Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Um die Kaiserstadt

: Um die Kaiserstadt - Kapitel 3
Quellenangabe
type
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleUm die Kaiserstadt
publisherVerlag von Abel & Müller
year1913
illustratorHugo L. Braune
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160614
projectid6fce1c34
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Nicht fern von der Arena, aber außerhalb der Stadtmauer, befand sich in einem Kastanienhain, der sich an den Hügel anlehnte, die Kirche der Christen.

Auf der Straße, die sie durch das Bergtor mit der Stadt verband, nahten sich die Gläubigen, zuerst die Armen, die Witwen, Krüppel und Hilflosen. Sie trugen die Gaben, die sie während des eben vollendeten eucharistischen Opfers empfangen hatten, Brote, Kleidung und was sonst gespendet worden war.

Ihnen folgten die anderen Mitglieder der Gemeinde, romanische Gesichtszüge, syrische und italische Eigenheiten der sonst einfachen, weißen Gewandung verrieten, daß die Südländer in der Mehrzahl waren. Aber auch keltische und germanische Männer und Frauen konnte man wahrnehmen.

Der milde Glanz ihrer Augen erzählte von der inneren Erbauung, die, wie an jedem Tage, die Ansprache des Bischofs Agritius ihnen geschenkt hatte; heute besonders, da er von dem Greuel gesprochen hatte, der sich in der Arena vorbereitete und von dem er jedem Christen auf das strengste fernzubleiben befohlen hatte.

Scheue und verurteilende Blicke streiften das hohe Amphitheater, das ihnen wie eine Burg der Sünden vorkam, die Marmorstandbilder am oberen Mauerkranz und die ellenlangen Anzeigen, die allenthalben angeschlagen waren, an Bäumen, auf Gartentorpfosten, an Brunnensäulen, sogar auf den Wegsteinen.

Endlich, als die Menge schon durch das Tor in die Stadt verschwunden war, kam mit würdigem Schritte der Bischof Agritius inmitten einiger Diakone. Er berichtete seinen Jüngern von der gesteigerten Frömmigkeit, wie er sie während seiner Lehrzeit im ägyptischen Alexandrien kennen gelernt hatte. Seine Augen brannten in beherrschtem Feuer, sein blendend weißer, leinener Mantel verbarg sorgfältig seine Gestalt, aber man erzählte sich, daß er ein starres Untergewand trug, gewebt von einer harten nesselähnlichen Pflanze der libyschen Wüste, man wußte, daß er zu diesem unerträglichen Gewände sich zwang als Buße für eine mit wilden Genossen verpraßte Jugend.

Plötzlich, als Agritius in der Nähe des Amphitheaters sich befand, trat aus dem Dunkel eines Torweges ein Mann auf ihn zu, dem die furchtbare Muskulatur, der vorgeschobene Unterkiefer und die katzenartige scheue Schnelligkeit der Bewegungen das Aussehen eines Straßenräubers gegeben hätte, wenn nicht der erste Eindruck durch die seltsam kindlichen, fast ängstlichen Augen gemildert worden wäre.

Die Diakone fuhren auseinander, als ob ein leibhaftiger, böser Geist erschienen und sie angeredet habe.

»Sakruna, der Fechter,« riefen sie, »hebe dich hinweg!«

Da hob Agritius die edelgeformte Hand und sprach: »Er ist unser Bruder, laßt ihn reden, sprich, was ist dein Begehr?«

Und als der mächtige gebräunte Mann eine verlegene Wendung aus die Begleiter machte, hieß Agritius diese vorangehen und fragte dann den Bejahrteren, der gebeugten Nackens vor ihm stand: »Was ist dein Begehr, Sakruna?«

Wie aufgejagtes Wild stolperten die Sätze dem Gefragten vom Munde: »Ich habe dreiundfünfzig Siege erfochten, in Trier allein zweiunddreißig, in Köln fünfzehn, in Medialamum sechs, nein, sieben, in Rom habe ich den großen Sellius besiegt ... aber ich, Sakruna, fürchte mich, ich fürchte mich heute.«

Agritius legte die schmale Hand leicht auf das borstige angegraute Haar des breiten Kopfes und sagte: »Fasse Mut, mein Sohn, weshalb fürchtest du dich?«

»Ach, Vorzeichen, Träume, Beängstigungen, ich weiß, heute, da ich mich mit Makrurus Thräx messen soll, werde ich erliegen, ich bin geschändet!« und flüsternd fuhr er fort: »Weißt du, Thräx hat ein Amulett bei sich, die Hand eines ermordeten zweijährigen Kindes, die Priester aus Ägypten haben es ihm verschafft, dagegen kann meine Bernsteinkugel mit der Biene nicht an!«

Während sich Agritius schüttelte vor Grauen über das Geheimmittel des Thräx, zog Sakruna sein Bernsteinkleinod von der Brust und hielt es mit kläglichem Gesichte dem Bischof hin.

»Alle Amulette sind Blendwerk,« sagte Agritius eindringlich, »aber was suchst du nun bei mir?«

»Ich weiß, daß du starke Beschwörungen hast, ich habe es bei den drei Müttern versucht, bei den Dienern der großen Göttin, im Mithrasheiligtum, im Tempel des göttlichen Augustus, nirgends fand ich Ruhe! Hilf mir, Agritius, gib mir den großen Zauber, der drüben in deinem Tempel ist,« und keuchend sprach er weiter, »ich bin reich, ich habe goldene Gefäße, Edelsteine, herrliche Waffen, Sklaven, oder willst du lieber bares Geld, vollgewichtige Goldstücke, oh mir graut vor dem leeren Nichts; die Kinderhand, die mein Gegner trägt, greift nach meinem Herzen, ich möchte noch leben, noch ein paar Jahre Maisonne sehen.«

Schluchzend beugte sich der gewaltige Mann nieder.

»Es gibt nur einen einzigen Gott, dem ich diene, unseren Herrn Jesus Christus. Der will keine goldenen Gefäße, keine Waffen, keine Sklaven, er will, daß du an ihn glaubst und im Glauben gute Werke tust. Du weinst, Sakruna, ich weiß, wenn du dein schauerliches Gewerbe lassen würdest und ein Christ würdest, es wäre Friede in dir; auf, wirf deine Waffen von dir, fliehe ...!«

»Niemals,« stieß Sakruna hervor, »ich bin Fechter! Die Schande, wenn ich kampflos vor Makrunus fliehen würde, dann lieber vom Schwerte getroffen. Das tausendköpfige Volk sitzt schon im Theater und wartet auf mich, es würde mich zerfleischen, wo es mich fände, und zertreten in seiner Wut! Und hätte recht! Nein, ich kämpfe!«

Agritius rang mit sich selbst, er sah eine Seele gewonnen oder verloren, er bezwang den aufsteigenden heiligen Zorn und sprach: »Gehe hin, glaube, daß Christus auch für dich sich geopfert hat, ich will dir ein wahrhaftes Amulett geben, das dich unüberwindlich macht!«

Da kniete Sakruna nieder, beugte das Haupt und murmelte: »Gib mir dein Amulett, ich schwöre dir, keiner deiner Gemeinde soll dir und deinem Gotte treuer sein als ich. Es soll mein letzter Kampf sein, siege ich, will ich deiner Gottheit dienen.«

Es strahlte eine Flut heiliger Begeisterung aus den Augen des Bischofs, er legte dem Knienden die Hände auf und sprach: »Gehe hin, mein Sohn Sakruna, kämpfe im Namen Jesu Christi!«

Sakruna hatte erwartet, daß ihm etwas in die Hand gegeben oder um den Nacken gehangen werde. Nun starrte er den Bischof betroffen und verständnislos an. Aber die strahlenden Augen des Agritius hielten ihn fest, seine gütigen Hände schienen Licht auszusenden, plötzlich ward der Gladiator bis ins Innerste erschüttert, er fühlte von den aufliegenden Händen einen Strom verjüngender Kraft und Zuversicht, wie von einem Heiltrank, durch seinen Körper fließen; mit starker Stimme sprach er nach: »Ich werde siegen im Namen Jesu Christi und zu dir kommen!«

Er küßte inbrünstig dem Bischof die Hand und enteilte auf die Arena zu.

Agritius aber sank, wie erschöpft, zusammen und fragte sich beklommen, ob er nicht unrecht getan habe, diesen Gladiator im Namen des Heilandes in den Kampf zu schicken, er, der heute früh den Gläubigen andere Worte und anderen Sinn gepredigt hatte.

»Aber nein, Sakruna wird im Namen Christi des Herrn sich von den Dämonen der Finsternis loskämpfen, Herr, schenke du ihm den Sieg!«

Es sind noch zwei Stunden vor Beginn der Spiele, und schon summt es in dem Amphitheater wie in einem Hornissennest. Die unteren und mittleren Bänke sind noch frei, aber die großen, hochgelegenen Kreise, durch die ausstrahlenden Gänge regelmäßig geteilt, sind schon so eng besetzt, daß man keine Handbreit der weißen Marmortäfelung sehen kann.

Viele Tausende drängen sich da, die meisten sind schon vor Sonnenaufgang gekommen, um Platz zu finden. Keine Farbe des Regenbogens fehlt, die Leute vom Lande, die leibeigenen Bauern, die Sklaven von den Gütern, Tagelöhner und Hirten tun es in der Buntheit der Kleidung den Städtern weit zuvor, besonders die Weiber tragen ihre hohen, roten Hauben, dicke Perlenschnüre und grellgestreifte Röcke zur Schau. Daneben Legionssoldaten, die Menge der blutarmen Tagediebe aus Trier, die auf öffentliche Kosten leben, die Knechte und Arbeiter aus den Fabriken, dazwischen germanische Ansiedler, die mit gutmütiger Neugier ins Gewühl starren.

Durch die Gänge an den Sitzen vorüber winden sich Händler mit Kuchen, Früchten, Wein und Bier, andere schmächtige Galgengesichter drücken sich herum und schließen Wetten ab.

»Ein Silberstück setze ich auf Sakruna!« »Ich setze zwei aus Makrurus Thräx.« »Ich wette, daß die Bärin Murmula drei Häuptlinge der Pikten erschlagen wird, ehe sie fällt!« so schwirrt es durcheinander.

Oft, wenn ein guter Witz die Lachlust regte, brandet ein Gelächter wie eine Welle aus, um fortschreitend in der Menge wieder zu verebben.

Allmählich füllen sich jetzt die Sitze der Bürger, der Handwerker und Künstler, der Beamten der kaiserlichen Werkstätten, der Münze, der Ziegeleien, der Waffenschmiede; an bestimmten Stellen finden sich die Gilden zusammen, die Weber, Schiffer, Bergleute, Bäcker, Steinmetzen, Fuhrleute und Böttcher. Besonders die Moselschiffer kommen in geschlossenem Zuge heran, zwei Ruder lassen sie sich als Wahrzeichen ihrer Zunft voraustragen. Sie haben das bevorstehende Fest schon durch einen festen Trunk eingeleitet, kupferfarben leuchten die breiten Gesichter aus den struppigen Bärten. Mancher Platz ist mit einem Kissen oder einem Teppich geschmückt, die Frauen tragen gewähltere Kleidung, silberne Halsketten, Gewandnadeln und Armringe, das Haar ist künstlich aufgebaut, in Lockenwülste gelegt, von Bändern durchflochten und mit Blumen geziert.

Hin und wieder tritt schon jemand in eine der Logen der Reichen ein, Sklaven kommen und breiten kostbare Gewebe aus oder stellen ausgesuchte Speisen und Getränke bereit.

Die Arena selbst liegt noch glatt, Sand ist gestreut und die runde Fläche macht den Eindruck eines gebleichten Seestrandes. Die Schatten des Gebäudes unten werden schon kürzer, knirschend und kreischend setzen sich Maschinen und Rollen in Bewegung, die das große Sonnensegel über den Zuschauerraum ausbreiten.

Von Zeit zu Zeit tönt der heisere, langgedehnte Schrei eines Raubtieres. Dann spitzen die altgewohnten Besucher ihr Ohr und wissen, von wem der Ruf ausging: das ist der numidische Löwe, das ist Assur, der schwarze Panther, das war die Bärin Arktis und horch, da meldet sich Murmula, die allein schon sechsundzwanzig Menschen in ihrer furchtbaren Umarmung erdrückt hat; wieviel werden heute dazu kommen?

Seitwärts, der kaiserlichen Loge gegenüber, steht die große Wasserorgel mit ihren silbernen, blinkenden Pfeifen, daneben die etwas erhöhten Stellen für die Tubabläser.

Das Gemurmel wird stärker und stärker, die Logen der Senatoren, der Priestergenossenschaften, der kaiserlichen Beamten und der Offiziere der Legionen sind schon besetzt, eben durchläuft der Ruf »Heil Attulius!« die Reihen aus den oberen Bänken. Im Augenblick, als Attulius, sein Töchterchen Regia Donilla geleitend, von seinen Klienten umschwärmt, in seine Loge eintrat, trugen oben fünfzig Sklaven kleine Fässer Wein herum und schenkten einem jeden, der es wollte, unbekümmert um die Schimpfereien der Händler, den köstlichen Wein von Noviomagus ein, einen, zwei, auch drei Becher. Das war der Gruß des reichsten Mannes der Provinz an die Besucher des Amphitheaters.

Jetzt ist keine Handbreit Platz mehr in dem riesenhaften Bau, und obwohl Soldaten mit kurzen, stumpfen Prunklanzen unablässig bemüht sind, wenigstens die Gänge frei zu halten, verstopfen sich auch diese gleich wieder, wenn die Wächter den Rücken gewendet haben.

Nun wird ein Drahtgeflecht ausgespannt, um die Musikanten und Spielordner vor den wilden Tieren zu schützen. Dann nimmt mit eiligem Schritte der Orgelspieler seinen Platz ein, die Bläser stellen sich neben ihn, denn vom Kaiserpalast her tönt der Trompetenton und zeigt an, daß der Kaiser aus dem Wege ist.

Endlich erscheinen Freigelassene und geben der kaiserlichen Loge den letzten Schmuck, dann braust überlautes Salverufen durch das Theater: der Kaiser Konstantin hat seinen Thronsessel eingenommen. Die Orgel spielt ihre langgezogenen Melodien. Die Soldaten immer sonst Waffen bei sich hat, schlägt sie aneinander.

Die Menge in den oberen Reihen beginnt ihre Bemerkungen zu machen.

»Er sieht wie ein achtzehnjähriges Mädchen aus.«

»Ein heuriger Hase, ein Dreiläufer, er braucht dem Bartscherer kein Geld zu zahlen.«

»Aber Hände hat er wie ein Tierkämpfer,« bemerkt ein schmächtiges Frauchen, das gedrückt neben einem vierschrötigen Kerl sitzt.

»Er soll in England einen betrunkenen Soldaten, der ihn angreifen wollte, sechs Schritt weit in den Fluß geworfen haben!«

»So geizig wie sein Vater scheint er nicht zu sein; Konstantius hätte die Hälfte der Tiere und zwei Drittel der Kämpfer gespart.«

»Aber Brot gab's mehr, meine ich,« mischte sich ein Berufstagedieb und Eckensteher ins Getuschel.

»Halts Maul, du hast gestern dein Korn gleich an den Händler verkauft, hast dich betrunken und hast jetzt Kopfschmerzen.«

So ging die Spottrede oben hin und her.

Neben dem Kaiser aus purpurnem Pfühl ruhte die jugendschöne Flavia Minervina, die Mutter seines Knaben Krispus, der sich schlank und blühend an seines Vaters Arm lehnte; weiterhin standen da die Legaten und Feldherrn, Höflinge, die höchsten Behörden der Stadt, die Oberpriester, daneben die Diener des Kaisers, Herolde mit ihren Stäben und zwanzig auserlesene Soldaten der Leibwache.

Eumenius in blendend weißer Toga glühte vor Behagen, es war ihm geglückt, kurz vor dem Auszug nach dem Theater eine kurze, aber wirkungsvolle Rede anzubringen, für die der Kaiser huldvoll gedankt hatte.

Romanus hatte noch gestern seine Ernennung zum militärischen Befehlshaber der Streitkräfte in Trier aus der kaiserlichen Geheimkämmerei erhalten und trug die Abzeichen seiner Würde um so stolzer, je mehr er durch die höhnischen und neidischen Blicke der anderen Obersten gereizt wurde.

In der Loge neben der kaiserlichen hatte man in der ersten Reihe die beiden fränkischen Gesandten untergebracht, und Eumenius wählte seinen Platz so, daß er hin und wieder sich hinüberbeugen und den beiden Franken etwas zeigen konnte.

Da winkte Konstantin mit der Hand, knarrend gingen die mächtigen eisenbeschlagenen Torflügel des nach Norden gelegenen Ausganges auseinander, die Orgel, die Tubabläser und andere Instrumente setzten mit einer marschähnlichen Musik ein und der Zug der Fechter schritt hinein. Voran mit weißen Gewändern und Rohrstöcken die Spielleiter, dann paarweise die Kämpfer, einige mit dem schweren Visierhelm, breitem Schild und einer Schiene am linken Unterschenkel; andere, die Netzkämpfer, nur mit Dolch, Dreizack und einem Netz bewaffnet, in das sie den Gegner verstricken mußten; manche hatten kleine Schilde und eingewickelte Kampfarme.

Nun der Ruf: »Heil Sakruna,« dagegen Zischen: »Heil Makrurus.« Makrurus sehnig, jung und groß, das sichelförmige Schwert in der Hand. Die ehernen, silberverzierten hohen Schienen an beiden Unterschenkeln blinkten, der runde Schild schimmerte von goldenen Buckeln, am Gürtel glänzte es von bunten Steinen. Neben ihm Sakruna, kleiner, breiter, wuchtiger, das lange gerade Schwert erhoben, den mächtigen Helm mit roten Federn geschmückt.

Ihnen folgten in unaufhörlichem Zuge immer mehr Männer, Tierkämpfer in enganliegendem, buntem Gewand, gelb, rot, grün, mit kurzen Speeren, Dolchen und Beilen bewaffnet.

Dann die zwanzig Häuptlinge der Pikten. Ein Sturm von Verwünschungen ging auf sie nieder. Man hatte den Armen gesagt, es sei eine Ehre für sie, in der Trierer Arena zu kämpfen, nach dem Sieg würden sie geehrt und frei sein. Man hatte den Nichtsahnenden rostige Schwerter oder erbärmliche Dolche in die Hand gegeben, nun merkten sie ihr Schicksal und wollten halten, aber die schwere Faust der Aufseher, die sie begleiteten, trieb sie weiter. So mußten sie mit den anderen vor der kaiserlichen Loge stehen und anhören, wie die Fechter riefen: »Heil dir, Kaiser, die Todgeweihten grüßen dich!«

Dann ging der Zug wieder weiter, aber, während die anderen von den Spielmeistern geführt, wieder durch das Tor hinauszogen, um in den Vorräumen ihrer Stunde zu harren, sahen sich die zwanzig Piktenhäuptlinge plötzlich allein in der weiten Arena. Jetzt lenkte sie keine Soldatenfaust mehr, aber drohend hing über ihnen die entfesselte Wut von Tausenden. Ratlos drängten sie sich, in ihren Tierfellen und spitzen kantigen Eisenhüten ein fremdartiger Anblick, in die Mitte des Kampfplatzes.

Da knirschten die rostigen Eisengitter der Käfige neben den großen Eingängen der Arena. Die Tiere waren zwei Tage ohne Fraß geblieben und durch glühende Eisenstangen aufs höchste gereizt. Dumpfknurrend schoben sich Löwe und Löwin über den weichen Sand, ein halbes Dutzend Bären, darunter durch ihre Größe ausgezeichnet Murmula, die Alte aus den Wäldern des Kaisers an der Lesura. Außerdem Wölfe und Panther. Gegen jeden der zwanzig war schon mehr als ein Tier in der Arena.

Die Pikten flüchteten, bis sie die feste Mauerwand im Rücken hatten. Ein weißbärtiger feister Senator ärgerte sich so darüber, daß er hochrot vor Wut einen Becher Weins, den er gerade trinken wollte, den Enganeinandergedrängten auf die Köpfe schleuderte.

Händeklatschen belohnte diese tapfere Tat.

Askarich beugte sich zu Merogais: »Ich möchte das runde Weinfaß entzweischlagen mit seinem eigenen Becher,« flüsterte er auf Fränkisch.

»Er ist zu jämmerlich dazu, gut genug, um als Leibeigener unseren Weibern die Töpfe zu scheuern, überhaupt, wieviel Männer sind hier?«

Nach einer Weile, als die Bestien schon näher an ihre Beute heranschlürften, begann Merogais wieder: »Was tätest du, wenn du unten ständest?«

»Wäre die Arena leer, würde ich mit allem Getier kämpfen, aber vor diesen Fratzengesichtern legte ich die Hände in den Schoß!«

»Schade, Askarich, daß die Brüstung so hoch ist, sonst müßte man mal einen Wolf zwischen den Kaiser und die Feldherrn werfen!«

Als Askarich dazu hell auflachte, bemerkte er, wie ihn ein schiefer Blick des Kaisers streifte.

Askarich fing diesen Blick auf, er sprang von seinem Sitze in die Höhe und ries mit kecker Stimme: »Horch auf, Cäsar Konstantin, wirst du nicht diesen Männern da unten gute Waffen geben lassen? Es wäre ja erbärmlich und feige, sie mit diesem alten Gerümpel in der Hand kämpfen zu lassen, feige wäre das!«

Der Kaiser sah den jungen Germanen ausdruckslos an, während sich auf den nächsten Bänken ein übereifriges Schimpfen und Murren gegen den jungen fränkischen Gesandten erhob.

Da zeigte der Kaiser seine wolfsartigen Eckzähne, hob beschwichtigend die Hand und sagte halblaut: »Vorlauter Junge, achtet nicht darauf!«

Die Pikten sangen mit abgebrochenen heiseren Stimmen eine Art Lied, es mochte ein Sterbegesang sein. Dann plötzlich ein gelbes Zucken durch die Luft und eine Löwin schoß mitten in den Schwarm und saß einem Hinstürzenden an der Kehle.

Jubelgebrüll der Arena.

Die Pikten stoben auseinander, bald lag der unter einem Bären, der wehrte sich verzweifelt gegen zwei Wölfe, eines dritten Knochen krachten unter dem Tatzenschlag des durch den Lärm wütenden Löwen.

»Erbärmliche Barbaren,« bemerkte Romanus zu Eumenius.

»Man hätte sie zuerst ein Jahr abrichten müssen,« entgegnete der.

Noch keine halbe Stunde war vergangen, da war der letzte Pikte, dessen Schnellfüßigkeit wenigstens einigen Beifall geerntet hatte, unter dem Prankengriff und den Bissen der Bärin Murmula verblutet.

Der Kaiser war unwillig, er dachte an den furchtbaren Widerstand, den das Piktenvolk seinem Vater geleistet hatte, und glaubte von den höheren Reihen des Theaters Spottverse zu hören, als ob seine Kriegsberichte aus England ausgeschmückte Erfindung für die Hauptstadt gewesen seien. Er befahl, daß die Bestiarii, die eigentlichen Tierkämpfer, hereingelassen würden, denn erst zwei Bären und sechs Wölfe waren von den armseligen Gefangenen erlegt und die Menge der Tiere drohte sich einander anzufallen; auch tönte ein leises Murren von den oberen Bänken.

Hinein strömten durch das Tor die Kämpfer, ein neuer Anblick. Sie wußten, was sie sollten. Manche trugen Schild und Speer, die meisten waren fast nackt, ein großer Fetzen grellen Tuches und ein Dolch ihre einzige Bewaffnung. Tierische Gesichter, Verbrecher, die um ihr Leben kämpften, verlorene Gesellen. Sie kannten die Art des Kampfes, sie waren ausgebildet.

Wie der rothaarige, vierschrötige Kerl – er hat auf der Landstraße ein Weib erschlagen, erklärte Eumenius – der Löwin zu Leibe ging, wie er das knurrende Tier zurücktrieb, entfachte die Begeisterung sogar der Senatoren: »Zur Seite, Junge, triff sie in die Weiche, gut, gut, ausgezeichnet!«

Eumenius drehte sich zu Romanus herum und sprach halblaut, so daß der Kaiser es hören konnte: »Seltsam, wenn diese Tierkämpfer gegen den göttlichen Konstantins in den schottischen Bergen an Stelle der Pikten gestanden hätten, wären sie am ersten Tage zerschmettert worden, die Pikten, die Jahre zu ihrer Unterwerfung forderten, sind in der Arena feige.«

Allenthalben war Kampf um Leben und Tod, vor dem blinden Ansturm des Menschen wich das Tier; aber Viertelstunde um Viertelstunde verrann auch, und als der Rest der Tierkämpfer sich mit den Wärtern vereinigte und durch Lärm, Geschrei und Beckenrasseln die übrigen Löwen, Bären und Panther wieder in ihre Zwinger getrieben hatte, stand die Sonne in Mittagshöhe.

Ein Schwarm von Sklaven sprang in die Arena, die gefallenen Menschen und Tiere schleppte man an langen Haken in die Leichenkammern, die Blutlachen wurden verdeckt, der Sand wieder geglättet, das Gitterwerk entfernt, an Stelle der Tubabläser standen Flötenspieler.

Die meisten Logen wurden jetzt leer, überhaupt ging jeder, der Inhaber eines Platzes war, auf den er ein Anrecht hatte, hinaus, um sich draußen bei Trank und Speise zu erholen und für den Nachmittag neue Kraft zu sammeln.

Es begann das Mittagsspiel. Gaukler liefen auf den Händen und sprangen zwischen Schwertern, andere führten abgerichtete Tiere vor oder belustigten die oberen Reihen, indem sie rückwärts unter ängstlicher Verzerrung des Gesichts auf störrischen Eseln ritten.

Andere vollführten in enganschließenden Lederkollern, der eine mit Peitsche und Schild, der andere mit Stock und Schild bewaffnet, zu den Klängen einer hüpfenden Musik halb lustige, halb ernste Zweikämpfe, ihr Kampf war fast ein Tanz zu nennen.

Allmählich füllten sich nun auch die Logen und unteren Reihen wieder. Die Unterbrechung des Schauspiels schien aber den Dunst von Gier und Blutdurst, der über diesen Reihen hing, nur verstärkt zu haben.

Merogais beugte sich zu Askarich hin und sagte leise: »Ich meine, die unten müßten oben sitzen und die oben unten spielen, wie sie brüllen, sich stoßen, nach Atem schnappen, der Dickwanst da kann sich sehen lassen, er hat jetzt schon den zweiten Braten verschlungen ... und die Weiber sind mit dem Becher den Männern voraus; der alte graue Kerl da hat mit dem Blut unten nicht genug, er stößt mit seinem Dolch nach den unaufmerksamen Leibeigenen, die um ihn stehen ...«

Aber Askarich antwortete nicht, er schaute mit halbgeschlossenen Lidern hinüber nach der Loge des Budus Attulius, den Eumenius ihm gezeigt hatte, als ihren Gastgeber in den nächsten Tagen. Doch war der bewegliche kleine Mann, dem die Toga so fremd stand, dem jungen Germanen gleichgültig. Anders die Tochter.

Während der Tierhetzen hatte Regia Donilla der Arena kaum einen Blick geschenkt, sie sah zuerst lange und aufmerksam nach der kaiserlichen Loge und ließ sich von dem alten Lehrmeister ihrer jüngeren Brüder, der gebeugt neben ihr stand, alle Namen nennen und alles erklären. Ihre edelgeformte klare Stirn war leicht gerunzelt von der Arbeit des Aufmerkens, nichts entging ihr, kein Schmuckstück der Minervina, kein neues Ehrenzeichen auf der Brust der Obersten, den Kaiser selbst streifte sie aber kaum mit ihrem Blicke.

Askarich prägte sich jede ihrer Bewegungen ein, wie sie die runden Arme hob, um die Edelsteinbinde im Haar zurechtzurücken, wie sie mit den zartgeformten Fingern leise, als streichele sie eine Freundin, über die kostbaren, dick ausliegenden Stickereien ihres grünseidenen Prunkgewandes strich, wie sie einmal aufstand und unbekümmert um Hof und Senatoren, sich hochreckte, als sei sie eben aus einem Schlummer erwacht.

Askarich sah das schöne Wesen an und dachte an seine heimischen Waldwiesen, den Herrenhof unter Eichen, die Rohrdickichte und Sümpfe, den niederländischen Nebel, und er lächelte vor sich hin wie ein Kind, dem man Märchen erzählt.

Wieder ein Wink des Kaisers, Tubatöne, erwartungsvoller Lärm der Menge, die Gaukler und Scheinfechter sprangen und tanzten mit großen Sätzen aus der Arena, die Mittagszeit war vorbei, jetzt kam die Stunde der großen Kämpfe.

Zunächst betraten zwanzig junge Gladiatoren den Kampfplatz. Einige hatten Anhang unter der Menge oben, dann drangen ermunternde Rufe herunter.

Zwei Spielleiter stellten sie einander gegenüber, sie prüften aus ein Zeichen von der Kaiserlichen Loge her die Schwerter aus ihre Schärfe und warfen einen flüchtigen Blick über das Riemenzeug und die Waffen.

Dann fliegt als Zeichen ihr Stab nieder. Der Theaterraum scheint zu wachsen, anzuschwellen, plötzlich stehen die vielen Tausende auf den Bänken, keiner will sich den Anblick des ersten Fechterblutes entgehen lassen.

»Gegen Rom, sogar gegen Alexandrien ist es nicht viel,« flüsterte Romanus dem Eumenius zu, »wenig wirkliche Fechtkunst, barbarische Kraft ohne Können! In Rom stehen zehn Fechter statt eines hier.«

Eumenius, der einen Blick des Kaisers in der Richtung auf Romanus bemerkte, entgegnete laut: »Du hast recht, mein Freund, keine Stadt kann unser Trier in den Spielen übertreffen! Aber sieh, während die anderen Kämpfe langweilig und schulmäßig sind, zeigt dort der junge Netzfechter große Form. Beim Herkules, das ist Kunst!«

Das Theater brüllte: »Albanius, wirf dein Netz, Hoch für Albanius!«

Man kümmerte sich nicht mehr um die anderen Kämpfe, man achtete nicht auf die bittend erhobenen Daumen der Besiegten, die um ihr Leben baten. Der schwerbewaffnete Fechter mit dem großen, rechteckigen, gebogenen Schilde und dem kurzen Schwerte drang auf den nur durch sein Leinengewand und eine Schiene aus der linken Schulter geschützten Albanius ein.

Aber wie entwand sich der dem Ansturm, wie federleicht flog er über den Sand, wie schnellte er in die Höhe!

Und noch immer nicht hatte er sein verstrickendes Netz geworfen, er wollte die Menge bis zum äußersten spannen.

Donnernder Beifall dankte ihm dafür.

Da, ein scharfer plötzlicher Stoß mit dem Dreizack gegen den Schild, der den Gegner zwang, sich einen Augenblick zur Abwehr fest hinzustellen und im gleichen Augenblick flog sausend der tödliche, unzerreißbare Schleier. Ein zweiter Stoß mit dem Dreizack vollendete die Umstrickung.

Die Menge brüllte, der Kaiser klatschte Beifall.

Eumenius suchte den Franken das Wesen dieses Kampfes auseinanderzusetzen. Merogais hörte zu, während er die glotzenden Blicke der Senatoren und der Legaten beobachtete.

Askarich sah Regia Donilla an, sie hatte sich über die Brüstung vorgebeugt, lächelte und winkte mit einem Seidentuch.

Der Netzkämpfer hatte über ein paar Gefallene hinweg den Gegner bis in eine Ecke am Tor verfolgt, der zappelte wie eine Fliege im Spinngewebe.

Nun ließ Albanius den Dreizack in der Linken, und die Rechte, die zugleich den Dolch umklammert hielt, wurde plötzlich frei und stieß windschnell den Dolch tief in den rechten Oberschenkel des Feindes, zurückziehend riß er die Wunde weiter.

Der Getroffene zuckte mit dem Schwert, schwankte, sprang noch einmal in vergeblicher Verzweiflung auf den Sieger zu und stürzte dann krachend hin, sein Helm rollte in den Sand, aus der großen Schlagader quoll das Blut, schweigend ballte er die Faust und verschmähte die Gnade der Menge.

Da traf ihn der Dolchstoß des Albanius in den Hals.

Kränze, Fächer, Früchte flogen auf den jungen Netzkämpfer, der keuchend sich auf seinen Dreizack stützte, Albanius war von jetzt ab jemand, aus den man wetten konnte.

Die folgenden Zweikämpfe waren wenig beachtet, alle warteten nun schon aus den großen Schlußkampf: Sakruna und Makrurus Thräx, und als der Spielleiter noch ein paar andere Paare fechten lassen wollte, brach der nicht mehr zu bändigende Wille der Menge sich Bahn: »Sakruna! Sakruna! Makrurus!« murrte und grollte es, immer lauter, da befahl der Kaiser und die beiden stellten sich mitten in der Arena einander gegenüber.

Keiner von den Tausenden saß noch aus seinem Platz, alles hastete näher hinan, hinunter, die Bauern und Sklaven standen auf den Plätzen der Bürger, diese lehnten sich an die Logen der Reichen und hohen Beamten, man drängte sich, schlug auf einander ein, letzte Wetten wurden abgeschlossen.

Zuerst spielten die beiden ebenbürtigen Gegner, sie gaben ein Schauspiel. Sakrunas gerade, lange Klinge klirrte mit dem Sichelschwert des Thräx zusammen, bald waren die berühmten Fechter mehrere Schritte weit auseinander, bald rieben sich die Buckel ihrer Schilde.

»Meisterhaft, wie sie den Kampf hinziehen!« nickte Romanus, aber dem leidenschaftlichen Volk gefiel es nicht mehr, es wollte die Entscheidung sehen.

Einzelne Rufe wurden laut: »Schwindel, abgemachte Sache, Betrug!«

Mit einem Male änderte sich das Bild, die beiden standen eine kurze Weile geduckt und dann Staub, Getöse, Schwertklang wie Schmiedehammerschläge, in blitzschneller Folge: Makrurus Thräx hatte einen seiner bekannten, furchtbaren Angriffe unternommen.

Breitbeinig wehrte sich Sakruna gegen den Sturm.

»Das war sein erster Hieb,« riesen Anhänger des Thräx. Ein gewaltiger Schlag auf Sakrunas linken Oberarm dicht unter dem Panzer, allerdings fast mit flacher Klinge, lähmte die Bewegungen des Schildes; schon schnitt das tückische Sichelschwert am Knie ein, jetzt eine Schramme am Halse.

Tosendes Wutgebrüll erhebt sich aus den Bänken.

Dann bedrückende Stille.

Die kleinere Makruruspartei jubelt dazwischen.

Makrurus fliegt wieder heran, ein Stich in die Kniekehle, Sakruna taumelt.

Da klingt plötzlich scharf und schneidend, wie ein Messer, in die atemlose Stille der Ruf: »Christus, Christus!«

Man sieht sich um, keiner weiß, wer rief.

Makrurus hatte einen Augenblick aufgeschaut, aber der Augenblick genügte, ein Hieb Sakrunas zerschmetterte ihm die Schulter.

Nun war wieder Gleichgewicht, mit übermenschlicher Kraft, bebend vor Schmerz, hielt Makrurus den Schild, aber nun wirbelte der Angriff seines Gegners um ihn, Schlag aus Schlag sauste aus seinen Helm und unvermutet sprang Sakruna mit der ganzen Wucht seines Leibes gegen ihn, er stürzte, Sakrunas Fuß saß ihm auf der Brust, der Daumen erhoben, der Kaiser versagte das Leben, Sakrunas Schwert senkte sich in seine Kehle.

Wieder warf man dem Sieger zu, was ein jeder gerade in Händen hatte, Blumen, Becher, silberne Ketten; unter dem Jubel des Volkes, das, sich oft umwendend, den Ausgängen zustrebte, wurde in der blutigen Arena dem Sieger in Goldstücken der Preis ausgezahlt.

Kehraus!

Der Hof hatte sich schon entfernt, Eumenius war mit Romanus in die Loge des Budus Attulius gegangen, hatte seinen Freund vorgestellt und sich selbst und seine beiden fränkischen Schützlinge für den nächsten Tag in Noviomagus angemeldet. Die beiden Franken warteten dabei in einem Vorraum, da der Redner wenigstens auf diese Weise die vorlaute Anrede des Askarich an den Kaiser bestrafen wollte.

* * *

Romanus schritt langsam in beginnender Dunkelheit die Theaterstraße entlang auf das Bergtor zu. Schalen von Früchten, zerbrochene Stöcke, Hüte, die in Fetzen gegangen waren, vor allem aber handhoher Staub verrieten, daß hier eine große Menge hin- und hergeströmt war.

Der einsame Wanderer bog in eine Nebenstraße ein, er zog fröstelnd den Mantel um seine Rüstung, der Lärm aus den gefüllten Schänken, das Stimmengewirr von der Stadt her, die Rufe der Wachen auf der Mauer, alles bestärkte in ihm das Gefühl des Alleinseins.

Sein Pfad führte ein wenig den Hügel hinan und allmählich tauchte vor ihm die nächtliche Kaiserstadt auf, unendlich viele Lichter und Lichtchen, die schwelenden Fackeln am Kaiserpalast, hier und da aus dem dunkeln Grün das gespenstische Weiß der Villen. Und dahinter aus dem Marsfeld die vielen Lagerfeuer der Legionen, die heute Festtag hatten.

Und unter all diesen vielen Tausenden von lustigen und lauten Menschen keiner, der sein Freund war: welcher von seinen Sklaven war so treu, daß er ihn nicht verriete, es kam nur aus die Summe an; wer sicherte ihn dagegen, daß Eumenius, obwohl ihre Väter schon Gastfreunde waren, nicht morgen den Kaiser vor ihm warnte? Und waren nicht alle Obersten und Legaten seine natürlichen Feinde? Und hatte Galerius seine Hände nicht hier auch im Westen, ein Dolchstoß machte sich schon bezahlt.

Unwillkürlich hatte Romanus eine schroffe Haltung angenommen, während er auf das festliche Trier hinabblickte.

Da unterbrach plötzlich eine Stimme seine Grübeleien, die ihm bekannt vorkam, ohne daß er sie gleich benennen konnte. »Sieh da, noch immer die heimlichen Kaisergedanken, Romanus!«

Der Angeredete fuhr heftig zurück und griff nach dem Schwerte. »Wer bist du, Fremder?«

»Ich bin hier weniger fremd als du; Romanus hat in einigen Kriegsjahren die Stimmen seiner Freunde vergessen!«

Der Römer musterte die hohe, weißgekleidete Gestalt, deren Gesichtszüge sich in der Dunkelheit nicht wahrnehmen ließen; er schüttelte den Kopf: »Ich erkenne dich nicht!«

»Wir sind einstmals oft genug aus den Wassern Ägyptens bei Canopus gefahren, zu Flötenklang und Gesang, wir haben einmal zusammen gestanden in einer Nacht wie dieser, und haben aus eine größere und unruhigere Stadt hinabgesehen und teilten die Welt, dir die Macht und mir die Weisheit, im Serapeion zu Alexandria war das!«

»Diothrophos, mein alter Diothrophos, du hier?«

Romanus rief es und sprang auf den Freund zu und schloß ihn in die Arme.

»Nicht mehr Diothrophos, Agritius heiße ich jetzt!«

»Und weshalb diese Veränderung deines guten Namens?«

»Weshalb soll ich nicht den Namen ändern, wenn ich ein anderer geworden bin! Siehe, Romanus, jeder von uns zog aus, sein Reich zu finden, du siegtest in mancher Schlacht, ich hörte davon, Wunder der Tapferkeit. Dein Reich hast du nicht, und ich fand das Reich wirklich!«

»Wieso?« fragte Romanus betroffen.

»Ich fand ein unendliches Reich, das Reich Gottes, und bin selig dadurch. Ich bin der Bischof der christlichen Gemeinden unserer Provinz.«

Romanus hatte in seiner Verwunderung nach dem Schwertknauf gegriffen, nun stieß er die Waffe mit einem unterdrückten Ausruf wieder in die Scheide.

»Du, der Serapispriester, der alle Weisheit des Ostens und Westens in der Hand trug, du ein Christ?«

»Und ein glücklicher, aber ich will dir meine Zufriedenheit nicht aufdrängen. Ich weiß, mein Romanus geht seine eigenen Wege! Erinnerst du dich noch unserer Gespräche, mit dreiunddreißig Jahren wolltest du Kaiser in Rom sein, du hast nicht mehr viel Zeit!«

»Leise, leise,« bat Romanus, indem er sich scheu umsah, »der Weg ist weit und immer dorniger wird er, aber ich bitte dich, Diothrophos, verrate nichts ...«

»Ich bin keines Menschen Feind!« sagte Agritius langsam. Dann aber legte er seinem alten Freunde die Hand auf die Schulter und sah ihm fest ins Auge: »Bist du glücklich geworden, Lieber?«

Romanus starrte ihn fast erschrocken an, dann stieß er hervor: »Nein, immer Hunger nach der Macht, immer mehr Hunger, immer mehr Unrast, unerträglich, immer die Schlinge des Schicksals um den Hals! Und ganz allein!«

Agritius gab dem Erregten die Hand und sprach: »Es sei Friede mit dir, Romanus, und wenn du den Tag der Umkehr und Erleuchtung erlebst, dann komme zu mir, dann will ich deinen Hunger stillen!«

Romanus schüttelte das Haupt und antwortete: »Und wenn ich noch dreimal einsamer wäre, ich schwimme weiter; dich hat dein Wille in dein Reich getragen, mich soll mein Wille auch tragen. Besser versinken als sich ruhmlos treiben lassen!«

Mit festem Schritt wandte sich der Krieger abwärts, zur brausenden Stadt.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.