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Um eines Haares Breite

Headon Hill: Um eines Haares Breite - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHeadon Hill
titleUm eines Haares Breite
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
projectidc06595ab
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Zehntes Kapitel.
Im Schatten des Gebüsches

»Lassen Sie uns folgen und sehen, was den Herrn hierherführt,« sagte Volborth, sowie der Adjutant vorüber war. »Ach, mein Freund, daß Sie mir diese Zahl aus meinen Berechnungen gestrichen haben, könnte wirklich die Ursache einer Verstimmung zwischen uns sein, wenn ich zum Streite geneigt wäre. Aber es war ehrlich von Ihnen, daß Sie es mir wenigstens gesagt haben. Und mit dem Geheimschriftschlüssel und der Beschreibung der Leute aus der Rue St. Pol haben Sie alles mehr als wieder ausgeglichen, so daß Sie schließlich noch etwas bei mir zu gute behalten.«

»Ich hoffe, daß das, was Sie meinen irregeleiteten Eifer nennen, seinen Zweck erreichen wird,« entgegnete Fortescue. »Sie haben es doch jetzt nicht mehr nötig, diesen jungen Fant ins Unglück zu bringen?«

»Sie kennen ja unser System,« antwortete Volborth. »Ueber den Anschlag in Breslau kommen wir nicht hinaus, und wir machen keinen Unterschied zwischen unwissentlichen und wissentlichen Missethätern. Er hat mit dem Feuer gespielt, und wenn der Tag der Abrechnung kommt, muß er die Folgen seines Handelns auf sich nehmen.«

Ein weiteres Gespräch über diesen Gegenstand war unmöglich, denn sie näherten sich dem Haupteingang, wo Dubrowski, der schon aus dem Sattel gesprungen war, vergeblich versuchte, dem alten Haushofmeister sein bestes Pariser Französisch verständlich zu machen.

»In dieser Verkleidung hat er mich noch nicht gesehen: und ich bin jetzt wieder Winkel,« flüsterte Volborth. »Bieten Sie sich ihm als Dolmetscher an.«

»Verzeihen Sie, mein Herr, aber vielleicht werden Sie mir gestatten, Ihren Wunsch zu verdolmetschen,« sagte Fortescue in französischer Sprache, indem er den Hut lüftete und vortrat, neugierig, ob sich Boris ihres Zusammentreffens in Breslau erinnern werde. Der Adjutant des Zaren war damals jedoch zu ärgerlich gewesen, als daß er auf fremde Gesichter geachtet hätte, und als er jetzt den Gruß des Engländers erwiderte, ließ nichts darauf schließen, daß er ihn erkannt hätte.

»O gewiß, ich nehme Ihr freundliches Anerbieten mit Dank an, mein Herr,« antwortete er. »Ich versuchte, diesem würdigen Diener klar zu machen, daß ich einen Brief der Kaiserin von Rußland bringe, den ich Ihrer Majestät Ehrendame, Fräulein Vassili, die bei Sir Metcalf zum Besuch ist, zu eigenen Händen zu übergeben habe.«

Mit dem Vorrecht eines zukünftigen Schwiegersohnes gab Fortescue einem Reitknecht ein Zeichen, das Pferd nach dem Stalle zu bringen.

»Ich werde Sie selbst zu Fräulein Vassili führen,« sagte er hierauf. »Erst vor wenigen Minuten habe ich sie auf dem Tennisplatze verlassen. – Wollen Sie warten?« fragte er, indem er sich Volborth zuwandte.

»Nein,« antwortete dieser. »Ich bin nur hierhergekommen, um Sie zu warnen. Wenn Sie selbst ebenso vorsichtig sein wollen, wie andre über Sie wachen werden, wird alles gut gehen.«

Mit einer linkischen Verbeugung, die auch Dubrowski und dem Bedienten galt, drehte sich der verkleidete Polizeibeamte um und entfernte sich auf dem Fahrwege.

Ueber gleichgültige Gegenstände plaudernd, führte Fortescue den Adjutanten an den Rand des Rasenplatzes, wo Ilma an Lady Metcalfs Seite in einem Hängemattenstuhle saß. Der Umstand, daß Dubrowski in dienstlichem Auftrage kam, milderte das Peinliche der Lage etwas für ihn, und er trat mit der Sicherheit, die ihm der kaiserliche Befehl gab, vor seine Braut.

»Ihre Majestät die Zarina hat mich allergnädigst beauftragt, Ihnen dies zu überbringen, mein gnädiges Fräulein,« sagte er, indem er ihr den Brief überreichte, »und ich habe den Befehl, auf Ihre Antwort zu warten.«

Obgleich Lady Metcalf den Hauptmann Dubrowski noch nicht kennen gelernt hatte, kannte sie ihn dank ihres guten Platzes in Breslau doch sehr wohl von Ansehen, und sie war erstaunt, daß Ilma ihren Verlobten nicht vorstellte. Statt dessen erbat die Ehrendame die Erlaubnis, ihren Brief zu lesen, erbrach ihn und überflog den Inhalt. Dubrowski war einige Schritte zurückgetreten, und obwohl alle Augen auf ihm ruhten, plauderte er in vornehmer Ungezwungenheit mit Fortescue. Dieser, der die Kunst verstand, zwei Angelegenheiten auf einmal zu besorgen, beobachtete Ilma beim Lesen und sah, wie sich ein tiefes Rot auf ihrem schönen Antlitz verbreitete. Noch lange, ehe sie zu Ende war, begann sie, sich ärgerlich auf die Lippen zu beißen, und als sie die Unterschrift erreicht hatte, war ihre Stirn finster zusammengezogen.

Allein für sie gab es dem Willen der Schreiberin gegenüber keinen Widerspruch, und sie reichte den Brief der Dame vom Hause.

»Die Sache geht eigentlich mehr Sie an, liebe Lady Metcalf,« sagte sie dabei mit einem gezwungenen Lächeln, »denn die Antwort an Ihre Majestät hängt von Ihnen ab.«

Lady Metcalf setzte ihren goldenen Kneifer auf und begann einen unerschrockenen Kampf gegen das kaiserliche Französisch, wobei Fortescue beobachtete, daß das Schreiben auf die zweite Leserin gerade die entgegengesetzte Wirkung hatte. Allerdings errötete auch sie, aber augenscheinlich vor Vergnügen, und ihr gutes altes Gesicht strahlte vor Entzücken. Die Gattin des Barons war die Tochter eines Bradforder Fabrikanten, und eine unmittelbar von einem gekrönten Haupte kommende Bitte überwältigte sie fast.

»Natürlich, meine Liebe, wird es mir ebensoviel Freude machen als eine hohe Ehre sein, Ihrer Majestät Wünsche zu erfüllen,« sagte Lady Metcalf ehrfurchtsvoll, indem sie den Brief zurückgab. »James! James! Wo steckst du denn, James?« rief sie, so daß ihr Gatte einige seiner Gäste, bei denen er stand, im Stiche lassen mußte. »Ist das nicht gar zu lieb von der Zarina! Sie hat an Fräulein Vassili geschrieben, Ilma werde gewiß ihren Urlaub ohne Hauptmann Dubrowskis Gesellschaft nicht recht genießen. Er hat den Brief selbst überbracht, und Ihre Majestät meint, wir würden sein Gepäck wohl abholen lassen können, wenn wir noch Raum für ihn im Hause hätten. Also schick' den Dogcart nur gleich hinüber.«

Sir James Metcalfs lange Ahnenreihe erhob ihn über den Verdacht der Kriecherei, aber er huldigte der echten Hochlandgastfreundschaft und stimmte von Herzen, und ohne einen Augenblick zu zögern, zu. Sodann verschwand er in der Richtung der Ställe, ohne zu warten, bis er seinem neuen Gaste vorgestellt war.

Dieses Zwischenspiel hatte Ilma Zeit verschafft, sich wieder zu sammeln, und da sie bei ihrer Kenntnis des Wesens ihrer kaiserlichen Herrin vermutete, daß Boris nichts von der Art seines Auftrages wisse, that sie das Beste, was sie unter den vorliegenden Umständen thun konnte: sie winkte ihn zu sich heran und legte den Brief der Zarina in seine Hände. »Lady Metcalf ist so gütig, ein Zimmer für dich herrichten zu lassen,« sagte sie dabei einfach auf Französisch.

So viel Mitgefühl Fortescue auch für die schwierige Stellung hatte, worin sich Ilma befand, konnte er doch nicht umhin, über die Komödie, die sich da abspielte, belustigt zu sein, und er beobachtete Boris, während dieser las. Der jungen Offiziers Gesicht war ernst, bis er zum Schlusse kam; dann gab er den Brief mit einem höflichen Lächeln zurück und bat Ilma, ihn Lady Metcalf vorzustellen.

»Es steckt doch noch ein guter Kern in dem jungen Manne, ein Beweis, daß der schlimme Einfluß abgenommen hat,« dachte der Attaché innerlich, und obgleich er es nicht wußte, entstand in diesem Augenblick in seinem Hirn der Keim eines Planes, der für einige Menschen die Entscheidung über Leben und Tod bedeutete.

Da die beiden in erster Linie beteiligten Persönlichkeiten sich so benahmen, daß alles Peinliche vermieden wurde, verlief die Sache für oberflächliche Beobachter vollkommen glatt: Boris wurde nach allen Seiten vorgestellt und sehr zuvorkommend aufgenommen, wobei Ilma die Rolle der durch seine Ankunft still Befriedigten wacker durchführte. Der schwierigste Augenblick kam erst, als Laura erschien und unverhohlenes Erstaunen an den Tag legte, aber Fortescue war auf der Hut und führte sie beiseite, um ihr die Sachlage zu erklären, worauf sie als Tochter des Hauses zu dem neuen Gast trat und ihn in einer Weise willkommen hieß, als ob der Auftritt auf der Straße in Breslau niemals stattgefunden hätte. Die gebräunten Wangen des jungen Russen nahmen eine etwas tiefere Färbung an, als sie sich die Hände reichten, woraus hervorging, daß er den Zwischenfall keineswegs vergessen hatte, aber die Tonart allseitiger Höflichkeit war einmal angeschlagen und behielt die Oberhand.

Bei der ersten Gelegenheit, die sich bot, schlenderten Laura und Fortescue zusammen fort, und sie bestätigte Volborths Darstellung des Unfalls, der ihr zugestoßen war. Inmitten der vertrauten Blumenbeete und Gebüsche des alten schottischen Gartens, deren Hintergrund die grauen Mauern der Heimat ihrer Kindheit bildeten, war es schwer, das junge Mädchen zu überzeugen, daß ihr Gefahren drohten, und Fortescue mußte deutlicher reden, als er beabsichtigt hatte. Sie wolle sich keine Angst einflößen lassen vor einer Bande von Meuchlern, die in Boulogne vor der Pistole eines einzelnen Mannes ausgerissen waren, sagte sie, und erst, als ihr Bräutigam darauf hingewiesen hatte, daß die Flucht der Nihilisten bei jener Gelegenheit nicht der Feigheit, sondern dem Wunsche entsprungen sei, ihre Führerin für spätere Uebelthaten zu retten, verfiel sie in eine ernstere Stimmung, die aber nicht lange anhielt.

»Wir haben ja doch den allgegenwärtigen Herrn Winkel als Schutzengel,« sagte sie; »und ja, was ich dich fragen wollte: was ist denn dieser Herr Winkel eigentlich, und wie kommt er nach Deeside? Ich kann zwei und zwei zusammenreimen, wie du weißt. Ein Zufall ist das sicher nicht.«

»Ebensowenig als meine Anwesenheit in Breslau ein Zufall war,« entgegnete Fortescue. »Er steht im Geheimdienst seiner Regierung, hat einen auf die Reise des Zaren bezüglichen Auftrag und weiß sehr viel. Wäre er nicht und hätte ich nicht Vertrauen auf seine Wachsamkeit, so würde ich die englische Polizei sofort auf die Spur der Palitzin setzen – und ich weiß noch nicht einmal, ob ich dies nicht so wie so thue.«

»Was! Damit wir alle als Zeugen vor Gericht gezerrt werden, Ilmas Angelegenheit in die Öffentlichkeit gebracht und Dubrowski eingesperrt wird, gerade jetzt, wo er sich so nett benimmt?« rief Laura atemlos. »Nein, daran darfst du gar nicht denken, Spencer. Du bist klug genug, einen andern Ausweg zu finden, und ich will dir versprechen, sehr vorsichtig zu sein und nicht mehr allein auszugehen. Aber du mußt auch selbst vorsichtig sein, Liebster. Willst du, ja?«

Damit mußte er sich zufrieden geben, denn er sah ein, daß alles, was er sagen konnte, sie nach der Niederlage der Nihilisten, deren Zeugin sie in Boulogne gewesen war, nicht wirklich ängstlich machen werde. Aber die Hartnäckigkeit, womit sie darauf bestand, die Gefahr gering zu achten, bestärkte ihn in seiner Absicht, die Sache zur Entscheidung zu bringen, ehe der russische Hof nach Petersburg zurückkehrte, Volborth mochte wollen oder nicht. Noch lag der Besuch in Paris vor ihnen, dem der dreiwöchentliche Aufenthalt in Darmstadt folgen sollte, und er hatte keine Lust, Laura diesen schleichenden Gefahren während dieser ganzen Zeit auszusetzen, wenn ein wenig Scharfsinn seinerseits der ganzen Geschichte in einer Weise, die Volborth Anerkennung und allen Beteiligten Sicherheit verschaffte, viel früher ein Ende machen konnte. In welcher Weise sich sein Scharfsinn bethätigen sollte, das war eine Nuß, die er mit Hilfe von Tabak und Einsamkeit zu knacken gedachte. Doch diese beiden Erfordernisse standen ihm bei dem geselligen Leben in einem Landhause erst zu Gebote, wenn er sich für die Nacht zurückgezogen hatte.

Der Rest des Nachmittags verging ohne weitere Ereignisse in Blairgeldie, so daß auch nicht das geringste Kräuseln der Wellen die geheimen Unterströmungen verriet. Unter dem Einfluß von Lady Metcalfs freundlichen Aufmerksamkeiten und Sir James' einfacher Gastlichkeit begann sich Dubrowski ganz wie zu Hause zu fühlen. Laura gegenüber war er ein wenig blöde, aber mit Fortescue, der jede Gelegenheit benutzte, sich mit ihm zu beschäftigen, stand er bald auf dem besten Fuße, und als das erste Zeichen des Gong ertönte, war der junge Russe so munter, als nur irgend einer der Gäste, die sich nun auf ihre Zimmer begaben, um sich für die Tafel anzukleiden.

Dann aber trat eine Verwandlung ein, die Fortescue ganz rätselhaft war. An der Thür des Dubrowski zugewiesenen Schlafzimmers hatte er sich mit einem Scherz von diesem getrennt und sich nach seinem eigenen Zimmer begeben. Zwanzig Minuten später ging er auf dem Wege nach dem Salon über den Flur und sah Dubrowski im Frack die Treppe herabkommen, aber es war sofort eine größere Veränderung an dem Adjutanten wahrzunehmen, als durch den Wechsel der Kleidung allein zu erklären gewesen wäre. Sein Gesicht war kalt und hart, und er beantwortete Fortescues Anerbieten, ihn in den Salon zu führen, so wortkarg, als es mit der einfachsten Höflichkeit verträglich war. Während er im Salon sichtbare Anstrengungen machte, unbefangen zu erscheinen, war er offenbar das Gegenteil, und wäre er nicht ein Fremder gewesen, so hätte seine Schweigsamkeit und Zerstreutheit auffallen müssen.

»Was ist denn los?« flüsterte Laura ihrem Verlobten zu. »Er sieht aus, als ob er fürchtete, es gäbe Spargel, und er wisse nicht, wie er ihn essen müsse.«

Allein Fortescue lächelte nur, und als er sah, daß sie wahrscheinlich noch lange warten müßten, schlüpfte er leise hinaus und eilte ins Speisezimmer.

»Meldrum,« fragte er dort den alten Haushofmeister, »ist nicht ein Briefchen für Hauptmann Dubrowski, den russischen Offizier, abgegeben worden?«

»Ja; hat er es denn nicht bekommen?« fragte Meldrum scharf, als ob er eine Pflichtwidrigkeit bei einem seiner Untergegebenen wittere. »Ich habe Charles beauftragt, dafür zu sorgen, daß es auf den Tisch im Schlafzimmer des Herrn Hauptmann gelegt werde.«

»Doch, doch, er hat es richtig erhalten,« erwiderte Fortescue leichthin. »Ich wollte nur wissen, wie es hierhergekommen ist – wohl durch einen Boten von Ballater?«

»Ja, einer der Jungen der Witwe Ferguson hat's gebracht, gerade als das Gong zum erstenmal läutete.«

»Schön, danke Ihnen, Meldrum; das erklärt alles höchst zufriedenstellend,« sagte Fortescue, und dann kehrte er in den Salon zurück und wünschte im stillen aufs innigste, seine letzte Versicherung wäre etwas besser begründet gewesen. Was konnte das für eine Mitteilung sein, die eine so wunderbare Veränderung in Dubrowskis Wesen hervorgebracht hatte?

Auch während des Mahles blieb diese Veränderung bemerkbar. Lady Metcalf hatte sich des jungen Russen bemächtigt, und er gab sich die größte Mühe, so auszusehen, als ob er sich vortrefflich unterhalte, aber wenn es ihm vielleicht auch gelang, seine liebenswürdige Wirtin zu täuschen, so ruhten mindestens zwei Paar scharfe Augen auf ihm, die seine Befangenheit und Nachdenklichkeit merkten.

Als die Damen den Speisesaal verlassen hatten, beugte sich der Haushofmeister über Fortescue und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Ich soll Ihnen dies ohne Aufsehen geben,« sagte er. »Es ist vor einer halben Stunde von einem Jungen an der Hinterthür abgegeben worden.« Damit schob er ein zusammengefaltetes Papier in Fortescues Hand, die dieser unter dem Rande des Tisches danach ausstreckte.

»Derselbe Junge – von der Witwe Ferguson?« fragte er dabei leise.

»Nein, ein andrer, uns unbekannter,« antwortete Meldrum und entfernte sich.

Fortescue war zu bewandert in den Wegen der Welt, als daß er das Papier sofort angesehen hätte, aber nach kurzer Zeit, als Fitzharding die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine Tigergeschichte auf sich gelenkt hatte, entfaltete er es auf seinem Schoß. Es war von Volborth in französischer Sprache geschrieben und lautete: »Vorsicht! Olga weiß, daß er in Blairgeldie ist. Sie hat sich nach Sechs mit ihm in Verbindung gesetzt.«

Ueber den Grund zu grübeln, der die Fürstin veranlaßt hatte, ihren Briefwechsel mit Dubrowski wieder aufzunehmen, war nutzlos; alles, was er thun konnte, war, scharf aufzupassen und die weitere Entwickelung abzuwarten, und diese kam rascher, als er geglaubt hatte.

Nachdem sich die Herren im Salon zu den Damen gesellt hatten, verfügten sich die meisten jüngeren Glieder der Gesellschaft ins Billardzimmer. Fortescue, der sich fast als zur Familie gehörig betrachtete, lehnte die Beteiligung am Spiele ab und setzte sich auf ein Sofa, um zuzusehen, worauf irgend jemand – er wußte sehr wohl wer, war aber zu klug, den Kopf zu wenden – sich an seine Seite setzte. Sowie das Spiel in vollem Gange war, fühlte er eine Berührung an seinem Arme.

»Ich möchte ein paar Worte unter vier Augen mit Ihnen sprechen,« sagte Boris in seltsam beklommenem Tone, »an einem Orte, wo wir nicht belauscht werden können – wenn Sie so gütig sein wollen, mir eine Gelegenheit dazu zu geben. Lange werde ich Sie nicht aufhalten.«

Dabei machte er eine unbewußte Bewegung nach einer Glasthüre, die, da die Nacht warm war, offenstand. Jetzt war die Möglichkeit gegeben, dachte Fortescue, zu hören, wo der nächste Schlag zu erwarten war. Sogleich erhob er sich und ging hinaus, während Boris folgte, aber erst als sie von den Fenstern etwas entfernt waren, ergriff der junge Russe das Wort wieder und sprach langsam und stockend, so daß sich der Engländer des Eindrucks nicht erwehren konnte, daß Boris etwas auswendig Gelerntes wiederhole.

»Ich möchte durch Ihre Vermittelung,« begann Dubrowski, »Miß Metcalf um Entschuldigung bitten wegen der Sprache, deren ich mich in Breslau leider ihr gegenüber bedient habe. Zugleich habe ich von – von einer Freundin den Auftrag erhalten, sie inständigst zu bitten, nichts von dem Verbrechen, das dieser Mensch, jener Delaval, im Hause der Frau von Lindberg versucht hat, zu verraten. Meine Freundin, die den Empfehlungsbrief geschrieben hatte, war über ihn getäuscht worden, und sie – das heißt, ich – wäre zu Grunde gerichtet, wenn es der russischen Polizei zu Ohren käme.«

Was er davon denken sollte, wußte Fortescue nicht gleich. Welchen Beweggrund konnte Olga Palitzin wohl haben, Dubrowski zu veranlassen, so spät noch um Verzeihung für seine Ungezogenheit zu bitten, dieses Verlangen um Geheimhaltung vorzubringen und mit Gründen zu belegen, die, wie sie wissen mußte, weder bei ihm selbst, noch bei Laura das geringste Gewicht haben konnten? Die Umstände, unter denen sie von ihnen beiden in Delavals Gesellschaft gesehen worden war, standen in direktem Widerspruch mit der Behauptung, sie sei über diesen »getäuscht« worden. Um Dubrowski zu einem bestimmten Zwecke hinters Licht zu führen, genügte diese vielleicht, aber die Fürstin war doch zu klug, als daß sie hätte annehmen können, daß sich auch die, die zu ermorden sie in der Rue St. Pol beabsichtigt hatte, dadurch blenden ließen.

»Ihre eigene Entschuldigung wird, des bin ich sicher, in dem Sinne angenommen werden, worin sie geboten wird,« antwortete Fortescue. »Was aber den andern Auftrag anlangt, dessen Sie sich entledigt haben, so müssen Sie mir die Frage erlauben, ob Sie erst ganz kürzlich damit betraut worden sind.«

Inzwischen hatten sie das am weitesten vom Hause entfernt gelegene Ende des Rasenplatzes erreicht, und als er diese Frage stellte, war der Attaché so stehen geblieben, daß er dem das Parkgitter verdeckenden dichten Unterholz den Rücken wandte. Auch Boris drehte sich um, so daß er Fortescue und dem Gebüsch gegenüberstand.

»Der Auftrag ist mir erst heute abend überbracht worden,« antwortete er, »als wir zum Diner gingen, und Sie haben wohl bemerkt, daß ich in meinem Gemüt beunruhigt war. Seit längerer Zeit hatte ich nichts von meiner Freundin gehört, und ich empfand etwas wie einen Schreck, als ich auf diese Weise erfuhr, daß sie sich in Schottland aufhält – sowie daß sie, und mittelbar ich selbst, von der dritten Sektion so sehr bedroht ist, daß sie nur hierher gekommen ist, um sich Miß Metcalfs Schweigen zu versichern – und des Ihrigen.«

Fortescue verzog etwas spöttisch die Lippen, als er daran dachte, wie sehr Olga Palitzins Art, sich des Schweigens unbequemer Zeugen zu versichern, von der abwich, die sie in diesem ihrem blinden Gimpel erteilten Aufträge angedeutet hatte, und dann erhielt er seltsamerweise durch das, was derselbe Gimpel gleich darauf that, die erste Ahnung von dem Zweck, den diese neueste Bethörung hatte. Noch ehe Fortescue antworten konnte, sah er, wie Dubrowski die Augen in plötzlichem Schreck weit aufriß, wie seine kräftige Gestalt starr wurde und wie der junge Russe nach dem Rande des dunkeln Gebüsches vorsprang. Als er sich auf dem Absatze umwandte, hatte Fortescue gerade noch Zeit, ein paar wütende Augen und das Blitzen eines Messers zu sehen, und wie Dubrowskis ausgestreckte Hand die lauernde Gestalt Weletzkis, des graubärtigen Nihilisten, faßte, der in demselben Augenblick auch von hinten ergriffen und ins Dunkel der Bäume zurückgerissen wurde. Dann folgte das Geräusch eines kurzen Ringkampfes, und Volborth, immer noch in seiner Verkleidung, trat aus dem Gebüsch hervor.

»Dies wird Ihnen ein Beweis sein, daß Sie wohl behütet werden,« sagte er, »obgleich ich dem Lockvogel die Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, daß er selbst sein Möglichstes gethan hat, das Verbrechen, das er begünstigen sollte, zu verhindern. Sie thäten besser, ins Haus zurückzukehren, Spencer, denn ich habe die Absicht, diesen alten Mörder noch eine Weile loszulassen, bis wir uns seiner auf günstigerem Boden bemächtigen können.« Das sprach er in gutem Englisch, wobei er nur seine Stimme verstellte, denn er wußte, daß Dubrowski diese Sprache nicht verstand.

Fortescue nickte zustimmend, schob seinen Arm unter den des Mannes, der ihn hatte retten wollen, und zog ihn fort, wobei er einen Schimmer des enttäuschten Mörders erhaschte, der unter den Farren auf dem Rücken lag und von zwei von Volborths Leuten festgehalten wurde. Dubrowski schien der Vorgang ganz unbegreiflich zu sein.

»Gott sei Dank, daß Sie unversehrt sind!« stieß er endlich hervor. »Ich habe mein Möglichstes gethan, allein Ihr Landsmann – wie ich vermute, ein Polizeibeamter – ist mir zuvorgekommen. Aber wie kann nur jemand mörderische Absichten gegen Sie haben, der Sie so liebenswürdig und gut sind? War der Mensch etwa ein Wilddieb?«

»Für Ihren Versuch, mein Leben zu retten, bin ich Ihnen aufrichtig dankbar, Herr Hauptmann,« entgegnete Fortescue mit einer Kürze, die verblüffend wirkte. »Nein, der Mann ist kein Wilddieb; er ist Russe.«

»O, dann weiß ich's!« rief Boris in ehrlichem Zorn. »Es muß einer von diesen erbärmlichen Kerlen, den Nihilisten, gewesen sein, der Sie für meinen geliebten Kaiser gehalten hat, denn Sie sehen diesem erstaunlich ähnlich.«

»Nein, das ist es nicht,« antwortete Fortescue, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren, in demselben kurzen Tone. »Kommen Sie hierher, Dubrowski, ich habe Ihnen etwas zu sagen, was Sie hören müssen.«

Inzwischen hatten sie den breiten Kiespfad erreicht, der das Haus umgab, und Fortescue öffnete eine Glasthür, die zu dem Raum führte, worin Lady Metcalf ihre Gartengeräte aufbewahrte. Indem er Boris durch eine Gebärde aufforderte, einzutreten, folgte er, schloß die Thür und ließ den Vorhang herab. Hierauf schraubte er die Lampe etwas höher, wandte sich um und sah seinem Gefährten ins Gesicht, der erstaunter denn je zu sein schien. Im Benehmen des Engländers lag plötzlich etwas Herrisches, und das Fallenlassen jeder Förmlichkeit, das in der einfachen Anrede mit dem Namen ohne Titel zum Ausdruck kam, und das der etwas langsam arbeitende Verstand des Russen nicht gleich herausgefühlt hatte, klang durchaus nicht wie Freundschaft, sondern eher wie das Bewußtsein der Ueberlegenheit, oder – wenn das einem Offizier der kaiserlichen Garde gegenüber denkbar war – wie Geringschätzung.

»Wissen Sie auch, daß dieser Anschlag gegen mein Leben ganz unmittelbar durch Sie herbeigeführt worden ist?«

»Aber, mein Herr!« rief Dubrowski entrüstet.

»Ich sehe, daß Sie ebensowenig davon wissen, wie von manchen andern Sachen, die Ihr Leben und Ihre Freiheit in Gefahr bringen,« fuhr Fortescue streng fort. »Thun Sie mir den Gefallen, diese beiden Papiere zu prüfen – das eine im Lichte des andern. Sie werden viel dazu beitragen, Sie zu überzeugen. Das größere ist, wie Sie sehen, ein Geheimschriftschlüssel, das kleinere der Entwurf eines in dieser Geheimschrift abgefaßten Telegramms. Ich habe eine Uebersetzung darunter geschrieben, jedoch würde ich es vorziehen, wenn Sie diese selbst prüften«.

Bei diesen Worten breitete er eine Abschrift des von Melton erhaltenen Geheimschriftschlüssels und das Original von Olga Palitzins Telegramm aus dem Tische aus, das Serjow benachrichtigte, daß Dubrowski für verdächtig gelte und nicht mehr zu gebrauchen sei.

»Ich sehe, daß Sie die Handschrift erkennen,« sagte Fortescue ruhig, als der Adjutant beim Lesen der Uebersetzung aschfahl wurde. Dann saß Boris fünf Minuten lang über den Tisch gebeugt und verglich mühsam Buchstaben für Buchstaben des Telegramms mit dem Schlüssel, während im Zimmer tiefes Schweigen herrschte. Bald darauf entrang sich dem Manne am Tische ein lautes Stöhnen, und er schaute auf.

»Um der Liebe Gottes willen, sagen Sie mir alles!« rief er mit heiserer Stimme.

Und nun, wo er sah, daß dieses schwache Gefäß wie Ton in seiner Hand war, änderte sich auch das Wesen Fortescues, und er zeigte nur noch eine milde Teilnahme, indem er gütig, aber fest, eine Flut von Licht in Dubrowskis Seele eindringen ließ. Nichts verhehlte er ihm, außer, daß Volborth ein Beamter der dritten Sektion war. Er zeigte Boris, wie er in Wien, in Scheptowka und in Breslau von Olga Palitzin als Mordwerkzeug gebraucht worden war, er erzählte sein eigenes und Lauras knappes Entrinnen in Boulogne und erklärte die Gründe für die zwei Versuche, die an diesem Tage gemacht worden waren.

»Ich bezweifle keinen Augenblick, daß in dem Briefchen, das Sie vor dem Diner erhalten haben, die Stelle in der Nähe des Gebüsches als der geeignetste Ort zum Ausrichten Ihrer falschen Botschaft bezeichnet worden ist,« schloß er.

Ueber Boris' Wangen strömten Thränen, und er konnte nur nicken.

»Wie kann ich das alles wieder gut machen – ich, ein treuer Soldat, der seinen Kaiser vergöttert?« stöhnte er, als er sich ein wenig gefaßt hatte. »Wie kann ich Ihnen und Miß Metcalf, die Sie so viel für mich gewagt haben, meine Dankbarkeit beweisen?«

»Indem Sie sich ganz in unsere Hände geben und uns helfen, diese Verbrecher von der Erde zu vertilgen,« erwiderte Fortescue ernst. »Nach den Erfahrungen des heutigen Tages werde ich nicht zugeben, daß Miß Metcalf auch nur einen Tag länger, als notwendig ist, diesen Gefahren ausgesetzt bleibt. In wenigen Tagen reist Ihre Gesellschaft nach Paris ab, und ich beabsichtige aus verschiedenen Gründen, die Sache dort zu Ende zu bringen, und bis dahin werde ich dafür sorgen, daß Miß Metcalf sorgfältig bewacht und beschützt wird.«

»Ich stehe vollständig zu Ihrer Verfügung,« sagte Dubrowski ganz zerknirscht.

»Für jetzt verlange ich weiter nichts von Ihnen, als Schweigen,« entgegnete Fortescue, indem er der Thür zuschritt, die er öffnete. »Ich werde Sie noch einmal allein sprechen, ehe Sie morgen nach Balmoral zurückkehren.«

Spät an diesem Abend, oder vielmehr um zwei Uhr morgens warf Fortescue den zehnten Cigarettenstummel in den Kamin seines Schlafzimmers und holte Papier, Tinte und Feder herbei.

»So, denke ich, wird die Sache sehr gut gehen,« murmelte er bei sich, »und der Weg hat den Vorteil, daß er ein Schlupfloch für den armen Schelm offen läßt.«

Der Brief, den er nun schrieb, war an ein Geschäft in London gerichtet und lautete:

»Geehrte Herren! Ich bedarf eines guten Panzerhemdes für einen Mann von fünf Fuß neun Zoll Größe mit einer Brustweite von sechsunddreißig, das unter den Kleidern getragen werden kann. In drei Tagen werde ich es abholen.

Ihr ergebenster
Spencer Fortescue.«

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