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Um eines Haares Breite

Headon Hill: Um eines Haares Breite - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHeadon Hill
titleUm eines Haares Breite
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
projectidc06595ab
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Elftes Kapitel.
Gegenverschwörung

Auf dem linken Seine-Ufer in einer ruhigen Straße nicht weit vom Boulevard St. Germain liegt ein Bäckerladen, der in den ersten Tagen des Oktober 1896 glänzende Geschäfte machte. Die Straße wollen wir Rue Casse-Tête nennen, und der Eigentümerin des blühenden Geschäftes den Namen Grigot, Witwe Grigot, beilegen.

Aeußerlich ersah man diese Blüte an der vermehrten Zahl von Kunden. Die Straße ist so menschenleer, daß das vielleicht keiner ihrer Bewohner bemerkte, doch wenn sie es gethan hätten, so würden sie sich wohl über die Häufigkeit gewundert haben, womit sich die Glasthür öffnete und schloß, um Fremde eintreten zu lassen, die nicht in die Rue Casse-Tête gehörten, aber zu denken, daß der Ruf der elenden Bäckerei Leute aus andern Straßen hätte anziehen können, wäre ihnen nicht im Traume eingefallen, geschweige denn Leute in Pelzröcken und hohen Hüten.

Noch seltsamer aber war es, daß man diese neuen Kunden, obgleich sie zweifellos in den Laden gingen, nie wieder herauskommen sah – oder wenigstens erst nach ungewöhnlich langer Zeit. Und Pierre Grigot, der finster blickende Sohn der Witwe, mit dessen Namen das Gerücht schauderhafte Thaten zur Zeit der Kommune verknüpfte, stand den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein am Fuße der Treppe hinter der innern Thür, die den Laden vom Hause trennte, auf Posten.

Dienstag, den 7. Oktober, etwa zu der Zeit, wo die Straßenlaternen angezündet wurden, trat ein großer Mann, der von Kopf zu Füßen in einen Militärmantel gehüllt war, aber einen Civilhut trug, den er tief in die Stirn gezogen hatte, in den Laden und ging geradeswegs durch die innere Thür. Als er diese hinter sich geschlossen hatte, war er einen Augenblick von tiefer Dunkelheit umgeben, bis der Schein von Pierre Grigots Blendlaterne auf ihn fiel. Die Umrisse der plumpen Gestalt des Kommunarden, der die schmale Treppe sperrte, waren nur undeutlich sichtbar.

Einen kurzen Augenblick funkelten Pierres wilde Augen, als ob er im Zweifel sei, und dann verbreitete sich ein widerliches Grinsen in seinen abstoßenden Zügen.

» Bon soir, Monsieur,« gurgelte er. »Sie kommen nicht so häufig, als die andern, und deshalb habe ich Sie nicht gleich erkannt. Gehen Sie, bitte, nur hinauf; Madame erwartet Sie.«

»Ist sie allein?« fragte der Besucher und stieg die Treppe hinan, als er eine bejahende Antwort erhielt. Nachdem er an eine der Treppe gerade gegenüberliegende Thür des ersten Stocks geklopft hatte, bat ihn eine silberne Stimme, einzutreten, und er sah sich in einem schäbig ausgestatteten Zimmer, das größer war, als man hätte erwarten sollen, denn es erstreckte sich nicht nur über den Laden, sondern auch über die Wohnräume des Erdgeschosses. Die Fürstin Olga Palitzin ging ihm mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Sie guter Boris,« sagte sie mit einem leisen, girrenden Lachen. »Ich wußte, daß Sie Ihr Wort halten würden. Und ist Ihnen das Glück günstig gewesen bei Ihren Bemühungen? Haben Sie die Einlaßkarten erhalten?«

Dubrowski riß seinen Mantel auf und brachte mehrere schmale Schriftstücke zum Vorschein, die er auf den Tisch legte.

»Ja,« sagte er: »ich habe die Karten erhalten, und zwar auf die Namen, die Sie mir angegeben haben: aber ich hoffe, Sie werden sehr vorsichtig sein, Olga – um meinet-, wie um Ihrer selbst willen. Für einen Offizier des kaiserlichen Gefolges ist es ein sehr gewagtes Unterfangen – nur zur Befriedigung müßiger Neugier – Karten unter falschen Namen zu besorgen.«

Die Fürstin prüfte eifrig die Papiere, die »Mohrenheim« unterzeichnet waren und auch die Unterschrift des Pariser Polizeipräfekten trugen.

»Seien Sie nur unbesorgt: ich werde die Vorsicht selbst sein,« sagte sie fröhlich. »Ich habe so wie so eine lange Abrechnung mit diesem Schurken Delaval, aber es überstiege das Ertragbare, wenn mich der Verdacht, den ich um seinetwillen auf mich geladen habe, um das Vergnügen des Schauspiels bringen sollte, das zu sehen, ich lediglich hierhergekommen bin. Dieses Loch bewohne ich nur, um die Freude, meinen geliebten Zaren inmitten des Glanzes von Versailles zu sehen, unbelästigt genießen zu können.«

»Nun, Ihre Laune wird befriedigt werden,« antwortete Dubrowski, »aber noch einmal muß ich fragen: Sind Sie dieser Ihrer Freunde auch vollkommen sicher?«

Schelmisch schüttelte sie ihm die Papiere vor dem Gesicht, dann erhob sie sich auf die Fußspitzen, zog seinen Kopf herab und flüsterte ihm die Namen einiger der besten russischen Gesellschaft angehöriger Persönlichkeiten ins Ohr.

»Da, Sie thörichter Knabe: das müßte doch wohl Ihre Besorgnisse beschwichtigen,« sagte sie lachend. »Diese Leute stehen ja nicht, wie ich Aermste, unter einer unverdienten Wolke, aber sie ziehen es vor, spaßeshalber mein Inkognito zu teilen. So, nun erzählen Sie mir einmal, wie sich die Sache abspielen wird – wann der Zar in Versailles eintreffen soll, und wo der beste Platz ist, ihn und die liebe Kaiserin aus nächster Nähe zu sehen. Wie ich höre, soll Seine Majestät mager und sorgenvoll aussehen.«

»Ja, er sieht nicht ganz wohl aus,« stimmte Boris zu und begann sodann, den Plan des für den nächsten Tag in Aussicht genommenen Besuches in Versailles, womit die Festlichkeiten, die für den Zaren veranstaltet wurden, ihr Ende erreichten, mit allen Einzelheiten eingehend zu erklären. Die Fürstin stellte viele Fragen über Kleinigkeiten, so zum Beispiel, ob der Zar den grauen Ueberrock, der den Parisern während der letzten Tage so vertraut geworden war, tragen werde. Boris konnte ihr das nicht versichern, obgleich er es für wahrscheinlich hielt. Endlich erhob er sich, um zu gehen. Sein Benehmen war jetzt wie es während der ganzen Unterredung und auch bei einer früheren, die sie gehabt hatten, gewesen war, frostig, trotz der offenbaren Mühe, die er sich gab, höflich zu sein, und Olga erklärte sich das zweifellos mit seiner Verstimmung über die dreiwöchentliche Unterbrechung ihres Briefwechsels.

»Leben Sie wohl,« sagte er. »Ich muß mich beeilen, nach der Botschaft zurückzukehren, sonst werde ich vermißt.«

»Aha, von der schönen Ilma?« flüsterte die Fürstin mit einem herzlosen Lachen. »Wie steht's denn zwischen euch, mein lieber Boris? Ich habe ganz vergessen, darnach zu fragen.«

Während sie das sagte, beugte er sich über ihre Hand, und sie mußte bemerken, wie eisig kalt seine Berührung war.

»Für Sie und mich schickt es sich nicht, von Fräulein Vassili zu reden,« entgegnete er ernst, und ohne auf die halb höhnische Antwort zu warten, die sie ihm nachrief, schloß er die Thür hinter sich, eilte die Treppe hinab und schritt durch den Bäckerladen auf die Straße.

Allein es war nicht der Weg nach der russischen Botschaft, den er einschlug. Nachdem er den Pont des Arts überschritten und am Louvre vorbeigegangen war, trat er in ein sehr ansehnliches Haus nicht weit von der Rue Marcel. Als er im Thorwege verschwand, blieb ein dunkler Schatten, der ihm auf dem ganzen Wege von der Rue Casse-Tête gefolgt war, einen Augenblick auf dem Bürgersteige stehen und setzte sich dann in großer Eile nach der russischen Botschaft in Bewegung.

Dubrowski stieg in den zweiten Stock hinauf und klopfte an die Thür einer der kleinen Wohnungen dort. Nach sehr kurzer Zeit öffnete ihm Fortescue selbst die Thür, der aus triftigen Gründen vorgezogen hatte, ein gemütlich ausgestattetes Wohnzimmer nebst Schlafstube zu mieten, statt in einen Gasthof zu gehen. Der Welt gegenüber war die Aufgabe, die ihn nach der französischen Hauptstadt geführt hatte, dieselbe wie in Breslau, obgleich, wenn es seine Pflicht war, den Empfang des Zaren mit amtlichen britischen Augen zu beobachten, er diese auf eine seltsame Art erfüllte. Seit er vor drei Tagen in Paris eingetroffen war, hatte er seine Wohnung nicht einmal verlassen, selbst zu den Mahlzeiten nicht, die ihm von einer nahe gelegenen Wirtschaft ins Haus gebracht wurden.

»Nun, mein Freund, sind Sie im Bäckerladen gewesen? Haben Sie ihr die Karten ausgehändigt?« fragte er. »Das ist gut. Und Sie glauben nicht, daß die Fürstin an Ihrem Betragen etwas auszusetzen hatte? Sind Sie auch liebenswürdig genug gewesen?«

»Ein Schauspieler bin ich nicht, aber ich habe mein Möglichstes gethan,« antwortete Boris fest. »Beinahe hätte ich freilich zu guter Letzt alles verdorben, als sie höhnisch von Ilma sprach. Wenn ich auch ein ungetreuer Bräutigam war, so wäre ich doch fast vor Wut erstickt, als ich hörte, wie sie diesen reinen Namen so leichtfertig über ihre mörderischen Lippen brachte.«

»Das von Ihnen zu hören, freut mich,« sagte Fortescue, »aber ich hoffe, es gelang Ihnen, Ihre Empfindungen für den Augenblick zu verbergen, Dubrowski, und daß Sie kein so wütendes Gesicht machten, als Sie es bei der Erinnerung thun.«

Das vertrauliche Benehmen des Engländers war jetzt wie das eines Freundes gegen einen Freund, und es lag nichts mehr von dem geringschätzigen Tone darin, den er in Blairgeldie angeschlagen hatte. Das verstand der junge Russe auch sehr gut, und seine Dankbarkeit dafür, daß ihn sein neuer Verbündeter nicht so sehr verabscheute, wie er selbst es that, ging aus seinem traurigen Lächeln hervor.

»Sie hat nichts gemerkt; ich ging fort, als mich die Wut fast übermannte,« erwiderte er, »und wenn auch, so würde sie meine Verstimmung nur dem Umstande zuschreiben, daß sie mich in letzter Zeit so vernachlässigt hat. Das ist eine neue Erfahrung für Olga Palitzin. Sie ist sich ihrer Herrschaft über die Männer zu sehr bewußt, als daß sie Auflehnung von einem fürchtete, den sie einmal in ihren Banden gehalten hat – besonders von einem so blinden Thoren, wie ich es gewesen bin.«

»O, mein Freund, Sie müssen Mut haben und sich nicht gar so sehr herabsetzen,« begann Fortescue, als er durch ein Klopfen an der äußeren Thür unterbrochen wurde. Rasch einen Revolver, der auf dem Tische lag, in die Tasche steckend, ließ er seine Hand auf der Waffe ruhen, während er mit der andern den Riegel zurückschob und die Thür ein ganz klein wenig öffnete. Dann aber riß er sie weit auf, wechselte einige Worte mit dem Boten, der ein umfangreiches Paket überbrachte, und verriegelte die Thür wieder.

»Diesmal war die Vorsicht unnötig,« sagte er lächelnd. »Wenn Sie mich einen Augenblick entschuldigen wollen, werde ich dies ins andre Zimmer tragen,« schloß er und verschwand mit dem Paket im Nebenzimmer, aus dem er sofort wieder hervortrat. »Und nun, Dubrowski, haben Sie Ihren Teil ausgeführt, und es bleibt für Sie weiter nichts zu thun, als das Ergebnis abzuwarten,« sagte er. »Was ich vorhabe, hat, wie Sie wissen, den Zweck, den Gefahren ein Ende zu machen, die Miß Metcalf bedrohen, aber wenn Sie mittelbar aus dem, was kommen wird, Nutzen ziehen, so wird sich niemand mehr freuen als ich.«

Als er diese Worte sprach, verriet sein Ton, daß er die Unterredung abbrechen wollte, weshalb Boris seinen Mantel anzog und dem Attaché die Hand drückte.

»Sie sind mein Freund gewesen, was auch immer das Ergebnis sein mag,« sagte er warm. »Aber verzeihen Sie mir, wenn ich Sie noch einmal frage,« fügte er sodann hinzu, als ihm Fortescue die Thür öffnete, um ihn hinauszulassen, »ob Sie ganz sicher sind, daß in den Verabredungen, die Sie mit Restofski in Hinsicht auf die Verhaftung getroffen haben, auch wirklich keine Gefahr für den Zaren liegt.«

»Seien Sie nur ganz unbesorgt in dieser Beziehung,« erwiderte Fortescue. »In dem verhängnisvollen Augenblick wird Seine Majestät in voller Sicherheit in seinen Gemächern im Schlosse ruhen – eine halbe Meile vom Schauplatze entfernt. Sie, die Sie die Genauigkeit kennen, womit der vorher festgesetzte Plan ausgeführt wird, sollten sich deswegen keine Sorgen machen.«

»Und Sie selbst? Werden Sie zugegen sein, wenn diese Erzverräterin und ihre Bande ergriffen werden?«

»Ich werde es wenigstens versuchen, aber Sie dürfen nicht mit Bestimmtheit auf mich rechnen, da ich mich nicht in amtlicher Eigenschaft bei der Sache beteiligen kann,« sagte der Engländer. »Seien Sie nur zur bestimmten Zeit am verabredeten Orte, und Sie werden sehen – was Sie sehen werden.«

Sowie der Adjutant gegangen war, zog sich Fortescue in sein Schlafzimmer zurück und besichtigte den Gegenstand, den er erhalten hatte, jedoch ohne die Verpackung zu öffnen. Er war ziemlich umfangreich und mit einem starken Bindfaden umschnürt, dessen Knoten, wie er mit Befriedigung bemerkte, versiegelt waren. Nachdem er das Paket mit den Augen gemessen hatte, verwahrte er es in der untersten Schieblade seiner Kommode und schloß diese ab.

»Dort wird es sicherer sein, denn wenn ich mich nicht irre, so werden sich sehr bald scharfe Augen hier umsehen,« sagte er bei sich. »Daß der reuige Jüngling von der Rue Casse-Tête bis hierher beobachtet worden ist, läßt sich mit ziemlicher Sicherheit annehmen, und Volborth wird demnach wohl gleich erscheinen, um den Grund von Dubrowskis Besuch bei mir zu erfahren.«

Wirklich wurde in demselben Augenblick an die Thür geklopft, und Fortescue ließ den obersten Beamten der Sektion mit denselben Vorsichtsmaßregeln ein, die er vorhin beobachtet hatte. Jetzt trug Volborth keine Verkleidung, und mit der Gardenia im Knopfloch und dem flotten Spazierstöckchen sah er aus, als ob er den Nachmittag auf den Boulevards verbummelt haben könnte, was jedoch keineswegs der Fall war, denn noch konnte er nicht aufatmen.

»Ist Dubrowski hier gewesen?« fragte er nach kurzer Begrüßung.

»Ja, setzen Sie sich, und ich will Ihnen alles erzählen,« antwortete Fortescue, wobei er innerlich hinzufügte: »Ich muß dich hineinlegen, Paul – zu deinem eigenen Besten –, ohne dir etwas vorzulügen, und das wird alle meine Zeit in Anspruch nehmen. – Unser Boris hat sich erkundigt, was ich morgen zu thun beabsichtige,« fügte er laut hinzu, »und ob er mich vielleicht in Versailles sehen werde.«

»Das wußte ich,« war Volborths überraschende Versicherung, die er jedoch dadurch etwas einschränkte, daß er fortfuhr: »Wenigstens war das die natürliche Schlußfolgerung aus seiner Beschäftigung heute nachmittag. Zu Ihnen ist er geradeswegs nach einem halbstündigen Besuche bei Olga Palitzin in ihrem Centrum Nr. 5 gekommen.«

Fortescue hatte sich aufs Sofa geworfen, allein als er dies vernahm, richtete er sich auf.

»Das zu hören, ist mir gar nicht behaglich,« sagte er. »Wie lange wollen Sie mich denn noch der Empfindung, gehetzt zu werden, aussetzen, Paul? Ich hatte mich in dem Glauben getröstet, daß diese Menschen meine Wohnung in Paris nicht entdeckt hätten.«

»Jetzt, wo ihnen Dubrowskis Hirn zum Auspumpen zur Verfügung steht, kennen sie sie wahrscheinlich,« erwiderte Volborth, »und ich bin gerade deshalb hierhergekommen, um Sie zu doppelter Vorsicht zu ermahnen. Ich wollte, Sie wären von Paris fortgeblieben, Spencer. Ihre Anwesenheit hier verzehnfacht meine Sorge.«

Der Vorwand eines »Regierungsauftrages« würde Volborth gegenüber nicht gezogen haben, und deswegen hatte Fortescue seine Reise damit erklärt, er wolle die Nihilisten von Laura auf sich ablenken. Das war auch die Wahrheit, wenn auch nicht die ganze Wahrheit.

»Nun, ich halte mich ziemlich ruhig zu Hause,« sagte er. »Und was ist denn jetzt Ihre Annahme in Hinsicht auf Olgas Pläne, Paul? Was hat ihre Wiedervereinigung mit Dubrowski zu bedeuten?«

»Unheil, ohne Zweifel, obgleich es mir noch nicht gelungen ist, festzustellen, ob sie es auf Sie abgesehen haben, oder auf höheres Wild,« antwortete Volborth. »Wahrscheinlich beides, denn eins kann ich Ihnen mitteilen, wobei ich auf Ihre Verschwiegenheit rechne: Dubrowski hat für die ganze Bande unter falschen Namen Einlaßkarten besorgt, die ihnen den Zutritt zu den Terrassen und zum Park von Versailles verschaffen. Die Majestäten und die Verschwörer werden indessen so streng voneinander getrennt gehalten werden, daß ich keine Gefahr für diese besorge, aber ich hoffe, Sie werden sich nicht dort blicken lassen, Spencer.«

»Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, Paul, macht es mir kein besonderes Vergnügen, gehetzt zu werden,« entgegnete Fortescue, und noch ehe ihn Volborth zu einer genaueren Angabe über seine Absichten drängen konnte, wechselte er den Gegenstand der Unterhaltung und sprach von seiner Sorge für Laura Metcalf.

»Sie brauchen sich wegen Miß Metcalfs gegenwärtig nicht zu beunruhigen,« beeilte sich Volborth zu versichern, der gegen jede Andeutung, daß er Laura Gefahren aussetze, sehr empfindlich war. »Alle thätigen Mitglieder der Bande sind hier in Parks und stehen unter sorgfältiger Ueberwachung. Die Palitzin selbst, Anna Tschigorin, Weletzki, Krasnowitsch, Serjow und Delaval werden von Restofski beobachtet, und dessen Leute stehen in Verbindung mit der französischen Polizei. Wenn es ihnen hier fehlschlägt, wird es Zeit genug sein, sich wegen Blairgeldies Sorgen zu machen, und auch dann nur, wenn es ihnen gelingt, sich zu teilen.«

Fortescue zog ein sehr schiefes Gesicht und antwortete mit einer Eindringlichkeit, die ihren Zweck insofern erreichte, als man sich später ihrer erinnerte:

»Eine erst in Aussicht stehende Gefahr ist nicht angenehmer als eine schon vorhandene, wenn sie ein Mädchen bedroht, das man liebt – das müssen Sie doch einsehen, Volborth. Indem Sie es ablehnen, diese Leute zu verhaften, bevor es Ihnen paßt, haben Sie sich geweigert, diese Gefahr zu beseitigen, und da ich ehrenhalber die Verhaftung nicht hinter Ihrem Rücken in England vornehmen lassen wollte, kann es nichts nützen, diese Sache noch weiter zu besprechen.«

Der Unterhaltungsgegenstand war Volborth nicht angenehm, und er erhob sich, um zu gehen. Fortescue machte auch keinen Versuch, ihn zu noch längerem Bleiben zu nötigen, und entschuldigte die Bereitwilligkeit, womit er die Thür öffnete, mit der Bemerkung, daß sie sich wahrscheinlich am Abend noch sehen würden, da er zum Diner nach der englischen Botschaft gehe und mit der Gesellschaft des Botschafters die Festvorstellung im Théâtre Français zu besuchen beabsichtige.

»Miß Metcalf hat mich mit einer Bestellung an Fräulein Vassili beauftragt – kein Hochverrat, nur eine Mädchenangelegenheit – die ich dort ausrichten zu können hoffe,« erklärte er.

»Von den Leuten der Botschaft umgeben, werden Sie wohl sicher sein, sollte ich denken,« meinte Volborth, »und im Innern des Theaters ist keine Möglichkeit der Gefahr, aber seien Sie vorsichtig, wenn Sie nach Hause gehen.«

Als Volborth sich entfernt hatte, warf sich Fortescue auf einen Stuhl und erlaubte sich ein herzliches Lachen.

»Wo es sich um rücksichtsloses, kaltblütiges Wegwerfen von Menschenleben im Dienste einer Sache handelt, geht nichts über das russische Polizeisystem,« sagte er bei sich. »Da haben wir nun einen Mann, der, wie ich aufrichtig glaube, für mich so viel Zuneigung fühlt, als er überhaupt zu fühlen fähig ist: er kennt meine Gefahr, und doch will er keinen Finger rühren, weil – weil es ihm nicht in seinen Kram paßt.«

Einige Zeit blieb er in tiefes Nachdenken versunken sitzen.

»Nun, ich habe ihm wenigstens nichts vorgelogen,« sagte er sodann, als er sich erhob, um den Gesellschaftsanzug anzulegen. »Ich glaube, jeder unparteiische Engländer würde zugeben, daß mein Zweck meine Mittel rechtfertigt.«

Die Festvorstellung zu beschreiben, haben wir keine Veranlassung. Der einzige Teil, womit wir etwas zu thun haben, ist der Augenblick, wo Mounet Sully das Begrüßungsgedicht an den Zaren und die Zarina vortrug. Als sich die Begeisterung der Zuschauer etwas gelegt hatte, die durch die schamlosen Schmeicheleien, welche der Reimeschmidt den russischen Majestäten ins Gesicht schleuderte, hervorgerufen wurde, schlich sich Fortescue von seinem Platze und suchte den hinter den Logen des ersten Ranges herführenden Gang auf, wo er Ilma Vassili fand, die schon auf ihn wartete.

»Ich kann nur einen Augenblick bleiben, sonst wird mich meine Mutter vermissen, die mit dem Grafen Woronzoff in dieser Loge sitzt,« sagte sie, auf eine Thür zeigend.

»Ein Augenblick ist auch hinreichend, denn ich habe alles aufgeschrieben,« erwiderte Fortescue, indem er ihr einen versiegelten Brief übergab. »Alles, was ich von Ihnen erbitte, ist, daß Sie die in dem Briefe enthaltenen Anweisungen ausführen. Sind Sie Ihres Blutes sicher, gnädiges Fräulein?«

»Handelt es sich nicht um meine geliebte Herrin, um Laura, um Sie und auch ein wenig um den armen Boris?« fragte sie mit einem ernsten Lächeln. »Ja, an meinem Mute soll's nicht fehlen: das brauchen Sie nicht zu fürchten.«

»Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht, Fräulein Vassili, und möge uns der morgende Tag Glück bringen!« sagte Fortescue, als er sie verließ, um auf seinen Platz zurückzukehren.

Dort blieb er bis zum Schlusse der Vorstellung, ohne daß er von Volborth etwas gesehen hätte, weder in einer der dem russischen Gefolge überwiesenen Logen, noch unter den unverkennbaren Mouchards – russischen und französischen –, von denen es in allen Gängen und Vorsälen wimmelte. Als er jedoch das Theater mit zwei Attachés der Botschaft verließ, berührte ihn jemand am Arme und schob ihm ein zusammengelegtes Papier in die Hand. Es trug die Worte: »Vorsicht! Wir haben Delaval aus den Augen verloren!«

»So, so, mein Freund Volborth,« murmelte er, als er die Richtung nach dem nächsten Telegraphenamt einschlug, »daß Sie gerade heute abend gelehrt werden, wie wenig unfehlbar Sie sind, paßt mir ganz gut, aber ich muß die Fahnder in Blairgeldie benachrichtigen, für den Fall, daß der ›Yank‹, wie Laura ihn nennt, dorthin zurückgekehrt wäre.«

Der Gedanke an diese Möglichkeit nahm ihn völlig in Anspruch, und erst nachdem er eine beträchtliche Strecke sehr in Gedanken versunken zurückgelegt hatte, fiel ihm wieder ein, daß er auf seine Umgebung achten müsse. Beinahe in demselben Augenblick wurde er gewahr, daß ihm jemand folgte, und als er, ohne seine Eile zu mäßigen, den Kopf wandte, erkannte er, daß sein Besuch auf dem Telegraphenamt doch nicht so dringend notwendig war, denn eine sehr willkommene Gaslaterne ließ ihre Strahlen voll aufs Gesicht des ihm folgenden Menschen fallen und zeigte ihm die breiten Züge Delavals.

Die Straße, die Fortescue eingeschlagen hatte, um den Weg abzukürzen, war sehr ruhig und führte zu noch stilleren Nebengassen, wo, wie er glaubte, ein Angriff auf ihn gemacht werden sollte. Anscheinend gleichgültig wanderte er weiter, wobei er seinen Plan entwarf, den er sogleich dadurch zur Ausführung brachte, daß er um die nächste Ecke bog und in den ersten sich ihm darbietenden dunkeln Hauseingang schlüpfte. Dort, so sagte er sich, wollte er warten, bis sein Verfolger an ihm vorüber wäre, und während Delaval dann betroffen stehen bleiben würde, wollte er wieder herausschlüpfen, um so rasch als möglich die Helligkeit der Boulevards zu erreichen, wo er sich leicht unter der Menge verlieren konnte.

Zwanzig, vierzig, sechzig Sekunden gingen vorüber, bis Delaval um die Ecke kam und so dicht an seinem Opfer vorüberstrich, daß diesem der üble Duft seines nach Schnaps riechenden Atems deutlich wahrnehmbar war. Er ging ein Dutzend Schritte weiter, blieb dann zweifelnd stehen und begann, langsam zurückzukommen, wobei er in die Hauseingänge schaute und alle paar Schritte Halt machte, um zu lauschen. Fortescue erkannte, daß der Augenblick für ihn gekommen war, und schon war er im Begriffe, auf die Ecke loszurennen, als etwas vorfiel, das ihn atemlos festbannte. Zwei große Gestalten glitten an ihm vorüber, sein Auge sah das Blitzen von Stahl, und als die beiden gleich darauf Delaval erreichten, hörte Fortescue die in irischer Mundart gesprochenen Worte: »Verräter! Das ist für Boulogne!«

Und eine andre Stimme fügte hinzu: »Und das für die, die du in Antwerpen verraten hast!«

Nun folgte ein schwaches Aechzen, und Fortescue, der sich nicht länger zurückzuhalten vermochte, lugte aus seinem Versteck hervor und sah, wie sein Verfolger schlaff und leblos auf dem Pflaster lag. Die beiden Männer kehrten zurück, und Spencer, der merkte, daß er gesehen worden war, wartete einen Augenblick.

»Wir haben Ihnen eine kleine Unannehmlichkeit erspart,« sagte der erste der Männer, seinen Hut lüftend, als sie ihn erreicht hatten. »Was seine Gründe waren, geht uns nichts an, aber der Herr dort wollte Ihnen geben, was er jetzt selbst erhalten hat. Wäre es zu viel verlangt, wenn wir Sie bäten, keinen Lärm zu machen?«

»Ich will nichts gesehen haben, aber ich möchte Ihnen denn doch raten, sich dünne zu machen,« erwiderte Fortescue. »Sie haben mich allerdings aus einer Klemme befreit – wenn auch, wie ich wohl voraussetzen darf, nicht aus Liebe zu mir.«

»Wir wissen weiter nichts von Ihnen, als daß jedermann, der dieses toten Schurken Feindschaft auf sich gezogen hat, unsre Hochachtung verdient,« erwiderte der Sprecher. »Dies ist die Frucht einer unglückseligen Verbindung rein irischer und festländischer Angelegenheiten. Er hat den Interessen der falschen Seite gedient und seine Landsleute der englischen Polizei verraten, erstens, wie wir glauben, um seine eigene Haut zu retten, und zweitens, um eine Verschwörung zu fördern, womit nur Fremde zu thun haben. Nicht eines Mordes Zeuge sind Sie gewesen, sondern der einer Hinrichtung – auf Befehl der irischen revolutionären Brüderschaft.«

Mit einer theatralischen Gebärde lüftete der Sprecher nochmals den Hut, ergriff seinen Gefährten am Arm und verschwand im Düster der gegenüberliegenden Nebenstraße. Auch Fortescue beeilte sich, die gefährliche Nachbarschaft der auf dem Pflaster liegenden leblosen Masse zu verlassen.

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