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Um eines Haares Breite

Headon Hill: Um eines Haares Breite - Kapitel 10
Quellenangabe
authorHeadon Hill
titleUm eines Haares Breite
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
projectidc06595ab
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Neuntes Kapitel.
Die punktierten Pneumatiks

»Das war ein feiner Ball, und er hat dir die Partie gewonnen,« rief Laura, indem sie ihr Queue weglegte und sich Ilma Vassili zugesellte, die auf einem niedrigen Stuhle an einem der offenen französischen Fenster des Billardzimmers in Blairgeldie saß, während Fortescue, der siegreiche Spieler, das Billard abstäubte und die Bälle aufhob.

»Du liebes Geschöpf! Wie hübsch ist es, dich hier zu haben, und wie furchtbar gut von der Zarina, daß sie dir Urlaub gegeben hat,« sagte Laura. »Spencer und ich sterben einfach vor Neugier, zu hören, wie es weiter gegangen ist.«

Die russische Ehrendame streckte ihre wohlgestaltete Hand aus und tätschelte die braune Tatze ihrer britischen Freundin. Ilma war vor einer halben Stunde von Balmoral herübergekommen, als das Billardzimmer mit Sir James Metcalfs andern Gästen ganz gefüllt gewesen war, so daß sie erst jetzt Gelegenheit zu vertraulicher Aussprache fand.

»Ich habe dir nur sehr wenig zu erzählen, und ich glaube, ich könnte meine Neuigkeiten im ganzen gut nennen,« antwortete Ilma mit einem leisen Seufzer, »das heißt, in Kopenhagen ist nichts Verdächtiges vorgefallen, und ich glaube, Volborth schenkt Boris nicht mehr so viel Aufmerksamkeit als früher.«

»Und Hauptmann Dubrowski selbst? Sind noch keine Anzeichen zu bemerken, daß er zur Vernunft kommt?« fuhr Laura eifrig fort.

»Wenn du damit meinst, ob wir einer Versöhnung näher sind, so muß ich dir antworten, daß dazu auch nicht die geringste Aussicht vorhanden ist,« sagte Ilma entschieden. »Es hängt jetzt auch nicht mehr von Boris ab,« fügte sie mit einem Aufleuchten ihrer stolzen Augen hinzu. »Ich könnte einen Mann nicht heiraten, der sich um jeden Anspruch auf meine Achtung gebracht hat – selbst, wenn er mir die Ehre erweisen wollte, andrer Ansicht zu werden. Alles, was ich noch hoffe – um unsrer früheren Liebe willen – ist, daß er für seine Blindheit nicht zu büßen habe.«

»Aber wie benimmt er sich denn?« fragte Laura weiter. »Ist er ...«

»Wie schön ist dieser silberne Nebel, der auf dem purpurnen Berge ruht,« sagte Ilma plötzlich, als Fortescue herzutrat, um sich den beiden Mädchen zuzugesellen. Sein Gesicht trug den gewöhnlichen Ausdruck gutmütiger Aufmerksamkeit, aber er sah nicht ganz wohl aus. Unter seinen Augen lagen blaue Ringe, und seine Wangen waren etwas eingefallen – aus guten Gründen, wie wir bald sehen werden.

Ilmas offenbare Absicht, bei Fortescues Annäherung alsbald den Gegenstand der Unterhaltung zu wechseln, war von Laura sogleich bemerkt worden, und den darin zum Ausdruck kommenden Mangel an Vertrauen empfand die ehrliche Laura wie einen scharfen Stich, so daß sie sich entschloß, diese Angelegenheit ein für allemal in Ordnung zu bringen. Bis jetzt hatten sie und ihr Verlobter in gegenseitiger Uebereinkunft ihr gefährliches Abenteuer in Boulogne für sich behalten, und natürlich auch die Ereignisse, die dazu geführt hatten. Die einzige Ausnahme bildete Volborth, dem Fortescue einen vollständigen Bericht darüber nach Kopenhagen geschickt hatte, allein in Ilmas eigenem Interesse hatten sie es für besser gehalten, dieser nichts davon zu sagen, so daß sie also auch noch nicht wußte, was geschehen war, um weitere Gefahren von Dubrowski abzuwenden.

»Ilma hat mir eben erzählt, daß in Kopenhagen nichts Gruseliges vorgekommen ist,« sagte Laura, als Fortescue näher kam, »und ich meine, wir sollten ihr mitteilen, wem sie das verdankt. – Weißt du wohl, meine Liebe,« fuhr sie, zu Ilma gewandt, fort, »daß wir durch einen ganz merkwürdigen Zufall mit der Fürstin Palitzin zusammen gereist sind, wobei dieser junge Mann sie so diplomatisch zu behandeln wußte, daß sie sich, wie ich glaube, jetzt wohl kaum in derselben Straße mit Hauptmann Dubrowski blicken lassen würde?«

Hierauf ging Laura dazu über, Ilma zu erklären, wie Fortescue der Erznihilistin beigebracht hatte, daß ein Offizier vom Gefolge des Zaren in Verdacht geraten sei. Damit brach sie ab und überließ es ihrem Verlobten, das Abenteuer in der Rue St. Pol zu erzählen, falls er Lust dazu hätte.

Allein die nächste Folge war, daß sich Ilmas Besorgnis vermehrte. Daß sie Olga Palitzin in ihrem Briefe an Laura nicht mit Namen genannt hatte, wußte sie sehr wohl, und wenn Laura in ihrer damaligen Reisegefährtin trotzdem die Fürstin erkannt hatte, so war das nur auf eine Weise zu erklären: Volborth mußte Fortescue in alles vollständig eingeweiht haben, und folglich war diesem nur um so weniger zu trauen. Der Blick, den sie auf ihrer Freundin Verlobten warf, war ein stummes Flehen, ihre Zweifel zu beseitigen.

»Das war sehr großmütig – sehr geschickt – wenn Sie's nur ...« hob sie an, als ihr Fortescue, der die Ursache ihrer Angst erkannt hatte, ins Wort fiel.

»Wenn ich es nur in Ihrem und nicht im Interesse der russischen Geheimpolizei gethan habe, wollen Sie sagen,« sprach er freundlich. »Ich bin froh, daß ich eine Gelegenheit habe, diese Sache aufzuklären. Mein erster Zweck bei allem, was ich gethan habe, war, Ihnen, als Lauras Freundin, zu helfen, Ihre Absicht zu erreichen, nämlich den Schutz des Hauptmanns Dubrowski vor weiteren Verwickelungen und weiterem Verdacht. Mein zweiter Zweck war, meinem alten Freunde Paul Volborth bei Erreichung seines Zweckes zu helfen, aber nur in einer Weise, die nicht mit dem Ihrigen im Widerspruch stand. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.«

»Und ich vertraue Ihnen vollkommen,« rief Ilma. »Sie müssen mir mein Mißtrauen verzeihen, aber es war Ihre Bekanntschaft mit Volborth, gegen die es sich richtete, nicht gegen Sie selbst.«

Nach dieser Auseinandersetzung gab es keine Mißverständnisse mehr, und Fortescue fuhr fort, zu erklären, das Beste, was eintreten könne, sei, daß es Volborth gelinge, jeden Anschlag gegen das Leben des Zaren während der Reise zu vereiteln und am Ende die Verschwörer bei Ausführung eines Planes zu fangen, wobei Dubrowski weder mittelbar, noch unmittelbar beteiligt sei. Nun erzählte Ilma, Dubrowski sei nach der Abreise von Breslau erst reizbar, dann unruhig und besorgt gewesen, bis er schließlich gegen Ende des Besuches am dänischen Hofe ruhig und nachdenklich geworden sei – infolge, wie sie jetzt glaube, des plötzlichen Ausbleibens der Briefe und Telegramme der Fürstin. Von dem Vorfall in Boulogne sagte Fortescue nichts, da dieser nur für Volborth bei der weiteren Behandlung der Sache Interesse hatte.

Ein Stündchen traulicher Aussprache mit ihrer englischen Freundin und deren Verlobtem heiterte Ilma sichtlich auf, so ansteckend wirkte Lauras glückliche Gemütsart, die alles in hellen Farben sah. »Nur um eins bitte ich euch beide,« sagte Ilma, als sie sich beim Ertönen der Glocke, die zum Gabelfrühstück rief, erhob, »mischt euch weder um meinet-, noch um irgend eines andern willen in russische Ränke. Die Leute, die mit Olga Palitzin arbeiten, schrecken vor nichts zurück, und ich möchte nicht, daß ihr ihre Rachsucht offen herausfordert.«

Nach diesen Worten gingen die beiden Mädchen Arm in Arm davon, und so sahen sie nichts von dem ungewohnten Schatten, der über Fortescues Gesicht zog.

»Ich fürchte, wir haben ihre Rache schon herausgefordert – oder, was noch schlimmer ist, ihren Trieb der Selbsterhaltung,« murmelte er, als er nach seinem Zimmer hinauflief. »Was würde Fräulein Vassili sagen, wenn sie wüßte, daß Laura und ich von den Verschwörern, und zwar mit Recht, für die einzigen Menschen gehalten werden, die ihre Persönlichkeiten feststellen können? Ich darf nicht einen Augenblick nach dem Frühstück verlieren, mit meiner Kleinen zu sprechen und sie auszuhorchen, ob ihr in der letzten Zeit irgend etwas Auffälliges begegnet ist.«

Erst am vorhergehenden Abend war er in Blairgeldie angelangt, und da das Haus voll Gäste war, hatte er noch kein Tete-a-tete mit Laura gehabt. Daß eine solche Aussprache aber unbedingt nötig war, hatten ihm gewisse Begebenheiten sehr eindringlich zu Gemüte geführt, die in den letzten drei Wochen seit ihrem Aufenthalt in Boulogne vorgefallen waren. Lady Metcalf und Laura hatten ihre Reise nach Schottland fortgesetzt, während er in London geblieben war, und schon nach drei Tagen glaubte er zu bemerken, daß er beobachtet werde. Eines Abends, als er den Junior Carlton Club verlassen, hatte er in dem Bummler, der ihm dienstfertig den Schlag seiner Droschke öffnete, einen Mann erkannt, der ihm am Tage zuvor anders gekleidet im Flure des Hauses begegnet war, wo er wohnte. Ferner war eine andre Persönlichkeit, diesmal ein fein gekleideter und geschniegelter Herr, der eines Tages im Ministerium des Auswärtigen vorgesprochen hatte, um mit ihm über eine Angelegenheit zu verhandeln, die, wie sich herausstellte, erdichtet war, ganz bestimmt als Arbeiter verkleidet mit ihm in demselben Zuge der unterirdischen Bahn gefahren. Laura mochte er nicht beunruhigen, aber er wünschte festzustellen, ob sie etwas Ungewöhnliches in ihrer Umgebung bemerkt hatte, um in diesem Falle Maßregeln zu ihrem Schutze treffen zu können.

Blairgeldie lag dem königlichen Landsitze Balmoral ganz nahe, und Sir James Metcalf gehörte zu dem kleinen Kreise derjenigen Auserwählten, von welchen die Königin als ihren Hochland-Nachbarn spricht, und es war ganz natürlich, daß sich die Unterhaltung während des Frühstücks auch mit den Gästen Ihrer Majestät beschäftigte. Der Zar war mit dem Prinzen von Wales in der Gegend von Birkhall auf der Jagd, wie Sir James der Gesellschaft mitteilen konnte, und Laura war im stande, zu berichten, daß die Königin und die Zarina eine Spazierfahrt nach Glassalt Shiel unternommen hätten. Fortescue, der zu spät gekommen war, so daß er keinen Platz neben Laura mehr gefunden hatte, erinnerte sich mit Befriedigung an einen Wink, den er in seinem Briefe an Volborth in betreff der Auswahl der Büchsenspanner für den Zaren gegeben hatte.

Für Laura selbst war für jetzt das Thun und Treiben der Fürstlichkeiten in den Hintergrund getreten – gegenüber der höheren Anziehungskraft eines neuen Fahrrades. Das Glück hatte sie insofern begünstigt, als sie neben einem andern Schwärmer für den Radsport saß, mit dem sie sich ohne Besorgnis, ihn zu langweilen, über die funkelnagelneuen nickelplattierten Reize ihres Schatzes, den sie sich von London mitgebracht hatte, unterhalten konnte. Mr. Fitzharding, ein indischer Richter außer Dienst, hatte sich trotz seiner vorgerückten Jahre um seiner Leber willen diesem Vergnügen noch ergeben und konnte mit Interesse und Sachverständnis ihren begeisterten Ergüssen zuhören.

»Lassen Sie uns nach dem Frühstück eine Fahrt machen,« sagte Laura, der es bekannt war, daß Ilma unter Lady Metcalfs persönlicher Führung eine Besichtigung der Molkerei vornehmen wollte. »Ich kann Sie an einen Ort führen, wo wir höchst wahrscheinlich einige von den Fürstlichkeiten zu sehen kriegen werden. Als ich vorgestern auf ›Billy‹ – so heißt nämlich mein Rad, wissen Sie – dort war, bin ich dem alten Woronzoff, dem russischen Kammerherrn, beinahe über sein Lieblingshühnerauge gefahren.«

Hierauf erklärte sie weiter, daß die links vom Glen Muik durch den Landsitz der Königin führenden Wege während der Anwesenheit des Zaren für die wenigen Günstlinge, die für gewöhnlich die Erlaubnis hatten, sie zu benutzen, abgesperrt seien, daß sie aber, wenn sie die öffentliche Straße rechts vom Glen bis Spital führen, sehen könnten, was auf dem verbotenen Gelände von Birkhall vor sich gehe.

Die Aussicht, seine Arznei in so liebenswürdiger Gesellschaft einzunehmen, war zu verlockend, als daß Mr. Fitzharding nicht gern zugestimmt hätte. Fortescue, der ein paar Worte von der Verabredung aufgeschnappt hatte, wußte, daß er sein Gespräch mit Laura aufschieben müsse, aber da sie nicht ohne Begleitung radeln wollte, sah er keinen Grund zur Beunruhigung. Als er ihr jedoch im Flur begegnete, wo sie damit beschäftigt war, »Billy« von seiner Hülle zu befreien, benutzte er die Gelegenheit, sich zu vergewissern.

»Hast du etwa jemand von unsern Freunden aus der Rue St. Pol in dieser Gegend gesehen, Liebchen?« fragte er.

Ohne eine Spur des Erschreckens sah sie zu ihm auf, erkannte aber aus seinem Tone, daß er ihr die Frage nicht ohne Grund gestellt hatte.

»Hätte ich einen davon gesehen, würde ich dir sofort telegraphiert haben,« antwortete sie. »Ist etwas vorgefallen?«

»Nicht, daß ich wüßte, aber es wäre gut, wenn du und ich unsre Augen offen hielten. Du darfst nicht vergessen, daß wir die einzigen hier in der Gegend sind, die die Palitzinsche Bande persönlich kennen, und es wäre unsre Pflicht, die Behörden darauf aufmerksam zu machen, wenn wir einen davon sähen.«

»O, ich glaube nicht, daß sie sich hierher wagen werden, wo alles von Polizei schwärmt. Außerdem ist der Gedanke doch zu lächerlich. Russische Nihilisten in Deeside! Wo ich mein ganzes Leben zugebracht habe!« sagte Laura, die trotz ihrer jüngsten Erfahrungen so unromantisch war, als nur je.

Fortescue hatte indes das glückliche Bewußtsein, daß die Warnung, als von ihm kommend, nicht ganz unbeachtet bleiben werde, und er hoffte, sie werde genügen, bis er ihr die Gründe, aus denen er zur Vorsicht mahnte, ausführlich würde auseinandersetzen können. Als er sie bald darauf mit Fitzharding langsam fortfahren sah, freute er sich jedoch, daß sie einen zuverlässigen Begleiter hatte, denn trotz seiner fünfundfünfzig Jahre und seiner Leber war der ehemalige Richter, der seiner Zeit ein berühmter Tigerjäger gewesen, ein Mann von Sehnen und Muskeln.

Allein Fortescues Freude war etwas voreilig, denn für einen Anglo-Indier mit einer Leber gibt es einen Feind, gegen den Muskeln und Nerven gleich wehrlos sind. Der Tag war eine der wenigen Ausnahmen von der Regel, denn der September 1896 zeichnete sich bekanntlich durch seinen Dauerregen aus, und noch ehe die beiden das Thor des Parkes von Blairgeldie erreicht hatten, erinnerte die heiße Herbstsonne Mr. Fitzharding an Hyderabad. Als sie durch Ballater fuhren, wo Bummler in Halbtuchanzügen und niedrigen Filzhüten bei jedem Schritt die Fahnder von Scotland Yard erkennen ließen, hatte er schon Kopfweh, und als sie wieder außerhalb des Dorfes waren, fühlte er sich so krank und schwindelig, daß er mit einem unwillkürlichen Ausrufe des Schmerzes von seiner Maschine absprang.

»Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten, Miß Metcalf, aber ich kann wirklich nicht weiter,« sagte er. »Die Sonne hat meinen alten Kopf in einen Schraubstock gezwängt, und ich würde Ihnen nur eine Last sein. Wenn Sie es gestatten, will ich zurückkehren und mich in Ihren Eisschrank setzen.«

Voller Teilnahme nötigte ihn Laura, doch sogleich nach Hause zu fahren, und wandte selbst, um ihn zu begleiten. Allein hiergegen erhob Fitzharding den entschiedensten Einspruch. Ihre Absicht sei gewesen, eine hübsche lange Fahrt zu machen, und nichts werde ihn bewegen, sie dieses Vergnügens zu berauben.

Als sie sah, daß er eigensinnig war, nahm ihn Laura beim Worte, schaute ihm eine Weile nach und stieg dann wieder auf ihre Maschine, um die Straße einzuschlagen, die am Glen Muik und Braichlie vorbeiführt. Noch ehe sie weit gelangt war, begegnete sie einem der Bummler in Halbtuch, der sie scharf ansah, als sie an ihm vorbeisauste, und er ahnte nicht, daß diese zierliche Gestalt vor kaum drei Wochen den lebendigen Gründen seiner Anwesenheit an diesem Orte Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden hatte, und daß das schöne, so hübsch getragene Köpfchen die Erinnerung an Gesichter barg, die ihm, wenn er sie besessen hätte, Ruhm und Reichtum hätte einbringen können.

»Billy« ging prachtvoll, und Laura genoß die Fahrt durch die bekannte Umgebung in vollen Zügen. Die einsame Hochlandstraße war so gut wie verlassen, und erst als sie einen Birkhall gegenüber liegenden Punkt erreicht hatte, wo die Straße eine Biegung machte, sah sie in ziemlicher Entfernung vor sich einen Mann, der einen Fahrstuhl schob, an dessen Seite eine Krankenpflegerin ging. Die Gruppe bewegte sich in derselben Richtung wie sie, so daß sie die Leute nur von hinten sah.

»Ach, ich will nur hoffen, daß Deeside nicht zum Kurort wird,« dachte sie, indem sie gleichzeitig, obschon sie noch sehr weit entfernt war, in sie so recht kennzeichnender Gutmütigkeit, ihre Warnungsglocke läutete, um den Kranken nicht zu erschrecken. Als die hellen Töne verklangen, folgten zwei andre Geräusche rasch nacheinander: erstens das Zischen entweichender eingeschlossener Luft, und zweitens ein ärgerlicher Ausruf, den Laura selbst ausstieß:

»Da! Nun ist mein Pneumatik geplatzt!«

Eine rasche Besichtigung zeigte ihr, daß in den Pneumatiks beider Räder glatte runde Löcher von ansehnlichem Durchmesser waren und daß gar keine Rede davon sein konnte, die Maschine zur Heimfahrt zu benutzen. Kaum hatte sie das entdeckt, als ihr ein Blick die Straße entlang zeigte, daß der Fahrstuhl Kehrt gemacht hatte und in ziemlicher Schnelligkeit auf sie zu kam, so rasch, daß die Frau in der Kleidung einer Krankenpflegerin große Schritte machen mußte, um nicht zurückzubleiben.

»Nun, das ist jedenfalls höflich von den Leuten,« dachte Laura. »Sie glauben, ich sei gefallen, und die Krankenpflegerin hält es für ihre Pflicht, mir mit Binden und Heftpflaster zu Hilfe zu kommen.«

Im nächsten Augenblick aber jedoch stand sie in halb trotziger, halb erschreckter Haltung mitten auf der Straße und blickte dem näher kommenden Fahrstuhl mit einer seltsamen Spannung entgegen, denn aus der Tiefe unter dem Verdeck funkelten sie ein paar Augen an, leidenschaftlich glühende Augen, die sie zuletzt an Olga Palitzins Seite in der Rue St. Pol gesehen hatte. Wenn der graue Bart noch vorhanden war, so verbarg ihn ein Shawl, aber in betreff der Augen war ein Irrtum unmöglich, und durch eine rasche Gedankenverbindung halfen sie Laura, auch die Verkleidung der Pflegerin zu durchschauen. Das war die Fürstin selbst.

Noch während sich die junge Engländerin darüber klar zu werden suchte, was Fortescue wohl wünschen würde, daß sie in einer solchen Lage thue, drehte der Mann, der den Stuhl schob, diesen plötzlich herum und fuhr in der ursprünglichen Richtung davon, während sich die Pflegerin über den Kranken beugte und ihm zuzusprechen schien. Gleichzeitig wurde Laura selbst vom Rande der die Straße an einer Seite einfassenden, ziemlich hohen Böschung in einer Stimme angeredet, die eine Erinnerung an Kamine und Koffer in ihr erweckt.

»Guten Tag, Miß Metcalf. Was für ein unverhofftes Vergnügen, auf das ich erst heute nachmittag gerechnet hatte! Ich bin nämlich auf dem Wege nach Blairgeldie, um meinen Freund Fortescue zu besuchen.«

Wohlwollend auf sie herablächelnd stand Herr Winkel zwischen zwei Ebereschen, ebenso gekleidet wie früher und in jeder Hinsicht so aussehend, wie in jener denkwürdigen Nacht in Breslau, wo er sich ihr als »ein so geschickter alter Knabe« bewiesen hatte. Jetzt hatte er einen Begleiter bei sich, einen untersetzten Mann mit dunkler Hautfarbe, den er in einer ihr unbekannten Sprache anredete und Restofski nannte. Nachdem dieser hinter dem Rande der Böschung verschwunden war, kletterte Herr Winkel mit vielem Schnauben und Pusten auf die Straße hinab.

Laura reichte ihm freundlich die Hand und richtete hierauf ihre fragenden Blicke erst auf sein strahlendes Gesicht und dann auf den sich entfernenden Fahrstuhl, was er jedoch nicht zu bemerken schien.

»Wie geht's Ihnen, Herr Winkel?« fragte sie, »Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen, obgleich Sie ungefähr der letzte Mensch sind, den ich hier erwartet hätte. Immer tauchen Sie im richtigen Augenblick auf, auch jetzt, wo mir ein kleiner Unglücksfall zugestoßen ist.«

»Ach so! Ist die Maschine kaputt« fragte Winkel, sich umschauend.

»Ja, beide Radreifen sind durchlöchert, und ich muß mein Rad zu Fuße nach Hause schieben,« antwortete sie.

»Ach ja, aber es gibt schlimmere Dinge, als punktierte Pneumatiks,« entgegnete Winkel, und diese Antwort erweckte zuerst eine Ahnung in Laura, daß Herrn Winkels Erscheinen in solchen Augenblicken nicht reiner Zufall sei. »Sehen Sie mal, was da meine scharfen, alten Augen auf der Erde entdeckt haben,« fuhr er fort, wobei er rasch etwa zwanzig Schritte zurückging, sich bückte und dann, irgend einen Gegenstand hinter sich herschleifend, den er im Gehen aufwickelte, zurückkehrte. »Ihr Unfall ist absichtlich herbeigeführt worden,« sagte er ernst, »und es war ein Glück, ein großes Glück, daß ich gerade jetzt gekommen bin.« Diesmal gestattete er seinen Augen, der Straße zu folgen, wo der Fahrstuhl und seine Begleiter schnell in der Ferne verschwanden, und Laura überraschte ihn bei diesem Blicke.

»Kennen Sie diese Leute, Herr Winkel?« fragte sie kurz.

»Ich kenne sie aus ihren Thaten. Fahren Sie häufig auf dieser Straße?« entgegnete er in einem Tone, den man seinen Verdacht deutlich anhörte.

»Seit ungefähr einer Woche bin ich jeden Tag um diese Zeit hier vorbeigefahren,« erwiderte Laura, indem sie den Gegenstand, den er zu einem plumpen Balle aufwickelte, entrüstet ansah. Der hinterlistige Angriff auf »Billy« bekümmerte sie weit mehr als der Zweck, den dieser gehabt haben mochte, und daß der Angriff beabsichtigt war, konnte gar keinem Zweifel unterliegen. Das Ding, das Herr Winkel in tragbare Form zu bringen suchte, bestand aus einem Bandstreifen von derselben grauen Farbe wie die Straße, und in diesem Bande steckten in Zwischenräumen von etwa einem Zoll kurze, aber starke Nägel. Dieses Band war so über die Straße gespannt gewesen, das; die Spitzen der Nägel in die Höhe standen. Eine sinnreichere Vorrichtung, ein Pneumatik unbrauchbar zu machen und den Fahrer zum Stehen zu bringen, konnte man sich nicht denken.

Laura bemühte sich immer, so zu handeln, wie sie glaubte, daß ihr Verlobter in gleichem Falle verfahren würde, aber da sie weder wußte, woher, noch wie weit Herr Winkel in die Ränke der Palitzin eingeweiht war, ging sie nicht weiter auf die Sache ein. Von Fortescue hatte sie gehört, daß er sich ehrenhalber für verpflichtet gehalten hatte, Volborth, aber weiter niemand, von allem, was in Boulogne vorgefallen war, in Kenntnis zu setzen. Deshalb war sie nicht sicher, ob der Verdacht dieses behäbigen Deutschen das Ergebnis auf anderm Wege erhaltener Aufklärungen, oder bloße Vermutung sei, die sich auf die allerdings sehr greifbaren Gründe stützte, welche er in der Hand hin und her drehte. Auch er zeigte keine Neigung, näher auf den Unfall einzugehen.

»Hier, Miß Metcalf,« sagte er, indem er das letzte Ende des steifen Bandes aufwand. »Ich habe es auf einen möglichst kleinen Umfang gebracht, und wenn Sie mir die Ehre gestatten wollen, so will ich Sie nach Blairgeldie geleiten und mit meinem Freunde Spencer Fortescue Rücksprache nehmen.«

Schweigend gingen sie nebeneinander her. Als sie sich Ballater näherten, begegnete ihnen wieder der in Halbtuch gekleidete Bummler, und Laura meinte zu sehen, wie ein Blick des Erkennens in seinen Augen erschien, und wie er ihren Begleiter verstohlen begrüßte. War dies richtig, so fand jedenfalls der Gruß keine Erwiderung von Herrn Winkel, über dessen ruhiges Gesicht eher ein Schatten des Aergers zu huschen schien.

»Der Freundin, für die Sie die Gefahr so tapfer auf sich genommen haben,« sagte er, das Schweigen endlich brechend, als das Parkthor von Blairgeldie in Sicht war, »geht es ihr und ihrem Bräutigam gut?«

»J–a–a–a–a,« entgegnete Laura etwas lahm. »Es geht ihnen gut, aber Sie haben doch die eigentliche Arbeit gethan, Herr Winkel, und wenn Ihnen etwas an Dankbarkeit liegt, so soll Ihnen meine Freundin ihre Erkenntlichkeit persönlich aussprechen. Sie ist auf ein paar Tage zu Besuch bei uns.«

»Ach nein, das ist es, was ich gerade vermeiden möchte, meine liebe Miß Metcalf. Ich bitte Sie dringend, niemand wissen zu lassen, daß ich etwas mit dieser Sache zu thun hatte,« bat Herr Winkel so ernst, daß sie ihn forschend ansah. Ihr scharfer Verstand überlegte, ob Herr Winkel dem Gespräch nicht gerade deshalb diese Richtung gegeben habe, um Gelegenheit zu haben, diese Bitte auszusprechen, und wenn dies der Fall war, auf welche Weise er von Ilmas Anwesenheit in Blairgeldie wohl Kenntnis erhalten haben mochte. Allein sie gab das verlangte Versprechen – mit dem geistigen Vorbehalte jedoch, daß es ungültig sein sollte, wenn es Spencer nicht billigte.

Der Fahrweg im Parke von Blairgeldie führte am Tennisplatz vorbei, wo gerade ein Spiel im Gange war, dem ein großer Teil der im Hause befindlichen Gäste zuschaute. Als sie sahen, wie Laura, die so stolz hinausgefahren war, so demütig mit ihrem verwundeten »Billy« zurückkehrte, begrüßten sie sie mit neckischen Beileidsbezeugungen, die mit zahlreichen leisen Fragen gemischt waren, wer ihr sonderbar aussehender Begleiter wohl sein mochte. Fortescue, der sich seit Mr. Fitzhardings Rückkehr große Sorgen gemacht hatte, stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und lief Laura entgegen. Halb und halb hatte er einen Besuch Volborths erwartet, aber in dem Umstande, daß Laura und der Polizeibeamte zusammen kamen, sowie in der Beschädigung des Fahrrades lag etwas, was es ihm ratsam erscheinen ließ, die ersten Erklärungen aufzuschieben, bis sie sich unter vier Augen aussprechen konnten.

»Billy ist beschädigt, Spencer,« sagte sie, als er sie erreicht hatte, »und – Wunder über Wunder – Herr Winkel fiel gerade zu rechter Zeit aus den Wolken, um mir zu helfen. Er wird dir einen genauen und vollständigen Bericht über das erstatten, was er gesehen hat, und dann werde ich dir meine Erlebnisse mitteilen. Zunächst will ich aber hineingehen und meinen armen kranken Billy zu Bett bringen.« Nach diesen Worten schritt sie auf den Haupteingang des Herrenhauses zu, während die beiden Herren unter den Bäumen an der Seite des Fahrweges stehen blieben.

»Na, Paul?« sagte Fortescue, sowie Laura außer Hörweite war.

»Sie ist mit knapper Not entronnen,« antwortete Volborth kurz.

»Und Ihnen muß ich wohl für ihre Rettung danken, nicht wahr?« erwiderte Fortescue mit unterdrückter Bewegung.

»In zweiter Linie, ja. In erster hat sie ihrem Mute und ihrer Umsicht zu danken, die es verhindert haben, daß diesen Leuten in Boulogne der Geheimschriftschlüssel wieder in die Hände fiel. Dies und Ihr eigenes Verständnis für meine Wünsche, unterstützt durch Miß Metcalfs Kaltblütigkeit, haben mich in stand gesetzt, hinter alle ihre Schliche zu kommen. Mit Hilfe des Geheimschriftschlüssels und eines alten Briefes haben wir herausgebracht, wo sich ihr Centrum Nr. 5 befindet. Seitdem haben wir sie nicht einen Augenblick aus den Augen verloren, und wir wissen, daß die Fürstin Palitzin, Weletzki und noch ein untergeordnetes Mitglied der Bande hier in Deeside sind. Nun sehen Sie sich 'mal dieses hübsche Ding an. Das hat die Beschädigung hervorgebracht – zu welchem Zwecke können Sie sich wohl denken. Nach dem Unfall kamen die Verschwörer so schnell als möglich auf Miß Metcalf los, als ich mich mit Restofski zeigte.«

»Großer Gott!« rief Fortescue mit unterdrückter Stimme.

»Ja, die Sache ist ernst, obgleich ich hoffe, daß es mir gelingen wird, einem Unglück vorzubeugen, indem ich die Bande keinen Moment aus den Augen lasse,« fuhr Volborth fort. »Sehen Sie, die Leutchen bilden sich ein, Sie und Miß Metcalf seien die einzigen Zeugen, die ihre Persönlichkeit und ihre Namen feststellen können, und ich glaube, daß es für den Augenblick mehr die Pläne gegen euch beide sind, die sie hierhergeführt haben, als ihr Hauptzweck.«

»Davon hatte ich eine Art von Ahnung,« sagte Fortescue, worauf er kurz seine Erfahrungen in London erzählte. Volborth hörte mit einem Ernst zu, der fast den Eindruck der Gleichgültigkeit machte, so daß Fortescue dadurch erbittert wurde.

»Nun hören Sie mich aber einmal an, Paul!« brach er los. »Lauras Gefahr macht für mich eine persönliche Angelegenheit aus der Sache, und ich kann Ihr hinhaltendes Verfahren nicht länger unterstützen. Warum wollen Sie die Bande nicht aufheben und diesem Versteckenspiel ein für allemal ein Ende machen? Sie sind ja nicht gezwungen, offen dabei hervorzutreten. Eine Andeutung an das Polizeiamt Scotland Yard reicht vollkommen aus.«

Volborth stieß ein spöttisches Kichern aus.

»Ja, weiter wäre nichts nötig, die Verschwörer entwischen zu lassen« erwiderte er. »Das sind gerade die Leute, die ich mir bei der Sache vom Halse zu halten wünsche, und, ach, wenn Sie nur wüßten, was für eine Mühe Ihre englischen Fahnder mir machen! Sollte man's wohl glauben, daß einer von ihnen, dem ich eben mit Miß Metcalf begegnet bin, so dumm war, zu zeigen, daß er mich kennt? Nein, Großbritannien mit seiner Oeffentlichkeit und Preßfreiheit ist der letzte Ort, wo die Verhaftungen vorgenommen werden dürfen. Aber wenn wir von hier abreisen, geht's heimwärts, und dann haben Ihre Besorgnisse ein Ende.«

»Auf meine Besorgnisse kommt's nicht an, aber ich will Laura nicht opfern lassen – wie Lobanof,« erwiderte Fortescue hitzig, und zum erstenmal in seinem Leben sah er, daß der Polizeibeamte sich getroffen fühlte. Eine tiefe Röte verbreitete sich über Volborths Gesicht, und er holte mühsam Atem.

»Stellen Sie unsre Freundschaft nicht auf eine zu schwere Probe, indem Sie darauf anspielen, Spencer,« sagte er mit heiserer Stimme. »Das war ganz etwas andres. Damals focht ich gegen etwas Unbekanntes; jetzt aber habe ich die ganze Gesellschaft sicher unter dem Daumen. Uebrigens bewundere ich Miß Metcalf viel zu sehr, als daß ich ihre Sicherheit leicht nähme – oder die Ihrige, wenn Sie mir erlauben wollen, das auszusprechen. Aber meine vornehmste Pflicht ist die gegen meinen Kaiser.«

»Und meine ...« begann Fortescue, als herannahender Hufschlag ihn veranlaßte, abzubrechen.

»Lassen Sie uns unter die Bäume gehen,« schlug Volborth vor. Kaum waren sie zur Seite getreten, als der Reiter an der Biegung des Fahrweges erschien, und gleich darauf sprengte Dubrowski auf seinem Wege nach dem Haupteingang des Herrenhauses von Blairgeldie an ihnen vorüber.

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