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Um die Kaiserstadt

: Um die Kaiserstadt - Kapitel 2
Quellenangabe
type
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleUm die Kaiserstadt
publisherVerlag von Abel & Müller
year1913
illustratorHugo L. Braune
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160614
projectid6fce1c34
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Erstes Kapitel.

Leuchtende Augustsonne schaute ins anmutige Moseltal, auf den blinkenden Fluß, auf ernteschwere Felder und Weinberge, auf Haine von kugeligen Walnuß- und Kastanienbäumen und auf das mächtige Viereck, das tausende von roten und blauen Dächern und Säulenhallen und Paläste im dunkelgrünen Gartenkranz bildeten, auf die Kaiserstadt Trier. Schwimmende Sonnenwärme trieb wie eine träge Flut die Straßen hinauf und hinab, sie ließ Laubgewinde und Blumenkränze welken, mit denen man die Häuser gestern geziert hatte, sie bleichte die Standbilder, die an den Kreuzwegen standen, und sie deckte mit einer feinen Staubschicht all die hin- und herströmenden Menschen und den festlichen Prunk der Begrüßung, den gestern Trier für den Einzug des jungen Konstantin freudig aufgerichtet hatte.

Es war im Jahre 306. Konstantius Chlorus, der Vater, der starke ruhige Kaiser des Westens, war in York einer kurzen tückischen Krankheit erlegen, nachdem er vier Jahre lang fern von seiner geliebten Moselstadt in England auf soldatische Weise Hof gehalten hatte. Der Sohn errichtete ihm, wie er es sterbend wünschte, einen einfachen Quaderstein als Denkmal, und als die ergebenen Kriegsscharen ihn zum Cäsar ausriefen, nahm er die Wahl des Heeres an und zog mit drei Legionen und zahlreichen Hilfsvölkern nach der gallischen Provinz und nach der alten Residenz seines Geschlechtes, nach Trier.

Trier konnte sich endlich einmal wieder dem reizvollen, vor Jahrzehnten aber oft so gefährlichen Gefühl hingeben, den Cäsar zu beherbergen.

Die bunten Glasscheiben der hohen Bogenfenster im Empfangssaal des Kaiserpalastes am Forum ließen nur gedämpftes mattes Licht durchströmen, der weite Raum war dicht gefüllt von einer großen Versammlung prächtig gekleideter Männer, die dem jungen Fürsten an diesem ersten Morgen die schuldige Ergebenheit bezeigen wollten. Jeder hatte beim Eintritt in den schimmernden Raum einem wartenden Schreiber seinen Namen nennen müssen, nun war diese Liste hinter den mit einem Muster von goldenen Lorbeerkränzen und Liktorenstäben bestickten, schwer wuchtenden Teppich getragen worden, hinter dem die kurze Marmortreppe zum Gemache des Kaisers empor führte.

Halblaute Gespräche wurden geführt, niemand war, der nicht über die Teuerung, die unerschwinglichen Steuern und die Unersättlichkeit der Steuerbeamten gejammert hätte, wenn es nicht gerade ein Senator war, der sich dabei seiner Abgabenfreiheit freute. Andere, besonders die Großgrundbesitzer, klagten Stein und Bein über die Leutenot, alles ströme nach der Stadt, auf dem Lande seien nur noch Krüppel oder stumpfsinnige Germanen zu finden, die, so behauptete man, mit schläfrigen, halbgeschlossenen Augen widerwillig ihre Arbeit täten und sich gebärdeten, als ob sie selbst eigentlich Herren des Landes sein müßten. Und die Räuberbanden, und die Baueraufstände, und die faulen, schlecht genährten und gleichgiltigen Soldaten, und vor allem die quälende Ungewißheit, was der Tag morgen bringen könne, ob nicht ein germanischer Einfall von der Grenze her alles vernichte auf Jahre hinaus ...

Die Blicke der Wartenden waren dabei auf den Vorhang geheftet, endlich wurde er ein wenig gelüftet, ein riesiger Neger in einer silbernen Rüstung – ein Leibsklave Konstantins aus der Zeit, da er Oberst beim Kaiser Galerius in Syrien war – erschien im Spalt und rief mit tiefer schnarrender Stimme den Namen Sekundinius Sekurus.

Das leise Gemurmel wich eisiger Stille, der Gerufene sprang geschmeidig wie ein Panther an dem Afrikaner vorbei: Sekundinius Sekurus, der den Titel eines Oberaufsehers des kaiserlichen Postwesens trug, daneben aber auch der Leiter eines nach tausenden zählenden, überall verbreiteten Heeres von Spionen und Geheimpolizisten war, dem besonders viele Postangestellte angehörten; mancher Fuß schob sich sacht zurück, mancher der Wartenden erbleichte, als er den Namen hörte, der eine suchte sich unwillkürlich ein wenig hinter den anderen zu verstecken.

War das ein Vorzeichen für die kommende Zeit; wollte der Sohn der Angeberei wieder die erste Stimme im Staate gönnen, da der Vater doch dies Unheil möglichst beschränkt hatte?

Abseits von den Einheimischen, in einer Nische des weiten Raumes, standen zwei germanische Krieger, der ältere ziemlich kurz und stämmig, mit einer trotzigen Gebärde die rechte Faust an den Gürtel stützend, der die edlen Felle und den derben Leinenkoller zusammenhielt und das kurze Schwert trug, der zweite blutjung, hochgewachsen, mit leuchtendem Haar und sehnigem Arm. Beide blickten kühl und teilnahmlos auf das Getriebe der Hofleute, auf den Marmor, den ihr Fuß trat und die Malereien der Wände. Selten tauschten sie ein paar flüchtige Worte, doch blieb ihre Miene verschlossen und unbeweglich, aber mancher der anderen Besucher fühlte ihren kalten Blick wie Spott auf sich ruhen.

In ihrer Nähe wandelten zwei Römer langsam auf und ab, gegen die deutschen Krieger klein; der eine war schon ergraut, bedachtsam hielt er seine italische Toga in würdigen strengen Falten und seine ausdrucksvollen Handbewegungen verrieten den öffentlichen Redner, es war Eumenius, der Weise, der Geheimschreiber des verstorbenen Kaisers und Jugenderzieher Konstantins.

Nun nahm der ältere seinen, durch den Ruf des Negers unterbrochenen Vortrag wieder auf, und indem er seinem viel jüngeren Begleiter den Ärger, nicht als erster zum Kaiser befohlen worden zu sein, hinter der Maske kluger Überlegenheit verbarg, fuhr er fort, ihm die Persönlichkeit der Anwesenden, ihre Wünsche, Hoffnungen und Würden zu erklären. »Dort die beiden germanischen Krieger sind Gesandte der räuberischen Franken, Gesellen, die vielleicht in ihrer Heimat, in den Sümpfen an Rheinmündung und Maas die Kühe hüten, wilden Honig suchen und sich mit Wölfen katzbalgen, hier sich aber als Fürsten aufspielen. Bin neugierig, was sie wollen. Wir haben schon viel zu viel von dem Gesindel in der Provinz.«

Flüsternd fuhr er fort: »Leider sind manche deiner zukünftigen Amtsgenossen und fast alle deine Untergebenen Germanen, es werden immer mehr ...«

Ebenso leise gab der jüngere zur Antwort: »Das muß anders werden, römische, italische Männer sollen wieder die Völker führen, allzu lang schon versinken wir Männer vom ewigen Rom bei Spiel, Trunk und Nichtstun ...« In den scharfgeschnittenen Zügen prägte sich dabei eine gewisse schwärmerische Schlaffheit aus, die zu den kühnen Worten in seltsamem Gegensatz stand.

Eumenius warf seinem Begleiter, dessen edelgeformte blanke Erzrüstung mit den vielen runden Ehrenzeichen von den sonnenbeschienenen Scheiben her in tausend bunten Lichtern spielte, einen klugen Blick zu und raunte: »Aber Vorsicht, Vorsicht, besser morgen als heute, besser noch übermorgen!«

Dann fuhr er fort, mit kaum merklicher Kopfbewegung von den Anwesenden zu sprechen. »Dort Koisis, der Verwalter der Domäne Fontium, ein hochfahrender Kelte, aber einflußreich; dort in seiner Nähe Varusius, der Ledergroßhändler, er beherrscht den Markt der ganzen westlichen Welt, dort die drei zusammengesteckten Köpfe sind Senatoren, Rektomar, Karumbus, Maternus, alle drei Kelten und beinahe so reich wie Varusius. Wie die Kletten kleben diese Kelten wieder zusammen! Drüben der Pächter der kaiserlichen Bergwerke am Saurus, er will wohl eine neue Verordnung, um seine Sklaven noch mehr zu schinden, dort Senatoren, Priester der Tempel, der Stadtpräfekt Philippus Titianus, hohe Steuerbeamte, Großgrundbesitzer, Befehlshaber der Festungen am Rhein und an den Straßen, und reiche Kaufleute, die auf Staatslieferungen lauern.«

Von jedem wußte Eumenius Gutes und Schlechtes zu erzählen, es war aber viel Schlechtes und wenig Gutes.

Wieder öffnete sich der Vorhang, Sekundinius schlüpfte heraus, sein auffallend ernstes Gesicht legte sich in freundliche Falten, er nickte hierhin und dorthin, die Mienen der Wartenden hellten sich etwas auf.

Da rief der Afrikaner den Namen des Eumenius und des Marcus Julius Romanus.

Mit feierlichen Schritten wandelte der Redner die Treppe hinauf, den Hals zurückgebogen, so daß ein reichliches Doppelkinn entstand, besann er sich noch einmal schnell auf die ersten eindruckvollen Sätze seiner Ansprache.

Romanus folgte ihm, er genoß die leise Furcht vor dem bedeutungsvollen Augenblicke, die ihm ins Herz zog, wie einen scharfen berauschenden Wein, dann sprach er in Gedanken zu sich selbst: »Vergiß nicht, daß er ein Illyrier ist, ein Barbar, du aber ein Bürger des heiligen Rom, ein Urenkel von siegreichen Heerführern und von Kaisern!«

Die Marmorstufen führten in ein Gemach von kreuzförmigem Grundriß, es empfing sein Licht durch einen viereckigen Ausschnitt im Dache, dem ein von bunten Säulen eingefaßtes Wasserbecken am Boden entsprach; in dessen Mitte erhob sich breit und über mannshoch ein Springquell und fiel zerstäubend, wie ein windbewegter Seidenschleier die geradeaus gelegene Nische und den Thron des Kaisers dem neugierigen Blick der Eintretenden verbergend, auf die goldig schillernden Mosaiksteinchen des Beckens; kleine Zierfische spielten im Wasser.

Rechts und links in den Seitenflügeln des Gemaches standen die Gefolgsleute des Kaisers; links die Heerführer, breitschultrige hohe Germanen, die mit Fleiß sich römisch trugen, Fasold und Arbegast, beides Franken, der rothaarige Alemanne Wildebold, daneben aber Syrier mit stechenden Augen, Illyrier und Männer aus Nordafrika und Spanien. Unbeweglich in einer Reihe hielten auf der anderen Seite die gebräunten, hochgewachsenen germanischen Adlerträger mit ihren goldgeschmückten Feldzeichen, dahinter verdiente Hauptleute, die mit Stolz ihre noch roten Narben aus den Kämpfen mit den Pickten in Schottland zur Schau trugen.

Als Eumenius die oberste Stufe betrat, empfingen ihn zwei grauhaarige Freigelassene, die eingelegte Elfenbeinstäbe trugen, und geleiteten ihn und seinen Genossen zum Hochsitz des Kaisers.

Nun erst, als sie an der quellenden Wasserwand vorbei geschritten waren, konnten sie den Marmorsessel mit den Löwenkopflehnen und dem Adler sehen, der sein Gefieder schützend um das Haupt des Kaisers zu schlagen schien. Hinter ihm, einige Schritte von ihm ab, erfüllte eine Schar der Palatini, der Leibwache des Kaisers, mit prunkendem Waffenschmuck den halbkreisförmigen Raum der Nische.

Man hörte nur das leise Sausen und Plätschern des Wassers.

Also das war Konstantin; ziemlich große, fast grobe, kriegsgewohnte Glieder, eine einfache Rüstung und daraus ein rundlicher Kopf mit glattem, zartrötlichem Gesicht, ein Puppenkopf, dem jede Furche der Leidenschaft und der Persönlichkeit zu fehlen schien. Hellbraune runde Augen schauten mit dem leeren Ausdruck des Kindes die beiden Ankömmlinge an.

Eumenius verbeugte sich tief vor dem Kaiser, Romanus folgte ihm, und während der Redner den Feldzeichen und den Heerführern rechts und links durch abgemessene Neigung seine Achtung bezeugte, zog er die Toga an den Körper und begann: »Diesen hochehrwürdigen Palast, mein göttlicher Konstantin, hast du nicht als Bewerber um die Kaiserwürde betreten, sondern als voraus bestimmter Nachfolger, und die väterlichen Hausgötter haben dich sofort als den rechtmäßigen Erben erkannt. Denn ohne Zweifel gebührt dem die Herrschaft, den des Schicksals Beschluß dem Kaiser als den ersten Sohn geschenkt hat. Dich hat ja jener Konstantius, der aus Erden Kaiser war und jetzt im Elysium ein Gott ist ...«

Da öffnete der Kaiser, der die Verbeugung der beiden nur mit stummem Kopfnicken erwidert hatte, den Mund und sagte in einer hastigen überstürzten Weise, mit schnarrendem Ton: »Genug, genug, Freund Eumenius, denk an alle, die warten!«

Und als der Kaiser sah, wie seinem einstigen Lehrmeister für einen Augenblick zorniger Anmut aus der Stirn stand, fuhr er begütigend, aber doch ungeduldig fort: »Du weißt, wie sehr ich deine herrlichen Worte verehre, aber wir haben wichtigeres zu sprechen ... jede Stunde muß genutzt werden!«

Aus einen Wink verließ das Gefolge bis aus einige Leibwächter den Saal rechts und links durch die Türen.

Unterdessen wandte sich Konstantin plötzlich an Romanus: »Du bist Marcus Julius Romanus, ausgezeichnet in den Kämpfen an der persischen Grenze. Der Ruf eines Feldherrn geht dir voraus ... Galerius, mein kaiserlicher Bruder im Osten, suchte einigen deiner Hauptleute einzureden, daß du nach seinem Titel lüstern seiest ... es heißt, er habe einen Preis aus deinen Kopf gesetzt ...«

»So ist es,« murmelte Romanus, beunruhigt über die Allwissenheit des Kaisers, der Dinge genau kannte, die er für ganz geheim hielt; er wußte noch nicht, wie weit die geheime Macht des Sekundinius Sekurus reichte.

»Und nun,« schloß der Kaiser, »zogst du den Dienst am Rhein einem Grabe in der syrischen Wüste vor ... Gut, ich kann Befehlshaber gebrauchen, es gibt Arbeit für dich!« –

Dann senkte der Kaiser die Stimme, stand auf und flüsterte dem aufhorchenden Eumenius hastige Sätze zu. »Höre, was rätst du mir? Es ist eine große Verschwörung im Gange, die Franken haben sich mit den Brukterern vereinigt, die Unzufriedenen, die Bauern und die gallischen Reichen in Trier und der Provinz wollen zu ihnen stehen. In diesen Tagen soll der Bund geschlossen werden, sie vermuten mich unentschieden und hilflos. Die Gesandten der Franken, die unten im Vorraum stehen, sind Kundschafter!«

»Wirf sie in den Kerker, göttlicher Cäsar!« rief Eumenius.

»Mitnichten, ich will diese Franken diesmal tödlich treffen, was sind die beiden Männer, alle will ich. Das ganze Volk, und die Brukterer, und die Verschwörer hier in Trier, alle zusammen muß ich treffen.«

»Kennst du ihre weiteren Pläne, Göttlichverehrter?«

»Nein, Sekurus und seine Leute sind schlau, aber an diesen Füchsen prallten alle ihre Künste ab, aber du sollst sie erforschen, Eumenius, nicht umsonst rühmt man deine unerschöpfliche Kraft beim Becher. Führe die beiden auf die kaiserlichen Weingüter, gib ihnen die besten Jahrgänge, gib Falerner und was du willst, aber sie sollen in der Trunkenheit verraten, was sie vorhaben.«

»Merkurius kann die Befehle Jupiters nicht eifriger erfüllen, als ich die deinen, du wirst aus mich rechnen können ...«

Da zog der Kaiser die Oberlippe hoch und entblößte zwei seltsam breite und lange Augenzähne; in diesem Augenblicke sah es aus, als ob hinter einer Kindermaske ein Wolf lauere: »Dieser Eifer wird auch dir selbst von Wert sein, Eumenius, du stehst mir für den Erfolg, in fünf Tagen will ich alles wissen, was diese Menschen planen ... vor allem die Namen der Verschworenen in Trier und der Provinz – weißt du nichts, würde es vielleicht nötig sein, dich aus der Insel Monarina, du kennst sie, hinter Britannia, über die Angelegenheit nachdenken zu lassen; im anderen Falle würde ich deinen Herzenswunsch wissen, den Aufbau deiner Heimatstadt Augustodunum; also ...«

Dann wandte er sich ohne Übergang an Romanus: »Du wirst dabei helfen, ich gebe dir das kaiserliche Gut Fontium an der Gelbis zu eigen, es ist verwahrlost, aber wertvoll, der Verwalter, Koisis, er wartet unten im Vorraum, ich werde ihm gnädig sein, ist vielleicht, wie mir berichtet wurde, eins der Häupter der keltischen Verschwörung, beobachte ihn, ohne ihn etwas merken zu lassen, berichte mir! ...«

Ehe noch Romanus einen verwirrten Dank murmeln konnte, hatte der Kaiser durch einen Boten dem Gefolge den Befehl übermittelt, wieder einzutreten, und während aus eine Handbewegung Eumenius und Romanus, beide mit ihren Gedanken beschäftigt, neben die Adlerträger sich stellten, brachten die beiden Führer die Gesandten der Franken vor den Kaiser.

Der saß jetzt wieder, starr wie ein bemaltes Alabasterbild, einen goldenen Stab in der Rechten. Ein schwerer purpurner Mantel war ihm umgelegt worden, an seiner Stirne prunkte ein Diadem, das von taubeneigroßen bunten Edelsteinen funkelte, die Begleiter hatten sich dichter um ihren Herrn geschart, ihre Schwerter waren entblößt und starrten wie ein Busch von seltsamen Schilfblättern um die geheiligte Person des Kaisers.

Rechts und links in den Nischen standen einige Befehlshaber und Hauptleute gleichfalls in versteinerter Haltung, daneben zwei Priester des Jupiter und Apollon Mithras in blendendem Opferschmuck.

Der Prunk bedrückte die Gesandten, sie schritten zwar aufrecht, aber zögernd aus den Kaiser zu, der wie ein Gott anzuschauen war. Zehn Schritte vor dem Thron wurde ihnen Halt geboten; sie standen da, während der Kaiser regungslos an ihnen vorbei ins Weite schaute und keine Bewegung des Gefolges verriet, daß sich lebende Menschen im Saale befanden.

Dann entschloß sich der Jugendliche zu einer linkischen Neigung des Kopfes und begann: »Ich heiße Askarich und dies ist Merogais, Herzoge der Franken auf den Inseln und jenseits des Rheins!«

Er sprach es in einem reinen Lateinisch, während der Zusatz des älteren: wir sind Gesandte und wollen mit dir sprechen! schon viel rauher und barbarischer klang.

Der Kaiser schien gar nicht gehört zu haben, er wandte sich zu dem Legaten zu seiner Rechten und sagte in lautem kurzem befehlendem Ton: »Die sechste Kohorte soll also den Minusischen Wald umgehen und die Burg Dunokarösum besetzen.«

Der Angeredete gab den Befehl weiter und wieder versank die Versammlung in eine feierliche Ruhe.

Nur die Germanen unter den Heerführern, Fasold, Wildubold und die anderen, konnten sich das Lachen kaum verbeißen, als sie das grimmige Gesicht der Gesandten, besonders des älteren bemerkten.

Konstantin streifte einmal flüchtig mit einem Blick über Merogais und Askarich; als er sah, daß ihr Unwille so stark kochte, daß sie zu enteilen drohten, erhob er plötzlich seine Stimme und fragte dröhnend: »Was wollt Ihr?«

Dieser unvermittelte starke Anruf verwirrte nun wieder den jüngeren, und er wiederholte, während die Zornröte über seine eigene Hilflosigkeit ihm auf die Stirne trat, wie ein Schulknabe seine erste Anrede.

Die langen Eckzähne des Kaisers zeigten sich, schnarrend und höhnisch sprach er: »Das sagtest du uns schon, was willst du nun?«

Da reckte sich Askarich höher und rief stolz und laut: »Ich sagte es wohl schon, aber du schienst es nicht zu hören, Kaiser! Wir sind hier, um dich um Land zu bitten, Land für unsere Ernten, Weiden für unser Vieh. Wir wollen dir dafür Heeresfolge leisten, zwanzigtausend ausgewählte Frankenkrieger!«

»Ich habe genug Krieger und brauche mein Land selbst,« antwortete Konstantin schläfrig, als wolle er ein Kind beruhigen.

Ein frisches Lachen trat aus die Lippen Askarichs, während der alte Merogais mit gerunzelter Stirn zuhorchte, wie jemand, der eine Sprache zu verstehen versucht, die er nur halb beherrscht.

»Kaiser Konstantin,« rief Askarich, »wenn du uns all das Land deines Reiches geben willst, das leer und öde liegt, dessen Felder sich wieder bewaldeten, dessen Kanäle verschlammen, dessen Dörfer verfallen, weil keine Menschen darin wohnen, dann sind wir zufrieden; es wäre zehnmal mehr, als wir gebrauchen könnten!«

Ein Murmeln des Unwillens ging durch die Versammlung, Arbegast griff zum Schwerte, aber der Kaiser hob wie gelangweilt die Hand, fing eine vorbeisummende Fliege, winkte dann Ruhe und sprach halblaut: »Laßt ihn, der Knabe ist ein Träumer, er weiß es nicht besser!«

Dann senkte er die Stimme und flüsterte beratend mit den Großen um sich herum und fragte daraus leichthin, im Tone einer Unterhaltung zu den Gesandten gewendet: »Welche Gegend habt Ihr Euch ausgedacht, welche Felder soll ich Euch schenken?«

»Wir haben uns nichts ausgedacht, Kaiser Konstantin, wir wollen uns deiner Anordnung fügen, wir bitten, wir fordern nicht!«

Der Kaiser nickte langsam und sagte: »Ich werde mit meinen Räten über die Sache sprechen, Euch aber will ich, damit Ihr die Oberflächlichkeit Eures Urteils einsehen lernt, erlauben, morgen dem Feste in der Arena beizuwohnen und dann an den folgenden Tagen in Begleitung meines trefflichen Eumenius selbst nachzusehen, ob meine Länder verödet sind. Von der Mosel wird Euch am fünften Tage sichere Bedeckung nach Köln bringen. Ihr seid entlassen!«

Askarich wollte noch etwas entgegnen, aber Tubabläser, die bisher hinter den Adlerträgern verborgen gestanden hatten, ließen schmetternd ein Signal erklingen, die beiden Freigelassenen bedeuteten den Gesandten so entschieden, daß die Unterredung mit dem Kaiser zu Ende sei, daß sie sich, wenn auch murrend, mit einem kurzen Gruß zurückzogen.

Konstantin winkte Eumenius herbei und gab ihm die Anweisung, die beiden Franken im Kaiserlichen Posthof in der Seniastraße unterzubringen, es sollte ihnen an nichts fehlen und sie sollten gute Plätze in der Arena bekommen.

»Laß ihnen in Trier Freiheit, störe sie nicht, damit sie alles wissen, wenn sie trunken werden. Und im übrigen gilt unsere Absprache,« so schloß er.

Eumenius, der sich gesammelt hatte, dankte dem Kaiser für die Gnade, ihm dies wichtige Geschäft zu übertragen.

»Ich möchte, Hocherhabener, den Vorschlag machen, die Franken in die Keller des Budus Attulius zu führen; wenn ich auch deinen kaiserlichen Weingärten die höchste Anerkennung schuldiger Weise zolle, so dürfte doch der Jahrgang vom Konsulate des Lucius Aemilianus, den Attulius aus seinem Taranusberg gezogen hat, zu dem Zwecke, den deine Erhabenheit ausgedacht hat, bei weitem am besten sein. Nektar, der Göttertrank, ist dagegen Galle,« fuhr der Redner lebhaft fort, indem seine Lippen sich fast sehnsüchtig spitzten, »das göttliche Lethe dagegen ein Fuhrmannsgetränk ...«

Konstantin lachte zum ersten Male natürlich, derb und laut, winkte Eumenius herbei, so daß nur er ihn verstehen konnte und flüsterte: »Gut, geh zu Attulius, rede ihm irgend etwas vor, und wenn unser Plan gelingt, will ich ein Auge zudrücken, daß Attulius, der reichste Kaufherr in unserer Provinz, meine kaiserliche Kasse jahrelang um ein Drittel der Steuer betrogen hat. Nun, Eumenius, morgen in der Kaiserlichen Loge bei den Spielen!«

Als der Redner mit seinen Genossen die Treppe zum Vorsaal hinabstieg, ward er plötzlich ein anderer, jeder Zug der Unterwürfigkeit, jede Beugung des Rückens war verschwunden, er ging aufrecht, stolz und feierlich, als habe ihn der Kaiser eben zum Mitregenten ernannt. Seine Haltung verfehlte ihre Wirkung nicht; als er an dem Afrikaner vorbeigeschritten war, reckten sich zwanzig Hände ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. Er hatte für jeden ein kluges Wort, er tröstete die Wartenden und lobte die unvergleichliche Güte des jungen Herrschers.

Dann schritt er lebhaft aus die beiden Franken zu, bot dem älteren zuerst, dann dem jüngeren die Hand und sprach zu letzterem lächelnd: »Das nenne ich schon in der Jugend beredt wie Nestor sein, Askarius; wenn ich nicht Eumenius wäre, möchte ich Askarius sein, so vortrefflich hast du die Wünsche deines Volkes vertreten!«

Mit einnehmender Freundlichkeit nickte der Redner auch dem älteren zu und bat, einen Augenblick zu verweilen, er habe mit seinem Freunde Romanus ein paar Worte zu wechseln, dann werde er, dem kaiserlichen Wunsch mit Freude folgend, ihr Führer durch Trier sein.

Die beiden Römer gingen im baumbestandenen Vorgarten ein wenig beiseite. Beide sahen nun im Widerschein der schon bräunlich verfärbten Lindenblätter, aus die volle Sommersonne fiel, erschöpft und seltsam grau aus. Beide blickten sich um, ob niemand lausche und schauten sich dann stumm in die Augen. »Römische Kaiser im Westen sind nicht viel anders als die im Osten. Augustus Galerius oder Cäsar Konstantin, ähnlich wie ein Ei dem anderen, es wird erst besser werden, wenn ... wieder Rom seine Kaiser aussendet ... wenn ...«

»Still, still,« beruhigte Eumenius den Erregten.

»Um treue Dienste von dir zu gewinnen, droht er dir mit der Verbannung aus die Insel, verehrter Eumenius!«

Und als Eumenius statt zu antworten, nur seinen runden, kurz geschorenen Kopf schüttelte, fuhr er fort: »Und mir, den er nicht kennt, gegen den er mißtrauisch sein muß, weil ich aus dem Osten, wenn auch aus der Flucht vor Galerius, komme, mir schenkt er ein Gut, das wahrscheinlich meilengroß ist, und will mich zum Feldherrn ernennen ...«

Da lachte Eumenius so laut, daß ein Schwarm Spatzen, der sich auf den Steinplatten des Bodens um eine Brotkruste zankte, schwirrend aufflog. »Ach,« rief er lauter, als er wollte, »du glaubst an ein Geschenk von Konstantin? Vortrefflich! Fontium wird dich im Jahre mindestens fünfhundert Goldstücke kosten, wenn du es später einmal ertragreich haben willst! Der Kaiser hat viererlei erreicht, man muß ihn bewundern. Er zahlt dir statt des Gehaltes das Gut ... er wird ein Gut los, das ihn jährlich viel kostet, drittens hat er in Fontium, diesem Herde der Bauernaufstände, einen Mann sitzen, der nach dem Rechten sieht. Und viertens, nicht zu vergessen, wirst du für die Steuereinkünfte des großen Bezirkes verantwortlich sein, von dir zieht der Kaiser sie ein, woher du sie bekommst, magst du selbst sehen ...«

Romanus lächelte bitter: »Nun, dann mögen sich meine Gläubiger in Rom, Athen und Alexandrien freuen! Aber im Gegenteil. Ich muß Geld haben, Geld, mehr als du denkst, edler Eumenius! Wie soll ich meine Pferde, Sklaven, das Quartier, überhaupt alles bezahlen? Ich will doch nicht wie ein Hund leben.«

»Die Feldzüge hier am Rhein sind kein Geschäft,« entgegnete Eumenius nachdenklich, »die strohgedeckten Hütten der Franken lassen sich nicht zu Gold machen und ihre kümmerlichen Herden auch nicht, und Goldschätze besitzen sie nicht. Ein Krieg in Persien, Arabien oder Kleinasien ist nützlicher.«

Und dann vertraute er dem jüngeren den Namen eines gallischen Geldwechslers an, der in solchen Lagen hilfreich sei und sich sicher bereit finden würde, dem zukunftsreichen jungen Feldherrn eine brauchbare Summe vorzustrecken. Die beiden verabredeten sich für den nächsten Tag, gaben sich die Hand, Romanus bestieg sein Pferd und ritt in ziemlich scharfem Trabe durch eine Seitenstraße davon.

Nun wandte sich Eumenius zu der Schar seiner Klienten, die vor dem Palaste im Schwarme der anderen Schutzbefohlenen in den Säulengängen geduldig warteten und entließ sie bis auf zwei Vertraute, die er bat, ihn und die beiden Franken zu begleiten.

Der Redner, dem es nie an der Fülle der Worte fehlte, entschuldigte sich bei den Gesandten und begann, während sie über das Forum, den Markt, hinschritten, die Gebäude zu erklären: dort der Kaiserpalast, den sie eben verlassen hatten und dessen marmorne Gesimse und hohe Knäufe und Dachbekrönungen jetzt erst zu wirken begannen, dort die Tempel des göttlichen Augustus, des Mars Lenus und des Apollon, dort dem Palast gegenüber das bescheidenere Rathaus mit den überlebensgroßen Standbildern berühmter Redner geschmückt, dort zur Linken zurückliegend hinter Baumgruppen, an den fast fensterlosen Wänden erkenntlich, das Staatsgefängnis, zur Linken die Wohnung des Stadtprätors, hinter dem Stadthaus die hochragende Basilika, die Stätte höchster Rechtsprechung, und an den Straßen entlang Giebel hinter Giebel, Dach hinter Dach, unabsehbar im Sommerdunst die zahllosen Quartiere der Kaiserstadt, dazwischen Gärten, die in sattem Sommergrün prangten, Gewächshäuser, Grotten und Wasserkünste.

Askarich sah mit Staunen diese herrliche, reiche Welt und als er bedachte, daß diese Burg der Asen beherrscht wurde von diesen ausgemergelten oder feisten, mißgestalteten Menschen, die er im Vorgemach des Kaiserpalastes gesehen und scharf beobachtet hatte, dann straffte sich sein Arm, und unwillkürlich faßte er nach dem Griff seines Schwertes.

War einer darunter, den er beim Zweikampfe gefürchtet hätte? Einer, den er nicht sogar ohne Schild, lediglich mit der kurzen Schwertwaffe angegriffen hätte, und wenn der Gegner auch bis an den Hals gepanzert, mit Schild und Schwert vor ihm gestanden hätte?

Einen Augenblick schloß er die Augen und sah sich als Führer einer Schar von Franken mit Schwerterschwingen und Heilruf über die breiten Fliesen des Marktes eilen und in den Kaiserpalast eindringen.

Merogais hatte unterdessen dem Eumenius fleißig zugehört, oft genickt, aber zugleich mit scharfem Auge jeden Winkel der Örtlichkeit sich eingeprägt: dort hinter den Sandsteinbänken könnte man sich beim Straßenkampf verschanzen, das Stadthaus wäre gegen die Gärten hin leicht in eine Festung zu verwandeln, das Haus des Prätors dagegen allzu offen.

Er forschte in den Mienen der bunten, vorbeiströmenden Menge. Wer von diesen Tausenden, die in ruhelosem, lautem Gewühl den Markt erfüllten, würde bei einer Belagerung der Stadt bewaffnet auf der Mauer zu finden sein?

Jetzt gerade entstand vor der Wohnung des Ädilen an der Ecke der Seniastraße ein Gedränge, alles lief und stürmte dahin.

»Die staatliche Getreideverteilung soll beginnen!« belehrte Eumenius.

Mit Säcken, Körben und Butten eilte das arbeitsunlustige Volk dahin, um möglichst viel von der Gabe zu gewinnen. Die Beamten der städtischen Behörden konnten kaum Ordnung halten. Und wer auch keinen Anspruch hatte, fliegende Kleinhändler, Soldaten, wahrsagende Druidinnen, ägyptische Wunderpriester, Leute, die aus Schläuchen auf der Straße Wein verkauften, Bänkelsänger und allerhand fahrendes Volk, drückten sich näher hinzu, da gab es viel zu handeln und zu erwerben; mancher verkaufte seine Getreidemenge kurzer Hand gegen bar oder ein grelles Tuch. Oder ließ sich für einen Helm voll Frucht weissagen.

Die Soldaten, meist schon angetrunken, vollführten Unfug, stocherten mit dem Schaft ihrer Lanzen in der Menge herum und spielten sich als die Herren auf.

An den Bänken wurde eifrig mit Knöcheln geworfen und seltsam geformte Beutestücke aus England, Numidien oder Spanien wanderten von Hand zu Hand.

Bei den öffentlichen Anschlagsäulen drängte sich das Volk in dichtem Haufen. Da stand auf langen, weißen Papyrusstreifen das Programm des morgigen Festes im Amphitheater verzeichnet; ein Lesekundiger las mit lauter Stimme vor. Halbgeöffneten Mundes stand der Bauer und Schifferknecht dabei und prägte sich die Reihenfolge der Spiele und der wichtigsten Fechter ein.

»Wie heißt er?«

»Sakruna, Esel, kennst du Sakruna nicht?«

»Gewiß, gewiß, und der Gegner?«

»Makrurus Thräx! Das gibt roten Mohn!«

Plötzlich ergriff ein kräftig gewachsener blonder junger Mensch, der vor sich eine Kiste mit Orangen trug und die Früchte gellend ausrief, den Askarich und zog ihn, ehe Eumenius es verhindern konnte, etwas abseits in den dichtesten Menschenknäuel.

»Wo seid Ihr?« fragte er blitzschnell in fränkischer Sprache.

»Im Posthaus, Theuderich!«

»Wißt Ihr, wo dort?«

»Nein, ich werde ein Windlicht aufstellen.«

»Gut, wir kommen in der zweiten Stunde nach Mitternacht.«

»Sind alle benachrichtigt?«

»Koisis noch nicht, er ist noch im Palast!«

Als Eumenius, dem die beiden Klienten den Weg bahnen mußten, bei Askarich anlangte, streifte dieser gerade die Hand des Orangenhändlers von seiner Schulter ab und ries, halb lachend, halb unwillig: »Ach, laß mich, dummer Geselle, mit deinem Handel in Frieden, sonst schlage ich dir deinen Fruchtkasten über dem Kopf zu Stücken.«

»Das sollst du haben,« grinste der junge Mensch und ehe sich Askarich versah, flog eine der roten runden Orangen nach seiner Stirn, verfehlte aber, wie es schien durch einen Zufall, ihr Ziel und sauste mit dumpfem Aufschlag aus die breite Brust des Eumenius.

Der kühne Schleuderer aber verschwand in der wogenden Menge.

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