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Um eines Haares Breite

Headon Hill: Um eines Haares Breite - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHeadon Hill
titleUm eines Haares Breite
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
projectidc06595ab
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Erstes Kapitel.
Am Vorabend der Abreise

General Granowitsch, der Chef der russischen Geheimpolizei, der gefürchteten dritten Sektion, saß im Privatzimmer seiner Amtsräume am Newskiprospekt und schrieb. Am nächsten Morgen wollte sein kaiserlicher Herr die Reise antreten, die seit Monaten der Gesprächsgegenstand von ganz Europa gewesen war, und auf Iwan Granowitschs Schultern lastete die Verantwortung für die Sicherheit des jungen Zaren und seiner reizenden Gemahlin.

Jetzt legte der General die Feder aus der Hand und berührte eine auf dem Tische stehende Handglocke.

»Ist Volborth noch nicht da?« fragte er den eintretenden Beamten.

»Herr Volborth ist im Wartezimmer,« lautete die Antwort.

»Dann schicken Sie ihn herein.«

Der Mann, der gleich darauf ins Zimmer des Chefs trat, war anscheinend ein Bauer, das Vorbild eines ungekämmten russischen Muschik, allein als er die Schwelle überschritt, war seine Haltung zuversichtlich und geschmeidig und zeigte keine Spur des kriechenden Wesens, das man von einem so gekleideten Menschen hätte erwarten sollen.

Der Chef lehnte sich in seinem Stuhle zurück und lächelte billigend.

»Aber wirklich, mein lieber Volborth, ich muß Ihnen meine Bewunderung über Ihre wahrhaft proteische Geschicklichkeit im Verkleiden aussprechen,« sagte er. »Diese Maske muß Ihnen ja Stunden gekostet haben.«

»Das ist die Strafe, die ich dafür bezahlen muß, daß ich den größten Teil meiner Arbeit in meiner eigenen Persönlichkeit auszuführen habe, Herr General,« antwortete Volborth in der Sprechweise eines fein gebildeten Mannes. »Mein Wert für die Sektion würde sich sehr vermindern, wenn ich beim Betreten dieses Hauses erkannt würde.«

»Das weiß ich sehr wohl,« entgegnete Granowitsch, »und es macht Ihrer Erfindungsgabe alle Ehre, daß Sie für die Welt im großen, vor allem für den Teil davon, womit wir zu thun haben, noch immer Paul Volborth, Schriftsteller aus Liebhaberei und Liebling der Gesellschaft, sind. Aber nun zur Sache. Es wäre mir sehr angenehm, wenn Sie mir Ihre Ansicht über die Sachlage aussprechen wollten.«

»Ich sehe nirgends Anzeichen, die das Aufgeben oder Aufschieben der kaiserlichen Reise rechtfertigen würden,« erwiderte Volborth. »In den verdächtigen Kreisen ist nicht die Spur von Bewegung oder Aufregung zu bemerken, und dem äußern Anscheine nach spricht alles für einen ganz ungewöhnlichen Zustand der Ruhe. Wenn ich Seiner Majestät raten wollte: ›Reisen Sie nicht!‹ so könnte ich keinen vernünftigen Grund für meine Meinung anführen, und doch – mache ich mir schwere, schwere Sorgen, Herr General. Gerade diese Totenstille in den Kreisen der Herrschaften vom Dolch und der Bombe macht mich besorgt. Sie ist zu unnatürlich.«

»Vor zwei Monaten, im Juni, herrschte Bewegung und Aufregung genug,« antwortete der General nach einer Pause, »und auch damals lag anscheinend kein Grund vor. Wäre es möglich, daß damals die Pläne und Ränke geschmiedet worden wären, die jetzt zur Reife gelangen sollen? Schon oft ist mir der Gedanke gekommen, daß das nur eine Scheinaufregung war, die den Zweck hatte, das Verschwinden gefährlicher Leute zu erklären, deren Arbeit jetzt beginnen soll – und zwar außerhalb unsres Machtbereichs.«

»Das ist eine Auffassung, die sich einem notwendigerweise aufdrängen muß, aber Sie wissen ja, daß die eifrigsten Nachforschungen unsrer auswärtigen Vertrauenspersonen nicht zur Entdeckung dieser Leute geführt haben,« entgegnete Volborth. »Weletzki, Serjow, Krasnowitsch und Anna Tschigorin sind, wie es scheint, vom Erdboden verschwunden. Und Dimitri Petrof, der Erzverschwörer und früher das thätigste Mitglied der Petersburger Abteilung, verhält sich ruhig wie ein Täubchen. Er umgibt sein Kommen und Gehen nicht mit dem geringsten Geheimnis, und es ist ihm nichts Verdächtiges nachzuweisen. Aber gerade das hat mich auf einen Gedanken gebracht.«

»Und der ist?«

»Daß sie ein neues Oberhaupt gewählt haben – irgend eine Persönlichkeit, gegen die noch niemals auch nur der geringste Verdacht vorgelegen hat, selbst hier bei der Sektion nicht,« erwiderte Volborth ernst. »Wenn sie einen großen Streich im Schilde führten, würde es für sie sehr wohl der Mühe wert sein, sich von Grund aus neu zu organisieren, um uns irrezuleiten. Das würde auch Petrofs gegenwärtige Ruhe erklären. Damit der Streich um so sicherer von einer bis jetzt ganz unbeargwöhnten Seite fallen kann, hat er seine Macht vielleicht in unsichtbare Hände gelegt und weiß möglicherweise selbst nichts von den Einzelheiten, den Untergebenen und allem übrigen.«

»Das ist eine Vermutung, die zur größten Vorsicht mahnt – die Möglichkeit, daß eine neue Verbindung von bisher unverdächtigen Leuten besteht,« rief der Chef. »Unablässige Wachsamkeit über Ihre Majestäten könnte diese allein vor solchen Menschen schützen, und ich muß nicht nur ihr Leben behüten, sondern sie auch vor dem Schrecken eines bloßen Versuches bewahren. Wie können wir einer solchen Gefahr entgegenarbeiten, Volborth, angenommen, sie bestehe wirklich?«

»Ich habe schon versucht, ihr entgegenzuarbeiten,« antwortete Volborth. »Das heißt, ich habe es mir seit einem Monat zur Aufgabe gemacht, jedermann für verdächtig zu halten – und, ich wiederhole es, ganz ohne Erfolg.«

Länger als eine Minute herrschte tiefes Schweigen im Zimmer, dann trat Granowitsch Volborth gegenüber.

»Lieber Freund,« sagte er, »niemand ist für diese Aufgabe geeigneter als Sie. Sie sollen Seine Majestät als erster Beamter der Sektion begleiten, aber natürlich nicht offen in dieser Eigenschaft. Die getroffenen Anordnungen bleiben bestehen. Restofski wird als sichtbares Oberhaupt der Polizei fungieren, die dem Gefolge zugeteilt ist, aber er wird unter Ihrem Befehle stehen. Auf ihn können wir uns unbedingt verlassen, und er hat schon früher Tüchtiges unter Ihnen geleistet. Sie sollen die Reise als amtlicher Berichterstatter mitmachen.«

»Ich stehe der Sektion vollständig zur Verfügung,« antwortete Volborth ruhig, »allein ich möchte mir doch erlauben, die Bedingung zu stellen, daß meine amtliche Eigenschaft so wenigen als möglich bekannt gegeben werde – etwa dem Fürsten Lobanof und dem ersten Adjutanten.«

»Eine sehr weise Vorsichtsmaßregel, die befolgt werden soll,« versetzte Granowitsch. »Ich werde Restofski sofort rufen lassen und ihm die Lage auseinandersetzen, und Sie selbst thäten wohl gut, noch eine letzte Umschau zu halten.«

»Von jetzt an bis zur Stunde der Abfahrt werde ich vollauf beschäftigt sein,« antwortete Volborth bedeutungsvoll. »Seh' ich Sie noch einmal vor der Abreise? Gut, dann empfehle ich mich Ihnen für jetzt, Herr General.«

In dem Augenblick, wo er die Schwelle des Zimmers überschritt, wurde sein Gang zu einem schleppenden Watscheln, das ganz im Einklang mit seiner Verkleidung stand. Als er das Vorzimmer und den Gang überschritt, machte er verschiedenen Beamten, die sich dort aufhielten, demütige Bücklinge, und obgleich sie alle seine hohe Stellung bei der Sektion kannten, hatten sie doch weiter nichts für ihn übrig, als den kalt gleichgültigen, starren Blick, den sie einem ächten Muschik hätten angedeihen lassen. Wenn auch nicht wahrscheinlich, so war es doch immerhin möglich, daß es selbst innerhalb der Amtsräume scharfe Augen gab, die diejenigen auszuspionieren suchten, deren Pflicht es war, zu spähen.

Volborth trat durch die große Hausthür auf die breite Freitreppe, die nach der Straße führte, und als er diese halb hinabgestiegen war, begegnete er einem Manne, der offenbar die Absicht hatte, in das Gebäude einzutreten. Der eine Blick, den Volborth unter seinen buschigen Augenbrauen hervor auf ihn richtete, sagte ihm, daß der Mensch, der das Bureau der Sektion aufsuchen wollte, weder Franzose, noch Russe war, wogegen der etwas auffallende Anzug auf einen zum Vergnügen reisenden Engländer oder Amerikaner schließen ließ. Seine Hautfarbe war frisch, beinahe rot, und sein sauber rasiertes Gesicht breit und gutmütig, obgleich Volborth ein seltsames Aufleuchten in den lächelnden Augen nicht entging, als der andre stehenblieb und ihn anredete.

»Sie da, können Sie mir sagen, ob dies das amerikanische Konsulat ist?« fragte der Fremde in einer Sprache und mit einem Tonfalle, die keinen Zweifel über seine Nationalität aufkommen ließen.

Allein Volborth, der sechs Sprachen wie ein Eingeborener beherrschte und ihn sehr wohl verstand, stieß nur ein undeutliches Grunzen aus und ging weiter, während der Fremde achselzuckend in der großen Thür verschwand.

»Das ist entweder ein sehr einfältiges, oder ein sehr verschmitztes Pröbchen eines reisenden Yankee,« murmelte Volborth, der in einiger Entfernung stehenblieb, um zu sehen, was nun geschehen werde. »Von einem Muschik erwartet doch kein vernünftiger Mensch, daß er englisch verstehe. Ich möchte wohl wissen, wie bald er seinen Irrtum gewahr werden wird – wenn es ein Irrtum war. – Aha, er ist schon aufgeklärt – und man hat ihm die Thür gewiesen.«

Der Amerikaner war nämlich wieder auf der Freitreppe erschienen, und zwar in Begleitung eines Beamten, der ihm augenscheinlich den Weg beschrieb, wonach sich der Fremde, der nach dem Konsulat gefragt hatte, dankend verabschiedete.

»Wart' einmal,« sagte Volborth für sich, »der alte Bratski hat den Dienst auf dem Gange vor dem Bureau, und von dem kann man wohl erwarten, daß er das Richtige thun und den ›Irrtum‹ feststellen wird. – So, das ist gut, da geht ja schon der ›Schatten‹.«

Ein unauffällig gekleideter Mensch war aus dem Gebäude hervorgekommen und dem Amerikaner gefolgt. Nachdem sich Volborth so überzeugt hatte, daß ein Späher der Sektion die Spur aufgenommen, watschelte er weiter und trat schließlich in ein im ärmeren Stadtteil gelegenes erbärmliches Haus, das kaum mehr war, als eine Hütte. Hier blieb er jedoch nicht lange, denn das Haus war nur eine der verschiedenen geheimen Zufluchtsstätten, die er in der Stadt hatte, um auf seinem Wege nach und von dem Bureau seine Verkleidung zu wechseln. Auch verließ er das Haus durch eine Hinterthür, jetzt wie ein kleiner Krämer gekleidet, und so schlug er den Weg nach den vornehmeren Stadtteilen ein. Seine eigne Wohnung, wo er offen als Paul Volborth – ein Mann von guter Herkunft, ein Mann von Welt und ein Schöngeist – lebte, lag an der Michaelstraße, und selbst hier trug er seiner Verkleidung Rechnung, indem er klingelte und mit seinem vertrauten Diener – ebenfalls ein Polizeibeamter – verhandelte, als dieser ihm öffnete. Hätten neugierige Augen den Herrn des Hauses beobachtet, so würden sie nichts gesehen haben, als einen schäbig gekleideten Krämer, der um Einlaß bat, und dessen Bitte nur widerstrebend gewährt wurde.

Einmal im Hause, eilte Volborth in sein Ankleidezimmer und begann, sich in seine wirkliche Persönlichkeit zu verwandeln, um die vom Chef der dritten Sektion gewünschte »letzte Umschau« zu halten. Während er den Anzug eines Herrn der feinen russischen Gesellschaft anlegte, war sein Gehirn eifrig damit beschäftigt, die wenigen Stunden, die ihm zur Verfügung standen, einzuteilen.

»Ja,« dachte er, während er sich im Spiegel betrachtete, »der schönen Palitzin muß ich einen Besuch machen, selbst auf Kosten einiger anscheinend wichtigeren. Auch wenn keine andern Gründe vorlägen, erforderte es der Anstand, daß ich ihr meine Aufwartung mache. Bah, es liegt kein andrer Grund vor, und doch ... ich weiß nicht ... Eine gewisse schattenhafte Unklarheit umgibt diese Dame, wodurch mein Instinkt gereizt wird und dieser hat mir schon häufig Gründe verschafft. Tarasch,« fügte er, seinem ernsten Bedienten zugewandt, der ihm beim Umkleiden behilflich war, rasch hinzu, »hast du das Briefchen zum Hauptmann Dubrowski von der kaiserlichen Garde gebracht?«

»Zu Befehl, gnädiger Herr. Der Herr Hauptmann lassen sich entschuldigen,« antwortete der Diener. »Er sei so sehr beschäftigt, daß er nicht schreiben könne, da er bis über die Ohren in den Vorbereitungen für die Reise Ihrer Majestäten stecke. Er hat mir aufgetragen, zu bestellen, er sei heute abend von der Fürstin Olga Palitzin zum Diner eingeladen.«

»Das festzustellen, mein guter Tarasch, war der Zweck meiner Einladung,« sagte Volborth für sich, befestigte eine Gardenia in seinem Knopfloch, während er ein Staubflöckchen vom Brustaufschlag seines Gehrocks schnippte, setzte den Hut auf und stieg auf die Straße hinab. Niemand würde in dem fein gekleideten Herrn einen Beamten der Geheimpolizei vermutet haben, der den ersten Schritt auf dem Wege that, welcher ihm die furchtbarste Verantwortlichkeit auferlegen sollte, die jemals einem Manne anvertraut war. Sein Alter mochte vierzig Jahre betragen, sein Gesicht zeigte, wenn es in Ruhe war, in hervorragendem Grade die gefühllose Kälte seines Volkes, und niemand würde ihm Eigenschaften zugetraut haben, die ihn so furchtbar für die machten, die er verfolgte: eine nie schlummernde Wachsamkeit, Vorsicht, die nur zuschlug, wenn sie ihrer Sache gewiß war, aber dann mit nie fehlender Sicherheit, und eine unerbittliche Unzugänglichkeit für Gefühle, die keine Gnade kannte. Mit einem Worte, Paul Volborth verdankte seine Erfolge der Hingebung an Pflichten, für die er seiner ganzen Veranlagung und seiner Neigung nach ganz hervorragend geeignet war. Hätte er seine Arbeit weniger geliebt, so würde er sie trotzdem infolge seiner angeborenen Geschicklichkeit dazu gut verrichtet haben, aber bei der Leidenschaft, die er dafür hatte, wurde er zu einem der wichtigsten Größen bei den Beratungen der Nihilisten, denn diese mußten bei allen ihren Plänen mit einer Unbekannten rechnen, die immer in ihrer Mitte zu sein schien, in die geheimsten Falten ihrer Seele eindrang und doch stets unfaßbar blieb.

Für einen solchen Mann war das Gefühl, vollständig im Finstern zu tappen und noch dazu in einem so wichtigen Augenblick wie dem gegenwärtigen, wo das Leben des Zaren davon abhängen konnte, daß Volborth die geheimsten Strömungen bekannt waren, ein anregendes Nervenreizmittel. Während er sich ankleidete, hatte er rasch die revolutionären Verbindungen der Hauptstadt vor seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen und war zu dem Entschluß gelangt, die wenigen ihm verbleibenden Stunden nicht damit zu vergeuden, seine Netze in Gewässer zu werfen, die schon gründlich ausgefischt waren. Lieber wollte er der Auffassung gemäß handeln, die er Granowitsch mitgeteilt hatte, und nach dem Faden suchen, der ihn zu der »neuen Verbindung« führen sollte.

»Fahren Sie mich nach dem Hause der Fürstin Palitzin,« befahl er dem Droschkenkutscher, der auf sein Zeichen vorgefahren war.

Wenige Augenblicke später stieg er, von zwei in die gelb und rote Livree des Hauses Palitzin gekleideten Bedienten geleitet, die Treppe des glänzenden an der Großen Morskaja gelegenen Hauses hinan. Als er den ersten Stock erreicht hatte, wurde er über einen Gang nach einer mit einem Vorhang bedeckten Thür geführt, die der ältere der Bedienten weit aufriß, indem er den Besucher meldete.

»Ah, Herr Volborth! Sie Pflichtvergessener und Ungetreuer! Endlich lassen Sie sich also einmal wieder herab, mich zu besuchen?« begrüßte ihn scherzhaft eine Dame, die ihm mit ausgestreckter Hand entgegenging.

»Nur fünf Tage habe ich mich fern gehalten, Fürstin,« antwortete Volborth, »doch sie sind mir wie Jahre vorgekommen.« Erst jetzt gewahrte er, daß sich noch eine dritte Person im Zimmer befand, ein Herr, der am Fenster stand und auf die Straße hinausschaute. »Ich bin sehr beschäftigt gewesen,« fügte Volborth, der es verstand, zu sehen, auch wenn er nicht nach der betreffenden Richtung schaute, ganz natürlich hinzu, ohne die Dame des Hauses merken zu lassen, daß das Erblicken dieser schweigenden Gestalt die Ursache seines Zusatzes war, »und ich komme jetzt nur, um Abschied zu nehmen.«

»Was? Sie verlassen Petersburg? O, Sie Flattergeist! Natürlich gehen Sie nach Paris?« sagte die Fürstin, ohne mehr Interesse zu verraten, als die Höflichkeit erforderte.

»Später auch nach Paris, aber morgen nach Wien im Gefolge Ihrer Kaiserlichen Majestäten,« antwortete Volborth schnell, um sich den Vorteil der Ueberraschung zu sichern. »Sie dürfen mir Glück wünschen, Fürstin; ich bin zum Berichterstatter über die Reise Ihrer Majestäten ernannt worden und gehöre zum Gefolge.«

Während des Bruchteils einer Sekunde zuckte eine Flamme in den Augen der Fürstin auf, dann brach sie in ein silberhelles, munteres Lachen aus.

»Sie sind eines der verzogenen Kinder des Glücks, und ich gratuliere Ihnen in der That, aber auch Ihren Majestäten, denn wenn ein so bunter Schmetterling wie unser Paul als Berichterstatter mitgeht, wird die Reise keine tragischen Ereignisse aufzuweisen haben. Allein ich vergesse meine Pflichten. Gestatten Sie mir, Ihnen einer meiner Freunde aus Amerika, der zum Vergnügen reist, vorzustellen! Kommen Sie her, Oberst Delaval, und machen Sie die Bekanntschaft eines Herrn, der schon jetzt mit Auszeichnung genannt wird und im Begriffe steht, neue Lorbeeren zu erwerben. Dies ist Herr Volborth, der den Kaiser auf der Reise begleiten wird.«

Mit Volborth hatte sie französisch, die Sprache der vornehmen Kreise von Petersburg, gesprochen; als sie jedoch den Herrn am Fenster anredete, bediente sie sich der russischen Sprache. Als sich der Fremde, ihrer Aufforderung folgend, umwandte, zeigte sich das blühende Gesicht des Amerikaners, der den scheinbaren russischen Muschik auf den Stufen der dritten Sektion englisch angeredet hatte.

»Tiefe Wasser ...,« dachte Volborth, der den andern Besucher schon im Augenblick seines Eintretens erkannt hatte. »Wenn er unsre Sprache spricht, warum hat er sie denn nicht gebraucht? Ebenso ist es auffallend für einen Amerikaner, daß er russisch, aber kein Französisch versteht.«

Die beiden Herren verbeugten sich und waren bald in einer lebhaften Unterhaltung über die Reise des Kaisers begriffen, wobei der Amerikaner eine natürliche, aber außerordentlich schlecht unterrichtete Neugier über diese an den Tag legte, während sich die Dame des Hauses mit leichtem Spotte an dem Gespräche beteiligte.

Die Fürstin Olga Palitzin, die Tochter eines der vornehmsten Häuser Rußlands, war eine auffallende Persönlichkeit. Obgleich sie volle siebenundzwanzig Jahre alt sein mußte, hatte sie sich doch eine seltene, beinahe kindliche Frische der Hautfarbe bewahrt. Ihre Züge waren fein und klar geschnitten, und sie verstand es, ihrem Antlitz stets den Ausdruck zu verleihen, der den Gefühlen, die sie gerade zur Schau tragen wollte, entsprach.

Alle ihre Bewegungen waren anmutig, und sie hatte eine eigentümliche gleichmäßige Stimme, die einen seltsamen Eindruck hervorbrachte; außerordentlich weich und wohllautend, war sie dabei so ruhig und ausdruckslos, daß es den Anschein gewann, als ob ihre Besitzerin weder lieben, noch hassen könne, noch überhaupt einer tieferen Empfindung fähig sei. Die Fürstin bewegte sich in den allerhöchsten Kreisen der Petersburger Gesellschaft und war in Wien und Paris ebenso zu Hause.

»Sie werden sehr artig sein müssen, Sie unartiger Paul,« sagte sie immer noch russisch, »denn wie ich höre, wird die Reise kaum etwas andres sein, als ein Ausflug von Polizisten mit unserm erhabenen Herrscher als Mittelpunkt. Der Name des Beamten von der dritten Sektion ist zwar strengstens geheim gehalten worden, aber mir hat ein kleines Vögelchen zugezwitschert, es sei Restofski.«

Volborth nickte gleichgültig zustimmend.

»Das habe ich auf meine Kosten schon erfahren,« sagte er mit einer sauersüßen Grimasse. »Kaum hatte ich meinen schriftstellerischen Auftrag erhalten, als ich vor Granowitsch geschleppt wurde, der in Gegenwart dieses Restofski mein ganzes Vorleben durchforschte. Man kann ein sehr treuer Unterthan sein, aber man braucht sich deswegen noch lange nicht auf Polizisten zu verstehen, allein dieser schien mir für seine Arbeit sehr geeignet zu sein ... wenn eine unverschämte Spürnase eine dazu notwendige Eigenschaft ist.«

Der Amerikaner hörte mit der Miene eines Fremden zu, der seine Kenntnisse bereichern will.

»Aber alle diese Vorsichtsmaßregeln,« mischte er sich in das Gespräch, »die Ihre Beamten für erforderlich halten, sind doch gewiß etwas theatralisch und überflüssig? Dieser Restofski, zum Beispiel, und seine Myrmidonen sind, wie ich glaube, wohl mehr zur Vergrößerung des kaiserlichen Gepränges da, als daß ihre Dienste wirklich notwendig wären.«

Volborth lachte lustig.

»Daß ich die am meisten gehätschelte unsrer Einrichtungen herabsetzen sollte, dürfen Sie nicht von mir erwarten, Herr Oberst,« sagte er, und dabei lag in seinem Tone gerade so viel versteckter Spott, daß man auf keine große Vorliebe für die Polizei bei ihm schließen konnte. »Aber im Ernst gesprochen, die Antwort auf Ihre Frage hängt von zwei Umständen ab: erstens, ob eine Notwendigkeit für Restofskis Dienste eintritt, und zweitens, ob Restofski vorkommenden Falles der Sache gewachsen ist. Ich bin nicht in der Lage, eine Meinung über diese beiden Punkte auszusprechen.«

Als er dies sagte, legte er einen ganz schwachen Nachdruck auf das persönliche Fürwort, und dieser kaum wahrnehmbare Nachdruck war einer der Köder, die er bei seiner listigen Fischerei auszuwerfen liebte, allein so scharf er auch aufpaßte, er konnte kein Zeichen entdecken, daß der Amerikaner oder die Fürstin darauf angebissen hätten.

Olga Palitzin spielte mit einem reich verzierten Papiermesser und stach im Scherze damit nach Volborth.

»Natürlich wissen Sie nichts von diesen Dingen, Paul,« sagte sie lachend. »Woher sollten Sie auch etwas wissen, wenn Oberst Delaval recht hat, daß es wahrscheinlich überhaupt nichts zu wissen gibt? Aber lassen Sie uns von etwas Interessanterem reden, als der gemeinen Brut der Nihilisten und Polizeispione. Wie unterhaltend Ihre Reise sein wird, Paul! Sie könnten den nötigen Stoff für ein Lustspiel sammeln, indem Sie das hübsche Idyll zwischen diesem zärtlichen Brautpaare, Boris Dubrowski und seiner Ehrendame, beobachten. Hat man wohl jemals von einem ähnlichen Glück gehört, wie dem, daß sie beide zum Gefolge befohlen sind? Keine Trennung, keine Thränen, kein möglicher Grund zur Eifersucht!«

Volborth zog die Augenbrauen in die Höhe und sah die Fürstin mit einem verständnisvollen Lächeln an. Kein in der Gesellschaft umlaufendes Gerücht entging ihm, und so wußte er auch sehr wohl, daß die schöne Ilma Vassili ihren Grund zur Eifersucht bereits gefunden hatte, und zwar in niemand anderm, als dem reizenden Weibe, das eben so leichtfertig über die Verlobung des Flügeladjutanten des Zaren gesprochen hatte. Der bevorstehende Bruch zwischen den beiden verlobten Gliedern der Hofgesellschaft, dessen Ursache Dubrowskis plötzliche Betörung durch Olga Palitzin sein sollte, war in aller Welt Munde.

»Für manche Naturen ist ein idyllischer Zustand nicht immer befriedigend,« bemerkte Volborth. »Vielleicht wird sich unser Freund, der jüngere Flügeladjutant, wenn er nur den Mond bei sich hat, nach der abwesenden Sonne sehnen.«

»Ach, haben Sie etwas gehört? Wird in den Klubs geschwatzt?« fragte Olga, der diese Anspielung auf ihre Eroberung offenbar Vergnügen machte. »Er ist ein thörichter Mensch, daß er so oft hierher kommt, und wenn er nicht morgen mit den Majestäten abreiste, müßte ich ihm das Haus verbieten. Daß bei Hofe gesagt wird, ich versuchte den Verlobten der Lieblingsehrendame der Zarina zu verlocken, sein Wort zu brechen, kann ich doch nicht dulden.«

»Hauptmann Dubrowski von der kaiserlichen Leibgarde,« meldete ein Lakai und riß die Thür auf.

Sporenklirren und Säbelrasseln begleiteten den Eintritt des Gegenstandes ihres Gespräches. Daß ihn die Fürstin nicht erwartet hatte, entging der unaufhörlichen Wachsamkeit Volborths nicht, jedoch war sie ebenso augenscheinlich der Lage gewachsen, denn während sie sich erhob, um ihren neuen Besucher zu begrüßen, warf sie dem Amerikaner einen Seitenblick zu, der deutlich den Befehl aussprach: »Gehen Sie!« und auch Volborth wurde ein bedauerndes Achselzucken zu teil, das ebenfalls auf eine unvermeidliche Trennung hinwies. Gehorsam empfahl sich Oberst Delaval, aber Volborth, der dem neu Eintretenden vertraulich zunickte, behauptete seinen Posten, denn es paßte ihm nicht, sich beim Verlassen des Zimmers einen Begleiter aufhalsen zu lassen.

Das gewöhnlich heitere und hübsche Gesicht des jungen Offiziers war bewölkt, als er die Hand der Fürstin ergriff.

»Ich bin trostlos, meine liebe Fürstin,« hob er an. »Ich kann Ihnen nur zehn Minuten zur Verfügung stellen, und leider muß ich sie dazu benutzen, Ihnen Lebewohl zu sagen.«

»Was? Sie wollen heute abend nicht bei mir speisen?« rief Olga aus, und diesmal glaubte Volborth einen metallischen Klang in ihrem sonst so gleichmäßigen Tone zu entdecken.

»Unglücklicherweise ist es mir unmöglich,« erwiderte Dubrowski betrübt. »Seine Majestät hat die Anwesenheit eines zweiten Adjutanten für heute abend befohlen, und ich bin an der Reihe zum Dienst. Ich kann nur gehorchen und – mein Pech verwünschen.«

Die Sitten der Gesellschaft ließen Volborth nur einen Ausweg offen. Er erhob sich und verabschiedete sich von der Fürstin, wobei er Dubrowski, der aber viel zu verstört war, als daß er darauf geachtet oder dessen Bedeutung verstanden hätte, ein munteres au revoir zurief. Olgas Verabschiedung war sehr höflich, aber sie sprach dabei so rasch, daß ihre Befriedigung über Volborths Gehen kaum verhüllt wurde.

»Aus dieser Abänderung des ursprünglichen Planes muß ich Nutzen ziehen,« dachte Volborth bei sich, als er die Thür hinter sich zuzog. »Welchen Zweck sie auch dabei gehabt haben mag, als sie ihn zum Diner einlud, sie wird ihn jetzt zu erreichen suchen – in den nächsten Minuten.«

Nachdem er einen raschen Blick den Gang hinauf und hinab geworfen und ein halbes Dutzend Schritte nach der Treppe zu gemacht hatte, kehrte er um und schlich auf den Fußspitzen nach der Thür zurück. Diese war mit einem schweren Vorhang bedeckt, und nachdem er hinter dessen samtene Falten geschlüpft war, legte er das Ohr an die Thürfüllung.

»Ich sage Ihnen, Olga, ich bin unglücklich über die Aussicht auf diese lange Trennung,« sagte der junge Adjutant ungestüm, »und um so unglücklicher, als ich nichts Bestimmtes über Ihre Empfindungen für mich aus Ihnen herausbringen kann. Obgleich Sie mich beinahe gegen meinen Willen dahin gebracht haben, Sie zu lieben, weiß ich doch heute nicht besser, als vor einem Monat, ob Sie meine Liebe erwidern. Ich würde alles aufs Spiel setzen: meine Laufbahn, die Gunst des Zaren, die Achtung meiner Freunde, ich würde mit Ilma brechen, wenn ich nur ...«

»Es ist aber mein dringendes Verlangen, daß Sie das nicht thun sollen – wenigstens jetzt noch nicht,« fiel ihm die Fürstin ins Wort, »jedenfalls nicht eher, als bis ich Ihnen eine bestimmte Antwort gegeben habe. Es liegen Gründe vor, die mir das augenblicklich unmöglich machen, aber wir wollen alles aufbieten, den Schmerz der Trennung zu mildern, zum Beispiel durch beständigen Verkehr mittels Briefen und Telegrammen. Jeden Tag, wenn Sie das wünschen.«

»O, das wird ja herrlich sein!« rief Dubrowski, eifrig auf den Vorschlag eingehend.

»Also hören Sie mich an,« fuhr Olga fort, wobei ihr Ton ungewöhnlich eindrucksvoll war. »Sie müssen mir während der kaiserlichen Reise ganz ausführlich Bericht über alles erstatten, was jeden Tag vorgeht, wobei Sie nicht vergessen dürfen, daß bei einer Veranlassung, die Sie so nahe angeht, die geringsten Einzelheiten Interesse für mich haben werden. Keine Liebesbriefe, wohlverstanden! Thatsachen sind das, was ich verlange, und Beschreibungen des intimen Lebens auf der Reise – ob sich die alte Gräfin Vassili ganz besonders albern benimmt, Restofski sehr widerwärtig ist, und so weiter; mit einem Worte, alles, was die Lästerzungen schwatzen nebst kleinen Nebendingen, wie Nihilistenanschlägen, als Zugabe.«

»Wie herrlich! Ihnen täglich zu schreiben, wird meinem ermüdenden, langweiligen Dienst einen neuen Reiz verleihen,« rief der junge Offizier begeistert.

»Aber das ist noch nicht alles,« fuhr die Fürstin mit steigendem Ernst fort. »Wo es, ohne Aufsehen zu erregen, möglich ist, müssen Sie mir hierher nach Petersburg oder sonst wohin, falls ich reisen sollte, die für den nächsten Tag in Aussicht genommenen Festlichkeiten und Unterhaltungen telegraphieren, so daß – lassen Sie doch meine Hand gehen, Sie thörichter Knabe – so daß ich mich im Geiste an Ihre Seite versetzen und alle Ihre Vergnügungen mitmachen kann.«

Wie ein Hecht nach einem Gründling, so schnappte Dubrowski nach diesem Vorschlage und versprach, die Fürstin über all sein Thun und Treiben, vergangenes und zukünftiges, in Kenntnis zu setzen, und hierauf verlor er sich in den leidenschaftlichen Beteuerungen seiner Liebe. Volborth behauptete seinen Platz hinter dem Vorhänge, bis Worte an sein Ohr schlugen, die den Abschied einleiteten, und er merkte, daß es Zeit für ihn war, sich aus dem Staub zu machen.

»Alles klappt,« sagte er bei sich, als er die Treppe nach der Straße hinabstieg. »Sie benutzt ihn als Werkzeug – als unschuldigen Berichterstatter über die Bewegungen der kaiserlichen Herrschaften. Ich wäre vollkommen gerechtfertigt, wenn ich Granowitsch eine kleine Mitteilung machte, die dahin führen würde, daß die Kommandierung dieses liebeskranken Narren zum Reisegefolge rückgängig gemacht und die schöne Olga mit einer Kette von Spionen der Sektion umgeben würde, aber ich glaube, das wäre ein falscher Zug. Besteht wirklich eine Verschwörung, so ist sie schon zu weit gediehen, als daß sie durch Ergreifung der Rädelsführer unterdrückt werden könnte. Die zur Ausführung bestimmten Männer und Frauen sind wahrscheinlich schon an Ort und Stelle, in Oesterreich, Deutschland, England, Paris, oder wo die Bombe platzen soll. Eine verfrühte Einmischung könnte wohl zu einer Aenderung ihrer Pläne führen, aber sie würde den Versuch der Ausführung nicht hindern. Nein,« war seine letzte Entscheidung, als er, nachdem er eine Weile in tiefe Gedanken versunken die Straße entlang gegangen war, eine Droschke anrief, um sich nach einem der Zimmer fahren zu lassen, wo er seine Verkleidungen vornahm, »hier will ich ihnen noch nichts in den Weg legen. Der gute Boris soll die Reise nur mitmachen. Ich will den Kampf an Ort und Stelle aufnehmen und das Otterngezücht mit einem Schlage vernichten. Wenn ich vorzeitig zugreifen wollte, würde ich sie nur warnen.«

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