zu verschlingen schienen, stieg ein Ausdruck der Erstaunens auf.

»Ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen. Sie befinden sich offenbar in einem großen Irrtum,« entgegnete er in gebrochenem Englisch.

Fortescues Augen funkelten vor Lustigkeit.

»Gut gemacht, alter Freund, dieses Deutsch-Englisch war vortrefflich,« sagte er, ohne sich darum zu kümmern, ob andre ihn hörten oder nicht, »aber im Ernst, lieber Volborth, obgleich ich weiß, daß drei Jahre und dieser Bart mich verändert haben müssen, hoffe ich doch, daß Sie Spencer Fortescue und das kleine Geschäft, das uns im Jahre 93 in Belgrad zusammenführte, nicht vergessen haben.«

»Ziehen Sie Ihren Tisch so weit von der Thür weg, daß man uns dort nicht hören kann. Ich bin sofort wieder da,« antwortete Volborth jetzt in tadellosem Englisch.

Der anscheinende Krämer verschwand im Gasthofe, und Fortescue handelte seinem Vorschlage gemäß. Dabei lächelte er noch still vor sich hin, daß er unerkannt geblieben war, während der furchtbare Volborth, mit dem er vor drei Jahren eine Angelegenheit durchgeführt hatte, die sich auf die hohe Politik bezog, von ihm erkannt worden war. Der aufstrebende junge Attaché war einer der wenigen Leute außerhalb der dritten Sektion, die Volborths wahre Eigenschaft kannten, und zwischen den beiden war eine große Freundschaft entstanden, die, obgleich sie sich nicht wiedergesehen hatten, durch einen regen Briefwechsel erhalten worden war. Jeder hatte eine sehr hohe Meinung von der unbedingten Verschwiegenheit des andern, und sie trauten sich dementsprechend.

Nach kurzer Zeit kehrte Volborth zurück und setzte sich an den Tisch, wobei sein Benehmen in vollkommenem Einklang mit seinem Anzug stand, aber er eröffnete das Gespräch mit unverstellter Stimme.

»Diese toten Mauern hinter uns können uns nicht hören,« sagte er, »aber ehe Sie ein Wort sprechen, Spencer, müssen Sie mir sagen, wie Sie mich erkannt haben. Ich hatte mir geschmeichelt, meine Verkleidung sei vollendet.«

»Das ist sie auch – wenn Sie nur das Zucken des linken Augenlides unterdrücken könnten,« antwortete Fortescue, während er seinem Freunde seine Cigarettendose anbot, die dieser jedoch ablehnte, indem er eine deutsche Pfeife hervorzog. »Sie brauchen sich indessen nicht zu beunruhigen,« fuhr der Engländer fort, da er einen Ausdruck wirklichen Verdrusses in den veränderten Zügen seines Freundes wahrnahm. »Ich glaube, ich würde das Zucken des Augenlides nicht bemerkt haben, wenn es sich nicht hier um einen mehr oder weniger russischen Vorgang handelte. Deshalb war für mich Paul Volborth gerade diejenige Persönlichkeit, welche hier zu finden ich erwarten konnte. So, nun bin ich an der Reihe. Warum fuhren Sie denn so zusammen, als Sie mich sahen, obgleich Sie mich nicht erkannten?«

»Wollen Sie mir wirklich weismachen, daß Sie das nicht erraten?« fragte Volborth. »Nein? Nun, mit dem Bart sind Sie das leibhaftige Ebenbild meines Souveräns, des Zaren. In einiger Entfernung ist die Aehnlichkeit geradezu verblüffend.«

»Zweifellos eine große Ehre, aber ein zweifelhafter Vorteil,« entgegnete Fortescue lachend. »Und nun, mein alter Mitarbeiter,« fügte er, plötzlich in einen ernsten Ton verfallend, hinzu, »verläuft alles glatt auf dieser Reise? Ihre Anwesenheit hier vor den Herrschaften scheint darauf schließen zu lassen, daß nicht alles so ist, wie es sein sollte.«

»Ja, es ist etwas faul, und es sind schlimme Geschichten vorgefallen,« antwortete Volborth. »In Wien wäre es ihnen beinahe gelungen, und – aber dies bleibt ganz unbedingt unter uns – Lobanofs Tod fällt ihnen zur Last, obgleich die Kaiserin das Opfer war, auf das sie es abgesehen hatten.«

»Das überrascht mich weiter nicht,« erwiderte Fortescue nach einer Pause. »An den mageren Nachrichten, die in die Presse gelangten, glaubte ich die Hand der Sektion zu erkennen. Und Sie fürchten weitere Anschläge?«

»Ohne jede Frage. Deshalb bin ich der kaiserlichen Gesellschaft hierher vorausgeeilt. Während der Reise habe ich genug erfahren, um zu wissen, daß die für die Versuche ausgewählten Orte von den Verschwörern im voraus besetzt und vorbereitet sind, und ich war der Ansicht, daß ich hier von größerem Nutzen sein könne, als wenn ich auf der Fahrt von Kiew hierher gewöhnlichen Polizeidienst thäte. Mein Stellvertreter ist genau angewiesen, was er in gewissen Fällen zu thun hat. Aber hören Sie mir einmal zu: ich will Ihnen die Sachlage kurz auseinandersetzen.«

Hierauf teilte Volborth seinem Freunde die hauptsächlichsten seiner Entdeckungen und Verdachtsgründe mit, wobei er damit begann, zu erzählen, wie die Fürstin Olga Palitzin Boris Dubrowski als Werkzeug gewonnen hatte, und besonderen Nachdruck auf die Rolle legte, die, wie er glaubte, Ilma Vassili spielte.

»Können Sie sich den Gemütszustand einer jungen Dame vorstellen,« schloß er, »die, obgleich sie weiß, daß ihr Liebhaber in den Netzen einer Nebenbuhlerin zappelt, wofür sie ihn verachtet und verabscheut, doch Himmel und Erde in Bewegung setzt, ihn vor der Sektion zu retten? Vergessen Sie nicht, daß sie ebenso ängstlich darauf bedacht ist, Ihre Majestäten davor zu bewahren, daß ihnen durch seine verbrecherische Thorheit Unheil widerfahre. Außerhalb der Sektion weiß niemand, daß Lobanof durch einen mit Strophanin vergifteten und für die Zarina bestimmten Rosendorn umgekommen ist, aber aus Ilmas Benehmen in Kiew schließe ich, daß sie meine Ansicht teilt, das; nämlich der Brief, den sie mir in Krakau so geschickt wegstibitzte, Dubrowski unter irgend einem Vorwand veranlaßt hat, das Heiligenbild innerhalb Hörweite Ihrer Majestäten zu erwähnen, um sie so in das Wäldchen zu locken. Und doch konnte ich sehen, daß sie alle meine Bewegungen bewachte, um Boris zu schützen.«

»Ja,« antwortete Fortescue nach einer merklichen Pause, »einen solchen Gemütszustand kann ich mir sehr wohl vorstellen – weil ich die Dame kenne. Ich denke mir, daß sie das für Dubrowski thut, weil sie ihn als Schwächling bemitleidet, und bei einer Frau ihrer Art ist Mitleid mit Liebe sehr nahe verwandt. Hätte ein starker Mann sie so behandelt, so würde sie ihn, glaube ich, hassen und seinem Schicksal überlassen. Sehr wahrscheinlich war das auch ihre Empfindung, bis sie argwöhnte, daß er unter dem Banne der Sektion stehe, und ihr scharfer Verstand ihr sagte, daß die Palitzin ihn mehr als Werkzeug denn als Geliebten an sich fesseln wolle. Beide Thatsachen geben ihm Anspruch auf Mitleid – dem armen Kerl – möchte ich sagen.«

»Wenn ich mit ihm fertig bin, wird er nach den Bergwerken wandern,« versetzte Volborth. »Aber wie sind Sie denn mit Fräulein Vassili bekannt geworden? Davon hatte ich ja gar keine Ahnung.«

»Sie ist die beste Freundin meiner Braut, Miß Laura Metcalfs, die zufällig in diesem Augenblick auch in Breslau ist. Als ich voriges Jahr auf Sir James Metcalfs Besitzung in Schottland war, machte auch Ilma einen Besuch dort, und Laura freut sich schon jetzt darauf, sie wieder bei sich zu Hause zu empfangen, wenn Ihre Herrschaften in drei Wochen als Gäste der Königin nach Balmoral kommen. Von Balmoral nach Blairgeldie ist nur eine Spazierfahrt. Lady Metcalf und ihre Tochter halten sich hier auf ihrer Rückreise von Graz ein paar Tage bei der Baronin von Lindberg auf.«

»Mit Ihnen als Beschützer.«

»Nein,« erwiderte Fortescue. »Ich bin in dienstlichen Angelegenheiten hier – das braucht unter uns kein Geheimnis zu sein – um für meine Regierung, so zu sagen, den Pulsschlag dieses Zusammentreffens der beiden Kaiser zu fühlen.«

»Freilich, jemand mußte das thun, und wer wäre wohl besser dazu geeignet, als Sie, mein Freund,« antwortete Volborth. »Aber vielleicht können Sie mir bei der Lösung einer Frage behilflich sein. Dieser Oberst Delaval, den ich bei der Fürstin getroffen habe – wissen Sie den irgendwo hinzuthun? Mit den irisch-amerikanischen Umstürzlern habe ich nicht viel zu schaffen, während Sie sie gründlich kennen.« Hierauf beschrieb er den Menschen genau und erklärte seine Ansicht, Delaval habe im Bewußtsein, daß seine Papiere vollkommen in Ordnung waren, seinen Kopf absichtlich in den Rachen des Löwen gesteckt, um zu veranlassen, daß er auf seinem Wege nach der amerikanischen Gesandtschaft beobachtet und diese so zum Bürgen für ihn werde, wie das tatsächlich geschehen war. Das würde ihn in stand setzen, sich vollkommen frei und ohne weitere Nachforschungen zu veranlassen, in Petersburg zu bewegen.

»Da überschätzen Sie mich denn doch, Paul,« entgegnete Fortescue. »Aus Ihrer Beschreibung kann ich nichts entnehmen, obgleich ich sehe, worauf Sie hinaus wollen. Sie fürchten ein gemeinsames Handeln der England feindlichen irischen Dynamitarden und Ihrer eigenen Umstürzler. Nun,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »hier haben Sie eine Thatsache, die etwas damit zu thun haben kann: Melton, einer der Beamten von Scotland Yard, die unsre Revolutionäre überwachen, war vor drei Tagen, aber nur auf ein paar Stunden, hier in Breslau.«

»O, das ist allerdings sehr wichtig,« sagte Volborth. »Er muß auf einer heißen Spur gewesen sein, wenn er in dieser Weise gekommen und gegangen ist. Melton kenne ich sehr gut – ein braver, scharfsichtiger und unermüdlicher Mann, aber durch euer albernes insulares System beschränkt, das aus einem Polizisten immer einen Polizisten macht. Fahren Sie fort, Spencer.«

»Das ist eigentlich alles,« antwortete Fortescue. »Soviel ich verstand, mußte er eilig abreisen, und zwar war Boulogne sein Ziel. Ob er diesen Ort nur auf dem Wege nach England berühren wollte oder nicht, ist mir nicht klar geworden.«

Eine kurze Zeit saßen die beiden schweigend einander gegenüber, während Volborth die Sachlage in dem neuen Lichte betrachtete, das der kurze Aufenthalt des englischen Fahnders in Breslau auf sie warf, und zu dem Schlusse kam, daß, was auch immer die Ursache dieses flüchtigen Besuches sein mochte, er nicht im Zusammenhangs mit der Anwesenheit des Zaren stehe, denn sonst würde den russischen Behörden eine Mitteilung gemacht worden sein. Möglich war es immerhin, daß die britische Polizei gegen dieselben Verschwörer arbeitete, in der Annahme, daß sich deren verbrecherische Absichten gegen rein englische Interessen richteten, in welchem Falle, wenn sein Glaube an das Bestehen einer fenisch-nihilistischen Verbindung begründet war, Melton und er ihre Kräfte vereinigen müßten, und zwar je eher, je besser.

Inzwischen beglückwünschte sich Fortescue zu dem, was sein Freund »das alberne insulare System« genannt hatte. Zwar machte er Volborth, der an nichts andres gewöhnt war, keine Vorwürfe, aber noch nie war ihm das erbarmungslose System der gesellschaftlichen Ausspähung in Rußland so abstoßend erschienen, als jetzt, wo es ihm durch das langsame Hineinziehen Boris Dubrowskis in die Schlingen der dritten Sektion so recht klar gemacht wurde. Sehr wohl war ihm bekannt, daß Lauterkeit der Absicht im Reiche des Zaren den thörichten jungen Offizier nicht retten konnte, wenn das Schwert fiel. Als Mann von Welt wußte er, was die Verlockungen eines gewissenlosen Weibes bewirken konnten, und er vermochte nicht zuzugeben, daß Dubrowski für seine Thorheit den Tod oder Sibirien verdient habe. Als gebildeter Engländer fühlte er, daß er an Volborths Stelle dem bethörten Verdächtigen einen Wink gegeben hätte, sowie er den ersten sicheren Beweis in Händen gehabt hätte, auf welche Weise der Aermste gebraucht wurde.

»Die Sache ist zu ernst für meine Einmischung, allein um des herrlichen Mädchens, Lauras Freundin, willen, wollte ich, Paul hätte diese Sache anders anfangen können,« dachte der Attaché mit einem Blick auf Volborths Gesicht, und während er ihn noch so ansah, erschien ein Glanz in dessen Augen und ein Lächeln erhellte seine künstlich verbreiterten Züge.

»Da kommt jemand für Sie, Mr. Fortescue,« sagte der Verkleidete, indem er die Sprechweise des von ihm dargestellten Charakters wieder annahm, und der Grund seines Wechsels wurde sogleich offenbar.

»Nennst du das Höflichkeit gegen Mutter und die Frau Baronin, du unartiger Mensch, du?« fragte eine helle Stimme an Fortescues Seite, und als er sich umwandte, sah er sich einem so hübschen Bilde munterer englischer Jungfräulichkeit gegenüber, wie es nur je den Puls eines erklärten und erhörten Liebhabers hat rascher schlagen lassen. Hübsch genannt zu werden, würde Laura Metcalf geringschätzig abgelehnt haben; ihr Gesicht war mehr einnehmend und pikant, und sein Hauptreiz lag in der unvergleichlichen Hautfarbe und den Augen, die von Lebenslust sprühten. Wenn sie sich in ihrer Sprechweise vielleicht auch etwas zu sehr gehen ließ und darin der Mode des Tages huldigte, so war Miß Metcalf im Herzen doch ein echtes Weib, eine standhafte Freundin, eine unerbittliche Feindin und ihrem »keimenden Gesandten«, wie sie Spencer sehr unehrerbietig nannte, treu ergeben.

Dieser erhob sich und holte einen Stuhl herbei.

»Ich muß mich allerdings grober Nachlässigkeit schuldig bekennen,« antwortete er, »aber ich habe einen alten Freund getroffen, und wir sind ins Schwatzen geraten. Erlaubt, daß ich euch miteinander bekannt mache – Herr Winkel von München, Miß Metcalf.«

»Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen, Miß,« sagte Volborth, indem er sich erhob, um sich mit der Anmut eines Elefanten zu verbeugen, wofür Laura mit einem gutmütigen Lächeln dankte.

»Das ist wirklich famos – ich hoffe nur, es ist nicht unpassend, mit zwei Herren vor einem Gasthause auf der Straße zu sitzen,« begann sie zu plaudern. »Und Spencer, du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen, daß du nicht gekommen bist. Die Baronin steckt bis über die Ohren in den Vorbereitungen für morgen. Sie läßt die Fenster schmücken und alles Mögliche.«

»Miß Metcalf ist so glücklich, bei der Baronin von Lindberg zu wohnen, deren Haus dicht neben dem Rathause liegt, wo der Zar absteigen wird,« erklärte Fortescue.

»Ach, aber das ist ja sehr bequem,« bemerkte Volborth, der schon alles wußte, was ihm die Ortspolizei über das Haus und seine Bewohner mitteilen konnte.

»O, sprechen Sie doch nicht so,« rief die junge Dame mit einer komischen Grimasse; »das klingt ja gerade, als ob wir den Zaren in die Luft sprengen wollten, wissen Sie, und das zu thun, haben wir gar nicht die Absicht, obgleich er es eigentlich verdient hätte, weil er immer Leute nach Sibirien schickt. Und da wir gerade von in die Luft sprengen reden, so muß ich dir doch erzählen, was für einen ausgezeichneten Jux wir bei der Frau Baronin gehabt haben. Die liebe alte Frau hatte furchtbare Angst und wäre fast nach der Polizei gelaufen. Ein Glück, daß sie es nicht gethan hat, wie sich nachher herausstellte.«

»Wieso?« fragte Fortescue, sich noch zur rechten Zeit eines bedeutsamen Blicks auf Volborth enthaltend, denn er ahnte, daß sein Freund mit großer Spannung auf die Geschichte wartete, die Miß Metcalf zu erzählen im Begriffe war.

»Vor drei oder vier Tagen, also vor unsrer Ankunft in Breslau,« plauderte sie weiter, »kam ein Herr zur Frau Baronin und verlangte ein Zimmer. Das stell' dir nur 'mal vor! Eine von Lindberg wird für eine Frau gehalten, die möblierte Zimmer vermietet! Er wollte sich gar nicht abweisen lassen und behauptete, er könne anderswo keine Wohnung finden. Schließlich sagte er, sie könne fordern, was sie wolle. Der Gedanke war so ungeheuerlich, daß sie natürlich argwöhnisch wurde und an alles mögliche Gräßliche dachte, denn ihr Haus stößt Wand an Wand ans Rathaus müssen Sie wissen, Herr Winkel. Sie würde ganz bestimmt auf die Polizei gelaufen sein, wenn nicht eins gewesen wäre: der Mann war Amerikaner und sagte, er sei Millionär, und die Baronin weiß, daß die Brüderschaft der Silberkönige und Schweinepökler im stande ist, zu fragen, was die Welt kostet. Deshalb that sie nichts, aber sie verweigerte ihm standhaft den Zutritt zum Hause, und da fängt der Spaß eigentlich erst an.«

»Darf ich fragen wieso?« sagte Fortescue.

»Ja, siehst du, der Yankee kommt doch und wird das Zimmer auch erhalten, und das Gelungenste daran ist, daß ich die Geschichte zu stande gebracht habe,« erwiderte Miß Metcalf, ohne das Zusammenfahren zu bemerken, das keiner ihrer beiden Zuhörer ganz zu unterdrücken vermochte. »Die Baronin hat heute morgen ein Telegramm von ihm erhalten, worin er sagte, er sei auf seinem Rückweg bis Boulogne gelangt, und da habe er sich erinnert, daß ein Mitglied vom Gefolge des Zaren sein bester Freund sei, und er wolle wiederkommen in der Hoffnung, daß die Frau Baronin sich erweichen lassen werde. Das Mitglied vom Gefolge des Zaren war so gewissermaßen nebenbei als eine Art von Bürge erwähnt, aber auch das würde auf die Baronin gar keinen Eindruck gemacht haben, wenn sie das Telegramm nicht mir gezeigt hätte.«

»Nun, wir warten auf die Lösung des Knotens,« sagte Fortescue, als Laura eine Kunstpause machte, um die Spannung zu steigern.

»Na, dann hör' zu. Glücklicherweise hatte er den Namen seines russischen Freundes genannt, und zwar niemand anders als Hauptmann Dubrowski, der mit meiner lieben Ilma verlobt ist. Nun war die Sache natürlich in Ordnung, und die Baronin beabsichtigt, ihn aufzunehmen. Sein Name ist Delaval – selbstverständlich Oberst. Holla! Wo rennt denn der Herr hin?«

Voll Verwunderung, warum der ältliche Deutsche beim Schlusse ihrer Erzählung, die, wie sie wähnte, ihn nicht besonders interessieren konnte, so aufgeregt von seinem Stuhle aufgesprungen sein mochte, blickte sie in die Höhe. Auch Fortescue war überrascht, daß sein Freund mit einer halb gemurmelten Entschuldigung den Tisch so plötzlich verlassen hatte, denn es sah Volborth gar nicht ähnlich, sich durch das unerwartete Zusammentreffen von Umständen aus der Fassung bringen zu lassen. Allein ein Blick nach dem gegenüber liegenden Bürgersteig, dem der verkleidete Spion zueilte, zeigte ihm, daß nicht der Ausschluß, den ihm Laura unbewußt verschafft hatte, der Grund seines plötzlichen Aufstehens war. Diese Ursache entpuppte sich vielmehr als die schlanke Gestalt des Inspektors Melton, der rasch auf der andern Seite der Straße entlang schritt.

»Herr Winkel hat einen andern Freund gesehen,« sagte Fortescue, als Volborth den englischen Fahnder anredete und langsam mit ihm weiterging. »Und nun höre mich an, meine Kleine,« fuhr der Attaché fort, »du wirst mir wohl zugeben, daß ich einige Erfahrung habe?«

»O, ich weiß sehr wohl, daß du lange vor gestern geboren bist,« entgegnete Laura. »Aber warum wirst du denn so ernst? Du siehst so feierlich aus wie ein Mausoleum, Ich habe doch nichts verbrochen, Alterchen? Du bist doch nicht etwa eifersüchtig auf den reichen Yank?«

»Nein, eifersüchtig bin ich nicht,« antwortete Fortescue, »aber dabei ist es doch der Yank, der mich beunruhigt. Weißt du wohl, daß du mit der besten Absicht Ilma Vassilis Verlobten in eine ganz ungewöhnlich schlimme Geschichte hineingeritten haben kannst?«

»Du meine Güte, nein! Wieso denn?« rief Laura aus.

»Das will ich dir erklären. Ganz abgesehen von der Möglichkeit eines Verbrechens ist es doch durchaus nicht ausgeschlossen, daß sich der Amerikaner zu eigenen Zwecken Dubrowskis Namen bedient haben kann, ohne in Wirklichkeit dazu ermächtigt zu sein. Vielleicht ist es nur die List eines reichen Mannes, sich einen guten Platz zu verschaffen, aber die russischen Anschauungen sind in Wahrheit furchtbar. Wenn es jemals an den Tag käme, daß der Name eines Offiziers des kaiserlichen Gefolges in dieser Weise gebraucht worden ist, so könnte das dem betreffenden Offizier sehr schlecht bekommen, einerlei, ob es mit oder ohne seine Einwilligung geschehen ist.«

Bei dem bloßen Gedanken, daß sie ihrer lieben Ilma Verlobten geschädigt haben könne, füllten sich Lauras Augen mit Thränen.

»O, was für ein Dummkopf bin ich gewesen!« rief sie. »Na, ich will nur machen, daß ich fortkomme, um die Geschichte wieder in Ordnung zu bringen. Ich werde der Baronin sagen, daß ich einen Mißgriff begangen habe – daß dieser Delaval ein verdächtiger Mensch sei und unter keiner Bedingung ins Haus gelassen werden dürfe. Nur über meine Leiche soll er hineinkommen. Begleite mich, Spencer, und hilf mir.«

Ganz zufrieden mit der Wendung, die er der Sache gegeben hatte, erhob dieser sich, obgleich er es für sehr wahrscheinlich hielt, daß sie Delaval bereits im Hause der Frau von Lindberg vorfinden würden. Das Wiederauftauchen des Inspektors Melton ließ darauf schließen, daß auch das Wild, dem er nachstellte, nach Breslau zurückgekehrt sei, und da aus Lauras Mitteilungen hervorging, daß Meltons flüchtiger Besuch mit Delavals erstem Erscheinen zusammenfiel, war leicht zu erraten, wer dieses Wild sei. Aber Fortescue war sicher, daß nach dem, was er gesagt hatte, dem Amerikaner nicht erlaubt werden würde, im Hause zu bleiben, und das zu verhüten, war alles, was er wollte.

Sein Zweck dabei war weder mehr noch weniger, als Dubrowski davor zu bewahren, sich noch tiefer in die Netze der dritten Sektion zu verstricken. Dabei wollte er gleichzeitig Volborth helfen, verbrecherische Versuche ohne Aufsehen zu verhindern. Obgleich dieser es nicht offen ausgesprochen hatte, war es Fortescues diplomatischem Scharfsinn doch klar geworden, daß Lobanofs Tod seinen Freund in eine sehr peinliche Lage gebracht hatte. Wenn es dem Zaren zu Ohren kam, daß durch Volborths hinhaltendes Verfahren sein treuer alter Minister sein Leben eingebüßt hatte und die Kaiserin mit knapper Not einer großen Gefahr entronnen war, konnte es dem Polizeibeamten schlimm ergehen. Diese Schwierigkeit wurde durch den Umstand noch erhöht, daß Lobanof der einzige Mensch gewesen war, der Zeugnis dafür hätte ablegen können, aus welchen Gründen sich Volborth nach eingehender Beratung mit ihm zu diesem hinhaltenden Verfahren entschlossen hatte. Deshalb war es wahrscheinlich, daß Volborth erst spätere Handlungen Dubrowskis benutzen werde, dessen Verbindung mit den Verbrechern zu beweisen.

Fortescue sagte sich, es sei kein Vertrauensbruch von ihm, wenn er solche Handlungen verhinderte, wenigstens bei dieser Veranlassung, denn wenn er Delaval seiner Gelegenheit beraubte, unterstützte er ja Volborth bei seinem wichtigsten Bestreben, das dahin ging, offene Anschläge gegen das Leben des Zarenpaares zu verhindern, während er darauf hinarbeitete, nach Beendigung der Reise über die Verschwörer herzufallen.

Laura hatte es so eilig, ihre Empfehlung Delavals zu widerrufen, daß sie bald an der Thür des Lindbergschen Hauses angelangt waren, das an das große Gebäude stieß, worin die kaiserlichen Gäste morgen absteigen sollten.

Fortescue folgte seiner Braut in das Zimmer, wo Lady Metcalf und die Baronin saßen, allein als er anfing, dieser, die er schon kannte, einige Höflichkeiten zu sagen, fiel ihm Laura ungestüm ins Wort.

»Liebe Frau Baronin,« rief sie, »ich finde, daß ich etwas ganz Furchtbares gethan habe. Sie dürfen diesem Amerikaner unter keinen Umständen erlauben, auf Grund der Empfehlung des Hauptmanns Dubrowski im Hause zu bleiben, sonst kommt der Hauptmann schön in die Tinte. Es ist gar nicht unmöglich, daß der Yank ein Schwindler oder noch was Schlimmeres ist, und ich hätte Sie niemals überreden dürfen, ihn aufzunehmen.«

»Aber er ist ja schon da!« rief die Baronin, ganz erschrocken aufspringend. »Jetzt ist er oben mit seinem Gepäck beschäftigt. Zwei Riesenkoffer hat er mitgebracht, als ob er wenigstens einen Monat zu bleiben beabsichtigte.«

»Nicht eine einzige Stunde soll er bleiben,« sagte Miß Metcalf mit großer Entschiedenheit. »Verzeihen Sie mir, Frau Baronin, aber ich habe Sie in diese peinliche Lage gebracht, und es ist nicht mehr als billig, daß ich Sie auch wieder herauswickele. Wollen Sie so gut sein, Herrn Oberst Delaval hieher bitten zu lassen?«

»Das wird wohl überflüssig sein, Miß. Oberst Delaval steht vor Ihnen – Ihnen zu dienen,« sagte eine Stimme an der Thür, und als sich Laura umwandte, sah sie sich dem Gegenstand ihrer Besorgnis gegenüber. Fortescue rührte sich nicht, aber er hielt sich in Bereitschaft, denn im Gesicht des Amerikaners zeigte sich ein häßliches Grinsen, das dem jungen Engländer durchaus nicht gefiel. Delaval sah aus, als ob er Unannehmlichkeiten erwarte und darauf gefaßt sei, ihnen durch schroffes Auftreten und vielleicht durch Gewalt zu begegnen.

Allein Laura dachte an weiter nichts als an ihre Aufgabe, so daß sie nicht auf sein Aussehen achtete. Sie wollte ihn los werden, wo möglich mit Höflichkeit, wenn nicht, nun dann, wie sie sich selbst sagte, »mit dem Gegenteil«.

»O, wie geht's Ihnen denn, Herr Oberst Delaval?« begann sie freundlich. »Sie sind ein Freund des Hauptmanns Dubrowski, nicht wahr?«

»Boris und ich sind wie Brüder,« antwortete er, ohne indessen mildere Saiten aufzuziehen.

»Nun, dann wissen Sie wahrscheinlich auch, daß er mit Fräulein Vassili verlobt ist,« fuhr Laura fort. »Sie ist meine liebste Freundin, und natürlich nehme ich ein großes Interesse an ihrem zukünftigen Gatten. Ein erfahrener Herr – ein Mann von der größten Erfahrung in der Welt,« hier wandte Delaval sein grinsendes Gesicht mit einem fragenden Ausdruck Fortescue zu, »hat mir gesagt, daß der Hauptmann die größten Unannehmlichkeiten haben könne, wenn Sie auf seine Bekanntschaft gestützt hier im Hause blieben. Natürlich ist das nur albernes russisches Gewäsch, aber wir kommen eben nicht darum herum. Es ist mir greulich, daß ich Sie bitten muß – besonders da Sie sein Freund sind – aber können Sie uns nicht von Ihrer – von unsern Sorgen befreien, wollte ich sagen?«

Fortescue, der scharf beobachtete, merkte, daß Delavals Gesicht einen andern Ausdruck annahm, als er hörte, was von ihm verlangt wurde. Das Lächeln blieb, aber die Drohung verschwand, so daß nur harmloser Spott über mädchenhafte Unwissenheit zu sehen war. Dem jungen Attaché gab die Gleichgültigkeit zu denken, womit der Mensch, dem der Schurke so deutlich auf dem Gesicht geschrieben stand, diese unfreiwillige Aenderung seiner Pläne hinnahm.

»Bitte, kein Wort weiter. Ich möchte den Damen nicht lästig fallen, und wenn ich meine Dollars verdoppeln könnte,« antwortete der Amerikaner. »Wenn die Frau Baronin gütigst eine Droschke holen lassen will, werde ich mich sofort dünne machen. Es thut mir leid, daß ich mich aufgedrängt habe, und ich empfehle mich allerseits.« –

»Was sagt ihr nun zu meinem Takt? Werde ich nicht eine Botschafterin erster Güte abgeben?« rief Laura, indem sie sich den andern zuwandte, als sich die Thür geschlossen hatte. Aber nur ihre Mutter hörte sie, denn Fortescue sprach leise mit der Baronin, die eben nach dem Mädchen geklingelt hatte.

»Zwei Koffer, sagten Sie? Danke. Es ist vielleicht ganz gut, wenn wir uns überzeugen, daß er sie wieder mitnimmt,« war die der Baronin ganz unverständliche Bemerkung, womit er diese Antwort hinnahm. Dabei stellte er sich ans Fenster, wo er gleich darauf beobachtete, wie der Amerikaner die Verladung seiner beiden Koffer auf der Droschke überwachte. In demselben Augenblick erhaschte er einen Schimmer vom Inspektor Melton, der in einer zweiten Droschke langsam vorbeifuhr, die aber in beschleunigter Gangart weiter rasselte, als sich die, worin Oberst Delaval saß, in Bewegung setzte.

»Gut, er wird scharf beobachtet werden, aber es ist nicht mehr als billig gegen Volborth, ihn von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen,« sagte Fortescue bei sich, worauf er sich, sobald es der Anstand erlaubte, empfahl und nach dem Gasthofe zurückkehrte. Volborth war jedoch noch nicht wieder eingetroffen, und nachdem er sich vergewissert, daß »Herr Winkel« dort ein Zimmer genommen hatte und zum Essen wiederkommen wolle, setzte er sich hin, um zu warten.

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